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Ikarus - The Rise and Fall of Isabella Swan

von Carthago
GeschichteDrama / P16 / Gen
Carlisle Cullen Edward Anthony Masen Cullen Isabella "Bella" Marie Swan Jacob Black Mary Alice "Alice" Brandon Cullen OC (Own Character)
28.11.2020
06.08.2021
45
96.990
25
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28.11.2020 952
 
Gottverfluchtes, nasses und vor allem nie endendes Grau. Um das zu wissen, musste ich nicht einmal aus dem Fenster schauen. Doch wenigstens hatte sich die Wetterlage in Forks endlich meiner Stimmung angepasst.

Ich klickte ein paar Male auf meinem Digitalwecker herum, bis er mir das Datum anzeigte: 17.10.2005. Ein Montag. In dreißig Minuten würde ich zur Schule aufbrechen müssen, nur um umgeben von 350 weiteren Menschen trotzdem völlig allein zu sein.

„Bella!“, rief Charlie von der Küche aus, „Frühstück!“
Genervt stopfte ich meine ungeordneten Aufzeichnungen in meinen orangenen Rucksack und sortierte ein paar zerknitterte und mit sinnlosem Gekritzel versehene Blätter aus, bis ein Haufen Fotos herausfiel und sich auf der violetten Tagesdecke meines Bettes verteilte. Ich seufzte. Da lagen sie – kostbare Erinnerungen eines perfekten halben Jahres als auf schimmernden Papieren entwickelte, digitale Signale. Ohne diese Fotos, hätte ich wohl daran gezweifelt, dass ich den Cullens und vor allem Edward jemals begegnet war. Einige der Fotos sahen schon recht zerknittert aus, so oft hatte ich sie mit mir herumgeschleppt und sie angesehen, um die Erinnerungen in meinem Kopf und meinem Herzen wiederzubeleben.

„Bella!“, Charlies Rufe wurden etwas lauter. Er machte sich Sorgen um mich und wollte sicherstellen, dass ich etwas aß.
„Komme!“, rief ich zurück, klaubte hastig die Bilder zusammen und stopfte sie in meine Nachttischschublade. Ich war noch nicht bereit sie wegzuwerfen, aber andauernd mit mir rumschleppen sollte ich sie vielleicht auch nicht.
Mit meinem Rucksack auf einer Schulter stolperte ich die Treppe herunter in die Küche, wo mir Charlie prompt mit einem liebevoll geschmierten Sandwich und einer Thermoskanne entgegenkam.
„Hier. Setz dich und iss es bitte auf“, bat er mich, als er mir das Brot und die Kanne in die Hand drückte, „In der Thermoskanne ist Salbeitee mit Honig. Für die kalte Jahreszeit.“
Ich protestierte nicht und zwang ich mir ohne einen Anflug von Hunger oder Appetit das Sandwich und ein Glas Wasser hinunter. Für Charlie. Damit er halbwegs ruhig schlafen konnte und nicht noch mehr Stress auf ihm lastete. Dass er sich trotzdem um mich sorgte und Edward für alles, was geschehen war, verfluchte, konnte ich wohl nicht ändern und lediglich etwas Schadensbegrenzung betreiben. Das verriet mir sein auf mir lastender Blick während ich still aus dem Fenster starrte und die dicken Regentropfen beobachtete, wie sie langsam und schwerfällig die Scheibe hinunterkrochen.
„Hast du gut geschlafen, Bella?“, fragte er mich etwas unbeholfen. Mein mangelndes Talent zum Smalltalk hatte ich eindeutig von ihm geerbt. Mit dem Lügen sah es ähnlich aus, von daher beschloss ich, bei der Wahrheit zu bleiben.
„Geht so…“
„Dachte ich mir“, seufzte Charlie und setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber, „Ich habe mit deiner Mutter gesprochen und wir beide haben da eine Idee…“
„Keine Therapie“, unterbrach ich ihn kauend, „Das schaffe ich auch so. Außerdem will ich darüber mit keinem Fremden reden!“
„Bella, lass mich ausreden. Das haben wir akzeptiert. Vorerst. Es muss sich aber trotzdem etwas ändern. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, eine Art Ventil für deine Trauer zu finden?“
„Ein Ventil?“
„Ja, irgendwas, das dir hilft, all das zu verarbeiten und dich abzulenken. Sport, Zeichnen, Tagebuch schreiben oder irgendwas anderes.“
„Ich weiß nicht, Dad…“
Ein kurzer Blick auf die Küchenuhr verriet mir, dass es langsam Zeit war, aufzubrechen. Zum Glück. So konnte ich diesem Gespräch gerade noch rechtzeitig entfliehen, bevor es richtig unangenehm wurde. Beim Hinausgehen warf ich mir meinen dunkelgrünen Parka und den Rucksack über und kurz, bevor ich in den Transporter einstieg, rief mir Charlie ein letztes Mal hinterher.

