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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
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27.03.2021 10.212
 
Mahlend und laut knirschend zog sich die stählerne Schlange in Wellenlinien über den Boden der Ebene. Es war sehr mühevoll, seinen Halt auf dem sich gänzlich bewegenden Körper zu finden. Iro hatte es dabei am schwierigsten, da er nur einen Arm zu Verfügung hatte. Und diesen nutzte er auch, um sich mit aller Kraft am Hinterkopf des Stahlos‘ festzuhalten, der eine raue breite Kante darstellte. Max erinnerte sich nicht, ob er je zuvor Iros Arm so angespannt und übersät mit Adern gesehen hatte. Es war jedoch beeindruckend, wie sich Iro trotz der Umstände am Stahlos festhielt. Durch Stahlos‘ schlängelnde Bewegungen hatten sie keinen festen Boden und Max und Jimmy konnten sich so gerade an nach oben gerichtete Stacheln festhalten, die vom Körper der stählernen Schlange wuchsen. Nur allmählich fand Max einen Rhythmus, in dem er sein Gewicht verlagern konnte, doch Jimmy, der wesentlich kleiner als er war, drohte immer wieder abzurutschen. Mit angestrengter Miene hielt er sich mit allen Vieren an der Spitze seines Stachels und flüsterte etwas vor sich hin. Max konnte nur vermuten, dass er sich ein rasches Ende dieser Reise erhoffte. Max konnte es ihm nicht verübeln. Doch er stutzte, als er Jimmy die Augen öffnen sah und weder Qual noch Flehen lagen in seinen Augen. Obwohl er sein Sichtfeld aufgrund der Bewegungen des Stahlos‘ nicht vollständig fokussieren konnte, glaubte er Unmut und Wut in Jimmys Gesicht zu erkennen, die offenbar Iro galten.      

Es war auch offensichtlich, dass Jimmy dessen Eingreifen im Kampf zuvor nicht guthieß. Obwohl Max versuchte, Jimmy in der Sache nachzuvollziehen, war er Iro doch dann dafür dankbar, dass er Jimmy gerettet hatte. Er wäre in dem Moment des Schreckens, den das Stahlos Jimmy eingeflößt hatte, ziemlich zerquetscht worden, und diese Vorstellung behagte Max ganz und gar nicht. Letztendlich war es auch egal, wer von den beiden das Stahlos bezwungen hatte. Sie waren nun endlich unterwegs und das Gefühl, dass sich zwei lebensfeindliche Gebiete – die Schädelwüste und die Firntundra – sich näherten, rückten Max‘ Gedanken in einen anderen Fokus. Er wollte nochmal auf die Karte blicken, doch dies war bei dem Knirschen und Schlängeln nicht möglich. Da Stahlos nur auf Iro, seinem eigentlichen Bezwinger zu hören schien, wandte sich Max an ihm in der Hoffnung, dass Iro ihn bei dem Getöse hören konnte: „Wir sollten eine Pause einlegen und unser Vorhaben besprechen!“

Max konnte selber nicht jedes Wort von sich hören, doch Iro schien das Wesentliche mitzubekommen haben. Er nickte knapp und schlug einmal mit seinem Schweif, der auf der Stirn des Stahlos lag, sanft aus. Als das Stahlos den leichten Stoß bemerkte, ließ es ein blechernes Röhren ertönen und wurde immer langsamer, bis es zum Stillstand kam. Max spürte mit Erleichterung, wie er sich endlich entspannen konnte. Jimmy, der zuvor wie festgefroren an den Stachel gewirkt hatte, ließ ebenso endlich locker und behutsam stieg er vom Stahlos herab. Max ahnte, dass auch Jimmy seine Glieder nach all der Anspannung weh tun mussten.    
„Nicht noch einmal!“, sagte Jimmy barsch und ließ sich auf alle Viere fallen, als er den Boden erreichte und heftig keuchte. „Das ist … die schlimmste Art zu reisen!“    
„Selbst ich wäre geneigt, dir Recht zu geben …“, sagte Iro, der es aufgrund seiner Bandagen schwierig hatte, behände vom Stahlos herabzusteigen. „Wobei es für jeden Einarmigen schwierig sein sollte, sich an einem Stahlos festzuhalten. Wären beide Arme funktionsfähig …“    
„Ja ja, mit beiden Armen könntest du das Stahlos selbst vom Boden stemmen!“, rief Jimmy über sein Keuchen hinweg. Iro warf ihm einen verärgerten Blick zu, doch Max wusste, dass es nur das übliche Triezen waren. Er blickte sich aufmerksam. Zwar taten sich in ihrer Nähe mehrere Felsen vom Boden auf, doch keiner von ihnen sah danach aus, als würden sie dem Team genug Schutz bieten. Besorgt warf Max einen Blick zum Himmel. Stahlgraue Wolken schoben sich über den Nachthimmel und Max fürchtete, dass es in der Nacht regnen würde. Dann aber kam ihn ein Einfall und er wandte sich an Iro: „Meinst du, dass dein Stahlos sich um uns herum schlängeln kann? Dann hätten wir eine Art Schutzwall um uns …“    

„Ich wäre vorsichtig zu behaupten, dass es mein Stahlos sei“, sagte Iro und warf einen vorsichtigen einen Seitenblick auf die Stahlschlange zu, die ihre roten Augen aufmerksam auf ihn gerichtet hatte. Dann erteilte Iro die Bitte und das Stahlos schien tatsächlich zu verstehen. Unter erneutem Mahlen und Knirschen schlich sie um das Team herum und blieb in sichelmondförmiger Formation um es liegen. Dankbar klopfte Iro dem Stahlos auf den Kopf, was dieses als Signal verstand, sich zur Ruhe zu legen. Es schloss die Augen und stieß einen Atemzug aus, der wie entferntes Donnergrollen klang.    
„Spitze Idee, Max!“, kommentierte Iro, der sich den improvisierten Schutzwall ansah. „Ich denke nicht, dass ein Pokémon sich unbemerkt an uns heranschleichen wird.    
„Das ist auch der Plan, sagte Max, der die Karte aus dem Beutel zog. „Vergesst nicht, dass Shadow ausgebrochen ist und uns Plaudagei davor gewarnt hat, dass er sich an uns rächen wollen würde …“    
„Würde, Würde, seine Bürde!“, kommentierte Iro abfällig, der sich langsam auf dem Boden niedergelassen hatte. „Soll er nur kommen, wir werden ein weiteres Mal mit ihm fertig!“
„Bist du sicher, Ironhard?“, sagte Jimmy tonlos, ohne seinen Blick zu wenden. Iro starrte ihn finster an: „Hast du etwa Zweifel an uns?“    
„Ich meine nur“, sagte Jimmy tonlos und irgendetwas in ihrem Klang ließ Sorge in Max aufkommen. „Du hast einen Arm weniger … wir sind selbst bei deiner vollen Gesundheit knapp davongekommen!“    
„Du kannst nur von dir sprechen, was?“, fauchte Iro zurück, doch Jimmy schnaubte verächtlich.    
„Jimmy … alles in Ordnung?“, sagte Max behutsam und blickte den Schimpansen eindringlich an, der seinen Blick ihm zuwandte. Ein seltsam schiefes Lächeln erfüllte Jimmys Gesicht.    
„Es ist nur so … ich habe es verbockt und Ironhard musste mich erneut retten … es ist schon frustrierend …“    
Max war dankbar, dass Jimmy dies offen ansprach. Er lächelte aufmunternd ihm zu: „Du warst halt nervös und du warst auch etwas damit überrumpelt. Wenn, ist das mein Fehler gewesen …“    
Iro schnaubte. Max warf ihm einen fragenden Blick zu, doch Iro gab keinen Kommentar von sich. Auch Jimmys Stimmung schien sich nicht gerade gebessert zu haben. Max hoffte, dass nur die Reise auf dem Stahlos den beiden an die Nieren gegangen ist. Wenn sie sich ausruhen und ein paar Stunden später wieder aufbrechen würden, dann wären sie besser gelaunt. Das hoffte Max jedenfalls.    
„Wieso nur ein paar Stunden?“, fragte Jimmy, als Max seinen Plan vorschlug. „Wäre es nicht besser, wenn wir bis morgen unsere Kräfte sammeln und dann erst wieder aufbrechen?“    
„Wir würden aber inmitten des Tages in der Wüste sein, wenn meine Schätzung stimmt“, gab Max bedauernd zurück, während er einen Behälter mit Trockenobst in die Runde warf, aus dem sie sich genüsslich tätigen konnten.    
„Und wir wissen aus bereits eigener Erfahrungen, dass Wüsten am Tag ziemlich unangenehm sein können.“    
„Sprichst du von der guten alten Zeit, in der wir in einen Sandstrudel hineingesprungen waren, um Vesprits See zu finden? Oder wir von den Sandstürmen zermürbt wurden?“, fragte Jimmy. Max grinste, als Jimmys schelmisches Lächeln erblickte.

