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Zwischen den Schatten

GeschichteAngst, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Basta OC (Own Character) Resa Staubfinger
06.12.2020
12.03.2021
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06.12.2020 4.086
 


I heard the outer darkness is really nice this time of year

Brand New - Could Never Be Heaven


    ~*~



Wie schwarzer Samt lag die Nacht über dem Dorf, flüchtig durchbrochen vom silbrigen Mondlicht und den Sternen, die sich in dunklen Wolkenfetzen verfingen.
Nur in wenigen Fenstern brannte noch Licht, lauernd wie blassgelbe Augen in der Finsternis.
Sie hörte das leise, regelmäßige Atmen der Magd, mit der sie sich die Kammer teilte. Sie schlief bereits und Rosalie gab sich Mühe, das Fenster leise zu öffnen.
Sie hatte warten wollen, bis auch Resa zurück kehrte, doch Capricorn schien kein Interesse daran zu haben, sie heute allzu früh zu entlassen.
Die nächtliche Herbstluft strich mit kalten Fingern über ihr Gesicht und durch ihr Haar. Weiß wie junger Schnee war es geworden, als sie diese Welt betreten hatte. Unfreiwillig und der stotternde, verängstigte Vorleser wurde nicht müde, sich zu entschuldigen, wann immer sie ihm über den Weg lief.
In dieser Nacht fühlte es sich mehr denn je wie ein Traum an. Ein Traum, der mehr und mehr Eigenleben entwickelte und den Schleier des Unglaubens, der noch immer über ihr lag, zusehends dünner werden ließ.
Würde es je aufhören, das Sehnen nach der Wirklichkeit? Nach den ihr bekannten Gesichtern, nach dem Dorf, in dem keine Brandstifter, sondern ganz gewöhnliche Menschen hausten, nach Wäldern und Hügeln, in denen nur selten graue Rauchsäulen von Angst und Leid erzählten?
Vielleicht, hatte Resa auf einen kleinen Zettel geschrieben und sie voller Mitgefühl angesehen. Vielleicht.
Resa, die selbst wusste, wie es sich anfühlte. Die sich um sie gekümmert hatte vom ersten Tag an, die ihr abends im Kerzenschein Geschichten erzählte, damit sie die Sehnsucht nach ihrer Heimat für ein paar Minuten vergaß.
Drei Wochen war es her und vielleicht fühlte sich noch immer nach kaum mehr als einer tröstlichen Lüge an.
Einen Augenblick lang sah sie zum Himmel hinauf.
Erstaunlich, dass die Sterne trotz allem die gleichen zu sein schienen. Sie erkannte ein paar der funkelnden Konstellationen von Zuhause, kleine vertraute Bilder, durchzogen von blauschwarzen Wolken.
Leise seufzte sie, wartete noch einen Moment lang, in dem sie das unruhige, vogelhafte Flattern ihres Herzens beschwichtigte.
Es war furchtsamer geworden in den letzten Wochen.

Dann zog sie das Fenster zur Gänze auf, hoffend, dass die Kälte, die hereinkroch, die andere Magd nicht weckte und kletterte vorsichtig und leise wie der wispernde Nachtwind selbst, hinaus.
Ein waghalsiges Unterfangen, ohne Zweifel und doch von einer gewissen Notwendigkeit, wenn der Plan, den sie mit Resa im Geheimen gesponnen hatte, jemals funktionieren sollte. Nicht in dieser Nacht, natürlich nicht. Aber es galt, gewisse Dinge im Voraus in Erfahrung zu bringen.
Niemand hielt im Hof unter ihr Wache und die Elster schlief längst. Zumindest hoffte Rosalie das, denn seit einer ganzen Weile waren keine Schritte mehr im Flur erklungen und für gewöhnlich ging die alte Frau früh ins Bett.
Es war nicht leicht, vom Fenster aus auf die schmale Mauer zu gelangen, die Capricorns Haus säumte. Einmal verloren ihre Füße beinahe den Halt, doch letztendlich schaffte sie es und hielt dort mit ausgebreiteten Armen wie durch ein Wunder das Gleichgewicht.
Die langen Kleider, die sie hier tragen musste, machten das Klettern umständlich.
Beinahe, als wären auch sie Teil der Vorkehrungen, die sie an diesem Ort festhalten sollten.

