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... wie ein Flügelschlag auf nackter Haut

GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P18 / Het
Die deutsche Nationalmannschaft FC Bayern München OC (Own Character)
05.12.2020
13.05.2021
72
174.119
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07.04.2021 2.263
 
Hiob


„Hans“, stoße ich hervor und traue meinen Augen nicht.

Er sitzt nur da, kauert auf seinem Balkon, splitternackt. Auf seinen spitzen Knien ein aufgeschlagenes Buch. Er starrt mich an – mit weit aufgerissenen Augen. Sein Blick wie der eines gehetzten Tieres. Mich überläufts. Sein Lippen sind blau. Er zittert.

„Hans.“

Ich beiße mir auf den Zeigefinger.

Er öffnet den Mund, schiebt langsam seine Zunge hervor, keucht: „Ich bin schuldig.“ Seine Unterlippe hängt herab. „Schuldig“, wiederholt er.

Dann springt er plötzlich auf, so schnell, dass ich nicht zurückweichen kann und rammt mir das Buch in den Bauch.

„Aua“, schreie ich vor Schreck und Schmerz. Ich taumle zurück, kann mich kaum halten, lasse mich aufs Bett fallen. Das Buch klatscht auf den Boden. Die Bibel.

Hiob – lese ich.

Ich halte mir meinen Bauch. Habe so ein komisches Gefühl, gerade so, als würde mir schlecht werden. Es drückt von unten her nach oben. Ich sehe Hans an. Er vor mir leicht gebeugt. Die Arme vom Körper abgewinkelt. Und das Haar steht ihm wirr vom Kopf ab. Er keucht. Seine Augen … Er starrt mich an. Noch immer die eines gehetzten Tieres. Mein Bauch schmerzt. Er kommt langsam auf mich zu. Fast schleicht er.

„Schuldig“, stößt er hervor. „Schuldig.“

Sein Mund bewegt sich dabei kaum. Die Worte scheinen aus dem Nichts zu kommen. Schweben im Raum.

Wieder schlägt er sich auf den linken Oberarm. Ich zucke zusammen. Wieder und immer wieder. Wie damals auf Massada. Ich ziehe meine Beine hoch, umfasse meine Knie, ducke mich in die hinterste Ecke des Bettes. Er soll mich nicht berühren. Aber er kommt näher. Immer näher. Schon steht er vor dem Bett. Das Buch wieder in den Händen. Er taumelt leicht, als er zu lesen beginnt:

Warum starb ich nicht von Mutterleib an, verschied ich nicht, als ich aus dem Schoß herauskam? Denn dann läge ich jetzt da und wäre still. Ich schliefe – dann hätte ich Ruhe. Warum gibt Gott dem Mühseligen Licht und Leben den Verbitterten –, die auf den Tod warten, und er ist nicht da, und er ist nicht da, und die nach ihm graben mehr als nach verborgenen Schätzen, die sich bis zum Jubel freuen würden, Wonne hätten, wenn sie das Grab fänden.

Er keucht, lässt das Buch sinken, starrt mich wieder an. Ich schlucke. Will nur weg. Weg von ihm. Mir ist schlecht. Und mein Bauch schmerzt.

„Gott will nicht, dass ich sterbe“, bringt er hervor. Tonlos. Er lässt das Buch fallen und schlurft zur Balkontür.

„Hans“, stoße ich hervor. Und noch einmal „Hans!“

Er hält inne und stützt sich mit dem linken Arm gegen den Türrahmen. Mir ist schlecht, beiße mir auf die Unterlippe, erhebe mich.

„Nicht“, höre ich mich sagen.

„Schuldig“, nuschelt er.

Ich trete an ihn heran, packe seine Hand, versuche ihn wegzuziehen. Er sieht mich an. In seinen Augen erkenne ich Tränen.

„Hans.“

Ich bringe nur seinen Namen hervor. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, dass er plötzlich wieder neben mir liegt. Im Bett. Ich halte ihn fest. Sein Kopf ruht auf meiner Brust, seine Hand auf meinem Bauch. Mir ist noch immer schlecht. Ich versuche es hinunter zu schlucken.

„Sündig“, stößt Hans hervor und hebt den Kopf. Ins seinen Augen ein Flackern. Mich durchzuckts. Ich würde ihn gern wegstoßen. Er liegt wie ein großes Tier auf mir. Ein Raubtier. Aber die Tränen in seinen Augen. Das Zucken um seinen Mund. Ich halte ihn. Streichle ihn. Er zittert.

„Du nimmst jetzt ein Bad.“

Mein Stimme klingt hart, durchdringend.

Er nickt. Ich schiebe ihn weg, renne los. Ich kann's nicht mehr halten und kotze ins Waschbecken. Viel kommt nicht. Zum Schluss nur noch brennende Magensäure. Dann schnappe ich nach Luft. Hans hinter mir. Ich sehe ihn im Spiegel.

„Was hast du?“

Ich wische mir den Mund ab, schüttle den Kopf.

„Nichts.“

Wieder nickt er und lässt sich aufs Klo fallen.

„Spül dir den Mund aus.“

Ich tus, dann lasse ich ihm ein Bad ein.

„Ich kann mich nicht rein waschen“, stößt er plötzlich hervor. „Niemals.“

Ich wende den Kopf. „Warum sagst du so etwas?“

Er starrt aufs Wasser mit hängenden Lidern. Der Mund – leicht geöffnet. So sitzt er da. Nackt. Er wirkt alt. Schon wie ein Greis. Und er zittert.

„Weil“, beginn er plötzlich und holt einige Male tief Luft, so als müsse er Kraft schöpfen. „Weil ich schuldig bin.“

Er stößt es hervor zwischen zusammen gepressten Zähnen. Ich will weg. Nur weg.

„Warum bist du schuldig?“

Er sieht mich noch einen Augenblick lang an, dann senkt er den Kopf, lässt die Schultern hängen. Das Wasser rauscht in die Wanne.

„Komm“, bitte ich ihn. „Komm.“

Ich nähere mich ihm, strecke meine Hand nach ihm aus. Zögere. Doch dann berühre ich ihn an der Schulter, am Hals. Ich streichle ihm über den Kopf wie einem kleinen Kind. Er lehnt sich vor, umfasst meine Hüften und drückt sein Gesicht in meinen Bauch.

„Komm“, beginne ich wieder, nehme sein Gesicht in meine Hände.

„Du frierst doch.“

„Gott will mich leiden sehen“, entgegnet er.

Ich erkenne Speichel in seinen Mundwinkeln. Ich recke das Kinn. In mir beginnts zu kochen.

„Na und, deswegen kannst du dich doch trotzdem aufwärmen.“

Er zuckt zurück, starrt mich an.

„Komm mit.“

Wieder baden wir zusammen. Nur diesmal sitzen wir uns gegenüber. Er mit krummem Rücken vor mir, die Hände unter Wasser gefaltet, so als bete er. Und den Kopf hält er leicht schräg. Manchmal schließt er die Augen. Ich weiß nicht, was er denkt und fühlt. Ich verstehe ihn nicht. Das Wasser wird langsam kalt. Aber er tut nicht dergleichen. Ich lasse neues nach. Er holt tief Luft, sieht mich aber nicht an. Ich traue mich nicht, ihn anzusprechen. Er ist für mich wie ein Minenfeld. Eine Frage meinerseits und er könnte hochgehen. So schweige auch ich.

Das Band trägt er immer noch. Dieses verdammte Band. Es ist das Gleiche wie damals auf Massada. Ich erkenne es am Grauton. Ich beuge mich vor und beginne den Knoten zu lösen.

„Du kannst mich nicht frei sprechen!“

Dieser Worte kommen tief aus seinem Inneren. Fast wie ein Grollen hören sie sich an. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Schweige und löse den Knoten. Ich sehe ihn dabei an. Er aber hält den Blick gesenkt.

„Schuldig“, nuschelt er.

„Warum?“

Als wir später wieder nebeneinander im Bett liegen – ich halte ihn in meinen Armen – wird mir klar: Ich kann nicht nach Talitha Kumi zurück. Nicht heute. Und wann, das weiß ich nicht. Ich habe Angst. Aber ich kann nicht fortgehen.

„Vater sagte immer: Es leidet nur der, der vor Gott schuldig ist.

Ich schweige. Ich weiß nicht, was ich darauf sagen. Ich kenne mich in solchen Fragen nicht aus. Mir fehlt das Wissen. Ich kenne Hiob nicht, ich kenne die Bibel nicht. Meine Mutter wüsste, was zu tun ist. Mama. Ich schließe die Augen und spüre plötzlich ein seltsames Gefühl in mir.

Mama.

Wenn ich sie doch nur anrufen könnte. Jetzt. Aber das geht nicht. Ich kann ihr unmöglich sagen, was los ist. Sie würde sich Sorgen machen. Und das will ich ihr nicht antun. Nein. Aber sie wüsste, was ich Hans erwidern könnte. Aber ich kann es nicht. Ich kann nur da liegen und ihn festhalten, obwohl ich eigentlich gar nicht hier sein will. Weg. Wieder zurück nach Talitha Kumi in Sicherheit. Zu Genna und den Kindern. Hans vergessen. Vergessen? Ich schlinge meine Arme um ihn. Er schweigt. Ich schweige. So wird es Nachmittag. So wird es Abend.

„Ich hab dich lieb“, höre ich mich plötzlich sagen.

Hans reagiert nicht. Stattdessen dringen tiefe Atemzüge an mein Ohr. Er ist eingeschlafen. Ich betrachte ihn lange. Seine Lider zucken. Der Mund ist leicht geöffnet. Ein leises Schnarchen. Kann ichs wagen? Ich möchte so gerne. Muss. Ich fühle mich so einsam.

Ich tus einfach. Ganz langsam schiebe ich ihn weg und erhebe mich aus dem Bett. Plötzlich ein lauter Schnarcher, dann wirft sich Hans auf die andere Seite. Mein Herz macht einen Sprung. Hans schläft. Das sehe ich genau, als ich um das Bett herum gehe und ihm ins Gesicht blicke. Er schläft und ich berühre ihn an der Wange. Dann verlasse ich den Raum. Das Handy in der Hand. Ich fühle mich freier. Das Handy ist mir wie ein Fenster nach draußen.

„David, David“, stammle ich.

„Was ist denn los? Wie geht’s euch?“

„Scheiße“, stoße ich hervor und erzähle ihm von Hans.

„Sofort ins Krankenhaus“, kommt es prompt von ihm.

„Aber wie denn?“

Fast flenne ich.

„Ich kann doch kein Ivrit sprechen.“

Ich spüre, wie mir innerlich alles weg rutscht. Tränen treten in meine Augen.

„Ruhig“, kommts von David. „Ganz ruhig.“

Dann eine Pause. Ich zupfe mir an der Unterlippe. Wie Justus Jonas – schießt es mir durch den Kopf und ich kralle mich an diesem Gedanken fest.

„Ich regle das, Mia.“

„Ja“, entgegne ich matt.

Wieder eine Pause, dann: „Und ruf seine Familie an. Die müssen das wissen.“

„Ja.“

„Mia?“

„Ja?“

„Wenn ich wieder da bin, unternehmen wir was Schönes, ja?“

Seine Stimme klingt warm.

„Ja“, kann ich nur erwidern.

Wenig später klingelt es an der Tür. Ich öffne. Es sind die Ärzte. Ich starre sie an. Was soll ich ihnen sagen und vor allem wie. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Doch sie können Englisch. Gut. Ich stammle herum. Sie gehen ins Schlafzimmer, wecken Hans. Er springt auf, nuschelt etwas. Sie geben ihm eine Spritze. Und noch ehe er wieder eingeschlafen ist, wirft er mir einen Blick zu, den ich nicht deuten kann. Ich fahre diesmal nicht mit ins Krankenhaus. Ich kann das nicht. Ich werde ihn morgen besuchen gehen. Jetzt muss ich schlafen. Ich bin müde. Mein Bauch schmerzt noch immer. Kommt es davon, dass mir Hans die Bibel in den Magen gerammt hat?

Doch bevor ich mich schlafen legen kann, muss ich Maren anrufen. Ja, das muss ich. David hat es mir so aufgetragen. Und auch ich finde es vernünftig. Das Handy klingelt. Dann:

„Mensch, Mia, schön, dass du dich mal meldest.“

Sie klingt fröhlich, unbeschwert.

„Ja“, kann ich nur erwidern. „Du, deinem Vater geht es nicht gut. Er ist im Krankenhaus. Wieder.“

Ich kann jetzt nicht um den heißen Brei herumreden und alles in Blümchenpapier verpacken. Ich bin müde, ausgelaugt.

„Was?“, stößt sie hervor. „Was hat er denn?“

Sie tut mir leid in ihrer Bestürzung.

„Weiß ich nicht. Hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich weiß nicht. Komm bitte.“

Sie schweigt.

„Ja“, kommt es dann von ihr. „Ja … ich … oh, Mia.“

„Ja“, entgegne ich mechanisch.

„Ich bin in den USA. Ich kann gar nicht kommen.“

„Schön“, antworte ich gedankenlos.

„Was?“, schreit sie fast ins Telefon.

„Du hast dir deinen Traum erfüllt.“

„Ja ja. Was soll ich denn bloß tun?“

„Na, ich habs dir jedenfalls gesagt.“

Ich kann einfach nicht mehr.

Und als ich das Telefonat beendet hab, lasse ich mich nur noch aufs Bett fallen, schließe die Augen und kann nicht anders, als weinen.

Am anderen Morgen halte ich die Augen absichtlich geschlossen und versuche mir einzureden, dass Hans neben mir liegt. Schlafend, wachend, ganz egal. Hauptsache neben mir. Oder ich mit dem Kopf auf seiner Brust? Wir sind ein Paar. Und das hier ist unsere Wohnung. Das Bett, in dem ich liege, ist unser Bett. Und das Kind in meinem Bauch ist … Ich beiße mir auf die Lippen, öffne die Augen. Es ist ein trüber Tag. Wolkenverhangen. Ich setze mich auf. Es muss weitergehen. Es muss. Ich nehme mir mein Handy, rufe Genna an. Sie hat Verständnis. Ich solle kommen, wenn es mir wieder möglich ist. Gut. Danke.

Ich frühstücke, lange. Nage an meinem Brötchen, weil ich Angst vor dem Kommenden habe. Wenigstens tut mein Bauch nicht mehr weh. Wahrscheinlich war es nur die Angst.

Als ich später doch ins Krankenhaus gehe – ich muss, ich will – Hans – da sitzt jemand an seinem Bett. Schlanke Gestalt, dunkles, lockiges Haar. Ich erkenne sie erst nicht, denke nur Eine Krankenschwester ist sie nicht.

Erst als sie sich umwendet, weiß ich, wen ich vor mir habe.

Sie mustert mich kurz mit ihren blauen Augen. Auch ich betrachte sie. Keine von uns beiden sagt ein Wort.

„Mia“, kommts da aus dem Hintergrund. Ich wende mich ab. Hans lächelte.

„Sie sind also Frau Dresen. Ich bin ...“

„Ich weiß, wer Sie sind“, entgegne ich.

Sie stutzt. Ich reibe mir die Stirn. „Entschuldigen Sie bitte. Ich habe schlecht geschlafen.“

„Na, das kann ich mir vorstellen“, entgegnet sie.

Ihre Stimme klingt hell. Und wenn sie lächeln würde wäre sie hübsch. Ich will wieder gehen. Was soll ich denn hier? Hans hält ihre Hand, oder klammert er sich an sie?

„Dieses Lotterleben hat ja nun ein Ende“, beginnt sie wieder. „Du ...“, und sie wendet sich wieder Hans zu. „ … kommst jetzt mit nach Hause. So, wie wir es besprochen haben.“

Er schweigt.

„Mein Hansi“, höre ich sie flüstern.

Sie beugt sich über ihn.

„Ich bin ja wider da“, gurgelt sie. „Ich bin wieder da.“

Er lächelt sie an. Das sehe ich genau. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Er hält ihre Hand.

„Du kommst jetzt erstmal wieder mit nach Hause, dann packen wir deine Sachen und fliegen noch heute Abend zurück nach Deutschland, mein Schatz. Es wird wieder alles gut. So wie früher.“

Ich steh nur da und starre die beiden an, unfähig, etwas zu sagen. Sie küsst ihn auf die Stirn. Er lächelt. Sie küsst ihn auf die Wange. Er strahlt. Sie übersät ihn mit Küssen und er gluckst.

„Ich habe schon mit Doktor Steiner gesprochen. Er wird dir helfen können und dann wird alles wieder gut.“

Er nickt und sieht ihr tief in die Augen. Sie ist seine Frau und er ihr Mann. Sie sind ein Paar. Ich gehe.
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