„Denk zumindest mal darüber nach, ja?“
Ich zeigte ihm einen Daumen hoch und stieg ein.

Auf der Fahrt der Schule ertappte ich mich tatsächlich dabei, wie ich seine Vorschläge in meinem Kopf durchging. Sport? Niemals. Keine zehn Pferde. Zeichnen? Vielleicht. Kommt auf die Liste, ist aber bestimmt nicht meine erste Wahl. Tagebuch? Könnte ich eigentlich machen. Mir alles von der Seele zu schreiben würde mir bestimmt guttun. Aber wenn ich jeden Tag meine Gefühle aufschrieb, würde ich mir nach kurzer Zeit nur selbst auf die Nerven gehen. Dauernd in sich selbst hineinzuhorchen hat noch niemandem geholfen. Aber was, wenn ich es weniger als Tagebuch gestaltete, sondern eher als Geschichte – nur, dass es tatsächlich und wahrhaftig geschehen war?

Und dann kam mir die Idee.

Nachdem ich meinen Transporter zwischen den moderneren Automodellen meiner Mitschüler geparkt hatte, suchte ich den Parkplatz nach Angela ab. Ich würde ihre Hilfe brauchen und hoffte, dass sie nach einem Monat Funkstille noch immer ein offenes Ohr für mich übrig hatte.
„Angela!“, rief ich quer über den Parkplatz. Sie stand mit Eric, Jessica und Mike an der Treppe zum Eingang. Die vier sahen mich an, als hätten sie gerade eine Untote gesehen, aber sie hatten mich zumindest schonmal wahrgenommen und somit war auch die Gelegenheit für ein Gespräch geschaffen. Schnurstracks lief ich auf die Truppe zu.
„Angela, hast du eine Minute für mich?“
Ihre weichen, gütigen Gesichtszüge schienen immer noch erstarrt.
„Klar, was ist?“
Vorsichtig zog ich sie am Jackenärmel ein Stück beiseite.
„Du bist doch immer noch bei der Schülerzeitung, oder?“
Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, verwirrte ich sie nur noch mehr.
„Ja?“
„Gut…du hast also Ahnung, wie man schreibt, nicht wahr?“
„Also ob ich wirklich gut bin, wage ich zu bezweifeln, aber ich habe zumindest ein paar Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln dürfen. Um was geht es denn jetzt genau?“
Ich atmete durch. Wie vermessen war es, jetzt nach Hilfe zu fragen? Immerhin hatte ich sie alle wochenlang links liegengelassen und mich nur um mich selbst gedreht. Eine Wiedergutmachung meinerseits stand definitiv noch aus. Aber es war Angela und nicht Jessica. Sie würde mich nicht erst ewig zu Kreuze kriechen lassen. Also fasste ich meinen ganzen Mut zusammen.
„Ich möchte ein Buch schreiben.“
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