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Kojoten

KurzgeschichteDrama, Familie / P16 / Gen
05.12.2020
05.12.2020
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05.12.2020 3.409
 
Ein kleines Formexperiment meinerseits. Die fehlenden Anführungszeichen in den Dialogen sind Absicht – ich wollte mal einen Minimalstil à la Cormac McCarthy ausprobieren.  Wem das allerdings Probleme bereitet bzw. schlicht nicht gefällt, der sei auf Kapitel 2 verwiesen, das eine Alternativversion mit "gewöhnlicher" Zeichensetzung beinhaltet.

***



i.

Du krümmst dich immer ein bisschen. Krümmst dich und schälst Kartoffeln am Feuer, während der Staub wie Rauch durch die Fensterritzen zieht. Krümmst dich wie ein ausgetretenes Dielenbrett, krümmst dich wie Atlas unter dem Himmelsgewölbe.
So ein Blödsinn, sagt der Junge. Er krümmt sich, weil er krank ist, irgendwo.
Ja, sage ich.  
Er kann nicht mehr richtig arbeiten, sagt der Junge. Nicht mit dem lahmen Bein. Alles muss ich allein machen.
Das musstest du vorher auch.
Ach, sagt der Junge. Trotzdem.
Also, sage ich.
Ich hab ein Mädchen in der Stadt.
Schau, ob’s ihn kümmert.
Wahrscheinlich nicht.
Dann mach schneller, sage ich.
Irgendwo musst du krank sein, da hat der Junge schon Recht. Nur vielleicht dort nicht, wo du dich krümmst, wo du die Schultern nach vorn ziehst und den Kopf hängen lässt, dass man fast Angst hat, der Hut fiele dir runter. Dein Haar ist ganz grau. Aus den Hemdsärmeln ragen dürre Handgelenke. Ich habe dich zu lange nicht gesehen, um beurteilen zu können, ob es auch vorher schon so schlimm gestanden hat um dich. Ob es Zuhause ist, was dich krank macht.  
Die Erde ist flach hier. Man möchte manchmal jaulen, weißt du, angesichts des großen weißen Himmels, der endlosen Horizontlinie. Ich kann mich drehen und drehen und drehen, immer um die eigene Achse, und nichts unterbricht sie, nichts – ehe mich der Schwindel ins Gras wirft und ich ersticke an der rauen, kreidigen Luft. Der Atem pfeift mir in den Lungen. Auf meinem Brustkorb hockt mit gebrochenen Schwingen die Welt.  


ii.

Es ist weder dein Junge noch meiner, aber heute bin ich froh darüber. Ich bin froh, dass wir nie eigene Kinder gehabt haben. Auch wenn man von mir als Frau zumindest den Wunsch erwartet hätte.
Ach. Mein Gott, es ist lang her.
Du hast ihn unten am Fluss gefunden, nach der Schneeschmelze in ’56: fünf oder sechs Jahre alt, schmutzig und nass wie eine ersoffene Ratte. Weiter flussabwärts zwei Leichen und die Überreste eines Planwagens. In deinen Mantel gewickelt hast du ihn mit nach Hause gebracht und gesagt: Ich glaub‘, der Kleine hier hat niemanden mehr.
Wochenlang hat er nichts gesprochen. Wir haben ihn gebadet und in unserem Bett schlafen lassen. Jeden Abend hast du ihm Geschichten erzählt. Ich habe ihm übers Haar gestrichen und ihn die Marmelade direkt aus dem Glas essen lassen. Du hast ihn auf den Schultern getragen, als wäre er dein eigener Sohn.
Hast du das alles vergessen?
Ich sehe dich über den Hof hinken, eine lange Gestalt aus nichts als krummen und schiefen Winkeln, starr und blass vor Zorn. Ich sehe, wie der Junge deinem Blick begegnet, wie er sich duckt und du ihn am Kragen packst und ihn in den Staub stößt und sagst: Steh auf, Scheißkerl.
Er sieht dich an und steht auf, ganz langsam. Du schlägst ihm mit dem Handrücken ins Gesicht. Einmal, zweimal.
Der Junge ist kleiner als du, aber er ist gesund und kräftig. Er könnte zurückschlagen, wenn er nur wollte. Du hättest ihm kaum etwas entgegenzusetzen – bloß Haut und Knochen und diesen furchtbaren, furchtbaren Zorn, der dich seit deiner Rückkehr gelegentlich überkommt. Ich frage mich manchmal, ob die Wut alles ist, was dich noch zusammenhält.
Mich hast du nie geschlagen. Das Gesetz hätte es dir erlaubt – mein Wort wäre gegen deines kaum mehr wert gewesen als das eines sprechenden Maultiers, und prügelnde Ehemänner kennt dieses Land weiß Gott genug – aber du bist nie einer davon gewesen. Selbst heute, nach allem, überschreitest du diese Linie nicht. Stattdessen verhaust du den Jungen, bis ihm Hören und Sehen vergeht.  
Vielleicht sollte ich dir dankbar sein dafür. Sie müssen sehr wehtun, deine knochigen Ohrfeigen, so wie der Junge unter seiner blutigen Nase den Mund verzieht. Er ballt die bebenden Hände zu Fäusten, aber er schlägt nicht zurück.  
Später wirst du auf den Stufen vor der Veranda sitzen und heulen, weil es dir leidtut. Ein stummes, schmerzvolles Reißen – nicht nur deswegen.  


