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Eine nachdenkliche Unterhaltung

von Maja Lito
OneshotAngst, Familie / P12 Slash
Joe / Yusuf Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
28.11.2020
28.11.2020
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Ihr Lieben,

nun bin ich tatsächlich hier gelandet.  Sowas passiert an einem Samstagmittag, wenn man eigentlich andere Dinge tun sollte.

Viel mehr gibt es auch nicht zu sagen. Ich hoffe, es gefällt euch, über Rückmeldungen freue ich mich natürlich sehr :)

Liebe Grüße
Maja

**********

Joe runzelte die Stirn. Er beobachtete Nicky schon eine ganze Weile. Was er sah, gefiel ihm nicht. Oder jedenfalls nicht nur.
Grundsätzlich konnte er seinen Partner stundenlang ansehen. Er vermochte nicht mal mehr zu zählen, wie viele Stunden ihres gemeinsamen Lebens er bereits damit verbracht hatte, Nicky einfach nur anzuschauen. Es mussten tausende sein. Meistens löste diese Beobachtung eine tiefe, unfassbare Zufriedenheit in ihm aus. Nur nicht heute, nicht hier.

Sie saßen in einem kleinen Hotelzimmer am Rand von London und sollten sich eigentlich erholen. Vor ein paar Stunden hatten sie sich von Booker getrennt und danach Copley mit seiner neuen Aufgabe konfrontiert. Nun warteten sie auf die nächsten Anweisungen von Andy. Joe saß vor dem Fernseher, Nicky über einem Buch. Er las allerdings nicht.
Nicky bemühte sich sicher, so zu tun, als würde alles in Ordnung sein, auch wenn sie davon weit entfernt waren. Er hatte einen halbwegs konzentrierten Gesichtsausdruck aufgelegt und blätterte hin und wieder um. Jedem anderen Menschen wäre nicht aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Aber sie waren eben keine normalen Menschen und sie kannten sich seit Jahrhunderten.
Joe stand langsam auf, Nicky hob nicht mal seinen Blick. Noch so ein untrügliches Anzeigen, dass sein Partner mit den Gedanken ganz weit weg war und das bestimmt nicht in der Geschichte, die in den Zeilen vor ihm verborgen lag. Ja, Nicky konnte in einem Buch versinken und nichts mehr um sich herum wahrnehmen, aber die Stimmung, die sich jetzt wie ein bleierner Mantel über das Hotelzimmer gesenkt hatte, war eine ganz andere.
Joe trat hinter Nicky, streckte seine Hände aus und begann, dem sanft die Schultern zu massieren. Normalerweise wäre das der Moment, in dem Nicky genießerisch brummte, aber nicht mal der sonst so gewohnte Laut entwich ihm. Stattdessen bekam Joe ein leises Seufzen zu hören. Er räusperte sich.

„Du hast in dem Labor gelogen.“
Sofort spürte er unter seinen Fingern, wie Nickys Schultern sich verkrampften.
„Bei was?“
Joe hasste diese Momente. Nicky wusste genau, wovon er sprach, da war er sich sicher. Aber sein Partner wollte das gern aus seinem Mund hören und stellte sich deshalb dümmer, als er war. Joe atmete tief ein.
„Als du sagtest, dass Andys Zeit gekommen ist.“
„Sie ist sterblich, Joe. Wir haben es gesehen. Das war keine Lüge.“
Wie immer, wenn ihn etwas emotional wirklich belastete, machte sich Nickys italienischer Akzent deutlicher bemerkbar. Joes massierender Griff an den Schultern wurde ein wenig stärker.
„Das meinte ich nicht. Du hast ... du hast dich bemüht, dabei unbeteiligt zu klingen. So, als würden wir alle immer damit rechnen und als wäre es keine große Sache.“
„Wir rechnen alle zu jeder Zeit damit!“
Joe biss sich auf die Lippen. Die Worte, die ihm bei Liebeserklärungen so leicht über die Zunge kamen, fand er in ernsthaften Gesprächen nicht immer gleichermaßen zielsicher.
„Nicky, du weißt, was ich meine. Es ist ... es geht um Andy. Und du bist nicht unbeteiligt.“
Nicky ließ einen weiteren, tiefen Seufzer hören, schlug das Buch zu und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Joe ging dazu über, weniger zu massieren, als beruhigend zu streicheln.
„Natürlich. Was hast du denn gedacht? Aber das wollte ich bestimmt nicht in diesem Labor ausbreiten.“
„Das kann ich verstehen. Vielleicht sollten wir trotzdem darüber sprechen?“
Nicky zuckte trotz des leichten Drucks darauf mit den Schultern.
„Lohnt sich das?“
„Es beschäftigt uns beide. Also denke ich ... ja.“

Nicky blieb eine Weile still, bevor er leicht den Kopf drehte und Joe kurz ansah.
„Sie wird sterben, Joe. Und sie ist ein Teil unserer Familie.“
Joe nickte. Mit dieser Gewissheit mussten sie ab jetzt leben. Das fühlte sich beschissen an, es gab allerdings keine andere Lösung. Jedenfalls keine, die sie kannten.
„Ich weiß. Aber Nicky, sie wird nicht gleich morgen sterben. Vorerst hat sie drei menschliche Schutzschilder, wir können noch eine ganze Weile auf sie aufpassen.“
„Booker wird fehlen.“
Joe runzelte erneut die Stirn. Diese Entscheidung hatten sie gemeinsam getroffen, trotzdem hörte es sich so an, als wäre Nicky nicht mehr überzeugt davon.
„Ja, das wird er. Aber das hat er sich selbst zuzuschreiben. Er war dafür verantwortlich, dass wir überhaupt in diese beschissene Lage geraten sind!“
Noch immer wallte sofort Zorn in Joe auf, wenn er nur daran dachte. Zusehen zu müssen, wie eine Ärztin eine Nadel nach der anderen in Nicky versenkte, ohne dass der sich wehren konnte, hatte seine Laune garantiert nicht nach oben schnellen lassen. Alles, was danach gekommen war, noch viel weniger. Nein, er fühlte sich absolut nicht bereit, Booker kurzfristig zu verzeihen.
„Das weiß ich, Joe. Ich habe die Entscheidung mitgetragen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich richtig war, je länger ich darüber nachdenke. Booker ist derjenige von uns, der die Familie am meisten benötigt. Wir haben sie ihm genommen, jedenfalls zeitweilig. Und dabei können wir ihn jetzt mehr denn je an unserer Seite brauchen.“
„Mag sein, wenn wir ihm vertrauen könnten. Und das ist gerade extrem schwierig. Um nicht zu sagen, unmöglich.“
Joe liebte Nickys mitfühlende Art, sie war ein wesentlicher Bestandteil von Nickys Charakter. Nur an diesem Punkt hörte der Spaß für ihn auf. Booker hatte sie verraten und Nicky damit Qualen zugefügt. Über so etwas konnte Joe einfach nicht hinwegsehen.

„Ich weiß, dass du so fühlst.“
Das sanfte Lächeln, das Nicky ihm schenkte, als er wieder den Kopf drehte, ließ Joes Herz einen erfreulichen Hüpfer machen. Darum ging es. Sie beide würde nichts trennen.
„Es gibt da etwas anderes, an das ich denken muss.“
Nicky schluckte offensichtlich und Joe schaute ihn fragend an. Langsam ließ er seine Hände sinken und setzte sich anschließend auf den Stuhl neben Nicky. Er wollte seinem Partner ins Gesicht sehen können.
„Was meinst du?“
Nicky rang sichtlich mit sich, bevor er Joe tief in die Augen sah.
„Du sagtest gerade, dass Andy drei menschliche Schutzschilder hat. Das ist richtig. Aber wir müssen uns nichts vormachen, Joe. Wir werden dabei sterben.“
Joe erkannte die flackernde Angst in Nickys Blick, ohne dass der im Detail aussprach, was genau ihn umtrieb. Er musste es nicht sagen, sie teilten nicht nur ihr unsterbliches Leben und ihr Bett, sondern auch ihre größten Ängste.
Es ging Nicky nicht darum, zu sterben. Das waren sie im Verlauf der letzten Jahrhunderte so oft, dass sie es wahrscheinlich beide nicht mehr zählen konnten. Allein in den vergangenen Wochen war es mehrmals geschehen. Zu sterben war nie schön und es tat unglaublich weh, jedenfalls meistens, je nach Art der Verletzung. Hier ging es jedoch um etwas anderes. Die Angst, nicht mehr aufzuwachen.
Sie wussten nicht, wann es soweit sein würde. Legte man Andys Alter zugrunde, blieben ihm und Nicky noch Jahrtausende. Aber falls dem nicht so war ... neben ihrer emotionalen Verbindung, die sie den jeweils anderen bereits vermissen ließ, sobald er nur aus dem Zimmer verschwand, gab es einen zweiten Grund dafür, dass sie sich so gut wie nie trennten. Die immerwährende Angst vor dem Tod. Wenn sie schon starben, wollten sie das gemeinsam tun.
Allein die Vorstellung, dass Nicky ihn verlassen und zuerst sterben könnte, trieb Joe eine Gänsehaut über den Rücken. Das wollte er sich nicht mal vorstellen, geschweige denn, erleben. Genau deshalb kontrollierten sie immer als Erstes, wie es dem anderen ging, wenn sie zurückkamen. Die Panik davor, irgendwann feststellen zu müssen, dass der Partner nicht mehr erwachte, war allgegenwärtig. Meistens verdrängten sie diesen Teil ihres Lebens halbwegs erfolgreich, immer klappte das jedoch nicht. Joe schluckte.
„Du hast Angst davor, dass einer von uns allein zurückbleibt.“
Es war eine simple Feststellung, die durch Nickys Blick sofort bestätigt wurde.
„Ja, Joe. Ich weiß nicht mal, was ich ... ich musste darüber nachdenken, was mir lieber wäre. Wenn ich nicht mehr zurückkommen würde, wüsste ich, wie sehr du leidest. Andersherum aber könnte ich ohne dich nicht weitermachen und wäre doch dazu gezwungen.“

Joe nickte langsam, dann griff er Nickys Hand und drückte sie fest. Er verstand, was Nicky sagte. Er trug die gleichen Sorgen in sich, jeden einzelnen Tag. Nicky sterben zu sehen, war für ihn das schlimmste Gefühl der Welt. Die Erleichterung, sobald der die Augen wieder öffnete, eins der Schönsten. Eigentlich nur getoppt davon, wenn Nicky im Bett diese eine Sache machte ... Joe verdrängte den Gedanken. Es war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt für solche Ideen. Andererseits ... vielleicht konnte er Nicky ein wenig aufmuntern und ablenken. Joe kämpfte sich ein Lächeln auf die Lippen.

„Wir können nichts gegen Andys Sterblichkeit unternehmen. Wir können sie nur bestmöglich schützen, und genau das werden wir tun. Was Booker angeht ... das kann nur die Zeit zeigen. Im Moment stehe ich zu der Entscheidung, was in Zukunft geschieht, steht in den Sternen. Erinnerst du dich daran, was du neulich gesagt hast?“
Nicky hob fragend die Augenbrauen.
„Du hast mir versprochen, dass du anfängst, dich für Fußball zu interessieren, wenn Genua italienischer Meister wird.“
Es tat unglaublich gut, zu sehen, wie die Sorge aus Nickys Miene verschwand und er die Augen verdrehte. Joe grinste.
„Und sind wir mal ehrlich, das wird definitiv noch Jahrtausende dauern. So lange haben wir also auf jeden Fall Zeit. Lass uns versuchen, bis dahin von einem Tag zum anderen zu leben. Und bis es so weit ist, könnten wir ... ich weiß nicht ... uns auf schönere Gedanken bringen? Wir haben in den letzten Tagen viel zu oft mit anderen Menschen in einem Raum geschlafen und zu wenig Privatsphäre gehabt, finde ich.“
Nicky lachte leise und schüttelte den Kopf.
„Du bist wirklich unverbesserlich.“
Joe zwinkerte ihm zu.
„Das weiß ich. Und das liebst du so an mir.“
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