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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
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05.07.2021 3.004
 
Obwohl der Wind den Schnee von der Seite hart gegen sein Gesicht schlug und laut heulte, hörte Jimmy das Keuchen, das Lucy bei der Belastung ihres verletzten Beines von sich stieß. Sie schleppten sich einen steilen Weg hinauf, der von rauen und zerklüfteten Felswänden gesäumt war. Lucy hatte diesen Weg im Schneegestöber des Blizzards erspüren können und Jimmy konnte nachwievor nur über ihr Gespür staunen. Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass er ohne Lucy niemals so weit gekommen wäre geschweige jetzt noch leben würde. Ob in der Schädelwüste oder in der Firntundra, allein wäre er aufgeschmissen gewesen. Nicht einmal diese Wölfe, die vollkommen aus Eis bestanden, hatte er nicht wirklich besiegen können. Und weil Lucy ihn vor ihnen retten musste, hatte sie sich diese Verletzung zugezogen, die ihr Bei nun plagte.

Als würde sie seinen Gedanken spüren, blickte Lucy, die an seiner Seite ließ und behutsam auftrat, ihn streng von der Seite an. Jimmy zweifelte, dass sie ihre Warnung, er sollte keine solche Schuldgefühle haben, zum gefühlt zehnten Mal wiederholen würde. Sie hatte bei den neun Malen davor immer recht überzeugend gewirkt. Und doch, wenn sie sich schweigsam und gegen den fiesesten aller Schneestürme ihren Weg durch die Tundra suchten, waren es wieder Jimmys eigene Gedanken, die seine Unzulänglichkeiten zu Tage brachten. Wieso auch hatte er sich dazu bereit erklärt, Lucy in so ein feindliches Gebiet zu folgen, wenn er alles andere als stark und groß war? Es wunderte ihn schon, dass der starke Wind ihn nicht längst fortgetragen hatte. Aber vermutlich wäre er irgendwo anders in der Firntundra gelandet und hätte auch dann wieder seine Erinnerung verloren.

Jimmy blieb stehen und dachte zurück. Lucy hatte ihn, halb vergraben im Sand, in der Schädelwüste ohnmächtig vorgefunden. Jimmy versuchte es erneut angestrengt. Doch nur ein dichter Nebel zog sich durch seine Erinnerung. Er hatte immer noch keinen blassen Schimmer, wie und warum um alles in der Welt er sich in der Schädelwüste befunden hatte. Es war, als wäre sein Leben vor dem Zeitpunkt, an dem Lucy ihn gefunden hatte, wie weggewischt. Nur unscharfe Restspuren zogen sich durch seinen Kopf. Beim ersten Versuch sich zu erinnern, hatte Jimmy einen großen Raum und zwei große Bretter hingen jeweils zur Linken und Rechten neben einer hölzernen Treppe gesehen. Beim zweiten Mal, als Jimmy nach dem Schlangenpass und einer eher unangenehmen Begegnung mit Garados aufatmen konnte, war eine Art Dschungel und eine furchterregende Fratze aus Blättern in seinen Erinnerungen aufgeblitzt. Doch bei beiden konnte er sich keinen Reim darauf machen, wo und wann er diese Bilder je gesehen haben sollte.
Lucys Stimme erklang dicht an sein Ohr und Jimmy schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er blickte zu ihr auf und bemerkte, wie sie ihn mit sorgenvollem Blick ansah.    
„Es wird schon …“, sagte er matt und im Versuch, zuversichtlich zu klingen. Er warf einen Blick auf Lucys Bein, über dass sich dunkelrote Strähnen zogen.    
„Wie geht es dir mit dem Bein?“    
„Unverändert, aber erträglich …“, entgegnete Lucy knapp und ließ ihren Blick von Jimmy nicht ab. Dann wandte sie sich dem Weg vor ihnen zu. Er begann nun ebener zu werden und die Felswände bauten sich nun vor ihnen in die Höhe auf. Wie eine Mauer aus dunkelgrauem rauen Gestein versperrten sie den Weg und Jimmy fragte sich bestürzt, ob sie in eine Sackgasse geraten waren. Doch Lucy blieb ruhig und schloss ihre Augen. Von ihren spitzen Ohren stemmten sich jeweils zwei schwarze längliche Auswüchse in die Luft und blieben trotz des starken Windes starr. Sie ließ gerade wieder ihre Aura in die Umgebung fahren, stellte Jimmy fest.

