Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Rabenherz - Der Dämon in dir

GeschichteRomance, Übernatürlich / P18 / MaleSlash
03.12.2020
05.06.2021
29
70.387
5
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.12.2020 3.627
 
"Es ist schön, dass du es einrichten konntest", bedankte ich mich bei Marc, der mich unaufgefordert in seinen Palast ließ. Palast deswegen, weil sein Haus gleichzeitig seine Arbeitsstelle war. Ein riesiger Komplex mit Aufnahmestudios, Lounges für die Künstler und einem Stage im Hinterhof. Er schwamm in Kohle, doch ließ er das nicht raushängen. Er wohnte in dem architektonischen Meisterwerk, damit er alles im Blickfeld hatte: die Aufnahmen im Studio, die Bands und dessen Arbeit. Da er einst ein Bandmitglied von Ravens überaus erfolgreicher Band "Spider" gewesen war, hatte er auch ein Augenmerk auf dessen Sänger gelegt, der mittlerweile die Solokarriere anstrebte.
Das war für beide kein Problem. Marc und Raven waren nie im Streit auseinander gegangen, was man von den anderen Bandmitglieder nicht behaupten konnte. Nachdem sich die Band Spider gesplittet hatte, gab es böses Blut. Der Drummer starb wenige Jahre später an einer Überdosis, was der Bassist machte, wusste ich nicht. Der Keyboarder hatte wohl gar nichts mehr mit Musik am Hut und Raven, ja, der versank in Selbstmitleid. Die Musik und die Bühne waren sein Leben. Ich glaube, er hat nie versucht, etwas anderes zu machen. Die Verbindung zu Marc war indes nie abgebrochen. Ab und zu schob er Raven sogar ein paar Aufträge zu. Backingvocals oder Duetts zusammen mit anderen Künstlern. Es reichte immer, um Raven über Wasser und bei Laune zu halten, aber es änderte nichts daran, dass er den Selbstzerstörungsprozess aufrecht erhielt.
Marc hingegen hatte alles richtig gemacht. Er hatte sein Vermögen in ein Unternehmen gesteckt, das nach kurzer Zeit zum Selbstläufer wurde. Er hatte Familie, hatte den Drogen und dem Alkohol abgeschworen, er lebte vegan und empfing mich in luftiger Kleidung auf Sandalen, sportlich und jugendlich als hätten seine exzessiven Jahre mit "Spider" nie stattgefunden. Ein wenig deprimierte mich das, denn er hatte die Kurve gekriegt, während Raven den freien Fall gewählt hatte.
Wir nahmen auf der Terrasse Platz, zu der ein Café gehörte. Für die Künstler und Gäste selbstverständlich mit kostenlosem Service. Zufrieden sah ich dem altersschwachen Labrador zu, Ravens Hund Cliff, der auf dem Rasen neugierige Erkundungstouren lief.
"Danke, dass du dich um ihn gekümmert hast", sagte ich.
"Kein Problem. Er kann erstmal hierbleiben, Tierheim ist wohl keine Option", erwiderte Marc.
"Nein. Und ins Krankenhaus kann ich ihn auch nicht mitnehmen."
Betretenes Schweigen, in der uns Kaffee serviert wurde. Marc bedankte sich mit einem Nicken, während ich dem Kellner nur still bei der Arbeit zusah.
"Warst du heute schon da?", erkundigte sich Marc.
"Kurz, ja, habe mit dem Arzt gesprochen."
"Und?" Marc rührte Milch und Zucker in den Kaffee. Er sprach so ruhig und geordnet, als würde er über das Wetter sprechen, aber ich bemerkte seine unruhige Hand und das leichte Wippen seines rechten Beines. Im Gegensatz zu dem Gesicht, so ist es erwiesen, können unsere Füße nicht lügen.
"Nichts Neues", berichtete ich knapp. "Sie werden das künstliche Koma erst beenden, wenn die Werte es zulassen."
Das Zucken in seinem Oberschenkel wurde stärker. Er schien es zu bemerken und unterdrückte die Bewegung. Stattdessen beugte er sich vor.
