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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
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13.02.2021 6.973
 
Die Abreise des Team Mystery erregte einige Aufregung. Fast das ganze Dorf hatte sich am Eingang versammelt, um den Erkundern eine gute und sichere Heimreise zu wünschen. Besonders Iro und Jimmy brachten sie große Heiterkeit entgegen. Iro meinte, dass sie sich dafür entschuldigen wollten, dass sie ihm und Jimmy am Anfang mit Misstrauen begegnet sind. Max war es nur recht, denn ungern hätte er mit dem bitteren Beigeschmack, dass man ihm und dem Rest des Teams noch immer nicht gänzlich vertraute, den Dschungel verlassen. Zumal hatte er nicht gut geschlafen. Immer wieder hat er den Albtraum durchleben müssen, den er schon in der ersten Nacht im Geheimnisdschungel hatte. Doch letzte Nacht waren die Bilder erschreckend real gewesen. Die Worte Viridiums, dass er selber Iro und Jimmy angegriffen und Iro dabei die Schnittwunde auf der Brust zugefügt hatte, hallten immer noch in seinem Kopf. Der Albtraum hatte den bereits furchtbaren Gedanken nur noch mit grotesken Bildern untermalt. Jimmy hatte beim Aufstehen angemerkt, dass Max einen Albtraum hatte, denn Max war alles andere als ausgeschlafen. Doch zum Glück glaubte er Max, als dieser erklärte, dass es die allgemeine Aufregung vor dem Kommenden war, die ihm die unruhige Nacht bereitet hatte. So wie sie beschlossen hatten, kein anderes Pokémon in den Hintergrund ihrer Mission einzuweihen, so hatte Max für sich beschlossen, Jimmy und Iro nicht zu erzählen, dass er die Wahrheit wusste. Auf Iros Nachfrage hat er ihnen erzählt, dass Viridium ihm und sein Team für ihren Mut dankte und dass sie um Diskretion bat. Iro hatte bei dieser Erklärung geschnaubt und Max hatte befürchtet, dass seine Lüge durchschaut worden war
„Als ob es sie umbringen würde, uns allen zu danken“, hatte Iro spöttisch gesagt. Erleichterung ist in Max emporgestiegen und er war froh, dass sie nicht mehr dieses Thema angeschnitten haben.

Draußen wurden sie von Chuck erwartet, der ungeduldig die Arme verschränkt hatte und sie missmutig ansah.
„Da steht man früher auf und ihr lässt euch dann doch die Zeit!“, sagte er mit mürrischem Blick, doch er lächelte dabei.
„Wir haben nicht drum gebeten“, entgegnete Iro lächelnd zurück. „Du begleitest uns also?“
„Muss ich ja wohl. Ich denke schon, dass dies zu meinem Aufgabenbereich gehört, oder?“, sagte Chuck mit gewichtiger Miene. Die Erkunder machten große Augen.
„Du hast also die Position als neuer Waldläufer angenommen?“, sagte Jimmy überrascht und war sich sogleich unsicher, ob er Chuck als neuen Würdenträger ehrfürchtig anblicken sollte oder nicht. Doch dieser winkte eifrig ab.
„Kein Grund, so förmlich zu sein. Wir sind Kumpel, nicht wahr? Auch so hätte ich mich bereit erklärt, euch zurück zum Portal zu führen, dass in die Außenwelt führt. Denn ich glaube, dass ihr ohne unsere Hilfe euch verlaufen würdet.“
„Das stimmt!“, rief Jimmy heiter und patschte mit dem Handrücken gegen Iros Bauch, woraufhin dieser einen strengen Blick auf seinen Kollegen warf: „Dich habe ich auf Anhieb gefunden, damit du das weißt!“
„Bist du nicht erst Voru in die Ranken gelaufen, und das sprichwörtlich?“
„Werden wir Kronjuwild, Viridium und die anderen noch sehen, ehe wir durch das Portal schreiten?“, sagte Max über den Streit seiner Freunde hinweg. „Ich will mich gerne ausführlich bedanken für alles, was sie für uns getan haben.“
„Sie warten auf euch beim Portal“, sagte Chuck. „Bella und Lilli meinten, dass sie noch etwas zu erledigen hatten und dass sie beim Portal zu euch stoßen werden wenn sie können. Und ich fände es unhöflich, sie noch länger warten zu lassen. Wollen wir dann?“

