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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
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03.08.2021 4.008
 
„Du kennst einen sicheren Weg zum und auf den Lawinenberg?“, fragte Emil und beäugte die kleine Raupe argwöhnisch. Diese blickte mit aufgeregtem Funkeln in ihren schwarzen Knopfaugen zurück: „Oh ja! Wie ich schon sagte, meine Mami hat mir von diesem Weg erzählt! Natürlich …“, und verlegen ließ sie den Kopf hängen, „müssen wir ein kleines Stück durch die Tundra und ich kann mir denken, dass es für euch kein Zuckerschlecken wird.“

Ihr Blick huschte zu Max, der auch verstand. Als Pflanzen-Pokémon würde er Schnee und Eis am allerwenigsten vertragen. Fast automatisch zog er darauf das Hitzeband enger um seinen Hals. Doch Emil schien nicht zufrieden mit der Antwort der Raupe.
„Du sagtest, deine Mutter ist hoch zum Lawinenberg, um den Wächter dabei zu helfen, das Böse abzuwehren? Ich würde denken, der Wächter wäre stark genug, um sich mit den Eindringlingen zu befassen, meinst du nicht?“     
„Das weiß ich nicht so genau …“, gab die Raupe zu. „Ich habe ihn nur einmal im Leben gesehen. Arktos – das ist sein Name – ist sehr nett. Er summt gerne Lieder vor sich hin. Meine Mami bezeichnete ihn hin und wieder als einen alten seltsamen Kauz, und ich finde dass der Name passt. Aber dass er ein Wächter ist, müsste doch eigentlich heißen, dass er stark ist, oder?“
„Das frage ich dich“, entgegnete Emil und kratzte sich nachdenklich am Hals. „Wenn sie aber dem Wächter helfen will, wieso hat man auch nach dir gesucht? Schließlich ging die Gefahr für diese Eindringlinge von deiner Mutter aus, da sie offenbar auch recht stark zu sein scheint …“
„Sie ist sehr stark und das wirst du noch sehen!“, rief die Raupe entrüstet aus, während Tränen in ihren Augen glitzerten. Rose trat heran, warf Emil einen verärgerten Blick zu und wandte sich der Raupe zu: „Sag mal, Kleines … wie ist dein Name eigentlich?“
„Oh, habe ich den noch gar nicht gesagt? Ich heiße Eva!“, sagte die Raupe erstaunt und wandte sich rasch den anderen zu. Auch sie stellten sich der Reihe nach vor, auch Emil, wenn er dies auch recht zögerlich tat. Es war offensichtlich, dass er skeptisch blieb. Max erinnerte sich an die Worte, die Emil ihm in der Schädelwüste mitgeteilt hatte: Halte dich immer für das Schlimmste bereit und du wirst aufs Neue immer wieder überrascht. Hatte Emil etwa damit gemeint, dass man nicht sofort Vertrauen zu Pokémon finden sollte, die man erst getroffen hat? Max blickte zur Raupe und er fand, dass von ihr keine Gefahr ausging, geschweige denn könnte.
„Kommt schon!“, rief Eva aufgeregt aus und sie nahm Roses Angebot an, auf ihre Schulter zu krabbeln, um so von ihr getragen zu werden. Rose schauerte, als Eva mit ihrer eisigen Unterhälfte an ihr haften blieb. „Je eher wir losgehen, desto eher treffen wir auf meine Mami und den Wächter!“
Sie zuckte mit ihrem Kopf in die Richtung, in die die Erkunder gehen sollten. Sie alle blickten sich an und kamen stumm zu der Übereinkunft, dass sie Eva als Wegführerin vertrauen würden. Während sie von der Stelle traten und sich erneut den Weg durch den Wald bahnten, sah Max, wie Emil mit wachsamen Blick auf Eva und auf die Umgebung seine Klappen geöffnet ließ, bereit zum Schießen, wenn dies erforderlich war.

