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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
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23 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
15.03.2021 6.099
 
KLEINE ANKÜNDIGUNG!
KAPITEL 13 HAT NACHTRÄGLICH DEN KAMPF ZWISCHEN IRONHARD UND GENERAL STAHLARD EINGEFÜGT BEKOMMEN! ES WIRD EMPFHOHLEN, DAS ENDE VON KAPITEL 13 NOCHMAL ZU LESEN :)



Axel hatte jeglichen Grund, sauer zu sein und seine Hilfe zu verwehren. Schließlich war es das Dach seiner Höhle, das durch Iros Sturzbach weggeschossen wurde. Doch überraschte es Jimmy, dass Axel ohne Weiteres einen flachen Steinbrocken aus seiner Höhle holte, auf den Iros kaputter rechter Arm gelegt werden konnte. Dessen Körper hatten Max und der General behutsam aus dem Flussbett gehievt und ihn auf das Ufer gelegt. Max ist daraufhin sofort in Richtung der Knuddeluff-Gilde geeilt, um Palimpalims Hilfe zu holen. Von allen Bewohnern Schatzstadts war sie das Pokémon mit der meisten medizinischen Erfahrung und sie hatte einst Plaudageis gebrochenen Körper gerichtet bekommen, nachdem dieser in der Salzwasserhöhle einst einen Hinterhalt abgefangen hatte.

Schweigend saßen Jimmy, der General und Axel da und warteten. Der General saß im Schneidersitz und hielt wie in einer Art Meditation die Augen geschlossen und Axel wartete auf Zeichen, die die Rückkehr von Max mit Palimpalim im Schlepptau andeuten würden. Jimmy hingegen, der sich ohne Max‘ Präsenz recht verlegen in der Nähe der beiden Erkunder-Veteranen fühlte, blickte immer wieder zu Iro, der die Augen seit dem Kampf gegen den General noch immer verschlossen hatte. Würde sich sein Brustkorb nicht hin und wieder leicht heben und senken, hätte man meinen, dass Iro tot war. Es war ein himmelweiter Unterschied zu dem Iro, der immer laut im Schlaf brummte und sonst immer fest auf dem Boden stand, während sich seine Hände schon halb zu Fäusten ballten. Nun aber war es befremdlich, den einstigen Hünen so zu sehen. Sein rechter Arm, der immer danach aussah, als besäße er die Kraft von zehn Hämmern, war nun wie ein loses Stück Seil, das achtlos auf den Boden geworfen wurde. Und während dem vorherigen Iro eine Art friedliche Anspannung im Schlaf anzusehen war, so sah es nun bei ihm danach aus, als wäre ihm durchaus die Niederlage bewusst und würde deswegen keinen ruhigen Schlaf finden. Seine Mundwinkel hingen schlaff herunter und seine Augen wirkten, als hätte man sie gewaltsam zum Schließen gebracht. „Es ließ sich nicht vermeiden!“, sagte der General, der eingehend Jimmys besorgte Miene beobachtet hatte. Jimmy blickte verdutzt auf und begegnete dem kühlen Blick, welcher nun Iro in Augenschein nahm.
„Sturzbach kann ein Wasser-Pokémon wahrhaft mächtig machen. Die körperliche Leistung erhöht sich drastisch, man wird schneller und stärker. Und noch dazu gewinnen Wasser-Attacken an Macht dazu. Du siehst ja, wie mühelos Axels Dach weggesprengt wurde.“
Nervös blickte Jimmy zu Axel, der aber ausdruckslos in der Nähe hockte und dem General zuhörte, der unbeirrt fortfuhr:
„Doch es ist durchaus riskant, sich in diesen Zustand zu versetzen, da die Gefahr sehr hoch ist, dass Wasser-Pokémon die Kontrolle über sich verlieren. Dich hat es ja erwischt, Jimmy.“

Bei diesen Worten fuhr Jimmy mit einer Hand ans Gesicht, auf das zuvor eine große Fontäne geklatscht wurde. Jimmy ist fast dabei ohnmächtig geworden und noch immer schmerzten seine Nasenhöhlen leicht, die den enormen Wasserdruck empfangen hatten. Jimmy erinnerte sich, wie viele dieser Fontänen um Iro gewirbelt waren, während dessen Augen bedrohlich geglüht hatten. Und dann war da noch das Brüllen, das Iro von sich gegeben hatte. Ein Brüllen, dass Jimmy nie vergessen würde. Zwar hatte er öfter Iro dabei gehört, wie er hin und wieder laut werden musste, doch es war nicht mit jenem Brüller zu vergleichen. Jimmy lief ein eiskalter Schauer den Rücken runter, als er das Wesen, zu dem Iro geworden war, sich gänzlich bildhaft vorstellte. Der General nickte zustimmend, als könnte er Jimmys Gedankengang erahnen:
„Wer so eine Macht nicht im Griff hat, der wird nur noch zu deren Gefäß, während sie sich in alle Richtung ausbreiten will.“
„Doch du hast sie im Griff?“, sagte Jimmy, der nicht anders konnte als den General dafür zu bewundern, obwohl er es war, der Iro so zugerichtet hatte. Dieser nickte daraufhin und deutlich sah man ihm die Schuld an.
„Ich habe sehr lange dafür gebraucht, diese Fähigkeit mir eigen zu machen. Doch dies erfordert Disziplin, sehr viel davon! Ich habe es, um ehrlich zu sein“, und bedauernd blickte er zu Iro, „schon befürchtet, dass Ironhards Eifer, mich unbedingt ausstechen zu wollen, der Grund wäre, dass er diese nicht kontrollieren könnte. Doch ich hätte nicht gedacht, dass dieser Eifer den Sturzbach tatsächlich auslösen würde …“

