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Kriegskind

GeschichteDrama, Sci-Fi / P18 / Gen
Nappa Radditz Vegeta
30.11.2020
06.03.2021
13
88.610
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23.02.2021 7.274
 
Es war zwei Tage später um die Mittagszeit, als Radditz und Manes ihre Einkäufe erledigt hatten. Sie kehrten dem belebten Marktplatz den Rücken zu, der mitten in der Hauptstadt, zwischen den Außenmauern des Palastes und den Wohntürmen gelegen war. In letzteren lebten die privilegierten Stadtbewohner, die im Palastkomplex oder in einer der offiziellen Einrichtungen wie den Häusern der Heiler, dem Reichsarchiv, dem Yamoshi-Tempel oder der Elitekampfschule arbeiteten.
Jeder der beiden Jungen trug ein ausladendes Bündel mit Lebensmitteln und sonstigen Vorräten über den Schultern. Sie beschlossen, sich noch ein wenig umzusehen, denn es gab sonst nichts Dringendes zu tun. Zwar war ihre Mutter allein zuhause, doch Radditz hatte seinen Scouter auf Empfang, falls sie Hilfe brauchte. Sie kamen nicht sehr oft hier her und wie alle Kinder waren sie neugierig und abenteuerlustig. Sie gingen also ein Stück an der Stadtmauer entlang bis zum „großen Zeh“. Der Felsen, auf dem die Stadt errichtet war, lief zu einem Ende in einen dünnen Vorsprung aus, der so schmal war, dass die ursprünglichen Erbauer der Stadt, die Tsufurujin, ihn von unten her mit einem stabil gemauerten und reich verzierten Pfeiler gestützt hatten, damit er nicht irgendwann abstürzte. Von hier aus konnte man weit ins Land blicken, auf die Wälder und den Raumflughafen, und sie konnten sogar ihr Heimatdorf erkennen.
Sie stellten die Pakete mit den Einkäufen ab, setzten sich auf die Mauer und ließen die Füße baumeln. Unter ihnen ging es mehrere hundert Meter in die Tiefe, was ihnen ein wohliges Kribbeln im Bauch verursachte. Kein Saiyajin litt wirklich unter Höhenangst, da die meisten fliegen konnten, aber ein bisschen spannend war es doch. Immer wieder machten sich Jugendliche einen Spaß daraus, sich über die Mauer fallen zu lassen bis fast zum Boden, um dann im letzten Moment abzudrehen. Regelmäßig kamen dabei welche ums Leben, wenn sie sich verschätzten oder ihr Stolz stärker war als ihr Verstand. Die Erwachsenen zuckten die Achseln und taten es als natürliche Auslese ab.
Radditz griff in das kleine Ledertäschchen, das er um den Bauch trug, holte ein paar Kekse heraus, die er sorgfältig in ein Tuche eingewickelt hatte, und reichte die Hälfte davon seinem kleinen Stiefbruder. „Hier, iss!“
„Danke!“ Manes blickte sich mit einem glücklichen Gesichtsausdruck um. „Es ist richtig schön hier! Man kann fast die ganze Welt sehen. Wenn Mama jetzt vor die Tür gehen würde, könnten wir ihr winken.“
Radditz spürte einen leichten Stich in der Brust. Er musste sich erst noch daran gewöhnen, dass der Kleine jetzt sein richtiger Bruder war und Gine „Mama“ nannte. Er mochte den Winzling, wirklich, und er freute sich auch für ihn, aber es schmerzte doch ein wenig, dass er nicht mehr der einzige war, der sie mit diesem Kosenamen ansprach. Die Zwillinge waren da keine Konkurrenz, sie hatten kaum Liebe für ihre Mutter übrig. Sie nannten sie bei ihrem Namen und sprachen von ihr als „die Frau“ oder „das Weib“. So sehr er sich über die beiden auch ärgerte, aber sie nahmen ihm nichts weg und machten ihm seinen Platz nicht streitig. Und wer wusste, wie es mit dem neuen Kind werden würde, dass ja auch in der Brutkapsel heranwachsen würde.
Als hätte Manes seine Gedanken erraten, meinte er plötzlich mit vollem Mund: „Hoffentlich kommt das Baby nicht morgen!“
„Hmm? Wieso?“
„Na, morgen ist der unheilvolle doppelte Sonntag wieder zuhause, da brauchen wir nicht noch eine Geburt.“ bemerkte der Kleine.
Radditz grinste. „Ja, mit den beiden hat man nichts als Scherereien. Du darfst dir von denen nichts gefallen lassen. Wenn sie fies zu dir sind, sag mir Bescheid. Dann verpasse ich ihnen eine Abreibung.“
„Ach, mit denen werde ich schon fertig. Die sind zwar stärker als ich, aber ich bin schlauer.“ erklärte Manes selbstbewusst. „Trotzdem bin ich ganz froh, dass sie nicht jeden Tag zuhause sind.“
„Der unheilvolle doppelte Sonntag.“ Radditz kicherte. „Brüderchen, du bist echt einmalig.“
Seit der Zwerg richtig sprechen gelernt hatte, machte er sich einen Spaß daraus, mit Wörtern zu spielen und sie neu zusammen zu setzen oder gar ganz neue zu erfinden. Es war ein beliebter Zeitvertreib zwischen den beiden geworden und manche Kreation hatte als geflügeltes Wort Eingang in den Familienalltag gefunden.
„Na, es passt doch! Sie sind zu zweit, machen nichts als Ärger und sind nur sonntags da!“ erläuterte der Kleine.
„Ja, du hast Recht. Aber mir fällt dazu was ganz anderes ein.“ der größere Junge hob die Handflächen hoch, formte zwei kleine Kugeln aus violetter Energie und schoss sie gleichzeitig ab. Eine landete schäumend im nahen Fluss, die andere pulverisierte einen Felsen im Ödland. „Die kommen auch im Doppelpack und machen eine Menge kaputt.“
„Hey, du hast ne neue Attacke! Die ist ja saucool!“ jubelte Manes und klatschte begeistert in die Hände.
Radditz nickte. „Ja, und deswegen braucht sie einen saucoolen Namen. „Doppelter Sonntag“ passt perfekt, finde ich. Wenn du nichts dagegen hast, dass ich deine Erfindung klaue.“
Der kleine Junge bekam feuchte Augen und schmiegte sich verstohlen an seinen großen Bruder. Dieser ließ es zu, da niemand sie sehen konnte. „Das wäre mir eine große Ehre.“ sagte er feierlich. „Aber, woher kommt das eigentlich, dass ihr euren Kampftechniken Namen gebt?“ wollte er wissen.
„Tja...“ der Ältere musste kurz überlegen. „Das machen alle Krieger so, die etwas auf sich halten. Ich glaube, es ist einfach Tradition. Man hat sich die Mühe gemacht, was auszutüfteln, warum soll man sich nicht auch einen Namen dafür ausdenken? Prinz Vegeta hat übrigens eine Technik „royale Randale“ genannt. Wir haben uns kaputtgelacht!“
„Wie ist er denn so, der Prinz?“ fragte Manes.
„Tja, er bildet sich ganz schön was ein. Die aus der Elite tragen ja alle die Nase ganz schön hoch, aber er ist schon was besonderes, er kann es sich erlauben, schließlich hat er schon eine Kampfkraft von über 4000! Er ist eigentlich gar nicht so übel, glaube ich. Man muss ihm halt erst mal beweisen, dass man was drauf hat, sonst nimmt er einen nicht für voll. Er ist zwar erst fünf, benimmt sich aber wie ein kleiner Erwachsener und redet auch so. Ich glaube, er hat noch nie in seinem Leben gespielt oder einfach Blödsinn gemacht. Ehrlich, ich bin froh, dass ich aus einer Lehmhütte komme und nicht aus dem Palast!“
Plötzlich begann Radditz‘ Scouter zu piepsen. „Mama?“ der Junge sprang auf. „Ja, ich fliege sofort zur Kinderstation! Bis gleich!“
„Ist es soweit?“
„Ja.“ der Große nickte. „Ich muss eine Hebamme holen. Bleib du hier bei den Einkäufen. Ich komme dich danach wieder einsammeln.“
„Okay.“

Manes hatte die übrigen Kekse aufgegessen und verstaute das Tuch in dem Bündel mit den Vorräten. Er war aufgeregt und freute sich auf das neue Brüderchen. Endlich würde er nicht mehr der Kleinste in der Familie sein! Mato und Tato waren zwar vier Jahre jünger, aber beide größer als er und so kräftig gebaut wie Radditz. Er sah sie nicht als kleine Brüder an. Um ehrlich zu sein, sah er sie überhaupt nicht als Brüder, und sie ließen ihn jeden Sonntag aufs neue wissen, dass es ihnen genauso ging. Jedes Mal musste er sich von ihnen schlagen oder treten, beschimpfen oder gar am Schwanz ziehen lassen. Er hatte sich angewöhnt, an ihren Besuchstagen in den Wald zu verschwinden, doch die beiden machten regelrecht Jagd auf ihn. In letzter Zeit gelang es ihm öfter, ihnen zu entkommen. Seine Kampfkraft war zwar dank des Trainings mit seinem großen Bruder auf fast hundert gestiegen, aber die Zwillinge waren inzwischen fünfmal so stark, jeder von ihnen. Er konnte noch nicht mal richtig fliegen, nur hoch springen und sich ein paar Sekunden in der Luft halten. Aus ihm würde niemals ein Krieger werden, das war ihm klar. Aber er würde sich schon irgendwie nützlich machen. Schließlich war er nicht dumm. Er ließ sich seufzend wieder auf der Mauer nieder, als ihn von hinten jemand anstieß, so dass er über die Kante rutschte und nur deshalb nicht in die Tiefe stürzte, weil er sich mit seinem Schweif an einem hervorstehenden Stein festhalten konnte. „Hey! Was…?“
„Was heißt hier hey, du Made?“ ertönte eine ätzende Stimme über ihm. Als Manes sich wieder hoch zog, blickte er in ein braungebranntes, rundes Jungengesicht mit einem sehr hässlichen, schadenfrohen Grinsen darauf. „Sprich gefälligst nicht in einem so impertinenten Ton mit mir, du Unterklasse-Bengel!“ verlangte der fremde Junge.
Manes krabbelte von der Mauer herunter und schlang seinen Schwanz um die Taille. „Warum hast du mich geschubst?“ fragte er.
Der deutlich ältere Knabe versetzte ihm eine Ohrfeige, die ihn fast wieder umwarf. „Du hast hier keine Fragen zu stellen, du Wurm! Und wer bist du überhaupt, dass du es wagst, mich zu duzen?“
Der Kleine hielt sich die Wange und sah sich den Fiesling genauer an. Er war fast doppelt so groß wie er, fast erwachsen und hatte ausladende Muskeln. Der glattrasierte Schädel war mit zahlreichen Symbolen tätowiert, deren Bedeutung der Kleine nicht kannte. Hinter dem Kerl standen noch zwei weitere junge Saiyajin, ein dicker Junge von etwa sechzehn und ein Mädchen im gleichen Alter, eine zierliche, kleine junge Dame in einem zarten weißen Kleid, das ihre langsam erblühende Gestalt betonte. Die beiden kicherten albern.
„Ich bin Manes, Sohn des Taro!“ stellte er sich vor.
„Interessiert mich nicht!“ gab der Große zurück. „Du bist nur Müll. Kampfkraft unter hundert, du bist nichts weiter als ein wertloses Stück Dreck. Und was ist überhaupt das hier?“ er zupfte an dem roten Band, das ihm Radditz von Taro übergeben hatte und das er wie dieser am linken Oberarm trug. „Was maßt du dir an, du Ungeziefer? Du entweihst das rote Band und beleidigst damit das Königshaus. Nimm das sofort ab!“
„Nein.“ sagte Manes mit fester Stimme. „Das war ein Geschenk von meinem Opa. Das bleibt, wo es ist.“
„Du wagst es, dich mir zu widersetzen?“ der große Junge baute sich bedrohlich vor dem Winzling auf.
„Ja. Du hast mir noch nicht mal deinen Namen verraten, und mit welchem Recht du mir Befehle erteilst. Du bist ein gemeiner Hund, und ich werde nicht nachgeben!“
Der Junge und das Mädchen im Hintergrund sahen einander an und hoben die Augenbrauen. „Ganz schön große Klappe für so einen mickrigen Zwerg!“ sagte der Junge. „Vielleicht solltest du ihm eine Lektion erteilen, Gurd!“
„Hab ich vor.“ der Große nickte. „Du willst also wissen, wer ich bin?“
„Eigentlich nicht, aber da du mich schon geschlagen hast, gebietet es wohl die Höflichkeit!“
Der junge Mann grinste von einem Ohr bis zum anderen, als er Manes am Kragen packte und ihn am ausgestreckten Arm über die Mauer hielt. „Ich wette, mit deiner lächerlichen Kampfkraft kannst du noch nicht mal richtig fliegen, oder?“
Der Kleine antwortete nicht, sein Gesicht blieb unbewegt.
„Du kannst ihm ja das Fliegen beibringen, Gurd!“ rief der dicke Junge lachend.
Der Angesprochene ignorierte den Einwurf. „Dann hör gut zu: ich bin Gurd, Sohn des Quash. Mein Vater ist der Majordomus im Königspalast. Das da drüben sind Brasco, Sohn des Zeama, und die Dame ist die künftige Mutter meiner Kinder, Lady Fabacea, Relcys Tochter. Wir entstammen den besten Familien der saiyanischen Elite und ich dulde es nicht, dass ein Wurm wie du in unserer Stadt die Luft verpestet und sich mit Ehrenabzeichen schmückt, die er unmöglich selbst verdient haben kann. Vielleicht war ja dein Großvater ein Held, aber du bestimmt nicht.“
„Du bist auch nur ein Maulheld.“ knurrte Manes. „Und ich nehme das Band nicht ab.“
„Dann musst du sterben.“ kündigte Gurd mit einem grausamen Lachen an. „Allein deine Existenz ist schon eine Beleidigung für unser ganzes Volk! Ich könnte dich jetzt einfach loslassen, aber das wäre zu langweilig. Ich finde, du hast eine härtere Strafe verdient für deine Unverschämtheit!“ er zog den kleinen Jungen wieder zurück über die Mauer und ließ ihn los. Kaum das Manes richtig stand, hatte er auch schon die Faust des fremden Jungen im Gesicht und taumelte rückwärts. Er fing sich wieder und nahm eine Kampfpose ein, die er sich bei Radditz abgeschaut hatte.
Gurd prustete los, und auch Brasco und Fabacea lachten.
„Wie niedlich!“ bemerkte der große Glatzkopf sarkastisch. „Na los, greif mich an.“
„Nein.“ sagte Manes.
„Feigling!“ erneut schlug der Elite-Junge zu und schickte den Kleinen zu Boden. Dann begann er ihn mit Tritten zu malträtieren, in den Bauch, gegen den Kopf. Der Neunjährige krümmte sich zusammen und stöhnte auf. „Steh auf!“ befahl Gurd und hielt einen Moment inne.
Manes rappelte sich mühsam auf, wischte sich das Blut vom Gesicht und sah seinen Kontrahenten fest an. „Hör zu, ich will mich nicht mit dir prügeln. Ich habe wirklich wichtigeres zu tun. Meine Mutter liegt in den Wehen...“
„Deine Mutter ist eine hässliche Unterklassen-Hure, wen juckt es schon, ob sie gerade ein weiteres Kapselkind rausquetscht? Wenn die Schlampe dabei verreckt, haben wir gleich drei überflüssige Schwächlinge weniger.“
Manes stieß ein wütendes Grollen aus, was sein Gegenüber und den dicken Brasco wiederum in Gelächter ausbrechen ließ. Das Mädchen lachte diesmal nicht. „Außerdem wird mein Bruder gleich hier sein. Mein Bruder ist stark. Er war sogar schon mit dem Prinzen auf einer Mission. Er wird dir den Arsch versohlen.“
„Oh, wird er das? Wie hoch ist denn seine Kampfkraft? Hundertfünfzig?“ ätzte der Große. „Hmm. Dann wollen wir mal auf deinen starken großen Bruder warten und sehen, ob der auch so frech ist wie du. Aber bis dahin werde ich dich noch ein bisschen verhauen.“ damit trat er Manes vor die Brust, so dass diesem die Luft weg blieb.

Radditz hatte in der Aufzuchtstation Bescheid gegeben und eine erfahrene Hebamme war bereits zu Gine unterwegs. Nun wollte er schnell seinen Bruder und den Einkauf holen und nach Hause zurückkehren. Als er jedoch an der Stadtmauer anlangte, bot sich ihm ein Bild des Grauens. Manes lag als blutendes Bündel am Boden und ein fast ausgewachsener, kräftiger Kerl trat auf ihn ein, während er wie ein Irrer lachte. Hinter dem Schläger standen zwei weitere Jugendliche, ein Junge und ein Mädchen, und schauten zu.
„Was geht hier vor?“ Radditz baute sich vor dem fremden Jungen auf, der ihn um ein gutes Stück überragte. „Warum suchst du dir nicht einen richtigen Gegner?“
Gurd hielt inne, erst ungehalten, doch seine Überheblichkeit kehrte sofort zurück. „Ach, dann bist du wohl der berühmte große Bruder, der mit Prinz Vegeta unterwegs war! Und deswegen glaubst du, dass du ein richtiger Gegner für mich wärst? Hähähä. Da zittere ich ja vor Angst. Oh, seht mal, der hier trägt sogar schon zwei rote Bänder! Auch ein Geschenk von deinem beschissenen Opa oder bist du kleine Kackbratze etwa selber schon ein Held?“
„Gurd, du Ignorant! Du warst selber dabei als der König ihm das Band umgelegt hat.“ warf das Mädchen ein. Der Angesprochene quittierte diese Information mit einem verächtlichen Schnauben.
„Eins ist verdient, eins geschenkt.“ sagte Radditz ungerührt. „Ich wüsste allerdings nicht, was dich das angeht. Lass meinen Bruder in Ruhe. Er hat dir nichts getan.“
„Halt dich da raus.“
„Das hättest du gern.“
„He, Brasco,“ wandte sich Gurd an den dicken Jungen. „Wie stark ist der Angeber?“
„Eintausenddreihundert.“
Der Glatzkopf pfiff mit gespielter Anerkennung durch die Zähne. „Na, der macht bestimmt mehr Spaß als dieser Windbeutel hier.“ er ließ von Manes ab, nicht ohne noch einmal kräftig gegen dessen Kopf zu treten.
Dann drehte er sich erst langsam zu Radditz um, der geistesgegenwärtig die Deckung hochnahm, als der Große sich blitzschnell auf ihn stürzte. Es dauerte nicht lange, da lag der aufstrebende Mittelklassekrieger neben seinem kleinen Bruder und kassierte selbst einen Tritt nach dem anderen.
„Brasco, halt ihn fest. Er soll zusehen, wie ich diese Made zerquetsche, und dann ist er selber dran.“
„Gurd, ich glaube, das reicht jetzt!“ rief das Mädchen.
„Ach komm schon, Faba, du bekommst doch nicht etwa Skrupel?“ meinte Brasco spöttisch. „Gurd will dir doch nur was beweisen. Gönn ihm doch den Spaß.“ er spazierte in aller Seelenruhe auf Radditz zu, packte ihn am Schwanz und zerrte ihn ein Stück zur Seite. „He, nicht ohnmächtig werden!“ lachte er. „Jetzt wird es doch erst richtig lustig!“
„Was will er mir beweisen?“ erhob das Mädchen, Fabacea, jetzt ihre Stimme. „Seine Kraft? Seinen Heldenmut? Indem er den kleinen Schwächling da tot schlägt?“
„Meine Erbarmungslosigkeit, Faba.“ grunzte der Große. „Du hast doch wohl kein Mitleid mit diesem Stück Scheiße? Er hat mich provoziert, und dafür muss er sterben.“
„Du hast ihn provoziert!“ protestierte sie.