"Was weißt du über Raven?", fragte er.
Eine schwammige Frage, die alles mögliche mit sich trug. Tja, was wusste ich über Spider Raven, außer dass er dem Alkohol, Drogen und Tabletten verfallen war, dass er ein paar Pfunde zuvviel auf den Hüften hatte, aber trotzdem noch verdammt attraktiv aussah.
Er war eine gescheiterte Persönlichkeit und mit sich selbst nicht im Reinen. Vielleicht ein wenig wie Elvis Presley, obgleich er keine Familie hatte.
"Ich weiß nicht, ich habe ihn lange nicht gesehen", erklärte ich offenkundig. "Die Aufnahmen liefen gut, das Album ist im Kasten ..." War das Grund genug, um anzunehmen, dass auch mit ihm alles in Ordnung war? "Hat er dir von gesundheitlichen Problemen erzählt?", schob ich hinterher.
"Erzählt nicht genau, aber er war in letzter Zeit immer schnell aus der Puste", erklärte Marc. "Steven hat erzählt, dass er das Haus eigentlich nur noch verlassen hat, um mit dem Hund zu gehen."
Irritiert schüttelte ich den Kopf. "Aber er wird Termine gehabt haben, oder nicht?"
"Einiges habe ich ihm abgenommen. Einiges hat er auch abgesagt." Marc musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. "Das sollte bei dir angekommen sein."
Ich schüttelte den Kopf und strich mir über die Stirn. Vielleicht war so eine Meldung auf meinem Schreibtisch gelandet, doch ständig war etwas zu tun ...
"Wenn ich mit ihm telefoniert habe, hat er stets gesagt, dass alles in Ordnung sei."
"Ja ..." Marc leerte seine Tasse. "Wollte er mir auch weismachen. Der unerschütterliche Raven, der Fels in der Brandung, der Herr der Immortalisierung ...."
Ich stutzte. "Hat er das gesagt?"
"Was?"
"Dass er unsterblich ist ..."
Marc lachte aufgesetzt. "Nicht gesagt, aber sich so verhalten. Er hat den Tod doch herausgefordert. Und was hat er nun davon?" Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck sah er weg. "Eine verdammte Scheiße ist das." Seine Augen glänzten, er hatte sich unter Kontrolle. Obwohl die Lage tatsächlich zum Heulen war.
Unbewusst krallte ich die Finger in meine Oberschenkel. "Das muss schlimm gewesen sein ..."
"Ja." Mit einer schnellen Bewegung strich Marc sich durch die Augen und atmete tief durch. "Die Hütte war voll, ich hatte etliche Dinge zu erledigen, als mich der Anruf erreichte." Er lächelte verloren. "Mein erster Gedanken war: Nicht jetzt, Raven, ich habe für solche Spielchen echt keine Zeit." Sein Blick wurde ernst. "Steven sagte mir, dass der Notarzt da sei und man nicht wüsste, ob Rave es überlebt, da bin ich Hals über Kopf losgefahren ..." Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Als ich ankam, hatten sie ihn schon intubiert und in den Krankenwagen verfrachtet ... Ich konnte nichts mehr tun. - Steven bat mich, noch einmal nach dem Rechten zu sehen .... Meine Güte, Jesse, die Wohnung sah aus ..." Er sah mich an und ich registrierte die Fassungslosigkeit in seinen Augen. "Das Bad war vollgekotzt, überall Bierflaschen und Tablettenschachteln."
"Ja." Ich nickte. "Das habe ich bemerkt ..."
"Nein, das kannst du nicht bemerkt haben, ich habe aufgeräumt, aber nicht alles ..." Betreten sah er zu Boden und schüttelte den Kopf. "Es war einfach zu viel."
"Ich habe die Putzfrau informieren lassen, anscheinend hat er ihre Dienste zuletzt auch nicht mehr in Anspruch genommen."
Marc seufzte. "Er wirft sein Leben weg wie einen Pizzakarton, wieso?"