Er verharrte eine Weile, dann richtete er sich plötzlich auf. Jimmy und Axel blickten verdutzt zu ihm auf.
„Du gehst?“, sagte Axel. Der General nickte.
„Tut mir leid, dass ich doch nur so kurz hiergeblieben bin, Axel …“
„Du kommst wenn eh nur für ein bis zwei Tage“, grummelte Axel, und zuckte resigniert mit den Schultern, doch der General schien ihn nicht zu hören, denn sein Blick war auf Iro gerichtet.
„Es wäre nicht ratsam für Ironhard, wenn er mich erblicken würde, sobald er aufwacht. Ich will ihm diese Schmach nicht antun.“
„Ich denke nicht, dass das eine Schmach wäre“, sagte Jimmy zaghaft, worauf der General laut auflachte.
„Ich dachte, du kennst ihn länger und besser als ich, Jimmy! Dann wüsstest du, dass ein Charakter wie er eher ungern denjenigen, dem er eine Niederlage verdankt, wieder sofort erblickt. Und es liegt mir fern, ihm eine Standpauke zu halten, der er ohnehin nicht zuhören würde.“
Er reckte sich ausgiebig und verschwand in Axels Höhle mit Freilichtdach. Dann trat er wieder aus dieser vor, wobei er sich einen Beutel über die Schultern geschwungen hatte. Entschuldigend trat er an Jimmy heran: „Es tut mir nur leid, dass sich euer Trip zu der Schädelwüste etwas verschieben wird, solange der Arm von Ironhard in Heilung ist. Ich kann verstehen, dass ihr darauf branntet, euch einem Wächter gegenüber zu beweisen!“
„Äh … was?“, fuhr es Jimmy unwillkürlich aus dem Mond. Der General stutzte und blickte Jimmy eindringlich an, während der Beutel aus seinen Händen glitt und zu Boden fiel. Seine Augen verengten sich dann, während sie Jimmy scharf musterten.
„Ihr habt doch nicht vor, jetzt noch dorthin aufzubrechen? Mit der Verletzung, die Ironhard während unseres Kampfes davon getragen hat?“
„Nun … ja!“, sagte Jimmy, obwohl er direkt spürte, dass seine Stimme alles andere als zuversichtlich klang. Als würde er dem Recht geben, lachte der General auf: „Macht euch nicht lächerlich! Generell ist es ein enormes Risiko, sich in die Schädelwüste zu begeben. Aber dann noch, wenn einer von euch nur zur Hälfte kämpfen kann?“
Er schüttelte ungläubig den Kopf. Auch Axel stand der Zweifel ins Gesicht geschrieben, worauf Jimmy eine enorme Wut in sich verspürte. Glaubten der General und Axel tatsächlich, dass Iro die Stärke des ganzen Teams darstellte?
„Und wenn Iro nur noch einen Arm benutzen kann, es gibt dann immer noch Max und mich! Und zusammen schaffen wir es irgendwie!“
Jimmy merkte nicht, wie er aufgestanden und trotzig zum General hochblickte, der seinen Blick argwöhnisch erwiderte. Nach ein paar Sekunden dann, die für Jimmy viel bedeuteten, seufzte er auf und hob den Beutel vom Boden auf.
„Ihr seid alt genug“, sagte er nur, nickte Axel einmal kurz zu, der es erwiderte, und wenige Augenblicke später verschwand der General zwischen den Bäumen. Jimmy blickte ihm nach und es war, als würde ein Funke in ein Feuer umschlagen, das in seiner Brust brannte. Doch war es kein Feuer der beruhigenden Art.


„Ach herrje … ach herrje … ach herrje!“
Palimpalim hatte sich tief über Iros rechten Arm gebeugt und fuhr mit ihren Händen sachte über jeden Zentimeter. Hin und wieder leuchtete ihre gelbe rundliche Antenne auf, als sie konzentrierter bestimmte Punkte unter die Lupe nahm. Max, der sich sehr beeilt zu haben schien, keuchte noch immer vom Spurt. Er und Jimmy sowie Axel standen nahe Iros linkem Arm und wechselten abwechselnd zu ihrem bewusstlosen Freund und dann zu Palimpalim, deren Miene ungewöhnlich ernst war. Zwar hatte Jimmy sie eher spärlich beim Behandeln von Verletzungen gesehen, doch sie hatte bei diesen Gelegenheiten recht entspannt gewirkt. Aber nun untersuchte sie mit verzogenen Mundwinkeln und besorgtem Blick den Arm, als befürchtete sie einen hoffnungslosen Kampf.
„Nun sag schon!“, sagte Jimmy, der es nicht mehr aushalten konnte, nachdem Palimpalim zum wiederholten Male ihre Besorgnis geäußert hatte. „Du kannst den Arm doch richten, oder?“
Palimpalim blickte auf und sah Jimmy finster an: „Max hat mir zwar erzählt, was vorgefallen ist, doch ich kann nicht glauben, dass man zu sowas greifen musste …“, und sie blickte wieder hinunter auf den Arm.
„Wie schlimm ist es?“, sagte Max düster. Sie schüttelte traurig den Kopf.
„Heißt das …?“, sagte Jimmy und Entsetzen erfüllte ihn. Doch wieder schüttelte sie den Kopf.
„Der ganze Unterarm ist wie zersplittert …“, sagte sie langsam und ernst, „und ich wäre zwar in der Lage den größten Teil mit meinen psychischen Kräften zusammenzufügen …“
„Aber?“, drängte Jimmy ungeduldig. Palimpalim seufzte und blickte entschuldigend zu den beiden hoch.
„Bei solchen Knochenbrüchen wäre es ein heilerisches Wunder, wenn der Arm je wieder so wird wie früher …“

„Was würde dann passieren?“
Die drei Pokémon zuckten zusammen, als Iro sich schwach regte und langsam die Augen öffnete. Es war erschreckend, wie brüchig seine Stimme klang, als hätte Iro mit ungeheuren Qualen kämpfen. Langsam drehte er seinen Kopf und blickte Palimpalim scharf an.
„Sag schon … was würde dann passieren?“
Nervös begegnete sie seinem Blick, ehe sie antwortete: „Dein Arm wird irreparabel soweit beschädigt sein, dass die Knochen bei der kleinsten Belastung wieder zerbrechen… du wirst nie wieder Kämpfe bestreiten können, Ironhard!“
Iros Blick war starr auf sie gerichtet. Jimmy wurde übel bei dem Gedanken, dass Iro nur noch einarmig unterwegs wäre. Auch Max sah danach aus, als beunruhigte ihn diese Vorstellung sehr. Dann atmete Iro tief ein und schloss die Augen, während er seinen Kopf nach oben drehte.
„Dann tu, was du tun kannst! Ich nehme jede Chance wahr, dass er so wird wie früher!“
„Willst du … willst du, dass ich dich vielleicht in einen Schlaf versetze?“, sagte Palimpalim nervös, doch ehe sie erklären konnte, ruckte Iro ungeduldig mit dem Kopf: „Den Schmerz muss ich jetzt ertragen! Bring‘ es einfach hinter uns!“
Baff starrte Jimmy Iro an und er konnte das Gefühl in sich nicht richtig deuten. War Iro zu stur, um eine schmerzfreie Variante über sich ergehen zu lassen, oder sah Iro tatsächlich ein, dass er diesen aufgrund seiner törichten Herausforderung verdient hatte? Jimmy wusste nicht, ob er verärgert sein oder Iro deswegen bewundern sollte. Doch dies trat in den Hintergrund, als Palimpalim sowohl ihn als auch Max und Axel darum bat, dass sie Iro festhalten mögen. Als ihre Antenne daraufhin hell aufleuchtete, flogen aus der Tasche, die sie mitgebracht hatte, mehrere breite Bandagen hervor, die in der Luft schweben blieben, als warteten sie auf ihren Einsatz. Palimpalim gab den drei Pokémon um Iro ein Zeichen, dass sie nun beginnen würde. Jimmy sah, wie Iro angespannt die Augen fest zu hielt. Dann legte Palimpalim ihre Hände auf seinen, worauf auch sie zu leuchten begannen. Direkt schon bebte Iros Körper, sodass es auch Jimmy, der Iros linke Hand auf den Boden presste, leicht schüttelte. Direkt darauf stieß Iro einen schmerzerfüllten Schrei aus und Max, der Iros Schultern nach unten zu pressen versuchte, und auch Axel, der sich Iros Beinen zugewandt hatte, hatten wie Jimmy große Mühe, Iro auf dem Boden zu halten. Zwar versuchte auch dieser, sich gegen die Kaskade an wohl unvorstellbaren Schmerzen zu wehren, doch sein Körper schien ein Eigenleben zu entwickeln. Er hob und senkte sich schlagartig und sein Schweif schlug in alle Richtungen aus. Iros linke Hand zog Jimmy mit sich und schoss an dessen eigene Hüfte und ihre Krallen bohrten sich tief in das Fleisch. Jimmy, der direkt spürte, wie seine Kraft nachließ, warf einen raschen Blick auf Palimpalim, während er Iros Handgelenk so gut es ging in Schach hielt. Er sah es nur ganz kurz, wie sie sich allmählich bis zu seinem Handgelenk vorarbeitete. Mit etwas Glück würde sie gleich fertig sein, doch in dem Moment wurde Jimmy klar, wie lange diese Momente andauern konnten.

Dann endlich, nachdem sich Axel und Max zur Gänze auf Iro werfen mussten, um ihn auf dem Boden zu halten, löste Palimpalim ihre Hände von Iros am und Jimmy spürte, wie Iro Körper immer weniger zuckte. Erschöpft ließ er vom Handgelenk und wollte verschnaufen, da drang Max‘ panische Stimme an ihn heran: „Iro, nicht!“
Jimmy blickte panisch auf und sah bestürzt, wie sich Iros Augen langsam nach oben drehte. Axel hatte sich sofort von Iros Körper gelöst und war in seine Höhle geeilt, aus der er mit einer Schale an Wasser zurückkehrte, das er Iro ins Gesicht schüttete. Dieser prustete und hustete, doch schien die Menge kalten Wassers ihn wieder zurückzuholen.
„Danke, Axel!“, sagte Palimpalim ernst und wandte ihren Blick den Bandagen zu, die nachwievor in der Luft hingen. „Nun haltet ihn bitte aufrecht, während ich seinen Arm fixiere!“
Da Max schon genügte, um Iros Oberkörper aufrecht zu erhalten, sahen Jimmy und Axel dabei zu, wie sich die erste Rolle um Iros rechten Arm wickelte. Iro keuchte auf, als sie sich offenbar festzurrte und dann über seinen Oberarm zu seinen Schultern wickelte. Dann vollführte Palimpalim eine Handbewegung, sagte nur ganz kurz: „bitte den linken Arm heben“, ehe sein Arm eng an seinen Körper gelegt wurde. Als Iro dann ihrer Bitte direkt folgte, wickelten sich die verbliebenen Bänder kreuz und quer über seinen Schultern und um seinen Oberkörper. Während dieser immer mehr unterhalb von weißen Bandagen verschwand, sah es nun tatsächlich so aus, als wäre Iros linker Arm sein einzig Verbliebender. Dann endlich vollführte Palimpalim eine finale Bewegung und ein leises knisterndes Geräusch war zu vernehmen. Max trat nun von Iro weg, da dieser wohl selbst im Stande zu sein schien, aufrecht zu sitzen. Der Alligator fuhr mit seiner gesunden Hand über die Bandagen und als seine Krallen diese streiften, hörte Jimmy ein schabendes Geräusch. Offenbar sind die Bandagen hart geworden, als Palimpalim ihre Bewegung vollführte. Sie richtete sich erschöpft auf und betrachtete ihr Werk, ehe sie sich streng an Iro wandte: „Das muss jetzt mehrere Wochen, wenn nicht Monate so bleiben. Ich rate dir dringend, Kämpfe zu vermeiden!“
Jimmy war jetzt in Erwartung, dass Iro protestieren würde und dass er von sich behaupten würde, sein linker Arm wäre genug, doch es überraschte ihn, dass Iro nur den Mund verzog und stumm nickte. Zufrieden erwiderte Palimpalim das Nicken und griff nach ihrer Tasche. „Komm am besten alle paar Wochen zu mir in die Gilde. Ich kann dann sehen, wie weit dein Arm schon verheilt ist.“
„Danke“, sagte Iro tonlos. Es lag dann an Max, Palimpalim aufrichten Dank zu zollen, den sie aber abwinkte.
„Das ist nun mal mein Job!“, sagte sie milde lächelnd. „Entschuldigt mich aber, ich habe in der Gilde noch weitere Pokémon, die ich zu betreuen habe?“
„Ist es schlimm?“, fragte Jimmy besorgt, doch Palimpalin schüttelte lächelnd den Kopf.
Sie wandte sich ab und machte sich auf den Weg zur Knuddeluff-Gilde. Max und Jimmy blickte ihr hinterher, während Iro nur auf den Boden starrte.

