Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
25.01.2022
54
246.117
2
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
22.01.2021 8.909
 
Es war schwierig gewesen, die Ranken rauf zu klettern. Doch es erwies sich nun für das Team Mystery als wesentlich schwieriger, diese wieder hinunter zu klettern. Immer wieder mussten sie einen vorsichtigen Blick nach unten wagen um zu sehen, wie lang die Lianen noch gingen, an denen sie sich festklammerten. Nur so konnten sie am besten entscheiden, welche der weiter nach unten führenden sie nehmen sollten. Insgeheim beneideten sie Mew um dessen Fähigkeit in der Luft zu schweben und zu gleiten. Doch sie staunten, als Mew zuerst hoch zur Baumkrone flog, nachdem er sich vergewissert hatte, dass das Team Mystery von allein den Weg nach unten fand.
„Er könnte uns auch nach unten bringen, oder? Wozu ist er denn ein Psycho-Pokémon“, murrte Jimmy. Iro schnaubte verächtlich und Max fand ebenso, dass Jimmy im Grunde keinen Grund hatte, sich zu beschweren, denn als ein Pokémon, das einem Affen aufs Haar glich, hatte er es am leichtesten. Iro murrte auch etwas davon, dass er sich auch von keinem helfen lassen wollte, dessen eigene Kreation das Team Mystery so eine schwere Zeit bereitet hatte. Max konnte nicht leugnen, dass auch er so dachte. Von allen dreien hatte er am wenigsten von dem mitbekommen, was Jimmy und Iro im Geheimnisdschungel durchlitten hatten. Erst durch die Erzählungen von ihnen hat er ein vages Bild erhalten und selbst das hat ihn zutiefst schockiert. Er teilte Iros und Jimmys Wut auf den Waldschrat, doch gab er sich Mühe, nicht auch auf Mew wütend zu sein. Schließlich glaubte er ihm, dass er von all dem nichts gewusst hatte, und war auch bereit gewesen, ihm für seine Naivität bezüglich des Waldschrats zu verzeihen. Dennoch saß die bittere Erkenntnis tief, dass er nicht da war, um seinen beiden Freunden beizustehen. Und um dies nachzuholen, hat er ein besonderes Augenmerk auf Iro geworfen, bei dem die Lianen deutlich an Spannkraft dazu gewannen. Er fragte sich, wie er am besten reagieren konnte, wenn diese tatsächlich reißen würden. Doch hoffte Max inständig, dass es nicht dazu kam. Und zu seiner großen Erleichterung fanden sie alle wohlbehalten den Weg zu den tiefer gelegenen Wurzeln des Baumes, die sich in der Luft verbogen hatten und in alle Himmelsrichtungen in den Dschungel verliefen. Max und auch Jimmy und Iro hielten inne, als sie auf diesen entlang wanderten und sich dem Boden näherten, auf dem sie Chuck und Viridium zurückgelassen hatten.
Max war sich sicher, dass sie nicht viel länger als eine Stunde sich in Mews Baumkuppel befunden haben mussten, doch er staunte nun sehr, dass in der Zeit die Lichtung bei den Wurzeln so dicht bewachsen war, dass es kaum noch Flächen gab, wo man auf festem Boden stehen konnte. Blüten und Blätter tummelten sich und schienen auch noch lebendig zu sein, denn sie bewegten sich, obwohl kein Wind wehte. Erst als sie tiefer hinabgestiegen waren, konnten sie sehen, dass sich eine Vielzahl von Pflanzen-Pokémon verschiedenster Arten am Baum des Anfangs versammelt hat. Max erkannte Bisaflor, Meganie, Tangela sowie Tangoloss, die sich aufgeregt miteinander unterhielten. Dann gab es einige, die er noch nie zuvor gesehen hatte, wie etwa ein Pokémon mit so einem großen violetten Pilzhut, dass dessen kreideweißes Gesicht kaum zu erkennen. Vorsichtig kletterte das Team Mystery herunter, möglichst darauf bedacht, nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Doch bei der Menge an Pokémon, die auf die Lichtung gekommen waren, war das nahezu unmöglich. Und ein erschrockener Aufschrei ertönte und viele Gesichter wandten sich ihnen zu. Bestürzt erkannte Max, dass viele der Pflanzen-Pokémon skeptisch, beängstigt oder teilweise auch argwöhnisch sie anstarrten.
„Das müssen sie sein, die Außenseiter!“, sagte ein Bisaflor mit tiefer brummiger Stimme.
„Was habt ihr mit Mew und dem Waldschrat gemacht?“, rief ein Affe mit schwarzem Fell, wild zerzaustem Gesichtshaar und mit scharlachroten Augen, die das Team Mystery bösartig anfunkelten.
„Wir haben nichts mit ihnen gemacht!“, entgegnete Iro brüsk, doch das Affen-Pokémon trommelte mit den Fäusten auf den Boden und hüpfte auf und ab; der Boden zu Füßen der Erkunder erzitterte leicht.
„Mew hat uns alle hierher gerufen! Wir gehen davon aus, dass er unsere Hilfe im Kampf gegen euch braucht!“, sagte er zornig und trat auch schon einen Schritt auf sie zu, doch das Bisaflor mit der tiefen Stimme hielt ihn mit einer Ranke an der Schulter zurück: „Besinn dich, Zaru! Ich denke, dass Mew durchaus mit ihnen allein hätte fertig werden können, wenn er sie loswerden wollte.“
„Und was ist, wenn sie Mew getötet haben, als er noch am Schlafen war?“, fauchte der Affe namens Zaru zurück. Das Bisaflor schüttelte den Kopf: „Wir werden sehen.“
Er wandte sich an das Team Mystery mit einer Stimme, dass sie für alle Umstehenden hörbar war: „Habt ihr Mew beseitigt, als ihr da oben wart?“
„Nein!“, entgegnete das Team Mystery aus einem Mund. Zaru schnaubte verächtlich. Max sah, wie Iro ihm einen herausfordernden Blick zuwarf.
„Und was ist mit dem Waldschrat?“, fragte das Bisaflor wieder. „Seid ihr ihm begegnet?“
„Das sind wir“, sagte Iro fuchsig und ließ Zaru nicht aus den Augen, „doch leider ist er nicht mehr da, dafür hat Mew-“, doch der Rest seiner Worte ging in einem empörten und zornigen Aufschrei aller Umstehenden Pflanzen-Pokémon unter, die wild ihre Blüten und Pflanzenkörper schüttelten. Selbst das Bisaflor, das von allen am gefasstesten gewirkt hatte, riss nun Augen auf und seine kleinen roten Pupillen schrumpften.
„DA SEHT IHR ES!“, brüllte Zaru, der blitzartig auf seiner Brust trommelte. „DIE AUßENSEITER HABEN WIEDER EINMAL DEM GEHEIMNISDSCHUNGEL GESCHADET!“

Und er schlug sich die Ranke des Bisaflors von der Schulter und stürmte auf das Team Mystery los, das vergeblich versuchte, die Pokémon die Sache zu erklären. Doch auch anderen Pokémon machten den Anschein, das Team anzugreifen, und die Erkunder wussten, dass sie einer solchen plötzlichen Übermacht unterlegen. Zaru sprang mit einem Satz hoch und wollte beide Arme wie zwei kräftige Hammer auf das Team herabsenken, als blitzartig sich ein mächtiges, immergrün leuchtendes Geweih zwischen ihnen schob. Kronjuwild versetzte mit grimmigen Blick Zaru einen zielsicheren Treffer auf die Brust, woraufhin der Affe unter wütendem Brüllen nach hinten geworfen wurde.
„KRONJUWILD!“, rief er in Rage.
Max war beeindruckt von Kronjuwilds Auftreten, da er ihn noch nie zuvor gesehen hatte, und doch fragte er sich, ob Kronjuwild wirklich imstande, es mit allen aufzunehmen, so wie er sich breitbeinig und mit gesenktem Geweih ihnen entgegen stellte. Er blickte zu Iro und Jimmy, die ihm ermunternd zulächelten. Offenbar schienen ihre Überlebenschancen soeben gestiegen zu sein. Und Max fuhr ein Lächeln übers Gesicht, als sich, elegant und grazil wie sie war, auch Viridium zu ihnen gesellte, woraufhin die Pflanzen-Pokémon in ihrem zornigen Eifer stutzten. Chuck, der eher nervös und verlegen wirkte, stellte sich zwischen Kronjuwild und Viridium, die sich mit grimmiger Entschlossen vor das Team Mystery gestellt hatten.
„WAS SOLL DAS WERDEN?!“, brüllte Zaru unnachgiebig und Viridium verdrehte jäh die Augen und zischte dem Affen zu: „Du brauchst nicht so zu schreien, wir hören dich auch so!“
„Kronjuwild! Viridium! Was hat das zu bedeuten?“, sagte das Bisaflor wieder mit ruhiger, aber angespannter Stimme und blickte zwischen den beiden hin und her. „Ihr habt doch gehört, was diese drei Außenseiter soeben zugegeben haben.“
„Ihr solltet sie ausreden lassen!“, sagte Kronjuwild scharf. „Das ist es, was ich schon lange beklage, Florian. Es wird einfach nicht mehr zugehört.“
„SIE HABEN-!“, protestierte Zaru aufgebracht, doch das Bisaflor Florian blickte ihn warnend an, worauf der Affe zornig schnaubte.
„Es stimmt aber doch, dass der Waldschrat nicht mehr ist, oder?“, sagte Florian. Kronjuwild nickte und sagte rasch, um der zornigen Menge entgegen zu wirken: „Das ist aber nicht der Verdienst des Team Mystery!“
Florian blickte fragend Kronjuwild an, dann warf er einen Blick auf die drei Erkunder. Sein Blick klarte sich auf, ehe er dann wieder verwirrt zu Kronjuwild blickte: „Und wessen Schuld ist es dann?“

„Die meine, fürchte ich“.
Mit einem leisen melodischen Klingeln, welches über die Lichtung hallte, erschien nun auch Mew in ihrer Mitte. Viele der umstehenden Pokémon machten große Augen und flüsterten einander zu.
Der Wächter, er ist hier!
Das ist Mew?
Ist ja wesentlich kleiner als in meiner Vorstellung!
Jetzt wird er es ihnen endlich zeigen!

Viridium und Kronjuwild neigten ehrfürchtig ihren Kopf und Chuck ließ seine Stirn gegen den Boden plumpsen. Auch Florian verneigte sich respektvoll, nur Zaru zuckte ruckartig den Kopf nach unten, eher er sich an Mew wandte: „Was soll das heißen, es ist deine Schuld?“
„Wenn ihr mich erklären lässt“, sagte Mew, doch seine Worte gingen in aufgeregtes Rufen von Seiten der Pflanzen-Pokémon zu. Sie alle forderten eine plötzliche öffentliche Bestrafung der Eindringlinge und feuerten Mew an. Dieser wandte sich bestürzt an Kronjuwild und Viridium, die mit einem schiefen Lächeln nickten. Dann baute sich ein Grollen in ihrer Mitte auf. Mew hatte die Augen geschlossen und mit einem Schlag spürte Max wie schon zuvor bei Celebi eine elektrisierende Kraft von ihm ausgehen, die sich auf der ganzen Lichtung ausbreitete. Doch Mews Aura war um einiges mehr überwältigend als es bei Celebi der Fall und Max lief es eiskalt den Rücken runter. Auch die anderen Pokémon verstummten augenblicklich und starrten nervös und ängstlich zu Mew, der seine Augen wieder öffnete. Die kraftvolle Aura von ihm legte sich wieder und wärmere Luft umgab wieder die Pokémon.
„Liebe Freunde!“, sagte Mew und mit erhobener Stimme und schwebte etwas höher, sodass jedes anwesende Pokémon ihn anblicken konnte. Max sah, dass Mew seine Worte mit größtem Bedacht wählte, denn seine Miene war ernster und konzentrierter als zuvor.
„Ich habe euch hierher gerufen … um euch …“, er seufzte, dann holte er tief Luft. „Ich habe euch hierher gerufen, damit ich euch um Verzeihung bitten kann!“
Aufgeregtes Getuschel machte sich breit, doch Mew gebot mit einer Hand jäh eintretendes Schweigen.
„Dreißig Jahre lang habe ich mich schlafen gelegt, um dem Baum des Anfangs und damit dem lebenden
Organismus, der sich Geheimnisdschungel nennt, zu unterstützen. Und ich habe Celebi erschaffen, das Pokémon, das ihr als den Waldschrat kennt. Er sollte an meiner statt über den Geheimnisdschungel wachen und ihn schützen. Doch Celebi hat-“
„Hat genau das auch getan!“, rief Zaru laut und viele stimmten ihm zu. Kronjuwild und Viridium warfen ihm einen empörten Blick zu. Mew hingegen ließ traurig den Blick senken.
„Ja … das hat er. Er hat den Zirkel gegründet und alle dazu angehalten, Fremden von außerhalb zu misstrauen. Wie viele andere und so auch ich war er gequält von Schmerz und Wut und es war nur verständlich, dass viele von euch sich von der Außenwelt lösen wollten, einschließlich Celebi selbst. Jedoch“, und Mews Stimme wurde lauter und bestimmter, „hat Celebi nicht von mir mitbekommen, dass es irgendwann auch an der Zeit, diesen Schmerz und diese Wut hinter sich zu lassen und irgendwann wieder Vertrauen zu allen zu finden. Da Celebi aber nie von mir diese Eingabe erhalten hatte, kam es ihm nicht in den Sinn, seine Wut und seine Abneigung gegenüber Fremde loszulassen.“
Einige Sekunden lang herrschte Stille, bis sich dann Florian zu Wort meldete: „Was soll es heißen, du hast den Waldschrat erschaffen? War er etwa so etwas wie ein Teil von dir?“

„Er war sprichwörtlich ein Teil von mir, der ein Teil meiner Kraft sowie mein Unterbewusstsein geerbt hatte, als ich ihn erschuf. Doch mir war zu dem Zeitpunkt selber nicht klar, dass ich selber zu dem Zeitpunkt eine gewaltige Wut auf jene Übeltäter war, die unserem Zuhause schadeten. Ich wollte erreichen, dass Celebi den Dschungel davor bewahrt, dass er jeder wieder von Außenseitern Schaden zu nehmen.“
„Dann“, sagte Florian vorsichtig, „hat er doch genau in deinem Sinne gehandelt? Er hat sich dafür eingesetzt, dass wir weiterhin von der Außenwelt getrennt bleiben, und wir waren bereit ihm in dieser Sache beizustehen!“
Ihm pflichteten viele Pokémon mit eifrigem Nicken bei. Max fragte sich, ob Mews Bekenntnis dieselbe Wirkung erreichen wird wie bei ihm, Jimmy und Iro, denn nun hatte er zwei Dutzend Pokémon davon zu überzeugen, dass er mit der Erschaffung Celebis ziemlich daneben lag. Zu dem Gedanken kam auch, der wieder beschämt zu Boden blickte.
„Celebi zu einem Zeitpunkt zu erschaffen, in dem ich selber noch wütend war, war ein Fehler. Celebi hat von mir den tief gelegenen Wunsch übernommen, dass gegen Fremdlinge von außen notfalls mit Gewalt vorgegangen werden müsse, wenn sie eine Gefahr für den Dschungel darstellen. Doch bitte versteht: Das war nie meine Absicht! Nie hätte ich gewollt, dass gegen Fremde derartig vorgegangen wird! Ich habe, als ich Celebi wieder in mich aufnahm, in seinen Erinnerungen gesehen, was im Dschungel die letzten dreißig Jahre passiert ist. Vor allem, was mit euch allen passiert ist …“, und er brach ab und blickt zwischen Florian, Kronjuwild und Viridium hin und her. Sie erwiderten seinen Blick, doch waren sie um eine Antwort verlegen, weil sie offenbar Mew nicht weiter in seiner Scham unterstützen wollen.
„Heißt das“, sagte Florian mit tonloser Stimme, „all die Jahre haben wir falsch gelegen, weil wir die Trennung von der Außenwelt nachwievor befürworten.“
Mew warf ihm einen traurigen Blick und er sank etwas zu Boden, um so einigen der anklagenden Blicken in der Luft zu entfliehen, die sich in ihn hineinbohrten. Dann sagte er leise, sodass nur der restliche Zirkel, das Erkundungsteam, Chuck und auch Florian und Zaru ihn hören konnten.
„Ich verstehe eure Beweggründe. Ihr seid noch nicht bereit, von der Vergangenheit ganz loszulassen und es ist euer gutes Recht, Misstrauen gegenüber Fremde zu äußern. Doch das sollte nicht heißen“, sagte er nun mit erhobener Stimme, sodass wieder alle ihn hören könnten. „Ganz gleich, wie ihr zu Fremde steht, es ist ungerecht, wenn ihnen direkt mit Feindschaft begegnet wird, bis sie bewiesen haben, ob sie Freunde des Dschungels sind oder nicht! Was Celebi von vielen von euch verlangt und zum Teil auch erzwungen hat, das war ganz und gar nicht in meinem Plan und ich schäme mich zutiefst, dass ich so einen Körper mit so einem Gedankengut erschaffen habe! Vor allem solltet ihr, meine Freunde … meine Familie“, fügte er mit brüchiger Stimme hinzu. „Niemals hätte ich gewollt, dass ihr euch untereinander deswegen zerstreitet! Ich habe mit Entsetzen gesehen, was Celebi denen angetan hat, die sich für eine Wiedervereinigung aussprachen …“

An der Stelle warf er nun Kronjuwild, Viridium, Chuck und auch dem Team Mystery einen demütigen Blick zu. Wieder erhob sich Getuschel und Mew erhob dieses Mal nicht die Hände, um Ruhe zu bitten. Er sank hinab und setzte sich betreten auf eine der Wurzeln, die nahe dem Boden verliefen. Stumm warf Max seinen Teamkollegen einen Blick zu. Auch in ihren Gesichtern stand die Ratlosigkeit geschrieben, ob oder was sie sagen und tun konnten. Jimmy wollte schon mit erhobener Hand was sagen, doch Viridium schüttelte den Kopf, zischte kaum vernehmlich Pst! und nickte zu Mew. Max sah, wie er seine Hände in sich zusammenlegte und gedankenverloren auf diese blickte. Viele der Pflanzen-Pokémon um sie herum wechselten verstohlene und nervöse Blicke und bei dem Anblick stieg Hoffnung in Max auf. Nur sehr wenige machten den Eindruck, als wären ihnen Mews Worte ziemlich egal gewesen. Wütend und grimmig blickten sie von ihm zu Kronjuwild, dann zu Viridium und dann, eine Spur feindseliger, zum Team Mystery. Zaru, der offenbar Mews Nähe nicht mehr ertragen wollte, hatte sich von ihm abgewandt und ist die hinteren Reihen zurückgetreten. Florian hingegen blieb an Ort und Stelle stehen, sah aber deutlich bestürzt aus.
„Was wird jetzt passieren, Mew?“, sagte er nervös. „Wirst du uns bestrafen, weil wir nichts gegen Celebis radikale Vorgehensweise getan haben? Oder uns selber nie gegen ihn gestellt haben?“.
Mew schreckte aus seinem Gedankengang und blickte in Florians Gesicht. Max konnte das von Mew nicht sehen, doch so wie sich Mew wieder in die Luft erhob, glaubte Max zu wissen, dass Florians Worte Mew überrascht, gar schockiert haben.
„Mein lieber Florian!“, rief Mew entsetzt. „Bestrafen? Wofür? Dass ihr eure Meinung geäußert habt?“
„Wir sind nicht eingeschritten, nachdem wir erfahren haben, wie … nun ja“, und Florian warf dem Team Mystery einen vorsichtigen Blick zu. Mew blickte ebenfalls zu den Erkundern, dann schien er zu verstehen.
„Was dies betrifft“, sagte Mew tonlos, „hätte ich schon gehofft, dass ihr erkennen mochtet, dass Celebi … mit anderen Wort Ich … zu durchtrieben ist, als dass ihr ihm weiterhin bedingungslos gehorchen solltet … In der Tat hätte ich gewollt, dass ihr ihm Paroli bietet …“, doch als er Florians schuldbewusste Miene sah, setzte Mew zu einem sanften Ton an. „Doch ich habe auch gesehen, wie viel Angst ihr vor ihm hattet und ich kann dies genauso gut verstehen. Ich vergebe nicht, Florian, weil es nichts zu vergeben gibt von meiner Seite. Wie ich schon sagte … Ich bin für all das hier verantwortlich …“, endete Mew matt. Florian stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, doch in dem Moment trat Kronjuwild vor.
„Es mag stimmen, dass vieles von einem Fehler ausging, dessen Mew sich nicht bewusst war. Und gewiss sind wir alle bereit, ihm zu vergeben, nicht wahr? Er mag zwar unser Wächter sein, doch ist er nicht unfehlbar!“, und sein Blick fuhr streng über die anwesenden Dschungelbewohner. Dann wandte er sich an das Team Mystery, welches verdutzt zu ihm blickte: „Wenn jemand vergeben darf und soll, dann ist es ausschließlich das Team Mystery! Wir alle haben sie in unserer Spaltung aufgenommen und sie mussten all das auf sich nehmen, obwohl sie nicht einmal im Sinn hatten, dem Dschungel Schaden zuzufügen. Von daher bitte ich euch, im Namen aller hier Versammelten, um Vergebung!“
Und perplex sahen die Erkunder ihm dabei zu, wie er tief den Kopf verneigte. Viridium und Chuck taten es ihm nach. Doch blieben sie die einzigen. Die anderen Pflanzen-Pokémon schienen sich dessen nicht sicher, ob sie um Vergebung bitten sollten oder nicht. Sie blickten gespannt zu Florian, ihrem Wortführer, der mit Spannung und sichtlicher Nervosität zum Team blickte. Max spürte, wie eine tiefe Verlegenheit ihn erfüllte. So musste sich Iro gefühlt haben, als er allein darüber entscheiden konnte, ob er Mew für all die Erlebnisse, die dem gesamten Team widerfahren sind, verzieh oder nicht. Nun stand das Team gemeinsam vor einer ähnlichen Entscheidung.
Doch Jimmy räusperte sich schon und winkte Kronjuwild zu sich, beließ aber dabei, als Kronjuwild beharrlich und mit weiterhin geneigtem Kopf stehen blieb.
„Hör mal, Kronjuwild“, sagte Jimmy mit Röte im Gesicht, „wir haben schon Mew verziehen. Ich weiß, ich spreche nur für mich, aber …“, und hilfesuchend wandte er sich an Iro und Max, die sich kurz anblickten und dann mit den Schultern zuckten.
„Wir vergeben euch“, sagte Max prompt.
„Ich hasse es, mich zu wiederholen, nachdem ich Mew schon vergeben habe!“, knurrte Iro.

Jähe Erleichterung stieg sowohl in Florians, Kronjuwilds als auch in Mews Gesicht auf, die dem Team Mystery dankbare Blicke zuwarfen. Max spürte, wie auch ihm verlegene Röte ins Gesicht stieg.
„Was wird jetzt eigentlich geschehen?“, sagte Florian im ernsten und besorgten Ton. „Wird der Dschungel wieder zurück in die Heimatwelt integriert?“
Mew blickte Florian eine Zeit lang an, dann seufzte er tief: „Nein. Ich denke nicht, dass alle schon bereit für diesen großen Schritt. Es braucht noch etwas Zeit.“
„Das sehe ich auch so“, sagte Kronjuwild nickend. „Zu viel ist in den letzten dreißig Jahren passiert, als dass jetzt schon an ein Miteinander mit der gesamten Welt zu denken ist.“
„Und dreißig Jahre an Ressentiments gegenüber Fremde“, sagte Viridium ernst, „verschwinden auch nicht nach nur einem Tag. Da wird viel Arbeit nötig sein!“
„Auch wenn das Team Miserie vielleicht gute Pokémon sein mögen, heißt das nicht, dass wir gleich wieder Vertrauen zu allen Fremden haben sollten!“, sagte Florian scharf.
„Können wir uns darauf einigen, dass die Feindschaften aller Art aufhören sollten und dass wir das Gespräch miteinander suchen?“, schlug Kronjuwild sanft lächelnd vor. Eine Stille machte sich zwischen ihnen breit, dann nickten alle zustimmend.
„Nun denn“, sagte Florian unsicher und warf allen Pokémon einen verlegenen Blick zu. „Ich denke, wir sehen uns dann die Tage. Also dann …“, und er drehte sich schon halb um, als Mew vor sein Gesicht schwebte. Max sah erstaunt, dass Mew Tränen ins Gesicht standen. So dankbar und gerührt schien er von dieser Situation.
„Florian, ich würde es wirklich begrüßen, wenn du so wie der Rest des Zirkels noch hier bleiben könntest. Wir könnten deine Weisheit und deine Meinung gebrauchen, wenn wir gemeinsam entscheiden, wie wir von nun an den Geheimnisdschungel verwalten.“
„Aber Mew“, sagte Florian überrascht und bestürzt. „Ich glaube nicht, dass ich nach all dem wirklich geeignet bin zu entscheiden wie … ich meine …“, doch er verstummte, als er Mews eindringlichem Blick begegnete. Dann nickte er peinlich berührt.
„Bestens!“, sagte Mew nun eine Spur heiterer und klatschte in die Hände. Kronjuwild lächelte und Viridium wandte sich prompt an das Team Mystery.
„Ich hoffe, ihr versteht, dass wir – das heißt, der Zirkel – mit Mew allein sprechen müssen.“
Mew wollte schon protestieren, doch Kronjuwild warf sich mit sanftem Lächeln dazwischen. „Diese Diskussion könnte ziemlich lange dauern. Und ungern will ich Iro, Jimmy und Max solange hier stehen lassen, obwohl sie bestimmt müde und vor allem hungrig sind, nicht wahr?“
Wie aufs Stichwort knurrte Iros Magen laut und auch Max spürte seinen erheblich brodeln. Ihm fiel ein, dass er, seit er das erste Mal nach seiner Betäubung, gar nichts mehr gegessen hatte. Wie konnte er nur das klaffende Loch nicht bemerken, das sich nun protestierte in seinem Bauch auftrat. Max lachte und auch Iro lächelte betroffen. Begeistert bot Chuck sich an, sie zurück in das Dorf zu führen, wo das Team Mystery sich ausruhen und essen konnte. Nur dankbar nahmen sie das Angebot an und prompt spurtete Chuck los, dicht gefolgt von Jimmy, Iro und Max. Nur Max warf einen Blick zurück zu den vier Pokémon, die sich mit ernsten Mienen berieten. Er fing Viridiums Blick auf, den sie ihm zuwarf. Einige Sekunden starrten sich die beiden an, dann nickte Viridium mit dem Anflug eines Lächelns, ehe sie sich wieder der Gesprächsrunde um Mew zuwandte. Max nickte zurück und folgte den anderen.