Nachdem die Erkunder den Dorfbewohnern ein letztes Mal zugewunken hatten, folgten sie Chuck durch den Dschungel. Erst jetzt wurde Max klar, wie groß dieser war. Die Folge war, dass sie einen sehr langen Fußmarsch vor sich hatten. Als sie losgegangen sind, ist es Mittag gewesen, denn die Sonne hat am Zenit gestanden. Doch es kostete sie sehr viel Zeit, über Stock und Stein, Senken und Hügel und auch über herabgefallene Baumstämme zu klettern oder sich an Lianen über breite Gruben zu schwingen. Bei Iro ist eine solche Liane gerissen und nur langsam hat er sich mit den Händen am Rand der Grube hochhieven können. Jimmy hat über diesen Anblick gelacht und zum Preis dafür einen Faustschlag von Iro auf den Kopf bekommen. Endlich dann traten sie auf einen höchst vertrauten Flecken. Es war jene Lichtung, auf der das Team Mystery ihre erste Nacht verbracht hatte und von der sie vom Waldschrat verschleppt wurden. Und nun trat ihnen auf der Lichtung der neue Waldschrat entgegen. Er löste sich von der Gruppe, die aus Bella, Lilli und Viridium bestand, die das Team aufmerksam anblickten. Max bemerkte, dass Jimmy und Iro nicht übertrieben hatten, was Kronjuwild betraf, während er ihn das erste Mal derartig formal erlebte. Sein Gang war stolz und elegant, doch lag in seinen braunen Augen eine freundliche Wärme, die er den Erkundern entgegenbrachte.
„Ihr habt euch Zeit gelassen, wir warten hier schon eine Weile“, begrüßte er die vier Pokémon, wobei er sich an Chuck wandte, der schief lächelte.
„Sie haben noch ihren Schönheitsschlaf halten wollen, ehe wir aufbrechen konnten“, sagte er säuerlich und deutete mit dem Daumen nach hinten zu den Erkundern. Kronjuwild musterte erst ihn und dann das Erkundungsteam, ehe er lächelte.
„Jedenfalls haben wir eine Kleinigkeit für euch noch zusammengestellt, ehe wir euch verabschieden.“
Bei diesen Worten traten Bella und Lilli hervor, die beide etwas in den Händen hielten.
„Dies ist ein neuer Beutel, denn wir haben bemerkt, dass euer alter seit eurer ersten Nacht hiergeblieben ist. Er hat die Witterung leider nicht überstanden und war am Ende etwas, auf dem sich kleine Insekten zu Hause gefühlt haben. Die Gegenstände, die wir retten konnten, haben wir in diesen hineingetan.“ Mit diesen Worten reichte Bella ihn dar.
„Verstehe“, sagte Max, dem erst jetzt peinlich aufgefallen ist, dass ihr Erkunderbeutel, der ihnen jahrelange Dienste geleistet hatte, nicht mehr um seinen Körper hing. All die Erlebnisse haben nicht eine Sekunde die Sorge um ihr Hab und Gut aufgeworfen. Dankbar nahm er den Beutel von Bella entgegen. Er war aus erstaunlich robustem Material und auch die Liane, die als Gurt diente, war erstaunlich reißfest. Ein Gefühl der Vertrautheit stieg in Max hervor, als er ihn sich um seinem Hals warf.
„Und dies hier soll ich euch im Namen von Mew überreichen“, sagte Kronjuwild erneut und Lilli reichte dem Team ein kleines Säckchen, in dem sich etwas Kugelförmiges befand. Auch überreichte sie ihnen ein großes Blatt, das zusammengerollt und mit einer Kordel zugebunden war. Überrascht nahm das Team diese Geschenke entgegen und Iro wollte das Säckchen schon öffnen, da meldete sich Kronjuwild dazwischen.
„Mew will, dass ihr den Brief, den er an euch geschrieben hat, im Privaten lest. Er meint, dass es eure Mission betreffe, und er war auch recht verschwiegen, was diese betrifft. Aber ich denke, dass entweder er oder ihr uns irgendwann mal davon erzählen werdet, oder? Wir alle sind schon sehr neugierig, was für eine Aufgabe euch der Wächter gegeben hat.“
„Ihr werdet doch irgendwann wiederkommen, oder?“, sagte Bella hoffnungsvoll, während sie zu Iro hochblickte.
„Bestimmt“, sagte er trocken. „Oder Max? Jimmy?“, worauf beide nickten. Bellas Lächeln wurde breiter.
„Ich hätte noch etwas, was ich dir mitteilen will, Iro …“, sagte sie puterrot und winkte ihn zu sich hinunter. Skeptisch beugte er, sodass sein Kopf auf gleicher Höhe mit ihrem Mund war. Gespannt wartete er darauf, was sie ihm ins Ohr zu flüstern hatte. Doch dazu kam es nicht. Nachdem Bella sichtlich mit Überwindung zu kämpfen hatte, beugte sie sich vor und ihre Mundspitze berührte sanft Iros Backe. Es war in dem Moment sehr schwierig zu beurteilen, welcher von den beiden vor Verlegenheit röter war. Iro richtete sich mit starrem Blick und hochroten Wangen auf und blickte Bella an, die nicht weniger rot angelaufen zurückblickte. Dann lächelten beide und blickten verlegen in andere Richtungen. Max konnte nicht anders als zu schmunzeln und aus den Augenwinkeln sah er, dass auch Chuck, Lilli, Kronjuwild und vor allem auch Jimmy sich köstlich amüsierten.

