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Blaue Stunde

von Hakuyu
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / MaleSlash
Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
27.11.2020
27.11.2020
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27.11.2020 9.408
 
Noés Aufrichtigkeit machte auch vor seiner eigenen Person keinen Halt.
Er war sich seiner Fehler bewusst.
Dementsprechend war er sich bewusst, dass sein Hang, sich leicht ablenken zu lassen und in der Menge verloren zu gehen zu diesen Fehlern gehörte.
Er wusste, dass er die Personen in seiner Umgebung mit dieser unangenehmen Eigenschaft bestenfalls nervte und schlimmstenfalls in Gefahr brachte.
Sobald er Vanitas wiederfand würde der ihm mit Sicherheit eine Standpauke halten. Noé hatte schon seinen genervten Blick vor Augen.
Doch…doch Paris war einfach zu interessant!
Insbesondere heute! Bunte Flaggen hingen von den weißen, verschnörkelten Hausfassaden hinab und flatterten im Wind. Über die Straßen spannte sich ein Netz von dreieckigen Wimpeln. Der Geruch von gebratenem Fleisch, gebrannten Mandeln und Zuckerwatte lag in der Luft und wehte zu Noé hinüber. Unzählige Menschen zogen an ihm vorbei. Die Männer in Anzügen gehüllt, die Frauen in ausladenden Rüschenkleidern.
Die mit Spitze überzogenen Sonnenschirme wiegten mit jedem Schritt der Damen wie Blumen im Wind. Kinder huschend jauchzen durch die Menge. Wie konnte er all dies ignorieren?
Wie könnte er an den kleinen Automaten am Straßenrand vorbeigehen, welche Konfetti wie bunte, funkelnde Pollen in die Luft sprühten? Die glänzenden Papierschnipsel segelten hinab wie rote, blaue, grüne, goldene Schneeflocken auf den alabasterweißen Pflasterstein.
Wie konnte er die Jongleure ignorieren, welche ein halbes Dutzend Bälle spielerisch wie künstlerisch durch die Luft warfen und ebenso präzise auffingen, so als gäbe es für sie keine Zeit und keine Schwerkraft?
Blechernes Tröten und schmetterndes Trommeln dröhnte von den Straßenmusikern aus, welche mit geschminkten Gesichtern, Narrenkappe und Pluderhose neben der sich vorwärts wälzenden Menschenmenge standen. Riesige Trommeln vor den Bauch gebunden oder eine Art Trompete in den Händen. Vor ihnen lag bittend ein geöffneter Koffer.
Nachdem er eine Weile mit glänzenden Augen zugehört hatte, warf Noé ein Geldstück hinein.
Das Konfetti vermischte sich mit den echten Blütenblättern der Blumen, welche an den unzähligen Ständen verkauft wurden. Blutrote Rosen. Senfgelbe Hyazinthen. Schlohweiße Lilien.
Sie alle verströmten einen süßlichen Geruch. Schritte und Stimmen vermengten sich zu einem bunten Farbenspiel. In der Ferne erhob sich ein sich Riesenrad über die Menge wie eine gigantische Uhr, in der sich nicht der Zeiger, sondern das ganze Konstrukt dreht. Über all dem thronte die Sonnensäule, angestrahlt von blauem Licht. Paris war immer lebendig, doch heute schien die Lebendigkeit überzusprühen wie der Champagner, welcher an einem der Stände ausgeschenkt wurde. Besonders nun, nach Sonnenuntergang war die Stadt noch lebendiger als ohnehin. Bereits früh am Morgen war Noé von dem geschäftigen Treiben auf den Straßen geweckt wurden. Noé hatte Vanitas gefragt, was heute für ein besonderer Tag war.
Vanitas beugte sich mit dem Oberkörper viel zu weit aus dem offenen Fenster. „Ein nationaler Feiertag, der wird jedes Jahr so gefeiert.“
Noé gesellte sich zu Vanitas ans Fenster und beobachtete das Treiben mit funkelnden Augen. „Lass uns hingehen!“
Vanitas schenkte ihm nur einen genervten Blick. „Mit dir? Du haust doch gleich wieder ab in der Menschenmenge.“
„Ich hau nie ab!“, erwiderte er brüskiert. Als ob er sich je einfach so aus dem Staub machen würde. „Stimmt, du lässt dich von irgendwelchem Scheiß ablenken und verschwindest auf nimmer wiedersehen!“
„Das stimmt zwar vielleicht, aber ich mach das nicht absichtlich!“
„Äh, du merkst aber, dass es das nur noch schlimmer macht?“
„Ich kann und werde mich zusammenreißen! Versprochen.“ Mit ernster Miene blickte er Vanitas an. Zur Betonung richtete er den Kragen seines…Nachthemds.
Dagegen war Vanitas schon umgezogen beziehungsweise er trug noch immer seine übliche Kleidung. Noé hatte ihn nie schlafen gesehen. Abends verschwand er und kehrte erst zurück, wenn Noé schlief und stand morgen so früh auf, dass er ihn nicht schlafen sah. Vielleicht hatte Amelie recht und Vanitas war es wirklich unangenehm, wenn ihn jemand schlafen sah.
Doch warum? Möglicherweise hatte er Angst vor der Schwäche und Verletzlichkeit, die er dann zwangsweise ausstrahlte. Oder will er nicht mit einem Vampir in einem Raum schlafen?
„Außerdem“, fügte Noé ruhig hinzu, „ist es in so einer großen Menge wahrscheinlich, einem Fluchträger zu begegnen. Wenn ein fluchtragender Vampir in so einer Umgebung die Kontrolle verliert, werden viele Menschen sterben.“
Vanitas verengte die Augen, ein langes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sein Lächeln war manchmal viel zu verzerrt, zu…diabolisch und auch seine Augen schienen zu düster, zu weit aufgerissen um zu seinen guten Absichten zu passen. „Das stimmt. Wenn sich auf dem Jahrmarkt tatsächlich fluchtragende Vampire herumtreiben, ist es als Arzt meine Pflicht, sie zu retten. Außerdem, ein Straßenfest! Das wird bestimmt lustig!“
Noé wusste, dass das Argument der fluchtragenden Vampire ziehen würde, um auf den Jahrmarkt gehen zu können – zumal die Gefahr nun einmal allgegenwärtig und tatsächlich reell war. Vermutlich hatte Vanitas schon längst den gleichen Gedanken gehabt – trotzdem fühlte es sich für Noé wie ein Triumpf an. Im Gegenzug hatte er sich vorgenommen, dies als eine Mission zu betrachten  und besonders fokussiert zu sein, auch wenn es bisher keine Anhaltspunkte für fluchtragende Vampire gab. Er hatte es sich vorgenommen.
Und wieder hatte er sich ablenken lassen.
Das war nicht wahr.
Noé zog sich die Krempe seines weißen Zylinders ins Gesicht, verengte die Augen und ließ seinen Blick durch die Menschenmenge schweifen. Hoffentlich würde kein fluchtragender Vampir auftauchen.
Allein deswegen, weil er nicht wusste, was Vanitas nach gefährlichem Bluffen, selbstmörderischen Konfrontationen und Geiselnahme diesmal für eine wahnwitzige Aktion abziehen würde. Vor allem, wenn er alleine war. Wenn er ihn nicht aufhalten konnte. Irgendwann würde er noch sterben.
Noé legte den Kopf in den Nacken und starrte in den schwarzblauen, wolkenlosen Himmel, der sich über den Jahrmarkt auftürmte.
Um Mitternacht würde es ein Feuerwerk geben! Die mit Astromit betriebenen Straßenlaternen strahlten ihr blaues Licht ab.
Überall an den Dächern und Fassaden der Verkaufsstände und an den Hausfassaden hingen Lichterketten – kleine, gläserne Kugeln, in denen eine kleine Scherbe Astromit für einen bläulichen Schein sorgte.
Es war, als wäre das bunte Konfetti, die farbenfrohen Blumen, die Straßen und Gassen, die Häuser, die Menschen und die gesamte Welt in tiefes Blau gehüllt.
Allein der Vollmond stand rot über ihnen.
Noé hielt an einem Stand inne. Der riesige Bottich hinter der Theke verströmte einen interessanten, würzigen Geruch.
Der Verkäufer rührte darin. Hinter ihm war ein Regal mit Gläsern aufgebaut. Jedoch hatte Noé weniger Interesse an dem Stand als an den Dekoration. Vorsichtig nahm er eine der hinabhängenden Glaskugeln in die behandschuhte Hand, drehte sie nachdenklich. Astromit.
Ein blaues Leuchten. Wie ein blauer Mond. Wie Vanitas Augen.