*
Die Frage konnte ich ihm nicht beantworten. Ich wusste auch nicht, warum sich Raven so verhielt. Es hätte nicht Not getan. Er hatte im Leben alles erreicht - er hätte sich aus dem Rampenlicht zurückziehen können. Doch er hatte es nicht getan. Hatte ihn die Einsamkeit zerstört? Die Tatsache, dass ein kranker Musiker einfach nicht mehr gefragt war?
Wenn ich das Radio anmachte, hörte ich Bands mit Namen, die mir oftmals fremd waren, mit einem Sound, den Raven niemals bedient hatte. Er war noch ein Künstler der alten Schule, vom alten Schlag, der noch wusste, wie man Platten ohne vorgelegte Tonspuren aufnahm, wie frisch gedrucktes Vinyl roch. Sex, Drugs and Rock'n'Roll, ja das hatte er gelebt.
Was brachte ihn auf die falsche Bahn?

Es geschah am nächsten Morgen. Ich hatte geduscht und stand mit Handtuch bekleidet vor dem Spiegel, da klingelte mein Handy. Das Krankenhaus. Man sagte mir, dass man Raven aufwachen lassen wollte, wann genau das passieren würde, wusste man jedoch nicht und so beeilte ich mich, um zu ihm zu fahren.
Zum Zeitpunkt des Erwachens wollte ich bei ihm sein. Mehrere Tage war er bewusstlos gewesen. Vielleicht würde er aufgebracht reagieren oder verwirrt sein. Für diese Fälle wollte ich meine Anwesenheit präsentieren. Nicht nur, um ihm zur Seite zu stehen, sondern auch, um sicherzugehen, dass nichts unnötig an die Öffentlichkeit gelangte.
Die Presse hatte sich bislang zurückgehalten. Spider Raven sei schwer erkrankt, so hieß es lediglich. Dem Informationsfluss wollte ich einen Riegel vorschieben.

Ich kam rechtzeitig, um mitzubekommen, wie die Beatmungsmaschine abgebaut wurde und Raven seine ersten Atemzüge wieder allein nahm. Er war nicht wirklich ansprechbar dabei, er hustete, stöhnte und blinzelte mit den Augen - mehr aber auch nicht. Nachdem eine halbe Stunde vergangen war, in der sich seine Atmung stabilisierte und der Arzt sicher gehen konnte, dass Ravens Vitalzeichen konstant blieben, ließ man mich mit ihm allein.
Die Schwesternklingel behielt ich dennoch im Auge; ebenso wie sein fahles Antlitz, das von den Strapazen gezeichnet war. Schmal sah er aus. Vermutlich hatte er abgenommen, was ihm sicherlich zugute kam. Abgesehen von seinen hohen Leberwerten waren auch seine Cholesterinwerte fern ab von gut und böse, wie mir Dr. Thomas berichtet hatte. Nach dem Infarkt hatte man Raven ein paar Stents am Herzen gesetzt, das waren kleine Implantate, mit denen defekte Gefäße repariert und offen gehalten wurden. Ich wollte mir nicht vorstellen, wo Ravens Adern noch überall verstopft waren.
Unsicher nahm ich neben seinem Bett Platz. Er schlief, lediglich seine Lider zuckten, als verfolgte er einen Traum. Ich gab ihm Zeit. Ohnehin hatte ich nichts vor. Mein Aufenthalt in Manhattan diente nur einer Mission: bei Raven zu sein und ihm wieder auf die Beine zu helfen.
Letzteres glich in diesem Moment allerdings einem kleinen Wunder. Ich saß zwei Stunden am Bett und wäre fast selbst eingeschlafen, bis er sich endlich regte.
"Raven?" , sprach ich mit gedämpfter Stimme. "Rave? Hörst du mich?"
Er blinzelte, sah erst durch den Raum und dann in meine Augen.
"Jesse ...", flüsterte er. Mir war, als huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Die Erleichterung in mir hätte nicht größer sein können. Er wusste, wer ich war, er sprach mit mir. Seine folgenden Worte brachten allerdings eine Beklemmung mit sich.
"Abad-don", flüsterte er. Sein Blick wurde schärfer, nahezu ängstlich. Ich beugte mich vor, um ihn besser verstehe zu können. "Abaddon ...", wiederholte er.
Ich richtete mich auf und sah hin an. Unleugbar war er von den letzten Tage gezeichnet. Seine Augen furchtsam und zweifelnd geöffnet. Ich hatte mal gelesen, dass man zum Zeitpunkt eines Herzinfarkts nicht nur einen starken Vernichtungsschmerz spürte, sondern auch eine immense Angst. Raven war nie furchtlos gewesen, doch ich musste davon ausgehen, dass er sich an den grauenhaften Vorfall irgendwie erinnerte. Sanft legte ich meine Hand auf seine Stirn und strich darüber. Er schloss sofort die Augen und seufzte tief. "Du musst dich ausruhen, hörst du. Dein Herz benötigt Ruhe, man wird sich um dich kümmern."
Er antwortete mir nicht. Seine herrische Atmung flachte ab. Die Tür ging auf und eine Krankenschwester sah ins Zimmer.
"Sie sollten nun wirklich gehen", sagte sie. "Die Besuchszeit ist längst zu Ende."
"Okay." Ich gab mich kooperativ. Von Natur aus war ich eher der devote Typ, der Konfrontationen aus dem Weg ging. In der Firma hatte ich zwar das Sagen und den Überblick, doch in jeder Hinsicht wollte ich Stress vermeiden. Wahrscheinlich hatte ich Raven deswegen nie das Messer auf die Brust gesetzt. Mein Herz erfüllte es mit Schmerz. "Aber wenn er wieder wach wird, sagen Sie ihm bitte, dass ich morgen wiederkomme."

