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... wie ein Flügelschlag auf nackter Haut

GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P18 / Het
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München OC (Own Character)
05.12.2020
15.04.2021
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07.04.2021 2.738
 
Es geht immer vorwärts!


Seine Frau an seinem Krankenbett – das war eine logische Konsequenz aus dem Telefonat mit Maren. Das hätte mir doch klar sein müssen! Auch dass ihn seine Frau wieder nach Deutschland holen wollte, klang nachvollziehbar. Sie war seine Frau, er ihr Mann. Was regte ich mich also so auf? Ich hatte da wirklich nichts mehr zu suchen.

Ich zwang mich dazu, das Krankenhaus ruhigen Schritts zu verlassen ohne mich noch einmal umzusehen. Ich trat auf die Straße, sah mich um. Der einzige Weg, den ich kannte, war der zu Hans' Wohnung. Schöne Scheiße.

Zum Glück hatte ich aber meinen Rucksack mit meinen Sachen dabei, sodass ich nicht noch einmal  dorthin musste. Ich rannte zu einer Bushaltestelle und dachte nur einen Augenblick lang darüber nach, was ich jetzt tun sollte. Ich allein in Israel? Ich fuhr mir über den Mund. Dann stand mein Entschluss fest, denn ich hatte keine Alternative. Ich zog mein Handy aus der Tasche und tippte Gennas Nummer.

„Hey Genna, ich komme heute doch schon zurück. Kann mich jemand abholen?“, schnappte ich hastig.

Mein Herz hämmerte mir in den Ohren.

„Natürlich, ich komme. Geht es Hans besser?“

„Er wird nach Deutschland zurück gehen.“

„Was?“

„Seine Frau ist gekommen, um ihn zu holen.“

„Ach so, seine Frau ...“, entgegnete sie.

Ja, seine Frau. Aber es war seltsam. Ich fühlte mich frei, fast glücklich, als ich auflegte. Ich würde hier bleiben und versuchen, meine Leben in den Griff zu bekommen. Ja, aber gleichzeitig fühlte ich, dass dieser Zustand nicht ewig anhalten würde. Irgendwann käme das Loch. Es war schon immer so gewesen. Zuerst das Hochgefühl, dann der Fall. Und davor hatte ich Angst. Ich befand mich noch in der Phase, in der ich hoffte, dass alles doch ganz anders käme, dass er plötzlich wieder vor mir stünde und mir sagen würde: „Ich bleibe, ich habe mich für dich entschieden.“

Das hoffte ich, als ich am Strand spazieren ging, auf Genna wartete und meinen Blick nicht heben konnte, als ich an der Nachtbar vorbeikam, in der Hans und ich getanzt hatten. Das hoffte ich auch, als ich in ihrem Auto saß und sie mich zurückfuhr. Ich klammerte mich noch immer an den Gedanken, als ich später wieder in meinem Gästehausbett lag. Es war schon Abend. Ich lag auf der Seite und sah der Dämmerung entgegen. Kein Anruf, keine SMS. Nichts. Vielleicht hielt ihn seine Frau davon ab? Vielleicht aber wollte er auch nicht. Wo war er jetzt? Schon auf dem Heimflug oder noch in seiner Wohnung?

Verdammt, je mehr Gedanken ich mir darüber machte, desto schlechter fühlte ich mich. Ich war allein hier in Israel. Tränen kamen und auch wenn ich wusste, dass ich mir eigentlich nur selbst leid tat, ließ ich es zu, dass ich weinte. Ich brauchte das. Jetzt, in diesem Augenblick. Es war einfach zu viel Scheiße passiert. Alles Scheiße. Hier. In Deutschland. Ich biss mir auf die Unterlippe und klammerte mich an diesen Gedanken. Vor allem in Deutschland. Ich hatte mich schon so lange nicht mehr bei ihr gemeldet. Nancy. Warum hatte ich damals nicht weiter nachgehakt? Warum war ich nicht dran geblieben, als mich Jürgen abgefrühstückt hatte? Warum hatte ich mich nicht um sie bemüht? Ich wählte ihre Nummer. Es klingelte. Ich lauschte, wartete, fieberte diesem einen Augenblick entgegen. Sie musste doch abnehmen. Sie konnte doch nicht ewig schweigen. Aber es tat sich nichts am anderen Ende der Leitung. Ich keuchte. Warum? Was war los? Und als ich mir diese Fragen stellte, spürte ich wie es in mir zu toben begann. All das Verdrängte kam plötzlich wieder über mich. Sie meldete sich nicht. Weil … Weil … Aber ich hatte ihr doch nichts getan. Oder doch? Vielleicht war es gut, dass sie nicht ans Telefon gegangen war. Denn was hätte ich ihr denn auch sagen sollen? Wahrscheinlich war sie mir böse. Sie war sauer, weil ich sie verletzt hatte. Ja, aber wie denn? Ich hatte doch nach Israel gehen müssen. Mir war doch gar keine andere Wahl geblieben. Oder doch? Was hatte sie denn von mir verlangt? Dass ich ewig bei Siemens putzen gehe und mich von Wolf ficken lasse?

