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Ikarus - The Rise and Fall of Isabella Swan

von Carthago
GeschichteDrama / P16 / Gen
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Jacob Black Mary Alice "Alice" Brandon Cullen OC (Own Character)
28.11.2020
06.08.2021
45
96.990
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20.07.2021 2.301
 
Noch am selben Tag, gleich nachdem ich wieder zu Hause ankam, hatte ich Charlie die Tatsachen in Form medizinischer Unterlagen ungefragt und rücksichtslos auf den Tisch geknallt. Jake hatte recht, Charlie musste es wissen und entgegen meiner ursprünglichen Annahme, dass er komplett ausrasten und mich unter Hausarrest setzen würde, bewahrheiteten sich nicht. Stattdessen reagierte er überraschend gefasst – äußerlich zumindest. Wie sein Innenleben aussah, wusste ich natürlich nicht. Dennoch zog Charlie ein paar Konsequenzen aus den neu gewonnenen Erkenntnissen, denn auch wenn er kein besonders strenger Vater war, gab es bei ihm Grenzen. Dazu gehörte als erstes, dass ich Mom anrief und sie in die Sache einweihte. Ihre Reaktion hingegen fiel deutlich unentspannter aus. Sie hatte geheult und angeboten, sofort nach Forks zu fliegen, um mir beizustehen, doch das wäre mir zu viel gewesen. Schließlich hatte ich schon Jake und Charlie um mich, die alles menschenmögliche taten, um mich zu unterstützen. Dafür versprach ich ihr, sie bald besuchen zu kommen. Damit gab sie sich zum Glück halbwegs zufrieden.
Eine weitere Konsequenz, die Charlie zog, war die genaue Überwachung meiner Medikamenteneinnahme. Konkret bedeutete das, dass er sowohl das Meprozolam als auch das neue Ampivolin direkt einkassiert hatte und mir fortan die entsprechenden Dosierungen jeden Tag persönlich austeilte, damit auch alles glatt lief. Wo er die Tabletten versteckt hatte, wusste ich nicht. Aber ich suchte auch nicht danach, um nicht auf dumme Ideen zu kommen.
Außerdem ließ ich mich bei drei Psychotherapeuten in meiner nächsten Umgebung auf die Warteliste für einen Therapieplatz setzen. Allerdings konnte ich hier nicht damit rechnen, dass es so schnell ging wie bei der Psychiaterin, denn Therapieplätze gab es nicht wie Sand am Meer.
Und dann gab es da natürlich noch die Sache mit dem Skript. Nachdem ich bei der Psychiaterin gewesen war, wollte ich das nächste Problem angehen, denn Jessica durfte auf keinen Fall mit meinem Buch Erfolg haben – und ich keine Zeit mehr verlieren. Seit sie das Skript gestohlen hatte, waren schon ein paar Wochen ins Land gestrichen. Garantiert hatte sie das Skript bereits bei irgendeinem Verlag eingereicht. Ob es schon angenommen wurde, war die andere Frage. Aber bevor die Druckereien abertausende Ausgaben meines Buches mit Jessicas Namen darauf auf den Markt brachten, musste ich mich unbedingt einmischen.

Ich hatte noch einige Tage über meinen Entschluss nachgedacht, genau überlegt, wie ich das am besten anstellen sollte und im Endeffekt gab es für mich nur noch eine Lösung: Ich würde mit offenen Karten spielen.
Also schrieb ich einen Brief. Oder eher eine Art Geständnis, in dem ich von meiner Sucht erzählte. Inklusive des Faktes, dass ich mich bereits auf dem Weg der Besserung befand. Dann druckte ich Chasing Dreams ein weiteres Mal aus und packte das neue Skript gemeinsam mit dem Brief und meinem Befund in einen dicken Briefumschlag, den ich an Eve adressierte. Als meine Presseagentin sollte sie davon wohl als erstes wissen. Dann rief ich Jessica an.
„Hallo Bella! Na, arbeitest du schon an einem neuen Buch?“
Allein der Klang ihrer überheblichen Stimme verursachte eine Welle des Hasses über mich hereinbrechen.
„Du kannst dir deine Arroganz klemmen, Jessica. Ich wollte mich mal erkundigen, wie es mit der Veröffentlichung läuft?“
„Oh, du meinst Chasing Dreams?”, fragte sie mich beschwingt, „Das habe ich bei sechs Verlagen eingereicht und warte aktuell noch auf Rückmeldungen. Aber ich bin sehr zuversichtlich.“
„Das dauert aber lange. Vielleicht lehnen sie es auch ab“, giftete ich, auch wenn ich damit offenbarte, was ich insgeheim hoffte.
„Ach was. Ich habe ja zuerst noch selbst ein paar Änderungen am Skript vorgenommen, damit es etwas mehr nach mir klingt.“
Bei der Vorstellung, Jessica hatte an meiner Geschichte herumgepfuscht, wurde mir ganz schlecht. Doch ich sammelte mich schnell wieder und beschloss, nicht weiter um den heißen Brei zu reden.
„Schön für dich, Jessica. Aber ich würde dir an der Stelle raten, die Kopien so schnell wie möglich wieder zurückzuziehen.“
"Warum sollte ich das tun?"
"Weil ich es veröffentlichen werde. Bedenke, dass ich die Originaldateien auf meinem Rechner besitze. Ich werde schon nachweisen können, dass Chasing Dreams mein Werk ist, nicht deins."
Ich hörte Jessica am anderen Ende der Leitung verächtlich prusten.
„Als ob!“, erwiderte sie lachend, „Hast du etwa vergessen, was passiert, wenn du den Mund aufmachst?“
„Habe ich nicht, keine Sorge. Aber die Gefahr der öffentlichen Demütigung kümmert mich nicht länger, Jessica. Deshalb habe ich hier…“, ich strich andächtig über den braunen Briefumschlag vor mir, „…neben einem frisch gedruckten Skript auch noch eine kleine Stellungnahme beigefügt und die Diagnose vom Arzt, selbstverständlich.“
„Das ist es dir wert?“, hakte sie nach, nun mit weitaus weniger Selbstsicherheit in der Stimme. Damit hatte sie wohl nicht gerechnet.
„Absolut.“
„Und da fällt dir nichts besseres ein? Warst du zu dämlich, eine Möglichkeit zu finden, dein Skript wiederzubekommen, ohne dass du dich öffentlich als Suchtkranke abstempeln lässt?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Kann sein, aber ehrlich gesagt, will ich das alles nicht mehr. Ich will keine Spielchen mehr spielen.“
„Schön für dich, Bella!“, giftete sie mich sarkastisch an, „Du bist sowas von am Arsch.“
„Bin ich schon so, also was soll’s.“
„Wozu der Aufwand mit der Stellungnahme? Ich werde dich schneller an die Pressefritzen verraten, als du Schlafmittel sagen kannst.“
Ich kräuselte die Lippen und legte mein gewinnendstes Grinsen auf. Mir war klar, dass sie nicht in der Lage war, mich zu sehen, doch ich konnte meine Emotionen nicht unterdrücken.
„Ich weiß, Jessica. Aber ich verrate es ja nicht der Presse, sondern nur meiner Presseagentin. So können wir uns gemeinsam schon mal auf den Wirbel vorbereiten, den du verursachen wirst.“
„Dann viel Spaß mit deinem erbärmlichen Leben!“, keifte sie.
„Wirst du die Skripte zurückziehen?“, fragte ich prüfend, um auf Nummer sicher zu gehen.
„Sobald ich dich an das erste Klatschblatt verraten habe!“
„Wie du willst, aber wenn du dich nicht dranhältst, hole ich mir einen Anwalt und reiße dir den Arsch auf!“
„Auf welcher Grundlage?“
„Diebstahl geistigen Eigentums oder sowas. Da finden wir bestimmt was passendes.“
„Fick dich, Bella!“
„Danke gleichfalls!“, erwiderte ich gelassen und hörte es kurz danach in der Leitung knacken.
So viel dazu. Auch wenn mir bewusst war, dass ich bald wieder mit einem Haufen Scheiße konfrontiert werden würde, fühlte ich mich um Längen besser. Mein Seelenfrieden war es mir allemal wert.
Erleichtert darüber, dieses ätzende Gespräch endlich hinter mir gebracht zu haben, zögerte ich nicht weiter und machte mich mit dem besagten Umschlag bewaffnet direkt auf dem Weg nach Seattle. Zum Glück war Charlie gerade auf Arbeit gefahren, also würde er keine unnötigen Fragen stellen und ich könnte ihm alles in Ruhe später erklären.
Ich füllte mir eine große Thermoskanne Kaffee ab, bevor ich mich auf den Weg machte. Eine Fahrt dauerte immerhin vier Stunden und ich war schon jetzt todmüde. Seit Beginn der Therapie fühlte ich mich etwas abgeschlagen, was entweder am leichten Schlafmittelentzug lag oder an dem neuen Antidepressivum. Aber da musste ich durch.
Als ich in meinem Truck Forks verließ, fiel mir auch wieder ein, dass ich unter Meprozolam eigentlich gar nicht Auto fahren sollte, aber darüber konnte ich mir jetzt nicht auch noch Gedanken machen. Wenn ich stattdessen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren würde, wäre ich vermutlich erst morgen früh in Seattle. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, dass mich irgendwer erkannte oder sogar ungebetene Fotos von mir schoss und darauf konnte ich gut und gerne verzichten.

