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Das Mittelerde-Alphabet: Ein Adventskalender

KurzgeschichteAllgemein / P12
01.12.2020
24.01.2021
34
23.912
10
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01.12.2020 768
 
Vorwort

Das Alphabet hat 26 Buchstaben, Mittelerde hat Charaktere mit immerhin 25 verschiedenen Anfangsbuchstaben und ein Adventskalender 24 Türchen.
Das passt so schön, dass ich mich entschlossen habe, zu jedem Buchstaben (außer dem X) einen eher unbekannten Charakter auszuwählen, zu dem ich eine Kurzgeschichte schreibe.

Euch Lesern wünsche ich einen wunderschönen Advent und viel Spaß beim Lesen dieser 24+1 Geschichten aus Mittelerde!

***

Als Andreth erwachte, bemerkte sie erschrocken, dass es um sie herum bereits dunkelte. Sie hatte sich nur für einen Augenblick an einen alten Baumstumpf gelehnt und musste dort aufgrund ihrer großen Müdigkeit eingeschlafen sein.
Hastig ergriff sie den selbstgeflochtenen Korb mit den Kräutern und Beeren, die sie gesammelt hatte, und sprang auf. Dann versuchte sie sich zu orientieren. Zwischen den mächtigen Kiefern von Dorthonion leuchtete der Himmel in einem kräftigen Orange, welches den Ort anzeigte, an dem eben die Sonne verschwunden war. Dort war also Westen. Andreth wandte sich nach rechts und stieg einen Hang hinauf. Dabei musste sie sich durch zahlreiche Brombeerranken kämpfen, doch sie wollte nicht von ihrer geraden Richtung abweichen, um sich nicht zu verirren. Normalerweise hätte sie sich sogar über die Ranken gefreut, denn sie versprachen Nahrung für ihre Familie, doch ihr Korb war bereits voll und in dem zunehmend schwindenden Licht konnte sie ohnehin nichts mehr erkennen. Also schob sie das Gestrüpp beiseite und stellte sich gedanklich bereits darauf ein, ihr Kleid wieder einmal flicken zu müssen. Immerhin hatte sie niemanden, der ihr ein neues schenken würde.

Endlich, als es bereits völlig dunkel geworden war, gelang es ihr, den Hang zu erklimmen, und als sie sich gerade darüber freuen wollte, es geschafft zu haben, tauchte plötzlich wie auf dem Nichts vor ihr eine hochgewachsene Gestalt auf.
Andreth zuckte zusammen und ließ vor Schreck ihren Korb zu Boden fallen. Sie wollte ihn aufheben, doch ihr Gegenüber schien denselben Gedanken gehabt zu haben, denn zugleich griffen sie danach, und ihre Hände berührten sich im Dunkeln.
"Wer seid Ihr?", fragte sie eine volltönende, kräftige Männerstimme.
"Ich bin Andreth, die Tochter Boromirs aus Beors Haus", antwortete sie, und ihr Wunsch danach, seine wunderbare Stimme erneut erklingen zu hören, war so groß, dass sie vergaß, nach seinem Namen zu fragen.
"Und was tut Ihr zu dieser späten Stunde allein hier im Wald, Andreth, Tochter Boromirs?", fragte er.
"Ich ... sammelte Kräuter, und als ich mich niederlegte, um für einen Moment zu ruhen, übermannte mich der Schlaf. Nun bin ich auf dem Weg in mein Heimatdorf, zu meiner Familie."
"Erlaubt ihr, dass ich Euch dorthin geleite, Frau Andreth?"
Sie freute sich über seine Worte, denn sie fühlte sich ihm verbunden, obwohl sie bis jetzt nur seine Stimme kannte, doch deren Klang weckte Mut und Zuversicht in ihr.
"Sehr gern, doch nur, wenn Ihr mir Euren Namen verratet", sagte sie deshalb.
"Aegnor."
Andreth wollte mehr erfahren als nur seinen Namen, wünschte sich, er würde ihr sagen, wessen Sohn er war und aus welchem Hause er stammte, doch sie wagte nicht, zu fragen, sondern genoss einfach seine Begleitung. Mit ihm an ihrer Seite fand sie ihr Dorf innerhalb kürzester Zeit, obwohl sie wünschte, der Weg wäre länger gewesen.
Als sie sich der Lichtung näherten, auf der das Dorf erbaut worden war, beleuchtete der Schein der dort entzündeten Fackeln das Gesicht und die Gestalt ihres Begleiters, und Andreth erkannte, was sie bereits geahnt hatte.
"Ihr seid ein Elb!"
Er nickte und deutete eine leichte Verbeugung an.
"Aegnor, jüngster Sohn Finarfins, Lehnsmann meines Bruders Finrod, der über Dorthonion herrscht. Gemeinsam mit meinem Bruder Angrod wache ich die Nordhänge dieses Landes, und das schließt seine Bewohner mit ein. Es war mir eine Freude, Euch kennengelernt zu haben, Frau Andreth."

Kaum war sein letztes Wort verklungen, da war er schon wieder im Schatten der Nacht verschwunden, ebenso schnell, wie er aufgetaucht war, und Andreth glaubte beinahe, all dies sei nur ein Traum gewesen. Doch ihr Herz sagte etwas anderes, denn sie hatte es in dieser Nacht verloren - sie, eine einfache Menschenfrau, an Aegnor, einen unsterblichen Elben.

***

Selbiger unsterbliche Elb erwies sich übrigens als ausgesprochen sterblich, denn obwohl er der Liebe zu Andreth entsagte, da er darin keine Zukunft sah, biss er eher ins Gras als sie.

Deshalb ist diese Elb - Mensch - Liebesgeschichte in zweierlei Hinsicht besonders in Mittelerde: Der unsterbliche Part ist ein Mann und stirbt eher als der sterbliche Partner.
Hm. Schade. Gar kein Happy End heute. Aber da kann man nichts machen, wenn man sich an die Fakten hält, und es bleiben ja noch 24 Tage.

Einen schönen ersten Dezember wünsche ich!
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