„War es schlimm, mich so zu sehen?“
Verdutzt blickten ihn seine Freunde an, doch Iro schien nicht erpicht auf eine Antwort zu sein. Seine linke Faust ballte sich, doch dieses Mal zitterte sie. Ein Knirschen verriet, dass Iro hinter verschlossenem Mund seine Zähne zusammenbiss.
„Ich hatte nur das eine Ziel vor Augen …“, zischte er wütend und Jimmy blickte ratlos zu Max.
„Ich wollte nur … ihn endlich schlagen … ich wollte verhindern, dass …“, und Iro bebte bei diesen Worten. Dann schlug er mit seiner linken Faust auf den Boden und Jimmy trat erschrocken zu.
„Das wird nicht nochmal passieren! Ich werde es in den Griff bekommen! Ich werde stärker werden, das verspreche ich euch!“
„Jetzt mach mal einen Punkt!“, stieß es unwillkürlich aus Jimmy hervor. Zornig blickte Iro ihn an, doch Jimmy ließ nicht nach. Ob es die Tatsache war, dass er im Stehen auf Augenhöhe mit dem sitzenden Iro war, oder dass er weniger einen Schlag von einer Faust Iros zu befürchten hatte, wusste Jimmy nicht. Doch ein unbarmherziger Ärger umfasste ihn und diesen wollte er Iro an den Kopf werfen, solange er dort bandagiert saß: „Es war schließlich dieser dumme Wunsch, stärker zu werden, der dich überhaupt erst dorthin gebracht hat!“
„Du hast leicht Reden, da du diese Ambition wohl nicht hast, oder?!“, fauchte Iro zornig zurück und wollte sich aufrichten. Doch sein fest umwickelter Körper brachte ihn aus dem Gleichgewicht, sodass er nach vorne zu fallen drohte. Nur mühsam fing Max ihn auf und Jimmy schaffte es gerade noch, ein Kichern zu unterdrücken. Doch Max schien dies bemerkt zu haben, denn vorwurfsvoll blickte er zu Jimmy auf.
„Was?“, entgegnete Jimmy fuchsig, doch Iro kicherte. Selbst jetzt konnte er zu diesem herabfälligen Ton greifen, obwohl er derartig geschlagen aussah. Jimmy merkte es kaum, wie seine Hinterflamme leicht aufloderte. Doch bevor er und Iro noch ein Wort sagen konnten, fuhr Max zwischen den beiden: „Hört auf! Es bringt nichts, sich zu streiten! Unsere Nerven liegen ohnehin schon blank!“

„So spricht ein Anführer, der sein Ziel klar vor Augen hat!“, kommentierte Axel anerkennend, der an die drei Erkunder herantrat. Ihn schien diese Szene nicht groß zu berühren. Tatsächlich blickte er neugierig von einem zum anderen, ehe er sich räusperte.
„Wo wir gerade von Zielen reden: Seid ihr euch immer noch sicher, dass ihr so bald wie möglich zum Lawinenberg aufbrechen wollt? Trotz der etwas … unglücklichen Lage?“, und sein Blick huschte zu Iros weiß bandagierte Oberkörper, woraufhin dieser grimmig zu Axel hinüberblickte.
„Ja“, sagte Max und wirkte froh darüber, dass Axel diesen Themenwechsel gebracht hatte. Jimmy wäre es lieber gewesen, er hätte noch mehr Dinge Iro gegenüber gesagt, doch angesichts des strengen Blickes, den Max ihm zuwarf, beließ er es widerwillig dabei. Auch Iro war eine knirschende Resignation anzusehen.
Axel blickte Max eindringlich an, ehe er wie der General seufzte: „Ich denke, es macht keinen Sinn, euch zu sagen, dass eure Chancen mit einem derartig geschwächten Mitglied gesunken sind?“
„Uns ist das egal!“, sagte Iro, woraufhin er bedeutungsvoll seine linke Faust hob. Jimmy verdrehte die Augen, was keiner von den anderen bemerkte.
„Je eher wir aufbrechen, desto besser … obwohl mir nicht wohl dabei ist …“, sagte Max mit vorsichtigem Blick zu Iros Oberkörper. Der Alligator verdrehte genervt die Augen: „Jetzt hört auf, mich deswegen zu bemitleiden! Es ist nun mal so, da kann man nichts machen“
Jimmy meinte, knurrende Verbitterung in Iros Stimme zu hören, die aber nur er zu bemerken schien.
„Hm, bewundernswerte Einstellung“, sagte Axel und betrachtete neugierig Iro. Er sah dann zu Max: „Je früher, desto besser, sagst du?“
Max nickte nachdrücklich. Axel schien sich etwas durch den Kopf zu gehen, dann nickte er entschlossen.
„Also gut, wenn ihr es derartig eilig habt, trotz aller Umstände so früh es geht dorthin zu kommen … dann trefft mich morgen Mittag beim Schild an der Treppe hoch zur Knuddeluff-Gilde. Ich kenne eine Art zu reisen, die euch schnell in die Nordwüste bringt“


