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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
20.10.2021
42
202.750
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14.10.2021 4.938
 
„Euch geht es gut!“, rief Rose aus, sichtlich verblüfft und auch erleichtert. Sie sprang von Evas Körper, der matt auf dem Boden lag, auf und rannte auf Shadow zu und wollte ihn in ihre Arme schließen. Ihr Körper fiel durch seinen schattenhaften, sodass sie gegen Vane prallte, der sie sachte auffing und dabei amüsiert lächelte. Shadow und Emil lächelten ebenso verschmitzt.
„Glaubst du denn, eine lächerliche Lawine würde uns derartig leicht erledigen?“, sagte Shadow und warf Vane einen anerkennenden Blick zu.
„Er hier hat rechtzeitig einen Felsen zum Schutz hochschießen lassen, hinter dem wir uns verstecken konnten. Daher wurden wir nicht direkt nach unten geworfen.“
„Nicht direkt?“, entgegnete Max und blickte zwischen den drei Sternenjägern hin und her, die daraufhin betreten wirkten.
„Der Fels hat dann irgendwann doch nachgegeben und wir wurden an den Rand des Berges gedrängt. Wir purzelten auch ein paar Meter herab, dann hat Shadow es irgendwie geschafft, mich und Vane in seinen Schatten zu ziehen, sodass wir an einem freien Stück Bergwand in luftiger Höhe waren.“
„Ja, und glimpflich sind wir auch nicht gerade davongekommen!“, knirschte Vane und Max erkannte, wie steif seine Bewegungen waren. „Ich habe mich irgendwie verrenkt, mir tut alles weh im Körper!“
„Nicht nur dir!“, murrte Emil, der seinen Kopf nicht zu ihm wenden konnte und sich daher mit seinem ganzen Körper zu ihm drehte. Shadow, der keinen festen Körper und daher kaum Knochenbrüche oder Verrenkungen zu erwarten hatte, blickte sich währenddessen auf dem Gipfel um. Er inspizierte die Spuren des Kampfes, der bis zu ihrem Eintreffen noch getobt hatte.
„Was genau ist denn hier oben nun passiert? Und wer ist das?“, sagte er und deutete dann mit einem schwarzen Finger auf Eva, die mit ausgebreiteten und verletzten Flügeln auf dem Boden lag und ihre tiefblauen Augen auf Shadow gerichtet hatte.

Rasch erklärte Max, mit einigen Ergänzungen von Rose und Jimmy, was auf dem Gipfel geschehen war. Lucy, die mit einem Ohr zuhörte, hatte sich Vane und Emil zugewandt und setzte gekonnte Griffe und Techniken ein, die die Verrenkung der beiden lösten. Vane keuchte erleichtert auf, als Lucy seine Arme, seinen metallbesetzten Rücken sowie seinen Nacken mit kräftigen Hieben krachen ließ. Nach einem Knacken seines Nackens war auch Emil wieder in der Lage, seinen Kopf in mehrere Richtungen zu bewegen. Er blickte zu Eva, nachdem Max geendet hatte.
„Ich habe es mir schon gedacht, dass mehr in dir verborgen ist, als du uns zunächst offenbart hast!“, sagte er mit leicht überheblichem Lächeln. „Du wirktest irgendwie … überreif für dein Alter, von deinen Kräften mal zu schweigen.“
„Ich habe auch die ganze Zeit eine seltsame Aura bei dir gespürt, seit ich dich das erste Mal gesehen habe“, sagte Lucy, die sich zu Eva auf den Boden gesetzt hatte, um ihr möglichst auf Augenhöhe zu begegnen. „Dass du aber die Tochter des Wächters bist, hätte ich jetzt nicht gedacht.“
„Ist sie im Grunde eigentlich nicht“, erklärte ihr Rose, während sie und Eva sich gegenseitig zulächelten. „Sie hat nur Kräfte von ihm erhalten, bevor sie in den Schlaf geschickt wurde. Das war es, oder, Eva?“
Eva nickte mit dem Kopf. Sie versuchte, ihre Flügel zu bewegen, deren Löcher sich in der kurzen Zeit mit einer dünnen Eisschicht überzogen hatten. Offenbar wollte sie verhindern, dass Bewegungen diesen Heilprozess verhinderten, denn mit einem Seufzen entschied sich Eva, noch auf dem Boden zu verweilen.
„Wieso hast du es uns nicht gleich erzählt?“, wandte sich Pawo an sie. Sein Blick war schwer zu deuten, dachte sich Max. Es lag sowohl Neugier als auch Aufregung und Wut dahinter. Doch Eva ließ sich davon aus der Ruhe bringen.
„Zuerst ist mir diese Erinnerung auch nicht in den Sinn gekommen. Erst, als wir uns dem Lawinenberg näherten, habe ich immer wieder Einblicke in Arktos Geist erhalten können, auch wenn nicht viel zu sehen war. Ich wusste daher auch, dass er nicht tot sein konnte. Und mir ist es auch erst innerhalb des Lawinenbergs gedämmert, dass ich kurz vor seiner Gefangennahme Kräfte von ihm erhalten habe. Es hat sich erst nach und nach mir alles eröffnet.“
Sie richtete ihren Blick auf Pawo und blickte ihm tief in seine Augen: „Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn ich euch jeglichen Fortschritt meiner wiederkehrenden Erinnerung mitgeteilt hätte?“
„Nun …“, wollte Pawo entgegnen, doch er verstummte, als er von Eva auf den Eisblock blickte, in dem Arktos noch immer gefangen war.
„Die Lage hätte sich nicht geändert …ich hätte so oder so nicht gewusst, wie ich diese Kräfte freisetzen und ob ich mich hätte nützlich machen können. Ich war selber verwirrt über diese Tatsache, denn ich verstehe nicht, warum ich überhaupt diese erhalten hatte. Hätte Arktos diese nicht eher behalten sollen, um eine größere Chance gegen diese Hexe zu haben? Wieso schien er darauf zu vertrauen, dass ich erwachen und mit Unterstützung zu ihm kommen würde? Hat er das überhaupt so von mir erwartet?“
Stille legte sich zwischen ihnen. Max tauschte Blicke mit Lucy, die Eva interessiert beobachtet. Ihre roten Augen fielen nun auf Arktos‘ eisiges Gefängnis. Mit aufmunterndem Lächeln wandte sie sich dann wieder Eva zu: „Wir könnten ihn all das jetzt fragen … wenn du soweit bist?“

Eva, deren Flügel nun fast gänzlich seiden und eisig schimmernd waren, schwang sich behutsam in die Luft und blickte erst Lucy und dann die anderen an. Lucy bot sich mit einer Geste an, doch Eva verneinte mit einem Schütteln ihres weißen Kopfes. Mit einer anmutigen Bewegung drehte sie sich in der Luft und näherte sich dem riesigen Eisblock. Gespannt sahen die anderen ihr dabei zu, wie sie ihre Augen hellblau aufleuchten ließ. Sie stieß einen Windhauch gegen das Eis und Max meinte, sowohl weiße als auch hellblaue Schneeflocken zu sehen, die wie feinste Diamanten glitzerten und sich auf dem Eis häuften. Dann verschwanden diese, als würden sie vom Eis absorbiert werden. Einige Sekunden lang passierte nichts, bis dann aus dem Inneren des Eisblocks ein Leuchten entstieg und ein tiefes Grollen erklang. Das Eis fing an vielen Stellen große und tiefe Risse, aus denen Luft herauszischte, als hätte sich ein im Inneren des Eises ein enormer Druck aufgebaut.

„Ich glaube, wir sollten …“, rief Shadow und Max wusste, dass auch er daran dachte, sich vor Trümmern des Eises zu verstecken, die unweigerlich auf sie herabfallen würden. Doch sei es, dass Eva eine gute Kontrolle über diese hatte oder dass das Glück nun auf ihrer Seite war. Als ein lautes Krachen, ähnlich eines Donners, ertönte, flogen diese Trümmer in hohen Bogen zur Seite. Sie schlugen gegen Felsen des Berges oder rollten unter schwächer werdendem Grollen diesen hinunter. Und in der Mitte des einstigen Eisblockes fiel die riesige vogelhafte Gestalt Arktos‘ herab.
Max schätzte, dass der Wächter dreimal so groß war wie er selbst. Arktos, der nach fünf Jahren endlich wieder befreit wurde, lag ohnmächtig auf den Boden vor ihnen. Sein langer scharf wirkender Schnabel stieß in den Boden. Drei Höcker zogen sich von dessen Beginn über seine Augen, sodass er trotz seiner Ohnmacht einen grimmigen Eindruck machte. Beeindruckt war Max aber am ehesten von seinem Schweif ganz hinten, der nicht so aussah, als wäre er wie der Rest des Körpers mit Federn überzogen. In einer fließenden Eleganz, fast wie Wasser, glitt der Schweif neben Arktos zu Boden, über den sich dessen Flügel legten, die zum Zeitpunkt des Erstarrens ausgebreitet gewesen waren. Arktos wirkte, als wäre er im Flug erwischt worden und hätte eine Bruchlandung auf dem Gipfel geleistet. Sofort glitt Eva an ihn heran und legte ihren Kopf an den seinen.
„Arktos! Bitte! Wach auf … Arktos!“

Der Wächter rührte sich nicht. Max stieg ein unheilvolles Gefühl in ihm hoch. Sie konnten nicht zu spät sein, Eva selber hatte es zuvor bestätigt, dass sie das Lebenszeichen Arktos‘ in sich gespürt hatte. Abermals leuchteten Evas Augen in einem hellblauen Licht auf und dieses Mal schien dieses sie zur Gänze zu umhüllen. Und dann glitt dieses Licht auch auf Arktos hinüber, dessen tiefblaues Gefieder schimmerte und ebenso aufleuchtete. Eine ungewöhnliche Wärme erfüllte die Luft, bis das Licht wieder erlosch. Es vergingen einige Sekunden, als dann die Augen des Wächters zuckten und dieser sich regte. Unter großem Zittern und Stöhnen richtete sich Arktos hoch. Und nun, da er sich zur vollen Größe aufrichtete, sahen alle mit bestürzten Gesichtern, wie abgerupft und mager Arktos war. Seine Federn hingen schlaff herunter und durch sie hindurch wurde erkennbar, dass sich sein Fleisch über seine Knochen spannte. Arktos Augen lagen tief in ihren Höhlen, doch funkelten sie wie Eiskristalle, als er erst die Umgebung, dann die Erkunder und dann zuletzt Eva ansah.

„Silena?“, sagte Arktos. Seine krächzte und es hatte den Anschein, als würde es den Wächter viel an Anstrengung kosten, seine Stimme zu gebrauchen.
„Nein“, sagte Eva, der die Tränen in den Augen standen. „Ich bin es, Arktos.“
„Eva?“, flüsterte der Wächter leise und trat ein paar Schritte auf sie zu. Er beugte seinen schmalen Kopf zu ihr hinunter, sodass sein Augenpaar auf gleicher Höhe mit dem ihren war. Dann ließen beide ihre Köpfe sanft gegeneinander fallen, worauf beide ihre Augen schlossen.
„Ich bin sehr froh darüber, dass es dir gut geht, Eva!“, hauchte Arktos kaum vernehmlich und über Evas Gesicht flossen stumme Tränen. Dann lösten sich beide voneinander und Arktos betrachtete Eva von allen Seiten.
„Sieh dich nur an … du siehst Silena wirklich ähnlich … wahrhaftig ihre Tochter, nicht nur im Aussehen …“
„Arktos …“, begann Eva und Angst ließ ihre Stimme zittern. „Ich muss dich jetzt schon fragen … meine Mutter … ist …?“
„Ah“, sagte Arktos langsam und sein Ausdruck war direkt leidend. Er trat ein paar Schritte von Eva zurück und blickte von ihr weg, als fühlte er sich nicht würdig, ihr in die Augen zu blicken.
„Eva … deine Mutter … sie ist … nun …“
Eva erwiderte nichts, sondern sie schloss die Augen. Stumm liefen Tränen über ihr Gesicht, doch als sie sprach, klang ihre Stimme gefasst, was Max sehr überraschte.
„Ich habe es irgendwie die ganze Zeit gespürt … spätestens seit ich hier oben angekommen bin und gesehen habe, dass sie nicht hier ist …“

Arktos blickte sie gequält an. Immer wieder verlagerte er ein Gewicht von einem Bein auf das andere und wirkte, als wäre auch er den Tränen nahe. Rose trat an Eva heran und legte behutsam einen Huf auf ihren Körper. Eva sank zu ihr hinab und schmiegte ihren Kopf an den von Rose, während sie weiterhin stumm weinte.
„Silena … deine Mutter … war immer darauf bedacht, jene zu beschützen, die sie liebte“, sagte Arktos mit schwerer Stimme. „Dich, ihre Tochter, und schließlich mich.“
Eva blickte auf und begegnete seinem Blick.
„Was genau ist vor fünf Jahren geschehen? Wieso hast du einen Teil deiner Kräfte auf mich übertragen?“

Vane scharrte angespannt mit seinen Füßen im Hintergrund. Arktos schien noch immer keine sonderliche Notiz von den restlichen Erkundern zu nehmen, da sein Augenmerk hauptsächlich Eva galt. Dann atmete er tief aus, als würde er sich für das folgende wappnen.
„Vor fünf Jahren näherte sich vom Meer eine … Präsenz, die ich noch zuvor gespürt habe. Selbst von hier oben, vom Gipfel aus, fühlte ich, dass jene Macht der meiner gleichkommen, gar übertreffen würde. Ich flog los, um dem Pokémon zu begegnen, dem diese Macht gehörte. Was ich dann gesehen habe, hat mich schlichtweg schockiert …“
Arktos hielt inne und Max spürte die Angst, die von ihm ausging und ihn ansteckte. Wenn selbst der Wächter so eine verspürte, was war es dann für ein Pokémon gewesen?
„Es war weniger das Ausmaß ihrer Macht, das mich entsetzte. Es waren jene Taten, die sie zu tun bereit war. Das Einfrieren der Garados, das Gefrieren des Ozeans ... und diese Entschlossenheit, das mir ebenso anzutun. Ich fürchtete zwar um mein Wohl, aber mehr um das Wohl derer, die mich verteidigen würden. Ich habe mein Bestes versucht, sie alle zum Gehen zu bewegen …“
„Hat nicht sonderlich geklappt!“, rief Pawo wütend von hinten. Arktos blickte verdutzt auf, als Pawo auf ihn zu robbte.
„Wir haben es nicht mal mitbekommen, dass du uns zum Gehen aufgefordert hast. Wir haben dich kein bisschen gesehen, während diese Hexe alle anderen eingefroren hat!“
Arktos blickte Pawo ziemlich lange an, bis er dann abermals den Kopf hängen ließ.
„Die Zeit … hat nicht mehr gereicht … ich habe unterschätzt, wie schnell diese Person auf dem Gipfel ankommen würde. Es hätte mir eigentlich klar sein sollen, denn sie brachte den ewigen Winter mit sich. Die Tundra und die Gefahren des Lawinenbergs würden ihr gewiss nichts antun!“
„Wo bist du dann hin?“, rief Pawo erbost aus. Arktos richtete seinen Blick auf und wandte sich an Eva, die bedeutungsvoll nickte.
„Du bist hierher zurückgekommen … du hast mich und meine Mutter getroffen und ihr gesagt, dass sie mich nehmen und sich verstecken soll …“, sagte Eva langsam, als würde ihr dies Wort für Wort enthüllt werden. Arktos nickte.
„Ich habe versucht, euch beide fortzuschicken, in der Hoffnung, dass ihr euch in Sicherheit bringt. Ich hätte dann versucht, alle anderen davon zu überzeugen, von der Firntundra zu verschwinden, doch …“
„Du hast die Hexe unterschätzt“, beendete Max, nachdem Arktos nicht mehr weitersprach. Er nickte mit geschlossenen Augen.
„Ich bin traurig, dass Baumblizz diese Person durchgelassen hatte. Aber letztlich überrascht es mich nicht, wenn er dabei an sein eigenes Leben dachte. Ich spürte sie immer näher kommen und ich ahnte, dass mir noch wenig Zeit mit euch beiden blieb …“

„Arktos … Her Wächter?“, sagte Rose mit rotem Gesicht. Arktos blickte erstaunt auf, als er auf die Weise angesprochen wurde.
„Wir haben uns zuvor gefragt … wieso Sie einen Teil ihrer Kraft in Eva versiegelt haben. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, diese zu behalten, wenn die Hexe so mächtig gewesen ist?“
„Vermutlich hätte dies meine Chancen gesteigert, aber das auch nur geringfügig …“, entgegnete Arktos leise, der Rose fest in die Augen blickte. „Du bist der Person nicht begegnet. Auch du hättest das Ausmaß ihrer Macht gespürt. Mir war von vorneherein klar, dass meine Kräfte der ihren unterlegen waren …“
„Obwohl du ein Wächter bist, der von Arceus quasi mit halbgöttlichen Kräften gesegnet wurde?“, rief Iro skeptisch aus. Abermals blickte Arktos auch ihm in die Augen. Generell schien ihm jetzt bewusst zu werden, wer noch mit Eva auf dem Gipfel war. Seine roten eingefallenen Augen fielen auf Max, dessen von Klingen befreiten Armen noch immer schmerzten, auf Jimmy, der erschöpft auf dem Boden saß, sowie auf alle anderen, die vom Kampf deutlich mitgenommen wirkten. Verdutzt blickte er Eva an.
„Wer sind eigentlich …?“
„Erkunder, die mich im Schneeschleierforst gerettet und mich bis hierher begleitet haben“, erklärte sie ihm. Sie warf Rose einen strahlenden Blick zu, ehe sie fortfuhr: „Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich mich entwickeln konnte.“
„Gerettet?“, hauchte Arktos schockiert. „Du warst doch nicht etwa in Gefahr?“

Hastig erklärte Eva ihm, wie Max und die anderen sie gefunden hatten. Auch Lucy und Jimmy hörten interessiert zu. Als sie endete, nickte Arktos langsam und schien in Überlegungen vertieft.
„Das würde erklären, warum Silena alleine hierher zurückgekommen war. Nachdem sie dich in Sicherheit wusste, wollte sie mir zu Hilfe kommen …“
Arktos stieß einen tiefen Seufzer aus und als er dann Eva wieder anblickte, glitzerten seine feuchten roten Augen. „Sie hat versucht, mich im Kampf gegen diese Person zu unterstützen … doch diese war zu mächtig, für uns beide …“
Arktos schloss die Augen und dicke Tränen fielen wie herabfallende Eiszapfen auf den Boden. Auch Evas Augen glänzten feucht, doch sie schaffte es, Haltung zu bewahren. Einige Male holte sie tief Luft, ehe sie Arktos‘ Blick suchte.
„Meine Mutter wollte dich beschützen, weil sie dich geliebt hat, Arktos … natürlich wollte sie verhindern, dass du von dieser Hexe eingesperrt wirst. Sie war, wie du es sagtest, eine mutige Frau, die sich selbstlos um jene kümmerte, die ihr wichtig waren …“

Eva bebte mit ihrem Körper und es schien ihr sehr viel Kraft zu kosten, nicht wie Arktos den Tränen nachzugeben. Rose trat an sie heran und legte ihr behutsam einen Huf auf ihren Körper. Eva schloss die Augen und atmete nach einer Weile wieder ruhiger aus.
„Ich könnte es verstehen, wenn du mich hassen würdest, Eva …“, sagte Arktos, der es vermied, ihr in die Augen zu blicken, und stattdessen beschämt auf den Boden blickte. Verdutzt starrte Eva ihn an, ehe sie den Kopf schüttelte.
„Da ich einen Teil deiner Kräfte erhalten habe, ist mir auch in gewisser Weise klargeworden, warum du selber nicht geflohen bist. Du tatest deine Pflicht als Wächter und hast den Kern des Lawinenbergs nicht im Stich gelassen.“
„Ja …“, erwiderte Arktos mit schwerer Stimme. „Ich habe mich, nachdem sich deine Mutter der Person in den Weg gestellt hat, kampflos ergeben. Sie hat mir frei heraus ihre Pläne mitgeteilt, dass sie meine Kraft dazu nutzen würde, um einen Fluch zu stärken, der den ewigen Winter bewirken würde. Ich habe mich freiwillig einsperren lassen, um dem entgegen zu wirken und auf die Weise, wie ich hoffte, wertvolle Zeit zu gewinnen. Die Kraft, die ich dir habe zukommen lassen, sollte währenddessen reifen, sodass du in der Lage gewesen wärst, den Fluch vom Lawinenberg zu nehmen und mich zu befreien. Und dann-“

„Du tatest das der Tochter derer an, die dich dich geliebt hat?!“, rief Rose zornig aus. Max war erschrocken darüber, wie sich vor Wut ihr Gesicht verzerrte und dass sie jeglichen Respekt vor Arktos verloren hatte.
„Hattest du auch nur eine Sekunde daran gedacht, wie sich Eva fühlen würde? Hast du sie letzten Endes nur als … als … Instrument deiner Befreiung missbraucht?“
Max hatte erwartet, dass Arktos sein Vorgehen verteidigen würde, doch es überraschte ihn, dass dieser den Kopf sinken ließ und dass abermals Tränen, die wie Eissplitter glitzerten, zu Boden fielen.
„Ich wusste in meiner Not nicht mehr weiter … mir war klar, dass es für den Lawinenberg und irgendwann auch für die Welt das Ende bedeutet hätte, wenn meine gesamte Kraft versiegelt worden wäre. Dass ich zum Zeitpunkt meines Einfrierens einen Teil dieser sicher in Eva verwahrt wusste, gab mir einen Funken Hoffnung, der mir auch immer wieder Kraft gegeben hat, mich dem Fortschreiten des Fluches zu widersetzen.
Doch mir ist auch bewusst, welche Bürde ich dir auferlegt habe, Eva. Du warst so klein und jung und wusstest nicht im Geringsten über das Ausmaß meiner Entscheidungen Bescheid. Und doch hast du es nach so langer Zeit vollbracht … deine Mutter wäre sehr-“
„Sie wäre schockiert darüber gewesen, was du Eva aufgezwungen …“, fuhr Rose ihn an, doch sie verstummte angesichts des Blickes, den Eva ihr zuwarf. Bestimmtheit und Strenge lag in ihm und Rose verstummte und trat etwas zurück.
„Meine Mutter hätte es verstanden, auch wenn sie sich gewiss Sorgen gemacht hätte …“, erklärte Eva ihr dann ruhig. Sie seufzte und blickte dann wieder zu Arktos auf: „Sie wusste, wie wichtig dir deine Aufgabe als Wächter des Lawinenbergs war und vermutlich hat sie deswegen nichts gesagt, als du einen Teil deiner Kraft in mich gelegt hast…“

„Eva? Kannst du mir verzeihen, dass ich nicht mächtig genug war, um dich und deine Mutter zu beschützen?“
„Arktos …“, sagte Eva bestimmt, „natürlich verzeihe ich dir … auch wenn es nicht leichter dadurch ist …“, und dieses Mal gab sie unter den aufgestauten Tränen und schluchzte heftig. Wieder legte Rose ihr tröstend einen Huf auf den Körper, worauf sich Eva ihr zuwandte und ihren schönen Kopf in Roses Brust vergrub.
„Klingt alles schön und gut!“, rief Pawo verärgert aus. Die Blicke der anderen und des Wächters ruhten nun auf ihm.
„Was ist mit jenen, die von der Hexe eingefroren wurden? Ich hoffe, du hast einen Plan, diese zu befreien?“
„Ah ja“, sagte Arktos langsam, nachdem er Pawo eine Weile lang betrachtet hatte. „Du hast auch schwere Verluste erlitten nicht wahr, kleines Jurob?“
„Du hast keine Ahnung …“, sagte Pawo, dessen Wut bei der Erwähnung besagten Verlustes zu verfliegen schien. Auf seine betrübte Miene hin nickte Arktos ihm zu und das erste Mal lag so etwas wie Aufmunterung in seinen Augen: „Jene, die durch die Hexe eingefroren wurden, die Garados sowie das Meer um die Tundra, werden bald wieder vom Eis befreit sein, das sie umgibt. Ich werde mich direkt darum kümmern. Zuerst aber …“

Nun wandte sich Arktos gänzlich an die Erkunder, wobei er jeden einzelnen von ihnen interessiert musterte.
„Euch bin ich zum Dank verpflichtet, dass ihr nicht nur Eva gerettet, sondern auch zu meiner Befreiung beigetragen habt. Doch ich muss mich schon wundern … ihr seid nicht deswegen hierher gekommen, oder?“
„Nicht direkt deswegen, Wächter Arktos“, meldete sich Lucy und trat vor. Arktos musterte sie interessiert, während sie sprach:
„Ich wurde von meiner Erkunder-Gilde ausgesandt, um die Störungen zu untersuchen, die seit einigen Jahren vom Lawinenberg ausgehen. Weil aufgrund der Strömungen, Klippen und anderen Eisbiestern ein anderes Eindringen in die Firntundra nicht möglich war, habe ich mich mit den anderen hier über den Schlangenpass geschlagen. Erst durch Eva wurde mir die Ursache dieser Störungen bewusst. Und ich bin froh sagen zu können, dass diese Mission – für mich jedenfalls – ein voller Erfolg war. Denn“, und sie schloss die Augen und lächelte dann nach einigen Sekunden, „die Aura um diesen Berg ist nicht mehr von Finsternis umgeben. Sie ist wieder rein geworden.“
„Wir haben dir eine Menge zu verdanken!“, bestätigte Jimmy ihr, doch sie schüttelte den Kopf, als sie sich ihm zuwandte: „Wir alle haben unseren gleichwertigen Beitrag geleistet!“
„So wie ihr alle ausseht, habt ihr alle gleichermaßen gelitten …“, entgegnete Arktos, der sie alle musterte. „Seid ihr denn alle aus demselben Grund hierher gekommen?“

Max, Jimmy und Iro wechselten Blicke. Auch spürte Max die Blicke von Shadow und den anderen des Team Sternenjägers auf sich ruhen. Doch schließlich stimmte es, denn ihr Auftrag war der Grund, weswegen sie überhaupt all diese Strapazen auf sich genommen hatten. In Gedanken an Iros gebrochenem rechten Arm, ihre Trennung, die Angriffe der Garados sowie den Kampf mit jenem namenlosen Feind schritt Max auf die Tasche zu, die er vor Beginn des Kampfes nahe einem Felsen gelegt hatte. Er griff in diese hinein und holte jenen Orb hervor, den Mew ihnen mitgegeben hatte. Als er ihn in die Hand nahm, spürte er eine seltsame Aura und Wärme von diesem ausgehen, die die Spitzen seiner Finger erfüllte. Mit dem Orb in der Hand trat er unter den schweigsamen Blicken der anderen an Arktos heran und hielt den Orb hoch:
„Mew hat uns geschickt. Wir sollen dir von der Rückkehr des Dämons Kyurem berichten, die in einem Jahr geschehen wird.“

Arktos hätte eigentlich überrascht sein sollen, dass Max und die anderen von Kyurem und Mew wussten. Doch Arktos wirkte nicht überrascht. Vielmehr erfüllten Zeichen tieferer Trauer seine eingefallenen Gesichtszüge und schließlich seufzte Arktos laut auf: „Ich habe es geahnt, dass Urdra zurückkehren wird … doch so bald also …“
„Wer?“, fragte Jimmy verwirrt. Arktos blickte ihm in die Augen, dann verlor sich sein Blick in den Himmel, der immer heller wurde.
„Urdra, mein Bruder von vor so langer Zeit. Er hat einst mir und den anderen Wächtern geschworen, dass er eines Tages zurückkehren würde, um Rache an uns zu nehmen. Und er war immer gut darin, seine Versprechen einzuhalten …“
„Du … also …“, begann Jimmy zaghaft und suchte Hilfe bei den anderen. „Du kanntest ihn also?“
„Natürlich kannte ich ihn … er war der ältere Bruder von uns allen. Einzig Mew war der Erstgeborene. Immer waren wir alle seine Brüderchen beziehungsweise Schwesterchen …“
Arktos lachte auf und zum ersten Mal funkelten seine Augen vor Glückseligkeit.
„Ray und Heaty hat das gar nicht gefallen, während Don, Kya oder Tina damit vollkommen entspannt umgingen. Und Urdra war eifrig darum bemüht, als Zweitgeborener es Mew in Sachen Verantwortung und Fähigkeiten gleich zu machen. Insbesondere in der Zeit, als unser Vater, Arceus, damit begann, Hüter der Welt zu ernennen…“
Arktos hielt inne. Das Funkeln erlosch schlagartig und seine Stimme füllte sich wieder mit Trauer und Bedauern. Er ließ den Kopf sinken und fuhr, dem Boden zugewandt, fort:
„Urdra war in der festen Erwartung, dass auch er wie Mew und die anderen zu einem Hüter der Welt ernannt werden würde. Als dann der Zeitpunkt kam, einen Hüter des Winters zu ernennen, war Urdra, der sehr begabt mit den Kräften des Eises war, sehr davon überzeugt, dass er ausgewählt werden würde. Doch dann fiel die Entscheidung unseres Vaters auf mich …“
„Kyurem hätte ein Hüter werden können?“, platzte es aus Jimmy heraus. Iro zischte und Jimmy verstummte schlagartig. Die anderen ließen sich nicht davon stören, so auch Arktos.
„Ich kann es bis heute nicht verstehen, wieso Vater mich für diese Aufgabe auserkoren hat … ich war der Jüngste von uns, meine Kräfte waren im Vergleich zu denen Urdras ein Witz … und dennoch glaubte Vater wohl, ich sei der Aufgabe eher gewachsen als Urdra …“
„Warst du das letztlich nicht?“, warf Max ein. „Die Welt ist kein Schneeball geworden in der Zeit, in dem du der Wächter warst.“
Arktos druckste und auch Max lächelte schwach über seinen Witz.
„War ich tatsächlich besser geeignet? Hätte Urdra nicht jener Einhalt gebieten können, die mich in das eisige Gefängnis gesperrt hat? Ich wage zu behaupten, dass Urdra kurzen Prozess mit ihr gemacht hätte, hätte sie ihn statt mich bedroht…“
„Aber dennoch …“, versuchte Max einzuwerfen, doch Arktos hob einen seiner mächtigen Flügel, die trotz des Morgengrauens schimmerten, als würden sie von der Sonne angestrahlt werden.
„Ich wollte mich damals beweisen, dass ich der Aufgabe gewachsen war. Ich wollte beweisen, dass ich nicht so schwach war, wie es den Anschein hatte!“
Max hörte, wie Jimmy nervös mit den Füßen scharrte.
„Ich hätte aber mehr auf Urdra achten sollen … mir war sofort klar, dass er genauso wie ich überrascht über Vaters Wahl, aber auch genauso enttäuscht und zornig gewesen war. Ich hätte Vater davon überzeugen sollen, dass er doch Urdra statt mich zum Hüter ernennen soll, doch er ließ sich in seiner Entscheidung nicht beirren. Und dann …“
Arktos stockte und schloss die Augen. Als er fortfuhr lag Bitterkeit in seinen Worten:
„Wenn ihr von Mew und Kyurem wisst, dann wisst ihr auch, was danach passiert ist. Urdra hat das Paradies verlassen und irgendwo außerhalb ist er zu dem Dämon Kyurem geworden. Als er dann zurückkehrte, mussten ich und die anderen Hüter ihn in seiner Rage aufhalten. Bis wir uns aber entgegen aller Gegensätze formiert hatten, hatte Kyurem bereits mehrere Seelen unserer Mit-Pokémon verzehrt und war immer stärker geworden. Erst mit Vaters Hilfe konnten wir ihn verbannen und wir alle hofften, dass es damit erledigt war. Doch ich habe immer geahnt, dass er zurückkommen würde … doch wie und warum? Darauf habe ich keine Antwort …“
„Hast du nicht?“, fragte Max. Betreten schüttelte Arktos den Kopf.
„Es würde mich nicht wundern, wenn Kyurems Zorn auf die Wächter, insbesondere auf mich, diese Rückkehr ihm ermöglichen würde …“
„Hast du …“, begann Rose nun zaghaft. „Hast du … Angst, deinem Bruder … Kyurem … wieder zu begegnen?“
Eine Weile lang starrte Arktos sie an. Dann schloss er die Augen und holte tief Luft, als würde er sich zu einem unangenehmen Entschluss durchringen.
„Wenn Kyurem tatsächlich droht zurückzukommen, muss dies verhindert werden. Andernfalls wäre der Schaden, der durch ihn entstehen würde, zu groß, als dass sich je wieder ein Gleichgewicht der Welt einstellen könnte!“
„Was würde genau passieren, wenn Kyurem nicht aufgehalten werden könnte?“, meldete sich Lucy. Arktos begegnete ernst ihrem Blick.
„Nicht nur, dass Kyurem der Hunger nach Seelen treibt, die er sich von den Unschuldigen einverleiben würde, sondern auch das Böse in den Herzen der Pokémon würde durch seine Anwesenheit genährt werden. Auf der einen Seiten seelenlose Hüllen von Pokémon vor sich hin existieren, während andere dem Dämon dabei behilflich wären, die Welt, wie wir sie kennen, zu zerstören.“

„Wäre es dann nicht besser, dass du die anderen Wächter sofort benachrichtigst?“
Jimmy brachte diesen Vorschlag mit dem Versuch eines Lächelns, das aber sofort erlosch, als Arktos ihn betrübt anblickte.
„Dafür fehlt mir zum einen die Kraft. Die Gefangenschaft der letzten fünf Jahre hat mich sehr geschwächt, ich hoffe du verstehst … Und selbst wenn ich diese Kraft hätte, könnte ich nicht viel bewirken.“
„Wie meinst du das?“, fragte Max mit ungutem Gefühl.
„Es ist unüblich, dass sich die Sphären der Wächter überschneiden. Das letzte Mal, vor fast zweitausend Jahren, mussten Don und Kya, für euch also Groudon und Kyogre, in einen tiefen Schlaf versetzt werden. Ihre Streitigkeiten hätten beinahe genauso die Welt zerstört wie Kyurems Anwesenheit es tun würde. Auch Rayquaza ist seitdem verschwunden und ich weiß nicht, was aus ihnen seither geworden ist. Heatran zollt mir, dem jüngsten der Wächter, keinen Respekt, weswegen ich auch nicht einfach ihn besuchen kann. Und was Mew betrifft …“
„Mew haben wir bereits getroffen!“, erinnerte Max ihn. Arktos Miene hellte sich, als er den Orb in Max‘ Hand betrachtete.
„Ah ja! Ich spüre auch seine Macht in diesem Orb. Es wundert mich nicht, dass Mew von Kyurems Rückkehr Bescheid weiß. Seine psychischen Kräfte waren immer schon sehr fein ausgeprägt und ihn hat die Verbannung unseres Bruders genauso hart getroffen.“
„Wenn also drei der Wächter verschwunden sind“, zählte Shadow an seinen dunklen Fingern ab, „und ein anderer gerade nicht erreichbar ist, während ein Wächter, dieser Mew, schon aufgesucht wurde … was ist dann mit dem siebten Wächter?“
„Du meinst Tina?“

Die Erkunder blickten sich verdutzt an, als Arktos den Namen aussprach, als wäre dieser selbstverständlich.
„Verzeiht!“, sagte Arktos mit dem Anflug eines Schmunzelns, das seine trüben Augen kurz erhellte. „Ich meinte Giratina, die Wächterin über das Grundgerüst der Welt. Und tatsächlich wäre sie diejenige, die von alle Wächtern am bequemsten zu erreichen ist. Sie residiert in der Weltenschlucht und ich versichere euch, dass diese-“
„Die Weltenschlucht?“, rief Shadow überrascht aus. Alle Blicke ruhten auf ihm. Ein Lächeln fuhr über sein schattenhaftes Gesicht: „Sie lässt sich in der Tat kaum verfehlen, sie zieht eine breite Schneise durch Ekunda.“
„Das ist die Weltenschlucht?“, erkundigte sich Jimmy, der zum Beutel geeilt war und die Karte herausholte, die er auffaltete: „Die ist aber hier unbenannt!“
„Glaub‘ mir“, sagte Shadow mit einem Lächeln. „Jeder, in der Nähe von Großschatzstadt wohnt, kennt diese bei ihrem Namen. Sie ist berüchtigt! Angeblich auch dafür, dass Pokémon in deren Höhle hineingehen und dann auf nimmer Wiedersehen verschwunden sind!“
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