Auch mit Hitzeband waren die Winde der Firntundra eiskalt und bissen auf die Haut. Auch die anderen hatten sichtlich mit ihnen zu kämpfen. Iro hielt seinen gesunden Arm vor die Stirn und ging leicht gebeugt, sodass die harten Schneeflocken nicht gegen seine Augen schlugen. Bei Shadow, Vane, Emil und Rose sah es nicht anders aus, nur Eva wirkte recht munter, auch wenn Max nicht viel von ihr in dem Schneegestöber ausmachen konnte.
Er blickte hoch. Es war kaum auszumachen, ob dieses endlose Grau entweder den Himmel, Wolken oder doch nur einen Nebel darstellte, der die gesamte Tundra zu umhüllen schien. In dem Moment war Max froh, dass sie in Eva eine Einheimische gefunden hatten, die sich tatsächlich auskannte. Sie selber hätten sich ohne Karte bestimmt leicht verlaufen. Sie, auf Roses Schulter sitzend, führte die Gruppe an und rief der Miltank entgegen dem lauten Heulen des Windes die Richtung zu, wenn sie etwas von der abwichen. Wie schon in der Schädelwüste stellte sich das Waten durch den Schnee ebenso als eine Herausforderung heraus. Max fragte sich fast aus Reflex, wie Jimmy sich durch diesen geschlagen hätte. Und obwohl der Gedanke an ihn Max‘ Herzen einen Stich versetzte, spürte Max doch, wie er dieses Mal weniger verzweifelt wurde.
Der Gedanke, dass es Jimmy gut ginge und er sich in guter Begleitung befand, wie Shadow es beschrieben hatte, beruhigte Max und auch wenn die Schädelwüste ein lebensfeindlicher Ort war: Max glaubte, dass Jimmy es in dieser wesentlich besser hatte als er in der Tundra. Als Feuer-Pokémon müsste sich Jimmy in wärmeren Umgebungen auch besser fühlen als in kälteren.
Max schüttelte den Kopf. Es war nicht der Zeitpunkt, an Jimmy zu denken, während er seine Energie und Konzentration darauf ausrichten musste, nicht die anderen aus dem Blick zu verlieren. Er konnte nur hoffen, dass keiner in dem Schneesturm verloren ging. Erneut dachte er an Jimmy und wie ein Sandsturm ihn von Max und Iro getrennt hatte. In dem Moment schoss Max ein erschreckender Gedanke durch den Kopf: Was, wenn die Firntundra genauso beschaffen war? Schneestürme, die sie von A nach B und von dort nach C teleportieren würden? Doch Eva hätte etwas gesagt, wenn dem so wäre, oder nicht? Andererseits, wenn sie schon vergaß, sich vorzustellen …

Doch zum Glück bewahrheiten Max‘ Sorgen nicht. Als Eva nach einer halben Stunde, die sich wie eine volle angefühlt hatte, laut „Wir sind da“ rief, blickte Max mit zusammengekniffenen Augen in die Gegend vor ihnen. Langsam schälte sich aus dem Nebel das mit grauen Steinen belegte Ufer eines Sees, der sich zugefrorenen in die weitere Tundra erstreckte. Während sich nach links dieses Ufer im Nebel verlor, befand sich rechts eine Art Pfad, der tiefer führte. Als sie diesen eine Weile beschritten hatten, sah Max, dass sie von beiden Seiten von Felsen umgeben waren, die sich immer höher auftürmte. Der Wind heulte nun oberhalb dieser Felsen und schlug ihnen nicht mehr entgegen, sodass sie endlich wieder sich gegenseitig hören konnten. Shadow stieß einen Freudenschrei aus und warf sich auf den Boden.     
„Fester Boden!“, rief er mit Betonung auf das erste Wort aus und verschwand in diesen, nur um gleich darauf aus diesem wieder hervorzutreten: „Dieser Schnee war einfach unerträglich zum Begehen! Ich bin gerade über jedes Flecken fester Erde richtig froh!“     
„Sicher, dass du uns nicht alle in deinem Schatten hättest mitnehmen können?“, funkelte ihn Rose erschöpft keuchend und argwöhnisch an. Das Gengar schüttelte den Kopf: „Ihr wisst ja, wie kühl es in meinem Schatten werden kann. Hätte ich euch in meinen Schatten gepackt, wäret ihr alle schockgefroren gewesen, denn der Schattenraum passt sich den Außentemperaturen an. Die Wüste war kein Problem, aber so ein bitterkalter Schnee wie hier …“

„Geht es hier zur Abkürzung, von der du uns erzählt hast?“, rief Emil über das freudige Schluchzen von Shadow hinweg und wandte sich damit an Eva, die sich auf Roses Schulter umdrehte und eifrig nickte.
„Genau! Wobei …“, und Sorge trat in ihr Gesicht. „Normalerweise ist der See nicht zugefroren. Jetzt denke ich mir gerade, dass man auch durchaus über diesen laufen könnte …“
„Was wäre die Alternative?“, warf Vane neugierig ein.
„Ein paar Schritte weiter befindet sich der Eingang zu einer Höhle, die den kompletten See umgeht“, erklärte Eva ihm. „Für jene Pokémon, die keine guten Schwimmer sind, hat man einen Weg durch den kleinen Berg gegraben, den wir gleich sehen werden. Der Eingang ist gleich da vorne um die Ecke!“
„Das ist mir ehrlich gesagt auch lieber, wenn wir durch die Höhle gehen“, sagte Max mit erleichtertem Lächeln und wandte sich an Iro: „Je weniger wir diese scharfen Winde ertragen müssen, umso besser.
Iro, alles in Ordnung?“
Iros Blick hatte sich verengt und konzentriert blickte der Alligator zu Boden. Dann hob er seinen Arm und gebot alle zu schweigen.
„Hört doch mal …“, sagte er langsam, als die anderen ihn verdutzt anblickten. Sie horchten in die Luft, in der nur leise das Heulen von oberhalb widerhallte.

Dann hörten sie es. Eine Art Klicken, das durch die Luft echote und aus der Ecke vor ihnen kam. Und dann ertönte es wenige Sekunden später erneut und dieses Mal klang es, als würde etwas dadurch brechen. Der Verursacher des Klickens ließ sich nicht davon stören und fuhr unbeirrt fort. Eine Weile lang horchten sie dem Geräusch und stumm sahen sie sich an. Wie sollten sie vorgehen? Und was war es für ein Wesen, das dieses Geräusch verursachte?
Sie beschlossen, Kampfstellung einzunehmen. Emil ließ seine Kanonen hervorschnellen, Iro und Vane ballten die Fäuste und Max hatte eine Laubklinge im Anschlag. Langsam näherten sie sich der Ecke und wollten um diese blicken, doch Eva sprang ohne viel Federlesen von Roses Schulter an, sobald sie nahe genug dafür waren, um die Ecke zu blicken. Sie plumpste auf den Boden und das Klicken erstarb. Dann – und die anderen blickten sich entsetzt an – rief Eva munter aus: „Hallo!“
Sie hatten nur eine Sekunde Zeit zum Reagieren. Max preschte nach vorne und schnappte sich Eva, während Emil so schnell um die Ecke huschte wie er konnte. Von ihm als auch von weiter vorne leuchteten helle, azurfarbene Blitze auf, die aufeinander zuschossen. Sie trafen aufeinander und eine Welle von Kälte goss sich über die Erkunder. Die Blitze prallten dann unter dem Geräusch von zerbrechendem Eis voneinander ab und schlugen auf den Felswänden links und rechts von ihnen ein. Dort, wo die Blitze eingeschlagen waren, formten sich jäh Eiskristalle, die spitz vom Stein ragten.
„Himmel!“, kam es von vorne. „Ihr habt mich erschrocken! Ich dachte schon, diese Eisbiester würden mich gleich überfallen!“

