Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Private Show

GeschichteDrama, Romance / P18 / Gen
1. FC Köln Borussia Dortmund
01.12.2020
06.03.2021
39
106.824
8
Alle Kapitel
139 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
23.02.2021 2.641
 
Die folgende Woche ist hart für mich. Marius lässt mich nicht gehen, weil ihm meine fast täglichen Panikattacken und Nervenzusammenbrüche solche Angst machen, dass er mich nicht aus den Augen lässt oder einfach nur ganz fest hält.

Er weiß, dass das hier enden muss. Denn er sieht ein, dass er mir so nicht helfen kann. Dafür habe ich das alles zu lange zurück gehalten.

Wenn Marius gerade nicht da ist, dann ist es Amou. Er liegt auf meinen Beinen, meinem Schoß oder sitzt einfach nur neben mir und ist da. Der kleine Hund ist unglaublich schlau und passt, genauso wie sein Herrchen, immer auf mich auf. Ich werde ihn vermissen...

Meine Freunde haben mich jeweils einzeln besucht, weil ich alle zusammen nicht ertragen hätte. Jeder von ihnen war über meinen Zustand geschockt. Denn von der ach so starken Charlie war nicht mehr viel übrig. Ich war ein Schatten, stumpf, traurig oder vollkommen aufgelöst und im nächsten Moment wütend und aggressiv.

Marius erträgt mich mit einer Engelsgeduld, dass ich mich Nachts, wenn er mich fest hält, frage, womit ich so jemanden verdient habe.

Er hat mit meinem Chef gesprochen, ist mit mir zum Hausarzt gefahren und hat meine dreiwöchige Krankmeldung abgeholt. Er fuhr mich zum psychologischen Gutachten und wartete währenddessen vor der Tür. Er war schlichtweg da. Und das obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich nicht mit ihm zusammen sein konnte.

Er hat sogar meinen Vater angerufen und ihn über meinen Zustand informiert. Er und Ulrike hatten vorgeschlagen, dass ich die nächsten Wochen bei ihnen bleiben konnte, bis ich mich etwas gefangen hatte. Mein Vater wusste wie es war, wenn man täglich gegen die eigene Dunkelheit kämpfte und wollte mir helfen, die erste Zeit zu überstehen. Und auch wenn ich nicht von Marius weg wollte, war mir doch auch klar, dass ich das, was irgendwann kommen musste, nicht mehr hinauszögern konnte.

...

An Mamas Todestag begleitet mich Marius zu ihrem Grab. Meinen Vater und Ulli würden wir dort treffen. Aber als wir durch das Tor treten, warten dort aber nicht nur sie. Sondern alle.

Emil und Josh.

Anna und Jan.

Cara, Julian und Jannis.

Sie dort zu sehen und zu verstehen, dass sie alle da sind, gibt mir so viel Kraft und sorgt für ein Gefühl von tief empfundener Dankbarkeit.

Es ist der erste Todestag, nach meinem Zusammenbruch vor neun Jahren, an dem ich den Schmerz wirklich und vollkommen zu lasse. Es eines der schlimmsten Gefühle überhaupt, alles in mir zieht sich zusammen und ich habe das Gefühl ich ersticke. Ich weiß für einen Moment gar nicht was ich tun soll, aber das alles ist gleichzeitig auch so heilsam, dass ich mich, als ich endlich keine Tränen mehr habe, zum ersten Mal frei fühle.

An der Stelle, an der die letzten Jahre reiner Schmerz gesessen hat, tritt jetzt so etwas wie Heilung ein. Genauso wie meine blauen Flecken nach und nach heilen würden, fing jetzt auch die Wunde meiner Seele langsam damit an. Anna ist die ganze Zeit nah bei mir, drückt mich fest an sich und hält meine Hand. Marius hat sich zurück gezogen, weil er weiß, dass es heute endet. Wir enden heute, ohne dass es jemals ein wir gegeben hat.

Meine Freunde ziehen mich am Ende alle noch einmal in eine feste Umarmung, bevor sie gehen. Ich fühle mich bei so viel Nähe nicht wohl, aber ich weiß, dass ich es erleben muss. Es ist heilsam. Wie so vieles andere.

Mein Vater zeigt mir an, dass er vorne am Tor auf mich warten wird, bevor er mich mit Marius alleine lässt.

„Ich hätte deine Mutter gerne kennen gelernt", Marius greift nach meiner Hand und streicht vorsichtig mit dem Daumen über meinen Handrücken. „Du hättest mich nicht mal bemerkt, wenn sie noch leben würde. Denn dann wäre ich nicht so, wie ich heute bin..." „Ich hätte dich überall bemerkt, da bin ich mir sicher", er sieht mich von der Seite her an und ich erwidere seinen Blick.

