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Mystery Dungeon: Die Legende des Dämons

von Silvers
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
27.11.2020
21.11.2021
49
223.933
2
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27.11.2020 1.921
 
Der Königsberg verdiente seinen Titel. Für jene, die den Weg zu diesem nicht kannten, blieb sein Aufgang in einem dichten Nebel inmitten eines waldläufigen Tals verborgen. Umgeben von einer ringförmigen Gebirgskette ragte der Königsberg in die höchsten Punkte des Himmels hinein. Kein anderer Berg auf der Welt übertraf ihn und so wurde er als die letzte Herausforderung für jeden erfahrenen Bergsteiger angesehen – erst wenn sie diesen höchsten Berg bestiegen haben, galten sie als Legenden in ihrem Gebiet. Doch noch keiner vermochte die Spitze auch nur zu erspähen.  Nicht einmal jene, die fliegen konnten, erreichten je diese Höhen, da sie von den rauen Einheimischen wieder vertrieben wurden. Es war eine gänzlich andere Welt als anderorts. Hier stählten die einheimischen Pokémon sich selbst, indem sie große Felsbrocken einen Hang rauf schoben und diesen wieder losließen, nur um ihn wieder hochzuhieven. Oder sie übten sich in der Meditation und harrten Stunden in eisiger Höhe aus. Wer den Königsberg erklimmen wollte, musste sich in den Augen der Einheimischen in Sachen Willen und Stärke beweisen, andernfalls wurden sie schnell wieder heimgeschickt.
Doch die Spitze blieb trotz allem nicht unbewohnt. Ein einzelnes Pokémon lebte dort seit vielen Jahrzehnten und eben jenes stand nun am Eingang seiner Höhle, die in den Berg hineinführte. Und wie ein stiller Wächter blickte auf das im Nebel verborgende Tal hinab. Als sich der Vollmond hinter einer Wolke auftat und dessen Licht auf die Szenerie vor ihm fiel, glitzerte ihm ein silbriges Meer entgegen, aus dem schattenhafte Silhouetten von tiefer gelegenen Bergspitzen herausschauten. Der Blick des Pokémons fiel auf den Mond und seine Haltung war angespannt, als würde es etwas erwarten. Der Wind flatterte um seine weiß-rot-gestreifte Halskrause und er versuchte dessen eisige Kühle zu ignorieren. Dennoch schlotterte er und musste zittern, während sein Blick immer noch dem Mond galt.

„Ich hoffe, du lässt dich heute noch blicken“, murmelte Lashon etwas ungeduldig. Als Pokémon der Art Laschoking war er nicht gerade an die eisige Luft gewöhnt, die seine rosafarbene Lederhaut umspielte. Zwar fand er seine Seelenruhe an diesem Ort, den er sich vor Jahren zu seiner neuen Heimat gemacht hatte, dennoch war er nicht erpicht darauf mitten in der Nacht aus seinem Traum geweckt zu werden und von einem alten Freund aus seiner Jugend aus dem Bett geholt zu werden. Mittels Telepathie hatte er Lashon die Dringlichkeit eines Treffens nahegebracht, sodass dieser nun gespannt seine Ankunft erwartete. Der Grund, dass er diese Art von Traumbesuch nicht erneut als einen weiteren Scherz seines Freundes erachtete, lag in der Ernsthaftigkeit dessen Stimme. Es war das zweite Mal schon, dass er sofort das Gefühl hatte, dass etwas Ernstes am Geschehen. Und schon beim ersten Mal handelte es sich auch tatsächlich um eine Angelegenheit, die das Wohlergehen der gesamten Welt betraf. Umso mehr wartete Lashon halb erfroren und angespannt auf seinen angekündigten Besuch.
Und endlich hörte er es in der Entfernung. Ein leises aber melodisches Klingeln, das die Ankunft seines Freundes ankündigte. Und da sah er schon dessen Silhouette vor dem Mond auftauen. Zunächst wirkte sie wie ein kleiner schwarzer Punkt, der immer größer wurde. Immer schärfer wurden ein Körper, der nur einen halben Meter maß, recht kleine Arme und lange Füße und ein ebenso zierlich wirkender runder Kopf sichtbar. Der Schwanz, der genauso lang wie der Körper war, schien die kleine Gestalt in der Luft zu halten, die breit lächelnd vor Lashon in der Luft Halt machte. Dieser erwiderte dieses Lächeln und er merkte wie seine Anspannung sich löste: „Willkommen, Mew!“
„Danke, dass du auf mich gewartet hast, Lashon“, sagte Mew mit einer ruhigen Stimme. Er befand sich nun auf Augenhöhe mit dem Lashoking.
„Ich bedaure, dass ich dich zu solch später Stunde noch aus dem Schlaf gerissen haben.“ Lashon glaubte ihm, da er die Schuld von Mews Gesicht ablas. Doch konnte er es sich nicht verkneifen zu erwähnen, dass er fast erfahren hätte ob er in der Lotterie gewonnen hat oder nicht.
„So wie ich dich kenne,“ druckste Mew vergnüglich, „hast du nicht mit dem einen Los verloren, sondern mit allem.“
„Da magst du vielleicht Recht haben“, erwiderte Lashon ebenso vergnügt und deutete mit einem Kopfnicken und einer halben Drehung in seine Höhle. „Soll ich uns ein Feuer machen und etwas Tee ansetzen?“
„So gerne ich auch dem zusagen würde“, antwortete Mew mit verzogener Miene, „doch ich habe leider nicht viel Zeit … im Grunde haben wir alle sie nicht.“ Lashon blickte unruhig in Mews blaue Augen, in den genau wie beim ersten Mal sowohl eine Ernsthaftigkeit als auch eine Spur von Angst lagen, worüber Lashon nun erst recht bestürzt war.
„Was ist es?“

Und Mew begann zu erzählen. Während er erzählte fühlte Lashon mit Unbehagen, wie der eisige Wind immer kälter wurde und er nun immer stärker zittern musste. Doch er war sich dessen sicher, dass es nicht nur der Wind war. Er sah an Mews Blick, dass er von dem, was er erzählte, auch vollständig überzeugt war. Als er geendet hatte, wollte Lashon es aber nicht wirklich realisieren.
„Ich bin mir dessen sicher“, sagte Mew, als Lashon seine Zweifel offen zugab. „Ich fühle dessen Präsenz immer stärker … ich kann es mir nicht erklären, wie, aber es eine Frage der Zeit, bis es tatsächlich passiert.“
„Aber habt ihr nicht damals dafür gesorgt, dass er für immer fort ist?“, warf Lashon ein, der angesichts der von Mew geschilderten Bedrohung unruhig von einem Bein zum nächsten sprang.
„Davon waren wir alle überzeugt, dass wir ihn auf immer verbannt haben … und was noch schlimmer ist, dass ich keinen der anderen davon in Kenntnis setzen kann“.
„Sag mir nicht, dass ihr noch immer zerstritten seid…“, rieb sich Lashon fassungslos seine Muschelkrone und Mew nickte bedauernd. „Jeder macht sein eigenes Ding, die Einheit der Wächter ist nicht mehr“.
„Oh je…“, murmelte Lashon nachdenklich und sah Mew abwartend in die Augen. „Und was hast du nun vor zu tun?“
„Wenn ich das wüsste!“, rief Mew fast hysterisch. Sein Gegenüber war durchaus bestürzt, seinen sonst immer gut gelaunten Freund derartig ohne Rat und Hilfe zu sehen. Er dachte an das, was Mew ihm erzählt hatte. Eine unangenehme Frage formulierte sich auf der Zunge, die er auch Mew stellte. Dieser wirkte nachwievor niedergeschlagen. Ehe er antwortete, blickte er betrübt nach unten: „Ich schätze, in einem Jahr.“
„Ein Jahr?“, rief nun Lashon offenkundig bestürzt und seine Krone rutschte etwas von seinem Kopf und gab dabei einen peinlichen Flecken an glänzender Glatze frei. Schnell versuchte er sich mittels Richten der Krone zu fassen, doch die Kurzfristigkeit hing wie ein Damoklesschwert über ihn, weswegen er fahrig und sichtlich panischer werdend zweimal auf und abging. Mew beobachtete ihn dabei und als er und Lashon sich wieder in die Augen blickten, bemerkte er, dass Mew erneut schuldbewusst dreinblickte.
„Ich müsste dich daher um einen Gefallen bitten, Lashon…“, sagte er mit einer Furcht, die seinen Freund beunruhigte. Doch trotzdem wollte er trotz aller Bedrohung Mew zur Seite und versicherte ihm, dass er zu allem bereit wäre.
„Vortrefflich, Lashon!“, rief Mew mit sichtlich gespielter Begeisterung. „Denn du müsstest an meiner statt die anderen davon in Kenntnis setzen, da ich ja nicht mehr in der … Lage bin …“. Mew erkannte direkt, dass seine Bitte Lashon für einen Moment erstarren ließ. Er ahnte sehr gut, was er von seinem Freund verlangte, und versuchte schnell die Lage zu retten, doch Lashon unterbrach ihn: „Ich? Allen?“
„Ich weiß“, versuchte Mew ihn zu beschwichtigen, „dass ich viel von der abverlange, aber ich habe so ungefähr einen Plan wie wir es anstellen könnten.“
„Hast du vielleicht daran gedacht, dass ich viel zu alt bin, um zu so einer Reise aufzubrechen?“
„Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber …“
„´Viel verlangt´ ist dabei noch untertrieben formuliert; du verlangst Unmögliches für den Zeitraum, der uns bleibt.“
„Das weiß ich doch auch, und nichts wäre mir lieber, dich dabei rauszulassen. Doch du bist der Einzige, dem ich das zurzeit erzählen kann. Und du kennst die anderen auch. Ich hoffte auch mehr, dass du zwischen uns Waffenruhe stiften könntest.“
„Wenn es wenigstens nur das wäre“, sagte Lashon relativ geplättet und er fühlte sich schlecht dabei, Mew derartig verzweifelt zu sehen. „Doch du vergisst, dass es an sich schon sehr schwierig ist, auch nur zu einem zu gelangen. Selbst wenn du mich von A nach B hin und her teleportieren würdest.“ Er sah es Mew an, dass er das aussprach, was Mew schon die ganze Zeit zu befürchtet haben schien. Beide erkannten, dass ein Jahr offenbar zu wenig an Zeit sei, um rechtzeitig alles zu erledigen, was erforderlich war. Lashon ging auf und ab und seine Gedanken kreisten sich sowohl um Mew als auch um dessen Erzählungen. Dann fiel ihm eine andere Idee ein. Er bat Mew zu warten und ging für ein paar Momente in seine Höhle, bis er dann wieder zwei Keksen in der Hand wieder zurückkehrte. „Hier“, sagte er zu Mew und warf ihm einen in seine kleinen Arme. „Vielleicht hilft uns das beim Nachdenken“
„Tausend Dank, Lashon!“, mampfte Mew; Honigkekse waren seine liebste Süßspeise.
„Ich wusste, dass dich das etwas aufheitern würde, Mew.“, lächelte Lashon aufmunternd. Er fand, dass eine positivere Einstellung eher förderlich war als reine Panik. Das merkte auch Mew, der wieder begann, sanft in der Luft hin und her zu schweben. Seinem Gesicht war es anzusehen, dass der Honigkeks ihn wieder zu seinem alten Selbst beförderte.
„Na also“, sagte Lashon etwas munterer. „Essen hilft jedem. Sowohl alt als auch … jung …“. Gerade fiel ihm ein Detail an, das ihm beim Holen der Kekse ins Auge gefallen war. Und dieses Mal war er es, der Mew einen Vorschlag bereitete. Er wusste schon sehr gut um Mews Reaktion Bescheid und tatsächlich weiteten sich vor Überraschung dessen Augen: „Jemand anderes damit beauftragen? Glaubst du ich überlasse das Schicksal dieser Welt gewöhnlichen Pokémon?“
„Ich weiß, was du damit sagen willst, und ich denke auch, dass keineswegs gewöhnliche Pokémon diese Aufgabe erfüllen könnten. Aber hör mich an, Mew“. Dieser wollte offenbar nichts mehr davon hören, daher wurde Lashon etwas energischer: „Bitte!“

Mews Aufmerksamkeit galt nun dem Laschoking und dieser erzählte, dass er dabei an ganz bestimmte Pokémon dachte und dass er relativ davon überzeugt war, dass sie am ehesten dazu geeignet waren, sich dieser Sache anzunehmen. Mews Gesicht blieb während seiner Erzählung ohne Ausdruck und als Lashon geendet hatte, blickte er gedankenverloren in den Vollmond, der allmählich von einer größeren Wolke verschluckt wurde und das Licht bereits weniger wurde.
„Du bist dir sicher, dass es ihnen gelingen könnte?“, blickte er zwar mit Zweifel, aber auch hoffnungsvoll.
„Zumindest mehr als mir in meinem Alter gerade“, nickte Laschoking zuversichtlich. Mews Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln: „Dann hast du mein Vertrauen, Lashon, auch wenn mir nicht ganz wohl dabei ist …“
„Ich weiß, Mew“, entgegnete Lashon. Dann nickt auch Mew endlich: „Schicke sie dann zuerst zu mir, dann kann ich sie in alles Weitere einweihen.“

Lashon verstand. Mew bedankte sich bei ihm einer Verbeugung in der Luft, ehe er sich umdrehte und in Richtung des beinahe in Wolken verschwundenen Mondes schwebte. Sehr kurz darauf hörte Lashon erneut das sanfte Klingeln und als das Mondlicht verschwand und er im Dunkeln stand, kehrte er auch in seine Höhle zurück, die von einer kleinen Lichtkugel erhellt wurde. Diese löschte er nun mit seinen Psychokräften, doch zuvor fiel sein Blick auf das Detail, das ihn auf die Idee brachte, von der er Mew überzeugt hatte. Es war eine Zeitung, die er sich jeden Tag auf seine Erlaubnis hin in seine Höhle fliegen ließ. Und das Titelblatt beschrieb die Taten eines einzelnen Erkundungsteams, das in den letzten Jahren den Status einer Legende erreicht hatte.
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