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Stealer [The Boyz | SunMoon]

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
02.12.2020
24.12.2020
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26.950
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02.12.2020 1.240
 
Kevin hatte sich zwar nie zu den Menschen gezählt, die besonders aufmerksam durchs Leben gingen, volle Kanne in jemanden reingelaufen war er bisher aber trotzdem noch nicht. Dementsprechend erschrocken war er auch, als er ziemlich unsanft mit jemandem zusammenstiess. Im Nachhinein konnte er nicht mehr sagen, wie genau ihm so etwas geschehen konnte, nur noch, dass es ihm furchtbar unangenehm war. Spätestens dann, als er den wütenden Blick wahrnahm, den das Opfer seiner erneuten Unachtsamkeit ihm zuwarf.

Hastig machte er einen Schritt zurück, auf den Lippen lag ihm bereits eine gestammelte Entschuldigung, doch der andere Junge liess ihn gar nicht zu Wort kommen. »Kannst du nicht aufpassen?!«, blaffte er ihn an, worauf Kevin merklich zusammenzuckte. Er hatte nicht mit einer solch heftige Reaktion gerechnet, zumal es nun wirklich nicht seine Absicht gewesen war, den Jungen anzurempeln. Und ausserdem, war dieser an ihrem Zusammenstoss nicht eben so schuldig? Kevin war sich ziemlich sicher, dass der andere durchaus die Möglichkeit gehabt hätte, ihm auszuweichen, so überlaufen waren die Strassen dann doch nicht.

Nachdenklich musterte er sein Gegenüber. Er war jünger als Kevin zuerst angenommen hatte, wahrscheinlich war er noch nicht einmal volljährig. Dass er es sich trotzdem herausnahm ihn derart anzufahren, fand Kevin schon recht unverschämt. Fast so unverschämt wie sein attraktives Äusseres übrigens. Kevin war sich nicht ganz sicher, welches von beidem ihm die Sprache verschlagen hatte, allerdings tippte er auf letzteres.

Er hatte etwas an sich, das Kevin gleich von der ersten Sekunde an fasziniert hatte. Er konnte nicht einmal sagen, was genau es war. Vielleicht das Funkeln in seinen Augen, dass viel weniger feindselig, sondern sogar eher herausfordernd wirkte, die vor Empörung aufgeplusterten Wangen oder aber die plumpen Lippen, auf denen Kevin glaubte den Anflug eines selbstzufrieden Grinsens zu entdecken. Alles in allem wirkte er nicht halb so wütend, wie er vorgab zu sein. Er verwirrte Kevin. So sehr, dass er völlig vergass, dass er sich eigentlich bei ihm entschuldigen wollte.

Er wusste dass es vermutlich nur wenige Sekunden gewesen waren, in denen er den Jungen schamlos angestarrt hatte, doch für einen kurzen Augenblick war für ihn die Zeit stehengeblieben, in dem er sich jedes noch so kleine Detail in dem Gesicht des Jungen genaustens eingeprägt hatte. Nicht dass er davon ausging, diesen noch einmal zu sehen, nachdem er später wieder in der Menge verschwinden würde, denn das würde ja bedeuten, dass er ihn ansprechen musste und Himmel, er schaffte es ja nicht einmal, sich bei ihm zu entschuldigen.

Ausserdem schien sich der Junge sowieso schon seine Meinung über Kevin gebildet zu haben. Innerlich schüttelte Kevin den Kopf über sich selbst. Er sollte sich gar nicht erst solche Gedanken machen. Nicht wegen einer unbedeutenden Begegnung wie dieser.

Er straffte die Schultern und wollte dann erhobenen Hauptes seinen Weg fortsetzen. »Oh wow, erst läufst du geradewegs in mich rein und dann besitzt du nicht mal den Anstand dich dafür zu entschuldigen«, schnaubte der Junge, als Kevin sich gerade auf seiner Höhe befand und schüttelte nur den Kopf. Verunsichert drehte Kevin sich nochmal zu ihm um, worauf er jedoch bloss den ausgestreckten Mittelfinger des Jungen erntete.

Erschrocken riss er die Augen auf und murmelte dann ein hastiges »Tschuldige«, ehe er die Beine in die Hand nahm und zusah, dass er Land gewann. Hitze stieg ihm in seine Wangen, als er bemerkte wie einige der umstehenden Passanten ihm merkwürdige Blicke zuwarfen. Von Weitem glaubte er noch zu hören, wie der andere Junge ihn als Arschloch betitelte, doch er ging nicht darauf ein. Seine Finger krallten sich in die Henkel seiner Einkaufstasche, die er sich über die Schulter gehängt hatte.