Sie wusste, dass die Strafe für ihren nächtlichen Ausflug kaum milde ausfallen würde, sollte sie jemand entdecken, und so stieg sie rasch von der brüchigen Mauer, um nicht länger dort oben zu stehen und mit ihrem weißen Haar unerwünschte Blicke auf sich zu ziehen wie ein Irrlicht.
In den dichteren Schatten versteckt ließ sie den Blick über das Dorf schweifen.
Über die Hügel in der Ferne, wo nichts als tiefschwarze Dunkelheit zwischen den Bäumen lauerte, wie etwas Lebendiges, Atmendes.
Eine andere Sorte Gefahr, als jene, die in dem Dorf schlummerte.

Vorsichtig schlich sie weiter, um das große Haus herum, hoffend, dass niemand auf den Hof herunter sah.
Irgendwo weiter unten zerriss ein Schuss die Stille und sie fuhr zusammen.
Männerlachen folgte, vermutlich schossen die Wachen wieder einmal zum Zeitvertreib auf die Eichhörnchen und Katzen, die über die Dächer huschten.
Oft genug hatte es sie nachts aus dem Schlaf schrecken lassen.
Rosalie bog um eine Ecke, blickte sich erneut um, doch auch hier schien niemand zu sein. Der sachte Wind ließ vereinzelte Blätter auf dem Weg tanzen und wisperte warnend in den Zweigen der Giftpflanzen, die Mortola eigens pflegte.
Doch Rosalie hatte keine Zeit, ihm zu lauschen.
Stattdessen lief sie weiter, fort von den Hauptwegen, die sich durch das Dorf schlängelten, hinein in die dunkleren, unbewohnten Gassen, in die auch die Wachen sich nur ungern wagten.
Die meisten Häuser hier waren kaum mehr als Ruinen in den verschiedensten Stadien des Verfalls. Angeblich hatte ein Erdbeben die Bewohner aus ihnen vertrieben, noch bevor Capricorn sich hier eingenistet hatte.
Jetzt schienen sie nichts als Schwärze zu atmen und träumten vielleicht noch von den Zeiten, als Frieden in den Hügeln herrschte.

*

Staubfinger erblickte das Mädchen erst, als Gwin ihn mit einem leisen Keckern auf die zierliche Gestalt zwischen den eng stehenden Häusern aufmerksam machte.
Für den winzigsten Augenblick glaubte er, eine weiße Frau habe sich in diese Welt verirrt und streifte nun einsam durch die Finsternis, doch dann erkannte er, dass es sich lediglich um eine der Mägde handelte.
Er glaubte, sich an ihren Namen zu erinnern. Rosalie.
Ja, so hieß sie.
Ihr Haar war weiß wie der Schnee, der in dieser Gegend selten fiel, und machte es leicht, sie wiederzuerkennen. Sie lebte bei Resa. Ohne diesen Umstand hätte er ihr zuvor wahrscheinlich trotz allem kaum weitere Beachtung geschenkt.
Capricorn ließ sich gern neue Mädchen bringen, um sie als Mägde im Dorf arbeiten zu lassen. Eine mehr oder weniger an diesem Ort machte keinen Unterschied.
Und doch ... was brachte sie dazu, mitten in der Nacht ihre Kammer zu verlassen und wie ein kleiner Geist durch die Gassen zu streifen?
Ein wenig verloren wirkte sie, während sie sich umsah, wachsam und darauf bedacht, kein Geräusch von sich zu geben.
Doch hinter sich blickte sie nicht.