iii.

Die alte Stute hat dich immer noch gern, viel lieber als mich und den Jungen. Sie drückt die samtene Nase in deine Handfläche, selbst wenn du nichts zu fressen für sie dabei hast, und wartet geduldig, bis du in den Sattel gestiegen bist, obwohl du dich seit der Sache mit deinem Bein ungeschickter anstellst als früher. Es ist alles ein bisschen steifer geworden, die Bewegungen eckiger und der Sitz ein wenig krumm, aber du warst bei der Kavallerie, du weißt, was ein Pferd wert ist, und du reitest noch immer besser als jeder junge Heißsporn im Umkreis von fünfzig Meilen. Selbst der Junge kann sehen, wie locker Thistle unter dir geht, wie sie den Rücken aufwölbt und wohlig schnaubt, weil du nicht wild an den Zügeln ziehst, wie er es gern tut, oder ihr – so wie ich – im Trab ungelenk in den Rücken fällst.  
Sie sieht sogar aus wie du, sofern Pferd und Mensch einander ähnlich sehen können. Als Fohlen war sie braun wie ein Maulwurfshügel, aber über die Jahre ist sie immer weiter ausgeschimmelt: ein mageres, grau-weißes Ding mit struppiger Mähne und zu langen Beinen. Die dunklen Augen stumpf von Jahren der Arbeit, aber noch immer ein Rest von Sanftmut darin.
Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ich weiß nicht, ob ich Recht damit habe. Gar nichts weiß ich mehr dieser Tage.
Als du zurückkommst und Thistle den Sattel abnimmst, streichelst du sie und legst das Gesicht an ihren Hals. Sie zwickt dir zur Antwort zärtlich in die Schulter.
Den blauen Fleck, den ihre Zähne dort hinterlassen, betrachtest du vor dem Schlafengehen wie die erste Berührung einer Geliebten. Jungenhaftes Staunen in deinen Augen über jedes Zeichen von Zuneigung.  


iv.

