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Wie finde ich einen ansprechenden Titel für meine Geschichte

GeschichteAllgemein / P12
02.12.2020
02.12.2020
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Junge Autoren machen heutzutage denselben Fehler wie junge Eltern: sie wollen ihrem Baby einen Namen geben, der absolut einzigartig ist, exotisch und bedeutungsschwanger. Er soll verdeutlichen, dass dieses Baby anders ist als alle anderen … und in diesem Bestreben wurde eine ganze Generation von Kevins und Jaquelines erschaffen, über die die Gesellschaft witzelt – sehr zum Leid der geplagten Kinder, die doch nichts für die Fashionista-Anfälle ihrer Eltern können.

Ein ähnliches Schicksal ist den FanFics beschieden (und zum Großteil auch den freien Arbeiten in diesem Archiv). Man will hip sein, also wählt man einen englischen Titel. Man will aus der Masse hervorstechen, also verziert man ihn mit *Sternchen* ºund¶ ·allerlei| ¿anderen~ ‡Zeichen». Und da das noch nicht ausreicht, verpackt man gleich den kompletten Story-Titel in einen (zιεmℓιcꎧ uηℓεﻯεяℓιcꎧεη) ⓒꑙ∂ε.

An dieser Stelle habe ich einen wirklich gutgemeinten Ratschlag für euch: tut es nicht.

Egal, wie wild-kreativ ihr euren Story-Titel codiert, er macht den Inhalt eurer Geschichte nicht spezieller. Das könnt nur ihr alleine durch eure eigene Kreativität erreichen, nicht mit einem Griff in die vorgefertigte ASCII-Trickkiste. Zudem unterwerft ihr euren Titel mit einer ‚optischen Aufhübschung‘ einer Modeerscheinung. Solche Phänomene sind bekanntlich kurzlebig. Denkt deshalb so zeitlos wie möglich – und dabei auch praktisch und logisch.

Wenn ich als Leser die neuen Geschichten auf ff.de durchscrolle, überfliege ich die Titel, um zu sehen, ob es irgendetwas gibt, das mich spontan anspricht. Ein Großteil der User benutzt erfreulicherweise das ganz normale lateinische Alphabet in der von fanfiktion.de verwendeten Schriftart. 0815 sagt ihr? Langweilig und fade? Weit gefehlt! In einer Liste von Titeln, die gut lesbar präsentiert werden, geht ein codierter Text einfach unter. Das auf das schnelle Beschaffen von Informationen trainierte Auge stolpert über die verworrenen Linien, kann die Worte nicht wirklich wahrnehmen und springt weiter zum nächsten, wieder sauber lesbaren Titel. Und so wird eure Geschichte, so außergewöhnlich ihr sie auch präsentiert, letztendlich einfach übersehen. Das ist nicht eure Intention. Deshalb: passt euch an und glaubt nicht, dabei eure Individualität aufgeben zu müssen. Das tut ihr nicht. Eure Werkzeuge zum Erfolg sind eure Worte. Benutzt sie weise!

Nachdem wir uns auf eine klassische Schriftdarstellung geeinigt haben kommen wir zum eigentlichen Titel, und da geht es weiter mit der Pseudo-Individualität, die leider keine ist. Kevinismus, meine Lieben, hier schlägt er erneut zu. Und zwar in Form benutzter Fremdsprachen, vornehmlich Englisch.

Ich muss vorweg sagen, dass ich kein Gegner der englischen Sprache bin, nicht im Geringsten. Offen gestanden liebe ich sie sogar heiß und innig. Allerdings leben wir hier in einem deutschen Sprachraum und verfassen Geschichten auf Deutsch. Diesen Geschichten dann einen englischen Titel zu verpassen, grenzt an Stilbruch – noch mühsamer wird es, wenn der Autor der englischen Sprache nur bedingt mächtig ist und peinliche Grammatikfehler in seinen Titel einbaut. Lasst die Finger davon. Ein deutscher Titel ist nicht langweilig. In unseren Läden kaufen wir auch „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ und nicht „Harry Potter and the Chamber of Secrets“. Wir lesen „Der Herr der Ringe“ und nicht „The Lord of the Rings“. Im Bücherregal steht „Bis(s) zum Morgengrauen“ und nicht „Twilight“. Darüber hinaus ist fanfiktion.de ein deutschsprachiges Archiv für deutschsprachige FanFiktion. – Wenn ihr einen Narren an den Originaltiteln gefressen habt und euch der Originalsprache mit ihren Eigenheiten bezüglich Namen wie Schauplätzen bedienen möchtet, dann schreibt eure Geschichte auch konsequent auf Englisch und mischt nicht ignorant zwei Sprachen, nur weil es momentan in euren Ohren „cooler“ klingt. Es ist – verzeiht mir meine Deutlichkeit – eine unprofessionelle Herangehensweise, die sich jeder, der früher oder später ernsthaft schreiben möchte, verkneifen sollte.

Kleine Gedankenanregung: Schaut euch einmal die Titel von Bestsellern deutscher Autoren an – keine übersetzten Romane, sondern Deutsch als Ausgangssprache. Was für Buchtitel lest ihr da, englische oder deutsche?

Gewiss gibt es Ausnahmen, bei denen ein englischer Story-Titel akzeptabel oder auch gerechtfertigt ist – das gilt aber nicht für Geschichten, die in Deutschland, Frankreich oder anderen nicht-englischsprachigen Ländern spielen und frei von englischsprachigen Protagonisten sind. Wenn ich zum Beispiel einen Roman über Ludwig XIV. lese, klingt es seltsam, wenn er in deutscher Sprache verfasst wurde, aber den Titel „When the sun rises over Versailles“ trägt. Es wirkt befremdlich, nicht ansprechend. Entscheidet ihr euch dagegen für einen französischen Titel, da ihr partout nichts Deutsches wollt, fühlt es sich nicht gar so abstrakt an, schließlich spielt die Geschichte in Frankreich und nimmt somit kulturellen Bezug.

Anmerkung: Joanne K. Rowling wählte für den Helden ihrer Romanreihe bewusst einen möglichst gewöhnlichen Namen. Dass das keine Fehlentscheidung war, beweist der reißende Erfolg von Harry Potter.

Das Genre inspiriert!

Euer Titel präsentiert die Essenz eurer Geschichte in wenigen Worten. Er gibt einen Hinweis darauf, was den Leser erwartet, und sollte natürlich nicht nur Appetit machen, sondern auch noch nach Beendigung der Lektüre passend erscheinen. Einen Songtitel zu wählen, den ihr gerade irrsinnig inspirierend findet, mag euch im ersten Augenblick befriedigend erscheinen, erweist sich aber als Rohrkrepierer, wenn dieser Titel letztendlich so gar nichts mit dem Inhalt eurer Geschichte zu tun hat.

Auf der Suche nach Inspiration hilft nicht selten ein Blick in diverse Kataloge von Verlagen, in denen ihr Bücher sogar nach Themengebieten sortiert findet. Was genau schreibt ihr, vielleicht einen Krimi? Wie klingen Titel wie „Der Schrecken von Knockburn Alley“, „Ein Mörder zum Tee“ oder „Wo die Schatten Blut bedecken“? Bewegt ihr euch lieber im Fantasy-Genre und könntet etwas mit „In der Höhle des Orkkönigs“, „Die magische Lanze von Car’wain“ oder „Elbenerbe“ anfangen? Titel wie „Es begann im Rosengarten“, „Sehnsucht in den Sand geschrieben“ und „Der Traumprinz, der vom Himmel fiel“ könnten auf Romanzen hinweisen. Ihr winkt gelangweilt ab und haltet euer Science-Fiction-Schild hoch? Dann vielleicht „Kurs auf Kallisto“, „Verloren im Sagittarius-Quadranten“ oder „Sternensturz“?

[Ich habe keine Ahnung, ob das reale Titel sind, ich wollte auch nicht bewusst welche für diese Kolumne klauen. Solltet ihr über Google also Bücher finden, die tatsächlich so heißen … ups, Zufall. ^.^]

Geht in euch und überdenkt euren Plot. Betrachtet die Szenen, die ihr schon geschrieben habt, und ermittelt für euch, was sie ausmachen. Welche Worte beschreiben eure Absichten und machen noch dazu irgendwie neugierig? Erstellt euch ruhig eine Liste mit verschiedenen möglichen Titeln. Betrachtet sie in Ruhe, wirbelt sie durcheinander und setzt die Worte neu zusammen, bis ihr etwas vor euch seht, womit ihr euch rundum wohlfühlt. Manchem Autoren fällt ein Titel ein, bevor er überhaupt mit dem Schreiben beginnt – ein anderer muss zuerst das Grundgerüst seiner Geschichte vor sich sehen, bevor er dazu fähig ist, das Kind im wahrsten Sinne des Wortes beim Namen zu nennen. Seid nicht ungeduldig mit euch, wenn euch der perfekte Titel nicht sofort in den Schoß fällt. Nehmt euch bewusst ein paar Stunden oder Tage Zeit (und dabei durchaus auch mal Abstand vom Text). Sammelt Eindrücke und entspannt euch. Nicht wenigen ist der Name für ihre Geschichte bei etwas vollkommen Profanen wie der Zugfahrt zur Arbeit oder beim Fensterputzen eingefallen.

Und noch ein paar Tipps am Rande:

• Wenn ihr FanFictions schreibt, müsst ihr euer Fandom im Titel nicht nennen, das ist überflüssig. Alle Angaben finden sich auf dieser Seite in den von euch ausgewählten Kategorien. Zudem zieht ihr den Titel eurer Geschichte unnötig in die Länge, wenn ihr das Fandom und (nicht selten!) auch noch den Namen des Protagonisten oder des verwendeten Pairings einfügt. Beides hat nichts dort zu suchen. Legitim dagegen ist eine Anmerkung (in Klammern), dass es sich um Teil 2 einer Trilogie oder Band 9 einer Reihe handelt. Diese Angaben sind für den Leser Hilfen, die es ihm erleichtern, eure Geschichten chronologisch zu sortieren.

• Vermeidet es, eure Geschichten namenlos hochzuladen. Platzhalter wie ‚Arbeitstitel‘ oder ‚Titel folgt‘ schrecken potenzielle Leser ab. Nehmt euch ausreichend Zeit, einen Titel zu finden, der zu eurer Geschichte passt und sie im Idealfall sogar in irgendeiner Form beschreibt. Es muss nicht immer superpoetisch werden. Einige der erfolgreichsten Storys auf ff.de haben auf den ersten Blick ganz schmucklose, aber fraglos passende Titel.

• Achtet darauf, euren Titel fehlerfrei zu schreiben – potenzielle Leser werden euch auch einen versehentlichen Typo übel nehmen, denn bei der Auswahl ihrer Geschichten sind die meisten durchaus anspruchsvoll. Rechtschreibfehler bereits im Storytitel verraten schlampigen Umgang mit dem Text im Generellen. Diesen Eindruck solltet ihr in eurem eigenen Interesse dringend vermeiden.

Habt ihr noch Diskussionsbedarf? Dann traut euch ins Forum! Dort findet ihr einige Threads, die sich mit Titeln zu FFs, FAs und einzelnen Kapiteln beschäftigen. Hier eine Auswahl:

Tipps und Tricks, um einen guten Titel zu finden
Welche Titel sprechen euch an?
Fremdsprachige Titel
Welchen Titel sollte eine Geschichte NICHT haben?

Ich wünsche euch allen frohes Austüfteln und natürlich viel Spaß und Erfolg beim Schreiben!
 
 
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