„Wenn das ein Fluchtversuch werden soll“, sagte Staubfinger leise und mit mildem Spott in der Stimme. „Dann ist es kein besonders Guter.“
Sie schrak zusammen und drehte ruckartig sich zu ihm herum. Ein vages Lächeln umspielte seine Lippen.
„Du würdest es kaum bis zum Parkplatz schaffen, ohne bemerkt zu werden“, fügte er hinzu und trat etwas näher.
„Ich habe nicht vor, zu flüchten“, erwiderte sie und fasste sich langsam wieder. „Nicht für lange.“
„So? Und was tust du dann hier, mitten in der Nacht?“
In ihren dunklen Augen schwand das Misstrauen, nur ein wenig. Sie schien ihm anzumerken, dass ihm nicht daran gelegen war, sie zu verraten.
Was hätte er auch davon gehabt?
„Ich ... sehe mich im Dorf um. Am Tag kommt man nicht dazu.“
Er zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
„Und du?“, fragte sie dann anstatt sich weiter zu erklären und strich sich eine feine Haarsträhne hinters Ohr, die der Wind aus den anderen gelöst hatte. „Was tust du hier? Du gehörst nicht zu Capricorns Männern.“
„Was hat mich verraten? Die Narben, oder dass ich nicht schwarz wie die Saatkrähen herumlaufe?“
Zum ersten Mal sah er sie lächeln.
„Der Marder“, Rosalie sah zu Gwin, der neben ihnen auf einem der Dächer hockte und sie beobachtete. „Resa hat ihn gezeichnet. Sie erzählt oft von dir.“
Staubfinger schwieg und folgte ihrem Blick.
Sie erzählt oft von dir ... ein Teil von ihm wollte sich Gedanken darüber machen, was das zu bedeuten hatte. Ob es etwas zu bedeuten hatte. Doch ein anderer wollte viel eher verstehen, was genau von dieser nächtlichen Begegnung zu halten war.
Es war offensichtlich, dass sie sich unerlaubterweise davongeschlichen hatte, aber wenn nicht, um zu flüchten, wozu dann?
Er hatte eine vage Vermutung, doch er sprach sie nicht aus.

Gwin  schien die Aufmerksamkeit schon bald leid zu werden und huschte flink davon. Vielleicht war ihm aber auch nur der Geruch eines Vogels oder einer Maus in die Nase gestiegen.
„Sie ... hat erzählt, dass du auch aus einer anderen Welt stammst“, sagte Rosalie leise und holte ihn aus seinen Gedanken zurück. „Aus derselben wie Capricorn.“
Da war etwas in ihrer Stimme, eine Vorsicht, die nichts mit der Gefahr, entdeckt zu werden, zu tun hatte. Das Wissen darum, wie unangenehm es sein konnte, sich daran zu erinnern.
„Ja“, er seufzte und blickte kurz hinauf in den funkelnden Nachthimmel. „Damit hat sie wohl recht.“ Er schob die Hände in die Taschen seines Mantels, noch nicht sicher, ob und wie viel er darüber erzählen wollte. Langsam ging er ein paar Schritte weiter, neben dem Mädchen her in einem seltsamen, stummen Einverständnis, während der Mond sich in dichtere Wolken hüllte.
Und warum auch nicht? Es war trotz aller Geheimnisse eine nicht unangenehme Abwechslung zu seinen sonst recht einsamen Streifzügen durch das Dorf.

„Gewöhnt man sich irgendwann daran?“, fragte sie und sah ihn von der Seite her an. Doch er musste ihren Blick nicht erwidern, um zu ahnen, dass in ihren Augen dasselbe Sehnen lag, das ihn immer wieder hier her trieb. Zu seinen alten Feinden, weil sie und ihr Dorf das einzige waren, das ihn an seine Heimat erinnerte.
Auch, wenn alles, was ihn an diesen vielleicht für immer verlorenen Ort erinnerte, gleichzeitig unendlich schmerzte.
Wie oft schon hatte er sich dieselbe Frage gestellt...
Doch er zuckte nur kaum merklich die Schultern.
„Das kommt ganz darauf an. Capricorn scheint sich hier ausgesprochen wohl zu fühlen.“
„Capricorn fühlt sich mit so einigem wohl.“
„Ja, das kann man wohl sagen.“ Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Er ... lässt niemanden so einfach gehen, oder?“
Nun sah er sie doch an.
„Nicht, wenn er glaubt, dass man ihm gehört. Und ich kann dir wirklich nicht empfehlen,  auf eigene Faust zu verschwinden. Es ist schon waghalsig genug, sich hier herumzutreiben.“
Kurz flackerte etwas durch ihren Blick, etwas, das seine Vermutung bestätigte. Doch dann vertrieb sie es mit einem kleinen Lächeln und schüttelte den Schatten ab, der sich über ihr blasses Gesicht gelegt hatte.
„Er darf es nur nicht bemerken. Bevor die Elster nach mir sucht, bin ich wieder zurück.“
„Wie bist du überhaupt aus der Kammer gekommen?“
„Ich bin geflogen“, sie lachte. „Nein, man kann vom Fenster aus die Mauer erreichen. Resa wird mich wieder herein lassen.“
Er schüttelte amüsiert den Kopf, während ein kühler Windzug unter seine Kleidung fuhr.
Resa ... er würde sie fragen, was es hiermit auf sich hatte.

„Sie sagt auch, dass du mit dem Feuer sprechen kannst“, sagte Rosalie nach einer Weile und klang ein wenig abwesend, als würde sie sich bereits vorstellen, wie Feuerworte wohl klingen mochten. „Ist das wahr?“
„Sie scheint dir ja wirklich eine Menge zu erzählen.“
Sie zuckte die schmalen Schultern. „Man muss sich hin und wieder etwas Schönes erzählen. Hier ganz besonders, sonst verschlingt einen die Dunkelheit.“
Damit hatte sie recht. Mehr als ihm lieb war.
Es wurde wirklich Zeit, dass er sich wieder bei Resa blicken ließ, er selbst hätte ebenfalls eine Geschichte vertragen können. Ebenso wie ihr Lachen und das Leuchten ihrer Augen, wenn er das Feuer für sie tanzen ließ.
„Ja“, erwiderte er schließlich. „Es stimmt, was sie sagt. Oder ... das hat es einmal. Das Feuer hier -“
Er stockte und blieb abrupt stehen.
Vor ihnen am Rand der Gasse löste sich ein Schatten aus den anderen.
Er musste bereits eine ganze Weile dort an der Mauer gelehnt haben, eine schmale Silhouette, viel zu leicht zu übersehen, wenn man in Erinnerungen verfangen war.

„Na sieh mal einer an“, schnurrte Basta und musterte sie misstrauisch, während er seine Zigarette fort schnippte. „Was sollte das denn werden?“
„Ein Spaziergang“, gab Staubfinger kühl zurück und gab sich alle Mühe, gelassen zu klingen, während er sich innerlich für seine Unachtsamkeit verfluchte.
Warum musste ausgerechnet Basta in dieser Nacht Wache halten?
Rosalies Augen hafteten währenddessen an seiner Flinte, die er wie eine unausgesprochene Warnung bei sich trug.
„Ein Spaziergang“, wiederholte Basta und trat näher. „So so. Dafür ist es aber ein bisschen spät, meinst du nicht?“
Er hatte auch sein Messer bei sich, natürlich. Der Griff an seinem Gürtel glänzte im fahlen Mondlicht.
„Ich habe dir schon oft genug gesagt, dass du dich von den Mägden fern halten sollst. Capricorn wird es gar nicht gefallen, wenn ich ihm erzähle, dass du sie zu solchem Unsinn anstiftest.“
„Du musst es ihm ja nicht erzählen. Ich hätte sie ohnehin bald wieder zurück gebracht.“
Staubfingers Herz schlug heftig, doch er ließ es sich nicht anmerken.
„Ja, das würde dir so gefallen, was, Schmutzfinger?“, kurz blickte Basta zu Rosalie. Ihr Haar fing das letzte Licht der Nacht ebenso ein wie sein weißes Hemd. „Nein, ich werde sie zurück bringen. Und du verschwindest besser, bevor ich es mir anders überlege. Und nimm den stinkenden Marder gleich mit!“
Staubfinger bemerkte erst jetzt, dass Gwin ihnen gefolgt war. Er saß auf einem Stein neben einem der Häuser und bleckte missbilligend die scharfen, kleinen Zähne.
Dann warf Staubfinger dem Mädchen einen Blick zu.

