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Dämonenflüsterer

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Anthony J. Crowley Erziraphael
06.12.2020
30.05.2022
18
26.741
14
Alle Kapitel
33 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.05.2021 1.381
 
Hallo ihr Lieben,
heute geht's endlich weiter... ein weiterer kleiner Teil aus der Feder des Dämonenflüsterers und Erkenntnisse eines dämonischen Geistes. :)
Ich wünsche euch ganz viel Spaß!


Kapitel 16 Sternenformationen



… Der Anblick ließ seinen Atem unweigerlich stoßweiße gehen. So wie jedes Mal, wenn der Engel seinen Dämon einem wertvollen Geschenk gleich aus den einzelnen Schichten seiner Kleidung befreite. Mittlerweile stand dieser nur noch in seiner engen Hose gekleidet zwischen ihm und der Wand auf einem einsamen Gang im Ritz gefangen und funkelte ihn düster aus goldenen Augen an.

Arziraphales Augen streiften die helle Haut vor ihm und blieben an den mannigfaltigen Formationen aus Sommersprossen hängen, die sich über die Schultern hinab in Richtung Rücken erstreckten. Viele davon hatte der Engel in den letzten Monaten so oft beobachtet, dass er die genaue Lage jeder einzelnen Sprosse in Gedanken aufrufen konnte… Cassiopeia unmittelbar unter dem rechten Schlüsselbein… Lyra nahezu parallel dazu auf der anderen Seite, nur ein winziges bisschen höher… Orion auf der höchsten Stelle der linken Schulter…Perseus auf dem linken Schulterblatt… Ophiuchus direkt zwischen beiden Schulterblättern, wie oft hatte der Engel bereits seine Lippen dort versenkt…



Weiter kam Crowley nicht mehr. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung landete das Smartphone, auf dem er eben noch das neuste Kapitel des Dämonenflüsterer gelesen hatte, in einer Ecke des Sofas und er selbst durchquerte mit eiligen Schritten die ausladenden Räume seines Appartements. Noch bevor er sein Ziel, den großen Spiegel in seinem Schlafzimmer erreicht hatte, begann er die Knöpfe seines Hemdes fahrig zu öffnen. Achtlos fiel selbiges hinter ihm zu Boden und er kam vor der glatten Oberfläche zum Stehen. Natürlich sah er nichts, was er nicht kannte, wurde sich nichts bewusst, was er zuvor nicht gewusst hatte. Dieser Körper beherbergte seine übernatürliche Essenz seit guten sechs Jahrtausenden. Natürlich wusste er so gut wie niemand anderes, welche Anordnungen seine Sommersprossen an welcher Stelle seines Körpers einnahmen. Trotzdem fuhr er einzelne Sternbild mit der Hand ab…Cassiopeia, Lyra, Orion, Perseus, Ophiuchus und auch all die anderen… wie ein Negativ des nächtlichen Himmels - dunkle Sterne auf heller Haut.

Wie war es möglich, dass der Autor dies wusste? Selbst wenn er Freundschaften, Verbindungen, wie auch immer man es auch nennen wollte zu Menschen unterhalten hatte oder unterhielt, war es nicht möglich ein solches Wissen über ihn anzuhäufen. Niemanden hatte er je nah genug an sich herangelassen. Aber dieses Schriftstück war der Beweis, dass es jemandem gelungen sein musste. Dies waren definitiv zu viele Treffer um als Zufall abgetan werden zu können.

Und dann plötzlich rückten sich die Puzzleteile im Geist des Dämons in die rechte Ordnung. ‚Das war doch nicht möglich! Auf keinen Fall! Ganz und gar unmöglich!‘, wehrte sich das Innere des Dämons ob dieser völlig unglaublichen Offenbarung. Aber so sehr sich alles in ihm sträubte dies auch nur zu denken (eher steigt das versunkene Atlantis wieder auf… nun ja…), so kam er doch nach allen noch so abwegigen Wendungen seines Denkens und alternativen Erklärversuchen immer wieder zurück zu dieser neusten Erkenntnis. Er musste die letzten Zweifel ausmerzen. Er brauchte Sicherheit. Sicherheit für sein verräterisches Herz, welches einem Kolibri gleich agierte. Crowley war sich nicht sicher, ob es seine Art war den neuen Erkenntnissen Beifall zu zeugen oder das letzte Aufbäumen vor seiner endgültigen Aufgabe sein würde.



Nachdem er sich mit einer halben Flasche seines besten Whiskeys soweit beruhigt hatte, um die Indizien strukturiert zu betrachten zu können, saß er mit seinem Smartphone in seinem Arbeitszimmer und ging jedes Kapitel des Dämonenflüsterers erneut durch, auf der Suche nach Hinweisen, die seine Theorie bestätigen oder entkräften würden. Welche der beiden Optionen im lieber wäre, dessen war er sich gerade ganz und gar nicht sicher.

