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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
04.05.2021
24
148.051
 
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Als Erkunderin der Glacial Hearth-Gilde war Lucy eigentlich daran gewohnt, dauerhaft im Schnee und in der Kälte unterwegs zu sein. Doch die Firntundra war zum einen ein Ort, der wie die Schädelwüste anders war. In der waren die Winde, wenn sie aufkamen, schärfer und stärker und so wie es mit Sandstürmen in der Schädelwüste der Fall war, so wirbelten große Massen an festem Schnee und Eiskristallen auf, die nicht weniger als der raue Sand die Körper überfielen. Auch dann war es, als würden hunderte von kleinen Bissen diesen Körper angreifen, bis es dann dankenswerter Weise wieder vorbei war.
Einmal mehr war Lucy doch froh, dass sie das Grab im Sand, wie die Erkunder der Red Scorpion-Gilde nannten, verlassen und nun ein Gebiet betreten hatten, mit dessen Natur Lucy eine Art Heimvorteil hatte. Im Vergleich zu diesen harschen Winden, die ihr peitschend und bitterkalt ins Gesicht flogen, stellten die südlichen Polar-Inseln ein tropisches Paradies dar. Das Gebiet um die Blizzard-Inseln, in deren Nähe Glacial Hearth seit fast zwei Jahren ihren Standort hatte, war gesegnet von Schnee, der im Vergleich zu dem der Firntundra so weich wie Sand eines Strand war. Und in diesem schien die Sonne, während sie sich über der Firntundra sich eher hinter hellen bis grauen Wolken versteckte, sollte es sie überhaupt geben.

Die Sicht war auch alles andere als klar. In der Ferne setzte der Wind sein Schneegestöber fort und Lucy konnte nicht weiter als ein paar Meter nach vorne sehen. Doch der Aufenthalt in der Schädelwüste und das Passieren des Schlangenpasses hätte sie eigentlich darauf vorbereiten müssen. Entweder verlor man nach einem Sandsturm die Orientierung oder unerwartete Angriffe aus dem Nebel machen aus dem Aufenthalt auf dem Pass einen eher kurzen. Nun war der Weg verborgen unter einem dauerhaften Winter-Unwetter.
Doch Lucy redete sich ein, dass dies nur eine weitere Prüfung auf dem Weg zum Lawinenberg war. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass der Wächter des Berges für diese Hindernisse verantwortlich war. Wie genau wusste sie in dem Moment nicht, vor allem was die sonderbare Beschaffenheit der Schädelwüste betraf. Sie glaubte zuerst, dass auf jeden Fall dieses Schneetreiben dessen Werk sein musste. Als Wächter sah er den Lawinenberg bestimmt als sein Refugium an, zu dem nicht jeder Zutritt erhalten dürfte. All diese Hindernisse wären nur eine Prüfung, um sich letztlich als würdig zu erweisen, den Berg zu erklimmen und dem Wächter gegenüberzustehen. Doch Lucy dachte an jene Garados, die in Schockstarre aus dem Wasser am Schlangenpass herausragten. Es passte nicht zu der Legende, die sie über die Wächter gehört hatte. Die Wächter sollten, gemäß der Legende, das Gleichgewicht der Natur bewahren. Doch wieso würde es sich ein Wächter zur Aufgabe machen wollen, eine Schar wütender Garados einzufrieren?

Lucy schüttelte den Kopf und schob sich behutsam und mit vorsichtigen Schritten durch die Schneefelder, die sich sowohl vor ihr als auch hinter ins scheinbar Unendliche erstreckten. Das kleine Stück Wald hatten sie vor einigen Stunden ungefähr verlassen. Ein Schauer, der nicht zu der Kälte um sie herum zu gehören schien, fuhr ihr über den Rücken.