„Hey, junger Mann! Willst du auch etwas trinken oder dir nur die Glaskugeln anschauen?“, sprach ihn der Verkäufer an. Noé schüttelte den Kopf und verbeugte sich kurz.
„Verzeihung, ich habe kein Interesse. Ich habe noch etwas wichtiges zu erledi-“
Doch bevor er weitersprechen konnte, hielt der Mann ihm einen Glas hin.
„Das erste geht aufs Haus!“ Etwas irritiert nahm Noé das Glas mit der dampfenden, rötlichen Flüssigkeit entgegen.
Die Hitze ging durch seinen Handschuh direkt bis hin zu seiner Haut. Das Getränk sah aus wie verdünntes Blut, roch aber ein bisschen wie Saft und eigenartig streng. Es brannte etwas in seiner Nase.
Während er das Getränk unschlüssig anstarrte, sah er, wie der Wirt des Standes auch weiteren Passanten Gläser in die Hand drückte.
Einige kamen noch einmal wieder und ließen sich ihr Glas gegen Geld auffüllen.
Es war nichts ungewöhnliches, das Passanten im Vorbeigehen etwas geschenkt wurde.
Luftballons. Blumen.
Wie schön, dass alle so großmütig waren. Das Getränk roch wirklich interessant. So etwas hatte er noch nie gerochen. Etwas Vergleichbares hatte es weder bei dem alten Menschenehepaar, das ihn großgezogen hatte noch bei seinem Lehrmeister gegeben. Noé pustete einmal ins Glas, um es abzukühlen, nippte einmal daran, mehr um die Temperatur und den Geschmack zu prüfen…und trank es in einem Schluck leer.
Er musste sich schließlich beeilen und Vanitas finden, bevor es noch zu einem Unglück kam – er konnte sich nicht ewig damit aufhalten. Doch das Getränk brannte fürchterlich auf seiner Zunge und seiner Kehle.
Noé hustete. Er versuchte, elegant die Faust vor den Mund zu halten und schließlich schaffte er es, seine Würgeanfall in ein vornehmes Räuspern umzuwandeln. Der Mann hinter der Theke lachte.
„Bist du wohl nicht gewöhnt, Junge, was?“
Wie denn auch? Er wusste ja nicht einmal, was das war.
Aber irgendwie…fühlte er sich mit einem Mal eigenartig. Es war mehr so, dass es ihm schlecht ging, das Brennen war verklungen.
Seinen Fingern kribbelten seltsam und in seinem Kopf rieselte es warm.
Angenehm.        

Grelle Schreie gingen durch die Menge. Leiber stoben auseinander. Noé wirbelte herum.
Ein riesiger, rauchförmiger Vogel jagte durch die Gasse. Panisch stolperten die Menschen beiseite. Pressten sich an die Mauern. Rannten kopflos die Straße entlang, nur fort von dem Ungetüm.
Die blutroten Augen stachen aus der Dunkelheit hervor. Die wild schlagenden Flügel, die durch den Rauch wie Feuer waren, stießen gegen die weißen Hausfassaden. Rissen Girlanden, Fahnen, gar ganze Fensterbänke herab. Bruchstücke fielen auf die schreienden Menschen hinab.
Die Krallen des Vogels – nein, des Fluchträgers – rissen tiefe Furchen in den weißen Pflasterstein.
Und an einer dieser Krallen – Noé konnte es kaum glauben, obwohl er fast derartiges befürchtet hatte – hing mit wehendem Mantel…
„Noooooé~“, rief Vanitas mit heiterer Stimme.
Noé konnte gerade noch sein breites, fröhliches Grinsen und seine aufgerissenen, blauen Augen erfassen, ehe der Vogel an ihm vorbeiraste. Ohne nachzudenken hastete Noé hinterher.
Stieß dabei immer wieder mit Körpern zusammen, die in die entgegengesetzte Richtung flohen.
„Entschuldigung“, rief er immer wieder atemlos.
So Leid es ihm tat, dies war nun zweitrangig. So schnell er konnte, rannte Noé dem Fluchträger hinterher.
Er durfte ihn nicht entkommen lassen. Vanitas sollte ihm nicht alleine gegenüberstehen. Vanitas klammerte sich mit beiden Armen an dem Bein des Fluchträgers fest, hing mit den Beinen in der Luft. Die langen, kimonoartigen Ärmel seines Mantels wehten im Wind als wären sie selbst Flügel.
„Hab dich gefunden!“, rief Vanitas ihm fröhlich zu, „Na los beweg deinen Arsch, Noé!“ Dieser verzog das Gesicht. Auf solche Anfeuerungsrufe konnte er mehr als verzichten...
„Bist du vollkommen wahnsinnig?! Mit dem Fluchträger direkt durch die Menschenmenge?! Was ist, wenn jemand verletzt ist?“, schrie Noé atemlos zurück.
Vanitas' Ausdruck verfinsterte sich, er öffnete den Mund um etwas zu antworten, was aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sonderlich nett sein würde.
Aber ein spitzes Kreischen des Fluchträgers unterbrach ihn. Mit mächtigen Flügelschlägen bäumte sich das Wesen auf. Erhob sich in die Luft.
„Ich kann das leider nicht steuern, falls dir das noch nicht aufgefallen ist! Beeil dich mal, wenn du mit willst!“, rief Vanitas jetzt deutlich ungeduldiger und trat in die Luft.
„Ist ja gut, ich mach ja!“
Noés Lunge brannte. Nur noch ein bisschen. Nur noch ein kleines bisschen. Der Vogel stieg schwerfällig höher und höher. Die dünnen Seile, an denen die Girlanden und Wimpel gehängt waren, spannten unter seinem massigen Körper. Die Taue begannen zu reißen. Sie waren kein Hindernis. Noé riss den Kopf hoch. Er hörte Vanitas fluchen. „Du Lahmarsch!“
Zu spät. Er war zu spät.
Laufend konnte er den Vogel nicht mehr erreichen.
Noé verlagerte sein Gewicht in die Beine – und sprang. Eigentlich hatte er sich an die andere Kralle fassen wollen. Doch war das erste, was er zu fassen bekam und sich mit aller Gewalt dran festklammert, war Vanitas‘ Hüften. Die letzten Taue, welche den Fluchträger noch hielten, rissen und der Vogel schwang sich in die schwarze Nachtluft, über die Dächer von Paris.

