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So Many Awkward Lonely Narrations

von Alona
SammlungLiebesgeschichte / P12 / Het
29.11.2020
12.04.2021
2
5.253
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29.11.2020 2.967
 
Inhalt:
Nach einem überraschend traumatischen Einsatz gegen einen Dyaus Pita kann der Captain der 1. Einheit nicht schlafen. Bei ihrem Ausflug an den Getränkeautomaten trifft sie auf Soma, der ihr ein offenes Ohr für ihre Sorgen leiht.
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Ich stieß ein leises Schnauben aus, als ich auf die Uhr sah. Mitternacht, eigentlich zu spät, um am nächsten Tag noch ausgeschlafen zu sein – und doch fand ich einfach nicht die nötige Ruhe. Zwei Stunden zuvor war ich ins Bett gegangen, aber ich war immer noch hellwach, obwohl ich alle möglichen Schlafpositionen ausprobiert hatte. Das Problem war auch nicht die fehlende körperliche Betätigung, schließlich war ich wegen eines Aragamis an diesem Tag wieder auf dem Schlachtfeld gewesen und war danach genau wie meine anderen Teammitglieder erschöpft gewesen – eigentlich war alles so wie es sein sollte.
Und doch gelang es mir nicht einzuschlafen. Wann immer ich die Augen schloss, sah ich wieder diese glitzernden Zähne, die sogar Beton mühelos zermalmen konnten; ich spürte den heißen Atem, der meine Haut versengte; roch den Hauch von Verwesung aus dem Inneren der Kreatur, der in meiner Nase stach; fühlte den vor Blut triefenden Bart an meinem Handgelenk. Der Dyaus Pita war mir nur eine Sekunde zu nahe gekommen, aber genau diese hätte gleichzeitig mein Ende bedeuten können, wenn der Warnruf von Soma nicht gewesen wäre.
Dennoch weigerte ich mich, das als Begründung für meine Schlaflosigkeit zu akzeptieren. Ich war schon anderen Aragami begegnet, sogar größeren, obendrein war ich auch bereits mehrmals fast gefressen, zerfetzt, verbrannt oder zerquetscht worden. Warum sollte mir die heutige Begegnung also zusetzen? Im Vergleich zu allem anderen war es sogar noch harmlos gewesen, immerhin war ich fast ohne jede Verletzung entkommen, genau wie der Rest der Einheit. Alles war gut – und doch holte dieser Moment mich wieder ein, wühlte tief in meinen Emotionen und brachte alles durcheinander, was ich in meiner Dienstzeit als God Eater fein säuberlich geordnet hatte.
Nachdem mir diese Gedankenkette wieder zeigte, dass es für den Moment unmöglich war, Schlaf zu finden, gab ich es frustriert auf. Ich warf die Decke zurück, als wäre es ihre Schuld, und ging zum Terminal hinüber. Wenn ich schon wach war, könnte ich auch Bugarally weitersehen, damit ich mit Kota darüber reden konnte – außerdem war die Serie ideal, um mein Gehirn beschäftigt zu halten, ohne zu schwere Themen dabei zu bedienen. Ich wollte nicht mehr an die Aragami denken, aber auch nicht an moralische Fragen, die in anderen Medien aufgeworfen wurden, und genauso wenig wollte ich Dokumentationen sehen oder Fachbücher lesen. Von alldem bekam ich tagsüber genug mit, es war nicht dafür geeignet, mich zum Schlafen anzuregen.
Nachdem ich alles eingestellt hatte und die Folge nur noch starten müsste, setzte ich mich auf das Sofa. Ohne hinzusehen griff ich nach meinem Trinkvorrat – nur um ins Leere zu greifen. Tatsächlich musste ich gerade an diesem Abend vergessen haben, mir neue Getränke zu holen. Ein Umstand, der mir an jedem anderen Tag nur ein leises Lachen abgerungen hätte, wurde an diesem Abend mit einem schweren Seufzen kommentiert. Ich debattierte mit mir selbst, ob ich wirklich durstig genug war, mir etwas anzuziehen, und dann rauszugehen, möglicherweise auch noch irgendjemand anderem zu begegnen; wenn es eines gab, das ich in dieser Nacht nicht wollte, dann war es, jemandem antworten zu müssen, warum ich noch wach war, selbst wenn es nur den Anfang einer kleinen Plauderei darstellte. Am schlimmsten wäre es besonders mit Lindow gewesen, der die Zeit sicher genutzt hätte, um mir irgendwelche Scherze zu erzählen.
Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto trockener schien meine Kehle zu werden. Ich musste unbedingt etwas trinken. Und wie hoch war schon die Wahrscheinlichkeit, dass außer mir jemand wach und gleichzeitig am Getränkeautomat war? Ich war sicher, dass ich es wagen konnte, jedenfalls wenn mir etwas an meinem Hals lag.
Um nicht im Pyjama zu gehen, mich aber auch nicht vollständig anziehen zu müssen, warf ich mir einen Morgenmantel über, den ich sonst nie benutzte, weil ich normalerweise gut schlief.
Da ich sehr gut über die Arbeit des Reinigungsteams Bescheid wusste und daher zuversichtlich in die Sauberkeit des Bodens draußen war, verzichtete ich auch auf Schuhe, damit ich niemanden mit meinen Schritten wecken könnte.
Vor meinem Zimmer herrschte eine gespenstische Stille, ganz anders als am Tag, wenn die ganze Fernost-Abteilung wie ein Bienenschwarm zu summen schien, weil sich stets irgendwo jemand unterhielt, Serien oder Filme ansah oder Musik abspielte. Einmal hatte ich sogar aus Versehen eine Karaoke-Sitzung unterbrochen – glücklicherweise war mir die Flucht möglich gewesen, bevor Lindow mich davon hatte überzeugen können, mich ihm und Sakuya anzuschließen.
Lautlos wie eine Zygote, die sich an ihr Opfer heranschleicht, huschte ich über den verlassenen Gang. Wie üblich brannten die viel zu hellen Leuchtstoffröhren auch in der Nacht, um jeden, der zu dieser Zeit sein Zimmer verließ, zu blenden, ohne dafür eine Granate verwenden zu müssen. Ich war mir fast sicher, dass Sakaki selbst für die Auswahl der Helligkeit verantwortlich gewesen war – vielleicht hielt er die Augen auch deswegen immer so geschlossen.
Ich erreichte das Ende des Ganges erfolgreich ohne jemanden zu stören, als Belohnung holte ich mir eine Dose Traubensaft aus dem Automaten. Meine Kehle verlangte sofort danach, also setzte ich mich auf die gepolsterte Bank und nahm einen großen Schluck. Ich fühlte mich schlagartig ein wenig besser, sogar die Erinnerung an den heißen Atem schien abgemildert zu werden. Ich schloss die Augen und seufzte zufrieden, als ich einmal wenigstens kein Dyaus Pita vor mir sah – dafür hörte ich aber plötzlich eine Stimme: »Was ist los? Kannst du nicht schlafen?«
Ich blinzelte mehrmals, die Person vor mir verschwand jedoch nicht. Soma sah mich mit leicht zur Seite geneigtem Kopf an, er wirkte sogar ein wenig neugierig, beinahe besorgt. Ausnahmsweise trug er seine blaue Jacke nicht, war sonst aber vollständig angezogen, sogar inklusive seiner Schuhe.
Ich hob die Dose. »Na ja, ich war halt durstig.«
Damit war seine Frage hoffentlich geklärt. Gerade ihm gegenüber wollte ich keine Erklärung über diese seltsamen Emotionen in meinem Inneren ablegen. Er war schon wesentlich länger als ich ein God Eater und er hatte schon mehr erlebt. Nachdem ich mir seinen Respekt erkämpft hatte – entgegen seiner Annahme, dass ich bald sterben würde – wollte ich diesen nicht wieder verlieren, vor allem nicht durch so etwas.
Schweigend nahm er sich ebenfalls eine Dose aus dem Automaten, aber statt wegzugehen lehnte er sich neben mir mit dem Rücken an die Wand. Ich sah zu ihm hoch. Es war mir zuvor nie aufgefallen, doch unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. Womöglich stimmte es, was alle sagten, und Soma verbrachte seine Nächte zumeist schlaflos. Wie gelang ihm das nur, ohne dabei zusammenzubrechen? Selektionsfaktor hin oder her, im Grunde war er immer noch menschlich, und damit benötigte er Schlaf.
Er schwieg, während er nun selbst einen Schluck nahm.
Es wäre ganz einfach, aufzustehen, mich zu verabschieden und zurück in mein Zimmer zu gehen, aber je länger er einfach nur dastand, desto mehr überkam mich das Gefühl, dass er Redebedarf hatte. Oder vielleicht war das mein eigenes Bedürfnis. Ich war mir nicht sicher, wollte das im Moment auch nicht weiter erörtern, deswegen stellte ich selbst eine Frage: »Warum schläfst du denn noch nicht?«
Er sah auf mich herunter, der feine Hauch eines Lächelns auf den Lippen. »Ich bin um diese Zeit immer wach. Manchmal gehe ich sogar eine Weile trainieren.«
»Als Captain sollte ich dir vermutlich sagen, dass das nicht sonderlich gesund ist.«
Ein sanfter Ton entkam ihm, der mich an ein Lachen von jemandem erinnerte, der nicht so genau wusste, wie es funktionierte. »Als dienstälterer God Eater kann ich dir versichern, dass es mir bislang nicht geschadet hat.«
Jede Diskussion darüber kam mir überflüssig vor, deswegen sah ich schweigend auf meine Dose hinunter. Die Kohlensäure im Inneren prickelte hörbar in der Stille. Ich war noch nie so allein mit Soma gewesen, selbst wenn wir nach den Missionen Zeit miteinander verbracht hatten, war immer jemand in der Nähe gestanden. Mit ihm allein zu sein war angenehmer als ich gedacht hätte.
»Also«, begann er schließlich mit einem Seufzen, »was beschäftigt dich wirklich? Es ist nicht deine Art, nachts nicht zu schlafen.«
Zu blöd, dass ich ihm deswegen sogar einen Vorwurf gemacht hatte, so konnte ich mich nicht damit herausreden, dass ich normalerweise in meinem Zimmer blieb, wenn ich nicht schlief. Aber etwas anderes fiel mir in diesem Moment auf, deswegen hob ich den Blick wieder: »Warte. Was meinst du damit, es sei nicht meine Art
Ein zarter rosa Hauch breitete sich auf seinem Gesicht aus. Abrupt drehte er den Kopf zur Seite, damit ich ihn nicht mehr direkt sehen konnte. Danach rechnete ich nicht mehr mit einer Antwort, doch er brachte dennoch eine vor, auch wenn sie ziemlich schroff klang: »Du bist schon ewig mein Captain, warum denkst du, ich könnte dich nicht einschätzen?«
Ich entschuldigte mich leise. Obwohl ich eigentlich nicht über das reden wollte, was mich beschäftigte, lag es mir noch ferner, ihn deswegen zu verärgern. Nicht nur wegen unseres funktionierenden Teamworks, sondern auch – wenn ich ganz ehrlich war – weil ich nicht allein sein wollte; und Somas Anwesenheit beruhigte mich, vielleicht weil er auch derjenige gewesen war, der mich heute vor dem Dyaus Pita gewarnt hatte.
Er sah mich wieder an. Noch immer lag dieser rosa Hauch auf seinem Gesicht, aber möglicherweise waren das nur Anzeichen seiner Wut, weil er bemerkte, dass ich seiner Frage auswich. Diese Vermutung in Kombination mit seinem Blick genügte, damit ich ihm endlich antwortete: »Es ist nur absolut lächerlich. Du wirst mich für bescheuert halten.«
Er zuckte mit den Schultern. »Versuch es.«
Dann lächelte er tatsächlich wieder für den Bruchteil einer Sekunde: »Ich hielt dich bei unserer ersten Begegnung für naiv und nicht zu gebrauchen, und du hast mich eines Besseren belehrt. Das kann wieder funktionieren.«
Zu wissen, dass er sich einst ein solch negatives Bild von mir gemacht hatte, traf mich schmerzlicher als erwartet. Doch ich konnte es ihm nicht verübeln, schließlich war Eric vor meinen Augen von einem Ogerschweif angegriffen worden, und ich hatte nichts getan, um zu helfen. Ich war von diesem Anblick und der Schnelligkeit des Geschehens vollkommen überrumpelt gewesen. Für Soma, den erfahrenen God Eater, musste ich wirklich schrecklich gewesen sein.
Gleichzeitig gab mir dieses Wissen aber auch die Zuversicht, mein Innerstes mit ihm teilen zu können: »Wir haben so viel durchgemacht, und es war alles nicht der Rede wert. Ich hatte nicht einmal Probleme, nachdem dieser eine Hannibal mein Schild zerstört hat.«
Vielmehr war ich genervt gewesen, dass ich aufgrund der Probleme erst einmal nicht mehr mit auf Missionen gehen konnte, gerade zu einer Zeit, als die anderen mich als Captain gebraucht hätten.
Soma wandte den Blick wieder ein wenig von mir ab, die Dose in seiner Hand knackte, als seine Finger sie ein wenig zu fest umschlossen.
»Aber heute«, fuhr ich fort, »als dieser Dyaus Pita mich angriff, das hat irgendetwas in mir angerichtet. Wann immer ich die Augen schließe …«
Ich hob meine Hände ein wenig, um anzudeuten, wie sehr mich das alles überforderte. »Es ist, als wäre ich dann wieder in dieser Situation, als würde dieses Aragami mich gleich verschlingen.«
Soma gab ein verstehendes Geräusch von sich. »Warum hat sich das geändert?«
»Ich weiß es nicht.« Frustriert ließ ich meine Hände wieder sinken. »Als ich mich entschied, God Eater zu werden, wusste ich, dass ich jederzeit sterben könnte. Ich war bereit dazu. Aber jetzt …«
Nun machte der Gedanke mir plötzlich Angst. Dabei gab es dafür keinen Grund, nachdem ich mich inzwischen bewiesen hatte, egal gegen welchen Feind. Warum geschah es gerade jetzt?
»Weißt du noch, was ich sagte, als wir uns das erste Mal trafen?«, fragte Soma.
Ich überlegte einen Moment. Nachdem Eric gestorben war, hatte Soma sich mir vorgestellt – und dann erklärt, dass ich mir das nicht merken müsste, weil keiner von uns lange genug dabeibleiben würde, als dass es wichtig wäre. Nachdem ich das wiederholt hatte, nickte er. »Richtig. Ich war damals auch bereit zu sterben, vielleicht hätte ich es sogar gut gefunden.«
Er legte den Kopf in den Nacken. »Aber dann sind so viele Dinge geschehen. Und jetzt erscheint mir der Gedanke, dass ich sterben könnte, auch furchteinflößend.«
Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass sogar Soma damit Probleme hatte. Er war wirklich gut darin, seine Gefühle vor uns anderen zu verstecken – unter anderen Umständen wäre es mir nun ein Anliegen gewesen, ihm zu verstehen zu geben, dass er jederzeit mit mir reden könnte. Aber gerade war ich nur erleichtert, zu wissen, dass ich nicht allein war.
Zumindest gelang es mir aber, einen Schluss aus seinen Worten zu ziehen: »Ich fürchte mich also, weil ich jetzt Bindungen habe? Ist es das, was du andeuten willst?«
Er nickte wieder, sagte sonst aber nichts.
Natürlich, ich hatte nun all diese Freunde, die mir ans Herz gewachsen waren, von denen ich auf keinen verzichten wollte – und ich wollte keinem von ihnen den Schmerz zufügen, einen Freund zu verlieren. Ja, nicht einmal Karel wollte ich einen derart negativen Gedanken, wie kurz auch immer dieser bei ihm ausfallen dürfte, aufbürden. Und Soma, der im Laufe seines Lebens seine Mutter, seinen Vater und auch noch Shio verloren hatte, sollte erst recht nicht erleben, dass noch jemand ihn verließ, selbst wenn dieser Jemand nur ich war.
Doch dieser Gedanke führte mich direkt wieder zu dem Grund, wegen dem ich hier saß, statt zu schlafen: »Was, wenn der Dyaus Pita mich heute getötet hätte? Wenn ich nur ein wenig zu weit vorgelaufen wäre? Nur dank dir ist das nicht passiert. Aber was, wenn du einmal nicht dabei bist? Was, wenn mich irgendwann ein Aragami tötet, so wie Eric? Was soll-«
Soma legte eine Hand auf meine Schulter. Ich verstummte sofort. Es war das erste Mal, dass er mich in irgendeiner Form freiwillig berührte. Überrascht sah ich zu ihm hinauf. Seine Mimik war derart ernst, dass ich befürchtete, eine Standpauke für meinen Moment der Schwäche zu erhalten.
»Hör zu«, sagte er, mit einer derart aufrichtigen Stimme, wie ich sie bislang nur einmal gehört hatte, und da war es darum gegangen, dass er gemeinsam mit uns Arda Nova töten wollte, um Shios Andenken zu bewahren, »ich bin mir inzwischen sicher, dass du anders bist als die anderen. Nicht nur hast du so lange überlebt, und es geschafft, niemanden sonst sterben zu lassen, nein, es ist dir als erster Person sogar gelungen einen God Eater zurückzuholen, der eigentlich bereits zu einem Aragami geworden war.«
Abgesehen von seinem rechten Arm – doch der neue schien weder Lindow noch Sakuya sonderlich zu stören, also musste ich mir auch keine Gedanken darum machen.
»Und genau weil du so anders bist, bin ich überzeugt, dass du nicht einfach sterben wirst.«
Ich wollte widersprechen, doch er festigte den Griff an meiner Schulter und redete weiter: »Wenn du Angst hast, dass es passieren könnte, weil ich dich nicht warnen kann, dann bitten wir einfach darum, dass du nur noch mit mir auf Mission geschickt wirst. Solange, bis du dich wieder sicher genug fühlst.«
Es war unnötig, ihn zu fragen, ob er das ernst meinte, Soma machte keine Witze, das wusste ich zu gut. Dennoch verstand ich nicht, warum er mir das anbot. Entweder bemerkte er meine Verwirrung oder das Schweigen zog sich ihm zu lange hin, denn er sprach hastig weiter: »Du bist für uns alle wichtig geworden, schließlich bist du unser Captain, wir zählen auf dich.«
Wenn er noch mehr sagen wollte, so tat er es nicht, aber sein Blick hielt meinem eisern stand. Noch nie zuvor war mir aufgefallen, wie intensiv seine blauen Augen waren, wie sehr sie sich von seiner braunen Haut abhoben, gemeinsam mit seinem platinblonden Haar, das im künstlichen Licht geradewegs zu leuchten schien. Als er mich auch noch anlächelte, nur seine Mundwinkel leicht anhob, wurde mir ein wenig schwindelig.
»Soma, ich …« Ich wusste nicht einmal, was ich sagen wollte, deswegen verlor sich meine Stimme.
»Ich gehe, wohin du gehst«, bekräftigte er. »Ich lasse nicht zu, dass ein Aragami dich tötet.«
In seinen Worten glaubte ich, noch etwas anderes mitschwingen zu hören, etwas, das er mir nicht direkt sagen konnte oder wollte – und ich war zu durcheinander, um es zu verstehen.
Ich legte meine freie Hand auf seine, die immer noch auf meiner Schulter ruhte. »Danke, das bedeutet mir wirklich viel.«
Er nickte, bewegte sich sonst aber nicht. »Glaubst du, du kannst jetzt schlafen? Sonst können wir auch noch … zusammen etwas lesen oder …«
Bei dem Versuch, darüber nachzudenken, womit andere ihre Freizeit füllten, runzelte er seine Stirn. Mir kam allerdings schon eine Idee: »Wir können in meinem Zimmer Bugarally ansehen. Nur für eine Weile, bis wir müde werden.«
Mit etwas mehr Planung hätten wir sogar eine richtige Übernachtungsfeier daraus machen können. Bei Gelegenheit sollte ich das vielleicht wirklich mit Alisa und Kanon machen, wenn absehbar war, dass wir gemeinsam frei hätten.
Für einen Sekundenbruchteil zog der rosa Schimmer wieder über Somas Gesicht, dann nickte er. »Sicher, warum nicht? Wenn dir das hilft.«
In einem Anflug von Erleichterung stand ich auf und umarmte Soma. Sein Körper versteifte sofort, hilflos streckte er die Arme von sich; ich nahm an, dass ich sein Gehirn mit diesem spontanen Akt der Zuneigung überfordert hatte. Aber es tat mir nicht im Mindesten leid.
Als ich ihn losließ, wandte er den Blick von mir ab und hob die freie Hand, als wolle er seine Kapuze aufsetzen – nur um festzustellen, dass er die Jacke gerade gar nicht trug. Er räusperte sich übertrieben laut. »Okay, gehen wir dann mal?«
Ich hätte ihn liebend gern noch ein wenig mehr getriezt, aber nachdem ich es ihm zu verdanken hatte, dass ich noch lebte – und dass ich weiterhin leben würde – wollte ich nicht seine Nerven ruinieren, deswegen nahm ich mir noch eine Dose aus dem Automaten und führte ihn dann in Richtung meines Zimmers. Zumindest für die heutige Nacht wollte ich mir keine Gedanken mehr um irgendwelche Aragami machen, und Somas Anwesenheit würde mir bestimmt dabei helfen.
 
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