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Ikarus - The Rise and Fall of Isabella Swan

von Carthago
GeschichteDrama / P16 / Gen
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Jacob Black Mary Alice "Alice" Brandon Cullen OC (Own Character)
28.11.2020
06.08.2021
45
96.990
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28.11.2020 1.227
 
„Wir sind da. Komm schon, Bella, wach auf.“

Irgendwo aus der tiefen Finsternis meines Schlafes hörte ich Angelas sanfte Stimme. Außerdem hatte das gleichmäßige Ruckeln des fahrenden Autos, in dem ich vor geraumen vier Stunden eingeschlafen war, schlagartig aufgehört.
Langsam öffnete ich die Augen und sah mich um. Ich befand mich auf dem Beifahrersitz von Angelas silbernen Opel Astra und blickte direkt auf das Logo der Lunar Visions Publishing Agency, vor der wir soeben geparkt hatten. Mitten in Seattle.
„Beeindruckend, du hast die ganze Fahrt geschlafen“, bemerkte Angela lächelnd und zog den Schlüssel aus der Zündung.
„Stimmt“, grummelte ich, als ich mich etwas unbeholfen aufsetzte.

Vor drei Wochen hatte ich mein fertig geschriebenes Manuskript bei Mr. Blake, meinem potenziellen Agenten, eingereicht und seitdem auf eine möglichst positive Rückmeldung gehofft. Als er dann endlich angerufen hatte, um einen weiteren Termin zu vereinbaren, war ich fast ausgeflippt vor Aufregung. Angela meinte, es sei ein gutes Zeichen, da sie sonst einfach einen Absagebrief geschickt hätten, aber verlassen wollte ich mich darauf auch nicht einfach. Also war ich so aufgeregt gewesen, dass ich die Nacht zuvor kein Auge zugetan hatte. Immerhin hatte ich fünf Monate lang an dem Buch gearbeitet und eine ganze Menge Herzblut investiert. Natürlich nicht allein - ohne Angela wäre das nicht halb so gut geworden.

Sobald ich mich halbwegs gesammelt und endgültig in die Welt der Lebenden zurückgefunden hatte, bahnte sich die Nervosität wieder unbarmherzig in meine Gedankenwelt. Ich warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, aber außer einem kleinen roten Abdruck auf der Stirn war alles in Ordnung.

„Sehe ich halbwegs anständig aus?“, fragte ich Angela, als ich aus dem Auto ausstieg und meine Kleidung hektisch abklopfte.
„Alles bestens!“, versicherte sie mir und nahm mich noch einmal kurz in den Arm, „Völlig egal, was passiert. Wenn sie dein Buch nicht wollen, dann gehen wir zur nächsten Agentur. Und selbst wenn alle Stricke reißen, haben wir trotzdem etwas Tolles geschaffen und wieder zu einander gefunden! Lass uns reingehen.“
Ich atmete etwas angestrengt durch und nickte. Sie hatte recht.
„Bringen wir es hinter uns.“

Als wir die Agentur durch eine große Glastür betraten, wurden wir von einem adretten, jungen Mann mit Headset empfangen.
„Guten Tag, die Damen. Was kann ich denn für sie tun?“
„Wir haben ein Termin bei Marlon Blake um vierzehn Uhr“, antwortete ich, überrascht von seinem sehr angenehmen Auftreten. Das letzte Mal hatte eine desinteressierte Mitvierzigerin hinter dem Schreibtisch gesessen und nicht mal hochgeblickt, als wir hereingekommen waren.
Der junge Mann, der laut Namensschild „Henry“ hieß, blätterte kurz in einem Kalender mit schwarzem Ledereinband und schien über sein Headset jemanden anzurufen.
„Mr. Blake?...Ja, Miss Swan wäre jetzt da. Soll ich sie hochschicken?...Alles klar.“
Henry stellte wieder Blickkontakt her und deutete auf den Fahrstuhl neben dem Empfangstisch.
„Einfach in den achten Stock fahren. Mr. Blake wird Sie dort direkt in Empfang nehmen.“
Wir bedankten uns und liefen gleich zum Fahrstuhl weiter. Ich war froh, dass ich Angela bei mir hatte, sonst wäre ich vor lauter Feigheit vermutlich einfach wieder rausgerannt. Im Fahrstuhl sah ich noch einmal in den Spiegel. Mit der dunklen Jeans, der Lederjacke und der Sonnenbrille auf dem Kopf wirkte ich fast schon sportlich. Von der Bella, die einst Edward Cullen angehimmelt hatte, war kaum etwas übrig geblieben. Mit dem Schreiben des Buches und Dank Angelas Hilfe hatte ich wieder zurück ins soziale Leben gefunden und beschlossen, mich von Grund auf zu sanieren. Ich hatte die Hälfte meines Kleiderschrankes ausgemistet, mein Zimmer neu gestrichen und war mit Jessica shoppen. Als ich sie damals um ihre Hilfe bei einem kleinen Umstyling gebeten hatte, war sie Feuer und Flamme gewesen. Ich verließ mich auf ihr Urteil, schließlich hatte sie damals viel mehr Ahnung von Mode als ich. Nur von einer neuen Haarfarbe hatte sie mich allerdings nicht überzeugen können.
Nervös wühlte ich in meiner Tasche, bis ich mein Handy in die Finger bekam. SMS von Charlie, Mike, Jessica, Eric, Jake und sogar Billy wurden mir angezeigt. Alle hatten sie mir Glück für heute gewünscht. Wie unfassbar peinlich, wenn ich mit leeren Händen zurückkehrte…