„Geh nur“, sagte sie und hatte einen Arm um sich geschlungen, als wäre ihr erst jetzt aufgefallen, wie kalt es war. „Es macht keinen Unterschied, wer mich zurück bringt.“
Er hörte den Anflug von Unsicherheit aus ihrer Stimme heraus. Denn es konnte einen großen Unterschied machen, je nach dem, ob Basta es für nötig hielt, Mortola oder Capricorn von ihrem kleinen Ausflug zu berichten.
Doch sie schien zu wissen, dass Widerstand alles nur schlimmer machen würde.
Es widerstrebte ihm, sie mit Basta allein zu lassen.
Es gab gute Gründe, warum die Frauen im Dorf sich von ihm fern hielten.
Doch angesichts der Flinte und des Messers blieb Staubfinger kaum eine Wahl.
„Du hast sie gehört, worauf wartest du noch?“, ungeduldig richtete Basta den Lauf seiner Flinte auf ihn und trat einen Schritt näher zu Rosalie.
Staubfinger warf ihr einen letzten, knappen Blick zu.
„Tut mir Leid“, sagte er und hob entschuldigend die Hände und versuchte sich an einem halbwegs aufmunternden Lächeln für Rosalie. „Beim nächsten Mal müssen wir wohl etwas vorsichtiger sein.“
Damit wandte er sich ab, auch wenn es ihm kein bisschen behagte. „Komm, Gwin.“
Der Marder gehorchte tatsächlich und huschte von seinem Stein, lautlos wie ein Schatten oder ein Stück der Nacht selbst.
„Ein nächstes Mal wird es nicht geben“, zischte Basta ihm nach, doch Staubfinger drehte sich nicht noch einmal um, ehe er mit den Schatten verschmolz.