Im Namen des Team Mystery bedankte sich Max bei Kronjuwild und allen anderen vielmals für deren Hilfe und Unterstützung. Er und die anderen Erkunder sahen ein letztes Mal in die Runde. Bella, Lilli und Chuck winkten ihnen begeistert zu, während Kronjuwild anerkennend und lächelte nickte. Dann ließen sie sich von Viridium durch das Gebüsch führen. Schweigsam folgten sie ihrer Gestalt und Max merkte nun, dass ein sanfter Nebel sie umhüllte. An einem Punkt machte Viridium halt, trat zur Seite und erklärte dem Team, dass sie nur noch geradeaus zu gehen hatten. Sie würden sich daraufhin wieder im Trübwald wiederfinden. Sie und Max wechselten bedeutsame Blicke, ehe er sich auch bei ihr bedankte und zusammen mit Jimmy und Iro durch den Nebel schritten. Und erneut stieg in Max das Gefühl hoch, dass sie etwas aus den Nebel heraus beobachtete. War es vielleicht nur Lucien, das Laternecto, der unsichtbar in der Luft hing? Oder war es ein anderes im Nebel verborgenes Ungeheuer? Max konnte nicht mehr ausmachen, ob die Geräusche, die die Erkunder umgaben, noch immer zum Dschungel gehörten. Sie wirkten wie verzerrt durch den Nebel. Auf einmal dann verschwanden sie und eine unheimliche Stille umgab sie, die nur von den nervösen Atemzügen der Erkunder durchbrochen wurde. Sie haben wohl nun die Grenze zwischen den Dimensionen überwunden und befanden sich wieder auf Ekunda. Das Gefühl, wieder Heimatboden zu betreten, gab Max ein Gefühl von Sicherheit. Doch dieses trübte sich beim Gedanken, dass er und die anderen noch immer sich im Nebel verlaufen würden. Sie versuchten sich zu erinnern, wie sie Lucien gefolgt waren, als er sie in den Dschungel geführt hatte. Es wurde jedoch schnell ersichtlich, dass sie unmöglich sich an den Weg erinnern konnten, geschweige denn, diesen umgekehrt zurückzugehen. Sie folgten daher Viridiums zuvor ausgesprochene Anweisung, einfach gerade aus zu laufen. Und tatsächlich, nachdem sowohl Max als auch Jimmy in Senken gefallen waren, die im Nebel des Trübwaldes verborgen waren, lichtete sich irgendwann der Nebel und das Team trat aus dem Trübwald auf eine Steppe heraus, die von dem bronzefarbenen Licht des Sonnenuntergangs angestrahlt wurde. Begierig atmeten sie die nebelfreie Heimatluft und verharrten auf dem Boden, der mal nicht zu einem Dschungel oder zu einem Wald gehörte. Iro lachte immer noch hingegen über Max und Jimmy, da sie im Gegensatz in Senken gestürzt waren. Max lächelte peinlich berührt, während Jimmy wütend vor sich hinmurmelte.
Zunächst musste er herausfinden, von wo sie aus dem Trübwald herausgetreten sind. Max fürchtete schon, dass sie sich recht weit östlich befinden mussten und dass ihnen ein langer Fußmarsch nach Südwesten bevorstand. Er suchte in seinem Beutel nach der Karte. Erst stutzte er, doch dann fiel ihm wieder ein, dass sie einen neuen besaßen. Und zum Glück befand sich in diesem auch noch ihre Wunderkarte. Sie schien größtenteils unversehrt, als er sie im Schein der untergehenden Sonne begutachtete. Ein winziger leuchtender Punkt, der Max darstellen sollte, verriet ihm, dass sie an einem südlichen Punkt des Trübwaldes herausgekommen sind. Und Max erkannte freudig, dass eine von drei Passagen, die über das Labyr-Gebirge im Süden führten, nicht weit von ihrer Position entfernt war. Auch suchte er schon erste Anhaltspunkte, wo sich der Lawinenberg befand. Doch sah er ihn auf der Karte nicht, was Max seltsam fand. Die Wunderkarte hatte die wahrhaft wunderbare Fähigkeit, jeden Ort von Ekunda anzuzeigen, sobald man auf diesen deutete. Max ließ seinen Finger über den südlichen Polarkreis fahren. Ihm wurden zwar die Blizzardinsel, die Gletscherhöhle sowie einige andere Orte, Städte und Dörfer gezeigt, doch keiner von ihnen wurde als Lawinenberg bezeichnet. Max betrachtete nun den nördlichen Teil der Karte. In diesem war kein Polarkreis eingezeichnet, was genauso sonderbar erschien. Max konnte es sich nicht vorstellen, dass der Norden keine kalte Klimazone enthielt. Zwar wurde er, was Ekunda betraf, vom nördlichen Wüstenklima dominiert, doch Max hatte das unerklärliche Gefühl, dass sich mehr dort befand. Und Aufregung stieg in ihm hoch bei dem Gedanken, dass sie für ihre Mission, die Mew ihnen aufgetragen hatte, tatsächlich Ekunda verlassen mussten. Mit der Erkenntnis nüchterte seine Aufregung aus. Was wäre, wenn sich der Lawinenberg doch westlich oder östlich von Ekunda befand? Oder noch weiter im Süden hinter dem ekundanischen Polarkreis? Max hatte sich noch nie so die Gedanken darüber gemacht, wie groß die  Welt war, in der sie lebten, und dass Ekunda nur einer von vier Kontinenten auf der Welt war.
„Max? Alles in Ordnung?“
Jimmys Stimme holte Max aus seinen Gedankengang heraus. Verwirrt blickte er in seines und Iros Gesicht, die ihn musterten. Max fiel auf, dass sie sich eine Weile lang nicht von Ort und Stelle fortbewegt haben und bald würde die Sonne untergehen. Sie einigten sich, einen Gang zuzulegen, sodass sie zumindest nicht in tiefster Nacht bei Rose in der Taverne ankommen würden. Sie freuten sich schon, erneut eines ihrer Zimmer zu belegen und am nächsten Morgen frisch gebackene Brötchen zu kosten. Im Trab schilderte Max den beiden anderen seinen Gedankengang.
„Mach dir mal keine Sorgen!“, sagte Jimmy überraschenderweise, während sie den Aufstieg in eine der Passagen durch die Labyr-Berge nahmen. „Wir werden einfach Plaudagei oder Knuddeluff in der Gilde fragen. Bestimmt kann einer von ihnen genaueres sagen, wo sich der Lawinenberg befinden könnte.“
„Und was, wenn sie nichts wissen?“, gab Max zu bedenken. Jimmys zuversichtliches Lächeln erstarb für eine Weile, ehe er den Kopf schüttelte. „Lass uns erstmal bei Rose einkehren. Wir können uns dann immer noch Gedanken drum machen, wenn wir was zu essen haben.“
„Da sprichst du mal ein wahres Wort!“, sagte Iro. „Mein Magen knurrt schon.“
„Ich habe eben gesehen, dass Lilli und Bella auch ein paar Lebensmittel aus dem Dschungel in den Beutel hinterlassen haben. Willst du?“, sagte Max und warf Iro eine große rote Beere zu, die Iro auffing, musterte und auch dann direkt aß. Seine Augen weiteten sich.
„Köstlich!“