So ganz verstanden hatte er es immer noch nicht, was es mit dieser auf sich hatte. Lucy hatte sich bemüht, ihm in einer Pause zu erklären, wie sie über ihre Aura mit der Welt verbunden war. Doch es war eine ziemlich bildhafte Erklärung gewesen, die Jimmy mit seinem Denkvermögen nicht direkt verstehen konnte. Was er aber verstanden hatte war, dass Lucy aufgrund dieser Aura nicht zu unterschätzen war. Sie war gerade mal doppelt so groß wie er und hatte an sich eher zierliche Proportionen. Dennoch schaffte sie, sowohl sehr schnell zu sein als auch kräftige Schläge austeilen zu können. Mit bloßer Hand hatte sie einem Gengar namens Shadow ein blaues Auge verpassen können, dabei gingen physische Angriffe durch Geister-Pokémon hindurch, als wären sie gar nicht erst an Ort und Stelle. Bei dem Gedanken an das Gengar, das Lucys Aussage zufolge ein entflohener Verbrecher war, erinnerte sich Jimmy an die zwei Namen, die dieses genannt hatte: Max und Ironhard.      
Zwar hatte Jimmy das Gefühl, dass er die Namen irgendwo schon einmal gehört hatte, doch für sich konnte er sich nicht vorstellen, dass er mit zwei Pokémon befreundet war, die diese Namen trugen. Bestimmt suchten sie einen anderen Jimmy, denn dieser Name ist auch nicht gerade der seltenste. Auch Max klang eher wie ein Name, den es bestimmt in Hülle und Fülle auf der Welt gab. Dennoch versuchte Jimmy sich vorzustellen, welche Art von Pokémon hinter diesen beiden Namen jeweils zu stecken vermag. Doch es war gerade nicht der passende Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen, denn jäh peitschte ihm der Wind von der Seite ins Gesicht, sodass Jimmy taumelte.

Gerade in dem Moment wandte sich Lucy ihm zu und wies mit einer schwarzen Pfote zu einem schmaleren Weg rechts von ihnen, der dicht an einer Felswand entlang lief. Während sie sich vorsichtig an diesem entlangtasteten, traute sich Jimmy nicht nach unten zu blicken. Recht steil ging es hinab und weiße Schleier wehenden Schnees verdeckten sie Sicht auf das, was unter ihnen lag. Doch Jimmy konnte noch die scharfen Spitzen mehrerer Felsen ausmachen. Seine Sorge galt auch Lucy, da sie es mit ihrem Bein schwerer hatte. Doch sie vollbrachte es zu seiner Überraschung und Bewunderung, sich im Gleichgewicht auf dem Weg zu halten, während der Wind an Jimmys Körper zog. Jimmy stieß in Gedanken ein Stoßgebet zum Himmel, dass er nicht schon wieder von Lucy gerettet werden muss, wenn er tatsächlich in den weißgrauen Abgrund unter ihnen gezogen werden würde …

Tatsächlich aber schaffte auch er es und er war froh, dass sie auf einem breiteren Vorsprung angekommen waren. Mit einem Blick zur Felswand stellte er fest, dass Lucy ihn zu dem Eingang einer Höhle geführt hatte, deren Mund wie ein klaffendes Loch wirkte und tief in den Berg zu führen schien. Froh über die Gelegenheit, endlich dem Wind und dem lauten Schneegestöber zu entkommen, traten Lucy und Jimmy in die Höhle ein.    
Nach den ersten Schritten schon merkte Jimmy, dass die Stille der Höhle genauso überwältigend auf ihn einwirkte wie das Getöse draußen. Während er dort nur vereinzelt Lucys Keuchen wahrnehmen konnte und gegen den lauten Wind fast brüllen musste, war es innerhalb der Höhle fast so, erschraken ihn fast den Klang ihrer Schritte, die in der Höhle von den Wänden widerhallten. Es war als würden mehrere Pokémon auf einmal eintreten und wild miteinander reden. Als Jimmy sich zu Lucy umwandte und meinte, dass dies ein idealer Ort zum Ausruhen wäre, fühlte er sich auch bestätigt, als Lucy sich auch schon an eine glatte Wand lehnte und langsam zu Boden glitt.
Erst spät bemerkte Jimmy, dass Lucy dabei schwer atmete und ihre Augen geschlossen hielt, während sie ihr Gesicht verzog. Und plötzlich sackte sie auch zusammen, als wäre sie von Fäden getrennt, die sie vorher aufrecht hielten.    
„Lucy!“    

