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Leto

GeschichteTragödie, Liebesgeschichte / P18
06.12.2020
06.12.2020
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Hera lehnte sich mit finsterer Miene am kalten Marmorgeländer des prunkvollen Balkons an, welcher unmittelbar aus den ehelichen Gemächern von ihr und Zeus führte, und blickte mit ihren grossen, braunen Augen zum Sternenhimmel empor; Voller Trauer, Schmerz und Wut wie auch einen Sturm aus unzähligen anderen Gefühlen in ihrem Innersten, die sich anfühlten, als stünden sie kurz davor ihr unsterbliches Herz zu verschlingen.
Es war bereits tiefste Nacht, längst hatte der Sonnenwagen des Helios seine tägliche Reise über das Firmament hinter sich gebracht und war der Mondgöttin Selene gewichen, welche mit ihrem fahlen Licht auf den hoch über den Wolken aufragenden Olymp herabschien… und doch fehlte noch immer jegliche Spur von Zeus, ihren so geliebten Brudergemahl, der ihr noch am frühen Morgen dieses Tages versprochen hatte, dass er nach der Erfüllung einiger seiner königlichen Pflichten den restlichen Tag nur ihr widmen würde. Zeus hatte Hera mit einen liebevollen Lächeln auf den Lippen versprochen, dass er nur wenige Stunden brauchen würde, ehe er zu ihr zurückkehrte – und doch war er noch immer abwesend!

Voller Vorfreude hatte Hera sich in Schale geworfen, hatte sich mit aller Mühe zurechtgemacht, ihren feinsten Schmuck wie auch ihr schönstes Gewand angezogen. Sie hatte ihren Zofen aufgetragen, ein festliches Mahl vorzubereiten und den Speisesaal wie auch ihre Gemächer in den bestmöglichen Zustand zu versetzen. Den Kyklopen gab sie frei, sodass diese mit ihren stetigen Bauarbeiten an den unfertigen Palästen ihrer vielen zukünftigen Kinder keinen störenden Lärm verursachen konnten, und den Nymphen wie auch den Satyrn, welche den Garten des Olymps hegten und pflegten, hatte Hera eingeschärft allen Pflanzen eine besondere Schönheit mithilfe ihrer Naturkräfte zu verleihen, damit sie gemeinsam mit ihrem Gemahl nach dem Essen im in seiner vollsten Blüte stehenden Garten lustwandeln konnte. Sie hatte alles beaufsichtigt, hatte darauf geachtet, dass jede Kleinigkeit perfekt war, damit sie und Zeus einen unvergesslich schönen Tag in liebevoller Zweisamkeit verbringen konnten! Nun war aber anscheinend alles umsonst gewesen…
Für Stunden hatte Hera nach der Beendigung aller Vorbereitungen in froher Erwartung auf einen Triclinium im Speisesaal gelegen, gekleidet in einen tiefblauen Gewand, ein goldenes Diadem auf ihrem schwarzgelockten Haupt und einen strahlenden Ausdruck auf ihrem wunderschönen, ebenmäßigen Gesicht, dessen königliche Züge von einer fasst mädchenhaften Freude gezeichnet gewesen waren.
Hera hatte gewartet, den ganzen Tag lang, während sich ihre Laune mit der Zeit immer weiter verfinsterte und ihre Miene im Angesicht gewisser dunkler Gedanken hässliche Züge annahm. Mit einer wachsenden Unsicherheit, vielen an ihr nagenden Zweifeln, wie auch einer gewissen Frustration und Enttäuschung, versuchte sie sich dann mit dem ausgiebigen Verzehr von Nektar, Ambrosia, göttlichen Früchten und so einigen irdischen Speisen zu beruhigen, während ihre Zofen sie auf eine mitleidige Art anblickten, die sie nur geringfügig im Stolz kränkte. Viel zu sehr beschäftigten Hera ihre aufgewühlten Gedanken um Zeus und sein in letzter Zeit zunehmend seltsames Verhalten, als dass sie sich um die Blicke einfacher Nymphen hätte kümmern können!
Nach ihrer Hochzeit und den dreihundert Jahren, welche sie sich voller Leidenschaft geliebt hatten, wie auch der Geburt ihrer reizenden aber trotzdem nicht sehr mächtigen Töchter Hebe und Eileithyia, hatte Zeus sich auf eine ihr unverständliche Art entfernt. Nach und nach hatte er sich ihr Stück für Stück immer mehr verschlossen, verbrachte immer weniger Zeit mit ihr, war ständig beschäftigt, sprach immer weniger mit ihr, zeigte sich eher bei den Dienerinnen als bei ihr von seiner reizenden Seite, war in ihrer Anwesenheit immer öfter geistig abwesend oder gar gelangweilt… und da waren auch noch diese abscheulichen, beleidigenden, verletzenden Gerüchte, welche in den Reihen der Unsterblichen im Umlauf waren! Es hiess hinter vorgehaltener Hand, dass Zeus sich hinter Heras Rücken oder gar vor ihrer Nase mit der Titanin Leto treffen würde. Leto, eine der beiden hübschen Töchter der Titanen Koios und Phoibe, dieses sorglose Ding, diese hochgewachsene, langbeinige Titanengöttin mit den hübschen, blauen Augen und dem langen, strahlendblonden Haar! Angeblich war sie bescheiden und zurückhaltend, mild und freundlich, voller Güte und hatte sehr liebevolle Hände. Es hiess auch sie liebe die Natur, den Tanz wie auch die Musik und besäße ein Herz für Kinder und Tiere. Man sagte nebenbei noch, sie wäre gut mit dem Bogen und wäre immer hilfsbereit… Ein dem Anschein nach wahrlich liebreizendes und talentiertes Wesen und wie Hera wusste, durchaus eine der Schönsten unter den Unsterblichen – wenn auch natürlich keineswegs annähernd so schön wie sie!

Leto“, sprach Hera den Namen dieser wertlosen Titanenhure aus Hyperborea aus, als wäre dies die unangenehme Bezeichnung für die dreckigste wie auch abstoßendste Kreatur aus den dunkelsten Tiefen des Tartarus. Mit fest zusammengebissenen Zähnen und vor Wut zitternden Händen, hielt sie sich so stark am Marmorgelände des Balkons fest, dass das Material Risse bekam. Der Marmor bröckelte unter der Kraft von Heras Händen wie ihr Verstand beim bloßen Gedanken an die Möglichkeit, dass ihr geliebter Brudergemahl sie mit einer anderen Frau betrügen würde. Sie, die Schönste aller Göttinnen! Sie, für die Zeus eine gewaltige Hartnäckigkeit bewiesen hatte und sogar nicht davor zurückgeschreckt war, sie mithilfe eines niederträchtigen Tricks zu verführen! Sie, welche doch die perfekte Gemahlin für den Götterkönig abgab!
Hera atmete tief ein und dann wieder aus. Wiederholte dies mehrmals, bis sich ihr fester Griff am beschädigten Marmorgeländer löste. Sie zwang sich zu einem bitteren, unsicheren Lächeln und presste ein kurzes, galliges Lachen aus ihrer Kehle. „Als ob er mich je betrügen würde! Und dann auch noch mit solch einen einfältigen Ding! Lachhaft! Zeus liebt mich… und weiss, dass ich ihn ebenfalls liebe. Es sind nur hässliche Gerüchte.“
Doch warum fühle und denke ich gerade so, wenn ich mir seiner Treue vollkommen sicher bin?, fragte ein Teil von Hera in ihrem Innern. Sie versuchte diesen Gedanken abzuschütteln, versuchte ihn gemeinsam mit der Erinnerung an den heutigen Abend klein zureden, das Gehörte zu relativieren und all das abzustreiten, was für sie viel zu schmerzhaft war, um es überhaupt in Erwägung zu ziehen. Doch trotz allem, trotz Heras widersprüchlichen Gefühlen wie auch dem verzweifelten Versuch an etwas festzuhalten, dass schlichtweg den Dingen widersprach, welche sie vor wenigen Stunden gehört hatte… Immer wieder musste Hera sich daran erinnern wie eine ihr sonst sehr sympathische Dienerin, die unscheinbare und doch sehr redselige Echo, mit einer anderen Zofe über die angeblichen Gründe für Zeus Abwesenheit tuschelte, während sie selbst aufgewühlt auf einen Triclinium im Speisesaal sass und gegorenen Nektar trank, den ihr ihre Tochter Hebe freundlicherweise auf ihr Geheiß hin brachte. Zufällig hatte Hera Echos Worte mitangehört, war daraufhin voller Zorn aufgesprungen, hatte die Nymphe an ihren grauen Chiton gepackt und ihr gedroht, sie in einen Pfau oder eine Kuh zu verwandeln, sofern sie dieses abscheuliche Gerücht über Zeus und Leto noch ein einziges Mal erwähnte! Doch ehe etwas in dieser Richtung geschah, kam ihre Schwester Hestia herbeigeeilt und brachte Hera mithilfe ihrer ruhigen wie auch zutiefst liebevollen Stimme und eines eindringlichen Blicks dazu, in ihrem Zorn innezuhalten und sich wieder hinzusetzen. Hera hatte zu ihrer unscheinbaren, zierlichen, im schlichten braunen Chiton und braunen Kapuzenumhang gekleideten Schwester geblickt, welche ihren Blick mit einen deutlichen Schmerz in ihren warmen, kastanienbraunen Augen erwiderte. Etwas an diesem Blick in Verbindung mit Hestias Stimme, welche Hera und ihre anderen Geschwister bereits im Magen ihres schrecklichen Vaters Kronos zu besänftigen vermochte, beruhigte einfach blitzartig das vor Zorn kochende Ichor in ihren Adern.
Nachdem Hera sich setzte, hatte sich Hestia ebenfalls neben ihr auf dem Triclinium hingesetzt und ihre Hände zärtlich in die ihren geschlossen. Danach blickte sie ihr unter Tränen mit ihren warmen, kastanienbraunen Augen tief in ihre grossen, braunen Augen und sagte mit trauriger Stimme: „Liebste Schwester, es tut mir so unvorstellbar leid, doch die Gerüchte sind wahr: Zeus ist dir wirklich mit unserer Base Leto untreu! Und dies bereits seit einer Weile. Bitte verzeih mir, dir die Wahrheit erst jetzt zu gestehen, doch war mein Herz schlichtweg viel zu sehr von Furcht erfüllt und zugleich hing ich der Hoffnung nach, dass dein Gemahl mit der Zeit noch zur Einsicht kommen könnte.“

Erst als Hestia es ihr erzählte, waren die Gerüchte zu mehr geworden, als bloße Tuscheleien und Anspielungen – sie waren zu etwas Glaubwürdigen geworden, etwas Bedrohlichen. Denn Hestia, die von allen so sehr geschätzte Göttin des Herdfeuers, ihre geliebte ältere Schwester, hätte sie nie angelogen oder einen bösen Scherz versucht… und dieser Umstand  hatte Hera in einen einer Götterkönigin unwürdigen Wutanfall versetzt. Sie wollte die Worte ihrer Schwester schlichtweg nicht verstehen, wollte sie nicht hören und noch immer war sie sich Stunden später nicht vollkommen sicher, ob das was Hestia ihr erzählte auch annähernd der Wahrheit entsprach! Denn immerhin war es noch immer wahrscheinlich, dass es sich bei all dem nur um ein gewaltiges Missverständnis handelte, welches dann zu diesen Gerüchten führte… und Hestia glaubte schlichtweg diese Gerüchte, weshalb sie Hera auch mit aller Ehrlichkeit erzählte, Zeus wäre ihr mit dieser dreckigen Titanenhure Leto untreu!
Mit brennenden Zorn wie auch einer gewaltigen Trauer und einen unerträglichen Schmerz im Herzen, war Hera aus dem Speisesaal gerannt, hatte Naturgeister und Götter gleichermaßen angerempelt, beschwor Winde und warf bei Gelegenheit sogar eine Statue ihres Gemahls um. Als sich dann noch der Titan Prometheus ihr auf kriecherische Art näherte und, ohne jegliche Kenntnis über ihren Zustand, versuchte sie davon zu überzeugen mit Zeus über den Platz seiner kleinen Schöpfung, das Tiergeschlecht namens „Mensch“, in der Weltordnung zu reden, war sie in unwürdige Tränen ausgebrochen und hatte den weisen Titanen der Voraussicht vor den Augen mehrerer Zuschauer angeschrien.
Nach diesem weiteren entwürdigenden Debakel, war Hera in ihre ehelichen Gemächer geflüchtet. Sie weinte danach sehr viel, dachte immer wieder über all die vielen und sich stetig mehrenden Male nach, in denen Zeus sich ihr gegenüber seltsam verhielt oder viel zu beschäftigt war, um mit ihr Zeit zu verbringen. Auch dachte sie darüber nach, ob sie Hestias Worten wirklich vertrauen konnte oder ob es sich bei all dem nur um ein gewaltiges Missverständnis handelte. Und während Hera über all das nachdachte, wurde ihr immer mehr klar, dass sie nur Zeus, ihren geliebten Brudergemahl, glauben konnte… Sie wollte es von ihm hören! Sie musste es von ihm hören! Aus seinem Mund, während sie ihm in die Augen blickte. Nur so konnte sich der Sturm in ihrem Innersten legen… oder auch verschlimmern, sofern das Schlimmste sich bewahrheitete. An letztere Möglichkeit wie auch all den weiteren Schmerz, der aus diesem Fall der Fälle folgen würde, wollte Hera aber nicht einmal denken!
„Was ist nur aus mir geworden?“ fragte sich Hera plötzlich unter aufkommenden Tränen mit einen tiefen Seufzer. War sie nicht einst einmal eine mächtige Göttin gewesen, welche über grosse Kräfte verfügte, die denen des Zeus teilweise sogar ähnelten? Hatte sie nicht während der Titanomachie kriegerischer gekämpft als ihre Schwestern? Was war aus der starken, jungen Göttin geworden, welche furchtlos, stolz, erhaben und leidenschaftlich ihren mächtigen Brüdern auf Augenhöhe begegnet war?
Im Grunde wusste Hera es… Sie hatte sich der Urmacht des Eros unterworfen und Zeus in ihr Herz gelassen, obwohl sie damals wild dagegen angekämpft hatte, und diese Liebe war es, die sie in solch einen erbärmlichen Zustand versetzte, sie in unsichtbare Ketten legte und an Zeus fesselte. Denselben Zeus, der einst seine erste Frau, die weise Okeanide Metis, gewissenlos verschlang, obwohl er sie angeblich unsterblich liebte. Schlichtweg, weil die Prophezeiung um ihre Schwangerschaft in ihm dieselbe wahnhafte Angst weckte, welche auch den kaltherzigen Kronos einst befiel. Trotz dieses Schrecklichen Ausgangs für die Mutter der Athene, hiess es damals trotzdem noch, sie wäre Zeus wahre Liebe gewesen. Und im Anbetracht dieser widersprüchlichen Behauptung wie auch des Schicksals der Okeanide und all der auf Metis folgenden, kurzlebigen Liebschaften von Zeus, hatte Hera sich ihrer aufblühenden Gefühle zum Trotz von ihm ferngehalten. Denn sie wünschte sich seit jeher eine beständige, treue, sichere und zutiefst liebevolle Ehe wie etwa diejenige ihrer Zieheltern Okeanos und Tethys, anstatt in einer grotesken Verbindung wie ihre bemitleidenswerte Mutter Rhea mit ihren abscheulichen Vater Kronos gefangen zu sein… Gezwungen an der Seite eines Mannes zu stehen, welcher sie weder ehrte noch bedingungslos liebte und der ihr nur Schmerzen bereitete! Ein Mann, der vielleicht sogar bereit war sie zu ersetzen, sobald sie ihm langweilig wurde, ihn enttäuschte oder zwischen ihm und seinen Zielen stand?
Nein, so etwas wollte Hera damals nicht geschehen lassen und so entschied sie sich auch, eher dem Weg ihrer Schwester Hestia als ewige Jungfrau zu wählen, als sich von Zeus zu einer Ehe überreden zulassen! Und für eine lange Zeit hatte Hera es auch geschafft, den vielen Schmeicheleien, Geschenken, Versprechungen, Annäherungsversuchen, Liebesbekundungen, Spielereien und Machtdemonstrationen zu widerstehen. Am Ende war sie Zeus aber trotzdem erlegen und bis zu diesem heutigen Tag, hatte sie es im Grunde eigentlich bisher nicht bereut…
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