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Mein erstes Weihnachten

OneshotMystery / P12
04.12.2020
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Mein erstes Weihnachten

Mary sagt mir, ich solle das Ganze einfach aufschreiben, bin mir zwar nicht sicher was das bringen soll aber vielleicht hat es ja einen tieferen Sinn und ich kann meine Gedanken dabei so sortieren, dass auch andere etwas damit anfangen können. Bislang habe ich diese Geschichte immer als eine Einheit verstanden, ein großes Ganzes, aber vielleicht wird sie wirklich verständlicher, wenn ich sie in kleinere Teile packe und nach und nach erzähle.

Es ist fast drei Jahre her, da habe ich mein erstes Weihnachten erlebt. Nein, ich bin nicht erst drei Jahre alt aber die Jahre davor war Weihnachten für mich in erster Linie ein Familienfest, viele Lichter, der Baum und Geschenke. Dann geschah etwas, was meine Meinung geändert hat, nicht so, dass all das Weihnachtsfeeling nicht mehr wichtig wäre oder nicht mehr existent aber es ist nicht mehr das Wichtigste, denn es gibt viel mehr was dazugehört, als nur die Lichterketten an den Geschäften und den Häusern in der Nachbarschaft. Es ist viel mehr aber ich will schon wieder alles auf einmal erzählen, also bremse ich mich jetzt und fange an dem Tag an, an dem meine Geschichte beginnt.

Es war ein Tag im Advent. Die Kinder hatten sich schon seit Tagen darauf gefreut, dass wir mit ihnen durch die Straßen ziehen, Schaufenster betrachten, Lichterketten bewundern und was man sonst noch so alles macht, wenn man im Advent durch die Straßen zieht.

Es war kalt an diesem Tag und die Kinder und wir waren warm eingepackt in dicke Jacken und jedes der Kids hatte seine Wollmütze auf. Die Kleinen hatten ihre Schals noch zusätzlich um den Hals geschlungen, nur Matt, der älteste, fühlte sich schon zu erwachsen und zog es vor, genau wie ich, auf den Schal zu verzichten. Jeanne, die jüngste, konnte sich gar nicht satt sehen an den vielen Lichtern. Sie war von allem fasziniert und dennoch etwas schüchtern, so suchte sie des Öfteren meine Hand. Sie gab ihr Sicherheit und allen Schutz dessen sie bedurfte. Matt redete ununterbrochen und erzählte mir von der Schule, von seinen Freunden, dem Sport und natürlich von seinen Wünschen zu Weihnachten. Mit seinen zwölf Jahren konnte er schon sehr erwachsen erscheinen. Marcy und Luke umschwirrten uns indes, wie ein Schwarm Mücken. Sie blieben vor Schaufenstern stehen, dann kamen sie uns hinterhergeeilt, überholten uns, nur um vor einem neuen, interessanten Schaufenster stehen zu bleiben.

Andere Schaufenster waren für die ganze Familie interessant und wir standen in breiter Front vor den Auslagen. Hin und wieder erklärte mir Jeanne was sie da alles sah. Sie tat dies so ernst, dass ich mein Grinsen unterdrücken musste. Schließlich wollte ich sie nicht kränken, wenn sie ernst die Vorzüge der ausgestellten Waren verkündete und wie schön es doch wäre, wenn sie dies zu Hause in ihrem Zimmer ausprobieren könnte.

Ja, Advent, das war für mich in erster Linie Familie. Mary sah es genauso und sie freute sich immer, wenn ich mir Zeit nahm, mit der Familie zusammen zu bummeln. Dabei war es gar nicht so, dass ich mich dazu zwingen musste, es machte mir ja auch Spaß und jede Minute mit den Kindern war kostbarer, als alle Schätze dieser Erde. Das einzige Problem war immer, mich freizuschaufeln von der Arbeit, was nicht immer ganz leicht war aber wenigstens ein Tag musste drinnen sein um mit der Familie diesen Bummel durchzuführen.

Der Höhepunkt dieses Tages war eindeutig das Heißgetränk, welches wir uns genüsslich aussuchten. Jedes der Kinder hatte ein bevorzugtes Getränk. Zum Glück gab es einen Laden in dem die gesamte Palette zur Auswahl stand. Mit großen Augen wurden die Becher entgegengenommen und andächtig daran geschnuppert. Der Geruch von Marzipan, Zimt, Karamell und ähnlichem durchströmte die Luft und ich konnte es nicht lassen, den Kindern nachzueifern und an meinem Tschai Latte zu schnuppern.

Für eine Weile setzten wir uns an den langen Tresen und tranken in kleinen Schlucken aus unseren Bechern, schließlich aber verließen wir die Kaffeebar und setzten unseren Weg fort, jeder mit einem Becher in der Hand und einem glückseligen Glänzen in den Augen. In diesem Moment wusste ich es wieder, Kinderaugen glänzen heller und strahlender als die Sterne am Himmel ja sogar mehr als die Lichter in den Schaufenstern.

Mit diesem Strahlen der Augen und einer wunderbaren Wärme im Herzen gingen wir in Richtung unseres Autos. Da sah ich ihn das erste Mal. Wir hatten die Lichter der Einkaufsstraße hinter uns gelassen und kamen an Rampen und Toren vorbei. Dort auf einem Stapel Paletten saß er, die Hände zwischen den Oberschenkeln um sie vor der Kälte zu schützen, leicht vorn übergebeugt. Der Parka sah abgetragen aus und der Blick, mit dem er uns ansah hatte etwas so Trauriges, dass es mir das Herz zuschnürte. Dann sah er auf und mir direkt in die Augen aber der Blick blieb nicht an den Augen hängen, sondern drang tiefer, durch das Herz hindurch direkt in meine Seele. Das Gesicht war von einem Vollbart umrahmt, die Haare waren lang und leicht gewellt. Es war nur ein kurzer Augenblick, dann waren wir an ihm vorbei. Ich drehte mich noch einmal um, doch der Mann sah nicht mehr zu mir herüber. Sein Blick war wieder abwärts auf den Boden gerichtet.

Ich lebe in einer großen Stadt und der Anblick von Obdachlosen war für mich nichts Außergewöhnliches aber der Anblick und vor allem der Blick dieses Mannes hatten mich aus der Bahn geworfen. Warum nur machte ich mir Gedanken um diesen Mann? Warum lebte er auf der Straße, wenn er es überhaupt tat? Dafür war er eigentlich zu ordentlich gekleidet. Wie ist sein Leben? Warum sah er so traurig aus? Doch was mir einen Schauer über den Rücken laufen  ließ war, auf welche Weise er traurig geschaut hatte. Er machte nicht den Eindruck, als wäre er wegen sich selbst traurig. Ich weiß, wie das klingt. Traurig ist traurig. Aber ich spürte irgendwie einen Unterschied, den Unterschied. Dieser Mann war nicht traurig, weil es ihm schlecht ging, er war traurig über die Welt um ihn herum, er war meinetwegen traurig. Ich wusste es aber ich konnte es nicht verstehen. Mir ging es gut, ich hatte eine tolle Familie, gesunde Kinder, eine liebevolle Frau, einen guten Job und, wenn ich ganz ehrlich war, sogar genug Geld. Warum sollte also jemand meinetwegen traurig sein? Ich wusste es nicht und ich wollte es auch nicht wissen. Ich schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte mich wieder auf meine Familie und unseren Einkaufsbummel, eine wichtige Besorgung stand ja noch aus.

Zugegeben, es gibt einfachere Methoden einen Weihnachtsbaum zu kaufen, aber für uns war es immer eine Sache, bei der jeder ein Mitspracherecht hatte. Bis sich alle auf einen Baum geeinigt hatten, dauerte es seine Zeit. Als Ältester hatte Matt schon einen guten Blick für die Anforderungen aber damit hatte er seine Geschwister noch nicht überzeugt. Die jüngeren hatten ganz andere Kriterien und irgendetwas war immer störend. Leicht frustriert suchte Matt einen nach dem anderen aus den Reihen aus. Jeanne hatte ihre ganz eigene Methode einen Baum auszusuchen. Sie schüttelte einfach energisch den Kopf und damit war auch der abgelehnt, den es gerade zu begutachten galt. Luke und Marcy wurde es langsam langweilig und Matt verlor langsam die Lust daran, immer neue Bäume vor die Familie zu stellen. Er seufzte abgrundtief, stellte einen Baum weg und kam mit einem neuen zum Vorschein. Jeanne legte den Kopf schräg und verkündete dann: „Der will zu uns. Den hab ich lieb.“

Matt atmete erleichtert aus und die beiden Mittleren nickten zustimmend. Damit war es entschieden. Sage noch einmal jemand, die Jüngsten hätten kein Mitspracherecht. Ich lud unsere Beute auf den Wagen und wir fuhren in Richtung Kassen. Jeanne streichelte auf dem ganzen Weg sanft über die Nadeln unseres diesjährigen Weihnachtsbaumes. Nach dem Bezahlen ging es schnurstracks zum Auto. Mary setzte die drei Kleinen ins Auto während mir Matt half, den Baum aufs Autodach zu hieven. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, er reichte nicht hoch genug um den Baum befestigen zu können.

Wie aus dem Nichts tauchte da der Mann auf, den ich auf den Paletten habe sitzen sehen. Er griff nach dem Baum und half, ihn aufs Dach des Autos zu bekommen. Dabei trafen sich unsere Blicke und die Traurigkeit war verschwunden aus seinen Augen, sie sagten nur: „Alles in Ordnung, zusammen schaffen wir das.“ Und mit einem Lächeln hatte er den Baum an der richtigen Stelle. Er half mir den Baum zu befestigen. Als es geschafft war griff ich nach meiner Brieftasche. Er aber schüttelte den Kopf, genauso energisch, wie Jeanne beim Aussuchen des Weihnachtsbaumes. In einer seltsamen Vertrautheit klopfte er mir auf die Schulter, sagte, dass er kein Geld haben wolle, es gern gemacht habe und alles gut sei. Dann wandte er sich ab und verschwand in der Dunkelheit des Parkplatzes.

Ich war zu verwirrt um noch etwas zu sagen. Matt, der abwartend danebengestanden hatte, trat neben mich und ich bat ihn einzusteigen. Bevor ich selbst einstieg, sah ich mich noch einmal um und entdeckte diesen Mann, wie er an der Straße entlanglief. Er war und blieb mir ein Rätsel. Tief in Gedanken setzte ich mich hinter das Steuer. Mary sah mich an. „Alles in Ordnung?“ „Ich weiß es nicht, es war so seltsam.“ Dann drehte ich den Zündschlüssel und tief in Gedanken versunken fuhr ich nach Hause.

*** ***

Ein paar Tage später fuhr ich zur Arbeit. Wie jeden Morgen staute sich der Verkehr vor jeder Ampel, viel Zeit, die es zu nutzen galt. Also rief ich einen Kunden an, mit dem ich sowieso telefonieren wollte. Er stand wohl an einer anderen Stelle dieser Stadt vor einer anderen Ampel, ideal um einige Dinge zu klären und zu erläutern.

Ein paar Autos vor mir sah ich einen Mann mit einem Pappschild, der wohl die Autofahrer um Geld anging. Natürlich taten mir die armen Kerle leid, doch wenn man einem etwas gab, musste man allen etwas geben und wer weiß, wofür er das Geld brauchte? Drogen? Alkohol? Tat man diesen Menschen einen Gefallen, wenn man ihnen Geld gab, oder stürzte man sie nur noch mehr ins Unglück? Ich tat, was ich meist tue in solch einer Situation. Ich nahm das Handy ans linke Ohr und schaute demonstrativ nach rechts.