„Spinnst du? Pack mich nicht an!“, schrie Vanitas ihn an und Noé konnte sich die kalten, angewiderten Schauer, die Vanitas über den Rücken gingen nur zu gut vorstellen.
Es war schließlich typisch für ihn. Während Vanitas keinerlei Probleme hatte, die Intimsphäre anderer Leute zu verletzen, war es ihm gleichzeitig zuwider, sollte ihm jemand zu nahe kommen…
„Stell dich nicht so an! Das ist ein Notfall!“ Noé musste gegen die ohrenbetäubenden Flügelschläge und der kalte Wind, welche in seinen Ohren sauste anschreien.
Vanitas war in diesem Moment sein einziger Halt, sonst hing er vollkommen in der Luft. Doch auch Vanitas umklammerte lediglich den Fuß des Vogels. Seine Beine baumelten hilflos im Nichts, auch wenn sie immer wieder versuchten, auf den Krallen Halt zu finden.
„Warum bist du nur so schwer? Du ziehst mich voll runter“, fauchte Vanitas.
„Was hätte ich denn sonst tun sollen?“
„Weiß ich nicht, aber nicht das!“
„Dann mecker nicht!“
Die Bewegungen des Vogels schleuderte sie hin und her.
Plötzlich begann Vanitas zu lachen.
„Das ist viel besser als das Riesenrad!“ Noé stutzte. Wie schaffte er es nur in einer solchen Situation zu lachen? Wie ein kleiner Junge. Dabei war das, was er über Vanitas‘ Kindheit wusste…
„Noé, du bist mir echt einer. Hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich springen würdest. Egal was du sagst, du musst mich ja doch mögen“, Vanitas strahlte ihn an.
„Ich mach das nicht wegen dir!“, beeilte sich Noé zu sagen. Also...nicht nur… Damals, auf dem Luftschiff war er auch gesprungen. In die Tiefe. Hinter Vanitas her, der hinabgefallen war. Ohne einen zweiten Gedanken zu fassen. Ohne ihn überhaupt zu kennen. Er wusste damals nur, dass er der Träger des Buches des Vanitas war – das musste es gewesen sein. Und jetzt war es… Vanitas grinste und sein Grinsen hatte etwas Schelmisches.
„Ah, du Egoist.“
„Selber“, erwiderte Noé.
Vanitas‘ Lächeln bekam etwas Selbstgefälliges.
„Hab’s dir ja gesagt, dass du gleich wieder verloren gehst. Das ist eine Sache! Aber dass du dich einfach so ohne mich besäufst, finde ich echt mies!“
Hitze stieg in Noés Wangen auf. Er…hatte was? Wann? „B…besäufst? Was meinst du?“
Er blinzelte.
„Klar, hast voll ‘ne Fahne! Sag bloß-“ Plötzlich prustete Vanitas los, lachte schallend auf, sodass sein ganzer Körper bebte. „Sag bloß, du hast das nicht gemerkt!? Ich kann nicht mehr! Du machst mich fertig! Wenn wir vor Lachen runterfallen, ist das deine Schuld! Wenn wir hiermit fertig sind, musst du mir auch einen ausgeben, wäre ja unfair, wenn du alleine Spaß hast.“
„Von mir aus“, platzte es aus Noé heraus, „dann sag mir mal, wie wir hiermit fertig werden! Gerade habe ich nämlich überhaupt keinen Spaß! Kommst du an das Buch ran?“
„Wie denn bitte? Ich hab keine Hand frei!“
„Dann beweg du doch jetzt mal deinen Hintern und zieh dich hoch oder so!“
„Sehr witzig, Noé! Du ziehst mich noch immer voll runter! Du sollst mein Schutzschild sein und nicht mein Ballast!“
„Dann lass mich an dir hochklettern. Ich steige auf den Rücken des Fluchträgers und helf dir dann hoch!“ Vanitas sah ihn schief an.
„Denk nicht einmal dran! Vor allem, was denkst du passiert mit uns, wenn ich ihn jetzt zurückverwandele? Schöne Aussicht, oder?“
Richtig… Noé starrte nach unten. Die kleinen, entfernten Punkte, die in der Dunkelheit aufleuchteten waren die Gebäude von Paris. Selbst aus der Entfernung strahlte das bläuliche Licht der Straßenlaternen zu ihnen hinauf. Wie ein Meer von Sternen. Die kalte Luft brannte in Noés Augen.
„Kann man ihn überhaupt noch zurückverwandeln?“, fragte Noé heiser. Ein Teil von ihm wollte die Antwort nicht hören. Der Vampir hatte kaum noch etwas Menschliches. In dieser Gestalt konnte es bereits zu spät sein.
Das durfte nicht sein. Noés Hals schnürte sich zu. Vanitas sah ihn mit aufeinandergepressten Lippen an.
„Ich werde alles versuchen, was ich kann. Dafür bin ich schließlich Arzt. Pass auf, Noé. Wir warten, bis der Blutdurst zu stark wird und er wieder landet.“
„Vergiss es! Niemals! Dann werden Menschen-“, protestierte Noé.
„Soweit werde ich es nicht kommen lassen“, sagte Vanitas dumpf. Seine Arme, die sich mit aller Kraft an dem Bein des Vogels festklammerten, bebten. Konnte er sich überhaupt so lange halten?
Noé sah abermals hinab. Weit, weit unter ihnen wälzte sich der gewaltige Fluss, welcher die ganze Stadt durchzog. Das Mondlicht glitzerte auf dem sich langsam vorwärts schiebenden Wasser.
Der Fluchträger stieß einen tiefen Schrei aus.
Dies war weder der Schrei eines Vogels noch der eines Vampirs. Es war vielmehr, als wenn man sich im Innern eines metallenen Fasses befand und jemand von außen mit aller Gewalt auf das Gefäß einschlug. Immer schärfer wurden die Kurven, die der Fluchträger flog.
Er ließ sich fallen, nur um wieder in die Höhe aufzusteigen. Seine Schreie hallten in Noés Körper wieder.
Der Vogel begann sein Bein zu schütteln. Mit aller Kraft klammerte sich Noé an Vanitas.
Sein Körper schmerzte, als würde er von Innen auseinandergerissen werden. Unter der Spannung reißen, wie die Seile vorhin, als sich der Vogel in die Luft erhoben hatte. Wie viele Schmerzen musste erst Vanitas haben, der ihrer beider Gewicht halten musste?
Vanitas lachte jedoch nur, grinste spöttisch. „Der will uns wohl loswerden.“
Aus dem Augenwinkel sah Noé etwas Spitzes, Schwarzes auf sie zukommen. Er konnte nicht einmal sagen, ob der Angriff von oben oder von der Seite kam. Die zweite Kralle!
Das war alles, was ihm durch den Kopf schoss. Obwohl er sich kaum bewegen konnte, keinen Halt hatte – instinktiv versuchte er, Vanitas von dem Angriff wegzudrehen, drückte ihn näher an sich.
„Pass auf!“, wollte er sagen. Hörte noch, wie ihm die ersten Silben über die Lippen kamen.
Dann brach reißender Schmerz über ihn hinein. Es war als würde sein Schädel aufgespalten werden. Bunte Lichter explodierten vor seinen Augen wie ein Feuerwerk. Seine Schulter schmerzte, als hätte jemand mit einer Axt hineingeschlagen. Der Schmerz zog sich durch den gesamten Arm, durch den gesamten Körper. Noé spürte, wie eine klebrige heiße Masse seinen Arm und sein Gesicht hinablief.
Er versuchte die Augen zu öffnen.
Doch nur rot, nur bunte Lichter.
Sein Arm erschlaffte. Sein Griff löste sich.
Er kippte. Fiel. Er fühlte, wie ihn noch jemand zu packen bekam, er ihm jedoch entglitt. Er fiel.
Die kalte Luft rauschte in seinen Ohren, donnerte in seinem hämmernden Kopf. Noé stürzte in die Tiefe. Von dem Fluchträger war nichts mehr übrig als ein wabernder Schatten in der Ferne. Aber die wehenden Ärmel, die trotz der Entfernung immer noch zu sehen waren…
So ein Glück! Vanitas hatte sich weiter festhalten können.
Ein Glück…
Er würde sich selbst und den Vampir retten können.
„Noé!“ Ah, Vanitas‘ Stimme. Und doch klang sie ganz anders, irgendwie komisch. Verzerrt.
Irgendwie viel zu hoch. Überhaupt nicht nach ihm selbst. Vanitas‘ Schrei verhallte. Der Schatten des Vogels verschmolz mit der Dunkelheit. Noé fiel durch die Schwärze. Mit einem Mal war alles still. Als hätte die Zeit angehalten. Plötzlich blitzte vor Noés innerem Auge Vanitas‘ sanduhrenförmigen Ohrring auf.
Wenn man die winzige Sanduhr umdrehte, wie lange würde es wohl brauchen, bis sie einmal durchgelaufen war?
Länger, als er jetzt schon fiel? Er wusste es nicht.
Das letzte, was Noé wahrnahm war, wie er auf die Wasseroberfläche des Flusses prallte, die flüssige Schwärze über ihn zusammenschlug und ihn verschluckte.  

Ratlos tropfte die Tinte auf das Papier. Noé saß an einem Schreibtisch aus massivem Holz.
Die Kerze, die ihm Licht spendete, war beinahe hinuntergebrannt. Die Flamme flackerte hilflos und beschien die Tischplatte nur dürftig. Noé ließ den Blick schweifen. Um ihn herum nichts als Schwärze. Nicht einmal den Boden konnte er sehen. In der Dunkelheit wirkte das Papier vor ihm körnig.
Was wollte er noch einmal schreiben?
Einen Moment wusste Noé nicht weiter.
Im nächsten Moment bewegte sich seine Hand wie automatisch über das Papier.

„Lieber Meister,
ich schreibe dir, weil ich dich weiter über das ‚Buch des Vanitas‘ und Vanitas selbst auf dem Laufen halten will. Ehrlich gesagt…bin ich verwirrt.
Meine Brust zieht sich zusammen bei all meinen Gedanken. Als ich erfahren habe, dass Jeanne Vanitas Blut gesaugt habe, wurde mir mit einem Mal so heiß, alles hat sich in mir zusammengezogen.
Ja, ich habe mich geärgert, dass Jeanne mir zuvorgekommen ist. Ich bin froh, dass Domi in dem Moment da war und mich aufgemuntert hat. Ich bin ihr dankbar, dass sie für mich da ist. Aber was ist das für ein Gefühl? Als ich Vanitas gefragt habe, was Liebe ist, hat er gesagt, dass er es auch nicht weiß und für sich bestimmt hat, dass „zittern“ und ein „schnell schlagendes Herz“ für ihn Liebe ist. Das hat sich seltsam angehört, wie eine Krankheit und das habe ich ihm auch gesagt. Aber gehört zu Liebe nicht mehr dazu, als eine körperliche Reaktion? Irgendwie war ich nicht sonderlich zufrieden mit Vanitas‘ Antwort (sie hat mich eher noch verwunderter zurückgelassen) und ich würde gerne selbst herausfinden, was Liebe ist, auch wenn ich nicht weiß, wie ich das anstellen soll. Jedenfalls – als ich gehört habe, dass Jeanne sein Blut getrunken hat, hat in mir auch alles gezittert und mein Herz hat geschlagen.
Aber diese Situation habe ich überhaupt nicht geliebt. Was mich wundert, ist, dass Vanitas gesagt hat, er hat sich in Jeanne verliebt, weil sie seine Liebe auf keinen Fall erwidern wird. Will man denn nicht normalerweise, dass man zurückgeliebt wird (aber wie gesagt, ich kenne mich nicht aus)? Vielleicht will er sich schützen. Seine Gefühle „sicher“ ausprobieren. Ohne sich mit anderen zu involvieren. Das glaube ich zumindest. Aber ich verstehe ihn natürlich nicht. Vanitas ist immer so. So einseitig.
„Ich will die Vampire retten. Ganz unabhängig davon, was ihr wollt.“ Ich glaube, wenn ich damals nicht auf dem Dach gesagt hätte, dass ich aus meinem eigenen Interesse an seiner Person an seiner Seite bleibe. Wenn ich stattdessen gesagt hätte, dass ich ihn mag und dass ich ihm helfen will, hätte er mich sicher abgeblockt und sich endgültig von mir distanziert. Ich habe übrigens nicht gelogen, ich mag ihn wirklich nicht (glaube ich). Er achtet nicht auf die Bedürfnisse anderer.
Er will so unabhängig wie möglich bleiben. Ist rücksichtslos. Bringt sich in Gefahr. Findet Dinge lustig, die nicht lustig sind und wird aggressiv über Dinge, die eigentlich harmlos sind. Er sagt, er braucht mich nicht. Er hat gesagt, ich kann verschwinden. Damals in den Katakomben hat er mich angeschrien, ich solle abhauen und hat mich sogar als blutsaugende Fledermaus bezeichnet…was mich zugegeben sehr getroffen hat in dem Moment. Ah, mach dir bitte keine Sorgen, ich komm schon gut mit ihm zurecht! Ich mach schon deutlich, dass er so mit mir nicht umgehen kann. Ich könnte jederzeit abhauen. Aber ich will bei ihm bleiben, offen gesagt.
Nicht nur, weil du mir den Auftrag gegeben hast, das Buch des Vanitas zu erforschen. Sondern auch, weil ich wirklich Interesse an Vanitas‘ Person habe. Weil ich ihm zeigen will, dass nicht sämtliche Vampire ihn hassen. Weil ich ihm zeigen will, dass er nicht jeden auf ewig mit seinem schrecklichen Charakter verscheuchen kann. Denn ich denke, das ist der Grund, warum er sich so verhält. Andere möglichst auf Distanz zu halten – deswegen nehme ich seine Beleidigungen auch weniger ernst, weil es im Grunde nur ein Schutzmechanismus ist (ich beleidige einfach zurück! Und ehrlich gesagt macht es Spaß, sich mit ihm zu zanken. Es ist irgendwie ernst und irgendwie auch überhaupt nicht.
Am Ende weiß ich, dass ich mich auf Vanitas verlassen kann und ich hoffe, dass er zumindest ebenfalls ein wenig so denkt. Zumindest scheint er jedes Mal überrascht, wenn ich trotz allem bei ihm bleibe, wehrt sich aber auch nicht. Also nicht mehr als sonst.).
Weil ich ihm zeigen will, dass es in Ordnung ist, zu vertrauen und dass es Personen gibt, denen man vertrauen kann. Weil ich ihm zeigen will, dass es in Ordnung ist, Schwäche zuzulassen.
Auch, wenn das wohl noch ein langer, langer Weg ist. Ich denke, er ist auch sehr von seiner Vergangenheit geprägt. Als ich von den Experimenten mit Dr. Moreau erfahren hab, wusste ich nicht, ob ich weinen oder mich übergeben soll und bin am Ende einfach unendlich wütend geworden. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es Vanitas ergangen ist, ich kann es nicht…aber sein Blick in diesem Moment…war kaum zu ertragen…einerseits hätte ich mir sein arrogantes Lächeln zurückgewünscht…andererseits war es irgendwie beruhigend (so ein schreckliches Wort in diesem Zusammenhang) einmal seine Maske fallen zu sehen.
So schmerzhaft dies auch war mitanzusehen.
Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft das alles für Vanitas war. Und trotz dem, dass er wusste, dass er diesem schrecklichen Moreau wiederbegegnen würde, hat er sich in die Katakomben gewagt, um den Vampir zu retten. Das finde ich unglaublich mutig.
Dass er all das Leid auf sich nimmt, um einen Vampir zu retten…Aber seine Rettung der Vampire ist keine reine Nächstenliebe. Es sei Rache – auch wenn er sagt, er habe in diesem Moment auf dem Maskenball gelogen, weil es praktisch war. Ich denke noch immer er hat gesagt, er habe gelogen, weil er nicht wollte, dass man über seine Vergangenheit erfährt. Aus diesem Grund hat er mir auch gedroht, mich umzubringen, falls ich sein Blut trinke (ich weiß, das war dämlich, den Wunsch so rauszuhauen! Aber, aber es ging nicht anders! Sein Blut riecht einfach so gut! Ich kann es ja angesichts seiner Persönlichkeit selbst kaum glauben!). Ich denke, es geht dabei um die Angst, dass ich dank meiner Fähigkeit etwas über seine Vergangenheit erfahre. Denn später hat er gesagt, ich kann das Blut durchaus von seinen Kleidern lecken (ich war überglücklich!! Obwohl ich trotzdem hoffte, dass er sich nicht verletzt!) und hat daraufhin sogar gelacht! Ich nehme das als Versöhnungsangebot!! Aber ich glaube, er hat einfach Angst. Dass man ihm zu nahe kommt. Man ihn ablehnt. Und mit „man“ meine ich glaube ich mich selbst (ist das egozentrisch?).
Aus Rache jemanden zu töten, davon habe ich schon oft gehört und gelesen, in Romanen und Geschichtsbüchern und so. Aber aus Rache jemanden zu retten…davon habe ich noch nie gehört. Das rührt mich irgendwie. Jedoch habe ich oft in Büchern gelesen, dass Rache nie heilend, sondern immer destruktiv ist. Wenn Vanitas die Vampire heilt…wen zerstört er dann? Manchmal fürchte ich, es ist er selbst. Ich denke manchmal, Vanitas ist einfach nur ein verängstigtes Kind…Ihm macht Nähe Angst. Gleichzeitig ist er so kindlich, so anhänglich und ist mir zu Beginn die ganze Zeit hinterher gerannt - ich glaube, er möchte Kontakt zu anderen haben und das ist seine Art, das auszudrücken.
Da fällt mir ein, dieser Chasseur, dieser Laurent…Vanitas war wirklich genervt von seiner Vergötterung. Das war zugegeben sehr witzig, Meister, weil Vanitas sonst eher derjenige ist, der anderen auf die Nerven fällt und das einmal umgekehrt zu erleben! Aber ich denke, Vanitas mochte ihn nicht, weil Laurent ihn nicht als Person gesehen hat, sondern so wie er sich „Vanitas“ vorgestellt hat. Er hat Vanitas freien Willen nicht berücksichtigt oder ihm diesen gar anerkannt. Er hat sich „Vanitas“ „Befreiung“ zum Projekt gemacht. Nachdem Vanitas so von diesem schrecklichen Doktor misshandelt worden ist, kann ich verstehen, wenn er nicht mehr irgendjemandens Projekt sein will. Sondern nur so handelt, wie er will. Und ich handele auch nur so, wie ich will und nicht, um Vanitas zu gefallen und ihm irgendeinen Gefallen zu tun. Ich tu, was ich will und nicht, was er will und ich handele so wie es mir passt und wenn ich bei Vanitas bleiben will, dann ist das mein Wille und mein freier Wille alleine! Er hört nicht auf das, was die Vampire wollen und ich höre nicht auf das, was er will! Wir ziehen unser Ding durch. Zusammen, gemeinsam. Und ich denke gerade das ist es, was dies alles zwischen uns funktionieren lässt. Ich hasse mich für diesen egoistischen Gedanken, aber manchmal wünsche ich mir, ich hätte Vanitas eher gekannt…dass er Louis hätte retten können. Manchmal denke ich, die beiden sind sich ähnlich…im Grunde hat Louis all die Zeit nur um Hilfe geschrien. Dieses „du kannst nichts tun“, „es ist zwecklos“ – ich denke, selbst diese Resignation war ein Hilfeschrei. Und ich denke, bei Vanitas ist es ähnlich. So sehr er sich an die Rettung der Vampire klammert – am Ende will er am allermeisten sich selbst retten. Dies habe ich nach den Katakomben gedacht und dieser Überzeugung bin ich noch immer. Ich weiß, dass ich ihn nicht retten kann und er sich am Ende nur selbst retten kann und sämtlicher Versuch meinerseits würde dafür sorgen, dass er nur noch mehr abblockt. Aber ich will ihm zumindest beiseite stehen. Ihn unterstützen, diesen Weg zu gehen. Ich denke, er will in erster Linie verstanden und angenommen werden, kann das aber nicht zulassen. Ich will mit ihm zusammen gehen.
Irgendwie ist es ironisch, dass Vanitas in die wahren Namen der Vampire eingreift…doch ich nicht einmal kenne seinen richtigen Namen. Für den Doktor war Vanitas nicht mehr als eine Nummer. Den Namen Vanitas hat er von dem Vampir übernommen.
Doch sein richtiger Name…aber im Grunde spielt das keine Rolle für mich. Vanitas ist die Person, die er jetzt ist. Vanitas ist Vanitas.
Ich denke, dass Vanitas      

Noé stockte. Statt auf dem Papier zu haften, verlief die Tinte, die aus seinem Füller kam wie Wasser. Auch die Buchstaben, die er längst geschrieben hatte, wurden wässrig, verschwammen, versickerten im Papier. Alles was von seinen Aufzeichnungen blieb waren blaue Schlieren auf triefendem, sich vor Nässe auflösenden Papier. Was…war das?
„Es bringt nichts, Noé.“ Die Stimme jagte kalte Schauer über Noés Rücken. Nein…das konnte nicht sein. Louis?
„Du kannst nichts tun. Das siehst du doch. Am Ende geht ohnehin alles zunichte.“ Louis! Das war seine Stimme, oder?
Er wurde nicht verrückt, oder? Noé sprang auf, griff den Kerzenhalter und stolperte durch die Dunkelheit. Die flackernde Flamme erhellte nichts.
„Louis!“, rief er mit pochendem Herzen. Seine Brust zog sich so sehr zusammen, dass er kaum atmen konnte. Noé rechnete, gegen eine Wand oder gegen ein Möbelstück zu stoßen. Doch so lange er auch geradeaus lief, außer ihm schien nichts zu sein. „Wozu sich noch anstrengen, Noé? Es bringt nichts. Du kannst niemanden retten und selbst wenn, wird diese Rettung nicht von Dauer sein. Am Ende muss ohnehin jeder sterben“, Louis‘ Stimme hallte in der Dunkelheit.
Noé konnte nicht sagen, von welcher Seite sie kam.
Es war, als würde sie den gesamten Raum ausfüllen, dieser Raum, der selbst kein Ende zu kennen schien.
„Weil ich es will“, keuchte Noé, „Weil es mein Wille ist. Es gibt immer eine Möglichkeit. Daran will ich glauben. Selbst für dich hätte es eine Möglichkeit gegeben, auch wenn wir nichts davon wussten. Und Vanitas…ich will ihm helfen! Auch wenn er meine Hilfe nicht will oder annehmen kann. Ich denke nicht, dass er auf ewig verloren ist. Nein, nein! Das ist er nicht! Genau wie die Zukunft, die er fluchtragenden Vampire ermöglichen kann, gibt es für ihn auch eine Zukunft! Und selbst wenn wir alle sterben müssen und alles umsonst ist, warum können wir uns und anderen die Zeit, die uns bleibt, nicht so angenehm wie möglich machen? Es gibt so viel Leid auf der Welt und Leid wird sich wohl niemals auslöschen lassen. Warum können wir nicht versuchen, dieses Leid zumindest etwas zu mildern? Uns dafür entscheiden, Gutes zu tun und-“
Louis lachte.
„So naiv wie eh und je. Du Ärmster, armer kleiner Noé. Was kannst du schon erreichen? Wach auf, Noé!“
Seine Stimme…klang mit dem letzten Satz ein wenig wie die von Vanitas. Oder war es am Ende Vanitas gewesen?
Die ganze Zeit? Noé kämpfte sich nach vorne. Schritt für Schritt. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Seine Beine wollten sich kaum bewegen, als wate er durch zähflüssiges Wasser. Auf einmal war ihm sein Körper schwer, schrecklich schwer. Die Kerze konnte er nicht mehr länger halten.
Sie glitt ihm aus der Hand, traf jedoch nicht auf einen Boden, sondern blitzte einmal kurz auf, verlosch dann, verschluckt von der Dunkelheit, die auch Noé vollständig einhüllte.            
„Wach auf!“


„Scheiße! Noé! Mach die Augen auf! Wach verdammt nochmal auf! Scheiße, ich schwöre, wenn du nicht aufwachst, dann…!“
Noé würgte.
Ein kalter Schwall Wasser entkam seiner Kehle. Sein Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren. Atmen, er musste atmen. Doch erbrach er nur Wasser. Panik breitete sich in ihm aus.
Sein Herzschlag bebte durch seinen ganzen Körper. Er hustete. Atmete ein. Füllte seine Lungen mit Luft.
Würgte wieder. Wieder Wasser.
Sein Hals brannte, als hätte er glühende Nadeln verschluckt. Mit jedem Husten blitzten neue bunte Lichter vor seinen Augen auf. Rasselnd holte Noé Luft. Das Atmen flach, hastig und brannte schrecklich.
Aber Luft. Endlich Luft.
Nochmal würgen, noch einmal husten. Aufflackernde Lichter. Sein Hals tat so schrecklich weh, mit jedem Atemzug loderte der Schmerz auf. Er lag irgendwie auf der Seite. Auf irgendetwas Hartem. Alles um ihn herum schien sich zu drehen, als würfen Wellen seinen Körper hin- und her. Seine Schläfe und seine eine Schulter brannten.
Noés Fingernägel kratzen in den unnachgiebigen Grund, fand jedoch keinen Halt. Seine Finger waren so kalt, er konnte die Gelenke nicht einmal krümmen. Unfassbare Kälte umfing seinen Körper.
Seine Kleidung klebte schwer und nass an seiner Haut. Zitternd und schlotternd krümmte sich Noé zusammen. Unkontrolliert schlugen seine Zähne aufeinander. Noé versuchte, die schweren Lider zu öffnen, doch fielen ihm die Augen immer wieder zu. So müde…
Noé spürte, wie seine Gedanken langsam wieder in der Finsternis versanken, sein schmerzender Hals und selbst die schreckliche Kälte sich langsam auflösten. In seinen Ohren rauschte es.
Doch jemand rief nach ihm. Die Stimme war so laut und energisch und doch wie von tiefem Wasser verschluckt.
Aber jemand rief seinen Namen.
Sagte noch etwas…Druck lag auf seinem Arm. Jemand rüttelte ihn. Das Rucken ging durch seinen ganzen Körper. Die Stimme wurde lauter.
„Verdammte Scheiße, komm zu dir!“
Flatternd öffnete Noé die Lider. Vor seinen Augen nur flüssige, schwarze Schemen. Auch, wenn er nichts sah, wusste er sofort, wer bei ihm war.
„Vanitas…“ Selbst dieses eine Wort ließ seine Kehle wiederaufflammen.
Seine eigene Stimme fühlte sich so leise, so heiser und so fremd an, dass er nicht glaubte, dass Vanitas ihn verstanden hatte.
Das Rütteln erstarb augenblicklich. In derselben Sekunde ließ auch der Druck von ihm ab. Langsam, ganz langsam verfestigten sich die Schemen. Das erste was Noé sah waren tiefblaue Augen und nassglänzendes schwarzes Haar. Die Strähnen klebten schwer an Vanitas' Kopf und hingen ihm ins Gesicht. Von seinem sanduhrförmigen Ohrring fielen unablässig Tropfen. Wasser floss aus Vanitas' Haarsträhnen, rann über seine Wange und tropfte sein Kinn hinab.
Vanitas‘ Gesicht wirkte starr, wie vereist.
Die blaugefrorenen Lippen hatte Vanitas leicht geöffnet, presste sie jedoch mit einem Mal fest zu. In seinen blauen Augen schwamm etwas Dunkles. Doch in seinem Blick, seinem Gesicht lag kein Zorn.
Nein…da war etwas anderes…sein Gesicht…wie damals in den Katakomben…Dieser Blick…Schon damals hatte er dieses Gesicht kaum ertragen… Guck nicht so, wollte Noé sagen, doch er brachte nur heiseres Röcheln hervor.  
„Oh, du bist wach. Wurde aber auch Zeit, hatte gedacht, du willst noch ewig weiterpennen“, murmelte Vanitas.
Beinahe kühl. War er etwa beleidigt, dass er fast ertrunken wäre?! Als ob er dafür was konnte!
‚Fast ertrunken‘, flackerte es in Noé auf. Das…war also passiert…er wäre beinahe ertrunken…und so durchnässt wie Vanitas war…
„Vanitas…“, brachte er krächzend hervor, „…du hast mir das Leben gerettet…danke…“
Vanitas neigte nur den Kopf zur Seite. Wandte den Blick von ihm ab. „Bin halt Arzt. Ist meine Pflicht“, murmelte er lediglich.
„Trotzdem…“, flüsterte Noé schwach, „Ich weiß, dass du keine Dinge machst, die du nicht willst.“ Vanitas neigte den Kopf noch stärker zur Seite. Beinahe, als wollte er sich hinter dem hohen Kragen seines Mantels verbergen. Stumm sah er zu Boden. Plötzlich begannen seine Schultern zu beben. Dann lachte er hell auf. „Ja, du hast recht. Außerdem! Ich kann doch ein ‚Kind der Arche‘ nicht einfach ertrinken lassen.“ Er grinste. Stimmt…
Noé – sein Name war die französische Fassung von Noah. Der, der laut Bibel Menschen und Tiere vor einer Sintflut in einer Arche gerettet hatte. Wenn ausgerechnet er ertrunken wäre...
„Du hast recht, das wäre wirklich ein ironischer Tod gewesen“, stellte Noé fest.
„Ich habe übrigens zusammen ‚besaufen‘ und nicht ‚absaufen‘ gesagt!“, lachte Vanitas. Auch Noé konnte nicht anders als ebenfalls aufzulachen, auch wenn sein Hals dabei unglaublich schmerzte. Trotzdem…dass ihm das Lachen so leicht fiel…dabei wäre er fast gestorben. Aber doch…vielleicht gerade deswegen, weil er lebte konnte er so lachen. Er lebte noch. Kaum zu glauben.
„Wie geht’s deinem Arm und deinem Kopf?“, fragte Vanitas schließlich mit ernster Stimme.
Zitternd richtete Noé sich zum Sitzen auf, als wolle er beweisen, dass es ihm gutging. Sein Körper fühlte sich noch so taub an, dass er die Schmerzen kaum spürte. Doch sein Kopf und sein Arm pochten dumpf. Als er seine Schulter hinabsah, erkannte er deutlich den Riss in der Kleidung und der von Blut vollgesogenen Stoff.
„Schon okay“, sagte er. Einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen, die nur von dem Plätschern des Flusses durchbrochen wurde.

Sie befanden sich direkt am Ufer, hockten im fahlen, blauen Licht einer Straßenlaterne. Eine nassglänzende Spur auf dem weißen Pflasterstein verriet noch, aus welcher Richtung Vanitas ihn hergetragen hatte. Es waren nur wenige Meter. Die Straße war vollkommen leer. Vermutlich war sie wegen des Volksfestes abgesperrt worden.
Sie waren alleine.
Weder das Brüllen des Fluchträgers noch das Treiben des Festes drang zu ihnen hinüber. Beinahe schien es so, als wäre die Welt um sie herum gestorben.
„Was ist mit dem Fluchträger?“, fragte Noé schließlich, obwohl er sich nicht sicher war, ob er die Antwort hören wollte. Vanitas zuckte mit den Schultern, legte den Kopf in den Nacken und starrte in den blauen Himmel.
„Tja, wohl noch irgendwo da oben. Wir brauchen einen neuen Plan, wie’s aussieht.“ Also war Vanitas direkt ebenfalls ins Wasser gesprungen?
Ohne sich erst um den verfluchten Vampir zu kümmern? Noé konnte sich nur daran erinnern, wie er hart auf die Wasseroberfläche getroffen und untergegangen war. Dass Vanitas aus derselben Höhe hinabgesprungen sein musste…Dass er ihn im tiefen, dunklen Wasser überhaupt gefunden hatte…
Noé musterte Vanitas. Seine ebenfalls triefende, vollgesogene Kleidung.
Sein Zittern. Seinen schweren, flachen Atem.
„Vanitas“, setzte Noé noch einmal an und räusperte sich, „Danke.“  
Für einen Moment blinzelte Vanitas. Dann verzog sich sein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.
„Ich sagte doch, ich bin Arzt! Was willst du eigentlich von mir hören?!“
Noé konnte nicht sagen, ob Vanitas sarkastisch war oder ob er es wirklich nicht verstand.
Er deutete mit seinem zitternden Finger auf ihn, damit er auch ja zuhörte. „Verdammt, Vanitas, ich will gar nichts von dir hören! Darum geht es doch gar nicht! Du hast mir das Leben gerettet und du hast dein eigenes riskiert! Du hättest genauso gut ertrinken können! Deswegen danke! Dass du dein Leben riskiert hast, um meines zu retten! Kapierst du?“
Wieder legte sich die Stille über sie, in der sanft das Rauschen des Flusses echote. Die Schwärze und das bläuliche Licht malten Schatten auf Vanitas Gesicht, die Noé nicht zu deuten wusste.
Im Flackern der Straßenlaterne wirkten seine Züge in der einen Sekunde eigenartig sanft und verletzlich, in der nächsten Sekunde wie eine wütende Fratze. Das ging drei, vier, fünf Sekunden so.    
„Du machst mich noch verrückt“, knurrte Vanitas schließlich, „Anstatt dich ständig zu bedanken denk lieber drüber nach, wie wir wieder an den Fluchträger kommen!“  
„Du hast ja selber keinen Plan!“, warf ihm Noé entgegen.
„Deswegen sollst du ja auch nachdenken!“
Noé seufzte und fuhr sich mit seinen klammen Fingern durch die nassen Haare. So kamen sie nicht voran.
Mit einem Mal fuhr ein Luftzug über ihn hinweg. Noé starrte nach oben. Schwarzer Rauch raste auf sie zu und glänzende Krallen gingen auf sie nieder.

„Pass auf!“, rief er Vanitas zu. Er fuhr auf, packte Vanitas an den Schultern. Stieß ihn zur Seite. Vanitas schrie auf, aus Protest oder Schreck.
Doch sein Schrei ging in dem tosenden Brüllen des Fluchträgers unter. Scharfe Luftstöße schnitten durch Noés Haar. Der weiße Pflasterstein bröckelte unter dem Gewicht der Krallen, denen sie nur knapp entgangen waren. Gesteinssplitter schossen gegen sein Gesicht.
Mit dem Rücken traf Vanitas auf den Grund, während Noé auf Vanitas landete. Den Kopf auf seiner Brust. Noé hielt den Atem an, als wäre er abermals ins Wasser gefallen.
Er spürte seinen Herzschlag.
Wie sein Oberkörper vor Lachen bebte.
„Immer wieder schön, wenn Probleme sich mal selbst lösen! Oh Mann, der hasst uns wohl echt“, lachte Vanitas. Zum Todlachen…Vanitas war wirklich…Noé knirschte mit den Zähnen.
„Pass auf“, flüsterte er Vanitas zu, „ich lenk ihn ab und du siehst du, dass du das Buch einsetzt.“
Ohne auf Zuspruch oder Widerstand zu warten, sprang Noé auf. Ohne sich umzublicken, rannte er fort von Vanitas. Lief in einem großen Bogen auf die riesige Vogelgestalt zu.
Seine Beine zitterten. Die nasse, schwere Kleidung zog ihn hinab. Ihm war schwindelig, es war, als wolle seine Lunge bersten. Die Pflastersteine schienen unter seinen Füßen nachzugeben. Trotzdem. So schwer es auch war. Er musste weiterlaufen.
„Hey!“, schrie Noé so laut wie er konnte, „Hier bin ich.“
Der Fluchträger kreischte auf, wandte sich um und schlug wild mit den rauchigen Flügeln. Mit glühenden Augen und weit aufgerissenem Schnabel stürmte er auf Noé zu. Noé setze zum Sprung an. Doch ehe der Vogel ihn erreichen konnte, zuckten blaue Blitze aus seinem Körper.
Der Fluchträger zitterte, versuchte, Flügel, Beine, Kopf zu bewegen. Vergeblich. Noé atmete aus, sah zu Vanitas hinüber, der in blauem Licht gehüllt und mit einem sanften Lächeln auf die Schattengestalt zuging. Die pechschwarzen Seiten des Buches waren aufgeschlagen.
„Dein Unheilsname lautet Corneille, die Unglücksbringerin. Dein wahrer Name lautet Plume, eine Feder in der Morgenröte. Das ist doch viel schönerer Name für dich, findest du nicht auch?“ Der blaue Schein des Buches blähte sich zu einem Lichtblitz auf, welcher die Nacht erhellte.
Noé schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand da Vanitas gemeinsam mit einer jungen Frau. Dunkelbraune Locken lösten sich aus ihren hochgesteckten Haaren und umspielten ihr Gesicht. Er hielt sie an den Händen, wie zum Tanze. Die Frau umklammerte seine Finger. Tränen schimmerten in ihren Augen. „Vielen Dank!“, brachte sie erstickt hervor,
„Vielen Dank!“ Sie hob ihrer beider Hände an und legte ihre Stirn dort ab, wo sich ihre Finger verschlangen. Ihre Schultern bebten. Vanitas lächelte sanft. „Keine Sorge. Jetzt ist alles in Ordnung.“
Sie hatten es geschafft. Mit einem Mal fühlte sich Noé ganz leicht. Warmes Kribbeln breitete sich in seiner Brust aus, trotz der Kälte seiner Haut, seiner Kleidung. Sie hatten es geschafft. Vanitas hatte die Vampirin von dem Fluch befreit.
Vanitas wandte seinem Blick Noé zu, neigte den Kopf und lächelte. „Gut gemacht, Noé!“
„Keine Sorge. Jetzt ist alles in Ordnung.“


„Alter, Noé, zuck nicht so! Du hilfst gerade überhaupt nicht!“, meckerte Vanitas. Dabei drückte er Noés gerade verbundenen Kopf noch stärker gegen dessen eine Schulter, damit die andere Schulter frei lag.
„Dann tu mir nicht so weh! Das ist auch nicht gerade hilfreich! Toller Arzt bist du!“
„Ist halt nicht mein Fachgebiet!“
„Ich dachte, dein Fachgebiet sind Vampire?!“
„Aber das sind Verletzungen, die Menschen auch bekommen können. Ich geb‘ mir Mühe! Jetzt halt gefälligst still.“
Vanitas beugte sich weiter über ihn.
Noé biss die Zähne zusammen. Aus dem Augenwinkel konnte er die rotglänzenden Schnitte sehen, welche sich tief in seine Haut eingegraben hatten. Nachdem sie die Vampirin gerettet hatten, hatte sie sich tausend Mal unter Tränen bei ihnen entschuldigt. Noé hatte nur abwehrend die Hände gehoben und gesagt, es wäre alles in Ordnung. Doch er konnte nicht leugnen, dass die Verletzungen verdammt wehtaten.
Diese braune Tinktur, die Vanitas mit einem Wattebausch auf das offene Fleisch tupfte, machte es nicht besser. Das Zeugs brannte wie Feuer. Der nasse, kalte Stoff von Vanitas Handschuhen auf Noés, vom Badwasser erhitzter, Haut half auch nicht wirklich.
Noé sog die Luft ein.
„Das Zeug brennt“, ächzte er. „Das ist nun mal so. Wenn du willst, sieh es als Rache dafür, dass du mir beim Tanzen auf den Fuß getreten bist“, erklärte Vanitas und Noé sah ihn aus dem Augenwinkel grinsen.
„Ich hab gesagt, das war keine Absicht und das hat auch überhaupt nichts miteinander zu tun!“, Noé wollte den Kopf heben, doch Vanitas drückte ihn mit der Hand wieder zur Seite.  
„Meine Fresse, geht nicht schneller, wenn du so rumzappelst. Ich fang jetzt mit dem Verbinden an.“
Noé schnaubte nur und blickte zur Seite. „Mach doch.“
Wortlos ließ er über sich ergehen, wie Vanitas Schicht um Schicht von Verband um seine Schulter wickelte und dabei ab und zu seinen Arm anhob. Er versuchte, die Schmerzen zu ignorieren.
Durch die Position seines Kopfes lag das Zimmer irgendwie in Schieflage.
Der Tisch, die Stühle.
Vanitas‘ Bett am anderen Ende des Zimmers. Der knisternde Kamin mit seinem warmen, pulsierenden Schein.
Noé saß auf seinem Bett, Vanitas stand vor ihm, über ihn gebeugt. Gleich nachdem sie auf ihr gemeinsames Zimmer zurückgekehrt waren, hatte Noé erst einmal ein heißes Bad genommen.
Seinen Körper hatte er vor Kälte kaum mehr gespürt, die nasse Kleidung hatte an seiner Haut geklebt.
Als er in die Wanne glitt, hatte Noé zuerst das Gefühl, in die Tiefe gerissen zu werden.
Aber das Badewasser war hell, warm und freundlich.
Ganz anders als das kalte, dunkle Wasser des Flusses. „Geh du erst“, hatte Vanitas gesagt, „ich brauch nicht.“ Wirklich nicht? Dabei war er doch genau durchnässt und unterkühlt und hatte dazu den ganzen Rückweg über diesen Umstand gemeckert oder ein missmutiges Gesicht gezogen.
Nach dem Bad streifte Noé seinen weißen, lockeren Nachtanzug über.
Als er in das Zimmer zurückkehrte, hatte sich Vanitas bereits trockene Kleidung angezogen und hockte gerade vor dem Kamin. Die ersten Flammen züngelten an dem Holz.
Anstatt irgendeiner Form von Nachtanzug hatte sich Vanitas jedoch wie üblich Hemd, Weste und Hose anzogen. Als wäre das alles nicht passiert. Allein sein schwarzer Mantel hing triefend über der Stuhllehne und dort hing er noch immer. Auf der Sitzfläche des Stuhls stand Noés Zylinder, den sie auf dem Heimweg am Flussufer angespült gefunden hatten.
Noés Augen hatten vor Freude geglänzt.
Ein Glück war er wieder da! Er hatte vor lauter Trubel nicht einmal gemerkt, dass er fehlte, aber er war froh, dieses Gefühl auch nicht durchmachen zu müssen, sondern sich nun freuen zu dürfen, ihn wiederzuhaben, ohne, dass ihm der Verlust aufgefallen war. Von draußen tönte Musik in das Hotelzimmer.
Akkordeon und Trompeten. Lachende, jubelnde, singende Menschen. Bestimmt tanzten viele.
Der Vorfall mit dem Fluchträger schien wie vergessen.
Murr lag auf Noés Kopfkissen und schnurrte leise. Als sie das Hotelzimmer betreten hatten, hatte er nur den Kopf gehoben, heiser miaut und danach wieder die Augen geschlossen.
Auch von Noés unterdrücktem Zischen ließ sich sein Kater nicht stören. Die nassen Handschuhe von Vanitas hinterließen kalte Spuren auf Noés Haut.
Vermutlich hatte er nur dieses eine Paar. Doch vielleicht würde er krank werden, wenn er den kalten, nassen Stoff weiter um die Finger und Unterarme trug. Aber Noé wusste, dass Vanitas die Handschuhe auf keinen Fall ausziehen würde, egal, wie unerträglich die Kälte sein mochte.
Dabei musste er sich nicht schämen, nicht vor ihm zumindest. Noé wusste doch, was darunter lag.
Vermutlich wollte Vanitas es auch selbst nicht sehen.

„Sooo, fertig“, verkündete Vanitas, als er die letzte Schicht Verband anlegte und die Enden der Mullbinden zusammenknotete. „Aber nicht bewegen!“
„Wieso denn nicht? Ich verrenk mir noch den Nacken“, murmelte Noé.
Jedoch kam keine Antwort. Stille legte sich über sie. Bewegen tat sich Noé jedoch tatsächlich nicht.
Das Kaminfeuer prasselte.
Lachen und Musik hallte von den Straßen zu ihnen hinauf.            
„Hey Noé, weißt du, was lustig ist?“, fragte Vanitas mit einem Mal.
Ohne ihm Zeit zur Antwort zu geben, fuhr Vanitas fort. „Wenn ich ein Vampir wäre, wäre das die perfekte Position um dich zu beißen.“ Er lachte.
„Hä?“, entfuhr es Noé. Er erstarrte, Hitze stieg in ihm auf…bitte was? Doch genauer betrachtet…
„Hm. Ja, das stimmt schon“, gab er letztendlich ehrlich zu.
Schließlich saß er, den Kopf auf die eine Schulter geneigt, während die andere Schulter und sein Hals nackt und schutzlos offenlagen. Und Vanitas stehend, über ihn gebeugt. Die oberen Knöpfe seines Nachthemdes waren geöffnet und die verletzte Schulter und auch sein Oberarm offengelegt. Also wirklich eine ideale Position.
„Finde ich nämlich auch. Ich frage mich, wie das ist.“
Mit diesen Worten beugte er sich weiter runter. Vanitas‘ pechschwarze Haare streiften Noés Arm, kitzelten seinen Hals.
Vanitas‘ klauenartige Finger krallten sich in seinen Arm. Noé hielt die Luft an. Verdammt Vanitas, du wirst doch nicht wirklich?! Was soll denn das? Wohin soll das führen?!
Ich will es sehen. Ich will wissen, was du vorhast.
Vanitas warmer Atem schlug gegen seine Haut, heißes Kribbeln sank tief in Noé ein. Noé konnte Vanitas Gesicht nicht sehen, aber er spürte sein Lächeln. Sein breites Grinsen.
Seine aufgerissenen, blauen, blitzenden Augen. Wie er die Zähne bleckte. Er spürte es, er spürte alles.
Der so verdammt unverschämt gute Geruch von Vanitas Blut, das Rauschen seines eigenen Blutes in seinen Ohren. In ihm kribbelte alles. Die Wärme des Kamins legte sich brennend auf seine Wangen.
Es war, als gössen sich das heiße Bad und der kalte Fluss abwechselnd über ihn aus.
Ein leichtes Zwicken an seinem Hals durchzuckte seinen ganzen Körper wie ein greller Blitz.
Eine Sekunde.
Und dann war es vorbei. Vanitas ließ von ihm ab.
„Spinnst du?“, hörte Noé sich selbst sagen. Er hörte Vanitas prusten, helles, sich überschlagendes Lachen drang an sein Ohr. Noé atmete aus und hob den Kopf.
„Dein Gesicht ist echt göttlich, Noé! Oh Mann! Ich kann nicht mehr!“ Vanitas taumelte durchs Zimmer, schnappte nach Luft und hielt sich den Bauch. Noé blinzelte. Wie schaute er denn? Reflexartig bedeckte er seinen Mund mit seiner Hand und ließ seinen Blick zur Seite schweifen.
„Was machst du auch für Sachen?“, murmelte er, „Für sowas hättest du mich umgebracht.“
Er hatte Vanitas‘ Drohung damals nicht vergessen.
„Das stimmt!“, gab Vanitas heiter zu, legte den Kopf schief und grinste schelmisch, „aber dir hat’s ja scheinbar gefallen!“
Gefallen…?! Hatte es ihm das?! Keine Ahnung. Es war definitiv anders, als wenn Domi ihn biss, was ihm in der Regel gefiel, aber es war nicht schlechter, es war halt anders, aber das war klar, Vanitas war ja auch kein Vampir und...und…also irgendwie...dagegen hatte er nichts gehabt. Er hatte sich nur erschrocken. Also...
„Du hättest ja eh kein Blut getrunken! Außerdem wollte ich sehen, ob du’s wirklich durchziehst und mich hat interessiert, was du vorhast!“
„Ach ja, es hat dich also interessiert?“, Vanitas lachte abermals, reckte das Kinn, sein schelmisches Grinsen wurde breiter, „Du bist echt ein lustiger Kerl. Ich mach doch keinen Rückzieher!“
Noé senkte seine Hand und sah Vanitas ernst an. „Mir hätte es nichts ausgemacht, wenn du mein Blut getrunken hättest. Wenn du ein Vampir wärst, meine ich, dann könntest du das gerne tun. Ich hätte nichts dagegen.“
Vanitas erstarrte, als hätte er ihm ins Gesicht geschlagen und sah ihn mit aufgerissenen Augen an. Noé versuchte abermals, seinen Ausdruck zu entziffern, in den der Schein des Kaminfeuers warme, rötliche Schatten malte. Wie er blinzelte, den Mund leicht öffnete und wieder schloss, mit einem Mal so völlig durch den Wind wirkte – einfach herrlich. Noé lachte auf.
„Ernsthaft, jetzt müsstest du mal dein Gesicht sehen! Das ist echt zu komisch!“
Vanitas schnaubte und drehte sich abrupt von ihm weg. „Dann sag solche komischen Dinge nicht mit so ernstem Gesicht!“ Komische Dinge? Daran war doch nichts seltsam gewesen. Oder? „Jetzt sei nicht beleidigt! Du hast mich doch gebissen. Wobei…Biss kann man nicht gerade nennen, war im Grunde nicht mehr als ein Kitzeln.“ Noé grinste, nur um wieder in Lachen auszubrechen.
„Ich bin überhaupt nicht beleidigt“, knurrte Vanitas, „außerdem-“

Seine Worte gingen in einem lauten Pfeifen und einem noch lauteren Knall unter.
Ein Lichtblitz erhellte das Zimmer. Noé sah aus dem Augenwinkel, wie Vanitas umfuhr, doch war sein Blick ganz und gar auf das Fenster fixiert. Bunte Funken schossen in den Nachthimmel. Das Feuerwerk! Noés Atem stockte. Funken stoben in alle Richtungen, eine Explosion nach der anderen ergoss sich über das Firmament. Blitzende Lichter öffneten sich wie bunte Blumen, die in dem nächsten Sekundenbruchteil wieder vergingen. Funken sanken wie in Zeitlupe gen Erde, wie zähflüssiger, gleißender Regen. Die nächsten Funkenblumen platzen und blähten sich leuchtend über den schwarzen Nachthimmel auf. Blau, rot, grün, silbern, golden. Die Explosionen donnerten wie wilde Trommelschläge. Einige silberne und goldene Funken knisterten. Mit zischendem Pfeifen schossen Feuerpfeile in den Himmel, ehe sie in einem glimmenden Regen aus Partikeln explodierten. Der Geruch von Schwarzpulver lag in der Luft. Die Wolken von Rauch türmten sich auf, angestrahlt von den Farben des Feuerwerks. Vor dem Fenster jauchzten die Menschen vor Begeisterung, brüllten und klatschten gegen das Donnern an. Aber Noé selbst bekam kein einziges Wort hinaus. In seinem Bauch kribbelte es, in seinem Armen, Beinen, in seinem Kopf, als rieselten die heißen Funken seinen Körper hinab. Die Stelle, an der Vanitas ihn gebissen hatte, prickelte. Seine Kehle schnürte sich zusammen. Die Lichter erhellte das halbdunkle Zimmer blitzartig in blau, rot, grün, silbern, golden. Ihm war, als würde der Boden unter zu seinen Füßen und alles in seinem Inneren beben. Das war also ein Feuerwerk. Die hinabregnen Funken spiegelten sich in seinen glänzenden Augen. Im explosiven, farbengewaltigen Wechselspiel aus Werden und Vergehen schien die Zeit stillzustehen. Was in einer Sekunde aufflammte, war in der nächsten schon wieder verloschen. Trotzdem brannte sich jeder Augenblick in Noé ein. Ja, alles verging. Aber deswegen war es nicht bedeutungslos. Es war schließlich einmal dagewesen. Das Feuerwerk war wunderschön. Viel schöner als in den Büchern beschrieben oder auf Bildern gezeigt und so viel schöner, als er es sich hatte vorstellen können. Noés Augen begannen zu brennen. Rote und blaue Feuerkreise schossen in den Himmel, wie ein roter und ein blauer Mond.

„Das ist einfach unglaublich!“, entfuhr es Noé.
Er riss seinen Blick los und hob den Kopf in Richtung Vanitas. Regungslos stand er neben ihm.
Auch sein Blick war zum Fenster gewandt, mit erhobenem Kinn betrachtete er das Stoben der Funken. Wie alles in diesem Zimmer war auch sein Gesicht ein Wechselspiel der blitzenden Farben. Seine hellblauen Augen wirkten seltsam dunkel. Der Mund halbgeöffnet.
Noé wusste nicht, was in Vanitas vorging.
Ob er genauso fühlte wie er? Ob er das Kribbeln, die Überwältigung auch spüren mochte?
Mit einem Mal legte Vanitas den Kopf schief, lächelte sanft.
„Ich wusste, dir gefällt’s.“ „Es ist wirklich toll!“, hauchte Noé. Vanitas nickte. „Stimmt, es ist wirklich toll. Dieses Jahr haben sie sich wohl besonders Mühe gegeben. Mach mal Platz! So!“
Mit diesen Worten ließ Vanitas sich neben Noé auf die Bettkante fallen.
Die Matratze quietsche protestierend. Noé sah ihn aus dem Augenwinkel an. Vanitas strahlte richtig.
Noé lächelte. Wie schön. Wie schön, dass auch die Vampirin das Feuerwerk erleben konnte, hätte sie unter anderen Umständen wohl nicht einmal die Nacht überlebt. Mit einem Mal mischte sich unter das unablässige Knallen und Prasseln des Feuerwerks ein Akkordeon, eine Geige, eine Melodie.
Dreiviertel Takt, Walzer.
„Warum spielen sie denn jetzt Musik? Bei dem ganzen Lärm…“, fragte Noé. „Das ist so eine Tradition zum Abschluss des Festes. Feuerwerk und Tanz, darum, dass sich beides vermischt, geht es wohl. Ist quasi der Höhepunkt“, erklärte Vanitas.    
„Es ist einfach großartig!“, rief Noé erneut aus.
Mit einem Mal überfiel ihn die Wehmut. Also  würde das Fest bald vorbei sein. Wie gerne hätte er mehr gesehen…
„Schade, dass wir das meiste verpasst haben...“, murmelte er.
„Wem sagst du das? Ich hatte zwar gehofft, einen Fluchträger zu treffen. Trotzdem hatte ich gedacht, vorher oder nachher noch etwas von dem Fest zu haben. Echt ätzend.“
Sollte das wirklich alles sein? Sollten sie nur nebeneinander sitzen und warten, dass es zu Ende war? Nein, es war noch nicht zu spät!
Noch lief das Feuerwerk!
Die Zeit, die sie noch hatten, mussten sie nutzen. Noé sprang auf, streckte Vanitas seine Handfläche entgegen.
Dieser verengte die Augen.
„Was’n jetzt los, Noé?“
„Schnell! Bevor das Feuerwerk aufhört!“, Noé wedelte mit der ausgestreckten Hand.
Vanitas lachte auf. „Im Ernst jetzt? Du willst in dem Aufzug raus?“
„Ich meine, lass uns hier tanzen!“
„Noé, du bist echt...! Ich sagte doch, tanzen ist nicht meine Stärke.“
„Und ich sagte doch, du kannst es! Selbst wenn du es nicht könntest wär's mir egal!“
Vanitas neigte den Kopf, vermied Noés Blick. Würde er diesmal ablehnen?
Dann formte sich Vanitas Mund jedoch zu einem Grinsen. „Wehe du trittst mir wieder auf den Fuß!“
Noé grinste ebenfalls. „Ich überlege es mir. Du hast gute Karten, wenn du mich nicht beißt. Oder sollte ich besser sagen: kitzelst?“
„Ich kann mich zurückhalten, sowohl im einen als auch im anderen. Geht das denn klar mit deiner Schulter?“
„Wird schon gehen. Ich habe einen kompetenten Arzt an meiner Seite“, Noé lächelte ihn an und Vanitas erwiderte das Lächeln.
„Tja, da kann ich dir nicht widersprechen.“
Vanitas griff nach Noés Hand, Noé umschlang seine Finger. Vanitas erhob sich und gemeinsam schritten sie zur Mitte des Raumes.
Es war gleichgültig, dass die Musik kaum zu ihnen hochdrang.
Der Tisch und die Stühle, die Enge des Raumes störten nicht.
Auch als das Feuerwerk verloschen war – so ging es doch weiter.
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