Ihre Schritte hatten seltsamerweise aus allen Winkeln der dicht beieinanderstehenden Bäume widergehallt. Und sie war das Gefühl nicht losgeworden, dass irgendwer oder irgendwas sie dauerhaft beobachtet hatte. Sie hatte mehrmals ihre Gegend abgehorcht, doch die Anwesenheit eines anderen Pokémons war nicht auszumachen gewesen.
In ihren Gedanken versuchen schob Lucy ihr rechtes Bein etwas weiter als bisher nach vorne, um sich durch etwas dichterem Schnee zu bewegen. In dem Moment aber durchzog ein sprichwörtlich beißender Schmerz ihre rechte Hüfte, sodass sie jäh stehen blieb und schmerzerfüllt das Gesicht verzog.

„Lucy, alles in Ordnung? Tut es noch weh?“, rief Jimmy hinter ihr.
Lucy wandte sich ihm zu und senkte ihren Blick nach unten, da Jimmy nur halb so groß war wie sie. Sie begegnete dem großen Augen des Panflams, welches sorgenvoll sie anblickte.
„Es wird schon wieder“, versuchte Lucy tapfer zu klingen, doch der beißende Schmerz ließ nicht nach und abermals verzog sie das Gesicht.. Sie blickte hinunter zu ihrer Hüfte, die von einem blauen Fell überzogen war. Doch dieses Blau war unterbrochen von dunkelroten Punkten, aus denen immer noch Rinnsale an Blut sickerten.      

Nur knapp hatten sie gemeinsam diese seltsamen Tiere aus Eis zerstören können. Sie hatten ihr und Jimmy im Wald aufgelauert und beide angegriffen. Und obwohl sie sich wie Marionetten bewegt hatten,war doch eine seltsame Aura von ihnen ausgegangen. So blau leuchtend ihre Augen geglänzt hatten wusste Lucy, dass etwas Lebendiges, also ein Pokémon, diese Wölfe zum Bewegen gebracht hatte. Obwohl ihre Hüfte in Abständen mal leicht, dann aber wieder brennend schmerzte, horchte Lucy in sich hinein und dachte zurück. Die seltsame Präsenz, die sie in den Augen gespürt hatte, war ähnlich der, die von den eingefrorenen Garados ausgegangen war.

Sie ließ ihren Geist in die Umgebung um sich fahren. Sie fühlte unter dem tiefen Schnee die Ebene, als wäre sie aufgetaut. Sie erspürte deren Unebenheit, ihre Tiefen und Erhebungen. Und dann ließ sie ihren Geist sich in die Luft strecken und diese aufnehmen. Von der Kälte spürte sie gerade nicht viel, tatsächlich war sie in dem Moment mit ihr einst geworden.

Sie war der Wind geworden, der ihren und Jimmys Körper umfasste und dann weiterzog. Dann war sie eine andere Windböe, die erst auf sie beide zukam. Und kurz darauf war sie eine andere. Dies führte Lucy fort, bis sie dann eine Böe nahe dem riesigen Berg war, der sich in der Ferne vor ihnen in die Höhe erstreckte. Und von dieser Nähe wurde Lucy geschickt, denn sie hatte einen Auftrag von dem Berg erhalten: Halte jeden auf, der sich mir nähern will!

Doch es war nicht die Stimme des Berges, der ihr diesen Befehl erteilte. Sie selbst war ein erzeugter, unnatürlicher Wind. Sie folgte einer Stimme, die vom verlassenen Gipfel des Berges kam. In ihr lag eine Gewissheit, als wäre sie sich dessen sicher, dass auf ihren Befehl nicht nur Folge, sondern auch Erfolg kam. Lucy achtete auf die Farbe der Stimme, die nur sehr schwach zu erkennen war. Sie erkannte eine ähnliche Signatur wie bei den Wölfen und bei den gefrorenen Garados. Das verwirrte Lucy, denn sie gewann den Eindruck, dass es diese Stimme war, die die Wölfe kontrolliert hatte, doch schienen beide sowie das Eis um die Garados das Werk einer gänzlich anderen Person zu sein.
Doch bevor Lucy weiter erhören konnte, was es mit ihnen auf sich hatte, flammte ihre Hüfte abermals auf. Sie verlor mit einem Male die Verbindung zur Firntundra, keuchte auf und fiel auf die Knie. Jimmy trat mit einem Mal an sie heran und blickte sie besorgt, fast schuldbewusst an.