Ein seltsam geformter Schatten robbte durch den leichten Nebel auf sie zu. Und das war eine sprichwörtliche Beschreibung, denn ein robbenartiges Pokémon mit weißem Fell und einem kleinen Horn auf dem Kopf kam auf sie zu. In dessen braunen Augen lag sowohl Neugier als auch Argwohn und es sah sich die Ankömmlinge genau an. Ein paar Sekunden länger ruhte dann sein Blick auf Eva und das Jurob schnaubte ungläubig: „Du hast vielleicht Nerven, hier im Feindesland Hallo zu rufen! Wer seid ihr überhaupt?“
„Feindesland?“, entgegnete Eva in Max‘ Armen überrascht. „Seit wann ist der Eismond-See Feindesland?“     
„Seit wa-?“, prustete das Jurob und sah Eva perplex an: „Du fragst ernsthaft, seit wann die ganze Firntundra Feindesland ist?“
„Die ganze Tundra?“, rief Eva sichtlich entrüstet aus. Sie und das Jurob blickten sich eine Weile verdutzt an, dann verengte sich dessen Blick und es wandte sich den anderen zu: „Auch, wenn ihr keine Eisbiester seid, seid ihr dennoch schlechte Pokémon? Ich kann mich wehren, damit ihr Bescheid wisst!“
„Wir sind keine“, antwortete Emil trocken und sah sich die Stellen, auf die die Eisstrahlen getroffenen waren. Sein Mund verzog sich: „Du wolltest die Eisbiester mit einem Eisstrahl aufhalten?“
„Zumindest festsetzen, bis ich sie mit meinem Horn zerschmettert hätte!“, entgegnete das Jurob, welches beleidigt über Emils Anmerkung wirkte. Max fiel auf, dass das Horn recht stumpf und eine Spur zu kurz war. Er hatte die Art der Jurob schon einmal gesehen und im Vergleich zu den vorherigen wirkte dieses eher mager und kümmerlich. Max ließ seinen Blick auf die Stelle gleiten, von der es auf sie zu gerobbt kam. Kaum durch den Nebel erkennbar erkannte Max die schattigen Umrisse eines großen Berges und am Ende des Pfades konnte er schwach schimmerndes Eis erkennen, das sich wie ein Felsen vor einem Höhleneingang aufbaute.
„Einfach nur verdammt!“, grummelte die Robbe, als sie ihren Blick ebenso zu dem Eis gleiten ließ. „Es dauert Monate, bis ich mich durch dieses Eis gebohrt habe!“
„Aber seit wann …“, meldete sich Eva bedrückt zu Wort. Sie suchte den Blick des Jurobs, räusperte sich und fuhr dann mit kräftigerer Stimme fort: „Ich kann mich nicht erinnern, dass die Firntundra so komplett zugefroren ist. Seit wann ist das denn so?“
„Du bist doch von hier, oder nicht?“, bemerkte das Jurob scharf und blickte Eva an. „Wie kann es sein, dass du von all dem Mist nichts mitbekommen hast?“
„Ich habe … nun …“, antwortete Eva mit verlegener Röte im Gesicht. „Ich habe geschlafen in der Zeit …“
„Fünf Jahre lang?“, prustete die Robbe ungläubig und klatschte den hinteren Teil ihres Körpers auf den Boden. „Du willst mir ernsthaft erzählen, dass du fünf Jahre einfach verschlafen hast, während diese Hexe hier rumgewütet hat?“

„Hexe?“, meldete sich Rose dazwischen und auch Eva blickte verdutzt auf. Aus irgendeinem Grund spürte Max, wie es sich bei der Hexe um ein sehr mächtiges Pokémon handeln musste. Er dachte zurück an die Garados, die eingefroren aus einem zu Eis erstarrtem Meer herausragten, und an jene geisterhaft leuchtenden Augen der Eiseule, die sie zuvor beobachtet hatte.
„Noch eine sehr mächtige dazu“, erklärte das Jurob und Max hörte, wie Angst und auch Wut dessen Stimme belegte. „Ich habe sie vor fünf Jahren nur aus der Ferne gesehen, wie sie den See überschritten hat. Ich würde es euch nicht verübeln, wenn ihr es nicht glauben würdet, doch sie hat diesen in nur wenigen Sekunden zu Eis erstarren lassen. Wie ich auch direkt darauf erfahren habe, hat sie dies mit dem gesamten Meer rund um die Tundra gemacht. Die Pokémon im See und im Meer …“, und das Jurob brach ab. Es schloss fest die Augen und neigte seinen Kopf nach unten. Sein ganzer Körper fing an zu beben und ein langgezogener Schluchzer erklang.
„Darunter waren auch einiger meiner Freunde und Familie. Sie sind nun alle zu Eis erstarrt! Und die wenigen, die dem entgangen waren, wollten sie aus der Mitte des Sees befreien … bis dann dieses … riesige tentakelartige Vieh aus Eis sie alle …“, und wütend stieß es sein Horn in den Boden und die Erkunder traten erschrocken einen Schritt zurück. Das Jurob blickte zornig auf und in Evas Gesicht: „Wie hast du von all dem nichts mitbekommen können? Wo warst du denn, als diese Eisbiester in die Firntundra eingefallen sind?“
„Ich wurde von meiner Mami versteckt“, entgegnete Eva trotzig aber sichtlich bestürzt über diese Erzählung. „Sie wollte mich in Sicherheit wissen, während sie dem Wächter Arktos zur Hilfe eilen wollte.“
„Der Wächter!“, rief das Jurob hysterisch aus. „Der Wächter ist tot! Oder warum sonst hat sich nach fünf Jahren noch immer nichts geändert?“