*
In der Nacht hatte ich einen Alptraum. Es war einer dieser Träume, in denen man einen Weg geht, der nicht endet. Ein dunkler langer Weg, der unbezwingbar war. Ich trat auf der Stelle und kam nicht voran. Richtig gruselig wurde es, als eine Schar von Heuschrecken vom Himmel fiel, sie den Weg bedeckten und auch in großer Anzahl auf meinem Körper landeten. Mit einer japsenden Atmung, als wäre ich den Weg tatsächlich gegangen, wachte ich schweißgebadet auf. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, klingelte das Handy an meinem Nachtschrank. Ich dachte sofort an Raven, richtete mich auf und nahm das Gespräch an. Es war eine Schwester aus der Klinik, die anrief. Ich spähte auf den Wecker. Es war 3 Uhr in der Frühe.
"Entschuldigen Sie die nächtliche Störung", hörte ich die Frauenstimme mit einer zerknirschten Tonlage. "Aber Mr. Spider hat nach Ihnen gefragt und war schwer zu beruhigen. "
Ich schluckte hart. Der Anruf zu nächtlicher Zeit war mir egal. Wichtig war, dass es Raven gut ging.
"Gibt es Komplikationen?", fragte ich sofort.
Sie verneinte. "Es geht Mr. Spider soweit gut. Er fragt nur ständig nach Ihnen. Und er will wissen, ob Sie den Schlüssel haben."
"Schlüssel?", wiederholte ich. "Welchen Schlüssel?"
"Ich weiß es nicht. Aber er scheint wichtig zu sein."
Ratlos wischte ich mir über das Gesicht. Ich war hundemüde. Dass es Raven gut ging, beruhigte mich. "Sagen Sie ihm bitte, dass ich bei ihm bin, falls er den Wohnungsschlüssel meint. Morgen früh komme ich zu Besuch und werde es persönlich mit ihm besprechen."
"Okay", erwiderte die Schwester. Irgendetwas an ihrer Stimme gefiel mir nicht. Ich hörte Zweifel heraus. Ging es Raven doch schlechter, als angenommen?