„Eben diese Tage!“, sagte er, wurde aber wieder ernst, als er seinen Blick auf die Karte richtete. Zu seiner großen Überraschung bemerkte er, dass sie der Trockenzone ziemlich nahe waren. Das Stahlos war wohl doch schneller, als Axel zunächst angenommen hatte. Gemessen von ihrer aktuellen Position glaubte Max, dass sie tatsächlich noch ein bis zwei Stunden an Weg zurückzulegen hatten. Er war schon drauf und dran, die anderen beiden zum Aufbruch zu motivieren, sah aber, dass Jimmy vor Erschöpfung eingeschlafen. Iro hatte sich gegen den stählernen Körper des Stahlos zurückgelehnt und auch er hatte die Augen geschlossen. Max lächelte bei dem Anblick. Auch er spürte seine Glieder leicht schmerzen, als wären sie ziemlich ausgeleiert worden bei dem Versuch, sich an dem Stahlos zu klammern. Er blickte sich um. Zwischen dem Kopf des Stahlos und dessen Schwanzspitze war eine Lücke, sodass der Kreis nicht ganz um sie geschlossen war. Max beschloss, an der Stelle Wache zu halten. Der Gedanke an Shadow ließ ihn nicht los und er war sich, dass dieser sein Versprechen einhalten und sich an ihn und die anderen rächen würde.    

Nahe der Schwanzspitze ließ er sich nieder. Er saß bewusst nicht nahe des Kopfes, weil Max befürchtete, dass das Stahlos nicht so erfreut wäre, einen Nicht-Meister so nah an seinem Antlitz zu sehen. Das Grau der Wolken am Himmel wurde indessen dunkler, offenbar brach die Nacht herein. Max kramte einen Orb aus dem Beutel hervor, den er sanft mit seiner Kralle berührte. Sie leuchte auf und hüllte ihn in ein helles und kaltes Licht, das er neben sich auf den Boden legte. Max zitterte, als ein kalter Windhauch ihn umspielte, und er musste zittern. Er fragte sich, ob er nicht jetzt schon ein Hitzeband um den Hals werfen sollte, als auch dann Iro an seine Seite trat: „Du bekommst das Zittern?“    
„Es wird Winter, und du weißt ja, wie Pflanzen-Pokémon zu Kälte stehen“, grinste Max verschmitzt. Iro lächelte und setzte sich neben ihm.    
„Wie geht es deinem Arm?“, sagte Max. Iro zuckte mit seiner linken Schulter.    
„Er hat nicht geschmerzt, seit wir unterwegs sind. Offenbar scheint noch alles dran und an Ort und Stelle zu sein“, sagte er. Max warf einen Blick auf die feinen Schlammspuren, die sich deutlich von dem Weiß der Bandagen abhoben.    
„Du machst dir Sorgen?“, sagte Iro scharf und blickte Max an. Als er nickte, verdrehte Iro die Augen.      
„Ich mache mir nur Sorgen“, sagte Max zu seiner Verteidigung. „Ich weiß, wie viel dir deine Kämpferehre bedeutet. Und auch entsprechend, was der Verlust eines Armes-“    
„Von dem wir besser mal nicht sprechen, bevor wir es damit heraufbeschwören!“, fuhr Iro ihn an und Max verstummte. Er erkannte den Blick von Iro. Es war einer von der Art, die von Iros Frustration zeugten. Offenbar war sich der Alligator dessen bewusst, denn er wandte seinen Blick von Max ab.    
„Solange wir uns auf dieser Mission befinden“, sagte Iro dann nach eine Weile und Max hörte ihm zu, „halte mich davon ab, den General erneut zu herausfordern. Es wird ihr nicht zu Gute tragen, wenn ich nur noch als Einarmiger unterwegs bin…“    
„Iro …“, versuchte Max zu sagen, doch Iro schüttelte den Kopf.    
„Ich habe es endlich begriffen. Zwei solch vernichtende Niederlagen hat es gebraucht, um es einzusehen, dass der General momentan zu hoch für mich ist. Hätte ich es nur früher erkannt … stell dir vor, er hätte mir noch den zweiten Arm brechen müssen, damit ich es endlich kapiere …“    
„Du würdest dann immer noch auf die Kraft deines Schweifes, deines Gebisses und deiner Beine setzen“, vermutete Max und Iro lachte herzhaft auf. Auch Max kicherte und spürte eine jähe Wärme in sich aufsteigen.    
„Tut mir Leid“, sagte Iro dann. Max, der selten diese Worte von seinem Freund gehört hatte, blickte verdutzt auf, lächelte aber dann sanft.    
„Der General ist das Ziel für dich. Wenn du die Möglichkeit darin sahst, dieses jetzt schon zu erreichen …“    
„Wie gesagt: Es hätte mir klar sein müssen, dass ich noch nicht bereit war. Aber das meinte ich nicht!“
Iro blickte nach hinten, um sich über etwas zu vergewissern. Max folgte seinem Blick und sah, wie Iro zu Jimmy hinüber blickte.    
„Ich hätte es ihm wirklich gegönnt“, sagte Iro leise. „Aber so ungestüm, wie er in den Kampf gestürzt ist … ich musste eingreifen!“    
Sachte legte Max eine Klaue auf Iros bandagierte Schulter: „Du hast das Richtige getan! Denk‘ nur dran, was passiert wäre, wenn du es nicht getan hättest!“
Iro grunzte. Abermals warf er einen Blick zu Jimmy, ehe er sich näher an Max heranbeugte: „Sag mal … hat er dir je was erzählt?“    
„Was erzählt?“, fragte Max verwundert. Iro schien mit der Frage zu kämpfen, als wäre er sich unsicher darüber, ob er diese stellen sollte. Dann aber stellte er sie, so leise wie er konnte: „Hat Jimmy dir je den Grund erzählt, warum er sich per tu nicht entwickeln will?“    
„Warum interessiert dich das?“, fragte Max tonlos.    
„Versteh‘ mich nicht falsch!“, sagte Iro hastig. „Für Jimmy besteht keinerlei Zwang sich zu entwickeln und ich weiß, dass wir nicht auf sowas Wert legen. Aber dennoch …“, und wieder zögerte er.    
„Es scheint mir, als würde Jimmy es mir und auch dir übelnehmen, dass wir ein paar Stufen weiter gegangen sind. Meine Frage ist, warum er es nicht dann tut?“    
Max antwortete nicht direkt, sondern erinnerte sich zurück. Auch er fand es schon seltsam. Es gab eine Zeit, wo Jimmy deutliches Interesse gezeigt hatte, sich zu entwickeln. Doch an einem Tag, bevor Max sich zu einem Reptain entwickelt hatte, schien sich seine Meinung geändert zu haben und seit diesem Tag war Jimmy strikt gegen diese Idee gewesen.    
„Als ich ihn daraufhin fragte, meinte Jimmy nur, dass klein zu sein seine Vorteile hätte und dass er es ungewohnt fände, eine neue Körperform zu haben.“    
„Gewiss ist das eine Veränderung, an die man sich aber schnell gewöhnt. Wieso ist Jimmy so verbittert, weil wir ihn so oft aus der Patsche helfen müssen?“    
„So oft doch auch wieder nicht …“, wollte Max entgegnen, doch Iro hielt ihm drei Krallen entgegen.    
„Das eine Mal gegen Shadow, da wurde er als Marionette gebraucht, ohne groß imstande sich zu wehren. Das zweite Mal im Geheimnisdschungel, als er bewusstlos und ich ihn mit mir tragen musste. Und dann noch heute, wo er fast vom Stahlos zertrümmert worden wäre.“
„Tust du Jimmy, was den Geheimnisdschungel betrifft, nicht Unrecht?“, sagte Max mit scharfem Blick und sofort schüttelte Iro den Kopf.    
„du hast Recht, es war falsch von mir, das zu sagen“, sagte er betreten. Beide schwiegen sich an. Dann spürte Max jene Wärme für seinen großen Freund aufkommen.    
„Wir können wirklich von Glück reden, dich dabei zu haben, Iro. Ohne dich hätten wir beide im Geheimnisdschungel versagt!“    
Iro blickte verdutzt auf, doch lächelte er erfreut. Gerade wollte er was sagen, als sie hinter sich ein scharrendes Geräusch hörten. Erstaunt blickten sie sich um und sahen, wie Jimmy offenbar im Schlaf sich gedreht hatte und ihnen den Rücken zeigte.