„Tss, du bist eben auch nur ein blödes Weib wie alle anderen, du hast von diesen Dingen keine Ahnung!“ damit begann Gurd wieder auf Manes einzutreten.
„Lass ihn in Ruhe!“ brüllte Radditz und versuchte, seinen Schweif aus Brascos Griff heraus zu winden. Keine Chance.
Fabacea stieß einen schrillen Schrei aus und flog auf den jungen Mann zu, dem sie versprochen war. „Du wirst ihn sofort loslassen, Gurd!“ sie landete einen Tritt gegen seinen Hinterkopf, so dass er tatsächlich von dem kleinen Jungen abließ und zu ihr herumfuhr. Bevor er etwas sagen konnte, hatte sie ihm mit ihrem Schwanz links und rechts eine Ohrfeige verpasst, eine sehr verächtliche Geste, die in etwa sagte „an dir mache ich mir die Hände nicht schmutzig!“. „Du bist ein elender Feigling, Gurd!“ schimpfte sie. „Wenn du mich beeindrucken willst, kämpf gegen jemanden mit deiner Kragenweite! Im übrigen ist es mir egal, ich bin ohnehin stärker als du, und ich werde mit meinem Vormund sprechen, dass er unsere Verbindung auflösen soll. Mit einem Typen wie dir will ich mich nicht fortpflanzen.“
„Was?! Aber…?“ stammelte Gurd, plötzlich ganz kleinlaut. „Das kannst du nicht machen, Faba, du gehörst mir!“
„Vergiss es! Von mir aus kannst du es mit Brasco machen, ich such mir einen richtigen Kerl!“
„Du blöde Schlampe, ich werde dich...Aaaaaah!“
Mit einem beiläufigen Handkantenschlag in den Nacken schickte Fabacea ihn zu Boden.
Brasco ließ Radditz vor Schreck los und blickte das Mädchen ungläubig an. Der langhaarige Junge ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen und rammte seinem Peiniger den Ellbogen in die Weichteile, bevor er aufstand und zu seinem Bruder eilte.
Die beiden Jungen machten sich fluchend davon.
Faba und Radditz knieten neben dem leblos daliegenden Manes. Der Kleine atmete noch, war aber bewusstlos. „Du musst ihn in die Krankenstation bringen, sofort!“ sagte Fabacea.“
Radditz nickte. „Danke, Mylady.“ Er nahm seinen Bruder auf die Arme und flog los.
„Warte mal!“ rief ihm das Mädchen hinterher. „Wie heißt du? Zu welchem Haus gehörst du?“
„Ich bin Radditz, Bardocks Sohn. Ich muss jetzt los.“

Die Häuser der Heiler lagen unweit der Kinderstation, nur ein paar Flugminuten vom Großen Zeh entfernt. Radditz betrat eins der Gebäude und zog eine blutige Spur hinter sich her. Eine Pflegerin kam auf ihn zugeeilt, nahm ihm den Kleinen aus den Armen und platzierte ihnen auf einer der Rollliegen, die überall entlang des Flurs standen. „Was ist passiert?“ fragte sie.
„Er ist von einem stärkeren Jungen verprügelt worden.“ erklärte der große Bruder. „Bitte, er muss sofort in den Meditank!“
„Es ist gerade keiner frei...“
„Bitte!“
„Ich werde sehen, was ich tun kann.“ die Schwester tippte ihren Scouter an. „Ich brauche hier einen Arzt!“ meldete sie.
Es dauerte einige Minuten, bis der Doktor endlich auftauchte. Er war kein Saiyajin, sondern ein Wissenschaftler des Imperiums, irgend ein Insektoid mit sechs dünnen Beinchen und riesigen Facettenaugen. Er untersuchte Manes halbherzig, hob hier einen Arm, bewegte da ein Bein, öffnete mit seinen fleischlosen Fingern ein Auge, um die Pupillenreaktion zu prüfen, fuhr mit der Hand seinen Schwanz entlang, der schwer von der Liege herunter hing. „Er ist so gut wie hinüber.“ sagte er schließlich und hob entschuldigend die Hände. „Und wenn du mich fragst, ist das auch besser so. Mit seiner geringen Kampfkraft, wer weiß was er für ein Leben vor sich gehabt hätte. Er war ja doch nicht viel wert.“
„Bitte!“ sagte Radditz eindringlich. „Sie müssen einen Heiltank für ihn frei machen! Er darf nicht sterben!“
„Sei mir nicht böse, aber für Schwächlinge wie dieses Kind können wir keine wertvollen Ressourcen verschwenden. Sieh es ein, Junge, der Kleine ist verloren. Ich kann dir nur eine Kammer anbieten, wo du dich in Ruhe von ihm verabschieden kannst. Es tut mir leid, aber das ist ein hoffnungsloser Fall.“ damit ging er davon.
Die Schwester blickte den Jungen mitleidig an. „Er hat Recht, Kleiner. Es ist vorbei. Komm, wir bringen euch aus der Schusslinie.“ sie fuhr die Liege in eine winzige, halbdunkle Abstellkammer, deckte Manes mit einer kratzigen Wolldecke zu und ging hinaus. Ein paar Sekunden später kehrte sie mit ein paar weichen Stofftüchern und einer Kanne Wasser zurück. „Soll ich irgend jemanden benachrichtigen? Seine Mutter vielleicht?“
Radditz schüttelte den Kopf.
„Sagst du Bescheid, wenn…?“ sie brach den Satz ab, seufzte und ging hinaus.

Radditz zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben seinen Bruder. Er benetzte eins der Tücher mit Wasser und wischte Manes‘ Gesicht sauber. Aus seiner Nase und dem linken Ohr liefen dünne Rinnsale aus Blut. Das linke Auge war blau und zugeschwollen, an der Stirn und am Hinterkopf hatte er mehrere Platzwunden. Wahrscheinlich hatte er keinen heilen Knochen mehr im Leib, und sein Schweif hatte einen deutlichen Knick.
Durch die Kühle des feuchten Lappens kam Manes zu sich. Als er seinen Bruder erblickte, lächelte er schwach. „Radditz.“
„Manes! Wie fühlst du dich?“ der ältere Junge nahm das winzige, kühle Händchen des Kleinen. Die Haut war blaß und bläulich marmoriert.
„Mir ist kalt.“ flüsterte dieser. „Ist das Baby schon da?“
„Ich weiß nicht, ich hab von Mama noch nichts gehört. Manes, du musst durchhalten, hörst du?“
Der Neunjährige schloss die Augen und sein Lächeln erstarb. „Nein. Nein, Radditz. Es ist vorbei. Ich gehe zu Opa Taro. Dann sind wir da drüben nicht so alleine.“
„Nein! Das darfst du nicht! Ich lass dich nicht!“ weinte der Große. „Warum warst du so stur? Warum hast du dich nicht unterworfen, so wie ich es dir beigebracht habe?“
„Er hätte nicht aufgehört. Er wollte mich töten. Es hat ihm Spaß gemacht.“ Manes hustete seinem Bruder einen Schwall Blut ins Gesicht. „Ich habe es schon mal gesagt, manchmal ist das Leben schlimmer als der Tod. Ich bin damit zufrieden. Ich habe eine richtige Familie, und du bist bei mir. Du bist der beste große Bruder, den man sich nur wünschen kann.“
„Manes!“ Radditz legte seine Arme um die Schultern des Kleinen und zog ihn in eine vorsichtige Umarmung. „Ich bin stolz, einen Bruder wie dich zu haben. Und Taro wäre auch stolz gewesen. Er hatte Recht. Du bist es wert, das rote Band zu tragen. Du bist tapfer. Tapferer, als ich es jemals sein werde. Du bist ein wahrer saiyanischer Krieger, Manes!“
Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht des kleinen Jungen, bevor er ins Koma fiel. Es verging keine Stunde, bis sein Herz aufhörte zu schlagen.
Radditz drückte schluchzend den winzigen Leichnam an sich, nahm ihn hoch und verließ das Gebäude, die Stadt, flog hinaus in die Wildnis, wo er den leblosen Körper in einer gewaltigen Qi-Explosion auflöste. Dann stimmte er den Totengesang an, den er auf dem Lebensfest seines Großvaters gelernt hatte. Das Singen der ruhigen, gleichförmigen Melodie beruhigte ihn und er hörte schließlich auf zu weinen. Als er sich gerade in die Luft erheben wollte, um den Heimweg anzutreten, summte sein Scouter. Seine Mutter teilte ihm mit, dass soeben sein kleiner Bruder Kakarott das Licht der Welt erblickt hatte.

Gine war außer sich vor Sorge, als Radditz endlich auftauchte. Nicht nur, dass er sich um geschlagene drei Stunden verspätet hatte, was dem sonst absolut zuverlässigen Jungen nicht ähnlich sah, er kam auch allein und ohne die Einkäufe zurück. Und als sie sein Gesicht sah, wusste sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
„Wo ist Manes?“ fragte sie bang, und ihr Ältester brach in Tränen aus. Sie brauchte nicht wirklich eine Antwort. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Sie nahm ihren Großen in den Arm und hielt ihn fest. Er wehrte sich nicht, wie er es sonst zu tun pflegte. Jetzt brach alles aus ihm heraus, er hing einfach an ihr und schluchzte seinen ganzen Schmerz heraus. Nach einer Weile waren seine Schleimhäute so angeschwollen, dass er nicht mehr weinen konnte. Er putzte sich die Nase und sah seine ebenfalls verheulte Mutter aus roten Augen an. „Sie haben ihn einfach totgeschlagen!“ Dann erzählte er ihr alles. Entsetzt und traurig saßen sie lange beieinander, unfähig sich zu regen. Irgendwann stand Gine auf, weil sie zum Abtritt musste. Radditz erhob sich ebenfalls und trat zu dem Inkubator hin, der in einer Ecke des Wohnraums stand und in dem ein winziges Baby in der gelblichen Nährflüssigkeit schwamm. „Hallo, Kakarott!“ flüsterte der große Bruder und registrierte schmunzelnd, dass das kleine Ding die verrückte Frisur seines Vaters geerbt hatte. Er setzte seinen Scouter wieder auf und schaltete ihn an, nahm ihn jedoch gleich wieder ab, als er die Zahl sah. Zwei. Der neue Bruder hatte eine Kampfkraft von ZWEI! Ein Schwächling, ein Kapselkind! Er selbst hatte bei seiner Geburt schon einen Wert von um die dreihundert gehabt, was unterer Durchschnitt für die Mittelklasse war, aber dieser Zwerg hier ging noch nicht mal als Unterklasse durch, er hatte ja praktisch überhaupt keine Kraft! Wütend und enttäuscht wandte er sich ab. Er hatte gerade erst einen Bruder verloren und von diesem hier würde er auch nicht viel haben.

Als seine Mutter wieder herein kam, brachte sie unerwarteten Besuch mit. Da stand die junge Lady Fabacea, diesmal in etwas praktischerer Aufmachung, und trug beide Pakete mit den Besorgungen, die Radditz an der Stadtmauer zurückgelassen hatte. „Du hast da etwas vergessen!“ sagte sie mit einem süßen Lächeln. „Wie geht es deinem kleinen Bruder?“
Der Junge fuhr überrascht hoch, errötete bis über beide Ohren und stammelte: „M-Mylady… was… wie…?“
Fabacea lachte ein glockenhelles Lachen. „Oh, nun sei nicht so aufgeregt, ich tu dir schon nichts!“
„Ja, Mylady… ich meine, nein, Mylady… ich...“ Radditz verneigte sich linkisch. Er hatte in seiner Ausbildung alles mögliche gelernt, aber wie man mit einer Dame aus der obersten Klasse sprach, das hatte Nappa ihm nicht beigebracht. Lady Relcy zählte nicht, sie war eine Kriegerin gewesen.
Das junge Mädchen trat auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine Schultern. „Hör mal, Radditz, du tust ja, als stünde Freezer höchstpersönlich vor dir!“ sie lachte wieder, und es klang wirklich freundlich, nicht, als würde sie sich über ihn lustig machen. „Ich reiße dir nicht den Kopf ab, wenn du was Dummes sagst. Nenn mich einfach Faba und vergiss die ganze Förmlichkeit!“
Der Junge blickte sie nervös an und rang sich ein schräges Lächeln ab. „Tut mir Leid, Mylady… ich meine, Lady Faba, was führt Euch hier her?“
„Nun, einerseits deine Einkäufe.“ erklärte die junge Frau. „Andererseits hatte ich keine Ruhe und war neugierig, wie es mit dem kleinen Kerl weitergegangen ist. Ist er noch im Meditank?“
Radditz räusperte sich und drückte die Tränen weg, die sofort wieder nach oben wallten. „Nein. Für so einen Schwächling wollten sie keinen Tank freimachen.“ sagte er mit finsterer Miene. „Er ist gestorben.“
Das Lächeln verschwand augenblicklich aus Fabaceas Gesicht. Sie legte den Kopf schief und blickte Radditz schmerzerfüllt an. „Oh nein!“ stieß sie schockiert aus und brauchte ein paar Atemzüge, um sich wieder zu fangen. „Es tut mir so Leid!“ sagte sie dann, „Ich hätte viel früher eingreifen müssen! Ich hatte aber keine Ahnung, dass Gurd so ein… Arschloch ist! Ich… oh nein, der arme Kleine!“ sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und begann zu schluchzen.
„Aber nein, Mylady… Faba… Ihr habt Euch keine Vorwürfe zu machen!“ wehrte Radditz ab. „Ihr habt sehr geholfen. Danke. Auch für die Einkäufe. Braucht Ihr irgendwas? Einen Schluck Wasser vielleicht? Seid Ihr hungrig?“
„Nein, nein!“ Fabacea hob die Hände. „Bemühe dich nicht. Oh, ist das das Neugeborene?“ Ihr Blick fiel auf den Inkubator in der Ecke und sie ging einfach hin. „Wie süß er ist!“ sie wandte sich an Gine. „Wie geht es dir, Gefährtin des Bardock? War es eine schwere Geburt? Ist der Kleine wenigstens gesund? Kann ich irgend etwas für euch tun? Ich… es ist einfach so schrecklich, ich würde gern helfen, wenn ich kann.“
Gine lächelte tapfer. „Ihr seid ein liebes Mädchen, Lady Fabacea. Wir kommen schon zurecht, vielen Dank.“
„Also gut,“ meinte die junge Frau schließlich. „Dann werde ich mal wieder in meinen Elfenbeinturm zurückkehren. Radditz, gibst du mir deine Frequenz? Dann könnten wir in Kontakt bleiben.“
„Oh… ja, wie Ihr wünscht, Mylady.“ der Zehnjährige tippte auf den Knopf und die Scouter der beiden verbanden sich über das Netzwerk. Jetzt konnten sie sich jederzeit Nachrichten schicken.
Nachdem Faba sich verabschiedet hatte, setzten Gine und Radditz sich an die Feuerstelle. Es gab so vieles, worüber sie hätten reden können, doch ihnen war nicht danach. Sie saßen einfach da, schweigend, hielten sich bei den Händen und teilten auf diese Weise ihren Schmerz.

In den nächsten Tagen verbrachten sie viel Zeit mit Kakarott. Am Tag nach seiner Geburt kam ein Bediensteter der Aufzuchtstation, maß die Kampfkraft des Kleinlings, klassifizierte ihn seufzend als Kapselkind und kündigte an, man werde sich bei der Familie melden, sobald eine passende Mission hereinkäme. Die Zwillinge schenkten dem neuen Bruder keinerlei Beachtung, erst recht nicht, nachdem sie erfahren hatten, dass er ein Schwächling war. Auch die Nachricht von Manes‘ Tod nahmen sie ungerührt zur Kenntnis. Bardock besaß wenigstens den Anstand, ein paar Worte des Bedauerns zu verlieren, doch wirklich berührt klang er nicht.
Gine und Radditz waren sich allerdings einig, dass der Winzling keine Sekunde länger in der Brutkapsel bleiben sollte als unbedingt nötig. Die Mutter stillte ihr Baby und trug es im Haus herum, und ihr Ältester packte das Kleine jeden Tag in ein Tuch, band es sich um den Bauch und flog mit ihm in der Gegend herum, damit es so viel wie möglich von der Welt sehen sollte. Kakarott war vermutlich das am meisten geliebte und verwöhnte saiyanische Kind, das je seit der Besiedelung Vegetas geboren worden war. Ständig wurde er geküsst und geherzt, sie sprachen ununterbrochen mit ihm, was für ein starker kleiner Mann er sei und dass alles gut werden würde. Wenn sie es nur selbst hätten glauben können! Lediglich an den Sonntagen sollte der Kleine in der Kapsel bleiben, da sie Mato und Tato nicht so recht über den Weg trauten.

Eine Woche später meldete sich Fabacea und lud Radditz in die Stadt ein. Sie verabredeten sich an der Stadtmauer am Großen Zeh, dort wo die Sache mit Manes passiert war. Faba hatte herrliche Blumen und bunt bemalte Steine mitgebracht und legte sie in einem kunstvollen Muster an der Stelle aus, wo der kleine Junge zuletzt gelegen hatte. Dann setzten sie sich auf die Mauer.
„Warum wolltet Ihr mich treffen, Mylady?“ fragte Radditz.
Sie blickte ihn an. „Ich wollte dir ein paar Fragen stellen.“ meinte sie. „ Aber im Ernst, sag einfach Faba zu mir. Und Du. Wir sind jetzt Freunde, nicht wahr?“
„Wenn Ihr… wenn du es wünschst, Faba?“
„Ja, Radditz, das wünsche ich mir. Weißt du, hier oben hat man keine echten Freunde. Hier geht es immer nur darum, einander zu beeindrucken, zu beweisen, wer der Stärkere ist, und für sich selbst einen Vorteil herauszuschlagen. Und gerade ich als Frau bin nicht mehr wert als ein preisgekröntes Karrak-Weibchen. Wir haben hier zwar ein weitaus angenehmeres Leben, was die materiellen Dinge angeht, aber im Grunde ist es nichts als ein Gefängnis.“
„Das tut mir sehr Leid, Myl… Faba.“ sagte der Junge ehrlich.
„Ja, aber darüber wollte ich nicht mit dir reden.“ das Mädchen holte tief Luft und schaute in die Weite. „Radditz, du warst mit meiner Mutter unterwegs. Lady Relcy.“
„Oh ja. Mein Beileid, Faba.“ Radditz legte unbeholfen eine Hand auf den Unterarm des Mädchens. Sie legte ihre Hand darüber. „Sie war großartig. Ich habe viel von ihr gelernt.“
„Weißt du, ich wäre gern wie sie.“ Faba lächelte traurig. „Eine Kriegerin. Ich will nicht nur Nachkommen produzieren mit irgend einem arroganten, grausamen Kerl, der dann auf irgendeinem fernen Planeten ins Gras beißt. Ich will selber raus und kämpfen, wenn es sein muss, sogar für Freezer! Ich will frei sein, Radditz, und mein eigenes Leben führen, meine eigenen Entscheidungen treffen, meine eigenen Fehler machen! Aber ich bin nur ein Mädchen.“
„Du bist eine starke junge Frau, Faba.“ sagte der Zehnjährige altklug. „Ich bin sicher, du wirst deinen Platz im Ganzen finden!“
Sie schaute ihn irritiert an, nickte dann aber. „Das hoffe ich.“ sagte sie. „Radditz – erzähl mir von meiner Mutter! Wie waren ihre letzten Tage? Wie ist sie gestorben?“
Der Junge berichtete haarklein, wie die Mission verlaufen war. Dabei legte er den Schwerpunkt auf Relcys Heldentat und schmückte die Affäre mit Nappa ein wenig romantischer aus, als sie tatsächlich gewesen war. Faba schien damit zufrieden. Über ihren Tod sagte er ihr nur, dass es sehr schnell gegangen sei und ihr Geliebter bis zum Ende an ihrer Seite ausgeharrt habe.
Das Mädchen hatte sich im Laufe seiner Erzählung sichtlich entspannt und die letzte Scheu verloren. Sie dankte ihm und erkundigte sich nach dem Baby.
„Ach,“ sagte Radditz, „Kakarott ist nur ein Kapselkind. Wir warten darauf, dass sie ihn auf seine Babymission schicken.“
„Aber… dann wird er auch sterben!“ Faba hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. „Kann man da nichts machen? Können wir ihn nicht irgendwie… verstecken?“
„Nein, Faba, er muss weg.“ sagte Radditz düster. „Wenn er hier bleibt, wird er so enden wie Manes. Hier ist er genauso wenig sicher wie da draußen.“
„Aber – es muss doch irgendeine Möglichkeit geben!“ das Mädchen ballte die Fäuste.
„Na ja, eine Sache gäbe es. Aber ich weiß nicht, wie ich das anstellen sollte. Ich habe seit seiner Geburt darüber nachgedacht und recherchiert. Wenn ich es irgendwie schaffen könnte, selbst eine Mission auszusuchen, eine, bei der er relativ sicher ist, einen ganz einfachen Planeten… ich habe sogar schon einen ins Auge gefasst. Aber ich komme weder an die Aufträge noch an die Raumkapseln heran.“
„also, einen Pod zu besorgen, dürfte nicht allzu schwer sein.“ Faba grinste. „Und ich kenne jemanden, der die Aufträge archiviert und mir noch einen Gefallen schuldet. Vielleicht kann ich dir helfen.“ sie strahlte Radditz an.
„Warum solltest du das tun?“ fragte dieser misstrauisch. „Ich kann dir nichts im Gegenzug bieten, und für dich wäre es doch auch gefährlich?“
„Hey, wir sind doch jetzt Freunde! Du hast schon einen Bruder verloren wegen meiner Leute, ich will wenigstens für den Kleinen tun, was ich kann.“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich!“ das Mädchen drehte sich zu Radditz um und umarmte ihn flüchtig. „Meine Mutter hat dich übrigens erwähnt, als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Sie hat mir erzählt, wie du Prinz Vegeta das Leben gerettet hast. Sie sagte, du seist tapferer gewesen als viele Elitekrieger, die sie kannte. Sie war von dir beeindruckt, und sie ließ sich nicht besonders leicht beeindrucken, weißt du.“
„Ja… sie war auch immer sehr freundlich zu mir...“
„Na siehst du. Solche Tapferkeit muss belohnt werden. Dann sind wir uns also einig.“ sagte Fabacea geschäftsmäßig. „Welchen Planeten hast du denn ausgesucht? Für Kakarott, meine ich?“
Radditz schenkte ihr ein verschwörerisches Grinsen und begann zu erzählen, was er sich ausgedacht hatte. „Er heißt „Erde“. Ist ein Planet der untersten Kategorie, geringe Schwerkraft, gute Umweltbedingungen, bewohnt von schwachen Humanoiden. Hat einen Mond. Ist ziemlich abgelegen, in der Milchstraße, mehr als zwei Wochen Flugzeit vom Außenposten Nr. 79 entfernt. Ich habe ein Kontingent Corbinium zuhause, das reicht um einen Pod zu präparieren, so dass ich Kakarott unbemerkt auf die Reise schicken könnte. Wir müssten dann nur dafür sorgen, dass die Erde aus der Kartei genommen wird. Und natürlich müssten wir Kakarotts Verschwinden irgendwie plausibel erklären. Ich dachte daran, seinen Tod vorzutäuschen.“
„Oh, das ist einfach. Hinter der Kinderstation steht immer ein Container mit… nun ja, mit Kinderleichen. Für die interessiert sich normalerweise keiner, da könnten wir uns ganz leicht einen toten Kakarott besorgen.“
„Das mache ich!“ bot Radditz an.
„Gut! Dann organisiere ich einen Attack Pod und sorge dafür, dass die Erde aus dem System genommen wird. Ich komme heute Nacht zu dir. Sprich du bitte mit deiner Mutter!“
„Alles klar.“ Radditz erhob sich. „Du, Faba?“
„Ja?“
„Du bist genauso toll wie deine Mutter.“ sagte er. „Nein, wahrscheinlich noch toller.“

Radditz schlich sich zum Gebäude der Kinderstation, wo er den von Faba erwähnten Container fand. Obenauf lag ein winziger Knabe, der noch nicht lange tot sein konnte, denn er war noch ein bisschen warm. Er versteckte den Leichnam unter seinem Hemd und flog nach Hause, wo er ihn in den Inkubator steckte.
Gine, den Kleinen an der Brust, reagierte völlig entsetzt. „Was tust du da, Radditz?!“
„Mama, Kakarott muss weg. Heute noch. Ich habe einen Plan.“ Dann erklärte er ihr das Vorhaben.
„Wozu das alles?“ fragte seine Mutter völlig verständnislos. „Warum dieser Planet? Warum die Tarnung? Warum warten wir nicht einfach, bis sie ihn offiziell auf eine Mission schicken? Und was, wenn uns jemand auf die Schliche kommt?“
„Mama, wenn sie ihn auf eine Mission schicken, ist er verloren! Ich will, dass er überlebt! Ich will ihn retten!“
„Wovor retten? Wenn er seine Babymission erfolgreich abschließt, hat er vielleicht eine Chance...“
„Nein, Mama, hat er nicht. Ich habe dir erzählt, was sie mit Manes gemacht haben. Kakarott ist noch schwächer als er. Für uns Saiyajin und das Imperium ist er nichts als Abfall, eine Missgeburt, etwas, das eigentlich gar nicht existieren dürfte! Aber du hast auch erlebt, wie Manes sich entwickelt hat, als wir uns wirklich mit ihm beschäftigt haben. Das will ich für den Kleinen auch. Die Chance, zu überleben und stärker zu werden. So stark, dass er sich hier behaupten kann. Ich kann ihn irgendwann zurückholen. Wenn er seine Baymission überleben sollte und hierher zurückkehrt, wäre er immer noch ein Schwächling und würde höchstens als Kanonenfutter oder Spielzeug für einen sadistischen Elitekrieger enden. Ich will nicht noch einen Bruder so verlieren!“
„Oh, mein Großer!“ stöhnte Gine auf. „Ich wünschte auch, wir könnten die Dinge ändern. Aber das, was du da vorhast, das ist gefährlich! Wenn wir auffliegen, ist unsere ganze Familie dran wegen Hochverrats! Du hast doch gesehen, was sie mit den Sativaren gemacht haben!“
„Deswegen habe ich ja den Leichnam besorgt. Außer uns beiden und Faba darf niemand davon erfahren. Nicht mal Vater. Wir werden allen erzählen, dass Kakarott gestorben ist. Bei seiner niedrigen Kampfkraft werden sie sicher keine Nachforschungen anstellen.“
„Wie kommst du nur auf solche Ideen, Radditz?“
„Tja… Opa Taro meint, es liege am Blut aus der mütterlichen Linie.“ er lachte müde. „Aber nicht genug damit, nicht nur die Saiyajin sind eine Gefahr für den kleinen, da ist ja auch noch Freezer.“
„Was hat denn Freezer mit deinem Bruder zu schaffen?“
„Womit hat Freezer denn nichts zu schaffen?“ argumentierte der Zehnjährige. „Er hasst uns. Er will uns aus dem Weg haben. Taro glaubte das übrigens auch.“
„Du meinst… aber warum? Wir dienen ihm doch loyal, wir sind keine Bedrohung für ihn. Wie kommst du auf so was?“
„Mama, du erinnerst dich sicher an den Tag, als er in Saiya City gelandet ist? Als er den Jungen getötet hat, der neben mir stand? Danach hat er mir in die Augen gesehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie tief dieser Blick ging. Es war der reine Horror. Pure Bosheit. Er hatte Spaß, er hat meine Angst richtig genossen! Da wusste ich es. Er spielt mit uns. Ich sage dir, er hat was vor. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, und wir sind Geschichte. Ich meine, selbst der König, der stärkste aller Saiyaner, zittert vor ihm und kann nichts tun, außer auf das alte Märchen vom Super-Saiyajin zu hoffen. Der kleine Prinz glaubt fest daran, dass er dieser Auserwählte ist. Aber er ist erst fünf! Bis er auch nur ansatzweise stark genug ist, kann wer weiß was passieren.“
Gine schluckte, schüttelte dann aber den Kopf. „Ach Junge, du warst schon immer sehr sensibel und fantasievoll. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Vorfall dich schockiert hat. Aber du spinnst dir da etwas zusammen. Freezer braucht uns! Wir sind seine besten Soldaten!“
„Mama, ich hoffe wirklich, dass ich nur spinne. Aber du hast ihm nicht in die Augen gesehen. Und um ehrlich zu sein, ich kann seinen Hass und seine Verachtung sogar verstehen. Manchmal glaube ich, wir haben all das verdient. Wir machen so viel kaputt, wir morden und zerstören, wir sind eine Plage für diese Galaxie! Weißt du, was Opa Taro gesagt hat? Wenn wir aussterben würden, wäre das zwar schlecht für uns, aber gut fürs Universum. Da ist was wahres dran.“
„Ja, aber… wir handeln doch nur auf Freezers Befehl!“ rief Gine abwehrend. „Er zwingt uns doch, all diese Planeten zu erobern und diese Aliens auszurotten.“
„Ja, Mama.“ Radditz blickte seine Mutter aus sehr alten Augen an. „Aber er zwingt uns nicht, Spaß daran zu haben.“

Eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit tauchte Fabacea mit einer ziemlich verbeulten, offenbar nicht mehr ganz neuen Raumkapsel auf. „Sie sieht schlimm aus, funktioniert aber prächtig!“ versicherte sie stolz. „Ich habe meinen Vormund angebettelt, ich wolle unbedingt einen Pod als Dekoration für meine Terrasse haben. Wenn er nachfragen sollte, kann ich immer noch sagen, ich hätte es mir anders überlegt. Die Erde ist auch raus aus den Auftragslisten!“
„Faba, du bist ein Goldstück!“ lobte Radditz seine neue Freundin. „Ich habe das Corbinium vorbereitet, jetzt müssen wir nur noch die Kapsel anstreichen. Mama, du solltest dich jetzt von Kakarott verabschieden. Es geht bald los.“
Gine wischte sich eine Träne aus einem Augenwinkel und ging mit dem Kleinen auf dem Arm ins Haus. Sie hatte sich am Ende überzeugen lassen, denn fortschicken mussten sie ihn sowieso. Warum dann nicht irgendwohin, wo er sicher war? Und doch wurde ihr der Abschied schwer. Ihr Vater war tot, Manes war tot, Radditz konnte jeden Augenblick zu seiner nächsten Mission abgerufen werden, und jetzt noch das ganz Kleine… zwar blieben ihr noch die Zwillinge, die sie natürlich auch liebte, doch zu den beiden hatte sie einfach nicht das gleiche herzliche Verhältnis wie zu ihrem Ältesten. Sogar das fremde Kind, Manes, war ihrem Herzen näher gewesen als die beiden Krawallbrüder. Sie drückte Kakarott an ihre Brust und weinte leise vor sich hin.

Faba und Radditz hatten die Kapsel präpariert und noch einmal überprüft. Als alles bereit war, holten sie Gine mit dem Kleinen und flogen ein gutes Stück in den Wald, wo weit und breit niemand lebte, der sie hätte verraten können. Die Mutter küsste ihr Kleines noch ein letztes Mal, dann gab sie es ihrem Sohn, der es zärtlich an sich drückte und dann vor sein Gesicht hielt. Das Neugeborene konnte ihn noch nicht einmal richtig ansehen, lauschte aber andächtig auf die vertraute Stimme seines Bruders.
„Hör zu, Kakarott!“ sagte dieser ernst. „Ich will, dass du überlebst, hörst du? Du kannst mit den Erdlingen machen, was du willst, aber du musst am Leben bleiben, verstanden? Und wenn du in den Vollmond guckst, pass auf, dass da nichts in der Nähe ist, was du noch behalten willst. Ich komm dich in ein paar Jahren holen, wenn du groß und stark geworden bist. Mach‘s gut, Kleiner!“
Er hielt das Baby Faba hin, die ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn hauchte. „Gute Reise, du süßes Schätzchen!“ flüsterte sie.
Radditz schloss den Kleinen an die Geräte an, die ihn während des Fluges am Leben halten würden. Dann sah er zu Gine hin. Diese nickte unter Tränen. Er drückte den Startknopf. Die Luke schloss sich, die Kapsel begann zu summen und zu vibrieren, erhob sich in die Luft, blieb kurz über dem Boden stehen, und dann schnellte sie hoch in den Himmel und war verschwunden.
„Kakaroooott!!!“ schrie Gine und fiel weinend auf die Knie. Radditz und Fabacea setzten sich zu ihr und nahmen sie tröstend in die Arme. Lange blieben sie so sitzen.
Der Morgen graute bereits, als sie nach Hause zurückkehrten. Das Mädchen flog direkt weiter zum Palast, bevor ihre Abwesenheit bemerkt würde. Sie hatte Radditz das Versprechen abgenommen, dass er sie bald besuchen würde.
Als sie vor der Brutkapsel mit dem toten Baby standen, schaltete Radditz seinen Scouter an und verband sich mit dem von Bardock.
„Was gibt‘s, Sohn?“
„Vater… Kakarott ist heute Nacht gestorben.“
„Scheiße. Radditz, gib mir sofort deine Mutter!“
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