Jimmy war mit einem Satz bei ihr. Das blaue und schwarze Fell ihres Gesichts war etwas in seinen Farben verblasst und ihre Stirn glänzte vor Schweiß. Schwach und zittrig fuhr Lucy an ihr Bein. Sie keuchte schmerzerfüllt auf und verzog erneut das Gesicht, als würde ihr Bein ihr unerträgliche Qualen bereiten.    
„Du hast doch gesagt, die Schmerzen seien erträglich …“, sagte Jimmy mit zittriger Stimme. Lucy lächelte so schwach, dass es kaum zu erkennen war. Sie öffnete ihre roten Augen einen Spalt breit und blickte ihn mit einem schwachen Funkeln an: „Mit der Aura habe ich die meisten Schmerzen vorübergehend vertreiben können. Jetzt aber … ah Mist!“    
Ihr Atem wurde nun zu einem durchgehenden schmerzerfüllten Keuchen und mit flackerndem Blick begutachtete sie ihre Wunde. Jimmy konnte diese im trüben Licht, das durch den Höhleneingang fiel kaum erkennen. Sein Blick fiel auf die Tasche, die Lucy zuvor getragen und nun auf den Boden fallen gelassen hatte. Er griff in diese hinein und suchte etwas, das er auch direkt fand. Eine kleine Kugel aus Glas, deren Inneres schwach leuchtete.

Den Leuchtorb ließ er mit einer kurzen Reibung hell aufleuchten, sodass die Höhle in ihren Details besser zu erkennen war. Zwar wären die Schichten von Eis, die von den Wänden und von der Decke glitzerten, sehr schön anzusehen gewesen, doch momentan war Lucys Bein von größerer Relevanz. Als Jimmy aber dann auf dieses hinabblickte, machte sich ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend breit. Innerhalb des Blizzards hatte er außer den Rinnsalen an Blut nicht die wahren Ausmaße der Wunde erkennen können, die die Eiswölfe Lucy zugefügt hatten. Nun aber betrachtete er angewidert die klaffende Wunde, die sich quer Lucys Oberschenkel zog. Fast wäre ein gutes Stück von Lucys Bein herausgebissen worden und Jimmy fragte sich, wieso sie nicht eher schon was gesagt hatte, wie schlimm es tatsächlich um ihr Bein bestellt war. Doch Lucy lächelte schwach, als Jimmy sie daraufhin ansprach:    
„Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Für gewöhnlich bin ich durch die Aura auch in der Lage, solche Bisswunden mit der Zeit zu heilen. Ich habe mir selber dabei nicht viel gedacht …“    
„Aber nun?“, fragte Jimmy, der allmählich daran zweifelte, ob die Aura wirklich so eine mächtige Sache war, dass sie gegen Sandstürme, Blizzards und etliche andere Dinge wappnen konnte. Doch erneut wirkte es so, als würde Lucy seinen Gedankengang erahnen. Vehement schüttelte sie den Kopf.    
„Diese Wunde …“, keuchte sie und ließ zwischen den Worten längere Pausen, „ist anders. Es ist … wie eine Art Gift, das sich langsam in meinem Körper ausbreitet …“    
„Dann …“, antwortete Jimmy und sein Blick fiel wieder auf die Tasche neben ihnen. Bestimmt gab es in dieser auch eine Art Gegengift. Abermals jedoch schüttelte Lucy den Kopf: „Das ist kein organisches Gift … mehr wie ein Fluch … und er breitet sich immer weiter aus …“    
Auf einen Blick von Jimmy hin fügte sie hinzu: „Und aus irgendeinem Grund kann ich ihn nicht mit der Aura beheben. Und ich weiß nicht … was sonst dagegen helfen kann …“.

Sie stieß einen lauten Seufzer aus und drohte von der Wand wegzugleiten. Jimmy fing sie rechtzeitig auf und wollte sie wieder in eine angenehmere Sitzhaltung bringen. Doch Lucy wehrte sich und bedeutete ihm, dass er sie mit dem Rücken voran auf den Boden legen soll. Während Jimmy also damit beschäftigt war, betrachte Lucy unter Zittern ihre Wunde und ließ eine Pfote, von der ein bläulicher Schimmer ausging, knapp über diese wandern.    
„Dieselbe Signatur wie der Wind, der vom Lawinenberg kommt … derselbe Urheber …“, murmelte sie abwesend vor sich hin. Jimmy konnte sich nur ungefähr zusammenreimen, was sie meinte. Endlich schaffte er es, sie auf den Boden zu legen. Er leerte die Tasche aus, faltete sie zusammen und legte sie unter Lucys Kopf. Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln.    
„Jimmy?“
„Ja?“, sagte dieser, der sich über den zwar zittrigen, aber bestimmten Tonfall in ihrer Stimme wunderte.    
„Ich glaube, ich weiß, wie wir diesen Fluch doch beheben können … genauer, wie du ihn beheben kannst.“    

Etwas in ihrer Stimme klang danach, als würde Lucy zögern, diese Worte auszusprechen. Doch Jimmy achtete nicht drauf und fragte sich, wie er helfen könnte. Aufmerksam hörte er mit nervös pochendem Herzen ihr zu. Lucy fasste ihn mit ihrem Blick, so gut sie es mit halb geschlossenen Augen tun konnte. Dann deutete sie schwach mit zitternder Pfote auf die Wunde: „Siehst du es?“
Auch wenn Jimmy nicht wohl danach war, so blickte er auf Lucys Bitte hin auf die Wunde. Außer glänzendem rot punktiertem Fleisch konnte er nicht viel erkennen. Dann aber erkannte ein ähnliches Glitzern wie das, das von den Wänden und von der Decke kam. Als er dann genauer hinblickte, erkannte er feine Strähnen von Eis, die sich durch das Fleisch zog.    
„Aber … wie …?“, wollte er von Lucy wissen, doch sie deutete ihm, dass er von nun an aufmerksam zuhören sollte.    
„Wie es scheint …“, begann sie mit schwacher Stimme, „ist der Fluch vom Attribut Eis. Solange dieser in meinem Bein bestehen bleibt, wird dieses weiterhin meinen ganzen Körper infizieren. Gegen sowas … ah verdammt, das tut weh … helfen dreierlei Dinge: Entweder der Urheber hebt den Fluch auf oder das Bein muss langsam in heißen Quellen behandelt werden. Wie du sehen kannst …“, und Lucy hielt inne, um offenbar eine Welle großen Schmerzes über sich ergehen zu lassen. Ihr Gesicht war vor Anstrengung fast bis zum Zerreißen gespannt. Dann atmete sie schwer und blickte Jimmy mit trübem Blick an: „Wie du sehen kannst, haben wir diese beiden Optionen nicht zur Hand. Mit dir aber steht die dritte Option zur Verfügung: Das Ausbrennen dieses eisigen Fluches!“

Jimmy blickte sie verdutzt und musste erst das Ausmaß ihrer Worte verstehen. Dann stand er plötzlich auf und sah sie entsetzt an: „Nein!“    
„Jimmy …“, begann Lucy, doch Jimmy schüttelte energisch den Kopf: „Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben. Bist du sicher, dass deine Aura nichts dagegen tun kann?“
„Ich hätte es längst getan, wenn sie dazu fähig wäre …“, entgegnete Lucy mit einem zuckendem Lächeln. „Aber es funktioniert nicht, solange dieser Fluch noch da ist.“    
„Und jetzt verlangst du von mir, dass ich dein Bein verbrenne?“, rief Jimmy fahrig und seine Finger zuckten nervös. Lucy legte eine Pause, in der sie eine neue Welle an Schmerz über sich ergehen ließ.    
„Ich verlange es nicht …“, sagte sie dann zittrig. „Ich bitte dich drum!“    
„Aber …“, wollte Jimmy protestieren, doch Lucy fasste ihn ins Auge: „Wenn du es nicht tust, wird sich der Fluch langsam und qualvoll in meinem restlichen Körper ausbreiten. Und höchstwahrscheinlich werde ich dann sterben dadurch …“    
„Aber wenn ich mein Feuer auf dein Bein anwende … ich meine, ich muss es ja recht lange draufhalten, damit das Eis verbrennt, nicht wahr?“    
„Zehn Sekunden sollten ausreichen …“, murmelte Lucy. „Je mehr Zeit verstreicht umso länger wirst du es müssen … also von daher wäre es sehr lieb von dir, wenn du jetzt-“    
„Aber Lucy!“, rief Jimmy dazwischen und seine Augen waren feucht vor Verzweiflung. „Wenn ich solange mein Feuer aus nächster Nähe darauf anwende, wird das dein Bein ungeheuer schaden!“    
„Im schlimmsten Fall verliere ich es …“, entgegnete Lucy mit trockener und rauer Stimme. Doch die schaffte es, schwach zu lächeln. „Aber es ist immer noch besser als zu sterben …“
„Dennoch weiß ich nicht, ob ich das auf mich nehmen will … ich will dich nicht verletzen, nachdem du mir nicht nur einmal, sondern gleich zweimal das Leben gerettet hast.“    
„Und du würdest mir das Leben retten, wenn du diese Wunde ausbrennen würdest!“, rief Lucy harsch und Jimmy erschrak. Sofort besann sie sich zu einem ruhigen Ton.    
„Bitte verzeih mir … die Schmerzen sind ziemlich schlimm … aber dürfte ich dich darum bitten, wohlwissend was ich davon tragen würde?“    
„Ich … also …“, stammelte Jimmy und blickte von der Wunde in Lucys Gesicht und dann wieder zurück. Dann, sehr zögerlich, nickte er langsam und ein Lächeln breitete sich auf Lucys Gesicht aus.    
„Danke, Jimmy! Ich verspreche dir, ich werde es dir nicht nachtragen … warum sollte ich es auch, wenn ich deinetwegen am Leben bleiben werde?“    