*

Bastas Haltung entspannte sich ein wenig, kaum, dass Staubfinger außer Sichtweite war.
Dennoch blieb ein Rest der gereizten Ausstrahlung, flirrte in der Luft zwischen ihnen, nicht wissend, ob er sich gegen sie richten oder verflüchtigen wollte.
Basta wandte sich zu Rosalie um, die noch immer neben ihm stand.
„Ich wüsste wirklich gerne, was du dir dabei gedacht hast“, sagte er und wollte nach ihrem Arm greifen, doch sie wich ein Stück zurück.
„Nicht“, sagte sie, als fürchtete sie, sich an der Berührung zu verbrennen. „Ich werde schon nicht davonlaufen.“
Kurz wirkte er irritiert, doch er ließ ihr ihren Willen.
Wenigstens das. Sie wollte sich nicht wie ein ungehorsames Kind zurück in ihre Kammer zerren lassen.
„Das würde ich dir auch nicht raten. Genauso wenig, wie dich mit dem Feuerfresser herumzutreiben, er macht nichts als Ärger.“
Sie hörte die Abneigung gegen Staubfinger nur allzu deutlich aus seinen Worten heraus.
Es war ein offenes Geheimnis, wie wenig die beiden einander ausstehen konnten, auch wenn sie den Grund dafür noch nicht kannte.
„Ich fürchte, heute habe ich ihm den Ärger eingehandelt“, erwiderte sie leise, während sie ihm die Straße hinauf folgte, die zurück zu Capricorns Haus führte. „Es war meine Idee, zu verschwinden. Nur für eine Weile. Er war zufällig hier draußen.“
„Und da dachtest du dir, ihr spaziert einfach so durchs Dorf?“, er sah sie an und das Licht einer einsam brennenden Fackel am Rande des Hauptwegs zeichnete die Konturen seines Gesichts noch etwas schärfer nach als sie waren.
„Mortola lässt einem tagsüber keine Zeit dafür“, wiederholte Rosalie, was sie Staubfinger zuvor bereits erklärt hatte. Doch anders als dieser schien Basta sich vorerst keine übermäßigen Gedanken darüber zu machen, wie glaubwürdig diese Aussage klang.
Vielleicht kümmerte es ihn auch schlichtweg nicht, solange sie jetzt mit ihm kam.
Sie erschauerte, als ein Windstoß durch ihr langes Haar und unter ihr Kleid fuhr.
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Aber wo wir gerade von der Elster reden“, Basta sah hinauf zu Capricorns Haus nahe der Kirche, die Augen leicht zusammengekniffen, als könnte er Mortolas lauernde Gestalt schon aus der Ferne sehen. „Die wird dir das Ganze nicht so einfach durchgehen lassen. Ich an deiner Stelle würde mir schonmal eine schöne Geschichte für sie ausdenken.“
Rosalie schwieg.
Insgeheim fürchtete sie sich vor den starren Vogelaugen der alten Frau, die sie stets aufs Neue ansahen, als wollten sie bis auf den Grund ihrer Seele blicken, um dort zu finden, was auch immer sie verletzen konnte.
Die Elster liebte ihre grausamen, kleinen Spiele mit der Angst ihrer Mägde. Es machte sie gefügig und oft hörte Rosalie das leise Weinen der anderen bis tief in die Nacht hinein.

„Ist dir kalt?“, fragte Basta und sie merkte erst in diesem Moment, dass sie zitterte.
„Etwas“, gab sie zu, auch wenn sie bezweifelte, dass er sich ernsthaft um ihr Wohlergehen sorgte. Sie hatte innerhalb der drei Wochen, die sie hier lebte, nicht viel mit ihm zu tun gehabt. Angeblich hatte Capricorn ihn mit ein paar anderen fort geschickt, um irgendetwas für ihn zu besorgen. Doch die anderen Mägde sprachen bisweilen von ihm, wenn auch fast immer nur mit Furcht oder Unbehagen auf den Gesichtern.
Umso mehr überraschte es sie, als er stehen blieb, seine Flinte gegen eine der Mauern lehnte und die schwarze Jacke auszog.
Diesmal sträubte sie sich nicht, als er sie ihr um die Schultern legte.
Ein Hauch von Pfefferminzduft haftete daran, ebenso wie die Wärme, die das Zittern tatsächlich vertrieb.
War es klug, seine Jacke zu tragen?
Vermutlich nicht. Vermutlich war es alles andere als klug, vielleicht brachte es ihn auf falsche Gedanken, und doch ... es war trotz allem eine beruhigende Geste.
Wer einem Mädchen seine Jacke gab, würde sie vielleicht nicht mit Absicht an Capricorn verraten.
„Wenn ich es mir so überlege“, sagte Basta und ließ es betont beiläufig klingen, während er die Ärmel seines Hemdes glatt strich und das Gewehr wieder an sich nahm. „Könnte ich bei der alten Elster vielleicht ein gutes Wort für dich einlegen. Es wäre doch wirklich schade, wenn sie dich dafür tagelang in eines der Netze vor der Kirche steckt, oder was auch immer sie sich einfallen lässt.“
Er bemerkte ihren beunruhigten Blick und lachte.
„Ja, sowas tut sie gerne, das hast du wohl noch nicht miterlebt.“
„Nein, bisher ... hat sie andere Dinge getan.“
Rosalie zog die Jacke enger um sich. Am Knopfloch steckte eine kleine, rote Blüte, zwischen deren Blättern sich Schatten sammelten wie Morgentau.
Er sah sie an, nachdenklich für einen Moment.
Das Lachen war verschwunden. Ein wenig, als würde er erst jetzt langsam realisieren, wie real ihre Furcht war. Oder vielleicht hatte er es die ganze Zeit gewusst und nur jetzt beschlossen, dass es nicht in seinem Interesse lag, wenn sie sich allzu sehr fürchtete.