Aber mit jedem weiteren Absatz, den er erneut las, wollte er sich mehr und mehr selbst ohrfeigen. Plötzlich sprangen ihm die Hinweise nur so an. Wie hatte ihm das Alles nur entgehen können…

Die besondere Liebe des Engels in den Geschichten zu Oscar Wilde beispielsweise… niemand, der heute noch lebte, wusste um diese tiefe, platonische Verbindung zwischen Arziraphale und dem Literaten. Selbst die Weggefährten dieses Gespanns hatten es nicht verstanden, sondern als amourösen Zeitvertreib abgetan. Crowley wusste davon, auch wenn er selbst nie anwesend gewesen war, denn er hatte diese Episode in der Zeit des Engels auf dieser Erde gänzlich verschlafen. Doch die kurzen Ausflüchte in die Vergangenheit an Abenden, in denen der Alkohol so reichlich geflossen war, dass Arziraphale seine Mauern ein wenig gesenkt hatte, hatten ihm ein gutes Bild der Situation geschaffen. Noch heute legte sich dieser traurige Schleier über den Blick des Engels, wann immer er an seinen engsten Freund, aus einer Zeit, in der Crowley nicht für ihn da gewesen war, erinnert wurde. Und das, was sich dort nun in den Geschichten vor Crowley entfaltete, traf es auf den Punkt und da einer der beiden Beteiligten bereits über zweihundert Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte, blieb nur noch ein Part übrig, der diese Zeilen geschrieben haben konnte.

Viele Male schmunzelte Crowley, als er nun die einzelnen Kapitel erneut sondierte… die Prinzipien des Engels, in Bezug auf seine Kleider, insbesondere seine Fliege…das Ritz… ‚ihr‘ Park… das vor vielen Jahren versprochene Picknick… Hi… Hö.. was auch immer, wie hatte er nur so blind sein können. Es war beinahe lächerlich einfach, wenn man einmal wusste wonach man suchte. So viele Kleinigkeiten, die einfach niemand außer ihnen beiden wissen konnte.

Wieder angekommen im neuesten Kapitel lachte Crowley dann wirklich laut auf, als er sein Geschichten-Ich die gleichen Worte sagen las, die er selbst erst einige Tage zuvor in der Realität zu Arziraphale gesagt hatte. „Erde an Engel“, stand dort und er erinnerte sich beinahe an den Geschmack der Worte auf seiner Zunge, als er Arziraphale neckend an seine guten Manieren erinnert hatte, nachdem er ihn vielleicht ein winziges bisschen aus der Fassung gebracht hatte mit seiner dezent provokanten Vorbereitung auf den kommenden Saunabesuch. Sein höllisches Inneres beglückwünschte ihn erneut zu dieser Meisterleistung. Der Erfolg war durchschlagend gewesen, denn der Engel war völlig wegetreten gewesen, völlig verloren im Anblick, den Crowley ihm dort beschert hatte.

Offensichtlich war der Eindruck derart nachhaltig gewesen, dass der Engel, die Zeit in der Sauna für eine eingehende Bestandsaufnahme der körperlichen Beschaffenheit des Dämons genutzt hatte. Halb ungläubig, halb beindruckt musste Crowley zugeben, dass der Engel in der kurzen Zeit, in der er wohl einen recht guten Blick auf seinen Körper gehabt hatte, eine wirklich ausnehmend Auffassungsgabe gezeigt hatte.

Der Engel, dieser kleine… nein, dies war nicht das Werk eines kleinen Bastards, hatte es tatsächlich geschafft ihn über Wochen, Monate an der Nase herum zu führen. Er hatte ihm diese Geschichten untergejubelt und war ihm gleichzeitig, wie die Jungfrau Maria begegnet. Eine Meisterleistung, die eher einem von seiner Seite zuzutrauen war als einem Wesen des Himmels. Crowley war zutiefst beeindruckt, nicht dass er es jemals sagen würde.  (Eher würde es Fische regnen…nun ja…)



Als Nächstes rieselten die Fragen in das dämonische Bewusstsein, die die Tatsache, dass der Autor dieser sehr eindeutigen Geschichten niemand anderes als Arziraphale war, mit sich brachte. Er wollte glauben, dass das Alles eine Bedeutung hatte. Wieso sollte eben dieser diese Geschichten schreiben, wenn es nicht das war, was er sich wünschte. Die großartigsten, traurigsten, furchteinflößendsten Geschichten der Menschheit waren daraus entstanden, dass Menschen Dinge ersehnten, die ihnen verwehrt geblieben waren. Warum sollte der Engel diese Geschichten erfinden, wenn es nicht das wäre, was er wollte?

Und ein weiteres Mal traf ihn die Erkenntnis wie eine Abrissbirne: Arziraphale wünschte sich all diese Dinge, von denen er schrieb! Der Engel wollte ihm näher sein – sehr viel näher. Und irgendwie passte es so sehr zu diesem Wesen, nicht einfach umzusetzen, was er wollte. Nein, so liefen die Dinge in Arziraphales Welt nicht. Und was liegt näher für das bibliophilste Wesen auf Gottes weiter Erde, als sein Sehnen in Geschichten zu packen und darauf zu warten, dass die Dinge ihren Lauf nehmen? Und dann war Crowley mit einem Mal völlig klar, wie das Ding weiterzulaufen hatte, nämlich so wie immer. Der Engel wünschte, der Dämon erfüllte.

Wer war er, dem Engel diesen Wunsch (und ganz nebenbei auch seinen eigenen… seit etwa SECHTAUSEND verdammten Jahren) abzuschlagen… Aber einfach würde es für ihn nicht werden. Ein wenig Elend hatte dieser teuflische Engel definitiv verdient… Ein dämonisches Lächeln bahnte sich den Weg in sein Gesicht.
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