„Anna meinte zwar, dass du deinen Geburtstag nicht feiern würdest, aber ich habe trotzdem etwas für dich. Weil sich jetzt einiges ändern wird, dachte ich... fangen wir damit an", Marius hält mir eine kleine Schachtel hin und lächelt mich mit so viel Liebe im Blick an, dass es mich fast umbringt, „Versprich mir, dass du es erst übermorgen aufmachst... Und... ich..."

„Danke! Für das Geschenk und für... für alles."

Marius steht jetzt genau vor mir und nimmt mein Gesicht in meine Hände. „Ich verstehe warum wir nicht... also schon... aber... aber ich... Ich... Ich... Charlie ich...", ich lege meine Fingerspitzen auf deine Lippen. „Bitte sag das nicht... Wenn du das sagst, dann kann ich nicht mehr gehen und ich muss gehen... Ich will dir nicht noch mehr zumuten, als ich es schon getan habe. Dir muss es gut gehen... also... geh bitte." „Aber..." „Marius bitte... ich schaffe das nicht... ich..."

Marius sieht mich gequält an, bevor er nickt. Er streicht mir durch meine Haare, lässt für einen Moment seine Hände in meinem Nacken liegen und sieht mich unendlich lange an. Er zieht mich noch ein letztes Mal an sich ran und vergräbt seine Nase in meinen Haaren. „Ich will nicht gehen. Nicht jetzt wo ich dich endlich bei mir habe...", seine Arme halten mich fest an ihn gedrückt. Ich schiebe ihn ein letztes Mal von mir und lasse meine Hände an seiner Brust liegen. „Es tut mir leid... Ich... ich wollte nie..." „Ich weiß, kleine Lady. Aber das macht es nicht einfacher. Für keinen von uns... Aber ich will dass du weißt, wenn du mich brauchst, bin ich da... und ich..." „Nein! Marius tu das bitte nicht. Ich werde dich dieses Mal nicht anrufen, dir schreiben oder vorbei kommen. Das werde ich dir nicht antun. Also bitte... Leb dein Leben, spiel Fußball und... sei einfach frei. Du verdienst das!", ich lächle gequält und trete dann einen Schritt zurück. Marius vor mir nickt langsam, bevor er letztendlich den Abstand zwischen uns noch einmal überbrückt  und mir einen Kuss auf die Stirn haucht. Dann geht er langsam den Weg zurück geht. Ohne mich.

Ich bleibe noch eine Weile am Grab von Mama stehen und folge dann dem Weg zum Ausgang. Der schwere Druck auf mir ist immer noch da, aber für den Moment wird er etwas kleiner, denn ich weiß, dass es zumindest einem von uns beiden irgendwie gut gehen wird.

Wir gehen den gleichen Weg... aber eben nicht zusammen.

Sondern jeder für sich.

Und vielleicht war es immer so gedacht.

...

Zwei Tage später und an meinem Geburtstag, gehe ich, zusammen mit Cara, eine kleine, sehr langsame Runde durch den Wald. Laufen oder Gehen hilft mir mich zu entspannen und ist mein neues Wundermittel gegen die Panikattacken. Auch wenn ich noch ziemliche Schmerzen habe, rücken sie nach und nach und mit jeder Sekunde mehr in den Hintergrund.

Da ich bisher nicht viel Sport gemacht habe, hat Cara versprochen mir für die nächsten Wochen einen kleinen Trainingsplan zusammen zu stellen, damit ich beschäftigt bin und etwas gegen diesen massiven Druck tun kann, der dauerhaft auf mir lastet. Ich weiß, dass das, was ich aktuell fühle, auch mit dem Verlust von Marius zu tun hat. Aber gerade weil ich das alles nicht verstehe und auch nicht damit umgehen kann, war das notwendig.

Mein Vater hat mir ans Herz gelegt, über das was ich nicht verstehe zu sprechen. Mit ihm, mit meinen Freunden und vor allem mit der Psychologin, bei der ich in der nächsten Woche einen kurzfristigen Termin bekommen habe. Es fällt mir unglaublich schwer mich überhaupt jemandem anzuvertrauen und dann soll ich auch noch erklären was in mir vorgeht? Wie soll ich was erklären was ich nicht verstehe? Das habe ich heute morgen versucht Cara zu erklären. Eigentlich wollte sie mir nur zum Geburtstag gratulieren, hat sich dann aber entschieden, mich einfach zu einem kleinen Spaziergang abzuholen. Und erstaunlicherweise kann ich jetzt deutlich besser meine Gefühle sortieren als noch davor.  