Jimmy schlief in dieser Nacht nicht.
Es war nicht nur der Gedanke an die Abreise am nächsten Morgen, die ihn beschäftigte. Axel hatte nicht deutlich gemacht, mit was die drei Erkunder reisen würden. Und auch ging Jimmy nicht mehr der Blick aus den Gedanken, den Axel ihnen zugeworfen hatte. Obwohl er so getan hatte, als wäre es ihm egal, ob das Team Mystery überhaupt nach Norden aufbrach oder nicht, sah Jimmy ihm die flüchtige Besorgnis an. Er fragte sich, ob Max und Iro diese auch bemerkt hatten. Wenn ja, so hatten sie es gut verbergen können. Aber Jimmy war sich sicher, dass sie dies nicht bemerkt hatten. Schließlich schienen sie Zweifel und Skepsis wenig zu kennen, anders als bei Jimmy. Dafür hatte er diese zu oft schon bei sich erlebt, vor allem, wenn andere ihre Skepsis zum Ausdruck brachten. Jimmy glaubte auch gesehen zu haben, dass Axels skeptischer Blick gerade ihm galt, und bei dem Gedanken biss er fest die Zähne zusammen. So viele schon haben den Fehler gemacht. Sie haben ein kleines Pokémon, das sich nicht entwickelt hat, gesehen und dachten wohl, dass dieses nur einen geringen Beitrag leisten konnte. Doch sie waren nicht da, als Jimmy und Max gemeinsam mit Reptain in das Verborgene Land gereist waren. Sie waren nicht da, als Max und Jimmy am Ende allein gegen Dialga angetreten sind. Und damals war Max ein Geckarbor gewesen, ehe er sich zu einem Reptain entwickelt hat. Jimmy hatte Max‘ Beweggrund auch verstanden. Mit dieser Entwicklung wollte er Reptain einfach ehren, da dieser sich für sie geopfert hatte.
Jimmy atmete tief ein und dann aus. Er fragte sich, ob Reptains Opfer überhaupt notwendig gewesen war. Wäre ihr Gegenangriff gegen Zwirrfinst damals stärker gewesen, hätte dieser vollständig ohnmächtig am Boden gelegen. Er wäre nicht nochmal aufgestanden und hätte dann auch Reptain nicht dazu gebracht, ihn mit sich zurück in die dunkle Zukunft zu zerren. Es war ein teurer Preis gewesen für etwas mehr Zeit, die Max und Jimmy auch bis zur letzten Sekunde nutzen mussten. Doch mit Reptain an ihrer Seite hätten sie Schatten-Dialga viel eher in Schach halten können. Zwei wären gewiss besser zur Ablenkung geeignet gewesen, während der Dritte die Zahnräder der Zeit eingesetzt hätte. Was war also schief gelaufen, dass Max und Jimmy nur zu zweit gewesen waren? Reptain und Max hatten gewiss alles an Kräften in ihre Attacken gelegt. Max wäre beinahe die Luft ausgegangen, als er einen Strahl immergrün leuchtender Saatkörner mit Reptains rasendem Energieball kombiniert hatte. Nun kam Jimmy der damalige Einsatz seines Feuerwirbels nicht nur schwach, sondern auch sehr riskant vor. Und vermutlich hat es auch an diesem gelegen, dass Zwirrfinst nicht vollständig k.o. gegangen war.
„Hör auf!“, dachte Jimmy sich wütend und rieb sich mit seinen Fingern die Stirn. Diesen Gedanken hatte er schon einmal und er hatte diesen auch Max vertraut. Beide sind sich einig gewesen, dass es Reptains freie Entscheidung war und dass sie es ihm gedankt hatten, indem sie den Zeitturm gerettet und damit die Lähmung des Planeten verhindert hatten. Langsam ließ Jimmy seine Finge vom Gesicht gleiten und blickte zur Decke. Nur vage konnte er das raue Felsgestein wahrnehmen. Er drehte seinen Kopf zur Seite und sah hinaus in den schwarzen Nachthimmel.
Warum tat er sich das selbst an? Er hat oft genug bewiesen, dass er nicht mehr der Feigling von früher war. Er ist viel mutiger geworden und mit Max hatte er diverse Gefahren schon überstanden. Selbst Darkrai hatte in ihm eine Gefahr gesehen, weswegen er sowohl Max als auch Jimmy loswerden wollte. Doch ein bitteres Lächeln fuhr über Jimmys Gesicht. Er erinnerte sich, wie Darkrai höhnisch über seine Flammenangriffe gelacht, denen er mühelos ausweichen konnte. Letztlich lag die Gefahr in Jimmy für Darkrai nur darin, dass er Max‘ Partner war. Max war derjenige, von dem dieser Schurke die Gefahr befürchtete. Max war, anders als Jimmy, ein Mensch, der zu einem Pokémon geworden ist. Und was war Jimmy hingegen? Ein gewöhnliches Panflam. Ein Panflam, dessen Angriffskraft nur in dem Werfen von Flammen lag. Doch war das überhaupt genug?
Jimmy erinnerte sich an den Tag, als Max beschlossen hatte, sich von einem Geckarbor in ein Reptain zu entwickeln. Wenn Max dies konnte, so hätte auch Jimmy sich definitiv entwickeln können. Die Versuchung war nur zu groß. Jimmy wusste sehr gut, wie stark Pokémon werden können, wenn sie sich entwickelt haben.

Auf einmal verzog sich Jimmys Mund zu einer grimmigen Grimasse. Er hat schon öfters gesehen, was diese neue Kraft mit dem Pokémon anrichtete. Viele wurden richtig erheblich und zu selbstsicher. Fast automatisch drehte sich Jimmy auf seinem Heuballen um und warf einen Blick zu Iro, der aufgrund seiner Bandagen an einer Wand gelehnt schlafen musste. Schon als er Iro als Karnimani kennen lernte, hatte sich dieser als sehr selbstsicher gezeigt. Und als er sich dann direkt zu einem Impergator entwickelt hatte, ist dieser nahezu rücksichtslos geworden. Wo immer er hinkam, folgte ihm der Kampf auf dichtem Fuß. Das hat sich nun sowohl im Geheimnisdschungel als auch jetzt am Klarbach erwiesen. Ein leichter Gewissensbiss stieg in Jimmy hoch. Schließlich musste sich Iro im Geheimnisdschungel zur Wehr setzen. Und er konnte es selber sehr gut nachvollziehen, wieso es für Iro wichtig, sich seinem Rivalen zu beweisen.
Jimmy seufzte, drehte sich abermals auf seinem Heuballen um und starrte wieder in den Nachthimmel hinaus. Er kam nicht drum herum, Iro und auch Max um ihre Fähigkeiten zu beneiden. Sie wurden wenigstens aufgrund dieser anerkannt. Cephal tauchte einmal vor seinem geistigen Auge auf. Doch anstatt Jimmy anzublicken, blickte er über ihn hinweg und rief etwas Max und Iro zu. Jimmy verstand kaum ein Wort, doch ein Satz klingelte in seinen Ohren: „Ihr seid es wert, meine Rivalen zu sein!“
Jimmy packte sich wütend ein Büschel Heu und warf es zu Cephal, der daraufhin verschwand. Seine Sicht verschwamm leicht, denn ein eisiger Wind, der erste Hauch des Winters, fuhr durch die Höhle und ließ seine Augen tränen.


Axel erwartete sie am nächsten Tag am Schild, das den Ausgang aus Schatzstadt heraus markierte. Entspannt und aufmerksam blickte er das Team Mystery an, das sich ihm näherte. Dessen Erkundern stand die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Zuvor hatten sie sich in ihrer Basis vergewissert, dass sie alles Notwendige dabei hatten. Im Beutel, den Max um seine Schultern trag, waren nun Seile, Orbs, drei Feldflaschen an frischem Wasser, Behälter an Trockenbeeren sowie die Hitze- und Kühlbänder verstaut. In einem kleinen Sack, der um seinen Hals geschlungen war, trug Jimmy den Kompass-Orb mit sich. Von allen drei Pokémon war es Jimmy deutlich anzusehen, dass er kaum Schlaf in der letzten Nacht hatte. Leichte Schatten lagen unter seinen Augen und er bemerkte, wie Max immer noch besorgte Blicke zu ihm hinunterwarf, die er aber ignorierte.
Auch Axel betrachtete Jimmys Gesicht eingehend, ehe er sich dann wieder an die drei wandte: „Seid ihr bereit?“
Die drei nickten.
„Dann folgt mir. Hier entlang, bitte!“

Zu viert verließen sie Schatzstadt und gingen in das benachbarte Wäldchen, das auf einer Ebene über den Klarbach erhoben war. Angespannt und schweigsam folgten sie Axel, wie er prompt durch die Bäume trat. Es ging einen kleinen Pfad herunter, der sich wie eine Schlange hin und her wandte. Axel gab dabei keine Erklärung, wohin er sie führte. Er versicherte ihnen aber, dass sie, wenn sie Erfolg hätten, noch am nächsten Morgen an der Grenze zur Nordwüste ankommen würden. Jimmy wusste, dass die Reise zu Fuß fast zwei Wochen beanspruchte. Was könnte also derartig schnell sein, dass sie so früh dort ankommen würden. Während sie in einer tiefen Kuhle über klebrigen Schlamm stiegen, kam Jimmy der Gedanke an eine Koppel voller Galoppa, die zu den schnellsten Herden-Pokémon gehörten. Ob sie alle versuchen müssten, sie zu zähmen? Meinte Axel etwa das mit Erfolg haben? Jimmy hörte, wie Max hinter ihm auf einmal innehielt. Er wandte sich um und sah ihn nervös die Ränder der Kuhle betrachten. Auch in Iros Blick lag Argwohn.
„Was ist los?“, fragte Jimmy verdutzt.
„Dies ist keine natürliche Kuhle“, sagte Iro kurz angebunden. Sein vorher weißer Bandagengips hatte ein paar Schlammspritzer erfahren. Doch anders als Jimmy schien sich Iro darum keine Sorgen zu machen, der nun seine linke Faust ballte. Ein Zeichen dafür, dass Gefahr bevorstand.
„Bist du dir sicher?“, sagte Jimmy, der nun aufmerksamer seinen Blick über die Kuhle gleiten ließ. Er verstand nun, was Max und Iro stutzen ließ. Die Ränder sahen tatsächlich so aus, als hätte ein Wesen mit riesigen Schaufeln mehrmals in diese gegraben, um sie so größer zu machen.
„Du siehst es also auch, oder?“, sagte Max und warf seinen Blick zu Axel, der die Gruppe anführte: „Sag es schon, wohin führst du uns?“
Unheilvoll lächelnd winkte Axel sie an sich heran, sodass sie ihm folgen mussten. Nun lag eine gänzlich spürbare Anspannung in der Luft, die immer größer zu werden schien, je näher sich Jimmy ihrem Ziel fühlte. Und als dann Axel wenige Augenblicke später zur Seite trat und den Blick auf eine Lichtung freigab, stockte Jimmy der Atem.