Ich würde dich gern hassen, weißt du, aber ich kann es nicht. Zu lang habe ich mich mit Erinnerungen warm gehalten an vergangene Zärtlichkeiten, an raue Hände und heiseres Lachen und geflüstertes Schlaf' weiter in der Nacht, als dass ich jetzt noch imstande wäre zu begreifen, dass derjenige, der zurückgekehrt ist, mir all das nicht mehr geben kann.
Und es stimmt; ich weiß, dass es stimmt. Du kannst nicht.
Die Bettlaken flattern an der Leine über goldbraunem Präriegras und einem weißen Zaun. Gestrichen habe ich ihn dieses Jahr. Der Junge war vollauf damit beschäftigt, seiner Kleinen in der Stadt den Hof zu machen, und dir haben die Hände so sehr gezittert, dass du die Hälfte der Farbe im Gras verteilt hast.
Geh‘ rein, habe ich zu dir gesagt und dir den Pinsel aus den Fingern gezogen. Ich mach das schon.
Du hast auf den Knien im Staub gehockt und mich angesehen mit Augen wie aus Glas. Aber was soll ich denn –
Zünd‘ den Ofen an. Schäl‘ die Kartoffeln. Stopf‘ deine Socken. Irgendwas, wo du nichts kaputt machen kannst.
Du hast wie mechanisch genickt, bist ein bisschen steif von den Knien hochgekommen und in Richtung Haus gehumpelt. Den tropfenden Pinsel noch in der Hand habe ich dir nachgesehen und gedacht: Gleich löst du dich auf.
Du warst nie ein Mensch großer Worte, vielleicht noch weniger als ich. Früher fand ich das schön – wir mussten nie viel reden, du und ich, nie viel streiten, keine schwülstigen Liebesschwüre austauschen oder Gerüchte weitertratschen. Halbsätze reichten in der Regel aus. Aber heute wünschte ich manchmal, es wäre anders. Wenn du sprechen könntest über das, was du erlebt hast, wenn du mir sagen könntest, wo es dir wehtut, dass du dich krümmen musst wie einer mit gebrochenem Rückgrat, und wenn ich die richtigen Antworten für dich hätte, dann, tja, dann wäre zwischen uns vielleicht alles besser. Leichter. Andererseits haben es uns die Leute im Scherz schon bei unserer Verlobung prophezeit: Zwei Maulfaule – das kann unmöglich gutgehen.


v.

Das Mädchen stammt unten aus Mexiko und betrachtet uns beide mit Angst. Klein und zart wie ein Schmetterling zögert sie auf der Türschwelle, ihr Blick huscht über deine knochigen Soldatenhände und meine schmalen Lippen, und wenn dir einen Moment lang die Worte fehlen, als du sie ansiehst, so sei dir vergeben, denn mir fehlen sie auch.
Yolanda.
Der Junge schiebt sie mehr zur Tür herein, als dass sie geht, und ich denke: Gott, was hat er ihr bloß erzählt.
Yolanda.
Ihr Englisch ist gut, das merke ich rasch, aber das kleine Ding hat einen Akzent wie ein Militärkommandeur. Die harten Wortendungen und schnarrenden Rs lassen sich nur schlecht mit dem glatten, jungen Gesicht in Verbindung bringen; aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie du dir das Schmunzeln verbeißt. Unser Junge jedoch – der bei einer Frau mit einem solchen Tonfall sicherlich nichts zu lachen haben wird – scheint an alldem keinen Anstoß zu nehmen. Unter dem Tisch hält er ihre Hand.
Vielleicht … ja, vielleicht.
Irgendwann wird er gehen, endgültig, und dann sind wir allein miteinander, du und ich.


vi.

Ich bring‘ sie dann mal wieder, sagt der Junge.
Hm, sagst du und starrst auf die Tischplatte.
Bleibt doch noch, sage ich.
Es ist schön, so zu sitzen. Wie Familie. Wenn ich zum Kamin hinüberblicke und dem Knistern der Flammen lausche, kann ich mir fast einbilden, alles sei gut.
Doch es sind hohle Worte, dieses Bleibt doch noch, und sie verklingen ungehört. Denn ihr beide seid bereits aufgestanden, du und der Junge. Über Kaffeetassen und schmutziges Geschirr hinweg seht ihr euch an.  
Du bist ruhig, ganz ruhig. Ich sehe, wie der Junge sich anspannt.
Nein, denke ich matt. Bitte nicht jetzt.
Ein Atemzug. Dann ein zweiter. Ich bin kurz davor, die Augen zu schließen, das Mädchen bei der Hand zu nehmen und zu sagen: Geh, geh, geh. Diesmal wird er zurückschlagen, unser Junge, und ich weiß nicht, ob du eine weitere Niederlage verträgst. Ich weiß nicht, ob –
Aber dann senkst du den Kopf, ganz plötzlich. Als hätte jemand die Fäden durchtrennt, die dich halten. Ein Seufzen; ein schroffes Nicken Richtung Tür.
Na los, ab mit euch. Macht was aus dem angebrochenen Abend. Schreibt ein paar neue Geschichten, anstatt euch weiter unsere ewig gleichen anzuhören.
Ich stehe wie erstarrt. Es sind mehr zusammenhängende Worte, als du wohl seit Jahren gesprochen hast, und der Junge gafft dich an. Schluckt. Blinzelt ein paar Mal nervös, bevor er nickt.
Woll, Sir. Das machen wir.
Dann nimmt er das Mädchen am Arm, schüttelt mir die Hand, als sei ich eine Fremde, so wie er es bei dir immer tut, und marschiert hinaus. Hinter mir knackt das Holz im Kamin. Draußen vor dem Fenster löscht der Himmel die letzten Flammen des Abendrots.


vii.