Ich griff mir an den Mund. Ich wollte mit ihr sprechen. Unbedingt! Aber ich spürte auch eine Wut in mir gegen sie. Wie konnte sie nur so egoistisch sein! Wenn es das wirklich war und sie mich nur in München hatte halten wollen, dann sollte sie der Donnerdrummel holen. Ich wählte Jürgens Nummer. Wieder tutete es, dann schnappte ich nach Luft.

„Ach Mia, meldet du dich auch mal wieder?“

Unwillkürlich musste ich lächeln. Mein Herz raste in meiner Brust. Jürgen. Seine Stimme. Heimat.

„Ja, Jürgen“, entgegnete ich. „Ich wollte mal hören, wie es euch ...“

„Gut, gut“, unterbrach er mich. „Und selbst?“

Ich nickte und begann im Raum auf und ab zu laufen. Ich konnte jetzt nicht still sitzen bleiben.

„Hmmm. Ich bin jetzt in Talitha Kumi und arbeite in diesem Kindergarten“, sagte ich.

„Das klingt gut. Lernst du was?“

Jürgen wirkte zwar ruhig, aber ich spürte auch, dass wir keine richtige Vertrautheit mehr zu einander hatten. Ganz klar, wir mussten uns erst wieder aneinander herantasten.

„Ja, sehr viel. Was macht dein Projekt in Sachen Hartz-IV?“

Jürgen schnaubte. „Da du ja nun weg bist, muss ich mir andere Opfer suchen. Aber es läuft. Muss halt dran bleiben. Du, was hast du eigentlich mit meinem Nachbarn gemacht? Der ist gerade wieder angekommen mit seiner Frau ...“

„Was?“

Also war es wirklich so. Hans wieder in Deutschland. Ich spürte, wie mir das Blut augenblicklich in den Kopf schoss. Ich musste mich setzen.

„Ja. Weißt du nichts darüber?“

„Hmmm ...“, brachte ich hervor. Ich wollte jetzt nicht darüber sprechen, geschweige denn darüber nachdenken.

„Man, man, man … jetzt wird wieder das Gekeife los gehen und dann diese ellenlangen Klavierabende … Ehrlich, als diese Bratzen allesamt ausgeflogen waren, gings uns hier besser“, lachte Jürgen.

„Wie geht’s Nancy?“, platzte es plötzlich aus mir heraus.

„Hat sie sich nicht bei dir gemeldet?“

„Nein!“

„Komisch, das wollte sie doch.“

„Was macht sie? Wie geht es ihr?“

Jürgen schwieg wieder, so wie damals.

„Jürgen bitte.“

Wieder war ich aufgesprungen und lief im Zimmer auf und ab.

„Mia, sie hat sich auch lange bei uns nicht gemeldet. Aber sie ist in Frankreich.“

Jürgens Stimme klang belegt.

„Was?“

„Ja, bei ihrem Vater. Mehr weiß ich leider nicht.“

„Ich hab eben versucht sie anzurufen“, stotterte ich. „Aber sie geht nicht ran.“

„Wolltest ihr wohl sagen, dass ein gewisser Herr Nachbar wieder mit seiner Frau zusammen ist ...“

Ich keuchte.

