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Flieg los, Zirael

von Ms J
DrabbleFantasy, Tragödie / P12 / Gen
Ciri
02.12.2020
02.12.2020
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2.553
 
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Während sie in dem vom starken Strom davongetriebenen Boot saß, dachte Ciri daran, dass sie es endlich geschafft hatte zu fliehen. Weg von dem vom Leben enttäuschten und müden Auberon, weg von diesem ganzen verdammten Volk namens Aen Elle.

Indem sie sich vorzeitig über ihren Sieg freute, bemerkte Ciri nicht, wie eine Gestalt regungslos auf der Brücke verharrte, unter der Ciris Boot in wenigen Augenblicken fahren sollte. Allem Anschein nach beabsichtigte die Gestalt von der Brücke direkt in das vorbeifahrende Boot ungeachtet dessen hohen Geschwindigkeit zu springen. Und sie sprang tatsächlich. Das Boot schwankte, verlor an Gleichgewicht und kenterte beinahe. Ciri riß sich herum und versteinerte in die kalten Augen des ihr wohl bekannten Elfen blickend. Eredin. So wie es aussah, gelang es ihm doch sie aufzuspüren.

"Hast du dich etwa verlaufen?" lächelte er sie betont höflich an, wobei eine gewisse Drohung in seiner tiefen Stimme kaum zu überhören war.

"Was geht dich das an!" konterte Ciri und griff nach ihrem Schwert sich in eine Kampfposition stellend.

Eredin aber dachte gar nicht daran seine Waffe zu benutzen. Stattdessen machte er einen Schritt nach hinten und brachte dadurch das bereits viel zu unstabile Boot abermals zum Wanken. Ciri traf es unvorbereitet und so war sie regelrecht gezwungen gegen ihren Willen nach vorne zu laufen, um im folgenden Augenblick direkt in den Armen ihres Feindes zu landen.

"Gut so," grinste Eredin spöttisch.

Nachdem er ihr das Schwert mit einem geübten Griff aus der Hand geschlagen hatte, fasste er ihre Handgelenke mir einer Hand, mit der zweiten griff er ihr unter die Knie. Im nächsten Augenblick verlor Ciri den unsicheren Boden unter den Füßen und fand sich wieder in der Luft schwebend, die Arme des Feindes an ihrem Körper. Solcher Stand der Dinge gefiel ihr ganz und gar nicht und das Mädchen begann heftig zu zappeln, was Eredin aber keinesfalls beeindruckte. Sie war einfach zu schmal und zu zierlich, um ihm überhaupt etwas anhaben und ihn auch nur aus dem Gleichgewicht bringen zu können. Sogar im unkontrollierten Boot auf dem unruhigen Fluss nicht.

"Genug," zischte er, wobei er sie, wie ein Sack, über seine Schulter zu werfen beabsichtigte. "Zeit zurückzukehren, um deine Bestimmung zu vollbringen."

"Warum hasst du die Menschen so sehr?!" spuckte Ciri beinahe aus, sich in seinen Armen weiter windend. "Was haben wir dir eigentlich getan?"

Eigentlich hatte sie nicht erwartet, dass er sich überhaupt zu einer Antwort herablassen würde und fragte einfach so aus dem Impuls heraus. Eredin aber machte etwas, was ihm gar nicht ähnlich sah. Nachdem er sie wieder auf die Beine brachte, griff er nach ihrem Haar und forderte sie mit einem unsanften Ruck ihm in die Augen zu sehen.

"Möchtest du das wirklich wissen?" fragte er jedes Wort scharf betonend.

Ciri hielt seinem eisigen Blick stand und hob obendrauf trotzig ihr Kinn, als ob sie den bereits innerlich aufgebrachten Elfen noch mehr herausfordern wollte. Trotz der Vermutung er würde ihr dafür alle Rippen brechen – so stark war nämlich sein Griff, blieb sie heil. Ciri kam es so vor, als ob er seinen Griff sogar ein bisschen lockerte, denn jetzt war seine sogenannte Umarmung etwas leichter zu ertragen.

"Dann hör mal gut zu," lautete seine Antwort.

Geschickt lenkte Eredin das sich bereits wieder beruhigte Boot zum Ufer. Daraufhin setzte er sich auf eine der hölzernen Bänke und nötigte Ciri dazu, es ihm gleich zu machen. Anschließend legte er seinen Arm um sie auf so eine Weise, sodass jegliche Ausbruchsversuche ihrerseits und gar die damit verbundenen Gedanken dadurch im Keim erstickt werden sollten. Und dann begann er zu erzählen…

… Wenn man seine jetzige Stellung bei dem Hofe des weilenden Königs in Betracht zöge, müsste man zum Schluss kommen, dass es Eredin seit seiner Geburt in die Wiege gelegt wurde die Roten Reiter zu befehlen. Aber dem war nicht so. Sein Vater war ein Navigator, und zwar einer von denen, die die Eroberungspolitik des damaligen Königs in Bezug auf andere Welten nicht teilten.

