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Rabenherz - Der Dämon in dir

GeschichteRomance, Übernatürlich / P16 / MaleSlash
03.12.2020
09.05.2021
19
50.807
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03.12.2020 3.960
 
Gedankenversunken hatte ich am Schreibtisch gesessen, vertieft in Tabellen und Zahlen, grübelnd über Aufträge und Sachlagen, als mich Conny rief und ich aufsehen musste. Der Anruf kam ohne Vorwarnung. Er traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.
„Ein Gespräch für dich - aus Amerika.“ Mehr sagte sie nicht. Es reichte, um mich zu beunruhigen. Ich stand auf, nahm ihr das Mobiltelefon aus der Hand und drückte es gegen mein Ohr.
„Ja?“ Am anderen Ende hörte ich ein tiefes Durchatmen. Es rauschte in der Leitung.
„Hier ist Marc, sorry, dass ich störe …“
„Das macht nichts“, unterbrach ich. Längst hatte ich die Anspannung in seiner Stimme bemerkt. „Was gibt es denn?“
„Es geht um Raven.“ Eine kurze Pause entstand, ein Moment der Starre. „Er hatte einen Herzinfarkt und liegt im Krankenhaus.

Ich legte das Telefon auf den Schreibtisch zurück. Stille ringsherum. Conny sah mich fragend an. Vermutlich war ich blass um die Nase, zumindest fühlte es sich an, als wäre mir sämtliches Blut gefroren. Meine Hände waren klamm, meine Beine steif.
„Ist etwas passiert?“, fragte sie. Ich blinzelte, erwiderte ihren Blick. Die Situation war unwirklich, surreal. Ich konnte kaum aussprechen, was geschehen war, denn es wirkte unecht.
„Raven hatte einen Herzanfall …“
Ihre Augen weiteten sich. „Oh, mein Gott …“ Sie legte eine Hand vor den Mund. Jeff, der ebenfalls im Büro saß, drehte sich wie von der Tarantel gestochen um und machte ein ebenso schockiertes Gesicht.
„Ist er … ?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber es geht ihm schlecht. Er liegt auf der Intensivstation.“
Ich musste nicht viel erklären, nichts rechtfertigen. Es lag auf der Hand, dass ich nach Amerika  reisen musste, ohne Umschweife, ohne Diskussion.
„Reservier mir ein Flugticket nach Manhattan, so zeitig, wie möglich.“
Conny nickte und begab sich an ihren Schreibtisch. Ich fischte ein paar Unterlagen von meinem Arbeitsplatz, stopfte sie in meine Tasche und verließ das Büro. Wann ich wiederkommen würde, wusste ich nicht. Ob ich jemals wiederkommen würde, stand in den Sternen. Ich eilte den Flur entlang, grüßte Angestellte formell, wie an jedem Tag, gelangte in den Fahrstuhl und fuhr hinab, bis zur Tiefgarage, wo ich in meinen dunklen Jaguar stieg. Ohne Frage hatte ich einen Schock erlitten. Meine Finger zitterten, meine Knie waren weich und in meinem Magen hatte sich ein flaues Gefühl eingestellt. Ich wischte mir über das Gesicht, registrierte einen dünnen Schweißfilm. Mit quietschenden Reifen verließ ich die Garage.

Es musste so kommen, durchfuhr es meine Gedanken. Es war absehbar gewesen, manchmal hatte ich regelrecht darauf gewartet, das ein oder andere Mal war ich sogar erstaunt darüber, dass nichts passiert war.
Ravens Leben war exzessiv. Und es gab niemanden, der ihn in die Schranken wies. Ich hatte die glorreiche Aufgabe, sein Berater zu sein und das tat ich gern, mit Leib und Seele. Doch ich war sein engster Vertrauter und das war der ausschlaggebende Punkt, ihn nicht zurechtzuweisen, mir nicht das Recht zu nehmen, ihn zu einem geordneten Lebensstil zu verhelfen, dabei hätte ich es tun müssen, mehr als einmal.
Stattdessen ließ ich ihn machen, ließ ihn hineinlaufen in die Misere. Ja, als ich nach Hause fuhr, machte ich mir Vorwürfe. Höchstwahrscheinlich hätte ich einiges verhindern können, denn ich war der einzige Mensch, den Raven an seiner Seite akzeptierte. Aber in seiner Nähe wagte ich keinen Widerspruch, aus Angst, etwas zu zerstören. Etwas, das zwischen uns lag wie eine zarte Bande, wie ein unausgesprochenes Gebet, das unsere Vertrautheit schützte.
Er trank zu viel, er rauchte zu viel.Vielleicht nahm er auch Drogen, ich habe nie danach gefragt, aber oftmals war er verlangsamt, mit den Gedanken weit fort. Ich hätte fragen sollen, die Angst vor der Wahrheit hielt mich zurück. Nun war es zu spät. Ich wusste nicht viel, nur, dass es ihn erwischt hatte und offensichtlich mit ganzer Wucht. Der Druck in meinem Magen wurde fester, als ich daran dachte, was nun vor mir lag: der Flug, der Weg zu ihm ins Krankenhaus, die Gespräche mit den Ärzten, die Wahrheit, die ich eigentlich nicht hören wollte.
Der Anruf von Conny kam, kurz bevor ich meine Haus erreichte. Ich betätigte die Freisprechanlage.
„Ja?“
„Ich habe einen Flug gebucht. Business Class zum Manhattan Airport um 16 Uhr“, teilte sie mir mit. Ich schielte zur Uhr am Armaturenbrett. Mir blieben noch 3 Stunden. „Okay, vielen Dank, Conny, ich melde mich, sobald ich näheres weiß.“

*
Es war das erste Mal, dass ich Business Class fuhr und nicht geschäftlich unterwegs war, das erste Mal, dass ich mich nicht auf ein Meeting freute und das erste Mal, dass ich mir während des Fluges ein alkoholisches Getränk bestellte. Ich schlief sogar für wenige Minuten, aber nicht entspannt, eher unruhig und von wirren Gedanken gequält. Als ich erwachte, da es aufgrund einer Schlechtwetterfront Turbulenzen gab, fühlte ich den Angstschweiß im Nacken und meinen nervösen Herzschlag.
Auch die Landung war mit Angst verbunden. Der Weg hinaus durch das Terminal war belastend, und es freute mich nicht, dass ich sofort ein Taxi erwischte.
Ohne Umschweife zum Central-Hospital. Den Koffer in Schlepptau, die Gedanken verloren. Je näher wir der Klinik kamen, desto fester schnürte sich mir der Magen zu. Alle paar Minuten schielte ich auf mein Mobiltelefon, hatte Angst, dass ich einen Anruf oder eine Nachricht verpassen würde. Den Ton hatte ich laut gestellt und ich sah trotzdem unentwegt aufs Display.
Niemand kontaktierte mich. War das ein gutes Zeichen? Immerhin bedeutete es, dass sich Ravens Zustand nicht verschlechtert hatte. Allerdings wusste ich nicht, wie schlecht es ihm tatsächlich ging.
Im Foyer der Klinik blieb ich stehen. Ich war lange nicht mehr hier gewesen. Das letzte Mal vor 5 Jahren, als man Raven die Gallenblase entfernte. Der behandelnde Arzt hatte schon damals eine Warnung ausgesprochen. Weniger Rauchen, weniger trinken, auf ausgewogene Ernährung achten.
Raven hatte den Rat abgenickt, aber nicht danach gehandelt. Sein Leben ging weiter wie zuvor. Und ich war die Marionette, der Clown in der Geschichte, der abseits stand und alles mitverfolgte, zu feige war, um einzuschreiten.

„Ich möchte zu Raven Spider …“ Meine Stimme war leise, belegt. Ich musste mich räuspern, realisierte, dass ich mich nach wie vor in einer lähmenden Gemütslage befand.
„Zu wem wollen Sie?“, fragte die Krankenschwester hinter dem Tresen. Sie war ein älteres Semester, hatte kurze Haare und eine Brille auf der Nase. Ihre rundliche Statur ließ vermuten, dass sie ihren Arbeitstag am Schreibtisch verbrachte. Ich musste annehmen, dass sie Raven nicht kannte, dass sie nicht wusste, welche Persönlichkeit sich in diesem Hospital befand und mit dem Leben rang.
„Wkctor Vice Gárdony  ist sein bürgerlicher Name.“
Sie schielte auf den Monitor, dann sah sie mich unbeeindruckt an. „Der liegt auf der Intensivstation.“
„Ja, ich weiß, ich …“ Meine Stimme zitterte. Die Schwester erhob sich, spähte über den Tresen. „Mit dem Gepäck kann ich Sie da nicht reinlassen.“
„Natürlich nicht.“ Ich zeigte mich einsichtig. „Es ist nur so, ich komme vom Flughafen und …“
Sie hörte mir nicht zu, winkte stattdessen eine jüngere Schwester heran. „Effie? Zeigt dem Herrn, wo er sich bei der Intensiven melden muss. Das Gepäck kann er hierlassen.“

Ich stand an der Schwelle zum Krankenzimmer und traute mich nicht vor. Ich war davon ausgegangen, dass ich mit Raven reden konnte. Nicht viel, aber zumindest ein paar Worte. Aber sein Zustand ließ es nicht zu. Er war in Narkose gesetzt, wie mir eine Schwester berichtete. Sie hatten ihn bewusst in den Tiefschlaf befördert. Er wurde beatmet und sein Körper war an diverse Geräte angeschlossen. Der Raum war gefüllt mit piepsenden und surrenden Geräuschen.
Alles um mich herum schien surreal. Die Schwester verschwand und ließ mich allein mit meinen Gefühlen. Die Person, die vor mir im Krankenbett lag, hatte mit Raven Spider, wie er leibt und lebte, nichts gemeinsam. Vor meinen Augen vegetierte ein kranker Mann, der dem Tode geweiht war.
Elektroden klebten auf seiner nackten Brust, die flächendeckend tätowiert war, mit einem Spinnennetz, das so unkontrolliert gesponnen war wie sein bisheriges Leben. Warum bloß hatte ich nichts unternommen? Warum hatte ich ihn ins offene Messer laufen lassen?
Stöhnend nahm ich auf einem Stuhl Platz. Länger hätten mich meine Beine nicht tragen können.
Spider Raven - der bunte Vogel der Szene, obwohl er nur schwarze Klamotten trug. Würden morgen schon die Zeitungen von seinem Ableben berichten? Ich war mir sicher, die Nachricht über seinen Infarkt würden die ein oder anderen Sender in Alarmbereitschaft versetzen. War es an der Zeit, über einen Nachruf nachzudenken?
Mein Blick schweifte ab. Ich sah über die Dächer des Klinikums in den blauen Himmel mit den Schäfchenwolken. Noch vor wenigen Monaten hatten wir sein Comeback geplant. Eine neue Platte, eine neue Bühnenshow. Spider Raven - gealtert aber nicht vergessen. Geld musste in die Kassen. Er brauchte es. Und ich wollte alles tun, um ihn dabei zu fördern …

*
"Bist du soweit? Die Kollegen warten." Meine Worte hallten im kargen Raum. Obwohl ich eine Frage formulierte, zitterte meine Stimme. Ich kannte ihn nun schon lange. Lange genug, um zu wissen, dass unser Unterfangen ein Wagnis war. Ein Spaziergang auf brüchigem Eis, ein Trip durch die Wüste ohne Oase, ein Vorhaben, das von Anfang an zum Scheitern verurteil gewesen war?
Raven drehte sich vom Pinkelbecken weg, noch bevor er die Hose komplett geschlossen hatte. Mit erlerntem Anstand hätte ich den Blick abwenden sollen, doch wie gesagt: wir kannten uns schon lange. Ich sah die dunklen Härchen durch den Hosenschlitz, ich verfolgte seine Finger, die die Kleidung richteten, den Reißverschluss langsam hochzogen, so sorgsam, dass es einschläfernd war. Tat er es mit Absicht? Ich sah ihm ins Gesicht und erkannte keine Regung, erhaschte lediglich seinen forschenden Blick, der mit Optimismus einherging.
Raven glaubte, die ganze Welt wartete auf ihn. Und ich war der Depp, der es nicht fertig brachte, das Gegenteil zu behaupten. Ja, vermutlich hätte ich ihm schon damals sagen sollen, dass im Grunde genommen niemand wartete. Es war an ihm, die Welt neu zu erobern, den Phoenix aus der Asche zu spielen. Keine Ahnung, warum er glaubte, dass sich die globale Menschheit an ihn erinnerte. Seine Zeiten waren vorbei ... Schon lange ...
Er stolzierte zum Waschbecken, blieb wankend stehen. Wie hoch mochte der Alkoholspiegel in seinem Blut sein? Welche Drogen hatte er geschmissen, um diesen Tag durchzustehen?
"Rave?", hakte ich nach. "Hast du mich verstanden? Die anderen warten."
"Ich kann auch gehen, wenn es ihnen nicht passt", antwortete er. Prüfend musterte er sich im Spiegel. Sah er die Schatten um die Augen, die ersten Fältchen um seine Lider, sah er denselben Mann, den ich sah?
Notgedrungen gab ich klein bei. Aber nicht, weil ich Angst hatte, der Star vor meinen Augen würde aus den Herrentoiletten verschwinden und einen divenhaften Abgang proben, sondern weil im Tonstudio Leute auf uns warteten, die uns eine Menge Geld kosteten. Geld, das wir eigentlich nicht hatten. Dass Raven nicht hatte. Er sollte es verdienen. Aber so, wie er sich verhielt, hörte ich keine Kassen klingeln.

Er lebte auf großem Fuß - schon damals, als er kein Geld besessen hatte. Nach seinen erfolgreichen Jahren als Star hatte er mehr Geld ausgegeben, als er besaß. Rechnungen und Kredite mussten bezahlt werden, das hatte mir sein Anwalt in einer vertrauten Runde berichtet. Das neue Album und die Tournee waren essentiell. Sie sollten ihn aus der Misere holen, ansonsten war das Leben im Schlaraffenland vorbei.
Ich wollte gar nicht wissen, wie viel er für Alkohol und Drogen ausgab, doch gewiss fraß seine Unterkunft das meiste seines Vermögens. Er lebte in Manhattan, zentrale Lage, in einer Penthousewohnung, mit Blick über die Stadt. Das Gebäude verfügte über einen Lift, eigenen Room- und Cleaningservice. Es gab ein Foyer, an dem Tag und Nacht ein Pförtner saß, der Buch darüber führte, wann die Bewohner kamen und gingen, bei dem sich Besucher anmelden mussten, der Mängel unverzüglich an einen Hausmeister weiterleitete, der einem quasi jeden Wunsch von den Augen ablas.
Das war beneidenswert. An dem Abend, an dem ich von der Klinik den Weg zu Ravens Wohnsitz tätigte, war ich allerdings schlichtweg nur froh, jemanden zum Reden zu haben.
Steven las ich auf dem kleinen Namensschild des dunkelhäutigen Aufsehers. Alles schreite nach einem Klischee. Der farbige Diener, mit schlanker Figur und raspelkurzen Haaren. Aber in jeder Geschichte gab es den Quotenschwarzen, oder? Genau wie es den Schwulen gab oder die Lesbe. Wo war mein Platz in dieser Story?
Steven saß vor einem großen Monitor, auf denen einzelne Bereiche des Hauses per Überwachungskamera in Echtzeit präsentiert wurden.
Seufzend stellte ich meinen Koffer ab und legte die Hände auf den marmornen Tresen. Er war kühl und schimmerte unter den kleinen LED-Lapen an der Decke.
"Guten Abend, ich bin Jesse Cole, der Promoter von Raven Spider."
"Oh ..."Steven stand unverzüglich auf. "Das freut mich sehr, ich habe schon viel von Ihnen gehört." Er reichte mir die Hand, doch seine Begeisterung schwang schnell in Betroffenheit über.
"Wie sieht es aus?", fragte er.
"Nicht gut." Ich seufzte und hatte Mühe, meine Ratlosigkeit zu verbergen. "Ist es hier passiert?"
Mein Gegenüber nickte. "Ein Nachbar wurde aufmerksam, weil der Hund nicht aufhörte, zu bellen. Ich habe versucht, Mr. Spider anzurufen, aber er ging nicht an sein Telefon. Er öffnete auch nicht die Tür, also bin ich mit dem Generalschlüssel rein ..." Verteidigend hob er die Hände an. "Also vorher hatte ich natürlich die Polizei verständigt. Mr. Spider lag im Schlafzimmer, auf dem Boden."
Ich schluckte trocken und fuhr mir über die spröden Lippen. "Verstehe ..." Unwillkürlich musste ich mich räuspern.
"Ein Glas Wasser, Sir?", fragte Steven sogleich.
"Gern ..."
Er hechtete ans Ende des Tresens, wo eine Karaffe Wasser und ein Kaffeeautomat standen. Ein ausgezeichneter Service, dachte ich ...
"Was ist mit dem Hund?", erkundigte ich mich, nachdem ich das komplette Glas Wasser geleert hatte. Steven war stehengeblieben und beantwortete meine Fragen.
"Es war eine Notfallnummer hinterlegt", berichtete er. "Von einem Marc, der hat das Tier erst einmal mitgenommen."
"Marc war hier?"
Steven nickte. Ja, Marc hatte mich angerufen, doch mir war nicht klar gewesen, dass er am Ort des Geschehens gewesen war. Kurz fragte ich mich, warum nicht meine Nummer für den Notfall angegeben war.
Vermutlich, weil es mich Stunden kostete, um herzukommen.
"Ich werde ein paar Tage bleiben, je nachdem, wie es sich mit Raven entwickelt", sprach ich weiter. Um mein Anliegen zu untermalen, zückte ich die Brieftasche und präsentierte meinen Ausweis sowie meine Visitenkarte. "Natürlich muss ich mich um seine Angelegenheiten kümmern ... Es gibt viele Dinge zu regeln ... Ich denke, es ist in seinem Sinne, dass ich solange bei ihm unterkomme."
Dass ich mir insgeheim ausmalte, die Beerdigung zu planen, behielt ich vorerst für mich.
"Klar, selbstverständlich." Steven prüfte kurz meine Papiere. Schließlich schob er mir ein Formular entgegen, das ich mit meinen Personalien ausfüllen musste, anschließend bekam ich einen Schlüssel ausgehändigt und er ließ es sich nicht nehmen, mir den Weg zum Appartement persönlich zu weisen.

Das Penthouse lag im siebten Stockwerk. Während der Fahrt mit dem Lift wechselten wir kein Wort. Ich war angespannt, wusste nicht, was mich erwartete. Steven bemerkte wohl meine Unsicherheit. Auf dem Weg durch den langen Flur erkundigte er sich.
"Sie waren lange nicht mehr hier gewesen, oder?"
Notgedrungen schüttelte ich den Kopf. Alles mögliche hatte mich davon abgehalten, Raven zu besuchen. Meist trafen wir uns bei Presseterminen und Fotoshootings, in Hotels, zwischen Tür und Angel. Es war nie der richtige Moment gewesen, um vernünftig mit ihm zu reden, um ihm klar zu machen, dass es so nicht weitergehen konnte. Suchte ich nach einer Ausrede? Wenn ja, war das erbärmlich ...
Steven ging vor und schloss die Wohnungstür auf. Nachfolgend drückte er mir den Schlüssel in die Hand und deutete nach vorn. Mir wäre es lieber gewesen, dass er vorangegangen wäre, aber ich sagte nichts; wollte nicht offenbaren, dass ich Angst hatte. Furcht. Wovor?
Mit weichen Knien schritt ich durch den Eingangsbereich und betätigte den Lichtschalter. Auf den ersten Blick schien alles normal. Ich sah Ravens Lederjacken an der Garderobe, was weitere Beklemmung mit sich brachte. Ich sog die verbrauchte Luft ein und ging weiter.
"Kommen Sie zurecht, Sir?" Steven war an der Tür stehengeblieben. Eigentlich wollte ich nicht, dass er ging, doch ich nickte und so verschwand er. Nun war ich allein. Kraftlos ließ ich den Koffer los, der mit Übergewicht zur Seite kippte. Verhalten betrat ich das Wohnzimmer. Es war dunkel, denn die Jalousien waren unten und ließen kein Tageslicht herein. Ich betätigte den Knopf neben dem Lichtschalter und ließ den Sichtschutz nach oben fahren. Kurz darauf präsentierten sich mir die Ledercouch, die Sessel, der Glastisch, die Bücherregale und die immense Stereoanlage samt riesigem Flat-Screen. Ja, es wirkte tatsächlich alles normal, bis ich einen näheren Blick riskierte: Volle Aschenbecher, benutzte Whiskeygläser, kuriose Flecken auf den Polstern, Pornohefte ...
Der Anblick ließ vermuten, dass die Putzfrau länger nicht vorbeigesehen hatte. Oder sie hatte es getan und wurde nicht geduldet. Ich wusste, dass Raven harsch reagieren konnte, wollte er nicht gestört werden.
Der Kloß in meinem Hals wurde fester, kaum sah ich in die Richtung des Schlafzimmers, dorthin, wo es passiert war. Die Tür stand offen, sodass ich aufs Bett blicken konnte. Die schwarze Bettwäsche lag zerwühlt obenauf. Auch von sicherer Entfernung sah ich Gläser und Flaschen auf dem Nachtschrank und dem Fußboden. Ich trat näher und betrachtete den Boden. Ich erspähte Plastikhülsen von Spritzen, aufgebrochene Ampullen, Schutzfolien von Elektroden, leere Infusionsflaschen ... Dort war es also passiert, genau vor meinen Füßen hatte der Kampf stattgefunden, der Kampf ums Überleben, die Schlacht um sein Herz ... Die Rettungsaktion musste schnell gegangen sein, ansonsten hätte der Notarzt wohl kaum seinen Müll zurückgelassen.
Mir wurde übel. Ich trat zurück und schloss die Tür, atmete tief durch ...
Sollte ich es wirklich tun? Hier wohnen, wo es geschehen war, während Raven im Krankenhaus lag und mit dem Tode rang.
Ich schlurfte ins Bad, benetzte mein Gesicht mit kühlem Wasser. Doch als ich ein Handtuch gegen die nasse Haut drückte, vernahm ich seinen Duft als stünde er neben mir. Das gab mir den Rest. Unkontrolliert brach ich in Tränen aus ...

*

Am nächsten Tag war zumindest das Wetter besser und der abgestandene Geruch in der Wohnung verschwunden. Allerdings konnte ich nicht behaupten, dass ich mich besser fühlte. Ein paar Stunden hatte ich geschlafen, eher vor Erschöpfung. Dennoch fühlte ich mich unausgeruht. In regelmäßigen Abständen war ich nachts wach geworden. Dann hatte ich auf das Handy gelinst, aus Angst, eine wichtige Meldung verpasst zu haben.
Aber niemand hatte versucht, mich zu erreichen, sodass ich immer wieder weggedöst war. Kaum war die Sonne aufgegangen, stand ich jedoch auf.
Ich musste ins Krankenhaus, ich musste zu ihm ... Der Wunsch, bei ihm zu sein und seine Hand zu halten, ließ mich nicht los.
Das Frühstück fiel aus. Ich duschte und zog mich an.
Die Nacht hatte ich im Gästezimmer verbracht. Zum Glück verfügte das Penthouse über diesen Raum. Vermutlich hätte ich es nicht fertig gebracht, im Wohnzimmer oder gar im Schlafzimmer zu schlafen. Womöglich wäre ich doch in ein Hotel gezogen, aber im Gästezimmer erinnerte nichts direkt an Raven oder sein derzeitiges Schicksal.

Steven hatte die Frühschicht angetreten und saß hinter dem Tresen. Er erkundigte sich nach meinem Befinden und ich beauftragte ihn damit, die Putzfrau zu organisieren.
Danach machte ich mich per Taxi auf den Weg in die Klinik.
Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Dass es Raven besser ging, dass er auf eine Normalstation verlegt worden war oder dass er uneingeschränkt mit mir reden würde.
Die Erkundigung nach ihm brachte allerdings nur die Gewissheit darüber, dass sich an seinem Zustand nichts geändert hatte.
Von den Tatsachen gebeutelt betrat ich die Intensivstation. Er lag im Bett wie am Tag zuvor. Auch die Schläuche und Kabel, die ihn überwachten und mit dem Nötigsten versorgten, waren nicht weniger geworden. Am liebsten wäre ich wieder gegangen.
Für einen Bruchteil von Sekunden wünschte ich mir, dass die ganze Quälerei bald ein Ende finden würde. Es hätte uns Leid erspart. Nicht nur ihm, sondern vor allem auch mir.
Sogleich schämte ich mich für den Gedanken, denn ich liebte ihn. Wie konnte ich mir wünschen, dass er ging? Woher nahm ich das Recht, über sein Leben zu urteilen?
Warum stellte ich meine Gefühle über sein Leid?
Zuvor hatte ich das auch nicht getan, stattdessen hatte ich ihn laufen lassen ... In das Verderben.
Ich schlich ans Bett, setzte mich auf einen Stuhl und ergriff seine Hand. Sie war warm, doch schlaff und kraftlos. Zärtlich strich ich über den Handrücken. Ob er es bemerkte? Ob er mich bemerkte?
"Hey, Rave, ich bin`s", sprach ich gedämpft. Ob er mich hörte? "Mensch, ich hatte so gehofft, dass es dir besser geht ..." Ich fixierte sein fahles Gesicht, den Tubus, der aus seinem Mund ragte und den Beatmungsbeutel, der in regelmäßigen Abständen Luft in ihn pumpte. Kontinuierlich hob und senkte sich sein Brustkorb. Sie hatten ihn in ein Krankenhaushemd gekleidet. Sein Haar war strähnig und sein Gesicht unrasiert. Er sah fürchterlich aus. Alt und krank ...
Ich war froh, dass er sich selbst nicht sehen konnte. "Raven? Hörst du mich?" Er antwortete nicht.
"Ach, das ist ja schön, dass Besuch da ist", erklang es hinter mir. Sofort drehte ich mich um und erblickte einen Mann im Arztkittel. "Sind Sie ein Verwandter?"
"Oh, nein." Ich ließ Ravens Hand los und stand auf. "Raven hat keine Familie. Ich bin ein guter Freund ... Und auch sein Promoter."
Der Arzt nickte. "Die Schwester sind ganz außer sich, so eine Berühmtheit hier zu haben."
Ich kniff mir ein Lächeln ab. Die Umstände waren ja nicht gerade erheiternd, trotzdem freute es mich, dass zumindest die Schwesternschaft von Ravens Krankheit profitierte.
"Ich bin Dr. Thomas", stellte sich der Arzt vor. "Kardiologe. - Wissen Sie ob Mr. Spider eine Patientenverfügung hat? Gibt es eine Vorsorgevollmacht?"
"Das weiß ich nicht", antwortete ich. "Aber ich denke, eher nicht ..."
Meine Stimme war kaum hörbar. Erneut machten sich Vorwürfe breit. Selbstverständlich hatte ich daran gedacht, mit Raven über mögliche Situationen zu sprechen; über Ereignisse, die ihn hilflos und entscheidungsunfähig werden ließen. Aber gesprochen hatten wir nie darüber. All meine Überlegungen waren tatenlos geblieben.
Dr. Thomas sah in die Akte, die er mit sich trug. Offenkundig Ravens Krankenakte, denn sein Name stand oben auf. "Als Auskunftsberechtigter ist ein Jesse Cole angegeben."
"Ja, das bin ich." Ich stieß ein verlegenes Lachen aus. "Sorry, ich bin etwas konfus, die ganze Sache setzt mir zu." Ich sah auf das Bett. Ob Raven uns zuhörte? "Wann wacht er wieder auf, kann man das sagen?"
"Er hatte einen schweren Infarkt", erklärte Dr. Thomas. "Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass es schon vorangegangene Episoden gab. In den Unterlagen stand aber nichts darüber."
Ich musste wieder passen. "Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, wann er das letzte Mal beim Arzt war. Über aktuelle Beschwerden weiß ich nichts."
"Aber Sie wissen von seinen schlechten Leberwerten und der COPD?"
"Ja, klar ... " Trinken und Rauchen forderten ihren Tribut. Ich hatte es immer gesagt. Der Arzt schielte nochmals in die Akte.
"In seinem Blut fanden sich Spuren von Beruhigungsmitteln und Alkohol ..."
"Ja, er hat eine schwierige Phase, momentan ..." Ich biss mir auf die Zunge, denn meine Aussage klang lächerlich. Jeder Businessmanager hatte mehr Stress als Raven. Das Singen und die Bühnenshow machten ihm Spaß. Zumindest hatte er das immer behauptet. Was war der Grund dafür, dass er sich mit Schnaps und Chemie zugrunde richtete?
"Wir haben ihn in Narkose gesetzt, da jegliche Belastung zu viel für ihn sein könnte", kam Dr. Thomas auf meine Frage zurück. "Wir werden ihn erst wecken, wenn sich sein Zustand stabilisiert hat."
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