Da sie sich ziemlich nahe der Trockenzone befanden, war der Ritt auf dem Stahlos wenige Stunden später nur eine vergleichsweise kurze Tortur. Erneut hielten sich Max und Jimmy an dessen Stacheln fest und Iro an seinem Hinterkopf, während das Stahlos sich nun durch eine abschüssige Ebene grub. Beunruhigt stellte Max sich vor, dass sie dem Naturbild kein Gefallen taten, wenn sich eine breite Furche durch diese zog. Er hoffte sehr, dass sie keine unterirdisch lebenden Pokémon in Aufregung versetzt hatten. Tatsächlich sah er schon einen Auftrag in der Knuddeluff-Gilde aushängen: Stahlos zerstört Landschaft. Man bittet um Hilfe!    
Max warf einen vorsichtigen Blick nach hinten um zu sehen, wie sich Jimmy hielt. Offenbar schaffte er wie zuvor, nicht herunterzufallen, doch etwas an seinem Gesicht ließ Max wieder einmal die Sorge in ihm hochsteigen. Anders als auf der ersten Etappe wirkte Jimmy aus irgendeinem Grund niedergeschlagen und fortwährend blickte er keinen der beiden anderen an. Max fragte sich, was der Grund sein könnte. Vielleicht hatte Jimmy doch nicht geschlafen. Doch selbst wenn er Max‘ und Iros‘ Gespräch mitbekommen hatte, so gab es für ihn keinen Anlass, so niedergeschlagen zu sein. Schließlich hatten sich Max und Iro nicht im negativen Sinn über ihn unterhalten. Er überlegte sich, ob er Jimmy später darauf ansprechen sollte, doch sein Gedanke wurde unterbrochen, als er das Stahlos röhrend aufbrüllen hörte. Der stählerne Körper bebte und das Stahlos hielt inmitten einer Schlucht an, deren hohe Felswände sich in den schwarzen Nachthimmel erhoben und im Schatten lagen. Das Stahlos kam allmählich zum Halt und erneut murrten die Erkunder erleichtert auf, von diesem herabzusteigen.    
„Was ist denn los?“, fragte Max, der sich in der Schlucht umherblickte. Das Gefühl beobachtet zu werden, ließ ihn nicht los. Und obwohl Mondlicht in Streifen durch die Wolken fiel, beleuchtete dieses nur wenig von den umherstehenden Felsen. Iro hingegen tippte Max auf die Schultern. Seine große Gestalt war nur schemenhaft zu erkennen, doch sah er diese in Richtung des Weges deuten, in die das Stahlos sich weiter hätte schlängeln können. Max musste die Augen zusammenkneifen, um etwas in der Entfernung ausmachen zu können. Der Übergang war nur sehr schwierig zu erkennen gewesen, doch er sah den schwarzen Nachthimmel sich über eine dunkle Fläche erheben, die sich von dem Gestein unterschied, auf dem sie im Moment standen. Wie automatisch holte Max die Karte hervor und zu seiner Erleichterung sah er den hellen Punkt, wie er sich kurz vor dem Eingang zur Nordwüste befand.    
Offenbar vermied das Stahlos, sie über Sand tragen zu wollen. Max erinnerte sich auch, wie ihnen Axel mitgeteilt hatte, dass dieses in der Wüste Schwierigkeiten hätte sich fortzubewegen. Von diesem Ort an waren sie nun wieder auf sich gestellt. Er nickte Iro bedeutungsvoll zu. Iro erwiderte das Nicken und wandte sich der Schlange zu.    
„Vielen Dank! Du kannst nun wieder deines Weges ziehen!“, sagte er zu dem Stahlos und gab ihm mit der linken Hand einen sachten Klaps auf den Kopf. Das Stahlos röhrte und das Team trat zurück. Es schlängelte sich einmal im Kreis und unter dem üblichen mahlenden Geräusch grub es sich seinen Weg zurück. Jimmy, dessen Hinternflamme in der Dunkelheit gespenstisch flackerte, blickte der Stahlschlange hinterher: „Warum lassen wir es nicht hier auf uns warten? Es könnte doch praktisch sein, auf diesem wieder nach Schatzstadt zu reisen, oder?“    
„Du willst dir nochmal diesen Ritt antun?“, sagte Iro skeptisch und blickte den Schimpansen schräg an. Dieser zuckte mit den Schultern.    
„Wir wissen nicht, ob wir hierher an diesen Ort zurückkommen. Stell dir vor, wir kommen ganz woanders aus der Wüste an und das Stahlos wartet vergeblich auf uns. Ich denke es ist besser, wenn wir das Stahlos in die Freiheit ziehen lassen.“    
„Auf einmal kommt mir der General nicht gerade so sympathisch vor“, gab Jimmy zu bedenken. Iro und Max nickten zustimmend. Max holte einen Leuchtorb hervor und ließ ihn aufleuchten, sodass sie sich im weißen Licht einander erkennen konnten. Alle drei wandten sich um und sahen nach vorne. Soweit das Licht des Orbs reichte, konnten sie erkennen, dass es ein mehr oder weniger gerader Weg in die Wüste war. Sie alle tauschten einen letzten Blick aus. Unsicherheit und Skepsis stand in allen geschrieben. Doch Max und Iro nickten zuversichtlich, was Jimmy weniger enthusiastisch erwiderte. Dann gingen sie voran.    
Doch nach wenigen Metern hörten sie ein lautes Schlagen mehrere Flügel sowie ein tiefes Brummen. Sofort hob Max eine leuchtende Laubklinge hoch, während Iro die linke Faust hochhielt. Max hielt den Leuchtorb in die Luft und schwenkte ihn hin und her. Nichts aber aber war zu erkennen, obwohl das Flügelschlagen und Brummen nicht aufhörte. Dann plötzlich verstummte es. Angespannt blickte das Team umher und für einen Moment glaubte Max, dass irgendein einheimisches Pokémon über sie hinweg gesaust war.
„Angst vor ein bisschen Gebrumme?“    

