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24 Türchen/Tribute

von Rudinsten
SammlungAllgemein / P18 / MaleSlash
01.12.2020
25.12.2020
24
25.030
7
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01.12.2020 1.000
 
„Ada!“, schreie ich und schrecke aus dem Schlaf hoch. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu fangen. Mein Puls geht schnell und mein Gesicht ist nass von unbewusst vergossenen Tränen. Schon wieder ein Albtraum? Ich schiebe die Beine über die Bettkante und atme ein paar Mal tief durch.
Ada, meine kleine Cousine, ist vor drei Monaten in meinen Armen gestorben. Sie war gerade mal zwei Jahre alt. Die Kleine hatte eine starke Lungenentzündung, was aber durch die miserablen Verhältnisse in den Distrikten unbehandelt blieb. Natürlich hat unser Heiler alles in seiner Macht Stehende getan, um sie vor dem Tod zu bewahren. Doch manchmal ist selbst das nicht genug.
Ich werfe einen Blick auf meinen Wecker. 03:23 Uhr. Müde stemme ich mich auf die Füße und reiße meinen Mund zu einem Gähnen auf. Mir die Augen reibend tapse ich aus meinem Zimmer und schlurfe den Flur entlang. Erst ein Glas Wasser und dann zurück ins Bett. Immerhin muss ich morgen in die Arena!

Ada besucht mich in dieser Nacht in meinen Träumen noch vier Mal. Sie kichert leise und watschelt vor mir davon, so wie sie es noch vor einem halben Jahr in echt getan hat. Inzwischen bleiben mir nur noch die Erinnerungen an sie.
Zwar habe ich wie immer mein breites Lächeln aufgesetzt, aber ich bin stiller als normalerweise, als ich mich in die Röhre stelle, die mich in die Arena hinauf fahren wird. Es sind nur noch wenige Sekunden übrig. Gedanken schießen mir durch den Kopf. Kann ich das überleben? Werde ich meine Eltern wieder sehen? Und meine Tante? Oder sind das die letzten Augenblicke meines Lebens? Zwar versuche ich ruhig zu atmen, aber es gelingt mir nicht so recht. Irgendetwas stimmt nicht. Ich kann es fühlen, während die Plattform mich nach oben fährt. Gleißendes Licht blendet mich, sodass ich eine Hand auf meiner Stirn auflege. Das Bild vor mir wird langsam klarer. Rote gigantische Felsen, soweit das Auge reicht. Keine einzige Pflanze lässt sich blicken. Wie soll ich hier überleben? Ängstlich sehe ich mich weiter um. Mich einmal um die eigene Achse drehend erkenne ich weit und breit nichts anderes als roten Sand und roten Stein. Wo bin ich hier nur gelandet? Am Ausgangspunkt meiner Drehung ankommend, fällt mir das Füllhorn ins Auge, dessen Öffnung genau auf der anderen Seite liegt. Ich muss nur irgendwie dorthin gelangen! Das kann ich schaffen.
Die letzten zehn Sekunden starten. „Zehn!“, schallt es durch die Arena. Ich schließe die Augen. Ich schaff das. Ich muss einfach! Für mich, meinen Distrikt und meine Familie! Sie werden ein ganzes Jahr satt, wenn ich das hinkriege, als strenge ich mich jetzt einfach an. Wieso sollte es auch jemand anderes eher schaffen? Es haben schon oft Kinder aus den äußeren Distrikten gewonnen, also warum sollte ich das dieses Mal nicht sein? Etwas bewegt sich an meinem Bein. Ich öffne meine Lieder wieder und sehe an mir herunter. Ein Schrei kommt aus meiner Kehle und ich springe einen guten Meter zurück.

BUMM!

Ich öffne blinzelnd die Augen.
Alles ist schwarz. Einzig ein runder Lichtkreis, einige Meter entfernt von mir ist bietet einen Kontrast.
Die Luft strömt ganz ruhig in meine Lunge und wieder heraus, während ich über meine Schulter sehe. Auch hinter mir ist nichts als Schwärze zu erkennen. Den Blick wieder nach vorne wendend gehe ich zaghaft einen Schritt auf das Licht zu.
Hier ist es so still!
Erst höre ich nicht einen Ton, dann erklingt plötzlich ein leises Kinderlachen. Es klingt wie das helle Schellen von Glocken. Je näher ich dem Licht komme, desto lauter wird es. Wenige Meter davor bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Eine bucklige Gestalt steht vor mir. Sie hat ein Lächeln aufgesetzt. „Hallo Zoe“, begrüßt sie mich freundlich. In ihrem mir so bekannten Gesicht ist jedoch Trauer zu erkennen.
„Oma?“, murmele ich etwas überfordert.
„Was ist los? Du bist doch sonst nicht auf den Mund gefallen“, versucht sie mich aufzuheitern.
„Ja, aber wie … ?“, beginne ich und reibe mir mit den Handballen über die Augen. „Du … Du bist doch vor zwei Jahren …“ Tränen rinnen mir über meine Wangen.
„Ach, meine süße, kleine Zoe“, flüstert sie und nimmt mich liebevoll in den Arm. Sie ist fast einen Kopf kleiner als ich. Und trotzdem streicht sie mir mit ihren krummen Fingern übers Haar. Durch die lange und vor allem harte körperliche Arbeit auf den Feldern von Distrikt 9 ist ihr Rücken immer kleiner und schiefer geworden. Doch das hat sie nie traurig oder gar sauer gemacht, sie hatte stets ein Lächeln auf dem Gesicht und getrocknete Minze in der grauen Rocktasche. „Weißt du denn nicht mehr, was passiert ist?“
„Doch, aber ich hatte gehofft, dass es nicht wahr ist“, wimmere ich. Meine Hände krallen sich in ihr rosa kariertes Hemd. Ich drücke mich fest an sie und lasse ein leises Schluchzen zu. „Was sollen Papa und Mama denn jetzt nur machen? Ich war die Älteste. Ella ist noch viel zu jung, um zu arbeiten!“
„Sie ist nicht jünger wie du am Anfang“, erinnert mich meine Großmutter und drückt mich ein Stückchen von sich. „Aber selbst, wenn wir wollten, wir können nichts mehr daran ändern.“ Sie wischt mir eine Träne von der Haut, die sich gerade aus meinem Augenwinkel gelöst hat.
Ich schluchze noch einmal.
„Ach ja, da hätte ich es ja beinahe vergessen!“, sagt Oma plötzlich breit grinsend aus. „Hier ist noch jemand, der dich wirklich schlimm vermisst hat.“ Sie tritt einen Schritt zur Seite.
„Zoo-i“, ertönt eine glückliche Kinderstimme, vorauf das glockenklare Gelächter folgt. „Ada … Zoo-i … vermisst!“
„Beerchen“, rufe ich und gehe in die Hocke. Mit ausgestreckten Armen warte ich auf meine kleine Cousine, die kichernd in meine Arme springt. Ich hebe sie hoch und versenke meine Nase in ihrem kurzen Haar.
Sie riecht noch genauso wie früher. Nach Glück. Ich gebe nach. Oma hat Recht. „Ich habe dich auch vermisst, mein kleines Beerchen!“
„Komm … Hause“, brabbelt das Mädchen auf meinem Arm. Oma nimmt mich an der Hand und gemeinsam schreiten wir in die Welt aus Licht.
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