Ich merkte aus den Augenwinkeln, dass der Mann kurz neben mir stehen blieb, sich dann aber abdrehte und seines Weges ging. In diesem Moment hatte ich plötzlich ein anderes Gesicht vor Augen, das des dunkelhaarigen Mannes, und ich sah ihn wieder auf den Paletten sitzen und mir durch die Augen in meine Seele blicken. Es war nicht wie eine schemenhafte Erinnerung. Es war als stünde ich wieder vor ihm und er sah mich traurig an, nicht weil es ihm schlecht ging, sondern weil er traurig war über MICH, weil ich nichts getan hatte, nichts als in die andere Richtung zu blicken. Ich beendete mein Telefonat und sah mich nach dem Mann mit dem Pappschild um, doch in diesem Augenblick hupte es schon hinter mir und ich musste weiterfahren.

*** ***

Der Tag im Büro war grauenhaft. Ich konnte mich nicht konzentrieren und dachte die ganze Zeit über diesen Mann nach und natürlich über mich, über meine Familie, über mein Leben und über meine Ansichten und Einstellungen. Waren meine Gründe, dem Mann an der Straße nichts zu geben, wirklich so edel, wie ich mir einredete, oder entsprangen sie einer ganz anderen Quelle? Bequemlichkeit, Gleichmut, Arroganz? War ich so mit mir und meiner Familie und meiner Arbeit zufrieden, dass mich das Schicksal des Restes nicht mehr interessierte? Ich konnte doch nicht die ganze Welt retten. Weder hatte ich die Kraft, noch die Mittel, oder die Möglichkeit, groß etwas zu ändern. Doch wäre es nicht besser, etwas Kleines zu verändern, als sich selbst genug zu sein?

Meine Zerstreutheit brachte mir so machen irritierten Blick meiner Kollegen ein und auch mein Chef hob die Augenbrauen, was nie ein gutes Zeichen war, er sagte aber nichts, was immerhin auch etwas war. Ich weiß nicht, wie ich den Tag herumgebracht hatte, sehr produktiv war er jedenfalls nicht. Und auch mit meinen Gedanken war ich nicht weitergekommen, sie drehten sich immer wieder um dieselben Punkte, ohne dass eine Antwort in Sicht kam.

*** *** ***

Auf dem Nachhauseweg, meine Frau hatte mich mit den Kindern zusammen abgeholt, war ich noch immer mit meinen Gedanken ganz weit weg von dem was mich direkt umgab. Ich fuhr durch die vertrauten Straßen und da sah ich ihn. Er lief die Straße entlang. Plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Wenn mir einer die Antwort auf meine Fragen geben konnte, dann war es dieser dunkelhaarige, bärtige, geheimnisvolle Mann. Er war der Grund, warum ich mir all diese Fragen stellte. Er musste auch die Antworten kennen. Ich brachte den Wagen zum Stehen. Eilig warf ich den Gurt ab und öffnete die Tür. Meiner Frau rief ich noch zu, dass ich gleich wieder da wäre und schon eilte ich über die Straße und in die Richtung, in der mein bärtiger Freund verschwunden war. Mein Weg führte mich durch halberleuchtete Seitenstraßen. Ich kam an immer mehr Obdachlosen vorbei die sich für die Nacht ein Nest gebaut hatten, direkt am Straßenrand. Warum um alles in der Welt hier, dachte ich. Es gibt doch Unterkünfte für solche Menschen, doch ich hielt mich nicht lange auf, denn ich musste diesen Mann finden.

Ich fragte den nächsten der Männer, beschrieb, wen ich suchte und er wies mir die Richtung. Da lang, da lang und so folgte ich dem gezeigten Weg. Ich lief und lief, bis ich zu einer engen Gasse kam. Hier waren noch mehr Obdachlose und sie waren beidseitig am vor sich hindösen. An immer mehr menschlichem Elend kam ich vorbei, Männern und Frauen. Manche sahen zum Fürchten aus, andere einfach nur mitleiderregend. So viel Leid, so viele Existenzen am Ende ihrer Kraft, am Ende ihres Daseins. Wie nur konnten so viele Menschen auf der Straße landen? Doch ich hielt mich nicht auf mit diesen Gedanken, ich musste diesen Mann finden. Vor einer Frau im Schlafsack und dick mit Decken eingehüllt ließ ich mich auf das linke Knie nieder und fragte sie ob sie ihn gesehen hätte. Sie sah mich an mit ihren teilnahmslosen Augen und wies mit dem Kinn auf eine Tür schräg gegenüber.

Ich trat durch die Tür und wusste plötzlich, warum die Menschen da draußen im Freien übernachteten. Dies war wohl das Obdachlosenasyl und es war hoffnungslos überfüllt. Der Geruch war atemberaubend in negativsten Sinn, den man sich vorstellen konnte. Wie sollte ich ihn hier finden? Ich versuchte mein Glück und fragte den Nächstbesten, der aber schüttelte nur den Kopf und sagte etwas von wegen „Wenn, dann da hinten“ Ich schaute in die Richtung, die wohl da hinten sein sollte. In diesem Moment traten einige dieser Menschen aus meinem Blickfeld und gaben den Blick frei auf das Objekt meiner Suche. Da stand er an der Wand und sah in eine Richtung die ich nicht einsehen konnte. Ich bahnte mir den Weg zu ihm, vorbei an noch mehr Elend und Leid.

Ich trat vor ihn hin und er wandte den Kopf in meine Richtung. Er lächelte mich an, als wolle er sagen: „Schön, dass du da bist. Hast du den Weg endlich gefunden?“ Doch er sagte kein Wort. Er blinzelte und sah wieder in die Richtung, in die er vorher geblickt hatte. Ich folgte seinem Blick.

Da saß auf einem Treppenabsatz eine junge Frau. Neben ihr hockten zwei Kinder, vielleicht zwei und vier Jahre alt. Die Kinder spielten miteinander, doch die Frau sah nur zu Boden und ich spürte ihre Mutlosigkeit, ihre Angst und ihre Furcht. Ich sah sie eine Weile an, dann sah ich meinen bärtigen Freund an. Ich war einen Moment ratlos und er legte seine Hand auf meine Schulter, genauso, wie er es nach dem Verladen des Weihnachtsbaumes getan hatte und mit der Berührung kam die Erkenntnis. Nun wusste ich ganz genau, was ich zu tun hatte. Nun legte ich meinerseits meine Hand auf seine Schulter und er lächelte mich an. Ich lächelte zurück und nickte ihm zu, dann wandte ich mich ab und verließ das Asyl, allerdings nicht um zu fliehen, wie ich es vielleicht noch vor gar nicht allzu langer Zeit gemacht hätte, nein, ich wollte meine Familie holen. Sie mussten sehen, was ich gesehen hatte.

Ich weiß nicht ob sie es gespürt hatten, ob sie bemerkt hatten, wie ernst mir das war, oder ob sie einfach angesteckt worden waren durch meine Begeisterung, wenn das das richtige Wort ist, egal wie, sie folgten mir ohne groß Fragen zu stellen.

Wir betraten das Obdachlosenheim und ich sah gleich, dass die junge Frau und die beiden Kinder nicht mehr an ihrem Platz saßen. Also ging ich zum Informationsschalter um mich nach ihnen zu erkundigen. Die Dame hinter dem Tresen konnte mir allerdings nicht weiterhelfen. Noch während ich mir überlegte, wie ich jetzt weiter vorgehen sollte, hörte ich hinter meinem Rücken die Stimme meiner ältesten Tochter: „Mom, schau mal was Jeanne da macht.“ Dann klopfte mir Mary auf die Schulter. „Kannst aufhören zu fragen, Jeanne hat sie schon gefunden.“