„Entschuldige bitte“, schickte Jürgen hinterher.

Ich begann an meinem Daumennagel zu knabbern. Jürgen war meine letzte Hoffnung gewesen. Nun konnte ich doch nur wieder hoffen, dass sie sich meldete. Aber was mich noch mehr aufwühlte, war die Tatsache, dass Hans tatsächlich wieder in Deutschland war. Und er hatte weder angerufen noch mir SMS geschickt. Ich biss mir auf die Unterlippe.

„Wollt ihr mich mal besuchen kommen?“, hörte ich mich Jürgen fragen.

„Na sicherlich“, war die Antwort. „Was denkst du denn, warum wir dich überhaupt nach Israel hatten gehen lassen.“

„Um mich besuchen zu kommen“, vervollständigte ich den Satz.

„Falsch!“, entgegnete Jürgen und lachte laut auf. „Um jemanden zu haben, der uns durchs Land führt.“

„Och“, machte ich und ging dankbar auf sein Spiel ein. „Da kenne ich einen Besseren.“

„So, wen denn?“, kams neugierig.

„David.“

„David? Welcher David?“

Ich sah Jürgen förmlich vor mir, wie er da mit leicht geöffnetem Mund neben dem Telefon stand und nur darauf wartete, dass ich etwas sagte. Ich lächelte.

„David, ein Kollege von diesem Arsch … Sorry.“

Ich schreckte vor meinen eigenen Worten zurück. Doch Jürgen ging gar nicht darauf ein.

„Wie sieht er denn aus?“

„Etwas größer als ich. Schwarze Augen, schwarze Haare.“

„Hmmm ...“, machte Jürgen. „Also süß.“

„Ja. Ja, schon.“

„Und ihr versteht euch gut?“

„Ja“, entgegnete ich.

Jürgen lachte nur leise und ich verstand, was er mir sagen wollte.

„Also, wann kommt ihr?“

„Erstmal sehen wir uns nach Flügen um, dann rufe ich dich noch einmal an, okay. Und du, versuchs weiter bei Nancy, okay?“

„Jürgen, was war damals mit Nancy los?“, schoss es aus mir hervor. „Bitte sags mir.“

„Mia“, setzte er an. „Das soll sie dir selbst sagen. Ich kann dir nur soviel sagen: Ihr geht es gut. Und du musst dir keine Sorgen um sie machen. Beruhigt dich das ein bisschen?“

Verdammt, war ich denn nur von Irren umgeben? Erst Hans. Jetzt Nancy. Was hatte sie damals angestellt? Ich ließ mich nach dem Gespräch aufs Bett fallen. Ich war müde. Einerseits fühlte ich mich erleichtert, dass Jürgen und Dietmar bald zu mir kommen wollten. Andererseits war da auch diese Leere in mir. Hans war wirklich wieder in Deutschland. Wäre es nicht meine Geschichte gewesen, ich hätte darüber gelacht. Aber so … Scheiße! Alles Scheiße!

Ich verbat mir in dieser Nacht die Träume und Gedanken an Hans. Stattdessen versuchte ich mir einzureden, dass er niemals, in keinem Augenblick, den er mit mir verbracht hatte, wirklich die Wahrheit gesagt hatte. Und empfunden hatte er für mich nichts. Wie denn auch? Er war krank. Und wie David schon gesagt hatte: In Israel gab es weniger gute Nervenärzte als in Deutschland. Nur einmal spielte ich in der Nacht mit den Gedanken, ihn am nächsten Morgen anzurufen. Aber ich verwarf ihn sogleich wieder. Jetzt, da seine Frau wieder bei ihm war, war er für mich nicht mehr erreichbar.

Ich lag auf dem Rücken, meine Hände auf meinem Bauch. Morgen würde für mich ein neues Leben beginnen. Ein Leben ohne Hans. Ob mir das nun gefiel oder nicht. Ich musste da durch. Ich würde hier bleiben. Hier in Israel und alles dafür tun, um hier auch auch die Ausbildung zur Erzieherin machen zu können.

