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'Der Ring geht nach Süden' – von Drehbuch bis Alternativende

von Ichtys
SammlungAllgemein / P12 / Gen
Aragorn Boromir Frodo Gandalf Legolas Samweis / Sam Gamdschie
06.12.2020
09.03.2021
9
9.733
4
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.12.2020 1.332
 
Hi!
Im letzten Kapitel habe ich einen kurzen Abriss aus Tolkiens Leben gegeben. In diesem hier möchte ich auf ein paar Aspekte näher eingehen. Hintergründe für Arda, also auch Mittelerde, die sich zwischen den Zeilen seiner Biografie erahnen lassen.
Viel Spaß euch beim Lesen!
Eure Ichtys :-D




Zweites Kapitel: Zwischen den Zeilen



Man könnte meinen, dass Tolkien „Der Herr der Ringe“ geschrieben hat, um seine Lebensgeschichte zu verarbeiten: Den frühen Tod seiner Eltern, den Umzug vom Land in die Großstadt und vor allem seinen Dienst im 1. Weltkrieg. Noch bekannter ist die Vermutung, die Bücher seien eine Allegorie auf den 2. Weltkrieg.

Tolkien selbst hielt wenig von diesen Spekulationen. Er sprach sich vehement gegen allgemeine Allegorien aus. So stand beispielsweise die Handlung des Herrn der Ringe bereits fest, bevor der zweite Weltkrieg begann. Doch wie kam es dann zur Erschaffung einer komplexen Welt wie Arda?

Diese Frage kann man nicht mit einem Satz, einem Beispiel, beantworten. Viel mehr setzt sie sich aus vielen Puzzleteilen zusammen, von denen ich ein paar benennen werde. Meine Informationen beziehe ich aus der Tolkien-Biografie von Humphrey Carpenter.

Das wohl wichtigste Puzzleteil ist Tolkiens Liebe zu Sprachen. Zu ihren Lebzeiten wurde diese von seiner Mutter Mabel gefördert. Bereits als Vierjähriger konnte er lesen, bald schreiben und Mabel brachte ihm Grundlagen von Latein und Französisch bei. Als Kind begann er, eigene „Spaßsprachen“ zu erfinden. Später vertiefte er sein Wissen in Selbststudium, Schule, Debattierclubs, an der Universität und im Berufsleben. So lernte er in seinem Leben viele Sprachen. Spanisch, Altnordisch, Isländisch, Gotisch und Deutsch sind nur ein paar Beispiele. Besonders angetan war er vom Altenglischen. Als Jugendlicher begann er, aus vorhandenen Sprachen, wie zum Beispiel dem Finnischen, eigene zu entwickeln. Aus letzterer konstruierte er die Elbensprache „Quenya“, eine wichtige Mundart in seinen späteren Werken. Ebenso entwarf er eigene Schriftzeichen.Mit Anfang 20 erkannte Tolkien, der ebenfalls früh begonnen hatte, selbst lyrische Texte in verschiedensten Sprachen zu verfassen, dass es ihn nicht zufrieden stellte, eine Sprache zu haben, die niemand nutzte. Er suchte also in seiner Fantasie die Antwort, wer seine Sprachen sprechen könnte. Auf diese Weise entstand – sehr verallgemeinert gesehen – erst seine Vorstellung der Elben und im weiteren Verlauf die gesamte Geschichte um die Welt „Arda“. Er erfand also keine Sprachen, um seine Welt anzureichern, sondern erfand eine Welt, um seine Sprachen in einen größeren Kontext einzubetten.

Ein weiteres Puzzleteil ist Tolkiens großes Interesse an Sagen und Heldenepen wie der isländischen „Edda“ oder dem Beowulf-Heldengedicht. In Kombination mit der jeweiligen Urtextsprache dieser Schriften, faszinierten ihn diese sehr. Gleichzeitig dauerte es ihn, dass sein Land – England – seiner Meinung nach wenig eigene mythologische Sagen hatte. Er wollte mit dem, was er schrieb, England eine fiktive Mythologie schenken – und vielleicht der gesamten Welt. Einer seiner ursprünglichen Pläne war, die Geschichte so weit zu schreiben, bis er in der heutigen Zeit auf der Erde angekommen wäre. Arda war dementsprechend nicht als fiktiver Planet gedacht, sondern als unsere eigene Welt in einer fiktiven Vergangenheit.„Der Herr der Ringe“ bildet so keine zusammenhangslose Geschichte, sondern ist eingebettet in eine Weltgeschichte, die bei der Erschaffung der Welt durch den Gott „Eru“ beginnt und in der heutigen Zeit hätte enden sollen. Leider kam Tolkien seinen Lebtag nicht dazu, all dies aufzuschreiben (1). Seinem Sohn Christopher ist zu verdanken, dass wir zumindest Einblicke in einen kleinen Teil der weiteren Geschichte bekommen können.

Als gläubiger Christ hatte sein katholischer Glaube viele Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen und Handeln. Anders als sein Freund C.S. Lewis war Tolkien aber nicht der Ansicht, dass man diesen allegorisch in eigenen Werken auftauchen lassen müsse. So hat Arda zwar einen Schöpfergott, dieser greift allerdings – entgegen Tolkiens Glauben an den Gott der Christen – nicht in die Geschehnisse der Welt ein. Auch verneinte Tolkien, wie er es allgemein mit Allegorien hielt, die Interpretation von Jesus in die Figur Gandalf.

Neben diesen allgemeinen Aussagen finden sich auch Hinweise auf konkrete Zusammenhänge zwischen Tolkiens Leben und seinen Schriften:

Tolkien war ein geselliger Mann. In seiner Schulzeit gründete er mit seinen Freunden den T.C.B.S. („Tea Club, Barrovian Society“). In diesem Club debattierten sie unter anderem über Literatur und Kunst, trugen Texte vor und verbrachten viel Freizeit zusammen. Als Erwachsener war er Gründungsmitglied der „Inklings“, zu welchen unter anderem sein Freund und Autorenkollege C.S. Lewis gehörte. Gemeinschaft war ihm sehr wichtig und ist unter anderem ein Thema, das sich in „Der Herr der Ringe“ wiederfinden lässt.

Umso schlimmer traf ihn die Zerschlagung seiner ersten „Gemeinschaft“, des T.C.B.S., im Zuge des 1. Weltkrieges. Bis auf einen fielen alle seine besten Freunde und die Erfahrung des Stellungskrieges an der Somme prägte ihn. Allerdings lernte er dort auch eine besondere Art der Kameradschaft kennen, so schrieb er einst selbst: „‚Mein ‚Sam Gamdschie‘ ist in der Tat ein Bild des englischen Soldaten, der Gemeinen und Burschen, wie ich sie im Krieg von 1914 kennengelernt und als mir selbst so hoch überlegen erkannt habe‘“ (Carpenter 1991, S. 33). Es ist das Vorbild für die fast freundschaftliche Diener- Herr- Beziehung zwischen Sam und Frodo.Im Zusammenhang mit diesen Erlebnissen muss ein Brief genannt werden, den sein guter Freund Geoffrey Bache Smith ihm wenige Tage vor seinem Tod schrieb und den er später erhielt. Die letzten Zeilen daraus gaben Tolkien einen weiteren Impuls, seine Ideen endlich zu Papier zu bringen: „‚[…] sage Du, was ich sagen wollte, lange nachdem ich nicht mehr da bin, um es zu sagen, wenn das mein Los sein sollte‘“ (ebd., S. 104 f).

Natur und dörfliches Leben hatte immer eine große Bedeutung für Tolkien. Unter anderem weil er beides mit seiner Kindheit in Sarehole, dem Vorort von Birmingham, verband, als seine Mutter noch lebte. Das idyllische Örtchen wurde zum Vorbild für das friedliche Dorf „Hobbingen“, Bilbo und Frodo Beutlins Heimat. Dementsprechend schockiert war er beim Umzug in die Großstadt – Häusermeere, Fabriken und Rauch traten an die Stelle von blühenden Landschaften und dörflicher Lebensart. Die Zerstörung der Natur ist interessanterweise auch eine Thematik, die er in seinen Büchern behandelt.

Mit den Vergleichen abschließen möchte ich mit einem, den der Professor selbst zog: „‚Ich bin selber ein Hobbit […] in allem bis auf die Größe. Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen; ich rauche Pfeife [und] esse gern gutbürgerlich (nichts aus dem Kühlschrank) […]. Ich mag Pilze (vom Felde), habe einen sehr einfachen Humor [und] reise nicht viel‘“ (ebd., S. 202).

Man könnte noch viele weitere Hintergründe nennen, doch das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Als ich mich, anhand Carpenters Biographie, mehr mit Tolkien auseinandersetzte, erhielt ich viele aufschlussreiche Hintergrundinformationen. Viele kleine Puzzleteile, die dazu beitrugen, dass ich zumindest einen Teil des „Bildes“, weshalb Tolkien „Der Herr der Ringe“ geschrieben hat, erkennen durfte.Besonders faszinierte mich dabei seine Liebe zur Sprache. Ich bekam ein Gefühl dafür, wie diese für ihn kein bloßes Instrument zur Kommunikation war. Tolkien war mit der ganzen Thematik auf mehreren Ebenen so bewandert, dass Sprache mit ihrer Historie, ihrer stetigen Veränderung und ihrer Vielfalt richtiggehend lebendig für ihn wurde. Ich begriff, dass er an sich kein Autor war, der eines Tages eine gute Idee für ein Buch hatte, sondern ein Philologe, der mehr für seine Sprachen wollte und ihnen eine Welt erschuf. Meines Erachtens ist das ein zweifellos einzigartiger, sehr faszinierender Hintergrund, ein Buch zu schreiben.


*~* 2 *~*



Meine Informationen stammen wiederum aus: Carpenter, Humphrey (1991): J.R.R. Tolkien. Eine Biografie (Krege, Wolfgang Übersetz.), München: Klett-Cotta Verlag.
Darauf beziehen sich auch meine Quellenangaben im Text.

(1) Die Infos über Tolkiens Plan, Mittelerdes Geschichte bis heute fortzuführen, beruhen nur auf 2. Hand-Informationen. In seinen Briefen soll Tolkien Anspielungen in diese Richtung gemacht haben. Leider habe ich, bis auf die Ausschnitte Carpenters Biografie, nie einen der Briefe gelesen. Dass Mittelerde allerdings unsere Welt in einer fiktiven Vergangenheit ist, steht laut den Briefen fest.

Welchen Aspekt fandet ihr in diesem Kapitel besonders interessant? Oder habt ihr etwas vermisst? Lasst es mich gerne wissen, ich freue mich über Feedback! Gerade, weil diese "Fanfiktion" ja doch etwas spezieller ist... :-)
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