Damit legte sie ihren Kopf zurück und Jimmy richtete sich zitternd auf. Er blickte nun direkt auf die Bisswunde herab und stellte sich vor, wie er diese mit einem Flammenwurf verbrennen würde. Jetzt schon widerte ihn die Vorstellung an, dass er einem Pokémon bewusst schaden würde. Doch Lucys Leben hing davon ab, auch wenn Jimmy das Gefühl nicht los wurde, dass es noch eine andere Lösung geben musste. Eine, die ihnen noch nicht eingefallen war.    
„Auf drei legst du los, ja?“, holte ihn Lucy aus seinen Gedanken ab. Jimmy nickte zaghaft und konzentrierte sich darauf, Energie sowohl in seinem Bauch als auch in seiner Lunge zu sammeln.
„Eins!“, sagte Jimmy dann im Versuch, tapfer und entschlossen zu klingen und holte tief Luft. Sofort fühlte er, wie seine Lunge und sein Bauch sich aufblähten und ein Druck machte sich in beiden Organen breit.    
„Zwei!“, setzte Lucy fort und schloss die Augen fest zu. Die Krallen ihrer Pfoten bohrten sich tief in das Gestein unter ihnen. Jimmy ließ nun Energie in seine Organe fahren und er spürte das vertraute wärmende Gefühl, das sie erfüllte. Mit dem nächsten Ausatmer würde er nun Feuer freilassen.    
„Drei!“, rief Lucy dann laut aus und Jimmy selber machte sich darauf gefasst, dass von ihr ein langgezogener Schmerzensschrei kommen würde. Doch in dem Moment überkam ihn eine kalte Welle der Angst vor dieser Tat und er spürte sofort, wie das wärmende Gefühl erlosch. Nur kalte und feuchte Luft spie er dann aus und sein Ausatmer erlahmte innerhalb von Sekunden. Lucys Körper, der vor Anspannung wie erstarrt gewesen war, lockerte sich und sie sah ihn lange besorgt an. Jimmy versuchte, den Blick zu erwidern, doch seine Sicht verschwamm. Tränen füllten seine Augen und Jimmy spürte die bittere Enttäuschung in sich hochsteigen.    

„Ich kann es nicht …“, sagte er dann leise. In Lucys Blick lag kein Vorwurf, sondern etwas wie Mitleid und Mitgefühl. Und das waren nun Dinge, die Jimmy überhaupt nicht brauchen konnte. „Es tut mir leid, Lucy …“, sagte er noch tonlos und richtete sich auf. Lucy nickte ihm verständnisvoll zu und drehte sich von ihm weg. Er sah nur nur noch ihren Rücken vor sich. Offenbar wollte sie verhindern, dass er ihre Enttäuschung über ihn erblickte. Und in ihrer Nähe zu sein wurde in dem Moment unerträglich. Jimmy drehte sich um und schritt, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, auf den Höhlenausgang zu.
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