Max war der einzige vom Team Mystery, der noch nicht das Dorf erblickt hatte, in dem Iro und Jimmy zuvor Zuflucht gefunden haben. Er bestaunte daher den Anblick, der sich ihm bot, als er mit den anderen durch den Lianenvorhang trat. Er hatte nur einen kurzen Blick für die Baumhäuser und die riesigen Blüten auf dem Boden übrig, als sie auch schon mit freudigen Schreien empfangen wurden. Eine Blubella eilte mit strahlendem Lächeln auf sie und auch eine größere Gestalt, die mit größeren Blättern bedeckt war. Dies mussten wohl Bella und Lilli sein, von denen Iro und Jimmy erzählt hatten. Verdutzt sah, wie sich die Blunella gegen Iros Beine warf und diese umarmte. Dieser war nicht weniger verdutzt, doch er rieb ihr sanft lächelnd den Kopf zum Gruß.
„Willkommen zurück!“, sagte die andere Gestalt, die Max ein Blatt zum Gruß hielt. „Ich heiße Lilli. Du musst wohl Max sein, habe ich Recht.“
„Ja“, sagte Max breit lächelnd. Er wusste, was sie für Iro und Jimmy getan hatte, und konnte sich daher kaum halten. „Ich weiß es wirklich sehr zu schätzen, was ihr für meine Freunde getan habt! Ich bin euch für so vieles dankbar!“
„Ach, doch nicht der Rede wert, mein Lieber!“, sagte Lilli heiter und winkte ab. Bella warf ihm einen fröhlichen Blick zu.
„Ich wusste, dass der Freund von Iro und Jimmy genauso ein herzensgutes Pokémon wie sie ist. Ich hab’s dir gesagt, Lilli!“
„Ja, und ich war stets derselben Ansicht, Bella“, erwiderte Lilli und wandte sich den Ankömmlingen zu. „Mew hat uns erzählt, was vorgefallen ist. Ich bin sicher, dass ihr nach all der Aufregung enormen Hunger habt?“
Prompt stimmte Iro dem zu, Jimmy hingegen klappte der Mund auf: „Mew war hier?“
„Oh ja!“, sagte Bella mit einer Spur von Ehrfurcht. „Er hat uns geholfen, die wilden Pokémon von hier zu vertreiben, die das Dorf verwüsten wollten.“
Bei den Worten blickte Max sich um und sah tatsächlich, dass einige Blätter der riesigen Blüten angeknabbert und zerstochen waren und dass einige Brücken nach unten hingen. Offenbar sah man ihm ein schlechtes Gewissen an, denn Lilli wandte sich streng ihm zu: „Es ist nicht eure Schuld, ja? Wir haben stets geahnt, dass der Waldschrat mit uns irgendwann die Geduld mit uns verlieren wird. Tja …“, und mit schiefem Lächeln ließ sie ihren Blick über das Dorf schweifen.
„Stimmt es?“, sagte Bella, die sich an Iro wandte. „Ist der Waldschrat … wie soll ich sagen … wirklich weg?“
„Jep“, sagte Iro frei heraus. Bella starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Iro erkannte, dass es sich so anhörte, als würde ihn der eventuelle Tod eines Pokémon ziemlich kalt lassen, und erzählte Bella und Lilli, was es mit dem Waldschrat auf sich hatte. Als er geendet hat, stand beiden die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.
„Man kann von Glück reden, dass kein Pokémon in all dem Trubel getötet worden ist“, sagte Lilli mit einem Blatt auf ihrer Brust. „Nicht auszudenken, welche Wellen dies verursacht hätte.“
„Was genau ist hier passiert, seit wir zu Mew gegangen sind?“, fragte Iro, der nun ebenfalls seinen Blick über die Schäden am Dorf gleiten ließ.
„Wir haben noch eine Weile mit den Bibor und anderen wilden Pokémon, die nach eurer Flucht dazugekommen sind, zu kämpfen gehabt. Wir haben sie ganz gut in Schach halten können“, sagte Lilli und warf sich dabei stolz in die Brust. „Doch wir waren schon dabei uns zu erschöpfen, da ist Mew aufgetaucht und hat allen wilden Pokémon befohlen, sofort in ihre Nester zurückzukehren. Das war schon beeindruckend!“
„Mew hat uns dann nur kurz erklärt, dass er euch begegnet ist und dass er euch zu Hilfe eilen müsste. Dann ist er mit einem Klingeln verschwunden“, fuhr Bella fort. Sie schaute zu den Erkundern und Chuck. „Was ist dann passiert?“

Die Drei Erkunder erzählten ihnen, was am Fuß von Mews Residenz und in diesem passiert war. Bella und Lilli klappten der Mund auf, als das Team von der Begegnung mit dem Waldschrat berichteten und auch davon, dass sie Florian sowie vielen anderen Pokémon begegnet sind, die die Trennung befürworteten.
„Ihr seid also Florian begegnet“, kommentierte Lilli sanft lächelnd und. „Auch er hat einst in den Flammen seine Familie verloren, es ist nur allzu verständlich, dass er da nachwievor Misstrauen hegt.“
„Er kam mir aber schon recht vernünftig vor“, mampfte Iro. Lilli hatte während der Erzählung eine große Holzschale mit vielerlei Früchten herbeigeholt, die die drei Erkunder begierig aßen. Es war auch eines der seltenen Male, dass zwischen Max und Iro eine Art Rivalität entbrannte. Max begegnete bissig dem Blick seines Kollegen, während sie besonders hungrig Beeren und Früchte aßen. Jimmy, der sich nicht in diesen Wettkampf einmischen konnte wie Max es tun konnte, hielt sich bedeckt zurück und knabberte an den Beeren, die er rechtzeitig für sich hamstern konnte.
„Oh ja, Florian ist wirklich sanftmütig!“, bestätigte Bella mit einem Nicken. „Und ihr sagt, dass er mit Mew, Kronjuwild und Viridium über die Zukunft des Dschungels Rat hält?“
Als Iro nickte, wechselte sie mit Lilli vielsagende Blicke. Beide sahen den Erkundern stumm beim Essen zu und nur deren Schmatzgeräusche erfüllten die warme Luft, während der Abend anfing zu dämmern.
„Sie werden den Geheimnisdschungel nicht in die Welt zurück eingliedern, nicht wahr?“, sagte Bella tonlos. Max, der sich gerade eine Beere zum Mund führen wollte, hielt inne. Dann ließ er sie langsam sinken, während er Bellas Blick begegnete: „Nein, es wird noch eine Weile dauern.“
Ihm überkam ein schlechtes Gewissen, denn er sah Bella an, dass sie die Nachricht traurig stimmte. Sein Hunger verschwand und er konnte in ihrer Gegenwart keinen Bissen mehr nehmen, da er keine beruhigenden Nachrichten bringen konnte. Doch Bella schüttelte den Kopf: „Wir haben es uns schon fast gedacht. Kronjuwild hat öfter davon gesprochen, dass es nie funktionieren würde, wenn nicht alle dahinter stehen. Und wenn dann Pokémon wie Florian meinen, dass sie der Außenwelt nachwievor misstrauen müssten …“, ihre Stimme brach und es lag Bitterkeit in dieser.
„Aber es wird sich schon was ändern“, sagte Jimmy und lächelte Bella aufmunternd zu. „Was immer sie jetzt mit Mew bereden, es kann nicht genauso oder gar schlimmer werden als zuvor, nicht wahr?“
„Diesbezüglich kann ich euch beruhigen!“, meldete sich eine Stimme von hinten, woraufhin sich alle dieser zuwandten. Kronjuwild und Viridium schritten majestätisch auf sie zu und Kronjuwild lächelte alle an.
„Wie ist es gelaufen, Kronjuwild?“, fragte Lilli neugierig und machte den beiden Neuankömmlingen Platz.
„Den Umständen entsprechend ziemlich gut“, sagte Kronjuwild und pflückte sich mit seinem Mund eine der Beeren, die vor allen auf dem Boden lag.
„Der Zirkel wurde reformiert. Wir haben jetzt einen Hüter, gleich zwei Waldschräte, einen neuen Waldläufer und nachwievor eine Geheimniswahrerin.“ Beim letzten Wort nickte er Viridium andächtig zu, die es mit einem schwachen Lächeln erwiderte.
„Zwei Waldschräte?“, sagte Iro verdutzt. „Wer soll denn das sein?“
„Zum einen Florian und, nun ja, ich“, sagte Kronjuwild und versuchte angestrengt, seine Aufregung zu verbergen.
„Wow, Glückwunsch!“, rief Jimmy heiter aus und klatschte die Hände zusammen. Kronjuwild lächelte schief.
„Ich weiß nicht, ich war mit meiner vorherigen Position recht zufrieden. Jetzt aber bin ich für unsere Seite der tagtägliche Ansprechpartner, der dem Hüter des Dschungels regelmäßig Bericht erstattet. Und Florian tut dies genauso für jene, die nachwievor die Trennung des Dschungels von der Außenwelt befürworten. Mew glaubt, dass beide Parteien so gleichermaßen das Recht bekommen, sich zu der Frage äußern zu dürfen, ob nun an eine Wiedereingliederung zu denken ist oder nicht.“
„Ihr gebt also regelmäßig Stimmungsbilder ab?“, fragte Max in der Hoffnung, Kronjuwilds Funktionen zu verstehen.
„So in etwa“, nickte Kronjuwild ihm zu. „Natürlich konnten wir uns jetzt nicht auf eine Antwort einigen, da wir sichergehen wollen, dass wir jedes Bedenken erfassen und lösen können. Sonst könnte man uns vorwerfen, wir würden unsere jeweiligen Seiten gänzlich übergehen.“
„Heißt das, dass Florian auch einer Wiedereingliederung zustimmen würde?“, sagte Bella hoffnungsvoll.
„Er ist dem nicht gänzlich abgeneigt; das Team Mystery hat ihn offenbar davon überzeugt, dass nicht alle Fremde absolut schlechte Pokémon sein müssten.“
An dieser Stelle nickte er dankbar den Erkundern zu, ehe er an Bella fortfuhr: „Doch die anderen teilen nicht so diese Einstellungen. Es gibt da noch Gesellen wie Zaru oder Voru, und die sind auch nicht allein mit ihrer Ansicht.“
„Bei denen wird es ziemlich lange dauern, sie vom Gegenteil zu überzeugen, oder?“, sagte Iro mit einem schiefen Lächeln. Kronjuwild schmunzelte.
„Da du schon Bekanntschaft mit Voru gemacht hast, dürftest du da durchaus richtig liegen.“
„Doch wie können sie denn überzeugt werden, wenn kein Pokémon von der Außenwelt in den Geheimnisdschungel geführt wird?“
„Was dies betrifft“, sagte Kronjuwild und blickte Viridium vorsichtig von der Seite an. Sie erwiderte, dann seufzte sie und fuhr fort: „Mir ist es erlaubt, jedes Mal, wenn ich mich in der Außenwelt befinde, auch immer Pokémon, die mein Vertrauen genießen, einzuladen, mir in den Geheimnisdschungel zu fordern. Sie dürften sich hier eine Zeit lang aufhalten, einige von uns kennenlernen, und auch gehen wann immer sie wollen. Auf die Art soll gezeigt werden, dass auch sehr viele andere Pokémon aus der Außenwelt nicht böse, gierig oder gewalttätig sind.“
„Und was wenn du irgendwelche Halunken mit hineinführst?“, sagte Jimmy mit einer Sorgenfalte zwischen den Augen. Viridium blickte ihm tief in die Augen, und Max erkannte deutlich, dass die Frage sie sehr empörte.
„Sollte es im unwahrscheinlichen Fall ein Pokémon es schaffen, mich hinters Licht zu führen, und es würde sich erweisen, dass er genau das ist – ein Halunke -, dann hätten wir das Recht, ihn sang- und klanglos rauszuschmeißen. Notfalls löschen wir ihm die die Erinnerung an den Dschungel, darum wird sich der Hüter dann kümmern.“
„Wer ist denn der Hüter?“, fragte Max. Bei dieser Frage wechselten Viridium und Kronjuwild Blicke, dann wandte sich der neue Waldschrat vorsichtig Max: „Die neue Position des Hüters hat … nun ja, Celebi inne.“
„Was?“, rief Iro laut und vor Schreck zuckten Jimmy, Chuck und Bella zusammen. Kronjuwild musste die Stimme erheben, damit er sich Iros Aufmerksamkeit sichern konnte: „Ich weiß, was du denkt. Doch es besteht dieses Mal keinen Grund zur Sorge! Mew hat ein neues Celebi erschaffen. Doch er wird nur über Mews richtigen schlafenden Körper wachen und dafür sorgen, dass kein neugieriges Pokémon ihn aufweckt. Er wird sich nicht ein einziges Mal in die Geschehnisse einmischen!“
„Und auch sonst ist er ein wahrer Engel im Vergleich zum vorherigen Celebi“, sagte Viridium sanft. Iro funkelte sie zornig an.
„Mew war sich auch dessen sicher, dass Celebi nie Grenzen überschreiten würde, und wir wissen alle, was passiert!“
„Du hast auch eine Sondergenehmigung in der Hinsicht erhalten“, sagte Kronjuwild hastig. „Du hast die Erlaubnis, dem neuen Celebi eine Ohrfeige zu verpassen, so hart du willst. Sofern du immer noch einen Wunsch nach Vergeltung verspürst“, und er blickte gebannt zu Iro, der grimmig in die Runde starrte. Dann schnaubte er und wandte sich mit verschränkten Armen ab: „Es wäre nicht dasselbe, als wenn ich der vorherigen Version eine solche verpasse. Denn diese hätte es verdient!“
„Also hast du gegenüber dem Hüter keine Ressentiments?“, fragte Viridium. Iro schnaubte erneut und schüttelte den Kopf. Kronjuwild atmete erleichtert aus.
„Aber wer ist dann der neue Waldläufer?“, sagte Iro und wandte sich wieder der Runde zu. „Wer übernimmt deinen Posten, Kronjuwild?“
Der Hirsch drehte langsam und sanft lächelnd seinen Kopf und blickte Chuck an, der ihn neugierig erwiderte. Auch Viridium lächelte ihm anerkennend zu und Chuck blickte zwischen ihr und Kronjuwild hin und her. Dann verstand er endlich, was diese durchdringenden Blicke bedeuteten, und seine Augen weiteten sich und Chuck erstarrte.
„Ihr seid sicher, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist?“, fragte Lilli nicht weniger überrascht und klang dabei wie eine Mutter, die Sorge über ihr Kind äußerte.
„Er ist die einzige vernünftige Wahl“, sagte Kronjuwild heiter über den immer noch zur Salzsäule erstarrten Chuck. „Er versteht beide Seiten des Dschungels, er ist flink, er ist mutiger, als wir alle es je von ihm gedacht hätten, und er kann sehr gut klettern. Seine Aufgabe ist es auch nur, des Öfteren unterwegs zu sein, um entweder mich oder Florian von eventuellen Vorkommnissen zu berichten, die unser Eingreifen erfordern. Wir denken, das ist eine recht ungefährliche Aufgabe für jemand, der so jung wie Chuck ist. Was meinst du?“, wandte er sich nun den Affen, der aus seiner Starre erwachte. „Wärst du bereit diese Aufgabe anzunehmen?“
„I-Ich…“, stotterte Chuck, doch Kronjuwild unterbrach ihn sanft. „Du kannst es dir bis morgen überlegen, doch wir benötigen schnell eine Antwort. Sonst müssten wir uns nochmal Gedanken machen, wen wir noch fragen könnten. Wo wir gerade von morgen sprechen … Team Mystery?“
Die Erkunder blickten auf, da sie belustigt Chucks verwirrte und aufgeregte Miene beobachtet hatten. Kronjuwild begegnete deren Blick mit wachsamen Interesse. „Viridium hat mir erzählt, dass ihr von Mew eingeladen wurdet. Und offenbar hat dies gestimmt. Habt ihr mit Mew über den Grund dieser Einladung sprechen können?“

Die Erkunder wechselten Blicke, ehe sie nicken. Max ahnte, was Kronjuwild sie fragen würde.
„Dürfte ich vielleicht den Grund erfahren, weshalb Mew mit euch reden wollte?“, sagte Kronjuwild, der höchst neugierig klang. Auch Viridium, Chuck, Bella sowie Lilli blickten gebannt das Team Mystery an. Max wusste, dass alle drei Erkunder sich dessen nicht sicher waren, wie sie diese Frage beantworten sollten. Mew hatte keinen Hinweis darauf gegeben, der sie dazu anhielt, Stillschweigen über ihre Mission bewahren zu wollen Max erinnerte sich an das Gespräch zurück, das er mit Jimmy und Iro im Zimmer in Roses Taverne geführt hatte. Nachwievor war er der Ansicht, dass es noch zu früh war, eine eventuelle Panik zu verursachen, wenn er von der Ankunft eines Dämons in einem Meteor, der auf den Planteten krachen wird, erzählte. Doch dachten Jimmy und Iro immer noch so? Er suchte verstohlen deren Blick. Er war sich bewusst, dass sie in ein peinliches Schweigen verfallen sind.
„Wir“, begann Iro und erschrocken blickten Max und Jimmy zu ihm auf. Doch erstaunt sahen sie ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht. „Wir sind leider nicht befugt, dich in unser Geheimnis einzuweihen. Du kannst gern den Wächter deswegen fragen. Doch bitte frag uns nicht nochmal.“
Max fand, dass dies eine ziemlich unhöfliche Antwort war, doch verdutzt sah er, wie Kronjuwild laut auflachte.
„Wir sind dann wohl quitt, nehme ich an?“, sagte der neue Waldschrat grinsend zum Erkunder. Offenbar war dies ein Insider zwischen den beiden, dachte sich Max.
„Wir haben jedenfalls mit Mew über diese Angelegenheit reden können und wir sind daher mit unserem Anliegen durch. Stimmt doch, Max?“
„Ja“, sagte Max mit einem doch dankbaren Gefühl, dass er nicht den genauen Grund ihres Aufenthalts nennen mussten. „Wir würden daher morgen abreisen, denn wir haben noch viel vor uns und nur wenig Zeit.“
Erst jetzt fiel ihm auf, dass Viridium ihn seit einigen Minuten anstarrte, und Max spürte, wie sich ihr Blick in ihn hineinbohrte. Er fragte sich, ob sie ihn nach dem wahren Grund ableuchtete, als würde sie diesen in seinen Gedanken erspähen. Er bekam kaum mit, wie Kronjuwild ihm antworte: „Gewiss, wir werden euch morgen zu dem Portal bringen, durch das ihr in den Geheimnisdschungel gelangt seid. Ich hätte euch ohnehin empfohlen, dass ihr alle euch gut hier ausruht. Schließlich war es für uns alle ein langer Tag!“
Damit war die Runde für Kronjuwild zu Ende. Er erhob sich und reckte seinen Hals.
„Ich werde dem Hüter von eurer Abreise morgen in Kenntnis setzen. Ich sehe euch dann erst später, nehme ich. Viridium, magst du mitkommen?“
Nur kurz wandte Viridium ihren Blick von Max, um Kronjuwild zu antworten: „Geh du nur. Ich bleibe hier und mache es mir gemütlich!“
Max hörte, dass eine Art Unzufriedenheit in ihrer Stimme lag. Kronjuwild starrte sie einige Sekunden lang, dann machte er sich auf und verschwand durch den Dorfeingang. Doch der Rest der Runde dachte nicht daran, vorzeitig diese aufzulösen. Als es immer dunkler wurde, funkelten überall Glühwürmchen auf. Währenddessen kamen auch die restlichen Dorfbewohner zurück, welche dem Team Mystery interessierte und längst nicht so skeptische oder nervöse Blicke zuwarfen. Einige grüßten im Vorbeigehen, andere setzten sich in deren Nähe und lauschten den Geschichten, die die Erkunder von ihren früheren Abenteuern erzählten. Sie erklärten, wie sie für eine der vielen Erkundergilden arbeiteten und wie das Team Mystery einst gegründet wurde. Allmählich wurde die Stimmung im Dorf immer ausgelassener, als Jimmy auch von den heitersten und unterhaltsamsten Erlebnissen in der Gilde und ihren Erkunden erzählten.
„Und dann haben wir seit letztes Jahr eine neue Köchin in der Knuddeluff-Gilde. Eine ziemlich mies gelaunte Snibunna namens Yulia. Jedenfalls: Prompt begegnet sie dem Gildenmeister Knuddeluff, verordnet sie sofort eine Diät und nur einen Perfekten Apfel die Woche. Knuddeluff war so gar nicht begeistert und hat sich nachts heimlich an den Vorräten bedient. Das wiederrum ist Yulia aufgefallen und“, und Jimmy stieg eine Träne in die Augen, als er fortfuhr, „und hat prompt ein Eisenschloss an den Vorratsschrank angebracht. Am nächsten Morgen macht das Gerücht von einem Einbruch in der Gilde die Runde. Doch es hat sich ziemlich schnell rausgestellt, dass Knuddeluff mit Gewalt den Schrank mitsamt Schloss aufgebrochen hat, um an seine geliebten Perfekten Äpfel zu gelangen. Nun hat Yulia diese versteckt – wir wissen alle nicht wohin – und Knuddeluff fleht sie förmlich an, wenn er Hunger hat. Seither nimmt sie sich frei, wann immer sie will, ohne je fürchten zu müssen, entlassen zu werden.“
Er wischte sich die Träne aus dem Auge.
„Die einzige Basis für Verhandlungen mit Knuddeluff – Versteck seine Äpfel und drohe ihm damit, sie zu entsorgen!“

Einige lachten, während einige auch bereits gähnten und sich zu ihren Blüten aufmachten. Max sah, wie sich Bella mit Iro unterhielt.
„Du bist also das körperlich stärkste Mitglied in der Gilde?“
„Bisher habe ich jeden im Einzelkampf geschlagen“, warf sich Iro stolz durch die Brust. Chuck, der zuhörte, pflichtete ihm bei: „So wie du Voru umhergeschleudert hast wie einen nassen Sack, glaube ich dir das sofort! Ich denke nicht, dass es überhaupt ein Pokémon gibt, das in Sachen Kraft dir überlegen ist!“
„Tatsächlich“, meldete sich Jimmy zu Wort, doch Iro warf ihm einen drohenden Blick zu. Jimmy räusperte sich: „Ich meinte, dass er gewiss zu den Stärksten gehört. Was war nochmal dein Traum, Iro? Das stärkste Pokémon der Welt zu sein, nicht wahr?“
„Genau“, sagte Iro leise und seine Faust ballte sich entschlossen. „Und ziemlich bald werde ich es auch sein. Ich habe das Gefühl, dass wir auf unserer Reise das momentane stärkste Pokémon der Welt begegnen werden. Dann werde ich seinen Platz einnehmen! Und ihr haltet euch da raus!“, fügte er hinzu und deutete warnend auf Max und Jimmy, die beide grinsten.
„Was werdet ihr eigentlich machen“, wandte sich Iro an Bella zu, „wenn der Dschungel irgendwann wieder in seine Heimatdimension zurückversetzt wird?“
„Was das betrifft“, sagte Bella strahlend und warf einen Blick auf die Blüte, in der sich ihre Schwester Myra zum Schlafen gelegt hatte, „habe ich gedacht, dass ich mit meiner Schwester auf Reisen gehe, einfach um eure Welt kennenzulernen. Und vielleicht“, sagte sie mit leicht erröteten Wangen und verstummte.
„Da wäre ich sofort dabei!“, sagte Chuck. „Ich würde so gerne die anderen Wälder sehen, die es auf der Welt gibt!“
„Was mich wundert“, sagte Max und wandte sich an Viridium und wieder stellte er fest, dass sie ihn durchgehend anblickte. Doch ihr Blick hellte sich auf, als er sie ansprach.
„Wieso eigentlich bestehen überhaupt Portale, die den Dschungel mit der Außenwelt verbinden? Wieso seid ihr nie derartig isoliert gewesen?“
„Nun“, sagte Viridium langsam, „eigentlich ist eine Sache von großer Wichtigkeit für den Dschungel. Denn … in dieser liegt der Grund, weswegen von Seiten dieser … dieser Pokémon … von einem Schatz die Rede war.“
„Schatz?“, sagte Iro, der sich zu Bella wandte. „Sagtest du nicht, es gäbe hier keinen Schatz?“
„Ist das so schlimm?“, sagte Viridium im scharfen Ton. Iro schien zu wissen, was sie meinte, und fuhr erschrocken zusammen: „Nicht, dass wir darauf aus wären. Als Erkundungsteam sind wir natürlich interessiert zu wissen, ob und was …“
„Schon gut! Ich verstehe, dass es gewiss interessant klingt. Doch es ist nicht ein Schatz, den ihr aus eurer Welt kennt. Kein Gold, keine Juwelen, dergleichen. Tatsächlich ist es das Leben, das hier als Schatz angesehen wird. Das Leben, das der Baum des Anfangs gibt.“
Neugierig und verwirrt blickten die Erkunder Viridium an, die seufzte und entnervt fortfuhr: „Es ist mir ein Rätsel, wie dies je von diesen Missetätern so interpretiert werden konnte, als gäbe es einen solchen materiellen Schatz. Dabei ist es nur eine bestimmte Saat, die der Baum einmal im halben Jahr abgibt. Eine Vielzahl von Lebenssamen, die sowohl den Bäumen im Geheimnisdschungel als auch den restlichen Bäumen auf der Welt zu Gute kommen kann. Doch irgendwie müssen diese von hier nach außen geführt werden, und da komme ich ins Spiel.“
„Heißt das“, sagte Iro, der sich ein Drucksen nicht verkneifen konnte, „du bist so eine Art Gärtnerin für unsere Außenwelt?“
Auch Jimmy hatte Schwierigkeiten, bei dieser Wortwahl nicht zu lachen. Viridium sah beide ziemlich genervt an, dann nickte sie gequält: „Ja … so kann man es auch umschreiben.“
Jimmy und Iro lachten herzhaft auf.
„Für jemanden, der so erhaben ist, machst du einen ziemlich alltäglichen Job“, japste Iro. Viridium verdrehte die Augen. Max lachte nicht, obwohl er über Jimmys und Iros Art des Gelächters amüsiert war. Doch etwas anderes kam ihm in den Sinn.

„Sind das die einzigen Gelegenheiten, in denen du dich in unsere Außenwelt begibst?“, fragte er Viridium. In ihr Gesicht spielte sich ein selbstbewusstes Lächeln. „Nein, an sich kann ich kommen und gehen, wann ich will. Und genauso kann ich Pokémon mit hineinführen und auch sogar hinausführen. Es ist ganz praktisch, wenn man lästige Verehrer loswerden will, die einem nachstellen, weil man ja so beliebt in diesem Dschungel ist.“
„Verehrer?“, sagte Iro im spöttischen Ton, den Viridium aber gekonnt ignorierte. Max kam ein Einfall.
„Du meinst Herakles?“
„Genau!“, sagte Viridium und lächelte. „Ich hoffte, ihn loszuwerden, weil er mich per tu nicht in Ruhe ließ. Vorher hat er es vergeblich bei Lilli, Bella und einigen anderen versucht, die sich bei Kronjuwild über ihn beschwert haben. Als er dann für mich seine Leidenschaft hegte, sah ich darin die Gelegenheit, ihn von unser aller Hals zu schaffen. Wir werden ihn nicht vermissen, oder?“, fragte sie Bella und Lilli, die beide einverständlich nickten.
„Er hat sich dann doch als ziemlich hartnäckig herausgestellt“, fuhr Viridium bitter fort. „Ich musste mich sogar an euch Erkunder wenden, damit ihr ihn für mich loswerdet.“
„Haben wir gern gemacht“, sagte Iro trocken. Viridium schenkte ihm ein gehässiges Lächeln.
„Machst du dir denn keine Sorgen, dass er etwas ausplaudert? Oder dass er sich auf die Suche nach dir macht?“, sagte Max in ernstem Ton. „Denn für gewöhnlich werden Verbrecher erst mit einer Zeugenaussage verurteilt. Und wenn deine fehlt…“
„Aber Max!“, erinnerte ihn Jimmy unwirsch. „Er hat nicht nur uns, sondern vielen anderen Erkundern ganz übel mitgemischt. Dafür wird er definitiv verurteilt werden, und das für eine lange Zeit.“

„Ich will es hoffen“, sagte Viridium feixend. „Und nein, Sorgen mache ich mir keine, Max. Selbst wenn jetzt einige vom Geheimnisdschungel hören. Sie werden Schwierigkeiten haben, den Weg dahin zu finden. Ihr könnt es ja am besten nachvollziehen.“
„Wirst du mit uns kommen müssen, wenn wir den Geheimnisdschungel morgen verlassen?“, fragte Jimmy sie.
„Du kannst es kaum erwarten, mich loszuwerden, was?“, sagte Viridium und ein freches Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Aber nein, ich werde nicht von Nöten sein. Anders als der Weg in den Dschungel hinein ist der Ausweg wesentlich einfacher: Ihr lauft einfach durch und schon befindet ihr euch wieder im Trübwald.“
„Müsst ihr wirklich schon morgen abreisen?“, fragte Bella besorgt.
„Leider ja“, antwortete Max. „Wir haben noch vieles vor uns und wir haben nur wenig Zeit.“
„Das hat mit dem Grund zu tun, weswegen ihr hier seid, oder?“, sagte Chuck voller Ehrfurcht. Die Erkunder nickten.
„Wenn ihr fertig seid“, fuhr der Affe aufgeregt fort, „könnt ihr dann uns vielleicht davon erzählen, wenn ihr das nächste Mal hierher kommt? Ihr kommt doch irgendwann wieder, oder?“, endete er betrübt.
„Was wir hier finden, finden wir in unserer Welt zuhauf“, antwortete Iro trocken und zählte es an den Fingern ab. „Giftige Pflanzen, Nester von Wilden Pokémon, die uns angreifen, wenn wir sie nur anhauchen, üble Gesellen, die uns erledigen wollen.“
Er ließ eine Pause und bemerkte die betretenen Gesichter von Chuck, Bella und Lilli. Dann lächelte er breit: „Doch selten gibt es in unserer Welt solch bequeme Schlafplätze wie eure Blüten oder solch köstliche Beeren oder…“, und er zwinkerte Max zu, der nickte und fortfuhr: „Solche Gastfreundschaft, wie ihr sie uns gabt. Und dafür danken wir euch!“
Alle drei verneigten sich und auf den Gesichtern der Dschungelbewohner breitete sich ein Lächeln aus.
„Ihr werdet also wiederkommen?“, sagte Bella mit strahlenden Augen.
„Natürlich!“, antworten die drei Erkunder im Chor. In dem Moment gähnte Jimmy herzhaft aus.
„Ich denke, es wird langsam Zeit, dass wir uns schlafen legen!“, sagte Lilli und klatschte in ihre Blätter. „Es war für uns alle ein aufregender Tag! Ich habe dahinten einen Schlafplatz für euch organisiert. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen, dass ihr heute unter freiem Himmel schlaft?“

„Könnte ich dich kurz sprechen?"
Viridium richtete diese Worte an Max, als er sich mit Jimmy und Iro erhoben hatte. Verdutzt sah er sie an. Sie hatte wieder diesen eindringlichen Blick aufgesetzt, mit dem sie ihn ansah. Auch Jimmy und Iro blickten interessiert zu Viridium, die aber den Kopf schüttelte: „Ich würde gerne mit eurem Anführer unter vier Augen sprechen!“
Irgendetwas in ihrer Stimme ließ nichts Gutes ahnen, doch Max fragte sich, was diese vorher heitere Atmosphäre betrüben könnte. Jetzt war er neugierig und er nickte Viridium zu. Während Jimmy und Iro Lilli folgten, die ihnen den Schlafplatz zeigte, entfernten sich er und Viridium von ihnen und traten durch den Lianenvorhang.
Während sich im Dorf im letzten Licht der Abenddämmerung noch eine Helligkeit wie die eines Lagerfeuers befand, empfing die beiden hinter dem Vorhang eine größere Dunkelheit, die hier und da von Glühwürmchen und auch von ein paar Pilzen durchstoßen wurden, die verstohlen unter größeren Blätter glühten. Viridium war fast durchgehend in Schatten gehüllt, nur ihre Augen blitzten zu ihm hinüber. Unfreiwillig fühlte sich Max an jene Szene auf der Lichtung erinnert, auf der er von Jimmy und Iro getrennt wurde. Und erneut stieg in ihm das Gefühl auf, dass etwas Ungutes auf ihn zukäme. Fast schon machte er seine Laubklingen bereit, als Viridium sprach: „Du, Jimmy und Ironhard … ihr seid wirklich eng miteinander befreundet, nicht wahr?“
Max spürte, wie sich seine Anspannung löste. Erleichtert atmete er auf, dann bemerkte er das Funkeln von Viridiums Augen und er nickte.
„Es hat mich sehr tief beeindruckt, als ich gehört habe, dass Ironhard nichts unversucht ließ, um das Heilmittel für Jimmy zu ermöglichen. Er hat unnachgiebig für ihn gekämpft und bestimmt hätte er es auch für dich getan, wenn Jimmys Heilung nicht so dringend gewesen wäre, nicht wahr?“
„Davon ist auszugehen“, sagte Max langsam und spürte jähen Stolz für seinen Teamkollegen in sich aufflammen. „Doch worauf willst du hinaus?“
Viridium blickte ihn unverwandt an, dann sagte sie: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es dir erzählen sollte oder nicht. Doch gerade, weil ihr mich so von eurer Freundschaft überzeugt habt, denke ich, dass du die Wahrheit verdienst, die dir deine Freunde vorenthalten.“
„Was meinst du damit?“, fragte Max. Er spürte, wie sein Herz aufgeregt schneller schlug und er war sowohl erpicht als auch zögerlich damit zu erfahren, was Jimmy und Iro ihm verschwiegen haben.
„Es war keine Ranke, die die Wunde auf Ironhards Brust verursacht hat. Und sowohl er als auch Jimmy und Chuck haben dich direkt aus so einem Rankengeflecht gerettet. Du hast Ironhard dies angetan. Ehe ihr zu Mew aufsteigen konntet, haben Jimmy und Ironhard gegen dich gekämpft.“
„Nicht möglich!“, entfuhr es Max blitzartig. „Warum sollte ich gegen meine besten Freunde kämpfen? Wieso sollte ich Ironhard derartig verletzt haben?“
„Du warst nicht du selbst, du wurdest mittels eines Parasiten vom Waldschrat kontrolliert. Er hat durch dich gesprochen und er hat deinen Körper benutzt, um Jimmy und Ironhard Schaden zuzufügen. Du kannst dich nur nicht daran erinnern, weil dein eigenes Bewusstsein in der Zeit ausgesetzt hat.“
„Du meinst also …“, sagte Max und obwohl er immer noch dachte, dass Viridium log, kam er nicht umhin ihr zu glauben. Ihre Stimme war zu überzeugend und er erinnerte sich an den scharfen Blick, den sie Iro zugeworfen hatte, als er seine Version von Max‘ Rettung erzählt hatte. Er erkannte nun, dass sie dort schon diese Lüge missbilligt und nur aus Respekt gegenüber dem Team geschwiegen hatte.
„Ich will nicht, dass zwischen euch diese Lüge besteht“, sagte Viridium eindringlich und machte sich schon halb daran, wieder in das Dorf zurückzukehren.
Als sie an Max vorbeiging, hielt sie noch einmal: „Ich verstehe, dass Jimmy und Iro dir kein schlechtes Gewissen bereiten wollten. Doch hätten sie trotzdem nicht lügen sollen, denn schließlich warst du nicht Herr deiner Selbst. Der Macht des Waldschrats kann keiner widerstehen, vor allem wenn er mittels Parasiten Pflanzen-Pokémon auf seine Seite zieht. Mach dir also keine Vorwürfe, ja?“
Mit diesen Worten trat sie durch den Vorhang und ließ Max allein zurück. Wortlos blickte er in die Finsternis vor sich, die sich auszubreiten und zurückzuziehen schien. Ihre Worte hallten in seinem Kopf wieder. Also war er derjenige, der Iro angegriffen hatte. Er wurde vom Waldschrat kontrolliert und hat dabei seine besten Freunde angegriffen.

Wieso musste sie ihm das sagen? Sie hatten einen solchen entspannten Abend und nun musste sie so eine Bombe platzen lassen? Wieso hatte sie nicht direkt diese Lüge aufgeklärt? Und er konnte Jimmy und Iro keinen Vorwurf machen. Auch Max würde sich schrecklich fühlen, wenn er einem von beiden erzählen würde, dass sie versehentlich einen ihrer Teamkollegen verletzt haben.
Versehentlich, zischte Max laut, während er sich selber sah, wie er mit weißem Augenpaar und mit erhobenen Klingen auf seine Freunde eindrosch. Dann hallte Iros Stimme aus der Ferne, wie aus einem Traum, in seinem Kopf wider: „Was soll das Max? Willst du mich umbringen?“
Mit einem Mal widerte Max sich selbst an. Wäre er nur widerstandsfähiger gewesen und hätte er nur aufmerksamer auf die Gefahren reagiert, die ihnen seit dem Eintritt in den Dschungel widerfahren sind. Er ballte die Fäuste so fest wie er nur konnte. Und mit einem wütenden Ausatmer stieß er einige glühende Saatkugeln aus, die in der Finsternis sofort erloschen.
„Der Waldschrat war zu mächtig, wie Viridium schon sagte. Du konntest dich ihm nicht widersetzen.“
„Ich hätte es aber müssen! Ich habe schließlich gegen Iro und Jimmy gekämpft! Ich hätte dagegen ankämpfen sollen!“
„Du warst halt nicht stark genug, es bringt nichts sich da Vorwürfe zu machen.“
„Dann muss ich halt stärker werden!
In dem Augenblick verstand er Iros Bestreben umso besser und er erkannte, welch antreibende dieses in sich hatte. Sein Mund verzog sich zu einem grimmigen Lächeln.

Noch einmal wird mir das nicht passieren! Ich werde meine Freunde nicht verlieren, nur, weil ich nicht stark genug bin!

Er bemerkte kaum, wie er selber nun durch den Vorhang trat. Er wünschte den anderen Pokémon, die ihm zuriefen, keine gute Nacht und hoffte, sie würden es nur als Zeichen seiner Müdigkeit wahrnehmen. Er spürte, wie Viridiums Blick auf ihm lag, doch erwiderte er ihn nicht. Still näherte er sich Jimmy und Iro, die schon fest eingeschlafen auf einen großen Flecken weicher Erde lagen und selig schnarchten. Dankbar spürte er, wie Wärme und Zuneigung in ihm aufstiegen, als er seine Freunde betrachtete. Sie haben mit guter Absicht ihm dieses Schuldgefühl ersparen wollen. Und wie Viridium es schon sagte, er konnte ihnen kein Vorwurf machen.
Doch mit einer Sache hat sie Recht, dachte sich Max, während er es sich selber auf dem Flecken Erde gemütlich machte. Sie hätten mich nicht anlügen sollen.
Hätte er nie davon erfahren, wäre nie so flammend dieser Entschluss in ihm erwacht, stärker zu werden. Und er hoffte inständig, dass Jimmy und Iro stets ehrlich zu ihm waren, wenn es um seine Stärke als Anführer des Team Mystery ging.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast