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Perfekt sein

KurzgeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Victor Nikiforov Yuri Katsuki
01.12.2020
01.12.2020
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Hallo zusammen,

es ist der erste Dezember in einem echt sehr aufwühlenden Jahr. Und dennoch ist es schon wieder fast vorbei. Die Zeit vergeht wie im Flug. Hoffen wir einfach mal auf ein besseres 2021.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und Kommentare sind auch immer gerne gesehen.

Mir gehört nichts, nur die Idee.



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Das Ding war, Victor war es nicht gewöhnt, dass jemand in seiner Umgebung war, wenn er zuhause war. Er liebte Yuuri, aber er brauchte noch etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen, dass nun noch jemand in seiner Wohnung lebte.
Viele Jahre war Victor alleine gewesen. Nur Makkachin hatte ihm nachts Gesellschaft geleistet. Dann hatte sich der warme und großer Körper seines Hundes an Victor gekuschelt und dieser hatte die Arme um die Hündin gelegt. Die Finger dann im warmen und weichen Fell vergraben.

Und dann kam Yuuri und alles hatte sich verändert. Nun konnte er den Japaner im Bett umarmen und sein Hund rollte sich an seinen Beinen zusammen.
Manchmal stand Victor morgens im Eingang zur Küche und konnte einfach nicht glauben, wie sehr sich sein Leben verändert hatte. Dann würde er Yuuri dabei beobachten, wie dieser Frühstück machte. Meistens tanzte er dann leicht zu der Musik aus dem Radio. Es war ein Anblick, den Victor niemals wieder missen wollen möchte.
Aber mit dem Einzug von Yuuri kam auch ein Problem. Jahrelang hatte sich Victor darüber keine Gedanken machen müssen. Seine Wohnung war sein Rückzugsort gewesen. Hier würde es nie jemand sehen. Victor konnte endlich die Fassade fallen lassen.
Nun musste er es jedoch verstecken.

Natürlich wusste Victor, dass es lächerlich war. Yuuri würde ihn niemals deswegen auslachen. Wahrscheinlich verstand es der Japaner sogar besser als alle anderen. Und dennoch fiel es Victor unglaublich schwer, diesen Teil über sich selbst zu offenbaren.
Es war schwer einen Teil der Vergangenheit zu vergessen, der so große Auswirkungen auf Victor hatte. So groß, dass er abends im Badezimmer stand und das kleine Döschen aus der hintersten Ecke des Schrankes herausholte.

Es war damals nicht leicht gewesen, als Eiskunstläufer in Russland. Viele, sehr viel, Stimmen waren gegen Victor gewesen. Und als sich dies dann langsam änderte, kamen neue Stimmen hinzu. Stimmen, die verlangten, dass er perfekt zu haben sei. Er durfte keine Fehler mehr machen. Aussehen und Auftreten musste perfekt sein.
Jetzt sollte es ihm egal sein. Er hatte sich als Trainer bewiesen und danach noch einmal Gold geholt. Aber es war ihm nicht egal. Es konnte ihm nicht egal sein. Denn wann immer er dachte, er könnte es endlich gegenüber Yuuri offenbaren, waren diese Stimmen wieder in seinem Kopf. Und dann ließ Victor einfach den Kopf hängen. Sein Griff würde sich wieder um die Dose verhärten und dann würde er sie ganz weit hinten in der Ecke des Schrankes wieder verstecken.


„Victor?“

Der Angesprochene sah auf, Yuuri stand vor ihm, aber dennoch weit genug weg, dass er verschwommen war.

„Ja?“, antwortete er dann schließlich, nachdem er etwas mehr die Augen zusammen gekniffen hatte.

Yuuri schien ihn einen Moment zu mustern, wahrscheinlich war Besorgnis in seinen Augen zu erkennen: „Eigentlich wollte ich dich fragen, ob wir einen Film gucken wollen…. Aber, Victor, deine Augen-“

Zum Ende des Satzes wurde der Japaner immer leiser und Victor fuhr sich mit der Hand kurz übers Gesicht. Natürlich wusste er, was Yuuri meinte. Seine Augen brannten und waren wahrscheinlich dadurch gerötet.

„Alles gut“, meinte der Russe dann schließlich.

„Sicher?“

„Sicher.“

Sie verbrachten den Abend zusammen auf dem Sofa. Makkachin hatte sich an Victors eingerollt und dieser strich ihr mit kleinen Bewegungen übers Fell.
Was genau sie schauten, konnte Victor nicht genau sagen. Irgendwann war er dazu übergegangen und hatte seinen Kopf auf Yuuris Schulter abgelegt. Der Japaner spielte geistesabwesend mit ein paar Strähnen.
Die Hand in seinen Haaren, die warmen Körper von Makkachin und Yuuri und die Geräusche aus dem Fernseher, lullten Victor immer mehr ein bis er schließlich einschlief.


Yuuri würde noch einen Tag weg sein. Es hatte einen kleinen familiären Notfall gegeben und war deswegen nach Japan gereist. Victor hatte mitkommen wollen, aber er hatte einen Wettkampf gehabt.
Ein einziges Wort vom Japaner und Victor wäre mitgekommen.

„Wir sollten diese Zeit nutzen“, meinte Victor zu seinem Hund als zum Badezimmer ging.

Selten hatte es sich so gut angefühlt als er die kleine Dose herausholte. Und dennoch hasste er es, als er wieder in den Spiegel sah.
Es erinnerte ihn an die ganzen Stimmen. Es erinnerte ihn an den immensen Druck auf seinen Schultern.

Mit einem Seufzen drehte sich Victor um und ging auf sein Sofa zu. Makkachin folgte ihm, ihre Pfoten mit tappsenden Geräuschen gegen den Holzboden zu hören.
Kaum, dass sich Victor hingelegt hatte, den Kopf gegen die Sofalehne, lag sein Hund schon zwischen seinen Beinen, den Kopf auf dem Bauch des Eisläufers abgelegt. Ihre Augen sahen in loyal an und sie entließ ihren Atem in einem leichten puff.
Victor griff in ihr Fell und streichelte sie sanft während er durch sein Instagram Feed scrollte.

Er musste über die verschiedenen Posts eingeschlafen sein, denn als er wieder aufwachte, hatte sich Yuuri über ihn gebeugt und sah den anderen Eisläufer merkwürdig an.
Und dann wachte Victors Gehirn richtig auf: „Yuuri? Solltest du nicht erst morgen hier ankommen?“

Sie hatten doch noch geschrieben gehabt? Victor würde ihm vom Flughafen abholen und nach einem kurzen Blick auf die Uhr, wusste er, dass es noch immer der gleiche Tag war wie vorhin.

Der merkwürdige Ausdruck verschwand nicht als Yuuri antwortete: „Ich wollte dich überraschen und habe einen Flug früher genommen.“

Dann: „Seit wann trägst du eine Brille?“

Es gefror alles in Victor. Seine Hand fuhr zu seinem Gesicht und tatsächlich, er erstastete das Gestell seiner Brille.
Er hatte sich sicher gefühlt und hatte sie deswegen angezogen. Wie konnte er nur so dumm sein?

Victor musste Yuuri zu lange geschwiegen haben, denn der Ausdruck verwandelte sich von merkwürdig zur puren Besorgnis: „Victor?“

„Du solltest das nicht sehen“, meinte dieser nur und nahm die Brille ab. Ohne weiter darüber nachzudenken, versteckte er sie mit der Hand.

„Das du eine Brille trägst?“, wollte sich der Japaner vergewissern.

Victor konnte nur nicken. Er hätte mehr nachdenken müssen. Es hätte ihm bewusst sein müssen, dass Yuuri ihn überraschen wollte. Es wäre nicht das erste mal gewesen.

„Aber warum?“, fragte der andere Mann wieder und er ließ sich Victor gegenüber auf den niedrigen Kaffeetisch nieder. Yuuri selbst trug seine Brille und er hatte sich noch nicht die Zeit genommen, Schuhe und Jacke auszuziehen.

„Ich wollte nicht, dass du es weißt“, antwortete Victor dann schließlich.

„Aber warum?“, fragte Yuuri erneut.

„Es ist dumm“, drehte Victor den Kopf zur Seite.

Eine warme Hand legte sich auf sein Knie und als er wieder zur Yuuri blickte, konnte er selbst ohne Brille erkennen, dass dieser ihn voller Liebe anguckte.

„Es kann nicht dumm sein, wenn es dich so beschäftigt, dass ich dich mit Brille gesehen habe.“

Victor brauchte ein paar Momente, ehe er schließlich antworten konnte: „Als ich mit dem Eislaufen angefangen habe, waren so viele gegen mich. Erst nach den ersten Goldmedaillen hatte sich das geändert. Aber dann hieße es, ich müsse perfekt sein“, Victor drehte die Brille in seiner Hand; „Eine Seeschwäche ist nicht perfekt. Wenn sie wüssten, dass ich nicht richtig sehen kann…“

Weiter kam er nicht. Er brauchte Yuuri nicht, dass er es sagte. Victor wusste selbst, dass diese Gedanken und Sorgen einfach dumm waren.

Die Hand wanderte von seinem Knie zu seiner Hand, die die Brille hielt. Sie war warm und Yuuri drückte leicht zu.

„Ich werde es niemanden sagen. Sind deswegen deine Augen manchmal so rot?“ Ein Nicken. „Und guckst du deswegen nie richtig den Fernseher an, wenn wir abends etwas gucken?“. Wieder ein Nicken.

„Du kannst die Brille hier gerne anziehen. Ich will mir nicht vorstellen, wie sehr die Kontaktlinsen weh tun müssen, wenn man sie den ganzen Tag drin hatte“, meinte Yuuri.

„Sicher?“, war es nun an Victor zu fragen.

„Sehr sicher“, und dann beugte sich Yuuri leicht vor. Er griff mit der Hand nach der Brille und setzte sie Victor vorsichtig wieder auf. Die dunklen Augen von Yuuri fuhren über Victors Gesicht. Ein Daumen folgte dem Gestell der Brille.

„Absolut sehr sicher. Du siehst mit einer Brille heiß aus“, verdeutlichte der Japaner und Victor ließ das Lächeln zu, dass sich auf seinen Lippen ausbreitete.



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Okay, wer hat damit gerechnet? Vielleicht mög es weithergeolt sein, aber ich spreche selbst etwas aus Erfahrung. Seit fast zehn Jahren trage ich schon Kontaktlinsen und sehr selten meine Brille außerhalb des Hauses. Ich weiß, niemand macht sich Gedanken darum und es absolut normal, eine Brille tragen zu müssen. Und dennoch kann ich es nicht verhindern, dass ich mich merkwürdig "verletzlich" fühle, wenn ich allen zeige, dass ich eine Sehhilfe brauche.
Vielleicht ergeht es daraußen auch jemanden so? xD
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