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von ToniLilo
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / Het
Kriminalhauptkommissar Adam Schürk Kriminalhauptkommissar Leo Hölzer Kriminalhauptkommissarin Esther Baumann Kriminalhauptkommissarin Pia Heinrich
29.11.2020
08.08.2021
49
253.577
7
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Dieses Kapitel
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29.11.2020 1.687
 
Hallo zusammen,

hier kommt meine neue Geschichte zum Saarbrücker Tatort. Sie ist als Fortsetzung meiner ersten Geschichte zu diesem Fandom gedacht, „Gleichstand“, die ich übrigens – dies als kurze Anmerkung für diejenigen unter Euch, die diese Geschichte schon verfolgt haben – in Kapitel 4 noch um eine Szene erweitert habe.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Eure Toni
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Disclaimer: Die Figuren dieser Fanfiktion gehören den Eigentümern, Rechte- und Lizenzinhabern der Tatortproduktion.

Claimer:  Die Handlung ist weitgehend meiner Fantasie entsprungen.
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Kapitel 1 – Ausgangsbasis

Die Zweige der Linde schwankten, ihre Blätter zitterten, irgendetwas hielt sich dort verborgen. Da sah Esther auch schon die Kohlmeise, die emsig von einem Zweig zum anderen hüpfte. Sie krallte sich mit ihren dürren Beinchen geschickt hier und da fest und blickte mit ihren blanken Knopfäuglein munter in die Gegend, doch plötzlich tschilpte sie beinahe empört und schwirrte davon.
      Beinahe gleichzeitig hörte Esther gedämpft, wie Pia und Leo sich grüßten. Sie atmete tief ein und blieb noch ein paar Sekunden sitzen, dann fügte sie sich in ihr Schicksal und griff nach ihrer Mappe.
      »Guten Morgen.«
      Leo, der gerade noch in einer Akte geblättert hatte, hob den Kopf und blickte sie mit seinen großen blauen Augen arglos an. »Guten Morgen, Esther.«
      Sie hätte es niemals für möglich gehalten, dass sie jemals so würde denken können, doch irgendwie sah er sogar süß aus, wenn er so ängstlich war, wie ein kleiner Junge, der sich vor Schelte fürchtete. Während er sie einen Moment zu lange mit den Augen verfolgte, wandelte sie das spöttische Grinsen in ein halbherziges Lächeln um, das ihr jedoch sogleich wieder vom Gesicht fiel.
      Erst jetzt bemerkte sie, dass Schürk zeitgleich zu ihr den Raum betreten hatte, Leos breiter Rücken hatte ihn abgeschirmt. Er streifte sie und Pia mit einem verächtlichen, nichtssagenden Blick, dann setzte er sich ganz ans andere Ende des langen Tisches. Mit einer zackig-entschlossenen Bewegung schleuderte er sich die Haare aus der Stirn, seine blauen Augen lagen unerbittlich auf ihnen. Kalt waren sie, kalt und unbewegt, und doch sprachen sie eine ganz klare Sprache. Da war sie wieder, diese stumme Warnung, von der Leo nicht wusste, deshalb konnte er auch ganz unbeteiligt zwischen ihnen hin- und hersehen. Aber Schürk würde sie es nicht so leicht machen. Sie nahm seine Herausforderung an und ließ sich auch langsam nieder.
      »Danke, dass ihr gleich gekommen seid.« Leos Stimme klang müde, ihm war offenbar genauso unwohl wie immer hier zwischen ihnen in seiner Rolle, ihnen alles vorkauen zu müssen. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, er hätte nur beim ersten Mal anders auftreten müssen. So aber hatte er keine andere Wahl, als ihre Erwartungen zu erfüllen und ihnen einen Grund zu geben, sich fremdzuschämen.
      »Wie ihr euch denken könnt, gibt es einen neuen Fall für uns.«
      Diesmal hätte Esther Leo beinahe innerlich beglückwünscht. Er hatte aus der Vergangenheit gelernt und reichte Schürk eine Kopie, ihr und Pia eine andere der für sie relevanten Unterlagen.
      »Männlich, Mitte bis Ende vierzig, noch nicht identifiziert, wohl erschlagen.«
      Esther grinste spöttisch – als ob sie keine Augen im Kopf hätten! Unter ihrem Blick wandte Leo den Kopf und sah auf Schürk herab, der die zwei gehefteten Blätter von sich geschleudert hatte und wie ein Hund zu Leo aufsah. Ruhig folgte er jedem seiner Worte.
      »Wann können wir zu Frau Wenzel?«
      Auf Pias Frage sprangen Schürks Augen zu ihr, sofort wurde sein Blick wieder so finster wie eh und je. Esther atmete tief aus und betrachtete eingehend ihre Hände. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich zu beherrschen und nicht irgendetwas Abfälliges einzuwerfen. Schürk besaß keinen Funken Anstand, das hatte er schon bei ihrer ersten Begegnung bewiesen. Er war auf eben diesen Tisch zugekommen, die Hände in den Jackentaschen vergraben, er hatte die Kollegen links und rechts ernst gemustert, und erst als er vor ihr stehen geblieben war, hatte er sie angesehen mit diesem kühl-abschätzigen Blick und genickt.
      »Schürk.« – das war alles gewesen, was er gesagt hatte, aber sie war ohnehin im Bilde gewesen. Er hatte zwar einen leichten Zug von Gesetzlosigkeit an sich, doch für sie hatte er gleich auf einen Kilometer gegen den Wind nach Bulle gerochen. Sie hatte ihm also kurz das Revier gezeigt, ihn ein paar Leuten vorgestellt. Er hatte immer nur genickt, da hatte sie ihn genauso wortlos in Leos Büro abgestellt. Offenbar hatte er auch Weniger nichts zu sagen gehabt, so verschlossen hatte jedenfalls sogar seine Körperhaltung gewirkt, in der er an seinem neuen Schreibtisch gelehnt und ihm zugehört hatte.
      Esther fühlte, wie sich wieder ein Grinsen auf ihr Gesicht schlich. Wie gut, dass Pia noch nicht da gewesen war, ihr wären wahrscheinlich sonst die Augen aus dem Kopf gefallen, zumindest nach dem zu schließen, wie wohlgefällig sie Schürk begutachtet und wie aufreizend sie ihm zugewunken hatte, als Leo ihn ihnen vorgestellt hatte. Aber gut, zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihm auch noch »Hals- und Beinschuss« gewünscht – sie hatte ja niemals ahnen können, dass es sie mit dem Neuen noch schlimmer als mit Leo würde treffen können. Für zugänglich hatte sie ihn zwar nicht gehalten, nachdem er in der gesamten ersten gemeinsamen Besprechung kein Wort mehr gesagt, sondern auf Pias Nachfrage nach dem räumlichen Umfang ihrer Nachforschungen nur abschätzig gelächelt hatte, aber ihr Sensorium bei der Auslotung seines Charakters war wirklich denkbar schlecht gewesen.
      Langsam sah sie auf. Glücklicherweise ließ Schürk gerade wieder einmal die Blicke um sich wandern, während Pia berichtete, was sie bienenfleißig zusammengetragen hatte. Esther wusste nicht, worum es ging, aber es war ihr auch gleich, es betraf ja nur den bereits abgeschlossenen Fall. Sie grinste böse.
      »Halt einfach mal deine Fresse, ja?«
      Das war der erste richtige Satz gewesen, den sie von ihm zu hören bekommen hatte. Wenigstens hatte er für klare Verhältnisse gesorgt, aber sogar Pia waren unter seinem Umgangston beinahe die Gesichtszüge entgleist. Wie konnte sie ihn da jetzt schon wieder so sabbernd ansehen, besonders nach seinem aberwitzigen Auftritt, nachdem er als Wrack aus der Reha zurückgekommen war und als erste Amtshandlung nichts Besseres im Sinn gehabt hatte, als sie zusammenzustauchen?
      Esther musterte ihn scharf. Er sah nicht viel besser aus als damals, aber er war ja auch dumm. Statt den offiziellen Beginn der Wiedereingliederung abzuwarten, war er sofort wieder hier aufgetaucht. Sie hatte sich ein triumphierendes Grinsen verkneifen müssen, als Leo ihnen in der Woche danach mitgeteilt hatte, dass Schürk die nächsten zwei Wochen doch noch krankgeschrieben sei. Die Maßnahmen danach waren kein Spaß gewesen – weder für Schürk noch für sie alle, denn er war aufgrund seines beschränkten Dienstes dauergereizt gewesen. Zwar hatte er es sich herausgenommen, entgegen ärztlicher Anweisung den ganzen Tag im Präsidium herumzusitzen, aber aus den Einsätzen hatte ihn Leo beinahe komplett herausgehalten, was Schürks Aggressivität nur gesteigert hatte. Glücklicherweise sprach er fast nie ein Wort, das machte ihnen das Leben doch oft deutlich einfacher. Aber er war einfach ein unguter Kerl ohne jede Eigenverantwortung, der alles zerstörte, was hier noch an Gutem gewesen war. Leo war schon unausstehlich, weil er einfach ein so unverbesserlicher Waschlappen war, aber er war wenigstens handzuhaben. Schürk dagegen entglitt ihr, das spürte sie. Zudem gelang es ihm trotz seines abstoßenden Wesens, Pia mehr und mehr für sich einzunehmen. Sie sah ihn immer mit diesem eindeutigen Blick an. Irgendwo konnte sie es ja sogar nachvollziehen, denn er sah wirklich gut aus. Er hatte etwas von Jung-Siegfried, ja – von einem Racheengel eben.
      Als sie wieder Pia beobachtete, wurde ihr beinahe schlecht. Auch jetzt hingen die Augen ihrer Partnerin nur an Schürk, dessen Blick im Raum hin und her huschte, ohne sich an etwas Konkretem festzuhalten, mit Ausnahme von Leo.
      Was war das nur zwischen den beiden? Es konnte ihr keiner erzählen, dass da nicht etwas Dubioses im Spiel war. Von Anfang an hatte eine Vertrautheit zwischen den beiden geherrscht, die ihr angesichts der von Schürk sonst an den Tag gelegten Unzugänglichkeit vollkommen unverständlich gewesen war. Doch seit seinem Ausraster wusste sie, dass Leo und er sich von früher kennen mussten. War es nur Zufall, dass sie jetzt Kollegen waren, oder war da mehr im Spiel?
      Als Pia sich eine nicht vorhandene Strähne hinter das Ohr strich, verzog Esther abschätzig den Mund. Schürk sah Pia noch nicht einmal, da brauchte sie sich nicht solche Mühe zu geben. Esther mochte sie wirklich gern, sie war einfach eine süße Person, aber einfältiger als gedacht – dabei war sie doch sonst so tough. Bald würden harte Zeiten für sie anbrechen, wenn sie auch noch ihre Partnerin gegen sich hätte.
      Esther begann, mit ihrem Ring zu spielen. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Seufzen. Georg – tja, das waren noch andere, bessere Zeiten in ihrem Leben gewesen. Er war wirklich fähig gewesen, aber … Sie atmete tief ein, als sie ihn wieder vor sich sah, wie so oft schon: in einer großen Blutlache liegend, vollkommen still, mit einem überraschten Ausdruck in den toten Augen.
      Warum nur hatte es sie hierher gespült, ausgerechnet an den Strand dieses Duos von beispiellosen Stümpern? Aber klein beigeben war nicht – diesen Gefallen würde sie den beiden Herren nicht tun, dass sie ihnen einfach kampflos das Feld überlassen würde.
      »Gut, dann ist ja alles geklärt. Esther?« wandte sich Leo noch an sie, doch sie schüttelte nur den Kopf. »Dann sehen wir uns den Toten mal an. Ist das in Ordnung für euch?«
      Pia nickte nur, sie zuckte mit den Schultern. »Klar.«
      Der Regen rauschte noch stärker als vorhin. Sicherlich wäre es nicht damit getan, kurz bei Frau Wenzel vorbeizuschneien. Esther legte keinerlei Wert darauf, nass zu werden, doch musste Leo das nicht wissen. Perplex sah er sie an, als auch sie zustimmend nickte und aufstand. Schürk aber streifte sie für eine Sekunde mit diesem vernichtenden Ausdruck, dass sie sich kommentarlos umwandte und in ihrem Büro verschwand.
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