Ich drehte mich um und tatsächlich, da saß die junge Frau mit ihren beiden Kindern dicht belagert von Jeanne und Luke. Meine Jüngste tat etwas, womit keiner gerechnet hatte. Sie streckte dem jüngsten Sohn dieser Frau ihren heißgeliebten Teddy entgegen, der ihn schüchtern annahm, was wiederum Jeanne ein breites Lächeln abgewann. Nun traten auch Matt und Marcy zu der kleinen Gruppe und meine Frau schloss sich ihnen an. Schon war sie mit der jungen Frau in ein Gespräch vertieft. Unweit dieser Szene stand mein bärtiger Freund und besah sich das Ganze mit einem milden Lächeln im Gesicht. Ich stellte mich neben ihn und wir tauschten einen kurzen Blick, dann ging ich zu der jungen Frau, reichte ihr die Hand und stellte mich vor. Sie sagte mir ihren Namen und sah mich dabei mit einem seltsamen Blick an. Ich lächelte und bekam kein Wort heraus. Das brauchte ich auch gar nicht. Mit wenigen Worten erzählte mir Mary, was sie eben erfahren hatte und sagte mit entschiedener Stimme: „Hier kann sie nicht bleiben und die Kinder schon gar nicht. Was hältst du davon, wenn sie in unsere kleine Einliegerwohnung zieht, bis sie wieder auf eigenen Beinen steht?“

Natürlich endete ihr Satz mit einem Fragezeichen, aber es war keine Frage, es war eine Feststellung. Und ich war mehr als einverstanden. Es wäre ja vielleicht auch seltsam gewesen, wenn der Vorschlag von mir gekommen wäre. So aber hatte alles seine Ordnung gehabt und unsere Sprösslinge waren nicht nur ebenfalls einverstanden, sie waren von der Aussicht geradezu begeistert.

*** *** ***

Bis hierhin will ich meine Geschichte erzählen. Vielleicht nur noch das. Wir feierten Weihnachten dieses Jahr das erste Mal als Großfamilie und das ist auch heute noch so und es ist gut so. Meinen bärtigen Freund habe ich nie wiedergesehen. Ich weiß nicht wer er ist, oder was er ist, ich habe meine Vermutungen, aber die geht niemanden etwas an. Auch ließe sich viel über diese junge Frau erzählen, aber das ist nicht meine Aufgabe, das kann sie selbst einmal machen, wenn sie bereit ist und den Wunsch hat. Meine Aufgabe beschränkte sich darauf zu erzählen, wie ich das erste Mal Weihnachten erleben durfte und um ganz genau zu sein, nicht einmal das, denn ich habe nur die Vorgeschichte erzählt. Meine Adventsgeschichte. Ich bin kein anderer Mensch geworden durch diese Erlebnisse, aber ich habe einen Blick gewonnen auf das was wichtig ist.

Übrigens weiß ich sehr wohl, dass diese Geschichte nur für mich wichtig ist und dass manche Leser meinen, dass dies doch ein bisschen starker Tobak sei. An diese Leser gewandt sage ich: Ja, du hast recht. Aber mancher braucht starken Tobak um aus seinem Alltagstrott zu kommen. Und selbst dann schafft man es oft nicht alleine. Ich hatte meine Frau, meine Kinder und einen Freund, den ich nicht kannte. Egal wie man es dreht und wendet. Weihnachten ist Familie, Lichter, Baum und Geschenke, aber eben nicht nur. Ich wünsche dir ein gesegnetes Weihnachtsfest und einmal das „eben nicht nur“.

*** *** ***
Diese Geschichte wurde von mir nur in Worte gefasst. Es ist sozusagen eine Nacherzählung. Die Idee zu dieser Geschichte hatte das Gentleman Trio, kurz GenTri. Sie haben daraus eines der schönsten Weihnachtsvideos gemacht. Schon als ich es entdeckte, hat mich die Geschichte fasziniert, nun habe ich sie in Worte gefasst.

Alle Rechte an dieser Geschichte gehören GENTRI.

Das Video findet ihr  HIER

Einen Vorteil hat das Ganze: Ihr braucht nicht bis zur Verfilmung dieser Geschichte warten. 

Beta: Wie immer Maggie. (Herzlichen Dank, für das Sätze rücken)

Hinweis: Da ich den Songtext nicht verwendet habe, darf es laut FF nicht als Songfic laufen.
 
 
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