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Gedankenkarussell

von sweetpea
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Alex Julie Molina Luke Patterson Reggie
01.12.2020
01.12.2020
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670
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Gedankenkarussell

Alex kann sich nicht daran erinnern, wie es ist, keine Angst zu haben.

Es ist die Nervosität vor dem ersten Tag an einer neuen Schule, das erstickende Gefühl, den Erwartungen seiner Familie nicht zu genügen oder alleine vom Dreier im Schwimmbad zu springen. Die Sorge, was die Leute in seinem Englischkurs von ihm denken, fremde Menschen treffen zu müssen, die Furcht vor dem Unbekannten, vor Veränderungen. Vor dem zu viel. Seit er denken kann, ist dieses Gefühl einfach da, wie ein Juckreiz im hintersten Winkel seines Kopfes und Alex hat keine Möglichkeit sich zu kratzen, egal, wie sehr er es versucht.

Als würde er die Angst tagtäglich in seiner Bauchtasche über der Schulter mit sich herumtragen.

Im Laufe der Zeit hat er seine Mechanismen entwickelt, um mit der Angst umzugehen, Musik war immer seine erste Wahl.
Zu seinem neunten Geburtstag haben ihm seine Eltern auf Anraten von Dr. Harris sein erstes Drumset geschenkt - auch wenn sie es sicher schnell wieder bereuten. Luke jedoch war begeistert und Alex hat gelernt, wie befreiend es sein kann, mit zwei Holzsticks auf gespannte Kunststofffelle einzuschlagen. Es übertönt seine kreisenden Gedanken.

Wenn das nicht ausreicht, geht Alex. Hin und her. Von einer Ecke des Studios zur anderen und wieder zurück, während Luke und Reggie auf der Couch sitzen und mehr oder weniger hilflos zusehen. Es ist nicht so, dass er sich bewusst dafür entscheidet. Es ist wie ein Zwang, ständig in Bewegung bleiben zu müssen, eine kleine Chance, seine innere Unruhe zu lindern. Es hilft ihm, seine Gedanken zu kanalisieren und hält ihn davon ab, komplett auszuflippen.


Dann stirbt Alex und sein Tod ändert erstaunlich wenig.

Sicher, die Geistersache ist eine Veränderung - eine riesengroße Mega-Veränderung - aber Alex dreht deswegen immer noch genauso am Rad, wie er es auch zu Lebzeiten getan hätte. Er hat Angst. Riesengroße Mega-Scheißangst.

Bis heute. Es ist ihr letzter Abend. Der letzte Abend vor ihrer zweiten Chance auf einen Gig im Orpheum. Willie ist sich sicher, dass er sie reinbringt, und Julies Entschlossenheit, ihnen dabei zu helfen, auf die andere Seite zu wechseln, bevor es zu spät ist, würde sich keiner von ihnen trauen anzuzweifeln. Wie auch immer es ausgeht, morgen wird alles vorbei sein. Auf die eine oder andere Weise.

Ja, es ist ihr letzter Abend, der letzte zusammen, und diesmal trommelt Alex nicht wild oder wütend oder läuft Gräben in den Fußboden. Vielleicht ist er es einfach leid, ängstlich zu sein.

Stattdessen sitzt er alleine auf Julies Bett, umgeben von fliederfarbenen Wänden und Julies Geruch nach Dahlien und Zuckerwatte, und fühlt sich irgendwie ziemlich verloren. Wo sonst schmerzhafte Spannung ihn auf den Beinen hält, ist plötzlich gähnende Leere. Sein Gedankenkarussell steht still.

„Hey.“

Reggie. Alex senkt den Kopf, als er die Berührung an seiner Schulter spürt. Vermutlich hätte er nicht einfach so aus der Garage abhauen sollen.

„Alex?“

Lukes Stimme klingt vorsichtig, beinahe so, als hätte er Angst, dass Alex explodiert, wenn er nur eine unbedachte Bewegung macht. Alex´ Finger verkrampfen sich um seine Drumsticks, die er nervös in seinen Händen hin und her wirbelt. Seine Freunde sollten sich keine Sorgen um ihn machen müssen.

„So schnell wirst du uns nicht los.“, versucht Reggie zu scherzen.

„Wir schaffen das.“, bekräftigt Luke.

Ein kleines ungläubiges Schnauben bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche, ehe Alex es zurückhalten kann. Dann sind da Lukes Arme, die ihn an sich ziehen.



***


Als Julie vom Abendessen mit Carlos und ihrem Dad in ihr Zimmer zurückkehrt, ist ihr Bett belegt. Luke lehnt am Kopfteil, ihr Lieblingskissen in seinem Rücken und den Blick starr auf die bunten Lampions an Julies Decke gerichtet, Alex´ Kopf auf seinem Bauch, während er mit einer Hand abwesend durch dessen Haare fährt. Alex trommelt mit seinen Sticks einen komplizierten Rhythmus auf seine angezogenen Oberschenkel. Reggie hat sich am Fußende zusammengerollt wie ein trauriger Hundewelpe.

Seufzend verschränkt Julie die Arme vor der Brust und lehnt sich in den Türrahmen und trotz all ihrer Tiraden über Grenzen kann sie den Jungs nicht böse sein. Nicht wirklich.

Sie lächelt.
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