Cara macht sich nach mir im Bad frisch und gemeinsam setzen wir uns anschließend in mein Wohnzimmer. Anna holt mich später ab, um mich zurück zu meinem Vater fahren, aber hier haben Cara und ich einfach etwas mehr Privatsphäre.

„Magst du mir erzählen warum du und Marius... also warum ihr es nicht versuchen wollt?", Cara nimmt meine Hand in ihre und sieht mich vorsichtig an. Sofort beschleunigt sich mein Herzschlag und mein Blick wandert hektisch im Raum umher. „Du muss nicht, wenn du nicht willst. Aber vielleicht hilft es dir darüber zu sprechen. Und mir Jannis zu beruhigen. Der ist nämlich komplett fertig mit den Nerven, weil er sich solche Sorgen um dich macht und euch beide nicht versteht. Marius nicht mit ihm redet und er Angst hat dich zu fragen. Also redet er ohne Punkt und Komma auf mich und Greta ein. Was..." „...unfassbar anstrengend ist? Einfach weil es eben Jannis ist?", ich lache leise und Cara stimmt mit ein.

„Ich... Ich liebe ihn, das tue ich wirklich... aber... ich will ihm das nicht antun, was unweigerlich auf mich zukommt. Ich weiß nicht wie das nächste Jahr werden wird und ob es nicht erst schlimmer wird, bevor es mir besser gehen kann. Weißt du Cara, ich habe nie gelernt meine Gefühle zu lesen, sie zuzulassen und damit umzugehen. Ich weiß ganz oft nicht was ich da eigentlich gerade fühle. Eben weil ich das nie wirklich zugelassen habe. Und ich... ich will nicht, dass ich dieses Gefühl für Marius irgendwann nicht mehr von den anderen unterscheiden kann. In mir drinnen herrscht das komplette Chaos, Cara. Alles ist wirr und verworren. Es läuft zusammen und dann wieder nicht... Und ich will... ich will nicht... Es besteht die Gefahr, dass sich irgendwann dieses wundervolle Gefühl für Marius mit einem anderen mischt. Mit einem aus der Dunkelheit, die ich mit mir herum trage. Ich möchte Marius nicht das antun, was mein Vater mir angetan hat. Er war der Meinung, dass es besser wäre wenn er bei uns bliebe bis wir zumindest volljährig sind. Aber damit hat er so viel kaputt gemacht. Es hat mich fast kaputt gemacht und ich... werde das Marius nicht antun. Und er hat das glaube ich verstanden. Auch wenn ich eure Hilfe auf meinem Weg brauche, kann ich seine nicht annehmen. Weil er Dinge mit mir macht, die... mich vollkommen aus der Bahn werfen, von den Füßen holen, hoch heben und in der nächsten Sekunde fallen lassen. Ich muss lernen mit mir selbst und den Gefühlen zu leben, sie anzunehmen und zu akzeptieren. Für den Weg brauche ich euch als Freunde, aber... ich bin aktuell nicht in der Lage eine gesunde Beziehung führen zu können. Marius aber schon. Und das möchte ich ihm nicht wegnehmen, indem ich so egoistisch bin und will das er bleibt, nur damit ich mich vielleicht besser fühle. Er soll seinen Weg gehen, leben, lieben und das tun was er möchte. Ohne ständig Gefahr zu laufen, dass ich ihn verletze..."

Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Sofa und hebe jetzt den Blick von meinen Händen, die mit dem Saum meiner Jogginghose spielen. Cara läuft eine einsame Träne aus dem Augenwinkel und sie lächelt mich glücklich an. „Du bist auf dem besten Weg dahin. Als wir uns kennen gelernt haben, hättest du Marius niemals gehen lassen, nur um ihn zu schützen. Es wäre dir egal gewesen. Aber jetzt... Du verstehst schon sehr viel mehr von Gefühlen als du weißt... und egal was kommt, du kannst auf uns alle zählen."

„Danke, Cara", ich lächle traurig und muss dann meine Tränen zurück halten. „Halte das, was raus will, nicht zurück. Lass den Schmerz zu und dann los... Weinen ist nichts, für was man sich schämen muss, Charlie. Also lass los", Cara rutscht näher an mich heran und hält dann meine beiden Hände in ihren, während ich meinen Schmerz los- und rauslasse.