„Ich rede mit ihr“, sagte er dann. „Aber dafür versprichst du mir, nachts nicht mehr allein durchs Dorf zu geistern. Ich habe Besseres zu tun, als entlaufene Mägde wieder einzusammeln, auch wenn sie noch so hübsch sind.“
Er schenkte ihr ein verschwörerisches Lächeln, ehe er ein paar Schlüssel aus seiner Hosentasche fischte, kaum dass sie Capricorns Haus erreichten.
Oben in ihrem Zimmer waberte ein sanfter Lichtschein im Fenster. Vermutlich hatte Resa eine Kerze angezündet und wunderte sich bereits, wo sie blieb.

Sie wollte etwas erwidern, sagen, dass sie nicht vorhatte, allzu bald wieder zu entwischen, doch kaum, dass Basta das Tor aufgeschlossen hatte, sah sie Mortola herbei eilen.
Sichtlich erzürnt angesichts des Ungehorsams ihrer Magd und der Tatsache, dass sie ihretwegen so spät nachts noch auf den Beinen sein musste. Das schwarze Kleid raschelte bei jedem Schritt.
„Basta, sieh an, hast du die kleine Ausreißerin eingefangen?“, ihre Augen funkelten verärgert, als sie sich auf Rosalie richteten. „Was fällt dir ein, einfach so zu verschwinden?“
Der Wunsch der alten Frau, sie auf der Stelle gewaltsam mit sich zu ziehen, knisterte in der Luft wie etwas Greifbares. Doch Basta legte Rosalie einen Arm um die Schultern.
„Wer redet denn hier von ausreißen? Man wird doch wohl noch einen Spaziergang machen dürfen“, erwiderte er gereizt.
Ganz so, als wäre tatsächlich nichts anderes geschehen und sie beschloss, mitzuspielen.
Alles war besser als die Netze.
Die Elster schien erst jetzt zu bemerken, dass Rosalie seine Jacke trug und der Ansatz eines abfälligen, ungläubigen Lächelns huschte über ihr Gesicht.
„Du? Mit ihr?“
„Was geht es dich an?“, Bastas Augen wurden schmal vor Ärger und sie spürte seine Anspannung in der ungewohnten Nähe.
Rosalie sagte nichts, sie wusste, dass jedes Wort Mortolas Zorn nur weiter anfachen würde.
„Es geht mich eine ganze Menge an“, sagte Mortola. „Das dumme Ding gehört mir, hast du das schon vergessen? Wenn du sie haben willst, hast du es anzukündigen. Aber jetzt schaff sie zurück auf ihr Zimmer und sieh zu, dass sie diesmal dort bleibt!“