Er wurde erst wieder langsamer, als er sich sicher war, dass er genug Abstand zwischen sich und den Jungen gebracht hatte. Wieso passierte sowas eigentlich immer ihm? Und wieso schien es von Mal zu Mal peinlicher zu werden. So schlimm wie heute hatte er sich wahrscheinlich noch nie blamiert. Gut nur, dass Seoul eine Grossstadt war und die Wahrscheinlichkeit, dass erneut ausgerechnet auf diesen einen Jungen treffen würde damit so ziemlich bei null lag.

An diesen Gedanken klammerte er sich fest, bis er schliesslich endlich das Appartement erreichte, welches er gemeinsam mit seiner Schwester bewohnte. Er kramte nach dem Schlüssel, ehe er damit die Tür aufstiess und das vertraute Innere ihrer Wohnung ihn willkommen hiess. Es war nicht besonders gross, dafür aber gemütlich eingerichtet, was allerdings mehr seiner Schwester zu verdanken war. Eigentlich gehörte die Wohnung sowieso ihr, aber nachdem Kevin letztes Jahr aus dem Wohnheim geflogen war, hatte sie ihn gnädiger Weise bei sich aufgenommen. Einzig die wenigen Zimmerpflanzen stammten von Kevin, zuvor hatte es in der Wohnung kaum irgendwelches Grünzeug gegeben, weil Stella dieses immer binnen von wenigen Wochen verserbeln liess. Dafür war sie es gewesen, die die Wände mit lauter Bildern aus ihrer Heimat versehen hatte. Auch die ganzen Kissen und der flauschige Teppich, der den Boden ihres Wohnzimmers bedeckte, waren von ihr, ebenso die Kerzen, die sie, jetzt wo die dunkle Jahreszeit wieder über sie hereingebrochen war, wieder hervorgekramt hatte.

Kevin mochte es. Es hatte etwas heimeliges, nachdem er sich in dem muffigen Studentenwohnheim doch immer ziemlich verloren gefühlt hatte. Andererseits wusste er auch, dass dies hier im Grunde genommen eigentlich nur eine Übergangslösung war, aber darüber wollte er sich lieber noch nicht zu viele Gedanken machen.

Er seufzte und stellte dann die Tasche mit seinen Einkäufen auf die Tischplatte, ehe er sich daran machte, diese im Kühlschrank zu verstauen. Anschliessend kramte er nach seinem Geldbeutel. Stella hatte ihm heute Morgen ein paar Geldscheine rausgelegt, mit der Bitte, er solle doch auf dem Heimweg noch ein paar Lebensmittel besorgen. Das übriggebliebene Geld wollte er ihr lieber gleich zurückgeben, sonst würde es sowieso wieder in Vergessenheit geraten und Kevin hatte sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil er zu solch geringen Kosten bei seiner Schwester leben durfte.

Nachdem er seine Tasche bestimmt schon zum dritten Mal durchwühlt hatte, drehte er sie kurzerhand auf den Kopf und liess den Inhalt auf den Tisch purzeln. Besonders viel war es nicht, trotzdem konnte er sein Portemonnaie nicht auf Anhieb erkennen. Er runzelte misstrauisch die Stirn. Er verteilte seine Habseligkeiten grosszügig auf der dunklen Holzplatte und fluchte leise auf, als er feststellte, dass das wonach er suchte sich tatsächlich nicht unter seinen Sachen befand. Mit einem mulmigen Gefühl griff er in sämtliche seiner Hosentaschen. Nichts. Schnell flitzte er zur Garderobe und durchsuchte sicherheitshalber auch noch die Taschen seines Mantels. Wieder nichts.

Panik machte sich in Kevin breit. Konnte es sein, dass er es irgendwo unterwegs verloren hatte, vielleicht sogar noch an der Kasse liegengelassen hatte? Nein, unmöglich. Kevin verlegte nie etwas, schon gar nicht, wenn es sich um so einen wichtigen Gegenstand wie seine Brieftasche handelte.

Trotzdem war er weg und Kevin hatte keine Ahnung, wo er sonst noch suchen sollte. Er war verzweifelt und er wusste ehrlich gesagt nicht, was diesen Tag noch hätte schlimmer machen können. Erst lief er geradewegs in diesen Jungen hinein und blamierte sich damit bis auf die Knochen und dann verlor er auch noch seinen Geldbeutel.

Es war doch einfach zum Davonlaufen. Frustriert schrie er auf und liess sich dann unglücklich aufs Sofa sinken, wo er anschliessend darauf wartete, dass sich unter ihm ein Loch auftat. Es kam nicht, natürlich nicht. Was aber kam, war die Erkenntnis, dass die beiden Vorfälle des heutigen Tages zusammenhingen und mit einem Mal, war ihm der Junge noch viel unsympathischer, als sowieso schon, hübsches Gesicht hin oder her.

Kevin war beklaut worden.
 
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