Als Anna ankommt, ist Cara gerade weg. Erst wollte sie warten, bis Anna sie ablöst, aber ich musste anfangen alleine zu sein. Und es waren nur zehn Minuten. Also etwas, dass definitiv drin sein musste. Jeden Tag einen kleinen Schritt mehr. Allerdings fühlen sich zehn Minuten gerade an, wie zehn Stunden.

Ich habe das Gefühl, dass die Wände näher kommen und ich immer schwerer Luft bekomme. Also lenke ich mich ab. Ich muss meinen Kopf beschäftigen. Also fange ich an aufzuräumen und überlege was ich eventuell sogar wegwerfen kann. Immerhin muss ich in zwei Wochen umziehen. Mittendrin klingelt es dann und ich lege zwei Bücher zurück ins Regal.

Im Treppenhaus kommt mir Anna schon entgegen, aber sie ist nicht alleine. Emil und Josh begleiten sie und lächeln mich vorsichtig an. Ohne darüber nachzudenken, lasse ich mich in die Arme der beiden fallen und bin überrascht, als beide glücklich auflachen. „Nicht dass du noch zur Kuschelmaus wirst, Charlie. Das wäre wirklich eine echt schräge Wesensänderung. Geht ja gar nicht... Also... reiß dich mal an Riemen", Emil will streng klingen, aber heult fast dabei los und drückt mich ganz fest an sich. „Soviel zu unserem harten Kerl hier", Josh zwinkert Anna frech zu und weicht dann einem Schlag von Emil aus, der einen Arm um mich gelegt hat.

Die drei fahren mich nur nach Hause und verabschieden sich dann. Zu viel wollen sie mir noch nicht zumuten und als wir bei meinem Vater ankommen, merke ich wie sehr mich der bisherige Tag doch mitgenommen hat.

Mein Vater versteht mich erstaunlich gut und sagt nichts, als ich an ihm vorbei gehe und mich erst einmal für ein paar Stunden hinlege. Allerdings ohne zu schlafen. Denn das kann ich nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe ist da Dennis Gesicht. Ohne Marius als meinen Schutzschild, kann ich nichts dagegen tun. Und so wache ich seit zwei Tagen immer nach wenigen Stunden panisch auf.

Unruhig liege ich im Gästezimmer und drehe mich von seiner Seite zur anderen. Als ich mich gerade wieder umdrehe, fällt mein Blick auf das kleine Kästchen auf dem Nachttischschränkchen. Marius Geschenk. Bisher habe ich mich noch nicht dazu überwinden könnten es zu öffnen. Aber jetzt zieht es mich regelrecht an.

Meine Fingerspitzen kribbeln, als ich mich aufsetze und öffne dann langsam das Päckchen. Zum Vorschein kommt eine schwarze Schmuckschachtel mit einem Metallverschluss. Als ich es öffne, stocke ich im ersten Moment in meiner Bewegung, denn mir fällt ein zusammengefalteter Zettel entgegen und gibt den Blick auf ein Armband frei. Es besteht aus mehreren filigranen und unterschiedlichen dicken silbernen Ketten, die an einem Ring zusammen laufen, an dem ein Anhänger befestigt ist.

Eine schlichte Lotusblüte.

Vorsichtig falte ich den Zettel auseinander und sehe dann auf Marius handgeschriebene Worte:


Happy Birthday kleine Lady.

Ich wünsche dir von Herzen, dass alles, was du dir wünscht, in Erfüllung geht.

Die Lotusblüte soll dich daran erinnern, dass du, genau wie sie, die Fähigkeit hast, dich aus der Dunkelheit zu erheben. Sie soll dir zeigen, dass, egal wie dunkel und tief der See ist, indem du dich befindest, du trotzdem blühen kannst, um dann, bereit für die Welt, alles zu überstrahlen!

In Liebe
Marius



Mir schießen Tränen in die Augen und ich muss mich zusammen reißen um nicht einfach los zu weinen. Als ich das Armband dann vorsichtig um mein Handgelenk lege, durchflutet mich ein Gefühl der Sicherheit. Dieses wunderschöne Schmuckstück, gibt mir so unendlich viel Kraft und Ruhe, dass ich es damit tatsächlich schaffe für ein paar Stunden Traumlos zu schlafen.

Ich hätte niemals gedacht, dass aus einem kleinen One Night Stand auf einer Party, so etwas entstehen kann. Dass eine Begegnung mein ganzes Leben auf den Kopf stellen und um so vieles besser machen könnte, als es vorher war.

Marius hatte mir mit seiner Art, seinem Wesen und am Ende mit seiner Liebe eine Möglichkeit geschaffen, wie ich endlich wirklich leben konnte.

Und dafür, würde ich ihm immer unendlich dankbar sein.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast