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Leben und sterben lassen

von NotMyName
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Edwin Bremer
02.12.2020
02.12.2020
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Viele Leute kamen nicht damit zurecht, wenn eine Person starb, die sie liebten. Sie verfielen in seltsame, zwanghafte Gewohnheiten. Edwin Bremer war da keine Ausnahme, auch wenn er das gerne zu verstecken versuchte. Es konnte dennoch offensichtlich sein, denn manchmal war es einfach nicht möglich, es aussehen zu lassen, als wäre alles in Ordnung. Manchmal war der Schmerz zu groß. Er konnte nicht einfach so tun, als schliefe er nicht auf seinem Sofa, anstatt im Schlafzimmer wie andere — vielleicht normalere — Leute es taten. Die hatten aber auch keine Ahnung, wie es war den Menschen zu verlieren, der alles für sie bedeutete oder hatten vielleicht niemanden, den sie so liebten — oder war es geliebt hatten? Eine Frage, mit der Edwin sich gar nicht gerne auseinandersetzte. Liebte man einen Menschen nicht immer noch, auch wenn dieser schon tot war? Für ihn fühlte es sich auf jeden Fall noch so an, als würde er Anne lieben. Für immer. Bis er selber starb.

Annes Tod hatte ihn verändert. Neue Marotten waren entstanden, alte hatten sich verschlimmert. Er war sich darüber bewusst, dass es nicht unbedingt gut war, Annes und sein gemeinsames Zimmer um jeden Preis zu meiden und auch sicherzustellen, dass auch andere dort nicht reingingen. Zu groß war seine Angst, dass dort irgendetwas verändert wurde. Edwin wollte nicht loslassen, er wollte daran festhalten. An Anne, an den Erinnerungen. Was, wenn eine plötzlich verloren ging? Da hielt er es für die beste Lösung, auf dem Sofa zu schlafen, ob das jetzt bequem war oder auch nicht. Mittlerweile hatte er sich sowieso daran gewöhnt, nach all den Jahren. Falls man sich überhaupt daran gewöhnen konnte, an ein Leben ohne die Person, die man liebte. Einfach weggerissen wurde sie ihm, seine Anne. Es war anders als eine Trennung, der Schlussstrich hier war endgültig.