Eine schneidende Stimme durchfuhr die Luft und Max und Jimmy zuckten zusammen. Max wandte sich nach rechts und endlich fiel das Licht des Orbs auf ein paar großer grüner Facettenaugen, die das Licht mehrfach widerspiegelten. Jimmy keuchte erschrocken auf und auch Max trat einen Schritt zurück, da dieses Augenpaar aus der Dunkelheit hervorragten und recht grotesk wirken. Die Stimme lachte vergnügt auf und Lider fuhren über die Facettenaugen. Als diese sich wieder zurückzogen, funkelte ihnen Augen mit gewöhnlicher Iris und Pupille ihnen entgegen. Eine zweite Lichtquelle leuchtete in deren Nähe auf und enthüllten einen länglichen insektenartigen Körper mit vier dünnen klauenbesetzte Beinen. Zwei Paar grün und silbern schimmernder Flügel fügten sich wieder zusammen und ruhten nun auf diesem Körper. Zwei Fühler, die etwas nach oben gebogen waren, befanden sich zwischen den Augen und waren nach vorne gerichtet, wobei sie dabei zuckten. Eine Mischung aus Neugier und Argwohn lag in dieser Vibrava, die jedes der Erkunder in Augenschein nahm. Max betrachtete sich die Leuchtquelle in ihrer Nähe und erkannte, dass sie aus einem sehr kleinen Beutel kam, der neben ihr auf dem Boden lag.          
„Du bist eine Erkunderin, oder?“, sagte Max. Die Vibrava nahm ihn rasch in Augenschein.
„Das ist richtig“, sagte sie kühl und als sie gespannte Erwartung von den Erkundern wahrnahm, seufzte sie genervt auf und neigte ihren runden Kopf leicht nach vorne: „Zikabelle von Red-Scorpion, nicht zu euren Diensten!“    
„Red-Scorpion?“, fragte Jimmy verblüfft. Zikabelle warf ihn einen Blick zu.    
„Ihr begebt euch in die Trockenzone und seid erstaunt, dass ihr einem Mitglied von Red-Scorpion über den Weg läuft? Ihr wisst doch, hoffe ich, dass die Nordwüste sowas wie eine Heimat für uns ist? Eine Heimat“, sagte sie nun im strengen Ton, „die ihr gerade betretet, ohne dass wir davon in Kenntnis gesetzt wurden…“    
„Ich wüsste nicht, dass Red-Scorpion über alles informiert werden müsste, was in der Nordwüste und darüber hinaus vor sich geht“, sagte Max kühl und verschränkte.    
„Und ob es uns was angeht!“, entgegnete Zikabelle in ruhigem Ton, doch Max spürte die Gereiztheit. „Schließlich habt ihr ein Anliegen bei uns, nicht wahr? Es wäre doch daher empfehlenswert gewesen, uns Bescheid zu sagen, damit wir euch zur Gilde führen können. Ihr seid meilenweit von unserem Eingang entfernt!“    
„Wir haben kein Anliegen bei euch!“, rief Jimmy ein, der das Missverständnis wohl schnell zu klären versuchte. Nun wirkte Zikabelle auf einmal erstaunt über diese Wortwahl und blickte Jimmy an. Max und Iro, die keine Feindseligkeiten spürten, ließen ihre Waffen – Klinge und Faust – senken.    
„Weshalb seid ihr dann hierhergekommen? Seid ihr Verbrecher auf der Flucht? Oder Verstärkung für das eine Team, das gestern schon hier durchkam?“    
„Welches andere Team?“, fragte Max. Zikabelle zuckte mit ihren Fühlern und Max glaubte zu wissen, dass sie damit ein Schulterzucken andeuten wollte.    
„Ich weiß nicht, wie diese vier hießen, sie sagten jedenfalls, dass sie einen Verbrecher in der Nordwüste verfolgen würden. Ich für meinen Teil glaube diese Geschichte nicht“, und Zikabelle hielt inne. Offenbar überlegte sie sich, ob ihr diese Tatsache egal sein sollte oder nicht. Dann schüttelte sie seufzend den Kopf: „Wir haben genug in der Gilde zu tun, auch wenn ich es beleidigend finde, dass wir nicht mit der Verbrecherjagd vertraut wurden … Wie dem auch, ihr habt mir meine Frage nicht beantwortet!“    
Erwartungsvoll blickte sie jedem Erkunder ins Gesicht. Dabei ruhte ihr Blick eine Weile auf Iros Bandagen, woraufhin dieser genervt die Augen verdrehte.    
„Wir wollen in die Schädelwüste“, sagte Max ohne Weiteres. Er wusste nicht, warum er das irgendjemandem gegenüber geheim halten sollte. Was sollte sie auch tun, um das Team Mystery aufzuhalten?    
Doch Zikabelle dachte wohl nicht dran, sie aufzuhalten. Ihr Blick hatte einige Momente lang auf Max geruht, ehe sie in schallendes Gelächter ausgebrochen war. Iro und Jimmy blickten empört drein.    
„Es ist Jahre her, dass sich Erkunder in dieses Gebiet begeben haben“, holte Zikabelle Luft, nachdem sie sich abgeregt hatte. Sie blickte vergnügt zu den drei Pokémon. „Ihr wisst doch hoffentlich, dass kaum einer je dieses Gebiet verlassen hat? Egal ob lebend oder nicht?“    
„Das wissen wir“, sagte Max gereizt. Von Plaudagei und Axel schon hatten sie Zweifel erhalten, und Jimmy hatte von der Skepsis des Generals über ihr gegenwärtiges Ziel erzählt. Max war nicht scharf drauf, zum vierten Mal diese von einem Pokémon zu hören. Doch zu seiner Überraschung verzichtete Zikabelle auf diese.    
„Was auch immer ihr dort zu suchen habt, erledigt es schnell!“, sagte sie noch immer vergnügt, aber wesentlich ernster. „Selbst für uns Skorpione ist die Schädelwüste ein Ort, den wir nur aufsuchen, wenn wir uns eingehend darauf vorbereitet haben.“    
„Du willst uns das nicht ausreden?“, sagte Max erstaunt. Zikabelle schüttelte den Kopf.    
„Ich wüsste nicht, warum ich das machen sollte. Wir von Red Scorpion glauben an ein einfaches Prinzip: Tu, was du für richtig hältst, doch lebe mit den Konsequenzen. Jeder ist für sich selber verantwortlich. Und ich gehe soweit, dass ich das von jedem anderen Erkunder erwarte. Wenn sie sich nicht genug vorbereitet haben, ist das deren schuld.“    
„Das klingt aber nicht gerade sehr hilfsbereit…“, sagte Jimmy in enttäuschtem Ton. Zikabelle fasste ihn streng ins Auge: „Erstens unterscheidet sich unser Aufgabenfeld grundsätzlich von dem der anderen Gilden und zweitens bezieht sich dieses Motto nur auf die Mitglieder; unterstell uns nicht, dass uns das Schicksal der Pokémon, die zum Beispiel ausgeraut werden, gleichgültig sei …“    
„Tut mir leid …“, sagte Jimmy betreten. Zikabelle wandte sich von ihm, während Max eine Idee kam.    
„Es klingt bei dir so, als hättet ihr bereits Touren in die Schädelwüste unternommen“    
„Haben wir“, sagte sie und sah Max aufmerksam an. „Und bestimmt bist du an Tipps interessiert, habe ich Recht?“    
Max nickte. Zikabelle deutete ein Lächeln an.    
„Ich will euch Erkundern keinen Gefallen damit tun. Ich teile gerade nur Fakten mit, die ich selber sehr interessant finde. Die Schädelwüste selber kenne ich nur von den Geschichten der anderen. Doch dort soll das Wetter wesentlich verrückter spielen als in der Nordwüste. Die ist das reinste Paradies im Vergleich zur Schädelwüste.“    
Max hörte, wie Jimmy laut schluckte, und auch ihn erfreute diese Information nicht. Die Nordwüste allein war kein angenehmer Ort. Doch er musste konzentriert bleiben.    
„Was für Fakten sind noch interessant für dich?“.    
Zikabelle strahlte, als hätte Max die Regeln eines Spiels nach mehreren Versuchen verstanden.    
„An sich nur noch, dass hier und da plötzlich und wie aus dem Nichts Sandstürme aufkommen können“, sagte sie, während sie nachzudenken schien. Dann hellte sich ihr Blick und jedem der Erkunder blickte sie ins Auge: „Ihr seid euch sicher, dass ihr euch da rein begeben wollt?“
Die drei nickten, auch wenn ihre Zuversicht nicht einheitlich war.          
„Die Schädelwüste ist auch unter einem anderen Namen bekannt: Das Grab im Sand!“