Von der Veranda aus sehen wir zu, wie sie davongehen, Yolanda und der Junge, hinein ins ersterbende Blau des Horizonts. Seite an Seite gehen sie, und Seite an Seite stehen auch wir da im Halblicht: ich, pferdegesichtig und fast verborgen hinter dem Pfosten, der das Dach hält; du, rauchend und völlig reglos, schmal und hager wie ein Präriewolf.  
Ich frage mich: Wenn sie zurückblickten zu uns beiden, was würden sie wohl sehen?
Stures Pflichtbewusstsein, vermutlich. Alte Liebe auf dem absteigenden Ast. Zwei, die aneinander – am Leben – gescheitert sind.
Und da überkommt es mich plötzlich. Wir waren auch mal –
Ja, sagst du leise und kommst ein bisschen näher. Ja, das waren wir.
Deine Stimme krächzt so sehr, dass ich die Worte erst kaum verstehe. Unsere Schultern berühren sich in der Dämmerung, und einen Moment lang kriege ich keine Luft.
Wir kennen uns zu gut, das ist das Problem. So viel Vergangenheit in allem, was wir tun. So entsetzlich viel.  
Der Junge hat Papa zu dir gesagt, früher. Ich frage mich, ob er’s je wieder tun wird.
Ruckartig mache einen Schritt zur Seite, fort von dir: wie ein Blechmännchen mit einem Schlüssel im Rücken. Mein Körper ist bedacht darauf, Abstand zu halten, viel mehr als mein Herz es je könnte; meine Beine bewegen sich wie von selbst.
Ich bin sicher, du hast gesehen, wie jämmerlich mein Lächeln war.


viii.

Mitten in einer Winternacht schlägt der Hund an. Es ist ein Kläffen, ein Heulen, das über die ganze frostbedeckte Ebene hallen muss; und obwohl dir das Bein in der Kälte schlimmer zu schaffen macht, bist du schneller aus dem Bett als ich. Natürlich. Du schläfst wie ein Soldat – fest, aber niemals tief.
Ich verbrenne mir die Finger, als ich das erste Streichholz anreiße. Pusten, scharf Luft holen: dann ein zweites. Die Öllampe wirft flackernde Schatten auf die Wände; du zitterst am Rande ihres Brennkreises wie eine Fata Morgana, als du dir den Mantel überwirfst und mit unstetem Blick zu mir hinüberspähst.
Kommst du?
Die Dielenbretter sind wie Eis unter meinen Fußsohlen. Wir wissen nicht, was da draußen vielleicht lauert; die nächsten Nachbarn sind meilenweit weg.
Wieder der Hund.
Ich sehe zu dem Platz über der Tür hinauf, wo früher die alte Winchester gehangen hat. Du hast sie in den Schrank verbannt, gleich nach deiner Rückkehr, und seitdem nicht mehr angesehen. Es bestand keine Notwendigkeit dazu – ich glaube, wir waren beide gleichermaßen froh darüber. Trotzdem habe ich geübt, heimlich: für den Fall der Fälle. Wenn es hart auf hart kommt, sollte einer von uns da sein, dem der Finger am Abzug nicht zittert.
Und auch jetzt muss ich diejenige sein, die es ausspricht. Wir sollten vielleicht besser –
Ja, murmelst du hastig. Sicher.
Du humpelst hinüber zum Schrank und nimmst das Gewehr heraus, prüfst mit ruhigen Fingern den Mechanismus. Schwerfällig, aber geht. Muss gehen.
Deine Handgriffe wirken routiniert, schlafwandlerisch gar, doch trotzdem habe ich Angst. Ich bin paranoid geworden in all den Jahren hier draußen: all den Jahren, in denen nichts passiert ist. Auf dich ist kein Verlass mehr, das habe ich inzwischen begriffen.
Als du die Tür aufreißt, trifft die nächtliche Kälte uns beide wie ein Schlag. Ein schneidender Wind fegt ums Haus und treibt uns einen Schwall Schneeflocken vor die Füße.
Der Schein der Öllampe zittert über den Dielen. Du starrst hinaus in das Dunkel und sagst: Bleib‘ hinter mir.
Die alten Rollenbilder. Wir können’s versuchen – nur immer wieder versuchen.


ix.

Früher hast du auf die Kojoten geschossen, die sich auf unser Land verirrten: freudlos zwar, aber mit sicherer Hand. Das Exemplar jedoch, das halb verdreht zwischen zwei Zaunlatten in der Nähe des Hühnerverschlags hängt und blutet von den Bissen des Hundes, sieht so erbärmlich aus, dass wir beide stockend stehen bleiben im reifbedeckten Gras.  
Nur ein mattes Hecheln verrät, dass das Tier noch lebt. Unter seinem braungrauen Fell zeichnet sich jede Rippe ab; das gesplitterte Brett im Zaun, das wir längst auswechseln wollten, hat ihm die Flanke aufgerissen. Unser Hund sitzt daneben, das Maul noch blutbefleckt, und knurrt bei jedem Zucken der schmalen Pfoten.
Ich rufe ihn zurück. Ich bin kein zartes Pflänzchen, ganz sicher nicht, aber irgendetwas an der Szene dreht mir den Magen um.  
Und auch du siehst kaum hin. Wir machen’s besser schnell.
Wortlos reichst du mir die Lampe, damit ich dir leuchten kann. Legst das Gewehr an, zielst – und hältst inne.
Der Kojote hat seinen Kopf im Gras abgelegt, die Schnauze weiß vom Frost. Seine bernsteingelben Augen sind halb geschlossen. Kein Jaulen, kein Winseln. Nur wartend.  
Einen Moment lang habe ich den Eindruck, du würdest dich gern dazulegen.


x.

Es dauert, doch schließlich hältst du mir das Gewehr hin. Hier. Du musst – ich kann das nicht.
Nein, sage ich.
Du musst, sagst du wieder, und als ich protestieren will, schüttelst du bloß den Kopf. Ich weiß, dass du’s kannst. Du hast geübt. Ich hab’s gesehen.
Eine absurde Scham ergreift mich. Verlegen um eine Antwort lasse ich den Blick schweifen und lande mangels Alternativen erneut bei dem Kojoten, der noch immer in unserem Zaun festhängt und atmet. Es ist viel Blut, ja; doch bei näherer Betrachtung scheinen die Wunden nicht so tief zu sein wie ich zunächst dachte. Vielleicht … ja, vielleicht.
Ich verschränke die Arme, trotzig wie ein Mädchen. Und wenn ich nicht will?
Du blinzelst, ganz verwundert. Das kennst du von mir nicht. Ich kenne es kaum von mir selbst.
Aber du hältst mich nicht auf, als ich ohne eine Erklärung in Richtung Zaun stapfe; packst lediglich den Hund fester am Halsband und schaust mir zu, wie ich vorsichtig beginne, das kaputte Brett an seinem Nagel zu lockern – so viel Abstand wie möglich haltend zwischen mir und dem verletzten Wildtier mit den spitzen Zähnen.
Dann ist es lose genug, um es zur Seite schieben zu können. Der Kojote sieht zu mir auf, hechelnd, mit Augen wie aus Glas, ehe er sich auf die Pfoten müht. Er schnüffelt, leckt sich die blutende Flanke, die Freiheit erst langsam begreifend. Ich kann nur hoffen, dass er mich zum Dank nicht beißt.
Wie festgefroren stehe ich da und betrachte ihn. Vielleicht ist es grausam, was ich getan habe: ein angeschlagenes Tier zurück in den Kampf ums Überleben zu schicken. Vielleicht wäre es gnädiger gewesen, ihn zu erlösen. Doch obwohl er bei jedem Schritt zusammenzuckt, ist er stark genug, ins Dunkel des Schneegestöbers davonzuschleichen, und ich hoffe, das ist es, was am Ende zählt. Dass er allein wieder aufgestanden ist. Dass es seine Entscheidung war, weiterzumachen.


xi.

Für sein Rudel ist er nutzlos, sagst du, als ich zurückkomme. Die werden ihn bei nächster Gelegenheit zurücklassen.
Vielleicht, sage ich. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht überlebt er. Was immer es ist – die Zeit wird’s entscheiden. Nicht ich.
Du schnaubst.
Wenn er überlebt, sagst du trocken, dann kommt er im Frühjahr wieder und frisst uns die Hühner auf.
Vermutlich. Ich lache leise – selbst ganz erschrocken darüber, wie leicht das immer noch geht. Dann streife ich dich mit einem Blick, länger als sonst. Wir waren schon immer ein Paar weichherziger Narren, nicht wahr?
Ein Lächeln flackert auf in deinen Zügen: schief und müde, aber ein Lächeln. Wenn wir’s uns erlauben konnten – immer.
Ich weiß, dass du nicht nur das Geld meinst. Deine Augen sprechen von Krieg und entbehrungsreichen Jahren, in denen Freundlichkeit keine Option war; von der Härte, die sich mit der Zeit eingeschlichen hat in unserem Denken, uns schroff und rau gemacht hat wie das Land, auf dem wir leben.
So ein weiter Himmel. Wenn auch geschwärzt von der Nacht.
Ist‘s sehr schlimm für dich?, fragst du schließlich matt.  
Was?, frage ich.
Dass ich nicht mehr … bin, was ich mal war. Dass du – helfen musst. Mehr als früher.
Ich weiche aus, wie immer. Es ist anders, sage ich. Und ändern können wir’s sowieso nicht. Wir können bloß damit leben – oder es lassen. Unschlüssig fahre ich mir durchs Haar, das wie deines inzwischen erste Fäden von Silber spinnt. Die Welt baut Zäune. Wir werden drin hängen bleiben, früher oder später, ganz unvermeidlich. Und alt werden wir allmählich beide.
Du nickst und starrst ins Schneetreiben hinein, das unseren kleinen Lichtkreis mit Unruhe erfüllt und im Finstern ausufert bis ins Nirgendwo. Keine Horizontlinie, kein Oben und Unten: nur Chaos. Es schwindelt mich, wenn ich zu lang hineinsehe.
Na, komm, sage ich. Lass uns reingehen. Ist doch viel zu kalt hier draußen.
Hm, sagst du. Ja. Wahrscheinlich.


xii.

Später liegst du neben mir im Bett und siehst mich an. Scheu. Zögerlich. Lehnst dich herüber und tastest nach meiner Hand, meiner Wange, meinem Haar. Das hast du ewig nicht mehr getan.
Lässt du mich …?
Ich weiß nicht, wofür du dich schämst. Die Narben auf dem mageren Rücken, das Grau im Haar, das schief zusammengewachsene Bein. Die Angst, die Albträume, die Wut.
Du küsst mich wie ein Fremder, und als du mich anfasst mit deinen rauen, kalten Händen, zucke ich doch zurück, obwohl ich innerlich darauf vorbereitet war. Dich nicht enttäuschen, nicht noch mehr wegstoßen, den Riss zwischen uns nicht noch vertiefen wollte. Aber es geht nicht um dich hier, das merke ich jetzt ganz deutlich. Es geht um mich – und um das, was ich noch ertrage.  
Schon gut, sagst du und drehst den Kopf weg. Ich wollte nicht –
Nein, sage ich ein bisschen verzweifelt. Nein, tut mir leid, ich –
Wir sehen uns an.
Willst du noch, fragst du heiser.
Will ich noch, denke ich. Will ich noch.
Vor dem Fenster kriecht milchig weiß das erste Licht über den Horizont. Du fühlst dich leicht an über mir, knochig wie ein junger Vogel, und die Haare stehen dir wie Federn vom Kopf. Zum ersten Mal seit Monaten kann ich wieder einen anderen in diesen Zügen erkennen, jemand Jüngeren, Sanfteren, und sehe doch am Ende nur dich.
Ja, ich will.
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