Als sich die Situation viel zu sehr zugespitzt hatte, dankte er ab. Seine Familie hatte er aber weiterhin gut versorgen können, denn damals pflegten Kaufleute der Aen Elle eine enge Beziehung mit ihresgleichen aus der benachbarten Welt. Das Volk hieß zwar Aen Seidhe und war im Vergleich zu den eleganten und erlesenen Aen Elle ein bisschen heruntergekommen, es blieben aber immer noch Elfen. Eredins Vater bekam so eine Möglichkeit seinem Beruf weiter nachzugehen, indem er private Aufträge übernahm und interessierte Kaufleute mit ihrer abwechslungsreichen Ware sicher hin und zurück brachte. Dadurch verdiente er weiterhin viel Geld und so brauchte seine Frau nicht zu arbeiten und konnte sich dementsprechend voll und ganz der Erziehung der gemeinsamen Kinder widmen, denn außer Eredin selbst hatte sie seine jüngere Schwester - Alatiel zur Welt gebracht.

Als Eredin volljährig wurde, hatte sich sein Vater angewöhnt ihn mit in die andere Welt zu nehmen. Zwar stand es dem jungen Elfen zu selbst zu entscheiden, welchen Weg er in seinem Leben gehen wollte, der Vater hoffte aber innständig darauf, dass sein Sohn den Beruf des Navigatoren von ihm übernehmen würde. Zudem Eredin eine sehr starke magische Begabung auf den Tag legte.

Eines Tages wollte Alatiel auch mit. Sie war inzwischen kein kleines Mädchen mehr, sondern ein attraktives junges Ding, dem immer mehr Jugendliche und sogar erwachsene Elfen gierig nachsahen. Eredins Freunde übrigens auch. Sein Vater wollte gar nicht daran denken, wie Alatiel wohl von den Leuten angesehen werden würde. Zwar traf er während seiner Aufträge kaum auf welche, aber sicher ist sicher. Andere Elfen lachten ihn heimlich hinter seinem Rücken dafür aus, denn sie selbst nahmen ihre Töchter und Frauen oft mit, so als eine Art Abenteuer, ein kleiner Abstecher in eine andere Welt. Eredins Vater aber blieb standhaft.

"Bitte, Vater," die junge Elfe legte ihre schönen Lippen zu einem nicht minder schönen Schmollmund. "Warum darf mein Bruder denn immer mitkommen und ich nicht?"

"Ich sagte nein."

"Lass gut sein, Vater," mischte sich Eredin ein der sich andeutenden langen Diskussion ein Ende setzend. "Ich werde auf sie aufpassen, ich verspreche es dir."

Dies war das erste und zugleich das letzte Mal, als er sein Wort nicht gehalten hatte.

Wider Erwarten haben die Kaufleute die Verhandlungen in die Länge gezogen und so waren alle Beteiligten letzten Endes gezwungen wohl oder übel in der Gastgeber-Welt zu übernachten. Das war ein großer Fehler. Ihr Lager war in der Nacht von Scharen von dhoine überfallen worden. Fast alle Elfen waren im Kampf umgekommen, denn der Gegner lag stark in der Überzahl. Die erfahrenen Kämpfer neben Eredin fielen einer nach dem anderen tot um: sie schafften es einfach nicht alle auf sie zielenden Hiebe rechtzeitig abzuwehren.

Eredin schaffte es bisher, aber es fiel ihm immer schwerer, denn der Blutverlust, den er am Anfang zu
ignorieren versuchte, gewann mit jeder Sekunde immer mehr an Bedeutung. Die Gegner sahen es und begannen ihn langsam einzukreisen, was ihnen jetzt wie ein Kinderspiel vorgekommen sein sollte, denn aus der ganzen großen Gruppe in diesem Teil des Schlachtfeldes war dieser Elf als Einziger noch auf den Beinen.

Plötzlich hörte Eredin einen schrillen Schrei, der ihn mehrmals nach Luft schnappen ließ. Es war seine Schwester. Im Eifer des Gefechts hat er sie aus den Augen verloren, obwohl er ständig – soweit es ja in dem ganzen Durcheinander überhaupt nur möglich war – darauf zu achten versuchte sie immer hinter sich zu haben, um gegebenenfalls sie mit seinem eigenen Körper zu schützen.

Seine letzten Kräfte zusammenraffend durchbrach er den Kreis der Feinde und stürmte dorthin, von wo her er die Stimme Alatiels gehört zu haben vermutete. Und er kam keine Minute zu früh. Er drehte fast durch, als er sah, wie zwei dreckige Schweine von Menschen seine Schwester begrapschten. Dies war das Letzte, was sie in ihrem elenden Leben getan hatten, denn im folgenden Augenblick rollten ihre Köpfe bereits über den Boden. Alatiel schrie noch mal erschrocken auf und wäre zusammengebrochen, falls Eredin zu ihr nicht geeilt wäre. Als sie begriff, dass der Schreck zumindest vorübergehend vorbei war, legte sie ihre Arme krampfhaft um seinen Hals und versteckte ihr Gesicht auf seiner Brust. Ihr Körper bebte und allem Anschein nach war sie einem Nervenzusammenbruch sehr nah. Mit der freien Hand zog der Elf sie näher an sich, in der anderen hielt er immer noch sein blutbeflecktes Schwert. Der Kamp war noch nicht zu Ende.

Eredin beeilte sich eine für eine Verteidigung besser geeignete Position einzunehmen, indem er sich rasch mit dem Rücken zu der nächsten Wand platzierte. Alatiel, beruhigt von seiner Nähe, hörte auf zu zittern und jetzt weinte nur noch leise und bitter. Es brach Eredin das Herz. Während er seine Schwester weiter beruhigend an sich drückte und ihr etwas ins Ohr flüsterte, suchte er mit raschen Blicken verzweifelt nach seinem Vater, damit er sie aus dieser Hölle zurück nach Hause navigierte.

Er suchte, bis er eine enthauptete Leiche seines Elternteils sah. Seine Hoffnung erlosch. Es gab keinen Weg zurück mehr. In einer ruhigeren Umgebung könnte Eredin vielleicht auch selbst einen Portal in ihre eigene Welt öffnen, einen Versuch war es zumindest wert. Aber in so einem Chaos hatte der angehende Navigator keine Chance. Außerdem war er zu schwach, um einen stabilen Portal für zwei Personen zu kreieren und es konnte auch aus demselben Grund passieren, dass der magische Weg wohin auch immer, aber nur nicht nach Tir ná Lia führen würde. Eine Sackgasse also.

Niemand griff ihn aber weiter an, denn der Kamp war inzwischen zu Ende. Fast alle männlichen Elfen waren tot und wer doch noch atmete wurde von den Leuten erbarmungslos kaltgemacht. Die weinenden Frauen sammelte man alle in der Mitte des ehemaligen Lagers, ließ sie aber vorübergehend in Ruhe. Eredin schien der letzte, zwar geschwächte, aber immer noch zum Kampf bereite Elf zu sein.

"Ergib dich lieber," sprach zu ihm einer der dhoine, ihr Anführer, wie es schien.

Eredin aber zögerte. Seine Schwester immer noch fest im Arm haltend, wollte er lieber sterben, als sie zu den anderen gefangenen Frauen gehen zu lassen. Der Mann wiederholte seinen Befehl, indem er seinen Leuten einen anderen mit einer knappen Handbewegung gab. Im nächsten Augenblick wurde auf die zusammen getriebenen Frauen aus allen verfügbaren Bögen gezielt.

"Du hast die Wahl," grinste der Mensch abstoßend. "Entweder die Eine hier retten, oder alle."

Eredin blieb regungslos stehen, er wusste viel zu gut, dass solche Abmachungen immer einen gemeinen Hacken hatten. Wenn er die Situation jetzt betrachtete, nach all den vergangenen Jahren und mit der ganzen gesammelten Erfahrung, dachte Eredin daran, dass er damals einen schweren Fehler begangen hatte. Er sollte es zulassen, dass die Leute die anderen Frauen töteten, dann sollte er eigenhändig schnell und schmerzfrei seine Schwester umbringen, um anschließend bis zum Tode zu kämpfen und so viele Leute, wie nur möglich mit sich in die Hölle zu zerren. Aber damals war er zu jung und zu unerfahren gewesen.

"Ich werde sie alle am Leben lassen," sprach der Anführer währenddessen weiter. "Und dich übrigens auch."

In diesem Augenblick fühlte Eredin, wie Alatiel seine Hand, die mit der Waffe, berührte. Anscheinend hatte sie den Worten des Mannes Glauben geschenkt und wollte alle Frauen retten, indem sie ihn auf diese Weise bat, sich zu ergeben. Eredin sah sie nur einen kurzen Moment an und für diesen Augenblick ließ er die Leute aus den Augen. Sein Pech.

Die stürmten los, die Einen entwaffneten ihn, die Anderen rissen Alatiel aus seinen Armen. Jemand trat ihm gegen die Knie und in der nächsten Sekunde fand sich Eredin auf dem Boden wieder. Er zappelte wild, wand sich und versuchte sich mit allen Mitteln zu befreien. Vergeblich. Vier Leute hielten seine Arme, weitere vier fixierten seine Beine. Alatiel schrie wieder wie am Spieß, anscheinend hat man wieder begonnen sie zu betasten. Und wenn man bedenkt, dass sie es noch nie sogar mit einem Elfen getan hatte… Eredin zuckte wieder, bekam aber einen heftigen Schlag auf den Kopf. Sein Bewusstsein setzte für einen Moment aus, währenddessen legte jemand ihm Ketten an; es war vorbei. Daraufhin griff einer der Menschen nach seinem Haar und mit einem Ruck wurde Eredin gezwungen aufzusehen, obwohl es in der Haltung fast unmöglich war. Plötzlich fühlte der Elf eine kalte Klinge an seinem Hals.

"Aus!" befahl der Anführer, als ob er zu einem Hund sprechen würde. "Ich sagte, ich lasse sie alle am Leben, und so sei es." Mit diesen Worten beugte er sich nieder, um einen Blickkontakt mit dem niedergestreckten Eredin halten zu können. "Und du wirst es noch bitter bereuen nicht verreckt zu haben, wenn wir alle es mit deiner Braut abwechselnd treiben werden. Sie ist unglaublich heiß, muss ich sagen."

Eredin wurde blass, was dem höhnischen Blick des Menschen nicht entging.

"Was ist?" fragte er spöttisch. "Achso, verstehe. Keine Braut. Ihr zwei seht euch wirklich ähnlich. Deine Schwester, also? Umso besser."

Und so begann die Hölle. Jeden Tag wurde Eredin – gefesselt und machtlos – gezwungen mitanzusehen, was die Leute alles Schreckliches mit seiner Schwester anstellten. Ihn selbst folterte man nie, die Leute legten aber anscheinend einen extra Wert drauf, dass er alles, was Alatiel passierte in kleinsten Einzelheiten miterlebte. Zuerst zappelte er wild, drohte den Menschen es ihnen heimzuzahlen, verfluchte sie und versprach sie würden es bitter bereuen. Dann flehte er sie unterworfen an, sich zu erbarmen und das Mädchen in Ruhe zu lassen. Und dann schwieg er und sah nur erschlagen zu. Mit jedem neuen Mal, als sie sie missbrauchten, fühlte er, wie ein Teil seiner Seele verloren ging. Einfach wegbrach.

Nicht alle anwesenden Menschen konnten sich an Alatiel erfreuen – sie starb bevor. Eredin war zu dem Zeitpunkt zwar physisch immer noch heil, psychisch aber nichts weiter, als ein elender Wrack. Ihn und die Frauen, die ihre eigenen Vergewaltigungen überlebt hatten, plante man zu versklaven.

"Wir wurden von den Roten Reitern gerettet," Eredin schien aus dem Reich der Erinnerungen zurückzukehren, seine Stimme wurde wieder emotionslos. "Und während ich sah, welchen kurzen Prozess sie mit unseren Peinigern machten, schwor ich mir eines Tages einer von ihnen zu werden. So viel dazu, Zirael."

Einige Zeit verstrich still. Niemand sagte ein Wort. Ciri konnte es einfach nicht glauben, dass das sie in ihren Träumen jagende Monster und der jetzt neben ihr sitzende Elf eine und dieselbe Person waren: so unglaublich war die Wandlung, die sie kurz miterleben durfte. Er konnte sie aber auch belogen haben. Aber tief in ihrem Herzen wusste Ciri, dass alles, was der Elf ihr erzählt hatte, irgendwann wirklich passiert war. So was Grausames erfindet man einfach nicht. Auch nicht seiner gierigen Ziele wegen.

"Schrecklich," dies war alles, was das entsetzte Mädchen zu sagen vermochte.

Eredin zuckte leicht zusammen. Er hat es einfach nicht erwartet von ihr bemitleidet zu werden. Besonders nach allem, was er ihr bereits angetan hatte, nicht.

Plötzlich spürte Ciri, dass sie frei war. Der Elf hat seinen eisernen Griff endgültig gelockert und jetzt lag seine Hand um ihre Taille ohne jeglichen Druck darauf auszuüben. Das Mädchen konnte sich also ungehindert von ihm freimachen und losstürmen. Eredin schien ihre Gedanken gelesen zu haben.

"Flieg los, Zirael," sagte er, ihr in die Augen blickend. "Du hast eine Stunde Zeit."
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