Dieses Mal trafen sie nicht auf die Banditen, denen sie bei ihrer Hinreise zum Geheimnisdschungel begegnet sind. So konnten Max, Jimmy und Iro ohne große Unterbrechungen die Passage überqueren und ebenso fast geradlinig ihren Weg durch den Apfelwald finden, wo sie mit dem Erkunder der Red Scorpion-Gilde, Cephal, zuvor Herakles gestellt und besiegt hatten. Max fragte sich, ob Cephal und Mimi auch wieder bei Rose eingekehrt sind, nachdem sie Herakles der Justiz überstellt hatten. Schließlich war es Cephal, dem sie es zu verdanken hatten, dass Viridium sich bereit erklärt hatte, das Team Mystery in den Dschungel zu führen. Und Max fand, dass er sich nicht entsprechend bei dem Knarksel bedankt hatte, was er aber dann ändern wollte. Endlich dann tat sich die Silhouette von Roses Taverne aus dem Nachthimmel auf. Die Sonne war schon lange untergegangen und der Himmel war ein dunkelblaues Sternenmeer mit einem Sichelmond, dem ein paar dünne Wolkenstreifen vorhanden. Da fast schon der Winter anfing, wusste Max, dass es noch nicht allzu spät sein musste. Er stellte sich vor, dass es für Rose ein Aufwand wäre, in tiefster Nacht aus dem Bett geholt zu werden, wenn er und die anderen an ihrer Tavernentür klopften. Doch es konnte noch nicht so spät sein. Daher wunderte es Max, dass aus keinem einzelnen Fenster, nicht einmal aus denen im Erdgeschoss, Licht nach draußen fiel. Auch aus dem Schornstein ließ nicht erahnen, dass ein Feuer im Gange war.
Iro, der offenbar zu müde und noch immer zu hungrig war, um dem Beachtung zu schenken, wollte schon die Tür geöffnet. Mit einer Hand auf dem Griff krachte er mit seinem Maul voran dagegen und rücklings fiel er mit dem Hintern voran auf den Boden. Jimmy brüllte vor Lachen, während Max das Schild ins Auge fiel, dass sich schwach im Mondlicht vom Holz der Türe abhob. Er trat näher, um die Inschrift darauf zu lesen: „Bis auf Weiteres geschlossen“.
„Nicht wirklich jetzt, oder?“, sagte Jimmy baff, als Max die Inschrift laut vorgelesen hatte. „Dabei hat die Taverne erst vor Kurzem geöffnet, oder? Und es sah danach aus, als kämen regelmäßig Besucher.“
„Offenbar reicht es nicht, wenn nur die Erkunder der Knuddeluff-Gilde zur Übernachtung vorbeikommen“, sagte Max und sah sich um. Er vermutete, dass Rose vielleicht eine Art Häuschen für sich besetzte, um über die Zukunft ihrer Taverne zu grübeln. Doch nachdem er einmal um die Taverne herum gelaufen war, erkannte er, dass von Rose selbst keine Spur zu sehen war. Jimmy hatte sich auf ein Fenstersims geschwungen und durch eines der Fenstergläser gespäht.
„Innen gibt es auch kein Lebenszeichen. Alles ist verlassen.“ Er löste sich vom Fenster und im schwachen Mondlicht sah Max sein sorgenvolles Gesicht. „Es wird ihr doch nichts zugestoßen sein, oder?“
„Ich schätze, das müssen wir in der Gilde fragen, oder?“, sagte Iro, worauf sich die anderen zu ihm wandten. Er zuckte mit den Schultern: „Schließlich kennt sie ja Mimi, oder? Wenn, weiß sie, warum Rose ihre Taverne dicht gemacht hat.“
„Heißt das etwa …?“, sagte Jimmy und kletterte lustlos wieder auf den Boden zurück. „Wir werden jetzt nach Schatzstadt durchlaufen?“
Da sein Magen knurrte, warf Max auch ihm nun eine der Beeren aus dem Geheimnisdschungel zu, während er sich selber eine nahm. Sie schmeckte sauer, aber köstlich, und er fühlte, wie blitzartig sich Energie in ihm aufbaute. Er blickte in die Richtung, von der er wusste, dass in dieser Schatzstadt lag. Dann blickte er seine Kollegen an. Sie nickten, wenn auch wenig begeistert, da beiden mittlerweile die Müdigkeit und der Hunger anzusehen war. Alle drei seufzten und machten sich stumm auf den Weg in Richtung Schatzstadt. Max wusste, dass sie in tiefster Nacht dort ankommen würden.
Nur selten ist das Team Mystery zu so einer späten Stunde heimgekommen. Für die Erkunder wirkte Schatzstadt bei Nacht wie leergefegt. In den wenigen Malen, wo sie weit nach Mitternacht heimgekehrt waren, waren Läden sowie Behausungen fest verschlossen gewesen. Selbst nach drei Jahren schien sich das Nachtleben nicht sonderlich verändert zu haben. Obwohl die Einwohnerzahl nach drei Jahren auf das Zehnfache angestiegen war, blieb die friedliche Gemeinschaft nachwievor ruhig. Das Team Mystery hat andernorts schon öfter erlebt, wie selbst nach Mitternacht Pokémon auf den Straßen unterwegs waren, munter miteinander schwatzten oder in mehr oder weniger zwielichtigen Spelunken sich über große und ominöse Vorhaben austauschten. Die Veränderungen, die in den letzten drei Jahren ganz Ekunda betroffen haben, waren nur spärlich zu erkennen. In einem sehr starken Sturm wurden viele der damaligen Zelte, die den Einwohnern von Schatzstadt als Behausung dienten, aus der Erde gerissen und nur mühevoll hat man stabilere Steinbauten an deren Stelle gesetzt, in denen die Einwohner leben konnten. Seit die Knuddeluff-Gilde durch die Taten des Team Mystery fast weltweit bekannt wurde, sind auch sehr viele Anwärter nach Schatzstadt gezogen. Das Pandir-Café wurde daraufhin umstrukturiert, sodass nur eingetragene Gildenmitglieder nachtsüber den Eingang benutzen konnten, während Drinks, Klatsch und Tratsch und weitere Unterhaltung in das erste Geschoss der Knuddeluff-Gilde verlegt wurden. Seither blieb das Pandir-Café nachts genauso ruhig wie der Rest der zwar neuen, aber noch immer alten Schatzstadt. Max ist bisher diese Stille nur sonderbar vorgekommen, weil er an das geschäftige Treiben vor der Zwirrlicht-Bank, vor Kangamas Lager und vor allen vor dem Laden der Brüder Kecleon gewöhnt war. Die belebten Straßen dann so verlassen und still gesehen zu haben war dann für Max und auch Jimmy dann so, als hätten sie eine falsche Abzweigung genommen und wären ganz woanders rausgekommen. Zwar dachte Max sich nichts Weiteres dabei bei diesen Gelegenheiten, trotzdem schätzte er die Lebendigkeit des Ortes, der seit so vielen Jahren nun sein Zuhause war.