Ein kurzes Ping riss mich aus meinen Gedanken. Die Fahrstuhltüren gingen auf und vor uns erstreckte sich derselbe lange Gang mit dem hellen Parkettboden und den Glaswänden wie vor drei Wochen. Mr. Blake stand direkt vor uns und streckte mir die Hand entgegen. Seine Jeans und Sakko Kombination verlieh ihm einen lässig modernen Stil passend zu seinem recht jugendlichen Erscheinungsbild.
„Miss Swan, schön Sie wiederzusehen!“
Wir schüttelten kurz die Hände zur Begrüßung. Er wirkte fröhlich und beschwingt, das stimmte mich schon mal zuversichtlich. Das gleiche Prozedere wiederholte sich mit Angela.
„Dann kommen Sie mal mit.“

Gemeinsam bewegten wir uns zu seinem Büro – ein gläserner Kasten mit einem Ausblick, der ohne die tiefhängenden Wolken sicher sensationell gewesen wäre. Auf dem ebenfalls gläsernen Schreibtisch in der Mitte des Raumes lag mein Manuskript – versehen mit zig Zetteln, blaue und gelbe, die überall zwischen den Seiten hinausschauten. Ich schluckte bei dem Anblick. Glücklicherweise fand mein Hosenboden recht schnell den Stuhl, denn meine Knie waren schlagartig ziemlich weich geworden.

„Also“, begann Mr. Blake, als alle ihren Platz eingenommen hatten, „Was soll ich sagen, ich habe Immortal Guardian gelesen und auch meine Vorgesetzte. Von mir sind die gelben und von ihr die blauen Zettel mit Anmerkungen. Auch wenn wir uns noch nicht ganz so sicher sind, wie gut sich das Buch verkaufen wird…“

Ich hielt die Luft an.

„…haben wir uns dafür entschieden, ihr Buch zu verlegen.“
Angelas und mein Blick trafen sich. Das war der absolute Wahnsinn.
„Klar, der Feinschliff fehlt noch, was sie sicher an den ganzen Zetteln gesehen haben, aber ansonsten steht einer Zusammenarbeit nichts im Wege.“
Gelassen lehnte er sich zurück und faltete die Hände, denn er kannte die Antwort bereits.
„J…ja! Oh mein Gott!“
Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um mein Grinsen zu verbergen. Zusammenreißen. Nur noch ein paar Minuten.
„Das freut uns! Wie gesagt, wir wissen noch nicht, wie sich ein Vampirroman im einundzwanzigsten Jahrhundert verkaufen wird, aber es passt auf jeden Fall zu Lunar Visions. Daher sind wir bereit, es zu versuchen.“
„Das ist…unglaublich“, stammelte ich, immer noch völlig ungläubig, „Und wie wird es jetzt weitergehen?“
„Also, als nächstes möchte ich, dass sie das Manuskript mit all den Anmerkungen nach Hause nehmen und sich damit auseinandersetzen. Keine Angst, so viele Anmerkungen sind völlig normal, es hat hier noch niemand ein perfektes Manuskript abgegeben. Es geht jetzt einfach darum, hier und da am Ausdruck zu arbeiten. Wenn Sie damit fertig sind, lassen Sie uns die korrigierte Form bitte so früh wie möglich zukommen. Dann werden wir uns ans Lektorat wenden…“

Er erklärte uns alles Weitere. Vertrag, prozentuale Beteiligung des Verlags und ein etwaiger Zeitplan für die nächsten Monate. Wenn alles glatt lief, würde ich in drei oder vier Monaten eine gebundene Ausgabe meines eigenen Buches – meiner Geschichte mit den Cullens in der Hand halten und es somit dem ganzen Land zur Verfügung stellen. Und wer weiß? Wenn es sich gut verkaufen ließe, könnte es in weiteren Ländern dieser Welt verkauft werden. Oder niemanden interessierte es und das Buch würde einfach wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Aber das war erstmal alles reinhypothetisch. In diesem Moment zählte für mich nur, dass es überhaupt veröffentlicht werden würde und nichts anderes.

Niemand würde ahnen, dass es sich bei fast jedem Wort in diesem Buch um die bitterböse Wahrheit handelte.
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