***

Max hatte mit Jimmy ein paar Male schon Teile der Nordwüste durchschritten. Damals schon wurde ihnen klar, dass sie einen lebensfeindlichen Ort darstellte. Wo immer Max hinblickte, hoben und senkten sich Dünen wie Wellen am Meer und weit und breit war kein Leben zu erkennen. Nur entfernte Felsformation waren noch in ihren schemenhaften Umrissen zu erkennen. Bestimmt boten sie kühlere Schatten, doch sie zu erreichen würde sie wertvolle Zeit und Kraft kosten. Denn durch den Sand zu laufen und Dünen zu erklimmen stellte sich als sehr anstrengend heraus. Max, Iro und Jimmy mussten in breiten Schritten laufen, als sie Dünen erklommen, denn der weiche Sand sorgte für enormen Widerstand. Nun verstand Max, wie schwierig, eventuell auch unmöglich, es für das Stahlos gewesen wäre, sich durch den Sand zu bewegen. Nun lag es an ihnen, über diesen ihren Weg zu finden    
Doch kaum etwas hätte das Team Mystery auf jene Feindin einstellen können, die unbarmherziger wie kein anderer war. Sie, die Sonne, wie auf das Hundertfache vergrößert, glühte von hoch oben herab. Ihre Strahlen verschluckten sogar das Blau des wolkenlosen Himmels. Und kein Wind wehte, stattdessen schossen sengende Strahlen auf sie herab. Die Luft flimmerte und stand vor Hitze, doch die Kühlbänder taten zum Glück ihre erhoffte Wirkung. Für Max kam die Hitze wie die eines gewöhnlichen heißen Sommertages vor und er hoffte, dass das zweite Kühlband, das Iro zurzeit trug, auch seine Wirkung tat. Jimmy war als Feuer-Pokémon an größere Hitze gewöhnt, doch hatte er mit anderen Problemen zu kämpfen. Während Max und Iro es gerade noch schafften, ihre Körper über die Dünen zu hieven und breitbeinig durch den Sand zu waten, konnte Jimmy aufgrund seiner Größe und Statur nicht diese Kraft aufwarten. Stillschweigend setzten sie so ihren Weg fort. Denn sie hatten ausgemacht, dass Reden nur zusätzliche Kraft und Energie aufwenden würde. Max hatte nur die Richtung vor Augen, in die der Kompass-Orb zuvor gezeigt hatte, als sie Zikabelle hinter sich gelassen hatten. Und seitdem waren sie stur geradeaus gelaufen. Nur gelegentlich hat Jimmy bestätigt, dass sie noch immer auf Kurs waren. Die Wunderkarte wäre hier nicht sonderlich nützlich gewesen. Zwar würde sie noch die Position in der Nordwüste anzeigen, doch ging aus dieser nicht hervor, in welche Richtung sie blickten. Zudem gaben Wunderkarten den Standort nicht an, wenn das Gebiet selber zum größten Teil noch unbekannt war. Ab der Schädelwüste wäre die Wunderkarte nicht besser als ein Stück Papier. Max war nun doch froh, dass sich Jimmy den Kompass-Orb von Magiéve erworben hatte, denn dieser würde eine große Rolle spielen.    
Er hörte ein leises, vom Sand verdecktes, schleifendes Geräusch hinter sich. Er drehte sich um und sah, wie Iro nun ein paar Schritte zurück watete und schließlich Jimmy vom Sand hob. Obwohl sie nur wenige Schritte voneinander entfernt waren, hörte Max Jimmys protestiertes Rufen nur schwach; oder war Jimmy selber recht erschöpft?
„Ich kann selber laufen, Ironhard! Lass mich runter!“    
„Du versinkst mir fast im Sand und wir können es uns nicht leisten, nach dir zu buddeln! Und nun halt dich gefälligst an mir fest bitte!“    
Max sah, wie Iro den Schimpansen nahe seiner Schulte führte. Als sie wieder zu Max stießen, hörte er, wie Jimmy mit unterdrückter Wut murrte und sich um Iros Hals klammerte. Max sah, wie Jimmy Andeutungen machten, mehr als nötig zuzudrücken, doch Iro schien nichts davon zu spüren. Besorgt blickte Max die beiden an, doch beruhigte er sich mit den Gedanken, dass sie sich mit Widerwillen geeinigt haben. Sie setzten ihren Weg fort. Und nachwievor erwiesen sich der Sand und die Sonne als ihre größten Widersacher.          
Die Dünen herab zu laufen erwies sich genauso als anstrengend wie diese hinaufzusteigen, denn wenn sie nicht aufpassten, drohten sie vornüber zu stürzen. Mit Gedanken an Iros momentanen Zustand wären weitere Verletzungen unnötig, wenn nicht auch sogar fatal für ihr Unternehmen. Sie waren schon zu weit in die Wüste hineingegangen, als dass sie umkehren konnten. Max zweifelte allmählich, ob sie sich ausreichend vorbereitet hatten. Zikabelles Bericht über die Vorbereitungen der Red Scorpion-Gilde ließen Unruhe in ihm aufkommen, denn er fürchtete, dass sie es mit dem Aufbruch zu eilig hatten. Zwar hatten sie genug Vorräte an Trockenobst und Wasser und auch konnte ihnen bei Bedarf die Richtung gewiesen werden, doch vielleicht wäre ein Abstecher in die Red Scorpion-Gilde sinnvoll gewesen. Gewiss hätten sie von der Expertise der Wüsten-Erkunder Gebrauch machen können. Und nun fluchte Max vor sich hin, da er nicht diesen Gedanken eher ergriffen hatte.          
Ein jäher Wind zog auf, als hätte Max diesen heraufbeschworen. Der Sand, so fein wie er war, wurde jäh aufgewirbelt und gegen die Erkunder geworfen, die eilig ihre Gesichter verdeckten. Wie kleine Nadeln trafen die Sandkörner Max Körper und er hatte Mühe, nicht vor Schmerz zu keuchen. Dann ließ der Wind mit einem Schlag nach und Max hörte wie Jimmy aufheulte. Rasch wandte er sich um, was auf dem Sand schwierig war.    
„Was ist passiert?“, sagte Max, doch er kannte die Antwort schon, als er Jimmy dabei beobachtete, wie er sich fluchend die Augen rieb.    
„Dieser verdammte Sand sticht dermaßen!“, rief Jimmy wütend aus und rieb sich durchgehend die Augen. Iro schmunzelte vernehmlich, worauf ihm Jimmy zornig auf den Kopf schlug.
„Findest du das witzig?!“    
„Das nicht!“, entgegnete Iro fahrig und die Finger seiner linken Hand zuckten bedrohlich.
„Mein Gips hat mich nur vor dem Sand größtenteils geschützt, und das war irgendwie ironisch.“
„Erspar mir die Erklärung!“, sagte Jimmy wütend und schnaubte. Iro sah danach aus, als hätte er große Lust, Jimmy von seiner Schulter zu schmeißen, doch dankbar erkannte Max, wie er davon absah.
Nun hatte sich eine angespannte Spannung in der Luft gelegt, die sich mit dem und der Sonne zu verbünden schien. Max zog die Karte hervor in der Hoffnung, sie möge einen kleinen Lichtblick geben. Dass sie zum Beispiel längst die Nordwüste hinter sich gelassen hatten und schon in der Schädelwüste waren. Doch enttäusch sah er den leuchtenden Punkt in der Nordwüste, doch mit Freude sah er, dass sie die nördliche Grenze der Nordwüste beinahe erreicht hatten. Und ein Lächeln zog über sein Gesicht, als er auf der Karte eine eingetragene Kette von Felswänden sah, die ein erhöhtes Gebiet umgrenzten. Er richtete seinen Blick auf und tatsächlich sah er diese vor sich in der flimmernden Luft. Inständig hoffte er, dass es keine Fata Morgana war, doch die Wunderkarte irrte sich nie. Er rief diese Neuigkeiten Jimmy und Iro zu und mit Freude sah, wie auch ihnen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben stand.
Es hatte noch eine Stunde gedauert, bis sie die hohe Felswand erreicht hatten, doch hatte sie sich gelohnt. Dankbar, endlich wieder festen Boden unter sich zu spüren, ließ Max sich auf diesen fallen. Und das Beste war, dass sie eine Einbuchtung erblickt hatten, die auch etwas Schatten bot. Sie konnten sogar die Kühlbänder ausziehen, weil es sonst zu kalt für Max und Iro gewesen wäre. Auch Jimmy war hellauf begeistert von der Aussicht, endlich von Iros Schultern zu klettern.    
„Gern geschehen!“, giftete dieser, als Jimmy sich jubelnd von ihm geschwungen, doch der Schimpanse beachtete ihn nicht. Auch er hatte sich auf den Boden geworfen. Ebenso war es Iro anzusehen, dass er dankbar über diesen Ortswechsel war, denn erschöpft schnaubend ließ er sich nieder.    
Max holte eine Feldflasche hervor und trank aus dieser. Es war unglaublich, wie köstlich und kraftspenden Wasser sein konnte, als diesen seinen Mund erfüllte. Gerade er als Pflanzen-Pokémon spürte, wie es ihn fast Superkräfte verlieh. Doch er musste sich stark zusammenreißen, denn auch Iro und Jimmy benötigten es genauso dringend wie er. Iro nahm es dankend und lächelnd an, als es ihm reichte. Doch er warf stattdessen Jimmy zu, der verdutzt aufblickte.    
„Ich kann nicht garantieren, dass ich es nicht in einem Zug trinke. Nimm du zuerst und ich übernehme den Rest. Wir haben noch zwei Feldflaschen, oder?“    
Max nickte und Jimmy trank begierig. Er warf dann Iro die Flasche zu, die er dann wie angekündigt in einem Zug leertrank.    
„Danke“, sagte er säuerlich und Max schloss, dass er von allen drei am wenigsten getrunken hatte. Er blickte zu Jimmy, der nicht schuldbewusst aussah, dann wollte er die zweite Feldflasche herausholen, doch Iro winkte sofort ab.    
„Es geht schon, Max. Wichtig ist, dass wir die Wüste überstehen, irgendwie. Und ich brauche nicht viel, wenn ich eh nicht kämpfen kann … oder mehr darf …“, sagte er eindringlich und tippte seinen Gips an. Max blickte Iro besorgt in die Augen, doch ein Schnauben, das von Jimmy kam, lenkte ihn ab: „Oh ja, Ironhard, der Superheld! Er kommt mit wenig Wasser und mit wenig Essen aus, nicht wahr?“    
„Sag mal, hast du irgendwie ein Problem mit mir?“, sagte Iro gerade heraus und fasste Jimmy scharf ins Auge. Beide blickten sich wütend an, dann wandte sich Jimmy ab: „Schon gut … ich bin nur … gereizt … sorry …“    

Max spürte, dass Jimmy eigentlich was Anderes sagen wollte. Zumal die Wortwahl ganz anders war als sonst. Auch Iro sah ganz danach aus, als würde er sich aufrichten und auf Jimmy losgehen wollen. Doch erneut schien er diesen Impuls gerade noch zu unterdrücken, wofür Max abermals dankbar war. Er konnte sich vorstellen, was in beiden vorging, doch er ahnte, dass er die angespannte Stimmung nur überladen würde, wenn er beide offen darauf ansprach. Er hoffte inständig, dass beide sich zusammenreißen konnten und Feindseligkeiten erst miteinander besprechen würden, wenn sie vom Lawinenberg nach Schatzstadt zurückkämen.
Sie hatten eigentlich vor, nur ein paar Stunden sich auszuruhen und dann wieder sich auf den Weg zu begeben. Die Idee war, dass es nachts vielleicht angenehmer war, durch die Wüste zu waten. Doch in jener Nacht zog ein Sturm auf und Sandkörner wehten in die Einbuchtung hinein, sodass sich das Team Mystery so weit wie es ging nach hinten zurückziehen musste. Zudem trat, ganz im Kontrast zur Hitze am Tag, eine klirrende Kälte hinzu, die von den Hitzebändern aber erträglich wurde. Sie beschlossen, daher, am nächsten Morgen weiter zu marschieren und darauf zu hoffen, dass die Schädelwüste nicht allzu viel schlimmer war, wie Zikabelle es ihnen prophezeit hatte.    

Als sich der Sandsturm in der Nacht legte, fühlte Max sich zwar sicher, dennoch hielt er es für angebracht, am Eingang der Einbuchtung Wache zu halten. Er ahnte, dass nachts das Leben in der Wüste anders war als am Tag. In Gedanken an ihre Mission blickte er auf die Dünen und von denen auf das breite Sternenmeer am Himmel. Noch nie hatte Max so einen Himmel gesehen, von dem Sterne in allen erdenklichen Größen zu ihm herab leuchteten. Er konnte sogar Sternenstaubstraßen erkennen, die sich schwach zeichneten. Max fiel kein vergleichbarer Einblick ein, außer jene Nacht, in der er mit Jimmy in ihrer Zeit als Gildenlehrlinge den Abendhimmel vom Fenster aus betrachtet hatte. Es war jene erste Nacht, die Max als Pokémon verbracht hatte. An jenem Tag war auch Jimmy begegnet, sie hatten sich sein damaliges Reliktfragment zurückgeholt und sie hatten sich in der Gilde eingeschrieben. Dieser Tag lag nun vier Jahre zurück, doch für Max war es, als hätte er ein ganzes Leben seither verbracht. Und dies war nur geschehen, weil er Jimmy begegnet war. Ihm verdankte er es überhaupt, dass Jimmy ihn damals gefunden hatte. Max hatte ohnmächtig am Strang gelegen und er wusste nicht was passiert wäre, hätte ein anderes Pokémon ihn dort gefunden. Es war Schicksal, dass es gerade Jimmy war, der ihn fand, dessen war Max sich sicher. Ohne Jimmy wäre er vermutlich nicht direkt der Knuddeluff-Gilde beigetreten. Und er hätte wahrscheinlich nicht Monate später daraufhin erfahren, welche Aufgabe er zu erledigen hatte. Es wäre zu spät gewesen, Reptain wäre für ihn immer ein Verbrecher gewesen und die Lähmung des Planeten hätte stattgefunden.
Max gähnte. Allmählich ermüdete es ihn, dass er und Jimmy es immer bisher gewesen waren, die die Hauptrolle bei diesen Weltrettungs-Aktionen gespielt hatten. Und nun sollten sie erneut die Welt retten, dieses Mal vor einem Dämon. Max war alles andere als wohl dabei. Gerne hätte er mit Jimmy und Iro den Abend einfach friedlich in Roses Taverne verbracht. Am nächsten Morgen hätten sie einfach nach Schatzstadt aufbrechen können, ein paar Tage dort verbracht und dann dorthin hätten gehen können, worauf sie Lust hatten. Seitdem sie mit Lashon gesprochen hatten, hatten sie es mit einem mächtigen Skaraborn zu tun gehabt, mit Feindseligkeiten von Dschungelbewohnern sowie jetzt mit der Hitze und Kälte einer Wüste. Und auf dem Weg zu dieser waren getrennt, versklavt, Jimmy beinahe vergiftet und Iro der Arm gebrochen worden.  Was noch sollte den dreien widerfahren? Und waren sie die wirklich die Einzigen, die diese Aufgabe bewältigen konnten?    