Die Fahrt nach Seattle verlief zum Glück reibungslos und ich erreichte am frühen Nachmittag das Gebäude von Lunar Visions im Zentrum Seattles. Ich atmete noch ein paarmal tief durch und sprach mir selbst noch etwas Mut zu, bevor ich mit dem Umschlag bewaffnet zum Eingang marschierte und nach Eve fragte. Der Herr am Empfang ließ mich eintreten.
Als ich den Fahrstuhl nach oben nahm, fühlte ich mich kurz in der Zeit zurückversetzt und dachte an damals, als ich mit Angela mein Skript hier abgab. Als ich Blake das erste Mal traf.
Scheiße, dachte ich, was war nur aus uns geworden?
„Was gibt es, Bella?“, fragte mich Eve, sobald im richtigen Korridor ich bei ihr vorm Büro stand.
Wortlos überreichte ich ihr den Umschlag, den sie mit skeptischer Miene entgegennahm. Mittlerweile rechnete sie bei mir vermutlich schon gar nicht mehr mit irgendwas Gutem.
Sie setzte sich an ihren modernen Schreibtisch, mit der neusten technischen Ausstattung darauf und drehte sich von mir weg zur vollverglasten Wand, als sie sich den Inhalt des Umschlags zu Gemüte führte. Auch ich richtete mein Blick nach draußen und wartete geduldig auf Eves Reaktion.
„Ach du Scheiße!“, flüsterte sie mit scharfem Unterton und drehte sich wieder zu mir, „Sag mir, dass das nicht wahr ist.“
Kommentarlos nickte ich ihr langsam zu.
„Warum gibst du mir das?“ Sie breitete die ganzen Blätter vor sich auf dem gläsernen Schreibtisch aus. „Und du hast ja doch ein Skript. Kannst du mir das bitte mal erklären?“
Ich gesellte mich zu ihr und lehnte mich an die Tischplatte. Dann erzählte ich auch ihr die ganze Geschichte – von der PTBS, dem Meprozolam und dem Chasing Dreams Skript.

„Du meine Güte“, seufzte sie, als ich fertig war mit erzählen, „Es ist zwar gut, dass du mir Bescheid gesagt hast, bevor die Öffentlichkeit von deinem Problem erfährt, aber ganz ehrlich? Langsam wird es schwierig, dich noch als unsere Klientin zu vertreten.“
„Aber ich habe doch jetzt ein zweites Buch abgegeben. Das wolltet ihr doch, oder etwa nicht?“, protestierte ich und gestikulierte wild umher.
„Schon, aber mit deinem immer schlechter werdenden Image könnte es in der Zukunft schwierig werden, Werke von dir zu vermarkten. Ich muss da an dieser Stelle auch einfach an den Verlag denken.“
Empört schnaubte ich und drehte mich beleidigt von ihr weg, obwohl diese Reaktion gar nicht so unverständlich war.
„Lest es euch doch zumindest mal durch, bevor ihr es ablehnt!“, forderte ich und zeigte auf mein Skript.
Nachdenklich griff sich Eve mein Werk und blätterte kurz durch.
„Ich werde es an Max weiterleiten, der ist für die literarische Beurteilung zuständig. Wenn es gut ist…“ Sie überlegte ein paar Sekunden mit zusammengekniffenen Augen, bis ihr offenbar ein Licht aufging. „Wir könnten dein neues Werk zur Not bestimmt auch unter einem Pseudonym veröffentlichen. Da müssen wir nur darauf achten, dass keiner dahinterkommt, wer es wirklich geschrieben hat.“
„Wenn das funktioniert…“, ergänzte ich achselzuckend. So gut kannte ich mich in der Branche ja auch noch nicht aus, von daher musste ich mich wohl oder übel auf Eves Expertise verlassen.
„Solange wir es richtig anstellen, schon. Aber wie gesagt: Noch kann ich keine Versprechungen machen. Die ganze Angelegenheit muss ich erst mit Max und wahrscheinlich auch noch mit dem Vorstand besprechen“, antwortete Eve mir ehrlich und sortierte den Blätterstapel vor sich. „Kann ich denn sonst noch irgendwas für dich tun? Brauchst du Hilfe?“
„Danke, die habe ich schon.“ Ich zwang mir ein tapferes Lächeln ab. „Aber danke schön.“
Ich entfernte mich einen Meter von Eves Schreibtisch, in der Absicht das Büro wieder zu verlassen.
„Ich rufe dich dann an, wenn ich genaueres weiß“, versprach mir Eve und formte mit ihrer rechten Hand einen Telefonhörer, indem sie den kleinen Finger und Daumen abspreizte und sich die Hand ans Ohr hielt, „Bis dahin wünsche ich dir alles Gute.“
„Danke, bis bald.“
Ich verließ ihr Büro und machte mich direkt wieder auf den Weg zu meinem Wagen, damit ich nicht zu spät zu Hause ankam und Charlie sich unnötig Sorgen machte.

Auf der Rückfahrt setzte langsam, aber sicher ein Hochgefühl ein. Noch etwas geschafft. Ein weiterer Schritt Richtung Besserung war getan. Mir stand zwar noch immer ein verdammt weiter und steiniger Weg bevor, aber inzwischen hatte ich wieder die nötige Motivation gefunden, diesen zu bestreiten, um irgendwann wieder ein normales Leben zu führen.

Kurz vor sieben rollte ich langsam in die Einfahrt vor unserem Haus hinauf. Charlies Streifenwagen stand in der Garage, im Wohnzimmer brannte Licht. Beschwingt und guter Dinge sprang ich aus dem Wagen und eilte ins Haus.
„Guten Abend, Charlie!“, flötete ich und hörte Schritte aus dem Wohnzimmer.
„Hey, Bella, Du bist ja so gut drauf. Wo warst du denn eigentlich so lange?“
„In Seattle beim Verlag. Wir hatten noch eine Art Nachbesprechung nach der Buchtour.“
Das war zwar gelogen, aber ich wollte mich gerade nicht schon wieder vor ihm erklären.
„Achso. Na gut“, brummte er, als müsste er sich noch überlegen, ob er meiner Geschichte Glauben schenken sollte. „Übrigens: Heute ist ein Paket für dich angekommen. Ich habe es auf dein Bett gelegt.“
„Oh?“ Ich überlegte kurz, von wem das stammen könnte, aber mir fiel partout nichts ein. Bestellt hatte ich auch nichts. „Danke. Ich bin dann oben.“
„Ich sehe mir nachher noch ein Spiel im Fernsehen an. Also wenn du dazukommen willst…In einer Stunde geht’s los.“
„Alles klar.“
Etwas ungeschickt formte ich betont lässig mit meinen Händen Fingerpistolen und zeigte auf Charlie. Dass ich ein Paket von Unbekannten erhalten hatte, machte mich schon wieder nervös. Aber das wollte ich mir vor Charlie natürlich nicht anmerken lassen.
Ich hetzte nach oben in mein Zimmer und tatsächlich – dort, am Fußende meines Bettes lag ein schlichtverpacktes, kleines Paket. Ohne Firlefanz, Aufdrucken oder irgendeinem Emblem, das mir Auskunft über seinen Urspruch verriet.
Ganz vorsichtig näherte ich mich ihm und hob es noch vorsichtiger hoch, als vermutete ich einen Sprengsatz darin. Leider hielt ich auch sowas mittlerweile für möglich. Als ich das Paket leicht schüttelte, klapperte es leise. Dann suchte ich die Oberfläche des Kartons nach dem Absender ab, doch es stand keiner drauf. Erst als ich die Poststempel untersuchte, ahnte ich endlich, wer es abgeschickt hatte.
Erschrocken ließ ich das Paket wieder fallen, wie einen Klumpen heißen Metall. Mein Herz hämmerte schlagartig doppelt so schnell wie vorher und für ein paar Sekunden blieb mir die Luft weg. Als würde sich aus dem Paket in jedem Moment ein Schuss lösen können, stand ich mit auf Schulterhöhe gehobenen Händen stocksteif im Raum. Meine Zeit war gekommen.
Das Paket kam aus Italien.
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