Ein Ungetüm an Stahl hatte sich in der Mitte der Lichtung zusammengerollt. Der untere Teil seines Körpers sowie sein schwerer Kiefer waren in den Boden gegraben. Es hatte Ähnlichkeit mit einer Schange, die ein ganzes Onix verschlungen zu haben schien. Sein Körper bestand aus felsartigen Stahlgebilden, die aneinander lagen und aus manchen wuchsen zwei gegenüberliegende Stacheln hervor. Doch am imposantesten und auch am bedrohlichsten war dessen Kopf. Er war zweimal so breit wie sein Körper mit einem ausladenden stahlüberzogenen Kiefer. Einzig die Augen des Ungetüms waren verschlossen, doch das war Jimmy nur recht. Andernfalls hätte er sich an jene Szene von vor einem Jahr erinnert gefühlt, als er das letzte Mal einem solchem gegenüberstand. Damals musste Iro, als er noch ein Karnimani war, Jimmy aus einer misslichen Lage retten. Und als Jimmy nun zu dem Impergator hochblickte, sah er ihn in Erinnerung schwelgen. Jimmy aber dachte sich dabei, dass Iro daran dachte, wie er damals allein ein Stahlos überwältigt hatte.
Max, der eher wenig von dieser Sache mitbekommen hatte zu der Zeit, betrachtete argwöhnisch die stählerne Schlange.
„Ist es das, was ich denke?“, sagte er und blickte zu Axel, welcher nickte.
„Sie sehen danach nicht aus, doch Stahlos können sich ziemlich schnell fortbewegen, wenn sie einmal in Pfad sind.“
„Und wir sollen doch nicht etwa darauf …?“, brach es aus Jimmy hervor und abermals nickte Axel.
„Wird er oder sie uns überhaupt lassen?“, fragte Iro skeptisch.
„Es“, korrigierte ihn Axel. „Dies hier ist ein wildes Stahlos, und es kennt nur die Sprache des Stärkeren.“
Iro horchte auf und Axel lächelte, als wäre Iro einer Erwartung gerecht gewesen. Jimmy hingegen ahnte Übles und blickte zum bandagierten Iro und dann zu Max, dem Pflanzen-Pokémon.
„Der General benutzt hin und wieder dieses Stahlos, wenn er an der Ostküste Ekundas ankommt und mich besuchen will. Manchmal aber zieht er es vor, dann nach Hause zurückzuschwimmen, weswegen das Stahlos an Ort und Stelle bleibt und auf seinen Meister wartet.“
„Warte, es bleibt dann Ort und Stelle? Bewegt es sich dann nicht fort?“, sagte Max überrascht.
„Wie gesagt, wilde Stahlos folgen den Anweisungen des Pokémon, das ihnen im Kampf überlegen ist. Wenn ihnen gesagt wird, sie sollen warten, dann warten sie geduldig. Und wie ihr sehen könnt, rollen sie sich ein und schlafen.“
In dem Moment erzitterte die Luft, als ein schepperndes lautes Schnarchen ertönte. Der riesige Kopf des Stahlos bewegte sich und Jimmy hörte eisenharte Zähne aufeinander knirschen.
„Und wenn es auf den General wartet, wie können wir es dann reiten?“, fragte Iro.
„Stahlos folgen nicht nur einem festen Meister. Sie nehmen Anweisungen von mehreren Pokémon entgegen, sofern diese als ihre Meister anerkannt werden. Und der einzige Weg, sich den Respekt eines Stahlos zu erarbeiten, wäre …?“
„Das wäre dann in einem Kampf Eins-gegen-Eins, nicht wahr?“, sagte Iro und seine Mundwinkel zogen sich nach oben. Es war ja zu erwarten gewesen, dass Iro drauf und dran war, es erneut mit einem Stahlos aufzunehmen. Doch es war dann Max, der Iro streng von der Seite ansah: „Palimpalim hat dir verboten zu kämpfen! Sie hat dir erzählt, was sonst mit deinem Arm passiert!“
Fuchsig blickte Iro zu Max hinunter: „Ich habe immer noch meinen linken Arm!“
Um es unnötig zu untermauern, hob er diesen und ließ seine Faust knacken. Max schüttelte energisch den Kopf: „Es ist zu früh für dich, wieder in Kämpfe zu geraten. Dein Arm wurde erst gestern wieder zusammengeflickt!“
„Willst du dich etwa dem Stahlos stellen?“, sagte Iro überrascht. In dem Moment stieg Jimmy ein seltsamer Zorn in ihm hoch. Warum brachte Iro nicht die Möglichkeit auf, dass auch Jimmy es mit dem Stahlos aufnehmen sollte?
Abermals schüttelte Max den Kopf: „Ich bezweifle, dass meine Laubklinge stark genug wäre, um seinen Stahlkörper zu schaden. Nein, ich dachte mehr an Jimmy“.

Als Iro prustete, blickte Jimmy zornig zu ihm hoch. Als ihre Blicke sich trafen, hielt Iro inne, ehe er sich räusperte: „Es mag sein, dass Jimmy als Feuer-Pokémon im Vorteil wäre, doch bei dem Größenunterschied …“, und er ließ seinen Blick auf das Stahlos gleiten. Max lächelte, als er sich Jimmy zuwandte: „Meinst du, du schaffst das?“
„Ich … nun …“, sagte Jimmy, völlig verdattert darüber, dass Max im Gegensatz zu Iro ihn so einschätzte. Nervös blickte er zur Stahlschlange. Max, der offenbar Jimmys Gedankengang spürte, lächelte und beugte sich zu ihm hinunter: „Wenn es nur darum geht, dem Stahlos zu zeigen, dass du es besiegen kannst, dürfte ein gut gezielter Flammenwurf ausreichen. Und das bekommst du hin, oder?“
„Natürlich!“, sagte Jimmy barsch. Die Fähigkeit, Flammen zu werfen, in Frage zu stellen, galt bei Feuer-Pokémon als Beleidigung. Doch Jimmy musste lächeln, als er Max freches Grinsen erblickte. Nervös schluckend nickte er und trat vor. Und seltsamerweise gab auch Iro kein skeptisches Schnauben von sich. Vielleicht aber pochte auch sein Herz nun so laut in seinen Ohren, dass er nichts Anderes mehr vernehmen konnte. Axel, der geduldig gewartet hatte, dass sich das Team einig wurde, nickte, als er Jimmy hervortreten sah. Dennoch musste Jimmy nochmal bestätigen, dass er bereit sei. Axel trat dann an das Stahlos heran und Jimmy spürte jähe Aufregung in sich aufsteigen. Er ließ sich Max‘ Plan durch den Kopf gehen: Ein gezielter Flammenwurf müsse genügen. Sich Mut zu redend lockerte Jimmy seine Gelenke und stieß drei kurze Atemzüge aus.

In dem Moment stieß Axel mit einem steif angespannten Arm, der weiß leuchtete, dem Stahlos auf den Kopf. Ein seltsam verzerrter Gong ertönte und der Schlag schien die ganze Schlange zu erzittern. Doch sie selber bewegte sich nun unter lautem mahlenden Geräusch und obwohl der Körper mehrere Kilo wiegen musste, richtete sie sich mühelos auf, sodass die Hälfte ihres Körper in der Luft, während sich die andere fest im Boden verankerte. Und das Stahlos brüllte auf, offenbar zornig darüber, dass es so unsanft aus dem Schlaf geweckt wurde. Die weißen Augen mit roten Schlitzen in ihrer Mitte erblickten das Panflam vor sich. Abermals riss es seinen schweren Mund auf und ein röhrendes Brüllen erfüllte die Lichtung. Jimmy glaubte, fast taub zu werden, doch hörte er Max‘ Rufe: „Tu es, Jimmy! Jetzt!“
Und Jimmy stolperte hervor. Fast instinktiv umhüllten Flammen seinen Körper und Jimmy schlug mehrere Purzelbäume. Die Flammen folgten seinen Bewegungen und wurden voller und rauschender. Jimmy hörte Max entsetzt Nicht so! rufen, ehe die Flammen um seine Ohren rauschten. Und obwohl er selber nicht mehr viel sehen konnte, so erhaschte er immer wieder einen Blick von dem, was vor ihm lag, während er in seinem Rad aus Feuer nach vorne rollte. Und nun war auch Jimmy entsetzt darüber, dass er den Plan total vergessen hatte. Er schrie erschrocken auf und in dem Moment löste sich sein Flammenrad auf und er fiel vorneweg auf den Bauch. Doch es blieb keine Zeit, auf dem Boden liegen zu bleiben, denn ein Beben kündigte an, dass das Stahlos zum Angriff ansetzte. Jimmy blickte auf und er sah, wie ein Turm aus schwerem Stahl auf ihn herabfiel. Er schrie auf und rollte zur Seite. Ohrenbetäubend krachte der lange stählerne Schweif auf den Boden auf und hinterließ einen meterdicken Krater. Doch das Stahlos war nicht nicht fertig, es holte nun zu einem Seitenhieb auf. Jimmy war viel zu dicht dran, als dass er rechtzeitig hätte ausweichen. Er schrie auf. Wie damals schon sah er seinen kleinen Körper durch dieses Gewicht zerbersten.
Und genau wie damals schob sich ein blauer, dieses Mal aber viel größerer Körper, der in Bandagen gewickelt war, dazwischen. Ein zur Gänze angespannter linker Arm streckte sich und eine ausgebreitete Hand fing den Stahlschweif inmitten der Luft auf. Jimmy, dem der Atem stockte, hörte Zähne knirschen und sah zu, wie Iro Körper ein paar Zentimeter in seine Richtung geschoben wurde. Iro schien mit dem Stahlos darum zu kämpfen, ob er nachgeben würde oder nicht. Und wie damals bewies Iro, dass sein Wille siegte. Er brüllte in Anstrengung auf,
„Duck dich!“, rief er Jimmy zu, ehe er den Schweif umgriff und seinen Körper drehte, so gut er es mit den Bandagen konnte. Das Stahlos riss es nach vorne und in einer ausladenden Bewegung ließ Iro die stählerne Schlange im Kreis umherwirbeln. Dann ließ er los und das Stahlos krachte gegen den Rand der Lichtung und fiel zu Boden und blieb ohnmächtig liegen.
Stille legte sich über die Lichtung. Axel nickte anerkennend und Max, der panisch besorgt seine Hände vor den Mund gelegt hatte, atmete sehr erleichtert auf. Auch Jimmy atmete schwer, doch fühlte er in dem Moment nichts. Nur die Gewissheit, dass er es wieder einmal verbockt hatte, überkam ihn und so auch die Wut darüber, dass wieder mal Iro, der ach so perfekte Kämpfer, es war, der ihn gerettet hatte. Dieser kicherte vergnügt und wandte sich erschöpft, aber zufrieden mit sich, zu Jimmy um: „Das erinnert an die alte Zeit, nicht wahr?“

Jimmy konnte es nicht verhindern, als er den Blick erwiderte. Flammender Zorn stieg in ihm hinauf. Noch nie hatte Jimmy so viel Abneigung für Ironhard empfunden.
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