Es war kompliziert, doch das Chaos in seiner Wohnung brachte eine gewisse Ordnung in Edwins Kopf. Ja, alles schrie förmlich danach, dass er sich hatte gehen lassen. Und das war ja nicht einmal falsch. Jede einzelne Flasche, die herumlag, jeder Pizzakarton, jede Zigarettenschachtel. All das bedeutete etwas. Es spiegelte all die Narben wider, die seine Seele bedeckten, all die Falten, die man auf seiner Haut nicht sehen konnte. Es sagte auch aus, dass er eigentlich nichts zu verlieren hatte. Denn all das, was er je zu verlieren gehabt hatte, das hatte er schon verloren. So dachte Edwin zumindest.
Dabei dachte er nicht an Günther, der trotz des Fakts, dass er immer meckerte doch eigentlich sein Freund war; nicht an Heidrun, die immer liebevoll für ihn mit kochte und auch nicht an Rosalind, die er doch so gerne mochte. Auch an seine Arbeit dachte er nicht.
Manche würden dieses Leben als traurig bezeichnen und vermutlich hatten sie damit recht. Edwin hingegen fand sein Leben gar nicht so traurig. Aber vermutlich sagten das alle, die ein trauriges Leben führten. Allerdings fand er, war zwischen ihm und all den anderen Menschen (seines Alters) ein großer Unterschied. Schließlich hatte er als eigentlicher Rentner noch eine Arbeit, die ihm Spaß machte, zumindest Teile dieser Arbeit. Edwin würde aber wahrscheinlich auch sagen, dass diese Arbeit für sein Leben gar nicht so viel bedeutete. Das war eigentlich eine Lüge. Dennoch sorgte diese Arbeit dafür, dass er aus dem Haus kam und auch wichtig: unter Leute. Selbst wenn er die eher nervig fand. Es machte etwas aus, nicht nur den ganzen Tag alleine in seiner Wohnung vor sich hinzuvegetieren. Unter Leute zu kommen hatte Edwin eigentlich nie viel bedeutet, aber für Anne hatte es eine ganze Menge bedeutet, dass er es trotzdem tat. Er verstand auch weshalb ihr das so wichtig gewesen war, er sollte kein Soziallegsteniker werden. Manchmal schien es, als hätte Anne schon immer gewusst, dass sie zuerst sterben würde. Andernfalls würden Heidrun und Günther sich wahrscheinlich nicht viel aus ihm machen. Er konnte froh sein, dass er die beiden wegen Anne hatte. Das zeigte ihm schon, dass er nicht für alle egal war. Denn die Tatsache, dass er viel rauchte, viel ungesundes Zeugs aß, ließ von sich sprechen, dass es ihm im Grunde genommen egal war, was mit ihm passierte. Aber dass es anderen nicht egal war, zählte auch eine ganze Menge. Was für einen großen Einfluss das Leben einer Person auf so viele Menschen haben konnte. Aber auch der Tod dieser Person hatte einen großen Einfluss auf deren Verhalten und Denken. Auch die Todesursache. Sonst wäre Edwin der Fall mit der Frau, die einen Mann umgebracht hatte um ihren Mann zu retten, wahrscheinlich nie so nahe gegangen. Er hatte niemanden ermordet um Anne zu retten. Dennoch konnte er die Frau verstehen. Edwin hätte fast alles dafür getan, seine Frau am Leben zu erhalten. Zwar keinen Mord, aber fast. Letztendlich war seine Frau wichtiger für ihn, als alle anderen. Ihr Leben wichtiger als die meisten moralischen Werte, von denen er behauptete sie nicht zu besitzen. Die Grenze war schnell übertreten. Er hatte es nicht getan, aber der Weg von der einen auf die andere Seite war kurz und das war auch Edwin schmerzlich bewusst. Wenn man am Ende der einen stand, konnte man die andere gut sehen, fast schon zu gut. Das war auch ein Grund, weshalb er damals für ein halbes Jahr beim Psychologen war. Er hatte sich konstant selbst die Schuld gegeben, nicht mehr für Anne gemacht zu haben. Manchmal tat er das immer noch. Deshalb machte Edwin auch keine Witze über Psychologen oder Leute, die zum Psychologen gingen. Er konnte all diese Menschen nur allzu gut verstehen.
Seine Witze waren teilweise sowieso ein Abwehrmechanismus. Aus ihnen resultierte, dass andere seine Trauer nicht sahen, sie waren aber auch eine Ablenkung für ihn selbst. Das galt auch für manche grobe Bemerkungen. Sie halfen ihm zwar nicht zu vergessen, aber schon dabei, nicht ständig darüber nachzudenken. Vielleicht brachten die auch ein bisschen Freude in sein Leben und hielten ihn davon ab, die ganze Zeit melancholisch vor sich hinzuvegetieren. Zynismus war nun mal auch eine Art von Humor.

Als Günther ihn nach dem Leben nach dem Tod gefragt hatte, hatte er geantwortet: „Ich glaube es ist dieses hier.“ Und das glaubte er immer noch, auch nach seinem Herzinfarkt, der ihm vieles bewusst gemacht hatte. Oder gerade deswegen? Beispielsweise, war ihm auch bewusst geworden, dass er gar nicht wusste wo er wirklich herkam. Aber ein Stück weit stimmte es ja schon, es stellte sich bloß die Frage nach wessen Tod. Als Anne starb, war auch ein Teil von ihm gestorben. Also war es nicht nur das Leben nach Annes Tod. Wegen all der Ungerechtigkeiten, die ihm widerfuhren, hatte er außerdem manchmal das Gefühl, er befinde sich in der Hölle. In der Hölle auf Erden, in der es irgendein Wesen auf ihn abgesehen hatte.
Jedoch fühlte Edwin sich nach seinem Herzinfarkt teilweise schon besser. Vielleicht hatte er ihm gezeigt, wie nah sein Tod eigentlich war, wenn die Adam ihm das nicht vorher schon oft genug gesagt hatte, wie bald er schon da sein konnte, wo Anne war. Aber auch, dass er den Rest seines Lebens auf jeden Fall nutzen wollte. Egal wie, ob das jetzt zum Ermitteln war oder dazu, mit Rosalind zu flirten. Anne hätte nicht gewollt, dass er seine restliche Zeit einfach wegwarf; sie hätte ihm bestimmt ein bisschen Spaß im Leben gegönnt.

Edwin hatte Vieles gelernt in seinem Leben, viel gesehen und noch mehr gehört. Aber auf den Tod, auf den konnte man sich eben nicht vorbereiten. Weder auf den eines geliebten Menschen noch auf den eigenen. So kamen insbesondere nachdem Anne ihrer Krankheit erlegen war, über die Jahre ein paar Marotten und Angewohnheiten dazu. Jedoch halfen sie Edwin, sich von den Tatsachen abzulenken, waren wie eine Flucht der Realität.
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