***

Max sowie Jimmy und Iro waren mehr die Art von Pokémon, die eher tagaktiv sind. Für sie war das Leben am Tag besonders aufregend und eher weniger stellten sie sich vor, wie es nachts sich entfaltete. Was sie jedoch nicht ahnten oder schlicht nie zu Gesicht bekamen war die Tatsache, dass das Leben auch nachts florierte, wenn auch in anderen Zügen. Für manche Pokémon wurde das Leben erst nach der Abenddämmerung interessanter. Wenn ein Pokémon tagsüber einer anstrengenden Arbeit nachging, konnte es abends die Ruhe finden und sich die Zeit für die Dinge nehmen, die es aus eigenem Antrieb interessant fand. An der Arbeit konnte man zwar gut verdienen, doch, wenn man tagein tagaus dieselben Fragen gestellt bekam und daraufhin immer wieder dieselben Antworten gab, konnte sich nur eine gewisse Monotonie einstellen. Zwar konnte man es ihm nie ansehen, doch Xatu, der seit einiger Zeit als Seher in Schatzstadt arbeitete, missfiel dieser Andrang, den die Zuwanderung neuer Bewohner mit sich brachte. Pokémon, die sich kürzlich in der Gilde eingeschrieben hatten, kamen täglich zu ihm und fragten nach Rat bezüglich der Aufträge, die sie angenommen hatten. Und nachdem Xatu sich nach den ersten Fragen noch Mühe gegeben hatte, musste er sehr schnell einsehen, dass er nur vier bis fünf bestimmte Antworten auswendig zu lernen hatte. Er hielt es daher für eine Verschwendung seiner seherischen Fähigkeiten und auf gewisse Weise war er den Erkundern gegenüber, die etwas mehr Erfahrung hatten als die Anfänger, sowohl dankbar als auch enttäuscht eingestellt. Zwar trugen sie nicht dazu bei, dass er gar keine Ruhe mehr vor den Standardfragen hatten, doch schienen sie eine Kunst entweder zu unterschätzen oder diese als unnötig abzustempeln. Sie hielten wohl seinen Rat für überflüssig und verließen sich offenbar mehr auf ihre Fähigkeiten. Nur selten schnappte Xatu tagsüber auf, auf welchen Missionen welches Mitglied unterwegs war. Und als er dann in ruhigen Momenten versuchte zu erblicken, was ihnen widerfahren würde, sah er nur blitzartige Szenen, deren Bilder dazu noch verschwommen waren. Dann hätte Xatu sich selber dafür schelten können, dass er sein inneres Auge derartig vernachlässigt hatte. Sein Geist wurde tagsüber viel zu sehr von anderen banalen Angelegenheiten belagert, wobei seine Art nur still dastehen sollte, während ihre Geister im Äther schwelgten. Nicht selten hatte Xatu sich überlegt, sich wieder diesen alten Wurzeln seiner Art zu widmen. Gewiss schadete es nie, mehr im Miteinander mit anderen Pokémon zu lebten. Doch fühlte er sich seit einiger Zeit entwurzelt und damit unsicher, was sowohl seine Aufgabe als auch seine Fähigkeiten betraf.    
Nun hingegen sah Xatu endlich die Gelegenheit bekommen, sich eingehend seiner selbst zu beschäftigen. Und er wusste sofort, dass er es nicht bereuen würde. Endlich ist die langersehnte Lieferung eingetroffen, die nun geheimnisvoll auf einem tiefblauen Samtkissen schimmerte. Sein Haus lag im Dunkeln und die kleine Kugel aus Glas, in der sich ein schwächlich blau leuchtender, wabernder Nebel befand. Das schwache Licht der Kugel verlieh dem Bett eine unheimlich schemenhafte Gestalt, für die Xatu aber kein Auge hatte. Sein Hauptmerk galt dem wabernden Inneren der Kugel. Xatu blinzelte dabei nicht einmal mit den Augen. Nachdem er Wochen mit der Sorge verbracht hatte, dass sein Brief mit dem Gesuch um die Kugel nicht angekommen wäre oder dass sie auf dem Weg zu ihm verloren hätte verloren sein können, erfüllte nun eine Art tiefe Ruhe seinen Körper. Obwohl es für ein Xatu üblich war, still dazustehen und durchgehend in eine Richtung zu starren, so hätte man in dem Moment meinen können, dass Xatu vollständig zu einer Statue geworden ist. Die Ähnlichkeit zu einem anderthalb Meter großen Totem wurde so deutlich, dass ein exzentrischer Kunstsammler Xatu direkt hätte mitnehmen und bei sich im Haus für dekorative Zwecke aufstellen wollen. Das Innere der Kugel wirbelte immer weiter und schien dann auf einmal anzuschwellen. Doch war es Xatu, der gänzlich in diese Wolke aus schwachem blauen Licht eintauchte. Sein Körper fühlte sich auf einmal viel leichter und begeistert sah er das erste Mal nach so vielen Jahren eine klar umrissene Szenerie vor sich und auch ebenso erfreute es ihn, dass er auch die Geräusche von dem Ort vernahm. Und Xatu erkannte den Ort, den er sah.

***

Der Klarbach glitzerte im schwachen Schein des Sichelmonds. Er war seicht, sodass problemlos selbst kleinere Pokémon in ihm stehen konnten. Nahe einer Felsformation floss das Wasser in rhythmischen Klängen aus einer unterirdisch gelegenen Ader. Und diese Felsformation schien der Wohnraum eines Pokémons darzustellen, denn eine große schlichte Holztür mit einem einfachen Türgriff wurde in einen Felsen eingelassen. Und an diese Tür trat nun ein großes Pokémon heran, dessen Züge im Schatten der Bäume waren, die nahe dem Ufer des Baches in den Himmel wuchsen und den Mond bedeckten. Der Fremde blickte sich um und warf dabei einen Blick hoch über die Bäume auf der anderen Seite. Dort oben, hoch auf einer Klippe hinter den Baumspitzen thronend, stand eine kleine Burg, von der nur vier kleine Turmspitzen zu erkennen waren. Genaueres war nicht zu erkennen, doch wegen der Burg auf der Klippe schien der Fremde nicht da zu sein. Sein Augenmerk galt nun der Tür, deren Bretter an den Enden schon etwas verwittert waren. Das Pokémon hob eine mächtige mit Klauen besetzte Hand und pochte sachte, aber dennoch laut, gegen die Tür. Das Klopfen hallte leicht über das Plätschern des Baches hinweg. Der Fremde erwartete wohl eine Reaktion, denn er verharrte mit erhobener Hand an die Tür.  Er verzog das Gesicht, ehe er dann gegen die Tür regelrecht hämmerte. Dann endlich hörte er eine gereizte Reaktion und ein anderer Körper schien sich schlurfend von anderer Seite der Tür zu nähern. Der Fremde hörte unter dumpfen mürrischen Gemurmel Ketten klirrten und kurz darauf ein Riegel zur Scheite geschoben wurde. Dann schwang die Tür nach innen auf und der Fremde sah in ein verdrießlich dreinblickendes Gesicht. Es war ziemlich oval und zwei große Flossen sprossen von seinem Kopf, von deren Ende schräge orangefarbene Augen den Besuch zornig anfunkelten.
„Du hast gesagt, du würdest gegen Mittag da sein!“, sagte das Sumpex ziemlich gereizt. „Du weißt, dass ich meinen Schlaf schätze?“
„Es kam was dazwischen“, sagte sein Besuch, der ohne Weiteres eintrat. Die kleine Höhlenkammer wurde von vier kleinen stark leuchtenden Glaskugeln erleuchtet, die wohl kurz zuvor aktiviert worden waren. Leuchtorbs ließen bei zu langer Nutzung irgendwann an Leuchtkraft nach, sodass sie sich aufladen mussten. Das Sumpex schritt an seinem Besuch vorbei und griff in ein kleines Becken an Wasser, das vermutlich mit dem des Baches gefüllt worden war. Es holte zwei Flaschen hervor, von denen er eine dem Besuch zuwarf.
„Du könntest dich ruhig mal an die Zeiten halten, die wir vereinbaren, Stahl“, sagte das Sumpex, das nun zeitgleich mit seinem Gast die Flasche öffnete, woraufhin beide tranken.
„Tut mir leid, Axel“, sagte Stahl, der mit einem Zug seine Flasche geleert hatte. „Aber die anderen meinten unbedingt, mich wegen eines Anwärters zurückhalten zu müssen. Dem konnte ich in meiner Position nicht so einfach absagen, verstehst du?“
Axel senkte die Flasche herab und seine Augen weiteten sich trotz aller Müdigkeit vor wachsamen Interesse: „Und? Ist der vakante Posten endlich besetzt?“
„Er muss sich erst gegen einige andere behaupten. Ich persönlich halte nicht viel von seinen sogenannten Talenten. Diesen Titel geben wir nicht an jemanden, nur, weil er viel verspricht.“
„Er hat also gegen dich nicht eine Minute bestanden?“, fragte Axel, obwohl seine Miene klar danach aussah, als wüsste er die Antwort. Und zur Bestätigung nickte ihm Stahl zu, woraufhin beide wieder tranken.
„Jedenfalls habe ich mir eine Pause verdient, um meinen alten Kollegen wieder zu besuchen!“, sagte Stahl munter und grinste Axel an. „Erzähl, wie läuft es bei dir?“
„So ziemlich das Übliche“, sagte Axel gähnend. „Gildenneulinge kommen ab und an hier runter um Wasser zu schöpfen. Mit ihnen habe ich dann dann interessante Gespräche. Sonst ist das Leben hier ruhig und beschaulich, also perfekt.“
„Was man daran perfekt finden kann“, sagte Stahl und schaute sich in der Höhle um. Bis auf eine Kuhle voll Schlamm, die offenbar als Schlafplatz diente, zierten nur einige Skizzen und Portraits die kahle raue Höhlenwand. Der Blick von Stahl fiel auf eines, das ihn und Axel zeigte, doch wirkten beide um viele Jahre jünger. Ihre Gesichter waren glatter und der Körper von Stahl war wesentlich weniger gezeichnet. Beim älteren Stahl zogen sich Narben über Brust, Arme und Beine und eine große senkrechte Narbe verlief quer über sein linkes Auge, das etwas trüber war als das andere. Doch nur bei Axel schien das Alter seine Spuren zu hinterlassen zu haben, denn im Gegensatz zu dem Axel auf dem Portrait war Axels gegenwärtiger Körper weicher und deutlich weniger kantig. Stahl hingegen schien nach seinen jungen Jahren an Breite und Härte gewonnen zu haben und die Muskeln wirkten im Licht der Leuchtorbs deutlich definierter als auf dem Bild. Jeder Zentimeter von Stahls Körper erschien mit den Narben wie ein einziges Relief, das Axel nun eingehend untersuchte.
„Ein paar neue, oder?“, sagte er abschätzend und ließ seine schmalen Augen über Stahls Körper gleiten, der stolz nickte. „Jede erzählt ihre eigene Geschichte. Aber du weißt ja, welche mir am allermeisten Stolz bereitet, oder?“
„Ich weiß“, seufzte Axel sichtlich genervt und fasste Stahl ins Auge. Genauer gesagt blickte er auf das linke Auge, über das Stahl vorsichtig mit einer Kralle fuhr. Nostalgisch blickte er auf das Bild.
„Das waren Tage, nicht wahr?“
„Hm hm“, murmelte Axel mit einem eher gezwungenen Lächeln, als er auf das Portrait blickte.
„Doch wenn ich dran denke, wie sie geendet haben …“, sagte er matt und auch Stahls Lächeln erlosch.
„Unsere größte Niederlage …“, sagte Stahl, doch er lächelte kurz darauf wieder: „Doch dankbar sind wir ihr schon, oder? Wir sind danach dort hingekommen, wo wir hingehören, nicht wahr?“
„Da ist was dran. Ich hätte zu unserer Zeit nicht daran gedacht, dass es mir bestimmt sein würde, Schatzstadt mit zu gründen. Und nun sieh dir sie an, wie sie in den letzten Jahren gewachsen ist. Da fällt mir ein: Wirst du die Tage auch bei der Knuddeluff-Gilde vorbeischauen? Schließlich hast du ja an deren Neubau mitgeholfen.“
„Ich denke immer noch, dass die kleinen Türme ein bisschen zu viel des Guten waren, doch du kennst ja Knuddeluff. Und ich denke nicht, dass ich vorbeischauen werde“, schloss Stahl nüchtern. „Ist mir für meinen Kurzurlaub viel zu viel Trubel, jetzt wo die Gilden so erweitert wurden.“
„Hast du nicht daran mitgewirkt?“, sagte Axel überrascht, woraufhin Stahl den Kopf schüttelte.
„Das ist eine ganz andere Abteilung, die nicht meine Arbeit betrifft. Und die andere Fraktion kommt wegen sowas nicht zusammen, um irgendwas zu beschließen. Außerdem habe ich kein Interesse, ihm über den Weg zu laufen, wenn ich mich zur Gilde aufmache. Ich weiß schon sehr gut, wie es ausgehen würde, sollten wir uns wiedertreffen.“
„Du glaubst, diese Niederlage wurmt ihn immer noch?“, fragte Axel. Stahl lachte herzhaft auf, ehe er antwortete: „Er ist wie ich: Natürlich wurmt es ihn!“
„Für manche kann das ein Antrieb sein, nicht wahr?“, sagte Axel mit einem selbstgefälligen Grinsen, das Stahl nur widerwillig erwiderte.
„Er ist wie viele andere: Rohe Kraft, doch er setzt sie nicht effektiv ein.“
„Müsstest du deiner Verantwortung als General nicht nachgehen und diesen jungen, ich sage mal, Soldaten dann ausbilden?“, sagte Axel und Stahl zuckte mit den Schultern.
„Dafür ist er viel zu stolz, als dass er von irgendwem Ratschläge annehmen würde. Ich will meine Zeit nicht derartig verschwenden, ihn davon zu überzeugen. Doch wir können gerne am Tag darüber sprechen; ich habe dich viel zu lange schon wachgehalten.“

***

„Plaudagei, du wirkst allmählich was übernächtigt! Willst du dich nicht schlafen legen? Das kannst du mir auch am Tag vorlesen. “
Mit sanftem Lächeln wand sich der Gildenmeister dem Vogel, dessen Kopf, der einer Musiknote ähnelte, nach unten gerichtet war. Mit müden Augen ging Plaudagei einen langen Bericht durch, den er auf dem Boden ausgebreitet hatte. Seine Augen huschten über die schräge Schrift und seine Miene versteinerte sich immer mehr.
„Dies ist aber von außerordentlicher Wichtigkeit, Knuddeluff“, seufzte Plaudagei auf und blickte hoch zu Knuddeluff der seitlich zum Fenster stand, aus dem auf das offene Meer blicken konnte. Der Blick von Knuddeluff war aufmerksam und seine länglichen Füße, die unter seinem rundlichen Körper hervor lugten, wippten gelassen auf und ab. Das Lächeln gefror ein wenig auf dem Gesicht des Gildenmeisters, als er den ernsten Ausdruck auf dem Gesicht des Aras sah.
„Von wem ist denn der Brief?“, sagte er dann und deutete dann auf das ausgerollte Pergament.
„Von Oberwachtmeister Magnezone“, sagte Plaudagei knapp. „Er berichtet, dass es mehrere Ausbrüche aus dem Polizeirevier gab.“
„Von wie vielen reden wir?“, sagte Knuddeluff ernst. Plaudagei blickte wieder auf das Pergament.
„Von insgesamt vier, wobei drei von ihnen eher harmlose Hochstapler und Kleinkriminelle sind. Wir können von Glück reden, dass keine weiteren gefährlichen Gestalten wieder auf freien Fuß sind.“
„Wie konnten sie ausbrechen? So etwas ist noch nie bisher vorgekommen, oder?“
„Eindeutig hatten sie Hilfe von außen. Wobei Oberwachtmeister Magnezone meint, dass diese nur einem bestimmten Pokémon, nämlich dem vierten, galt.“
„Konnte man das Pokémon, das für den Ausbruch mitverantwortlich war, identifizieren?“, sagte Knuddeluff, während sich eine kleine Sorgenfalte zwischen seinen Augen bildete. Plaudagei kicherte und schüttelte den Kopf: „Wer auch immer das war, er hat aus großer Distanz agiert. Er hat von außen die Fassade des Reviers aufgesprengt und es so diesen vier Pokémon ermöglicht, die Flucht zu ergreifen.“
„Und all das, nur um ein bestimmtes Pokémon dort herauszuholen?“, wiederholte Knuddeluff die Worte vor sich hin, woraufhin Plaudagei nickte und seinen Blick wieder auf das Pergament richtete.
„Die Wachen gehen davon aus, dass es sich bei dem Helfer um Emil, dem Meisterschützen, handelt. Bis vor zwei Wochen war er noch dort in Gewahrsam und ein paar Mal haben die Wachen ihn im Gespräch mit einem der Geflüchteten gesehen.“
„Mit wem denn genau?“, sagte Knuddeluff.
Plaudagei zögerte mit der Antwort. Sein Federkleid plusterte sich auf und ein nervöser Seufzer fuhr aus ihm heraus. Dann blickte er erneut zu Knuddeluff: „Das Gengar namens Shadow“.
Knuddeluff begegnete Plaudageis Blick einige Sekunden.
„War das nicht ein Ganove, den das Team Mystery vor zwei Wochen gefasst hat?“, sagte Knuddeluff langsam. Abermals nickte Plaudagei, der dann stutzte, als Knuddeluff zu einem breiten Lächeln ansetzte: „Sie haben ihn schon einmal gefasst und sie werden bestimmt wissen, wie er erneut zu fassen sein wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns dann keine großen Sorgen zu machen brauchen.“
„Wo wir gerade vom Team Mystery sprechen“, sagte Plaudagei in einem geschäftsmäßigen Ton, „es hat sich noch immer nicht zurückgemeldet, seit es die Verfolgung von Shadow aufgenommen hat. Was Mimi uns vor zwei Wochen erzählt hat, ist der aktuelle Status über den Verbleib des Teams.“
„Ich bin da immer noch neugierig, aus was für ein Abenteuer sich das Team Mystery begeben hat“, sagte Knuddeluff aufgeregt und mit sichtlichem Vergnügen. Er blickte schwärmerisch ins Leere. Plaudagei räusperte sich und Knuddeluff wandte sich erstaunt ihm zu.
„Es ist trotzdem untypisch für das Team Mystery, sich auf ein Abenteuer zu begeben, ehe sie sich von ihrem aktuellen Auftrag zurückgemeldet haben. Sie wissen ja, dass wir immer auf ihren persönlichen Kurzbericht warten, wenn sie heimkehren. Mich verwundert vor allem Mimis Verhalten …“
„Was soll damit sein?“, fragte Knuddeluff mit vor Überraschung geweiteten Augen. „Sie hat uns erzählt, dass das Team Mystery unterwegs ist. Daran ist doch nichts auszusetzen, oder?“
„Es ist die Art, wie sie es uns erzählt hat“, fuhr Plaudagei fort und schien mehr mit sich selbst als mit Knuddeluff zu reden. „Ich hatte den Eindruck, als wüsste sie sehr gut, wohin das Team Mystery unterwegs wäre. Doch hat sie fest darauf beharrt, keine genauen Kenntnisse zu haben. Und auch dieser Erkunder der Red Scorpion-Gilde, Cephal, schien auch etwas zu wissen. Doch auch er behauptete fest und steif, von nichts zu wissen. Das ist doch irgendwie verdächtig, oder nicht, Knuddeluff? Knuddeluff?“
Plaudagei wandte sich und sah Knuddeluff steif ins Leere starrend. Er war wie erstarrt und seine Augen zuckten nicht mit ihren Lidern. Dann erklang das leise Geräusch eines Schnarchers in Plaudageis Gehör. Er verdrehte die Augen und mit zwei mächtigen Flügelschlagen flog er auch schon auf den Kopf des Gildenmeisters und kniff mit seinem Schnabel stark in eines von Knuddeluffs langen Ohren. Der Gildenmeister fuhr mit einem Mal aus seinem Schlaf hoch, sodass sein Körper heftig zuckte. Plaudagei aber glitt schon elegant zu Boden zurück.
„Ja, dieser Erkunder war ein witziger Geselle!“, sagte Knuddeluff heiter, als wären sie nicht von dieser Schlafpause unterbrochen worden. „Ich habe ihn schon einmal getroffen, Plaudagei. Vor einem Jahr, als in der Red Scorpion-Gilde das halbjährliche Treffen der Gildenmeister stattfand.“, und mit einem Mal blickte er den Ara vorwurfsvoll an.
„Diese Treffen sind wirklich unterhaltsam! Ich verstehe nicht, wie du immer ablehnen kannst, wenn ich dich einlade mitzukommen.“
„Um dann die Gilde nochmal unbeaufsichtigt zurückzulassen? Besser nicht“, sagte Plaudagei und sein Gefiederkleid plusterte sich ein weiteres Mal auf.
„Aber es sind doch so viele andere hier, die einen Blick auf die Gilde haben können“, sagte Knuddeluff und klang dabei wie ein Vertreter, der einem störrischen Kunden einen Gegenstand andrehen wollte, den dieser per tu nicht kaufen wollte. Plaudagei fasste den Gildenmeister streng ins Auto: „Du weißt sehr wohl, von was ich rede, Knuddeluff. Oder muss ich dich an die ach so tolle Aufsicht von Seiten Krebscorps‘ und Krakeelos erinnern?“
„Sie haben doch einen guten Job gemacht?“, sagte Knuddeluff mit schmollendem Mund. Plaudagei schnaubte verächtlich.
„Eine Riesenparty über unser, ich zitiere, Verschwinden des Jahrhunderts zu schmeißen und dabei alle Bewohner von Schatzstadt einzuladen. Aus dem Grund wurde es doch geradezu notwendig, das erste Gildengeschoss neu in Stand zu schätzen!“
„Aber das meine ich doch“, sagte Knuddeluff halb lachend, halb verärgert. „Das haben die beiden wirklich gut hinbekommen!“

***

Max kicherte. Als er, Jimmy und Iro den Aufstieg zur Knuddeluff-Gilde passierten und somit endlich, nach Stunden der Wanderung, in Schatzstadt angekommen waren, fiel ihm jene denkwürdige und spaßige Nacht ins Gedächtnis. Jimmy und Iro nahmen von seiner guten Laune kaum Notiz. Auch brachten sie es kaum fertig, ein Wort zu sagen. Schweigsam und müde überquerten sie die leergefegte Hauptstraße Schatzstadts und fanden sich einige Minuten später an einer Klippe wieder, von der man einen guten Blick auf das weitere Meer werfen konnte. Im Osten, hinter einer Bergkette, zogen schon hellblaue Himmelsstreifen auf. Der Morgen graute an und offenbar konnten Jimmy und Iro nur noch an ihre Betten denken. Jimmy tastete im weichen dunkelgrünen Gras herum, bis er dann einen Hebel fand, an dem er zog. Eine Luke im Gras klappte auf, die zwar nicht breit, für Iro aber gerade noch Platz bot, um durch diese zu gehen. Eine kleine Steintreppe führte sie durch den Boden in einen Hohlraum der Klippe, der gleichzeitig ihre Basis war. Ein enorm großer Heuhaufen befand sich hinter einer verschließbaren Holztür, die Iro öffnete. Wortlos hob er drei große Heubündel ab, die er dann über die Schulter warf, worauf sie perfekt in der Mitte der Höhle landeten. Jimmy grummelte ein Danke, ehe er sich mit dem Bauch voran auf das Heu warf. Iro tat es ihm gleich und beide seufzten zufrieden, endlich wieder daheim angekommen zu sein. Max wollte es ihnen nur zu gerne gleichtun. Auch ihm schmerzten die Beine vor Erschöpfung, nachdem sie mehr als einen halben Tag lang durchgehend unterwegs waren. Doch etwas nagte an seinem Bewusstsein, das ihn daran hinderte, gewissenhaft einschlafen zu können. Aus einem Schrank suchte er eine kleine Glaskugel heraus. Er musterte sie im schwachen Licht des Morgengrauens, das immer mehr durch die Öffnungen von außen in die Höhle drang. Er hatte die richtige Kugel herausgeholt und tippte mit einer seiner Krallen dagegen, woraufhin sie aufleuchtete.
„Muss das jetzt sein?“, murrte Jimmy, als Max sich mit der hellen Lichtkugel zu ihnen gesellte.
„Wir haben noch eine Nachricht von Mew mitbekommen, die wir im Privaten lesen sollten“, sagte mit schuldbewusster Miene. „Ich weiß, dass wir schlafen wollen, aber meint ihr nicht, wir sollten-“
„Wenn du sie unbedingt lesen willst, dann tu das ruhig Max“, knurrte Iro und drehte sich auf dem Heu von der hellen Lichtkugel weg. „Nur erzähl uns dann von deren Inhalt, wenn wir wieder wach sind, einverstanden?“
Max fiel kein Argument gegen diesen Vorschlag ein. Mit mildem Lächeln beobachtete er seine Freunde dabei, wie sie mit einem Mal offenbar fest einschliefen. Er jedoch griff nach dem Beutel und holte jenes Säckchen aus diesem hervor, das Mew ihnen zukommen ließ. Sein Inhalt fühlte sich wie jene leuchtende Glaskugel zu seiner rechten an und tatsächlich war es eine solche, als er sie herausholte. Sie war etwas kleiner und hatte vielerlei Verzierungen, die blätterbesetzten Ranken ähnelten. Ein schwaches, rosafarbenes Licht schimmerte in ihrem Inneren und wieder mal fühlte sich Max seltsamerweise an jenem Albtraum erinnert, in dem er sieben Lichter in verschiedenen Farben. Das Licht aus der Kugel war eines davon. Max wollte schon dagegen tippen, weil er neugierig war, ob dieser Orb eine besondere Fähigkeit hatte. Doch beließ er es dabei, denn er hatte das Gefühl, das etwas zu Spektakuläres passieren würde. Und dann könnte er es verstehen, wenn Iro ihn dafür ungespitzt in den Boden hauen würde.
Verdient hätte ich es, dachte Max im Stillen und er dachte an jene Worte, die Viridium ihm mitgeteilt hatte. Doch er schüttelte den Kopf. Es war nicht die Zeit noch die Gelegenheit, um über so etwas nachzudenken. Er suchte daher das eingerollte Blatt, das ihnen mit dem Säckchen gegeben wurde, löste die Kordel auf und entrollte das Blatt. Eine ziemlich krakelige Handschrift kam zum Vorschein und leise fluchte Max vor sich hin. Er fürchtete, es würde viel zu viel Energie in Anspruch nehmen, diese Hieroglyphen zu entziffern. Doch zu seiner Überraschung gewöhnte er sich schnell an das Schriftbild und innerhalb weniger Minuten konnte er das Wesentliche der Nachricht ausmachen:

Führt diesen Orb stets mit euch. Ich habe in diesen sowohl einen Teil meiner Kraft als auch einen Teil meines Bewusstseins gespeichert. Wenn ihr den anderen Wächtern begegnet und sie sollten euch anfangs nicht glauben, dass Kyurem tatsächlich zurückkehrt, so zeigt ihnen diesen Orb hervor. Ich werde erscheinen und persönlichen mit ihnen sprechen, auch wenn mein richtiger Körper nachwievor mit dem Baum des Anfangs verbunden ist.

Mir ist zudem wieder eingefallen, wo sich der Der Lawinenberg befindet, auf dem Arktos meist residiert. Er befindet sich im hohen Norden. Damit ihr wisst, in welche Richtung ihr gehen müsst. Passiert die Schädelwüste sowie die Firntundra, dann werdet ihr auf den Lawinenberg stoßen
Viel Glück!

Max‘ Mund formte sich zu einem Lächeln. Dankbarkeit überkam ihn, dass Mew diese wichtigen Informationen nachträglich festgehalten hatte. Sie hätten sonst sehr viel Zeit damit verschwendet, in eventuell falsche Richtungen zu laufen. Zufrieden  rollte er das Blatt wieder zusammen und auch er hatte nun endlich das Gefühl, sich mit gutem Gewissen schlafen legen zu können.
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