*
Raven war noch nicht über den Berg, wie mir der Arzt berichtete. Die Tatsache trieb mir Tränen in die Augen. Meine Illusion über seine schnelle Genesung zerplatzte  Im Krankenzimmer versuchte ich dennoch, die Kontenance zu bewahren. Er war wach und saß aufrecht im Bett. Sein schwarzes Haar war glatt gekämmt, die Bartstoppel verschwunden. Auch das Krankenhaushemd trug er nicht mehr, stattdessen ein dunkles T-Shirt. Die Schatten um seine Augen waren aber nicht verschwunden und eine Sauerstoffbrille klemmte vor seiner Nase. Infusionen liefen nicht mehr, dennoch war er über Kabel unter dem Oberteil mit dem Monitor vernetzt, was mir signalisierte, dann sein Kreislauf weiterhin überwacht wurde. Eine unnütze Aufregung, so hatte Dr. Thomas erklärt, konnte schon fatale Folgen mit sich bringen. Darüber wollte ich nicht nachdenken, also setzte ich ein scheinheiliges Lächeln auf.
"Super, dass du wach bist", startete ich den Dialog. Unschlüssig blieb ich vor dem Bett stehen. Im bewusstlosen Zustand war ich ihm viel näher gewesen, als jetzt. Meine Gedanken und Gefühle waren klarer gewesen. Nun, da er wieder wach war, fühlte ich mich ihm gegenüber klitzeklein und ratlos.
"Nun steh da nicht rum wie vor einem Sterbebett, komm her!", antwortete er in seiner unkonventionellen Art. Die Narkose hatte er demzufolge gut weggesteckt. Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich neben das Bett. Am liebsten hätte ich ihn umarmt und die letzte Hürde zwischen uns überwunden. Doch körperlich nah warnen wir uns eigentlich nie gewesen. Sein Gebrechen dafür zu nutzen, um das zu ändern, schien mir nicht der richtige Weg. "Wie fühlst du dich?"
"Wunderbar", erwiderte er ohne hörbare Wertung. "Ich habe Sky-TV und die Schwestern helfen mir beim Waschen." Unsere Blicke trafen sich und das Blau seiner Augen sorgte für das stechende Gefühl in meiner Magengegend. Es war also nicht verschwunden. Vermutlich würde es nie verschwinden, egal, was käme ...
"Immerhin bist du nicht mehr auf der Intensivstation", lenkte ich ein und erntete sein Unverständnis.
"Ich bin verkabelt und ständig kommt jemand vorbei ..."
"Das ist wohl normal in einer kardiologischen Abteilung. Du hattest einen Herzinfarkt, du kannst von Glück sagen, dass du nicht ..." Ich sprach nicht weiter. Das, was hätte passieren können, wollte ich nicht in Worte fassen.
"Ich will nach Hause, Jesse", sagte er lediglich.
Kompromisslos schüttelte ich den Kopf. "Das ist viel zu früh ... Um deine Angelegenheiten kümmere ich mich und Marc hat den Hund. Den Ersatzschlüssel habe ich übrigens von Steven erhalten, das wolltest du doch wissen."
Entgeistert sah er ich an. "Wann?"
"Letzte Nacht hast du doch nach dem Schlüssel gefragt, eine Schwester hat mich extra angerufen ..."
Er hob die Schultern an. "Kann ich mich nicht mehr dran erinnern."
Ich winkte ab, dabei hätte ich seine Aussage ernst nehmen sollen. "Ist auch egal. Ich sehe bei dir nach dem rechten, solange du krank bist."
Er zog die Stirn kraus, was er immer tat, wenn ihn etwas unzufrieden stimmte, doch ausnahmsweise konterte er nicht. Stattdessen schlug er die Bettdecke zurück und präsentiert seine nackten Beine. Aus nächster Nähe hatte ich sie wohl noch nie gesehen. Im Verhältnis zu seinem stabilen Oberkörper waren sie schlank und leicht behaart.
"Dann bring mich wenigstens vor die Tür. Ich will rauchen." Er rutschte an die Bettkante und zog seine dunkle Jeans vom Stuhl. ich setzte an, zu widersprechen, doch der Kloß in meinem Hals ließ keinen Ton heraus. Ich hatte zu viel Respekt vor ihm - vermutlich auch Angst. Kein Stress, kein Streit, keine Differenzen, diktierte ich mir still.
Wortlos half ich ihm in die Hosen und sah zu, wie er schwerfällig auf die Beine kam und wankte.
"Ich hole einen Rollstuhl", stammelte ich. "Bin gleich zurück."

Vor dem Krankenzimmer atmete ich tief durch. Ich fragte mich, was mir mehr zu schaffen machte. Raven Spider in einem absolut desolatem Zustand zu sehen oder die Tatsache, dass es unter diesen Umständen niemals zu dem geplanten Comeback kommen würde.
Kopflos irrte ich durch die Gänge, bis ich eine Schwester fand, die mir zu einem robusten Rollstuhl verhalf und mir gleichzeitig den Weg zur Roucherlounge beschrieb, nicht ohne mir zu sagen, dass das Rauchen für einen Herzkranken nicht von Vorteil war.
Ich lächelte sie nur müde an. Ohnehin fragte ich mich, wie Raven mit der angedachten Schonkost zurechtkommen würde. Ihm das Rauchen zu verbieten hätte mich wohl ins Abseits befördert. Diese Aufgabe wollte ich lieber dem Arzt überlassen.
Auf dem Rückweg zum Zimmer besorgte ich Kaffee und schließlich lief mir Dr. Thomas über den Weg, der kopfschüttelnd auf die Pappbecher zeigte, die ich wagemutig auf der Sitzfläche des Rollstuhls transportierte.
"Koffein ist nicht gut für Mr. Spider und ich hoffe nicht, dass Sie ihn nach draußen zum Rauchen fahren wollen."
Zerknirscht trat ich auf der Stelle. "Oh, Sie kennen ihn nicht. Wenn er nicht bekommt, was er will, wird er komplett dichtmachten. Dann wird er auf überhaupt keinen Ratschlag mehr hören."
"Mit seinem Verhalten bringt er sich unter die Erde", gab der Doc eine klare Ansage.
Ich senkte den Kopf. " Das weiß ich ..."
"Und wenn Sie ihn weiterhin unterstützen, werden Sie einer der Sargnägel sein."