Und ich würde dieses Kind … Ich stockte. Ich war mir noch immer unsicher, was ich eigentlich wollte. Dieses Kind? Es würde mir meinen Plan kaputtmachen, so schnell wie möglich mit meiner Ausbildung beginnen zu könne. Wovon sollte ich denn leben, wenn ich dieses Kind wirklich bekam? Das hatte ich mir noch gar nicht überlegt. Wenn ich nicht arbeitete, bekäme ich auch kein Geld. Scheiße! Und ich war bereits im zweiten Monat.

Viel Zeit aber blieb mir nicht, um über diesen ganzen Mist nachzudenken, denn am nächsten Morgen eröffnete mir Genna, dass ich bald eine Zwischenprüfung hätte.

„Du kannst es dir aussuchen, entweder erarbeitest du ein kleines Angebot für die Kinder. Da würde sich Ostern anbieten. Was kann man in Vorbereitung auf Ostern machen? Wie kann man den Kindern das Auferstehungsfest nahe bringen? Oder ...“

„Aber wir haben doch auch Muslime in der Gruppe“, unterbrach ich sie.

Sie nickte. „Eben das ist Schwierigkeit. Du müsstest dir also überlegen, wie du beiden Gruppen das christliche Osterfest so näher bringst, dass sich die Muslime nicht ausgeschlossen fühlen.“

Ich nickte und blies die Backen auf. Puh, das klang ja ziemlich kompliziert. Bisher hatte ich mit den Kindern ja nur gespielt und herum getobt. Da spielte Religion keine Rolle.

„Keine Angst. Das hört sich komplizierter an, als es ist“, lächelte Genna. „Ich würde dir helfen. Na ja, und das andere wäre, dass du deine Beobachtungen zum Verhalten eines Kindes aus der Gruppe in bestimmten Situationen festhältst.“

Unsere Blicke trafen sich und unwillkürlich musste ich lächeln. Klar, das klang gut, das klang einfach. Das konnte ich.

„Nicht deine beiden Mädchen“, fuhr Genna fort und ich seufzte.

An diesem Morgen befasste ich mich also erstmals mit Muhamad, einem kleinen dreijährigen Jungen. Genna hatte mir nichts weiter zu ihm gesagt, um mich unvoreingenommen an die Arbeit gehen zu lassen. Nun sah ich mich der Schwierigkeit gegenüber, dass Kalilia und Fatima ständig um mich herum waren und mit mir spielen wollten und ich gleichzeitig Muhamad beim Spielen, beim Essen, bei der Beschäftigung, bei der Ausübung der religiösen Riten und im Verhalten mit den anderen Kindern beobachten musste. Ich setzte mich also in eine Ecke des Raumes, auf den Knien eine Kladde und begann den kleinen Jungen zu beobachten. Dann machte ich mir Notizen. Dann beobachtete ich ihn wieder. Aus Angst, ich könnte irgendetwas wichtiges übersehen, hockte ich nur in meiner Ecke und starrte das Kind an.

„Kommst du spielen?“

„Kann leider nicht“, entgegnete ich.

„Warum?“

„Ich muss arbeiten.“

Kalila stand genau neben mir. Ihre kleine Hand ruhte auf meiner Schulter.

„Was musst du denn arbeiten?“

„Muss was schreiben.“

„Das?“, fragte sie und patschte auf das Blatt Papier. Sie hatte schon so viel Zutrauen zu mir, dass sie sogar danach griff. Ich nickte und entzog ihr mein Blatt.

„Das ist etwas ganz Wichtiges“, entgegnete ich.

Sie machte große Augen. „Was denn?“

„Das ist ein Bericht“, erklärte ich leise.

Schon war auch Fatima neben mir.

„Oh, was ist denn das?“

Beide starrten mich neugierig an und ich wusste einfach nicht, wie ich den beiden erklären konnte, was ich hier tat und dass ich meine Ruhe benötigte.

Genna aber war mein rettender Engel. Sie berührte mich am Arm.

„Komm mal kurz mit.“

In ihrem Büro ließ sie sich auf ihrem Sessel nieder.

„Mia“, begann sie. „Ich habe dich die ganze Zeit beobachtet.“

Ich riss die Augen auf. Das hatte ich ja gar nicht bemerkt.

„So wie du das machst, ist es nicht gut. Du musst lernen zu beobachten, auch wenn du beschäftigt bist.“

Ich sah sie mit offenem Mund an. Sie aber nickte.

„Ja, lass deinen Zettel hier. Setz dich nicht in die Ecke, sondern spiel mit den Kleinen so wie immer. Und beobachte Muhamad dabei. Und am Nachmittag machst du ein Gedächtnisprotokoll. Das eine ganze Woche lang und dann … fertig ...“, sagte sie plötzlich auf deutsch.

„Nein“, stieß ich hervor und klatschte mir gegen die Stirn. Das war ja vielleicht eine Scheiße, die ich da verzapft hatte. Ich starrte auf mein Blatt. Was stand denn da schon?

Muhamad geht oft aufs Klo. Muhamad spielt gern mit Autos. Muhamad zieht an den Zöpfen von Maria …

Genna nickte. „Du hast beobachtet, aber du hast den Jungen nicht kennengelernt.“

„Verstanden“, entgegnete ich.

Für den Rest des Tages hatte ich einen dritten Spielkameraden. Aber ich bezweifelte, ob mich dieser Weg näher an mein Ziel brächte. Manchmal war es wirklich schwer, mit Genna zusammen zu arbeiten, auch wenn ich ihre lockere Art mochte. Aber ich hatte doch von all dem keine Ahnung, was ich hier tat. Was sollte ich denn aufschreiben? Genna zuckte in diesem Augenblick nur mit den Schultern. Zum ersten Mal half sie mir nicht.

„Du musst wissen, was wichtig ist. Stell dir immer die Frage, wie verhält sich der Junge. Und achte darauf: Binde ihn nicht an dich, sonst ist das Ergebnis verfälscht.“

Verdammt, genau das, was ich befürchtet hatte. Wie aber sonst?

So als habe sie meine Gedanken erraten, fuhr sie fort: „Abstand. Du bist die Erzieherin und sie sind die Kinder. Du bist gut zu den Kindern. Du kannst mit ihnen spielen. Aber du musst darauf achten, Grenzen zu setzen, damit sie verstehen, dass du Erzieherin bist. Trotzdem kannst du weiter mit ihnen spielen. Aber du bist Erzieherin.“

Sie lächelte mich an.

„Morgen wieder ein Tag.“

Ich nickte und nahm mir meine Aufzeichnungen noch einmal vor.

„So, es ist Feierabend“, wandte sich Genna einen Augenblick später an mich.

Ich sah auf und in diesem Augenblick beschlich mich ein seltsames Gefühl. Feierabend. Wollte ich überhaupt Feierabend haben? Was sollte ich denn nachher allein auf meinem Zimmer tun? Was sollte ich überhaupt tun?

„Genna“, stieß ich hervor. „Hast du heute Zeit?“

Doch sie schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Diese Woche ist es schlecht. Nächste.“

Mist! Und zu einer anderen Kindergärtnerin hatte ich nicht den Kontakt. Ich war allein. Nach all den Wochen, die ich hier schon verbracht hatte, war ich noch immer allein. Einsam.

Mein Zimmer im Gästehaus kam mir plötzlich so kahl vor. Richtig mies. Klar, ich hätte rausgehen können. Aber wohin denn bitte? David war noch nicht da. Und Eyal Golan konnte ich ja auch nicht den ganzen Nachmittag hören. Außerdem erinnerten mich seine Lieder zu sehr an Hans. Wenn ich nur ein eigenes Auto hätte, dann könnte ich wenigstens herum fahren. Denn selbst wenn ich nach Bethlehem wollen würde, bräuchte ich ein Auto. Wie sollte ich diesen Nachmittag verbringen? Wie hatte ich die vorhergehenden verbracht? Ich war müde, aber zu aufgewühlt, um schlafen zu können. Ich rieb mir die Stirn. Und gerade in dem Augenblick, als ich mich zur Ruhe zwingen wollte – ich hatte mir Idan Yaniv angemacht –, schreckte ich auf. Das Handy klingelte. Mein Herz begann zu rasen, als ich es hervor fingerte. Wer war es? Hans? Hans. Nancy?

„Ja, bitte“, würgte ich hervor.

„Hallo, Mia, hier ist Wolf.“
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