„Es ist meine Schuld …“, sagte er und war den Tränen nahe. Lucy blickte von ihrer Wunde auf und sah ihn verdutzt an.
„Du hast mich vor deren Angriffen beschützt, während sie zu viert auf mich vielen. Ich konnte auch nur vier andere von uns vertreiben, während du die ganze restliche Meute am Hals hattest. Wäre ich doch nur größer …“
„Machst du dir deswegen etwa Vorwürfe?“, fragte Lucy streng und richtete sich wieder auf, obwohl ihr Bein dabei zitterte.
„Wäre ich nicht gewesen, hättest du dich nicht verletzt …“, sagte Jimmy mit glitzernden Augen und laufender Nase. Lucy schüttelte bedeutsam den Kopf.
„Wenn du nicht gewesen wärst, hätten sie mich mit ihrer Überzahl überrumpelt. Du hast mir in gewisser Weise das Leben gerettet!“
„Aber deine Hüfte!“, wollte Jimmy einwerfen, doch Lucy hielt ihm mahnend eine schwarze Pfote hin: „Ich habe es fast gewusst, dass diese Reise nicht spurlos an mir vorbeigehen wird. Und du bist auch in dem Wissen mitgekommen, dass es nicht leicht wird!“

Sie fand, dass sie etwas zu streng und tadelnd klang und verzog den Mund. Jimmy meinte es mit seiner Sorge um ihr auch nur gut und sie mochte ihn auch dafür. Sie besah sich die kleine Gestalt vor ihr genauer. Wie sie hatte Jimmy ein paar Kratzer von dem Kampf gegen diese Wölfe davongetragen und wie bei ihr war sein Kopf-Fell deutlich zerzaust. Dass er sich aber mehr um ihre Verletzung Sorgen machte rührte sie sehr. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Fähigkeiten durchaus bewusst war, hatte sie ihre Antwort ernst gemeint.
Die Wölfe waren aus etlichen Winkeln des Waldes gekommen. Sowohl von unten aus dem Schnee kommend als auch von oben von den schneebedeckten Ästen waren diese über sie beide hergefallen. Sie hatten sich in ihrer Angriffslust so sehr mit den feindlichen Winden, die vom Lawinenberg zu kommen schienen, getarnt, dass Lucy ihre Anwesenheit erst dann erahnt hätte, wenn es schon zu spät gewesen wäre. Jimmy war im Wald aufmerksamer als sie gewesen und als hätte er schon Erfahrung gehabt, war sein Blick immer wieder nach oben geglitten, bis er dann die wartenden Angreifer auf den Ästen erblickt hatte.