Bastas Miene verfinsterte sich noch weiter, doch er erwiderte nichts und führte sie hinauf zu ihrer Kammer, den Arm noch immer locker um sie gelegt.
Rosalie vergaß vor Erleichterung, sich daran zu stören.
Keine Netze, keine Schläge. Niemand wusste, was die Elster sich in ihrem Ärger für die kommenden Tage ausdachte, doch für diese Nacht würde sie sicher sein.
Erst vor ihrer Tür ließ er sie los und sie gab ihm die Jacke zurück.
„Danke“, sagte sie und schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln, das ein paar der Schatten von seinem Gesicht vertrieb.
Wer hätte gedacht, dass sie sich am Ende bei ihm würde bedanken müssen?
Vor kaum einer halben Stunde hatte sie noch geglaubt, er wäre der erste, der sie bei Mortola anschwärzte.
„Wenn dir das nächste Mal langweilig wird“, sagte Basta und schloss die Tür auf. „Sag einfach Bescheid. Früher oder später finden sich immer ein paar freie Minuten.“
Er zwinkerte ihr zu, ehe er die Tür für sie offen hielt.

*

Die kleine Kammer empfing sie mit dem Flimmern von Kerzenlicht an den Wänden und Resas besorgtem Blick.
Kaum, dass Basta die Tür schloss und sie hörte, wie der Schlüssel herum gedreht wurde, schob sie ein paar weiße Blätter von ihrem Schoß und stieg vom Bett.
Sie nahm ihre Hände, Resas Finger fühlten sich kühl und ein wenig rau vom jahrelangen Waschen an, und berührte fragend ihre Schulter.
„Es geht mir gut“, sagte Rosalie leise und schenkte ihr ein Lächeln. „Ja, ich weiß, der Plan war ein anderer, aber ... es sind ein paar Dinge passiert. Ich habe Staubfinger getroffen. Vielleicht besucht er dich bald?“
Kurz huschte Überraschung über Resas feine Züge. Doch sie schien noch immer zu besorgt, um sich über die Neuigkeit zu freuen.
Dann deutete sie mit einem Blick auf die Tür, die Brauen sacht zusammen gezogen.
„Basta hat mich zurück gebracht.“
Und? , hakte Resa mit einer stummen Geste nach. Sie verstand nicht. Und wie sollte sie auch?
„Er hat dafür gesorgt, dass Mortola mir nicht auf der Stelle den Hals umdreht. Das ... war nett von ihm.“
Resa schüttelte energisch den Kopf. Basta ist nicht nett , sagte ihr Blick. Höchstens, wenn er etwas will.
Rosalie lachte leise. „Mach dir darum keine Sorgen.“
Dann wurde sie etwas ernster, löste sich von der Anderen und setzte sich auf die Kante ihres schmalen Bettes, wobei das Kerzenlicht nur vage zu erahnende Schatten ihrer Wimpern auf ihre Wangen warf.
„Staubfinger und ich waren etwas unaufmerksam. Sonst hätte er uns nie bemerkt“, flüsterte sie, um die andere Magd, die sich die Decke hoch bis über das schwarze Haar gezogen hatte, nicht zu wecken. Für sie war es sicher auch kein angenehmer Tag gewesen.
Außerdem gehörte sie nicht zu den Eingeweihten, es war selten klug, seine Pläne mit allzu vielen Menschen zu teilen, wenn man wollte, dass sie geheim blieben.
„In den Schatten zwischen den Ruinen kann man so gut wie ungesehen herumlaufen. Man könnte vielleicht sogar bis zum Parkplatz kommen, wenn man es klug anstellt.“


~*~



Hey ihr Lieben, es freut mich, dass ihr bis hier her gekommen seid. Das hier ist das erste Mal, dass ich seit Jahren wieder eine Geschichte schreibe und dazu noch in einem meiner liebsten Fandoms. Rückmeldungen aller Art sind daher mehr als willkommen. ♡
Besonderer Dank geht an dieser Stelle an SkylerBente, die sich nicht nur monatelang geduldig mein Geplapper über die Tintenwelt und diese Story angehört, sondern das Kapitel auch noch für mich betagelesen hat. Ohne dich würde ich immernoch auf die Zeilen starren  und verzweifeln. :D
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