Im Zimmer angelangt, startete ich einen kläglichen Versuch, Raven von seiner vorzeitigen Mobilisation abzuhalten. "Der Arzt meint, dass Kaffee nicht gut für deinen Blutdruck ist und Nikotin schädigt deine Gefäße, die ohnehin marode sind."
Er antwortete nicht. Hörte er mir überhaupt zu? Japsend hangelte er sich auf den Rollstuhl. Kaum hatte er die Sauerstoffbrille abgelegt, glich seine Atmung der eines erstickenden Karpfens. Zu guter Letzt rupfte er sich die Kabel vom Oberkörper, sodass ein Alarm ausgelöst wurde.
"Stell den verdammten Apparat ab!", forderte er ungehalten. "Und dann bringst du mich zum Rauchen", keuchte er. "Oder wofür bezahle ich dich?"
Ich lachte mit Ironie. "Du bezahlst mich überhaupt nicht", stellte ich klar. Damit das nervige Piepen aufhörte, stellte ich den Monitor ab. "Wenn überhaupt kommt mir deine Gage zugute. Aber wenn du so weitermachst, wird es keine Tour geben."
Er hustete schwer und zeigte zur Tür, durch die just eine Krankenschwester schoss. "Sie dürfen noch nicht aufstehen!", entfuhr es ihr. "Und warum haben Sie die Elektroden abgemacht? Das geht doch nicht."
"Neue Spielregeln, Schätzchen!", tönte er.
Ich stöhnte entnervt. Dennoch schob ich ihn samt Rollstuhl hinaus ...

*
Die Putzfrau hatte für Ordnung gesorgt und sich damit ein gutes Trinkgeld eingeheimst. Zugegeben: Mir war die Angelegenheit peinlich. Nicht nur, dass sie einen Haufen dreckiger Wäsche waschen musste, sondern auch, weil es in Ravens Wohnung vor Anrüchigkeit nur so strotzte. Jeder Winkel der Wohnung erinnerte an seine Saufexzesse, das Laken in seinem Bett an wilde Orgien. Ich fragte mich, mit wem er hier Parties gefeiert hatte. Mit wem hatte er die Nächte durchzecht? Mit wem hatte er sich die Pornos angesehen, deren Coverbilder ausreichten, um mir die Luft zu nehmen.
Allein die Tatsache, dass es nicht nur hetero Pornos waren, die er besaß, stimmte mich ein wenig nachdenklich. Lediglich ein Mal hatte ich ihn im vertrauten Beisein eines Mannes gesehen. Ich konnte mich nicht einmal daran entsinnen, wann es gewesen war. Auf einem Sommerfest der Plattenfirma hatte er mal wieder über den Durst getrunken. Während die anderen Gäste das sommerliche Wetter im prunkvollen Garten einer Villa nutzten um gepflegte Konversationen zu halten, hatte er sich mit einem blutjungen Newcomer an den angrenzenden See verzogen. Die Sicherheitskräfte hatten ihn rausgeworfen, da er mit dem besagten Mann auf dem Bootssteg auf Tuchfühlung gegangen war. Irgendein Fuzzi von der Presse hatte sogar Fotos gemacht. Spider Raven knutschend und fummelnd in aller Öffentlichkeit - und das mit einem Kerl.
Nun, Jahre später konnte ich mich für den ganzen Dreck nur entschuldigen und der Putzfrau versichern, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Sie schwieg und steckte das Geld ein.

Im Krankenhaus dann der nächste Schock. Raven verkündete mir, dass er am nächsten Tag nach Hause gehen würde. Er war schwach auf den Beinen und flüsterte nur, da ihn jeder Atemzug anstrengte. Doch sein Wille stand fest und ich fragte mich, wie er das durchstehen sollte. Nach dem Krankenbesuch, der eher aus Schweigen als einer munteren Unterhaltung bestand, versuchte ich, Dr. Thomas zu erreichen, doch der hatte keinen Dienst. Lediglich die Schwester bestätigte mich in der Vermutung, dass sie Raven nicht zwingen konnten, in der Klinik zu bleiben. Er war trotz der Defizite nicht entmündigt und würde sich höchstwahrscheinlich gegen ärztlichen Rat entlassen. Allerdings war wohl ein Pflegedienst über den Fall informiert worden, was mich ein wenig beruhigte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast