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Ikarus - The Rise and Fall of Isabella Swan

von Carthago
GeschichteDrama / P16 / Gen
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Jacob Black Mary Alice "Alice" Brandon Cullen OC (Own Character)
28.11.2020
22.07.2021
38
79.310
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22.07.2021 2.221
 
Gottverfluchte Scheiße, dachte ich.
Wusste ich doch, dass sich die Volturi noch einmal melden würden. Dennoch kam ihr Kontaktersuch unverhofft, obwohl Caius‘ Drohung seit Wochen wie ein Damoklesschwert über mir geschwebt hatte. Offensichtlich reichten ihnen Edward, Alice und Jasper noch nicht. Meine Immunität gegenüber der meisten Gaben schien zu wertvoll, zu interessant, als dass Aro auf eine Begegnung mit mir verzichten könnte.
Ich stand noch immer an Ort und Stelle, starrte entgeistert das Paket an und wagte es nicht, mich zu rühren. Als ob ich so die Welt um mich herum ebenfalls anhalten könnte, um meinem Schicksal zu entrinnen. Was zur Hölle war in dem Paket und wieso meldeten sie sich nicht weder höchstpersönlich bei mir wie in San Francisco?
In dem Bewusstsein, nicht ewig so blöd herumstehen zu können, löste ich mich allmählich aus meiner Starre und griff nach dem Paket. Achtlos zog ich an dem Klebeband, riss es ab, zerrte ungeduldig am Karton, bis es sich endlich öffnete. Ich musste sofort erfahren, was auf mich zukäme.
Im Inneren des Pakets lagen feinsäuberlich geordnet und ausgepolstert drei verschieden große Briefumschläge und eine kleine Schachtel mit unbekanntem Inhalt. Die drei Briefumschläge waren von eins bis drei handschriftlich durchnumeriert worden. Auf der kleinen schwarzen Schachtel mit ledernem Überzug prangte ein goldenes V.
Nervös zog ich als erstes den Briefumschlag mit der „1“ darauf hervor und öffnete ihn behutsam. Darin verbarg sich ein heller, pergamentartiger Zettel, auf dem jemand mit schwarzer Tinte einen Text verfasst hatte.

Werteste Isabella,
ich bin ganz neidisch, dass bisher offenkundig alle bereits das Vergnügen hatten, dich kennenzulernen. Außer mir natürlich. In den Gedanken meines Bruders Caius, meiner Wachen, wozu selbstverständlich auch Edward und Alice gehören, habe ich außergewöhnliches über dich gesehen. Ich würde dich nur zu gern höchstpersönlich kennenlernen und mich selbst von deinem Talent überzeugen. Außerdem interessiert mich deine Seite von der ganzen Geschichte brennend. Von daher laden wir dich recht herzlich in unser Schloss nach Volterra ein, damit wir uns persönlich unterhalten können. In Umschlag Nummer zwei findest du ein Flugticket und einen neuen Ausweis, damit du mit einer anderen Identität reisen kannst. Alles im Sinne der Geheimhaltung, versteht sich. In Umschlag drei findest du eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie du zu reisen hast, denn auch da gibt es einiges zu beachten. In der schwarzen Schachtel findest du einen Autoschlüssel. Wofür du den brauchst, findest du heraus, sobald du Brief Nummer drei gelesen hast.
Sobald du diesen Brief gelesen und verstanden hast, würde ich dich bitten, ihn gemeinsam mit dem Brief, den du vor ein paar Wochen von Edward erhalten hast, zu vernichten. Und bitte sieh‘ davon ab, irgendwelche Abschiedsbriefe an deinen ganzen Anhang zu schreiben oder sie gar mündlich von deiner baldigen Abreise zu unterrichten. Wir wollen doch konspirativ bleiben.
Gute Reise, Isabella!

Hochachtungsvoll
Aro

P.S.: Dein Erscheinen ist nicht optional. Wenn du das Ticket nicht nutzt, so sehen wir uns gezwungen, dich persönlich nach Volterra zu eskortieren.


Ich blinzelte ein paarmal, völlig fassungslos über diesen Brief. Das war keine Einladung, das war eine Drohung! Schließlich hatte er schwarz auf weiß geschrieben, dass ich genau genommen gar keine Wahl hatte und nach Volterra fliegen musste. Caius dürfte recht behalten – ich würde mich diesem Aro wohl nicht entziehen können, komme was wolle.
Als nächstes griff ich nach Briefumschlag Nummer zwei. Beim Öffnen fragte ich mich, wieviel Zeit sie mir wohl bis zur Abreise ließen. In meinen Händen hielt ich ein Flugticket von Vancouver nach Zürich und einen US-amerikanischen Reisepass. Ein Flugticket. Kein Rückflug. Sie hatten also nicht vor, mich wieder gehen zu lassen – Entweder das oder sie wollten zumindest für den Rückweg nicht bezahlen. Es wunderte mich, dass der Flug nicht nach Rom oder sonst einem italienischen Ort führte, sondern in die Schweiz, aber ich ging erstmal davon aus, dass man mich diesbezüglich noch früh genug aufklären wird. Hoffte ich zumindest.
Ich schluckte, mein Hals rauh wie Sandpapier und klappte den nagelneuen Reisepass auf. Neben einem biometrischen Passfoto von mir stand der Name „Mary Louise Holden“ und das Geburtsdatum 18.11.1987. Mit zusammengezogenen Augenbrauen betrachtete ich den gefälschten Pass und staunte, wie echt er aussah. Aber woher sie das Passfoto von mir hatten, war mir schleierhaft. Ich hatte vor anderthalb Jahren mal welche machen lassen, aber wie zum Geier die ihren Weg in die Hände der Volturi gefunden hatten, wollte mir nicht so recht einleuchten. Aber die Wege der Volturi sind vermutlich unergründlich.
Dann warf ich einen Blick auf das Abreisedatum und erschrak ein weiteres Mal. Morgen abend schon.

Morgen abend.

Ich rechnete nach. Das waren nur etwas mehr als vierundzwanzig Stunden. Mir lief ein eiskalter, nervenbetäubender Schauer über den Rücken. Sämtliche Körperspannung wich augenblicklich aus meinem Körper und ließ mich auf meinem Bett zusammensacken. Geistesabwesend starrte ich an die Decke meines Zimmers und fühlte für eine Weile gar nichts. Als wollte mich mein Gehirn vor der unzumutbaren Flut an Emotionen schützen. Doch dieser Zustand hielt nicht allzu lang an. Schon bald spürte ich, wie mich eine Mischung aus Wut, Angst und Verzweiflung überrollte. Ich war so geschockt, dass ich nicht einmal schreien oder weinen konnte, obwohl ich so frustriert wie noch nie in meinem Leben war.
Wieso jetzt?
Jetzt, wo ich endlich wieder bereit war, nach vorn zu sehen.
Jetzt, wo ich endlich dazu bereit war, meine Probleme anzugehen.
Jetzt, wo doch alles wieder gut werden sollte.
Offenbar nicht für mich. Das Schicksal teilte mir mal wieder auf uneleganteste Art und Weise mit, dass es mich hasste. Als ob es sich gezwungen sah, einzugreifen, sobald ich auch nur im geringsten die Kontrolle über mein Leben zurückergatterte.
Wie sollte ich denn nur alles nötige regeln, bevor ich gezwungen war, abzureisen? Wie hatten sich die Volturi das denn nur vorgestellt?
Doch dann dämmerte es mir: Sie wollten gar nicht, dass ich hier noch irgendwas regelte. Das war pure Absicht, mich ohne Warnung und Schonfrist aus meinem Leben zu reißen. Damit ich auch ja nicht auf dumme Ideen kam, wie zum Beispiel mit den anderen Cullens oder sonst irgendwem Pläne gegen die Volturi zu schmieden. Und mit Alices Visionen hatten sie die genaue Ankunft des Paketes und meine Abreise genauestens planen können. Bei der Erkenntnis wurde ich unfassbar wütend. Was glaubte dieser Aro eigentlich, wer er war? Geisterte dort in Italien in seinem Schloss herum und zog fleißig wie ein Marionettenspieler seine Strippen, die bis in die entlegensten Ecken des Erdballs zu reichen schienen. Ohne sich für die Belange anderer Menschen oder Vampire zu interessieren. Vor meinem inneren Auge tauchte das Gemälde in Carlisles Büro damals wieder auf. Dunkel erinnerte ich mich an den uralten, schwarzhaarigen Vampir im Zentrum des Geschehens.
Was für ein weltfremdes Arschloch, dachte ich voller Zorn und knirschte mit den Zähnen. Für einen winzigen Augenblick dachte ich sogar darüber nach, einfach gar nicht loszufahren. Nur um zu schauen, was dann geschah. Als ich mir dann jedoch ausmalte, welche Folgen dies nach sich ziehen könnte, legte ich diese Möglichkeit schnell wieder ad acta. Am Ende bestraften sie noch stellvertretend Edward, Alice, Jasper oder sonst irgendwen anders. Also lieber nicht.
Ich konnte es wohl drehen und wenden, wie ich wollte, aber am Ende sah ich mich tatsächlich gezwungen, schon morgen nach Volterra zu reisen.
Welche Wahl hatte ich denn schon?
„Keine…“, murmelte ich und verstaute Flugticket und Pass wieder sicher im Umschlag. Dann holte ich Edwards Brief, den Blake damals aus Versehen in die Finger gekriegt hatte, aus der Mappe, zerriss ihn zusammen mit Aros Brief und spülte die Fetzen die Toilette hinunter. War vermutlich wirklich besser so, wenn niemand diese Briefe in die Finger bekam. Dann kehrte ich in mein Zimmer zurück und öffnete den dritten Brief.

Werteste Isabella,
Ich hoffe, du hast dich bisher gut in die Materie eingearbeitet und so weit alles verstanden. Solltest du Brief eins und zwei noch nicht gelesen haben, dann brich an dieser Stelle das Lesen bitte ab und führe dir diese zuerst zu Gemüte. Sonst kommt es noch zu unnötigen Verwirrungen und das wollen wir doch nicht.
Wenn bisher alles klar ist, dann lies dir diesen Brief aufmerksamst durch und befolge jeden Schritt exakt so, wie es hier geschrieben steht. Abweichungen könnten deine sichere und unbemerkte Abreise vereiteln und dann sähe es für uns so aus, als wolltest du uns keinen Besuch abstatten. Da ich deine Gedanken wahrscheinlich nicht werde lesen können, wäre ich dementsprechend auch nicht in der Lage, gegenteilige Absichten zu erkennen. Also müsste ich dann vom Schlechtesten ausgehen. In dem Falle würde ich um eine Bestrafung deinerseits nicht umhinkommen und das wäre wirklich zu schade.


An dieser Stelle brauchte ich kurz eine Pause, um genug Sauerstoff zu tanken, bevor ich umkippte. Die Tatsache, dass er meine Gedanken vermutlich nicht überprüfen konnte, würde mir Ausnahmsweise keinen Schutz bieten, sondern mir gegebenenfalls das Genick brechen.

Wenn Alice richtig liegt und das tut die Gute erstaunlich oft, (vor allem seit sie von uns trainiert wird) wirst du dieses Paket einen Tag vor deiner Abreise erhalten. Dann bleiben dir etwa vierundzwanzig Stunden, bis das Flugzeug abhebt. Ich war so frei und habe dir in Zusammenarbeit mit Alice eine genaue Tagesplanung zusammengestellt, damit auch nichts dem Zufall überlassen wird. Bitte überprüfe die Uhrzeit, wenn du an dieser Stelle des Briefes angelangt bist, denn deine Zeit läuft ab zwanzig Uhr Ortszeit.

Wie mir geheißen blickte ich vom Brief auf und suchte die Anzeige meines Digitalweckers.
19:41 Uhr.
In neunzehn Minuten ging es los. Die letzten neunzehn Minuten, in denen ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Eventuell jemals. Und diese würde ich vermutlich noch damit verbringen, diesen Brief zu lesen.
Noch eine kleine Anmerkung, bevor der Spaß beginnt: Bitte tue nichts, was im Folgenden nicht aufgeführt wird. Also keine Koffer packen oder Telefonate tätigen, wenn es nicht verlangt wird.

20:00-23:00 Uhr: Geselle dich zu deinem Vater und sieh dir mit ihm gemeinsam das Baseballspiel an.

Echt jetzt? Daran hatten sie gedacht? Das gehörte zum Spiel „Reise nach Volterra“ dazu? Kopfschüttelnd stand ich auf, versteckte den Brief unter meiner Bettdecke und begab mich hinunter ins Wohnzimmer zu Charlie. Auch die letzten freien Minuten würde ich ihm schenken wollen.
„Hey, Bella“, sagte er und hob einen Stapel Zeitungen von der Sitzfläche des Sofas, damit ich mich neben ihn setzen konnte. Vor ihm auf dem Couchtisch stand eine bereits geleerte und eine volle Dose Light-Bier.
„Hey“, erwiderte ich hohl. Über den Bildschirm unseres Fernsehers flackerte noch ein Werbeblock, bevor es endlich mit dem Spiel losging. Dass ich keine Nerven für den Verlauf oder den Ausgang des Spiels hatte, musste ich an dieser Stelle wohl kaum erwähnen. Stattdessen sah ich immer wieder zu Charlie, auf dessen heller Haut die bunten Lichter des Bildschirms tanzten. Konzentriert verfolgte er jede Bewegung der Spieler, jeden Schlag des Balls, jedes Inning, während ich versuchte, jede Emotion in seinen Augen abzufangen, jeden Gesichtsausdruck abzuspeichern, um all die Dinge, die meinen Vater ausmachten, für die restliche Dauer meines Lebens im Kopf zu behalten. So wie er war. So wie wir waren.
Ich dachte viel über meine Zeit bei ihm nach und kam schließlich zu dem Schluss, dass ich ihm in den letzten Jahren praktisch nichts als Kummer bereitet hatte. Mir war bewusst, dass er mich gern bei sich hatte, aber letztlich konnte ich den Gedanken, dass er es ohne mich wesentlich leichter haben würde, nicht abschütteln. Auch wenn es uns beide sehr viel Schmerz kosten würde.
Ob er lange nach mir suchen würde?

Die drei Stunden strichen schneller ins Land, als mir lieb war, auch wenn ich effektiv nichts Sinnvolles getan hatte, außer Trübsal zu blasen und in meinen eigenen Gedanken zu schwelgen. Aber was sollte ich sonst tun? Außerdem war Sport schauen schon immer eine passive Tätigkeit gewesen.
Kurz vor elf erhob ich mich bereits vom Sofa, um wieder nach oben zu gehen und in Aros drittem Brief nachzuschauen, wie es weiterging. Währenddessen hörte ich, wie Charlie den Fernseher und das Licht abschaltete und sich allmählich bettfertig machte.
Ich schloss die Zimmertür und verschanzte mich hinter meinem Bett, als ich den Brief wieder unter meiner Bettdecke hervorholte.

23:00-23:30 Uhr: Du erhältst deine letzte Schlaftablette von deinem Vater, wäschst dich und begibst dich ins Bett. Keine Bange, Isabella. Wenn du erstmal bei uns bist, wirst du keine Schlafmittel mehr benötigen.

Langsam wurde es spannend – das konnte eigentlich nur bedeuten, dass ich entweder sterben oder sie mich verwandeln würden. In beiden Fällen wusste ich nicht, ob ich dafür schon bereit war.
Also wartete ich, bis Charlie aus dem Bad kam, in der rechten Hand eine Tablette Meprozolam, in der anderen ein Glas Wasser. Er reichte mir beides und schaute mir dabei zu, wie ich die Tablette einnahm und das Wasserglas leerte.
„Danke Dad.“
„Gute Nacht, Bella“, antwortete er und gab mir einen leichten Kuss auf den Haaransatz. Dann verschwand er in seinem Schlafzimmer.
Ich kämpfte mit den Tränen, als ich mir im Bad die Zähne putzte und mich pünktlich 23:30 Uhr wieder Aros Brief zuwandte.

23:30-07:30 Uhr: Schlafe und träume friedlich, Isabella. Morgen wird ein ereignisreicher Tag.

Sogar das hatten sie mit eingeplant. Wie fremdgesteuert stellte ich meinen Digitalwecker auf 07:25 Uhr ein, damit ich um Punkt 07:30 Uhr wieder klar genug war, um der nächsten Anweisung Aros zu folgen.
Dann legte ich mich in mein Bett, versteckte den Brief unter meinem Kopfkissen und deckte mich zu.
Meine letzte Nacht in Forks.
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