Eine eisige Kälte breitete sich zwischen ihnen aus, die jenseits von der Firntundra kam. Max spürte, wie der Boden drohte, unter seinen Füßen weggerissen zu werden. Der Wächter war tot? Das konnte doch nicht sein! Immerhin war der Wächter Arktos doch so etwas wie ein Halbgott, der Kräfte von Arceus selbst erhalten hatte. Und so ein Pokémon sollte jetzt tot sein? Er erinnerte sich dann, dass Lashon ihnen erzählt hatte, dass die Wächter zwar nicht durch Alter oder Krankheiten sterben, aber trotzdem noch immer getötet werden konnten. Auch bei Iro sah Max, dass dieser mit versteinertem Gesicht die Robbe anblickte.

„Der Wächter … tot?“, hauchte Rose entsetzt und suchte die Blicke der anderen, als würde sie hoffen, dass irgendeiner von ihnen ihr widersprechen mochte. Dann setzte sie sich wankend auf einen Stein, der in ihrer Nähe war. Eva, die starr vor Entsetzen auf Roses Schultern saß, sah danach aus, als würde ihr das Leben mit jeder Sekunde aus dem Körper weichen.
Dann sprach sie wieder, und ihre Stimme war kaum noch zu vernehmen, denn sie zitterte heftig: „Du … das kann … das kann nicht sein! Der Wächter … kann nicht tot sein! Meine Mami …“
„Wenn sie dem Wächter wirklich zur Hilfe eilen wollte, dann ist sie wahrscheinlich auch tot!“, setzte das Jurob mit vor Wut und Trauer verzerrtem Gesicht nach. „Und ganz ehrlich, ich hoffe es! Denn wenn sie beide uns alle im Stich gelassen haben, dann-“
„WEDER MEINE MAMI NOCH DER WÄCHTER HABEN IRGENDWEN IM STICH GELASSEN!“, brach Eva nun so laut aus, dass ihre Stimme mehrfach und nicht weniger laut von den Wänden widerhallte. „UND TOT SIND SIE AUCH NICHT!“
Trotzig blickte das Jurob sie an, dann schnaubte es: „Du hast ja gepennt, du hast nicht mitbekommen, wie diese Hexe … alles hier auf den Kopf gestellt hat. Kaum war sie über den See in Richtung des Lawinenbergs, kehrte sie nach nur wenigen Stunden wieder zurück, vollkommen unversehrt. Es sah nicht danach aus, als hätte sie sich mit dem Wächter und mit deiner Mutter einen großen Kampf geleistet … wenn es für sie überhaupt einer war …“

„Als ob es ein Pokémon gäbe, das es unbeschadet mit einem Wächter plus Unterstützung aufnehmen könnte“, stieß Shadow mit einem gezwungenen Kichern hervor. „Ich meine …“, doch als er dem Blick des Jurobs begegnete, versagte ihm die Stimme.
Langsam schüttelte das Jurob den Kopf: „Bei dem, was ich gesehen habe … bezweifle ich, dass das überhaupt noch ein Pokémon war … allein ihre Präsenz war … unbeschreiblich ... und so bedrückend …“
Wieder breitete sich Stille, die nur von Evas „Es kann nicht sein … es kann einfach nicht sein …“-Geflüster unterbrochen wurde.

Max spürte Iros große Hand auf seiner Schulter. Er wandte sich um und sah, wie Iro mit dem Kopf nach hinten ruckte. Max verstand und sie entfernten sich von den anderen, doch spürte Max Emils und Shadows Blick ihnen folgen.
„Was meinst du, Max?“, fing Iro an und Max verstand, worauf er hinauswollte.
„Ich will es ebenso wenig wahrhaben, doch es sind fünf Jahre vergangen … Vielleicht …“
„Heißt das dann, wir haben den ganzen Weg, all die Strapazen, all die Gefahren für nichts erdulden müssen?“, fragte Iro düster und Max fiel darauf keine Antwort ein. Der Gedanke, dass sie von Jimmy getrennt wurden, dass sie mehrmals fast den Tod gefunden hatten, nur um am Ende in eine Sackgasse zu geraten, drohte ihn zu lähmen. Zuvor lag der Weg mit Aussicht auf die Spitze des Lawinenbergs klar vor ihnen. Nun aber schob sich eine undurchdringliche Nebelwolke vor ihnen, die die komplette Sicht versperrte.

„Und was genau hast du vorgehabt zu tun, ehe wir dich unterbrochen haben?“, schallte Shadows erhobene Stimme zu den beiden hinüber. Max und Iro blickten sich und mit ausdruckslosem Gesicht stießen sie wieder zu den anderen.
„Wonach sieht es wohl aus?“, antwortete die Robbe trotzig. „Ich will mir einen Weg durch die Höhle bahnen, um an Ende zum Lawinenberg zu gelangen!“
„Obwohl der Wächter tot sein soll?“, hakte Rose mit Betonung auf das letzte Wort nach. Ihr Blick galt dabei Eva, die starr vor Entsetzen ins Leere blickte.
„Ob tot oder nicht … das ist mir jetzt egal!“, entgegnete die Robbe abermals trotzig. „Ich rechne mir selber die Chancen als nicht hoch aus, doch wenn es eine Möglichkeit gibt, diesen Fluch zu brechen, dann nutze ich die Chance auch!“
„Wie willst du diesen Fluch brechen?“, fragte Gengar skeptisch. „Ist das ein Fluch, den ein Geister-Pokémon ausgesprochen hat?“
„Was weiß denn ich?“, rief das Jurob gereizt aus. „Auf jeden Fall hatte die Hexe da oben irgendetwas zu schaffen gehabt. Sie war schließlich für ein paar Stunden dort, ehe sie die Tundra wieder verlassen hatte. Ich bin mir sicher, dass sie dort auf der Spitze etwas platziert hat, das diesen Fluch aufrechterhält. Und deswegen mache ich mich auf den Weg. Denn wenn es aus Eis ist, kann ich es mit meinem Horn zerbrechen!“
„Wenn am Ende noch etwas von diesem da ist …“, bemerkte Vane knirschend. Wütend funkelte die Robbe jetzt ihn an: „Hast du gesehen, wie dick dieses Eis ist, das sich bis in die Höhle erstreckt? Das und dieses riesige Tentakelvieh aus Eis sowie die ganzen Eisbiester sind alles das Werk dieser Hexe. Die sind nicht einfach so da, oder?“
„Du meinst …“, fuhr Emil nachdenklich fort, „dies sind alles Schutzmaßnahmen?“
„Um Eindringlinge daran zu hindern, zum Lawinenberg zu kommen. Genau!“, nickte die Robbe energisch. „Noch ein Grund, weswegen ich glaube, dass dort oben auf dem Lawinenberg etwas ist, dass diesen vermaledeiten Fluch aufrecht erhält. Denn wenn der nicht gebrochen wird, breitet sich das Eis immer weiter, bis es irgendwann die ganze Welt bedeckt.“
„Das würde passieren?“, rief Rose ängstlich aus.
Die Robbe machte große Augen: „Es wird passieren, wenn dieser Fluch nicht gebrochen wird. Der Wächter Arktos war der Einzige, der verhindert hat, dass ein ewiger Winter diese Erde heimsucht. Jetzt, wo er tot ist, steht dem nichts im Wege!“

Plötzlich meldete sich Eva wieder so laut zu Wort, dass sie abermals zusammenzuckten: „Wieso aber dann muss dann etwas installiert werden, das diesen Fluch aufrecht erhält, wenn der Wächter eh schon tot ist? Wäre es dann nicht möglich, dass er gefangen gehalten wird und deswegen werden die ganzen Maßnahmen gegen Eindringlinge wie uns aufgestellt? Um zu verhindern, dass der Wächter befreit wird?“
Die Robbe starrte sie eine Weile an. Dann fuhr ein sehr schwaches Lächeln über ihre Schnauze: „An dieser Hoffnung habe ich mich anfangs auch noch gehalten … doch je mehr Jahre vergingen, umso weniger glaubte ich daran. Warum sollte man auch überhaupt das Pokémon am Leben lassen, das als einziges dein Vorhaben eines ewigen Winters zunichte machen kann? Das macht keinen Sinn!"
„Zugegeben …“, hörte Max Shadow ganz leise zu Emil sprechen, „diese Logik ist nicht ganz von der Hand zu weisen …“
Shadow begegnete Max‘ Blick und beide wandten sich um. Max musste ihm leider Recht geben. Aber auch Evas Argument machte Sinn. Es sei denn, diese Hexe war einfach nur kaltherzig. Als sich Max an die Eule erinnerte, die sie durchdringend geröntgt zu haben schien, kam ihm der Gedanke der Sinn, dass die Hexe stets zusah, wenn es irgendwelche Vorkommnisse in der Tundra oder im Wald gab. Und er stellte sich ein Pokémon vor, dass zufrieden und boshaft das Leid der Bewohner verfolgte.

Vane hingegen schien sich nicht so aktiv an diesem Gespräch zu beteiligen. Sein Blick galt vielmehr der dicken Eisschicht, die er eingehend betastete. Erstaunt sah Max, dass er nun lächelte.
„Das wird leicht“, hörte er Vane sagen, ehe dieser seine beiden Hände hob, deren Krallen funkelten. Dann stieß er seine mit Diamant besetzten Klauen ins Eis und unter unangenehmen Schaben und Knirschen brach er große Stücke des Eises ab.
„Vane, was …?“, wollte Rose erschrocken wissen, doch Emil bedeutete ihr, ruhig zu bleiben.
„Wenn sich Vane was in den Kopf gesetzt hat, zieht er es auch durch“, bemerkte er mit andächtigem Lächeln. Unter ihren Blicken und dem erstaunten Raumen der Robbe grub sich Vane Zentimeter um Zentimeter in das Eis ein und hinterließ dabei ein größeres Loch als die Robbe es je verursacht hätte.
„So geht die Arbeit natürlich schneller …“, kommentierte sie matt aber erleichtert. „Aber das müsst ihr nicht tun … oder habt ihr selber etwas auf dem Lawinenberg zu erledigen?“
Sie starrte alle an, die sich gegenseitig anblickten. Dann meldete sich Rose zu Wort: „Nun, ursprünglich hofften wir, den Wächter dort oben zu treffen …“, doch unter dem Blick der Robbe fügte sie rasch hinzu: „Das war aber, bevor wir von der … nun … Situation wussten …“

„Wir werden uns aber trotzdem auf dem Weg machen!“, sagte Max dann dermaßen bestimmt, dass es ihn selbst schon verwunderte. Ein seltsames Gefühl machte sich in ihm breit und er merkte, dass er dieses seit längerer Zeit nicht mehr so intensiv verspürt hatte. Die anderen blickten ihn nicht weniger erstaunt an.
„Max, du weißt aber, welcher Fall möglich wäre?“, erinnerte ihn Iro mahnend. Doch Max nickte ihm bereits zu: „Ich weiß … doch wie Eva schon sagte …“, und er lächelte der kleinen Raupe zu. „Es kann nicht sein, dass der Wächter tot ist … Es gibt also die Chance, dass er lebt und gefangen gehalten wird. Wenn es die Chance gibt, ihn und Evas Mutter zu retten, so klein sie auch sein mag …“, und Max holte tief Luft, um sich trotz dieser geringen Wahrscheinlichkeit Mut beizubringen. „Wir werden diese Chance nutzen. Ich habe das Gefühl, ich würde es bereuen, wenn wir jetzt umkehren würden, nach allem was wir …“, und der Gedanke an Jimmy ließ ihn verstummen.

Iro blickte ihn aufmerksam an. Dann nickte auch er langsam. Eva schenkte ihm ein dankbares Lächeln: „Wir werden ihn retten! Und meine Mami!“.
Rose warf Max ebenso einen dankbaren Blick zu. Einzig Shadow, Emil und auch die Robbe schüttelten den Kopf.
„Woher ihr eure Hoffnung nehmt … fast schon bewundernswert … oder doch eher naiv?“
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