***

Den Aufstieg fanden sie am nächsten Morgen recht schnell. Hin und her stiegen sie die Bergkette hinaus und mussten ab und an über größere Lücken springen oder auf schmaleren Felsstreifen darauf achten, nicht fehl zu treten. Doch einen solchen Fehltritt zu machen war nicht Max‘ einzige Sorge.  Ihn behagte das Schweigen nicht, das sie seit dem Verlassen der Einbuchtung, wo sie die Nacht verbracht hatten, verfolgte. Jimmy und Iro hatten sich grimmig in die Augen geblickt und zornig in andere Richtungen geblickt. Max konnte froh sein, dass Iro Jimmy dieses Mal nicht helfen musste, den Weg zu bewältigen. Höchst wahrscheinlich würde dies Jimmys ohnehin gereizte Stimmung überstrapazieren.      
Noch während sie den steilen Weg nach oben nahmen, fragte sich Max aber dann doch, ob die beiden nicht von sich aus auf weitere Streitereien verzichteten. Viel hing von ihrem Erfolg ab und Max überkam der unangenehme Gedanke, dass den beiden dies nicht so deutlich bewusst war. Und nun spürte Max auch nun in sich eine Wut darüber aufsteigen, doch er schüttelte den Kopf, während er versuchte sich auf den Weg zu konzentrieren. Er musste als Anführer einen kühlen Kopf bewahren und einschreiten, sollte es zwischen den beiden krachen. Dies würde nicht gelingen, wenn er selber einen Groll hegte. Umso mehr hoffte er auf ein baldiges Ende ihrer Reise zum Lawinenberg.
Und dann endlich erreichten sie die höhere Ebene und zum ersten Mal erblickte Max ganz weit hinten einen sehr schwachen Schatten, der sich nach oben hin zuspitzte. Er war kaum zu erkennen, denn abermals flimmerte die Luft, doch Max war sich sicher, dass dies keine Einbildung war. Auch wenn der Weg gewiss noch lange andauern würde, so war der Lawinenberg endlich in Sicht.    
Als Max sich umwandte und Jimmy und Iro von dieser Entdeckung in Kenntnis setzte, nahmen sie hingegen diese Neuigkeit wenig begeistert auf. Beide murrten über den langen Weg, den sie noch zu gehen. Sie wollten daher ohne weitere Worte ihren Weg fortzusetzen. Max wusste nicht, wie er diese Anteilslosigkeit bewerten sollte. Die beiden schienen offenbar zu angespannt und zu ausgezehrt, als dass sie noch großartig Freude oder Aufregung hätten ausdrücken können. Max teilte zwar diese Stimmung, doch spürte er Zuversicht, da sie ihrem Ziel allmählich näher kamen. Doch wusste er auch in dem Moment, dass sie die Schädelwüste betreten hatten. Obwohl es noch Morgen war und der Himmel ein zartes Blau hatte, schlug dieses sofort in ein noch kräftigeres um, die Sonne stand plötzlich am Zenit und mit einem Schlag stiegen die Temperaturen an, sodass selbst die Kühlbänder kaum noch Wirkung zeigten. Das Dünenmeer hatten sie zwar hinter sich gelassen, doch nun breitete sich eine erbarmungslos kahle, trockene und rissige Fläche vor sich, die nur vereinzelt von ausgedorrten Büscheln an Gras, die starr in der Luft waren, da kein Wind wehte. Max glaubte nicht, dass er je zuvor einen solchen Ort gesehen hatte, der nur vor Einsamkeit und Lebensfeindlichkeit strotzte. Seine Augen schmerzten, da die Hitze in der Luft stand und auch seine Füße fühlten sich an, als liefen sie auf einer Metallplatte, unter der heißes Wasser brodelte. Auch das Atmen tat Max leicht in der Lunge weh, als würde er sengende Hitze inhalieren. Eins war klar, ohne die Kühlbänder wären sowohl er als auch Iro aufgeschmissen und sofort würden sie ihren Rückzug verkünden.
Max wandte sich um und wollte nach den beiden sehen. Jimmy wirkte zum Glück unverändert, doch war er dieses Mal vor Iro unterwegs, der immer mehr zurückfiel und sich leicht verkrümmte. Etwas an diesem Anblick gefiel Max ganz und gar nicht.    
„Iro! Was ist los?“, rief er und trat auf den Alligator los. Dieser biss die Zähne zusammen und schien sich fest auf etwas zu konzentrieren.    
„Sag schon was!“, drängte Max und versuchte, Iros Blick zu erhaschen. Endlich sah dieser auf und blickte seinen Anführer an. Dabei wurde Max klar, dass Iro gegen etwas ankämpfte.
„In meinem Gips breitet sich der Schweiß aus, Max … und es juckt höllisch! Und ich kann mich nicht kratzen!“, und fast verzweifelt kratze er sich mit seinen Krallen über den Gips. Max war ganz kurz nach Lachen zu Mute, da er befürchtet hatte, dass Iros Arm wieder am Zerbrechen war. Doch als er Iro dabei zusah, wie er sich krümmte und drehte, um gegen den Juckreiz anzukämpfen, kam ihm doch der Mitleid auf und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn er sich nicht kratzen könnte. Jimmy hingegen schien das ganze sehr zu amüsieren: „Wegen einem Juckreiz bleiben wir stehen? Ernsthaft?“    
„Trag du mal einen Gips und sei hier unterwegs, dann reden wir nochmal drüber!“, fauchte Iro zurück. Max spürte panische Unruhe in sich aufkommen. Wenn er nicht bald was unternahm, würde das eintreten, was er die ganze Zeit schon befürchtete. Er blickte zurück auf den Rand der Klippe, von der sie gekommen waren. Noch bestand die Möglichkeit umzukehren. Auch wenn der Rückweg anstrengend sein würde, doch mit etwas Glück kämen sie innerhalb eines Tages wieder an der Südgrenze der Nordwüste an. Doch statt nach Schatzstadt könnten sie die Red Scorpion-Gilde aufsuchen. Auf einmal kam der Gedanke, dass sie deren Hilfe hätten annehmen können, sehr vernünftig vor und er hätte sich nun ohrfeigen können, dass sie nicht eher Zikabelle darum gebeten haben, sie zur Gilde zu führen.
„Nein, Max!“, sagte Iro, als Max ihm und Jimmy diesen Vorschlag unterbreitet hatte. „Wir sind jetzt soweit gekommen, den Rest werden wir auch noch durchstehen! Wir benötigen nicht die Hilfe von Red Scorpion. Dafür-“    
„Jaja, dafür bist bei uns!“, schnaubte Jimmy verächtlich. Er achtete nicht auf Iros wütenden Blick und auf den vorwurfsvollen, den Max ihm zuwarf. Der Schimpanse blickte sich um und seine Miene wurde immer skeptischer.    
„Sind wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg?“          
„Wir sind von der Klippe gekommen, die südlich von der Schädelwüste liegt“, sagte Max im Versuch, ruhig zu klingen. Doch er merkte, wie die Anspannung an seinen Nerven zehrte.
„Wir müssen von hier einfach nur gerade aus nach Norden, dann kommen wir irgendwann beim Lawinenberg an.“    
Jimmy blickte Max hohl an: „Und wo ist nun die Klippe abgeblieben?“    
„Na hier hinter-“, sagte Max und wollte nach hinten weisen, doch stutze er. Die felsige Umrandung der Klippe war auf einmal verschwunden, nur jene Einöde breitete sich hinter ihm aus, als wären sie schon viel weiter in die Wüste marschiert. Doch Max war sich sicher, dass sie sich nicht mehr als ein paar Meter von der Klippe entfernt hatten und diese somit noch in Sichtweite sein sollte.    
„Zikabelle hat es uns gesagt“, sagte Jimmy mit schiefem Lächeln, als Max ihm perplexe Blicke zuwarf. „Die Schädelwüste ist ein ganz eigener Ort als die Nordwüste. Zum Glück aber“, und Jimmy legte ein selbstgefälliges Grinsen an, „habe ich klugerweise einen Kompass-Orb erstattet!“    
Er fuhr seine Finger an den Beutel um seinen Hals heran und öffnete diesen und griff daraufhin hinein.    
„Wisst ihr noch, wie skeptisch ihr wart? Glaubt nicht, ich hätte eure Blicke nicht gesehen, als ich von Magiéve den Orb gekauft habe!“    
Seine Hand tauchte wieder auf und hielt jene gläserne Kugel, in der es sternenartig funkelte, in die Luft.    
„Jetzt wird sich dieser Kauf bezahlt machen! Es war Schicksal, dass ich ihn mir geholt habe!“, und Jimmys Stimme klang vor Erregung nahezu verzerrt, was Max beunruhigte. Doch nichts war mehr ein Grund zur Unruhe, sogar zum Schockiert-Sein, als das, was nach diesen Worten folgte. Gerade wollte Jimmy die Kugel vor sein Gesicht halten, da glitt ihm diese aus seinen schwitzenden Fingern. Wie in Zeitlupe und mit weit aufgerissenen Augen sahen sie, wie die Kugel zu Boden fiel und in tausend kleine Splitter zerbrach, aus denen eine kleine Wolke an Sternen emporstieg, ehe sie verpuffte.

Max spürte nicht, wie er auf die Knie sank. Er tat es, ohne es zu wissen, Jimmy gleich, der mit offenem Mund und mit entsetztem Blick auf die Stelle starrte, von der die kleinen Splitter ihm entgegen funkelten. Iro stieß seltsame Laute von sich, ehe er dann in schallendes Gelächter ausbrach, wie Max es noch nie zuvor von ihm gehört hatte. Es war, als würde er krampfhaft versuchen, über einen unlustigen Witz zu lachen. Doch seltsamerweise war auch Max nach Lachen zu Mute. Nicht etwa, weil ihn die Situation erheiterte, denn das komplette Gegenteil war der Fall. Doch diese banale Endgültigkeit, mit der dieser Orb am Boden zerschellt war, war so simpel und doch derartig passend für einen Ort wie diesen, dass sich die Qualen in Gelächter entluden. Jimmy blickte entsetzt zu den beiden auf und schien nicht in der Lage zu sein, Worte dafür zu finden. Dafür fand Iro nun diese:    
„Bekommst du irgendwas eigentlich auf die Reihe, Jimmy?“

Dies war die Frage, die bei Jimmy einen Hebel umzulegen schien. Mit einem Mal loderte seine hintere Flamme auf und wütender als je zuvor trat er auf Iro zu: „Halt! Die! Klappe!“
„Nein, werde ich nicht!“, sagte Iro mit Röte im Gesicht und schlug mit seinem Schweif auf. Max war wie erstarrt über die Lautstärke, zu der beide ansetzten.    
„Du hattest nur diese eine Aufgabe! Ein verdammtes Auge auf diesen Orb zu werfen! Nicht aber diesen auf den Boden zu werfen!“    
„Glaubst du etwa, ich tue das mit Absicht?“, fauchte Jimmy und auch ihm stieg die Zornesröte ins Gesicht.      
„Was war das denn für eine Show überhaupt?“, sagte Iro fuchsig. „Du wolltest dich unbedingt als Helden aufspielen, was?“    
„So wie du?“, entgegnete Jimmy, doch bevor er noch was sagen konnte, baute sich Iro bedrohlich vor ihn auf: „Genau wie ich?!“    
„Allerdings!“, sagte Jimmy bestimmt, auch wenn er gegenüber Iros Größe leicht einzuknicken schien. „Immer tust du so, als wärst du derjenige, der alles ins Lot bringen kann. Als wäre kein anderes Pokémon dazu in der Lage! Und noch dazu diese Arroganz!“    
„Arroganz?!“, rief Iro zornig und fletschte die Zähne. „Wo war ich jemals arrogant?“    
Jimmy zögerte, doch seine Wut, die ganze Zeit über nahe dem Siedepunkt, kochte nun über: „Wieso sonst hättest du den General herausfordern wollen? Es war doch klar, dass du noch nicht soweit warst!“
„Wenn du das hier meinst“, sagte Iro zischend und deutete auf seinen bandagierten Arm. „Hätte ich gewusst, dass es dazu führt, hätte ich die Herausforderung zurückgezogen. Ich wollte dem General nur beweisen, dass wir in der Lage sind, die Schädelwüste zu bestehen.“
„Wir? Oder nur du?“, sagte Jimmy hinterlistig. Iro verengte die Augen und blickte Jimmy an, als würde er diesen nicht klar erkennen: „Was meinst du damit?“
„Ich sage es dir ganz offen!“, sagte Jimmy und holte Luft. „Seit du unserem Team beigetreten bist, hast du dich zu einem überheblichen, gewalttätigen und selbstgefälligen Mistkerl entwickelt. Du lässt mir und Max kaum Chancen, uns zu beweisen. Im Geheimnisdschungel zum Beispiel bist du losgezogen und hast versucht, die Probleme mit deinen Fäusten zu lösen!“    
Iros Mund klappte auf. Und auch Max blickte Jimmy an, der wie ausgewechselt war. Dann begann Iro heftig zu schnauben, sodass sich seine Nüstern weiteten.
„Okay … damit es klar ist …“, begann Iro leise, doch die Wut in seiner Stimme kündete großes Donnerwetter an. „Ich habe versucht, sowohl dich als auch Max zu retten, nachdem wir im Geheimnisdschungel getrennt wurden. Ich musste ein verdammtes Chelterrar verdreschen, um eine Frucht zu bekommen, die für dein Heilmittel bestimmt, weil du bekannter Maßen vergiftet warst! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass ich dir und Max die Show stehle? Du etwa? Geht es dir darum?“          
Mit einem Mal wandte sich Iro zu Max, der erschrocken darüber, dass er nun angesprochen wurde, den Blick erwiderte: „Denkst du auch so?“

„Ich…“, stammelte Max perplex.    
„Tu doch nicht so, Max!“, rief Jimmy laut und Max zuckte zusammen. Dass Jimmy so schrie, überraschte ihn genauso wie dessen Gebaren.
„Ich sehe es dir doch an, dass du Iros Rücksichtslosigkeit und Sturheit genauso wenig gutheißt wie ich! Sieh doch, was ihm diese eingebrockt haben!“
Der Boden bebte auf einmal. Iro hatte mit seinem Schweif auf diesen geschlagen und wütender als zuvor blickte er Jimmy an: „Ich will es wenn Max selber hören, da brauchst du nicht ihm die Worte in den Mund zu legen!“    
„Ich muss ihm gar nichts in den Mund legen, wenn er mir eh zustimmt, oder?!“, rief Jimmy und beide blickten zu Max, der es nicht fassen konnte. Ratlos blickte er von einem zum anderen und hätte sich gerade lieber da rausgehalten. Doch als beide auf eine Antwort drängten, gab Max höchst widerwillig nach. Er vermied es aber, einen der beiden anzublicken.
„Dass Iro den General herausgefordert hat, war in der Tat unnötig und riskant. Doch ich glaube, dass Iro es nicht beabsichtigt hat, dass sein Arm dabei zu Bruch ging. Er hat diesen Unfall sozusagen nicht erwartet …“    
„Unfall!“, schnaubte Jimmy verächtlich und funkelte nun wieder zu Iro: „Sicher, dass er nicht versucht hat, Sturzbach anzuwenden, und sich dabei vollkommen überschätzte? Das tat ihm jedenfalls mal gut, so einen Denkzettel verpasst bekommen zu haben.“
„Hast du sie noch alle?!“, rief Iro zornig und trat drohend an Jimmy heran: „Du meinst, ich hätte es verdient, dass ich eventuell nie wieder mit dem Arm kämpfen kann? Du meinst, ich hätte es verdient, dass ich meinen Traum für immer vergessen soll?“    
„Du wüsstest dann zumindest, wie es ist, wenn man nicht so stark ist, wie man tut …“, sagte Jimmy und obwohl er leiser und damit eher zu sich sprach, hatten Iro und Max ihn gehört. Iro deutete mit einem Finger auf Jimmy und lachte laut auf: „Geht es dir darum? Du denkst, du bist zu schwach?“    
„Das hat er nicht gesagt!“, warf Max ein und blickte Iro streng an. „Du weißt, dass Jimmy stark ist und dass er-“    
„LÜG NICHT!“, schrie Jimmy und abermals zuckte Max zusammen. „Ich habe dich und Iro letztens dabei gehört, wie ihr über mich geredet habt. Ihr habt euch gewundert, warum ich mich per tu nicht entwickeln will.“    
„Jimmy, es ist nicht so wie du-“    
„Ich habe es deutlich gehört!“, rief Jimmy und deutete anklagend auf Iro und äffte dabei jemanden nach: „Wir können wirklich von Glück reden, dich dabei zu haben, Iro. Ohne dich hätten wir beide im Geheimnisdschungel versagt!“
„Und? Es stimmt doch in dem Fall!“, entgegnete Iro kalt. „Du wärst an einem Gift krepiert und Max wäre eine willenlose Marionette vom Waldschrat und-“    

Jäh brach er ab und sein Blick weitete sich vor Entsetzen. Auch Jimmy wirkte für einen Moment in seiner Wut unterbrochen und beide blickten betreten zu Max, der diesen Moment vorhergesehen hatte. Irgendwann musste die Wahrheit über das, was wirklich geschehen war ans Licht kommen.    
„Ich … weiß, was mit mir passiert ist, nach dem wir im Dschungel getrennt wurden. Viridium hat es mir im Vertrauten erzählt.“    
„Das hat sie?“, sagte Iro und sah nicht weniger wütend aus. Max nickte, doch blickte er den beiden fest ins Gesicht:
„Sie hat mir aber erzählt, weswegen ihr mir diese Tatsache verschwiegen habt. Und ich bin euch dankbar, dass ihr es mir ersparen wolltet, ein schlechtes Gefühl zu bekommen. Ich hatte mich nicht unter Kontrolle und habe euch angegriffen … natürlich fühle ich mich deswegen auch schlecht aber …“, und Max holte tief Luft. „Ich kann mir vorstellen, dass ich euch dazu genötigt habe, gegen mich zu wehren. Und ich mache euch da keinen Vorwurf!“
Stille trat ein. Dann lachte Jimmy hysterisch auf: „Viridium hat es dir also nicht erzählt?“

„Was denn?“ sagte Max und ihn schwante Übles. Jimmy funkelte hinterlistig zu Iro, ehe er sich wieder Max zuwandte: „Ironhard war derjenige, der direkt dabei, dir eine verpassen zu wollen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er dir Knochen und Knochen gebrochen, um den Waldschrat aus dir herauszutreiben. Während ich-“, doch bevor er fortfahren konnte, durchfuhr ein blauer Blitz die Luft und Jimmy schleuderte es nach vorne. Iro vollführte die Drehung, die er mit seinem Schweif getan hatte, und blickte dann zornig auf den Schimpansen, der wenige Meter vor ihnen auf den Boden lag.    
„NEIN!“, rief Max sofort und stellte sich zwischen ihnen. Doch Iro schob ihn mühelos mit seinem linken Arm zur Seite.    
„Nein, Max! Dieses Mal wirst du dich nicht einmischen!“, und mit verzerrtem Blick wandte er sich an Jimmy, der sich langsam aufrichtete. „Und du! Wag es nie wieder, mir so was zu unterstellen! Verstanden?!“
Jimmy sagte nichts. Er spuckte auf den Boden und schien in sich hineinzuhorchen, ob Iros Schlag mit seinem Schweif größere Schaden angerichtet hatte. Dann richtete er sich langsam auf und blickte Iro ausdruckslos ins Gesicht: „Schon klar, Ironhard. Wenn dir die Argumente ausgehen, greifst du zur Gewalt. Das ist typisch du!“    
„Mach nur weiter und ich zeig dir mehr von dieser!“, fauchte Iro und ballte die Faust. Jimmy schüttelte den Kopf.
„Mir ist klar, dass ich nicht der stärkste bin. Doch wenn es dem Mystery nur noch darum geht, aus starken Mitgliedern zu bestehen …“    
„Jimmy, das ist nicht wahr!“, rief Max jäh dazwischen, doch Jimmy hob die Hand, um Schweigen zu gebieten: „Was auch immer es ist, ihr beiden seid die einzigen, die überhaupt Anerkennung bekommen. Und was auch immer ich mache, es muss darin enden, dass ich von einem anderen viel stärkeren Pokémon gerettet werde. Ihr wisst einfach nicht, wie das ist …“
„Dann entwickle dich einfach und dein Problem ist gelöst!“, fauchte Iro zornig. „Wag es aber nicht, uns einen Vorwurf draus zu machen!“    
„Ich mache euch keinen Vorwurf!“, rief Jimmy trotzig, doch seine Miene legte sich und Max sah bestürzt, wie Jimmys Augen glitzerten. „Nicht mehr jedenfalls. Ihr habt ein Recht auf Entwicklung und ich habe meine Gründe, diese nicht anzustreben. Doch wenn ich nun daran denke, dass ich euch nur eine Last bin …“    
„Du bist keine-“, wollte Max ihn korrigieren, doch Jimmy rief über seine Stimme hinweg.
„Ihr müsst mich von Shadows Schattengriff befreien. Ironhard musste im Dschungel ein Gegengift für mich erkämpfen. Ironhard musste eingreifen, weil ich nicht gegen ein Stahlos bestehen konnte. Man musste mich aus dem Wüstensand rausziehen, weil ich in ihm zu versinken drohte. Sehen wir es doch ein…“, und Tränen flossen über Jimmys Gesicht.    
„Ich bin nur eine Last für euch! Ich kann nicht mit euch mithalten. Pokémon wie Cephal, der General und auch Axel erkennen eurer beiden Stärken an, während sie mich mit Skepsis beäugen. Und sie haben allen Grund dazu. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin nachwievor der Feigling, der ich einst war, und der nicht ernstgenommen werden kann. Weder von Freund noch von Feind!“
Und ehe Max es sich versah, loderte Jimmys Flamme auf, die ihn umhüllten.

„Jimmy!“, rief Max, da er glaubte zu wissen, was Jimmy vorhatte. Auch Iro wirkte bestürzt über Jimmys Offenbarungen. Beide preschten vor, um Jimmy aufzuhalten, doch Jimmy war zu flink, als dass es ihnen gelingen konnte. Der Flammenrand formte sich um Jimmy und bevor dieses sich in Bewegung setzte, hörte Max Jimmys gequälte Stimme aus diesem hervorkommen: „Ich erspare euch alles Weitere!“    
Das Rad setzte sich unter Tosen in Bewegung und obwohl die Luft um Max herum brannte, musste er dies ignorieren. Er konnte es nicht wahrhaben, was sich vor seinen Augen abspielte. Es konnte nicht passieren. Er sah nur eine Möglichkeit, Jimmy aufzuhalten. Er musste selber zur Agilität ansetzen, um mit Jimmy Schritt zu halten. Und auch wenn es ihn versengen würde, er würde Jimmy in seinem Flammenmantel nicht loslassen, bis sie all dies klären konnten. Doch bevor er zur Agilität ansetzen konnte, fuhr ein dicker blauer Arm um seinen Arm und Max spürte, wie Iro ihn unsanft mit sich zu Boden warf.    

„Was tust du da?!“, schrie Max und wehrte sich gegen Iros starken Griff, doch der Alligator ließ nicht locker. Gerade dachte Max daran, Iro mit seinen Laubklingen eine zu verpassen, da hörte er es. Ein lautes Brausen kam näher und Max blickte hinter sich. Sofort musste er die Augen wieder schließen, da ihn die Sandkörner definitiv sonst erblindet hätte. Um ihn herum wurde es mit einem Schlag dunkel, Sandkörner trafen auf ihn wie Nadeln und ein starker Wind zerrte an ihn. Würde Iro ihn nicht auf dem Boden halten, würde er fortgeweht werden. Und er kann von Glück reden, dass Iro schwer genug war, um diesem Sandsturm standzuhalten, auch wenn dieser dennoch stark wackelte.
Der Sandsturm endete so plötzlich wie er gekommen war. Als Max die Augen aufschlug, sah er die Schädelwüste in ihrer einheitlichen Einöde, während vom Sandsturm keine Spur mehr zu sehen war. Doch waren er und Iro nun die einzigen, die verblieben waren. Panisch richtete sich Max auf, schritt umher und versuchte in der Ferne ein vertrautes feuriges Glühen auszumachen. In der einen Richtung gab es keines. Er drehte sich um und auch in dieser Richtung war nichts zu erkennen, nur die Ödnis.    

„Jimmy!“, Max war sich sicher, dass sein Freund sich nur im Boden vergraben hatte, um sich vor dem plötzlich auftretenden Sandsturm zu retten. Er wusste, wenn er nach ihm rief, würde Jimmy aus der Erde wieder hervorschießen.    
„Jimmy!“, rief Max abermals. Vielleicht war es wie bei diesen Zaubersprüchen, die mehrmals aufgesagt werden mussten, damit ein bestimmtes Wesen in Erscheinung trat. Er blickte zu Iro und hoffte, dass auch dieser sich die Mühe gab, Jimmy herbeizurufen. Doch dieser hielt sich schmerzerfüllt die Stelle des Gipses, in der sein rechter Arm bandagiert lag. Offenbar hatte er auf dieser Stelle gelegen, um Max mit dem anderen Arm auf dem Boden zu halten.
Die Aussicht, dass Iro tatsächlich seinen Arm verlieren würde, beunruhigte Max. Doch nichts war schrecklicher als jener Gedanke, der Jimmy betraf. Abermals blickte Max sich um und mit jedem Mal stieg das Entsetzen in ihm hoch. Dann ließ er sich auf die Knie, ein Schmerz machte sich in seiner Brust breit, wie er ihn noch nie erlebt hatte. Dann holte er tief Luft und legte alle Qualen in einen Aufschrei zum Himmel:
„JIMMY!!!“
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