Lucy fragte sich in dem Moment, ob sie sich mehr um ihn Sorgen machte als er um sie. Denn sie wusste, warum sie überhaupt bis hierhin gekommen war. Jimmy hingegen hatte keine Erinnerung an das Vorherige. Sie hatte ihn ohnmächtig auf dem heißen Boden der Schädelwüste gefunden und ihr war sofort klar, dass einer dieser Sandstürme ihn dorthin gebracht hatte. Vom Sand bedeckt hatte Jimmy auch ziemlich angeschlagen gewirkt und erst durch die Zugabe einer Sinelbeere von Lucy hatte er wieder seine Augen öffnen können. Und der Sandsturm hatte mehr getan als ihn seiner Orientierung zu berauben. Lucy hatte sich überlegt, ob sie trotz ihres Fortschritts mit ihm hätte umkehren und ihn zur Obhut der Red Scorpion übergeben sollen. Doch es hatte sie dann erstaunt, dass Jimmy so offenkundiges Interesse an ihr und an dem Grund gezeigt hatte, warum sie in der Schädelwüste unterwegs war. Sie hatte ihm von ihrer Tätigkeit in der Glacial Hearth-Gilde erzählt. Sofort war ihr klar gewesen, dass Jimmy ebenso ein begeisterter Erkunder war. Und als sie von ihrem Auftrag erzählt hatte, war er sprichwörtlich Feuer und Flamme dafür gewesen, ihr bei diesem zu helfen. Allein schon als Gegenleistung dafür, dass sie ihn gerettet hatte. Und er hatte sich als angenehme Begleitung, auch wenn er etwas nervös und ebenso ängstlich bei größeren Dingen war. Sie blickte ihn abermals an und bemerkte, wie er etwas zitterte. Die Kälte zog wohl beißend an seinen Gliedern. Lucy hatte sich schon gefragt, ob die Firntundra, das Extremste an Eis, einem Feuer-Pokémon wie Jimmy zusetzen würde. Ohne ein zusätzliches Hitzeband war es für ihn doch eine frostige Kälte, wo Finger taub wurden und schmerzten und wo auch das Gefühl in den Zehen irgendwann verschwand.

Jimmy versuchte, mit ein paar Feuerstößen in seine zusammengefalteten Hände sich zu wärmen, doch diese verschwanden sofort im bösen Wind. Lucy ahnte, dass er und dann definitiv auch sie trotz Hitzezufuhr von Band und Feuer in der Tundra erfrieren würden, wenn sie sich zu lange in dieser aufhielten. Lucy hatte es vorher schon erspürt, dass dieser böse Wind, der einem Befehl vom Berg immerwährend folgte, nicht nachlassen würde. Sie mussten also schleunigst einen Unterschlupf finden.
Sie versuchte, die aufkommenden und immer stärker werdenden Schmerzen in ihrem Bein zu ignorieren und schloss erneut die Augen. Ihre langen schwarzen Ohren richteten sich von ihrem Kopf ab und abermals ließ sie ihren Geist in die Umgebung fahren. Sofort wurden wieder die Umrisse der Firntundra, die unter dem Schnee des ewigen Winters verborgen lagen, vor ihrem inneren Auge sichtbar und sie ließ ihr Sichtfeld sich erweitern. Wie aus einem schwarzblauen Nebel sich schälend wurden mit jedem Meter weitere Details der Tundra erkennbar. Sie erspürte einen Riss im Boden, der tief nach unten führte und über dessen Grund ein kleiner Bach floss. Doch je weiter sie ihren inneren Blick nach vorne führte, umso schwieriger wurde es für Lucy, ein klares Bild von der Tundra vor ihnen zu erhalten. Sie schaffte es noch rechtzeitig, den Anfang einer Bergkette nordöstlich von ihrer Position zu erspähen, ehe ihr Bein wieder schmerzte und die Vision abriss, die ohnehin angefangen hatte zu flackern.
Sie begegnete wieder dem Blick des Panflams und gab ihm ein aufmunterndes Lächeln, doch verzog sie vor Schmerzen ihren Mund, sodass es halb bei Jimmy eher halb ankam.
„Hast du was … sehen können?“, rief Jimmy etwas lauter, da der eiskalte Wind um sie herum stark heulte. Lucy hörte Unglauben als auch Erstaunen in seiner Stimme, doch sie lächelte dieses Mal fester und nickte. Doch sie hatten einen weiten Weg zu gehen, den sie sofort gehen mussten. Mit der Bergkette, so hoffte Lucy, würden sie auch endlich eine Höhle oder zumindest einen Unterschlupf finden, in dem sie vor dem Wind sicher sein würden. Sie richtete sich mühevoll auf und auch Jimmy nickte eifrig, auch wenn ihm dabei die Zähne klapperten. Dann schlugen sie sich wieder durch den dichten, rauen Schnee.
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