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Tiramer’s Schätze

GeschichteFantasy / P16
Drachen Ritter & Krieger
26.11.2020
20.01.2021
9
42.962
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13.01.2021 5.174
 
Der Morgen kam viel zu früh nach einer kurzen Nacht. Unbarmherzig suchten sich die Sonnenstrahlen ihren Weg zwischen den Vorhängen hindurch. Erhellten das Zimmer der beiden Frauen. Instinktiv griff Skeyla nach der rettenden Decke, zog sich diese über das Gesicht. Viel zu lange hatte sie gestern noch zu später Stunde mit Myri geredet und das rächte sich nun.
Auch von der anderen Seite des Zimmers war ein entnervtes Brummen zuhören. Gefolgt von Rascheln und dem Knarzen eines Bettes. Ihre Mitbewohnerin schien nicht weniger begeistert von der Idee, jetzt schon aufstehen zu müssen. Tatsächlich konnte die Reiterin froh sein, heute kein Training in den frühen Morgenstunden zu haben. Vermutlich wäre sie in der Luft noch in den Sekundenschlaf gefallen und Kassmir hätte sie am Ende über die Trainingsstrecke tragen müssen.
Die Vorstellung eines Drachen, der die Augen verdrehte, während er seine übermüdete Reiterin durchs Ziel trug, zauberte ein Grinsen auf das Gesicht der Soldatin. Sorgte jedoch gleichzeitig dafür, dass ihr Gedankenkarussell ansprang und sie somit aus ihrer Traumwelt auftauchte.
Mühsam wühlte sie sich zwischen Kissen und Decke an die Oberfläche. Hörte von draußen die Glocke läuten, die den Tagesbeginn anläutete. Skeylas Augen waren noch viel zu empfindlich für das laute, durchdringende Geräusch und nur zu gerne hätte sie sich erneut die Decke über den Kopf gezogen. Selbst, als das Dauerläuten eingestellt wurde, hallte das Echo der Glocke noch lange in ihren Ohren nach, während sie nun aufstand und Myri leicht an den Schultern rüttelte.      
“Aufstehen!”, forderte sie ihre Freundin auf, die nicht mehr als ein müdes Kopfschütteln für sie übrig hatte.
“Noch fünf Minuten.”, kam es nuschelnd aus dem Berg von Stoff.
“Es sind immer angeblich nur fünf Minuten.”, seufzte die Soldatin leicht genervt. Wie gut sie Myri doch inzwischen schon kannte.
“Ich gehe duschen. So lange hast du Zeit, um wach zu werden.” Skeyla suchte aus ihrem Schrank ihre Uniform, die sie derzeit noch als Neuling kennzeichnete und somit auch darauf hinwies, dass sie noch keinem Bataillon zugeteilt worden war. Keiner Trainingseinheit in Ritandur angehörte. Etwas, was sich heute nun ändern sollte.
Nach einer Woche intensiven Trainings unter strengster Beobachtung würde heute die Entscheidung fallen. Ein Ausschuss aus hohen Militärs würde gleich über ihre weitere Zukunft entscheiden. Möglicherweise damit sogar darüber bestimmen, ob sie diesen Krieg überleben oder ihr Name am Ende einen Grabstein zieren würde.
Leichte Übelkeit kam bei diesem Gedanken in ihr hoch. Bis heute hatte sie ihren Weg weitestgehend selbst wählen können. Der König hatte ihr viele Freiheiten gelassen, solange sie ihrer Aufgabe nachkam, die Prinzessin zu schützen. Er hatte ihr Unterricht in Geschichte, Politik und Kriegsführung gewährt. Ihr Manieren und Benehmen in hoher Gesellschaft beigebracht. Ihr die Möglichkeit gegeben, ihr Wissen zu erweitern, indem er ihr den Zugang zur Bibliothek am Hof erlaubte. Er hatte sein Möglichstes getan, um keinen einfachen Soldaten zu erziehen, sondern einen selbstständig denkenden Menschen. Jemand, der eigene Entscheidungen treffen und Konsequenzen beurteilen konnte. Eine Persönlichkeit, die unabhängig genug war, in schwierigen Situationen nach eigenem Ermessen zu handeln.
Ihr neues Leben würde anders sein. Skeyla würde sich den Befehlen und den Ansichten Anderer unterwerfen müssen. Sie würde damit klarkommen müssen, dass sie Handlungen ausführte, deren Sinn sie nicht sah oder die sie eigentlich niemals unterstützen würde. Ab heute würde sie nicht mehr hinterfragen, nicht mehr kritisieren, nicht mehr eigenständig und unabhängig sein. Sie würde sich einer höheren Gewalt beugen, die von nun an ihr Schicksal in den Händen hielt. Über Tod und Leben entscheiden konnte.
Bei diesen Gedanken lief ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinab und sie versuchte sich eiligst abzulenken. Entschieden verbot sie sich jede weitere Überlegung. Konzentrierte sich stattdessen auf den monotonen Ablauf ihres Morgenrituals.
Die Badezimmertür fiel hinter ihr ins Schloss. Ein kurzes Klicken, als sie den Schlüssel herumdrehte. Das warme Wasser spülte zumindest für den Moment die trüben Gedanken fort. Ließ die Soldatin vergessen, was ihr bald blühen würde. Stattdessen wanderten sie zurück nach Hause. Verlor sich in den Erinnerungen an ihre Kindheit. An das gemeinsame Aufwachsen mit Liliane. Ihr tägliches Fluchen, wenn sie über den Büchern hocken und lernen musste. Wie oft Skeyla ihr geholfen hatte, wenn sie nicht weiterkam. Wie beide abends auf dem Balkon gesessen und gelesen oder sich Geschichten erzählt hatten. Von tapferen Kriegern und großen Helden. Von familiären Intrigen und traumhaften Romanzen. Immer auf dem schmalen Grad tänzelnd zwischen Legende und Realität. All das war nun vorbei. Geschichte. Irgendein Kapitel in ihrem Leben. Vergangenheit. Und vor ihr lag eine unsichere Zukunft. Ohne die schützende Hand des Königs. Weit weg vom Hofe. Zurück in den erbitterten Kampf in der Gegenwart. Wie eine Traumwelt, die mit einem Mal vor dem geistigen Auge verschwand. Abgelöst von der grausamen Realität. War es wirklich erst eine Woche her, dass sie Estrell verlassen hatte?
Aus dem Zimmer vernahm die Soldatin ein Poltern. Murren. Sie erinnerte sich daran, dass sie das Frühstück besser nicht verpassen sollte. Obwohl sie in ihrem Gemütszustand eh keinen Bissen herunterbekommen würde. Außerdem musste Myri auch noch duschen. Das hob ihre Laune nach dem Aufstehen immerhin soweit, dass sie wieder erträglich war. Die Reiterin blieb ein wirklicher Morgenmuffel.
Skyela beeilte sich das Bad freizumachen und sich ihre Sachen überzuziehen. Ein seltsames Gefühl des vertrauten Stoffes auf ihrer Haut, den sie nach heute gegen die Uniform eines Bataillons eintauschen würde. Viel zu schnell war diese Woche an ihr vorübergezogen und die Soldatin fühlte sich alles andere als bereit, ihrer neuen Bestimmung ins Gesicht zu sehen.    
“Bist du fertig?”, kam es von der anderen Seite der Tür. Myri klang vollkommen übermüdet, erschöpft. Zusätzlich schwangen ein leichter Hauch von Unwillen und schlechter Laune in ihrer Stimme mit. Ein klares Zeichen dafür, dass die Soldatin sich wirklich beeilen sollte. Morgens mit der Reiterin einen Streit um ihre geliebte und benötigte Dusche anzufangen, war alles andere als eine gute Idee.
Sie schnappte sich noch ihre Schlafsachen und das benutzte Handtuch und ließ beides beim Rausgehen im Waschkorb verschwinden. Darin stapelte sich bereits die Wäsche. Der musste dringend ausgeleert werden. Vielleicht später. Wenn ihre Stimmung sie dann überhaupt noch einmal aus dem Bett wieder aufstehen ließ.
“Bad ist frei.” Skeyla öffnete die Tür und sah einem Monster von Mensch ins Gesicht. Niemand würde in diesem Moment darauf kommen, dass Myri eine Frohnatur war. Ein Mensch, der es liebte, für andere da zu sein, ihnen zu helfen.
Stattdessen stand sie dort wie ein wahr gewordener Alptraum. Dunkle Ringe unter den Augen. Eine steile Falte auf der Stirn. Die Brauen fest zusammengezogen. Ein düsterer, bedrohlicher Anblick.
Schnell schob Skeyla sich an dem Morgenungetüm vorbei zurück ins Zimmer und überließ ihrer Freundin die rettende Dusche. Diese nahm die Einladung auch sofort an und hinter ihr knallte die Tür ins Schloss. Kurz darauf vernahm die Soldatin das Rauschen von Wasser. Jetzt würde sich Myris Laune hoffentlich schnell bessern. Bis zum Frühstück sollte sie zumindest in einer erträglichen Verfassung sein. Ansonsten hätte sie sicherlich in der nächsten Sekunde einen ebenso übel gelaunten Xavar am Tisch sitzen. Der vertrug sich überhaupt nicht mit einer übermüdeten Drachenreiterin. Malaija hatte sie stets davor gewarnt, die beiden Morgenmuffel aufeinander loszulassen und Skeyla nahm diese Warnung sehr ernst. Wenn schon ihre Zimmerkameradin am Morgen einem wütenden Drachen Konkurrenz machte, dann wollte sie sich nicht mit zwei mies gelaunten Echsen anlegen, wenn sich dies verhindern ließ.    
Die Zeit, während ihre Freundin nun wach wurde und ihre übliche Frohnatur annahm, nutzte Skeyla um ihre Uniform gerade zu rücken und ihre Haare zu ordnen. Vor dem Rat sollte sie zumindest den Eindruck erwecken, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Ein mutiger und tapferer Soldat zu sein, auf den sich Kaltur im Krieg würde verlassen können.
“Mach dir nicht so viele Gedanken.” Myri war hinter ihr aufgetaucht. Legte der Soldatin beruhigend die Hand auf die Schulter.
“Das ist sehr viel leichter gesagt als getan.” Tief atmete die junge Frau durch. Versuchte sich ihre Unsicherheit im Gesicht nicht zu sehr anmerken zu lassen.
“Ich war damals auch wirklich aufgeregt…”, fing Myri an und Skeyla drehte sich zu ihr um.
“Wie war das so?” Sie wollte sich zumindest etwas darauf vorbereiten. Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn sie sich vor den höheren Militärs blamierte. Immerhin eilte ihr ein gewisser Ruf voraus. Von ihrem Auftreten hing in zweifellos ab, wie der Rat die Auswahl der Soldaten am Hof bewerten würde. Ob der König wirklich ein gutes Auge für Potenzial besaß oder ob er all die Jahre eher klug geredet hatte. In keinem Fall wollte Skeyla ein negatives Licht auf die königliche Familie werfen.
“Wie das so war? Naja… Sie haben mir Fragen gestellt. Zu meiner Familie. Meiner Vergangenheit. Haben mich genau beobachtet. Ich denke, sie wollten darauf hinaus, wie man sich in Stresssituationen verhält, was einen antreibt und welche Aufgaben man dir zumuten könnte. Auch in Zukunft. Ob du Aufstiegschancen irgendwo hast. Wo man deine Fähigkeiten optimal einsetzen kannst und wo du selbst deine Schwächen siehst. Sie wollen dich auf eine seltsame Art und Weise kennenlernen.”
“Kennenlernen tut man sich eher bei Kaffee und Kuchen.”, murrte Skeyla leicht zynisch. Sie konnte sich jetzt schon vorstellen, dass sie ihre Kindheit auseinandernehmen würden. Sie nach ihren Gründen fragen würden, warum sie sich für den Weg eines Soldaten entschieden hatte. Und selbst in ihren Ohren klang ihre Begründung hierfür schwach und fahl.
“Versuch einfach, eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen und lass dich nicht aus dem Konzept bringen.”
“Was sie definitiv versuchen werden.”
Myri nickte nur.
Zu gerne hätte die Soldatin gewusst, welche Fragen man ihren Freunden damals gestellt hatte. Wie sie mit dieser Situation umgegangen waren. Doch sie ahnte, dass dabei möglicherweise Absichten und Taten ans Licht kommen könnten, über die niemand gerne sprach.
“Ich bin sicher, dass du das schaffst. Ich meine, du bist eine Hauptstadtsoldatin und hast am Hofe gearbeitet. Gerade du müsstest mit solchen Situationen doch umgehen können.” Aufmunternd lächelte die Reiterin sie an.
“Bis jetzt kam auch niemand auf die Idee, meine Ideale anzuzweifeln.”

Der Gang zum heutigen Frühstück wurde begleitet von einem unguten Gefühl in der Magengegend und Skeyla hatte das Empfinden, dass es besser wäre, gerade jetzt nichts zu sich zu nehmen. Der Hunger war ihr bereits kurz nach dem Aufwachen vergangen und mit jedem weiteren Schritt wuchs die Nervosität. Gepaart mit der Angst, was der Rat über sie denken könnte.
Vermutlich sollte sie sich in der Hinsicht wirklich besser nicht den Kopf zerbrechen, doch ihre Gedanken kreisten immer wieder zu diesem einen Punkt zurück. Klebten geradezu an ihm. Egal, wie sehr sie auch versuchte, ihre Aufmerksamkeit etwas Anderem zuzuwenden, innerhalb weniger Sekunden wurde sie erneut an das erinnerte, was ihr bevorstand. Da half auch Myri nicht, die mit ihrer üblichen Redseligkeit über die Soldatin herfiel.
In der Kantine angekommen empfing sie der laute Lärm dutzender Soldaten. Stimmen, Gelächter, empörtes Schnauben und entnervtes Stöhnen. Eine bunte Mischung aus den verschiedensten Emotionen.
Skeyla war noch immer nicht nach Essen zumute und somit reihte sie sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft nicht in der langen Schlange hungriger Männer und Frauen ein. Stattdessen entschuldigte sie sich bei Myri und erklärte ihr kurz, dass sie an ihrem Stammtisch auf sie warten wurde. Der Geruch von frischen Brötchen und Kaffee bereitete ihr Übelkeit.
Draußen auf der Terrasse wurde das mulmige Gefühl in ihrem Magen immerhin etwas besser und an ihrem üblichen Tisch wartete bereits Malaija. Die Reiterin hatte sich ihr übliches Frühstück bestehend aus Brötchen, Tee und drei Scheiben Käse zusammengestellt. Winkte Skeyla auffordernd zu, als sie sie entdeckte.
Mit einem tonlosen Seufzer ließ die Soldatin sich neben ihr auf die Bank fallen. Der kritische Blick der blonden Frau entging ihr nicht. Allerdings besaß ihre Freundin den Anstand, sie nicht auf das fehlende Frühstück hinzuweisen. Skeyla hatte nun wirklich keinen Nerv mehr über für eine Diskussion über ihre Essgewohnheiten in Stresssituationen.
Malaija selbst schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob sie das unliebsame Thema ansprechen oder lieber meiden wollte und war sichtlich erleichtert, als Myri sich zu ihnen gesellte. Wie immer mit zwei Brötchen und süßen Honig bewaffnet. Dazu Kaffee. Schwarz. Um wach zu werden, wie die Reiterin immer behauptete.
“Wo ist Xavar?”, erkundigte sich nun Malaija bei Myri und diese zuckte nur die Schultern. Begann ihr Brot emsig mit Honig zu bestreichen.
“Ich hab die Jungs aus seinem Wohntrakt schon gesehen und auch seinen Mitbewohner, aber ihn selber noch nicht.”
Das verwunderte nun auch Skeyla. Für gewöhnlich war Xavar immer als Erster aus ihrer Gruppe beim Frühstück. Verteidigte mutig ihren Stammplatz gegenüber den Neuen.
Auch, wenn die Soldatin aufgrund des harten Trainings recht wenig vom sonstigen Treiben im Ausbildungslager mitbekommen hatte, so waren ihr durchaus die täglichen Neuankömmlinge aufgefallen. Im Moment wurden offensichtlich viele Soldaten aus dem ganzen Land rekrutiert und für die Vorbereitung auf den Krieg hierher geordert. Kein gutes Zeichen, wie sie selbst nur zu genau wusste.
Kaltur und Askarlas hatten sich die letzten fünfzig Jahre nach der großen Schlacht am Bergpass ruhig verhalten. Es hatte nur kleine Auseinandersetzungen an den Grenzen gegeben. Die großen Verluste auf beiden Seiten, besonders an Drachenreitern, hatten sie vorsichtiger werden lassen. Sie dazu gebracht, ihre offensive Kriegsführung zurückzuhalten. Stattdessen hatten beide Länder die Zeit genutzt, um sich wieder zu erholen. Die Verluste in ihren Reihen mit neuen Rekruten auszugleichen und besonders das dreizehnte Bataillon zu stärken. Hunderte Drachen waren ausgebrütet und ausgebildet worden. Tausende Rekruten neu dem Militär beigetreten. Beide Länder lieferten sich ein zunehmend rasanteres Wettrüsten und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Armee den Vormarsch wagen würde. Die bekannte Ruhe vor dem Sturm.
Die zunehmende Anzahl an Neuankömmlingen in Ritandur sprach für genau diesen baldigen Vormarsch der Armee von Kaltur. Und sobald diese Hemmschwelle übertreten war, würde erneut der Krieg über das Land hereinbrechen. Gefolgt von vielen Toten und Verletzten. Von Waisenkindern und Witwen.
“Skeyla?”
Man musste ihr ihre trüben Gedanken ansehen, denn von beiden Seiten des Tisches aus wurde sie besorgt gemustert.
“Es ist alles in Ordnung.”, wank die Soldatin ab, versuchte sich an einem milden Lächeln.
“Du weißt, dass wir immer ein offenes Ohr für dich haben.”, merkte Malaija an. Sie schien sich nicht ganz sicher zu sein, ob dies der richtige Zeitpunkt war, um Skeyla darauf anzusprechen.
Gerade wollte die Soldatin in ihrer üblichen Manier antworten, als sich ein Schatten über den Tisch legte und ein Tablett neben der Gruppe auf die Holzplatte geknallt wurde.
“Ich hasse Bogenschießen!” Xavar ließ sich geräuschvoll neben ihnen auf der Bank nieder, sah in die Runde. Drei Frauen starrten ihn geschockt, verwirrt und überrascht an.
“Wiederhole das bitte nochmal…?” Myri klang ziemlich verunsichert. Auch Skeyla konnte sich nicht daran erinnern, den Bogenschützen so über seine Fähigkeiten reden zu hören. Eigentlich war er immer recht stolz gewesen. Ein leidenschaftlicher Schütze, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, auch das unmöglichste Ziel zu treffen.
“Diese Frau macht mich wahnsinnig! Immer hat sie irgendetwas auszusetzen!” Fluchend verschränkte der junge Mann die Arme vor der Brust.
“Oberst Matera?” Malaija schien als erstes ein Licht aufzugehen und Xavar nickte nur brummend. Auch Myri entspannte sich nun.
“Habt ihr heute noch trainiert?”, erkundigte sich die Reiterin aufmerksam. Auf ihre Frage hin folgte nur ein entnervtes Stöhnen.
“Heute Nacht. So eine ihrer dämlichen Nacht-und-Nebel-Aktionen. Da wird man um Mitternacht aus dem Bett geklopft, wo vernünftige Menschen schlafen, um auf Ziele zu schießen, die gefühlt den Durchmesser einer Tasse haben.”
“Hast du getroffen?” Malaija klang ernsthaft interessiert und auch Skeyla musterte den Bogenschützen nun neugierig. Eigentlich konnte sie sich kaum vorstellen, dass Xavar überhaupt irgendwann einmal verfehlen würde. Er besaß eine fast schon erschreckende Treffsicherheit und die Soldatin war froh, ihn nicht zum Feind zu haben.
“15 von 15 Zielen.”, erwiderte der Mann mit dem rötlich-braunen Haar nun.
“Und dann regst du dich so auf?” Myri klang empört, boxte Xavar zwischen die Rippen. “Ich bin froh, wenn ich am helllichten Tag überhaupt einen Heuballen treffe.”
“Du bist ja auch blind wie ein Maulwurf.”
“Wie war das?!”
Der Bogenschütze wollte gerade noch einmal wiederholen, was er von den Zielfertigkeiten seiner Kameradin hielt, da kam ihm jedoch Malaija zuvor. Hielt ihm entschieden den Mund zu.
“Das müssen wir jetzt nicht weiter ausführen!”, ermahnte sie die Beiden streng und unter ihrem mahnenden Blick fügten sich die zwei Streithähne.
Skeyla war froh darum, sich an diesem Morgen nicht die üblichen Diskussionen zwischen Myri und Xavar anhören zu müssen. Normalerweise nahm sie diese mit Humor, konnte sogar darüber lachen, aber heute war ihr nicht danach. Wie eine dunkle Regenwolke hingen Angst und Nervosität über ihr. Lasteten auf ihren Schultern. Schwer und unnachgiebig.
Auch Xavar schien dies nun zu bemerken. Musterte die Soldatin nicht weniger besorgt als die anderen beiden Frauen.
“Ich bin sicher, dass du vor dem Rat ein großartiges Bild abgeben wirst! Lass dich nicht unterkriegen! Die werden staunen, mit wem sie es zu tun bekommen.” Aufmunternd grinste der Bogenschütze sie an.
“Deine Zuversicht hätte ich gerade gerne.”, erwiderte Skeyla. Atmete tief durch. Irgendwie musste sie versuchen, sich zu beruhigen. Es würde niemandem und besonders ihr nicht helfen, wenn sie vollkommen orientierungslos und ängstlich vor den höherrangigen Militärs stehen würde. Sie war immer noch Soldatin und kein kleines Mädchen mehr!
Das durchdringende Klimpern eines Glases, gegen das jemand mit einer Gabel schlug, riss die Vier aus ihrer Unterhaltung.
“An alle Rekruten, die von Oberst Kumar eingewiesen wurden, mögen sich bitte zum Eingangstor begeben!” In der Mitte der Terrasse hatte sich ein Mann mittleren Alters aufgestellt. Neben ihm ein junger Rekrut, der das besagte Glas in den Händen hielt.
Jetzt war es also soweit!
Unter den neugierigen Blicken der anderen Soldaten standen Skeyla und vier weitere Neuankömmlinge von ihren Tische auf. Nur für einen kurzen Moment spürte die junge Frau eine leichte Berührung an ihrem Arm. Myri, Malaija und Xavar sahen zu ihr hoch. Wollten ihr Mut machen. Ihr das Gefühl geben, dass sie diesen Weg nicht alleine ging. Tatsächlich gaben die Drei ihr mehr Kraft, als sie je gedacht hätte und so konnte Skeyla hoch erhobenen Hauptes gemeinsam mit den anderen Rekruten die Kantine verlassen.
draußen gesellten sich die Fünf zu den restlichen Neuen. Die Gruppe gab ihnen Halt und Sicherheit. War etwas Greifbares in diesem Durcheinander aus Nervosität und Angst vor der Zukunft. Respekt vor dem, was gleich passieren würde. Und offenbar war Skeyla nicht die Einzige, die sich erzählen lassen hatte, wie der Rat mit seinen Rekruten umging. Auf was für Fragen sie sich gleich einstellen mussten. Die dortigen Generäle würden sie alle auf Herz und Nieren prüfen. Würden sie in Frage stellen. Ihre Schwächen aufdecken und durchleuchten. Möglicherweise Erinnerungen und Entscheidungen an die Oberfläche holen, die man längst verdrängt hatte.
Geschlossen machte sich die kleine Gruppe auf den Weg. Die Soldatin kannte lange nicht alle. Viele sogar nur vom gemeinsamen Training. Myri hatte sie so schnell in ihren Freundeskreis aufgenommen, dass Skeyla nie in die Verlegenheit geraten war, sich mit den Anderen anzufreunden. Dennoch teilten sie nun alle dasselbe Schicksal. Dieselben Gefühle und Empfindungen. Einige steckten sie besser weg, als andere. Wirkten gefasst, ruhig. Manche zeigten ihre Nervosität aber auch fast schon überdeutlich. Kneteten die Finger oder traten unruhig von einem Fuß auf den anderen, als sie vor dem Eingang zum Stehen kamen. Keiner sprach ein Wort, denn auch so wusste jeder, woran man gerade dachte. Man musste es nicht aussprechen. Es war präsent genug.
Die Minuten schienen sich ewig hinzuziehen, bis endlich Kumar auf dem mittleren Weg auftauchte. Auf die kleine Gruppe zuschritt. Routiniert ging er die Namensliste durch. Kontrollierte die Anwesenheit eines jeden Einzelnen. Dann wandte er sich Richtung Ratsgebäude und forderte die Neuankömmlinge mit einem Wink dazu auf, ihm zu folgen. Fast wie bei ihrer Ankunft. Aber nur fast.
Irgendwann begann er zu reden. Wandte sich der Gruppe hinter ihm zu.
“Macht euch nicht zu viele Gedanken. Die Ratsmitglieder sind immer noch Menschen. Sie wollen lediglich sicherstellen, dass jeder seinen optimalen Platz in der Armee findet. Von ihrer Begutachtung und ihrer Einteilung hängt der Erfolg eines möglichen Krieges ab. Das lastet nicht weniger schwer auf ihren Schultern. Sie müssen sich absolut sicher sein, dass ihr belastbar genug seid. dass ihr loyal seid und sie sich auf euch verlassen können. Auch in schwierigen Situationen.”

Das Ratsgebäude stellte den Mittelpunkt Ritandurs dar. Alle anderen Ausbildungsstätten und Häuser waren um es herum gebaut worden. Es stand mitten auf dem zentralen Platz. Umgeben von den Quartieren der höheren Generäle. Mit Blick auf einen Springbrunnen, in dessen Mitte die Statue des ersten Drachenreiters thronte. Er war dargestellt als junger Mann. Mit einem Bogen um die Schultern und einem Köcher voller Pfeile auf dem Rücken. Neben ihm sein Drache. Ein großes Tier, dessen Schwanz sich um den Körper des Mann wand.
Skeyla erinnerte sich an die Geschichten vom ersten Drachenreiter. Wie er siegreich aus einer aussichtslosen Schlacht hervorgegangen war. Die Welt Samorias geeint hatte. Lange über sie herrschte, bevor nach seinem Tod die Ländereien auseinanderbrachen. Laut der Legende sollte es ein Mann aus dem Norden Kalturs gewesen sein. Nicht viel war über ihn bekannt. Das Meiste waren vermutlich auch eher Geschichten und Mythen. Legenden, die nicht mehr viel Wahres beinhalteten. Der vermutlich größte Mythos rankte sich um seinen Drachen. Bis heute waren sich die Schriftgelehrten nicht einige, welcher Elementarkraft er angehört hatte. Nie war der Name des mutigen Begleiters gefallen. Eine Seltenheit. Denn für gewöhnlich wurden die Heldentaten und Geschichten eines mutigen Drachen genauso niedergeschrieben wie die seines Reiters.
Wie oft hatte die junge Soldatin mit der Prinzessin vor den alten Büchern gesessen. Alten Legenden und Geschichten gelesen. Versucht herauszufinden, wer dieser mysteriöse Reiter gewesen war. Doch sie hatten nie eine Antwort auf diese Frage finden können.  
Die Gruppe ging nun langsam an dem wirklich beeindruckenden Denkmal vorbei und kurz darauf hielt Kumar vor dem Ratsgebäude.
Da standen sie nun. Groß ragten die steinernen Wände vor ihnen auf. Neben den riesigen, hölzernen Türen fühlte man sich unglaublich klein und Skeyla fühlte sich ein wenig an Zuhause erinnert. An das Schloss.
Das Vordach des gewaltigen Gebäudes wurde von mächtigen Säulen getragen. Säulen, in die ein kunstvoller Drache eingemeißelt worden war. Sein Körper wand sich vom Boden aus an dem glatten Fels empor und endete mit seinem weit aufgerissenen Maul. jede Schuppe war einzeln in den Stein eingeritzt worden. Ließ die gewaltigen Echsen an den tragenden Säulen fast lebendig wirken.
Der weiße Stein glänzte leicht silbrig im Schein der morgendlichen Sonnenstrahlen. Hin und wieder wurde die glatte Felswand von gläsernen Fenstern unterbrochen. Ließen das Licht in die Räumlichkeiten hinein. Auch an den Fenstern wanden sich Drachen empor. Verzierten den ansonsten schlichten Stein.
Die kleine Gruppe folgte dem Bogengang rechts um das große Gebäude herum und wurden dort bereits vor der hölzernen Eingangstür erwartet. Auf beiden Türflügeln waren ebenfalls wieder Drachen abgebildet. Diesmal jedoch gemeinsam mit einem Reiter auf ihrem Rücken und eine Gruppe feindlicher Soldaten zu ihren Füßen. Auch der Rat trug seinen Stolz über seine hervorragend ausgebildeten Drachenreiter nur zu gerne zur Schau. Wollte offenbar in jeglicher Weise auf diese Leistung hinweisen.
Kumar begrüßte die zwei Wachposten, während die Rekruten immer noch vor der großen Tür standen. Die Arbeit des Tischlers bestaunten, der diese Türen hergestellt haben musste. Auch Skeyla konnte sich an dem Kunstwerk nicht sattsehen. War sowieso schon überfordert mit all den neuen Eindrücken. Niemals hätte sie gedacht, dass das Zentrum von Ritandur so liebevoll und kunstvoll gestaltet war. Auf ihrem Weg hierher hatten sie die sauber in Form geschnittenen Bäume noch lange Zeit begleitet. Waren irgendwann von Büschen abgelöst worden, denen die Gärtner einen runden Schnitt verpasst hatten. Dazwischen immer wieder sorgsam angelegte Beete mit blühenden Pflanzen und Gewürzen, die einen süßen Duft verströmten. Hier im Zentrum Ritandurs erinnerte nichts an die Trainingslager und Rekrutenhäuser. Stattdessen wirkte es hier fast wie in einer ganz normalen Kleinstadt. Mit gepflegten Vorgärten. Enge, kleine Gassen, die sich zwischen den Häusern entlangschlängelten. Freundliches Grüßen, wenn ein Soldat dem anderen begegnete.
Seit dem Krieg vor fünfzig Jahren hatte sich in Ritandur viel verändert. Außer der reinen Militärbasis war ein Zuhause für die Soldaten geworden. Gut versteckt vor neugierigen Blicken. Schwer erreichbar. An einem strategisch optimal gewählten Standort. Aber nicht mehr das graue Gefängnis. Die triste Ausbildungsstätte, von der die Veteranen immer gesprochen hatten.  
Kumar schien sein Gespräch mit den Wachen zu einem Ende zu bringen, denn er wandte sich nun wieder seiner kleinen Gruppe an Rekruten zu. Mit einem Nicken deutete er auf die verzierten Türen.
“Dahinter befindet sich nun der Weg in eure neue Zukunft und ich werde euch damit in die Hände der Obersten geben, die ihr jeweiliges Bataillon führen. Denkt daran, dass dieses Land auf eure Fähigkeiten vertraut. Kaltur kann nur weiterhin bestehen, wenn die jungen Krieger der nächsten Generation unser Vermächtnis weiterführen. Wir ermöglichen euch, unsere Kenntnisse zu erlangen. Doch es liegt an euch, was ihr am Ende daraus macht. Eure Zukunft bestimmt auch die Zukunft dieses Landes. Und jetzt auf ins Innere mit euch. Die Ratsmitglieder warten nicht gerne!”
Einer der Wachposten öffnete nun die Tür und ließ die Neuankömmlinge hinein. In das große Gebäude. In dem sie die Entscheidung über ihre Zukunft erwarten würde. Immer noch ein seltsames Gefühl und die Neugierde, die Skeyla etwas von ihrer Nervosität abgelenkt hatte, schlug nun vehement in Unruhe und leichte Angst um. Angst vor dem Unbekannten. Der falschen Entscheidung. Davor, ihr Leben in die Hände eines Anderen zu geben. Endgültig.
Auch die anderen Rekruten wurden nun wieder nervös. Sahen sich unruhig in der großen, runden Eingangshalle um, die sie empfind. Ein breites Glasdach ließ das Sonnenlicht hinein. Beleuchtete den künstlich angelegten kleinen Teich in der Mitte der Halle. Auch hier wimmelte es nur so von Drachen. Als Bilder. Verzierungen an Wänden und Säulen. Mit und ohne Reiter. In den unterschiedlichsten Posen. Mal wütend aufbegehrend. Mal majestätisch und selbstbewusst. Mal am Boden liegend unter den Krallen eines anderen.
Skeyla erkannte einige bekannte Kriegsszenen. Bedeutende Moment in der Geschichte, die über Generationen weitergetragen worden waren. Drachen und Reiter, die in vielen Büchern erwähnt worden waren. Die für ihre Siege und Niederlagen berühmt geworden waren. Für ihren Dienst am Königreich honoriert und ihrer gedacht. Ihre Lebensgeschichte eingemeißelt in die Wände dieses Gemäuers.
Kumar führte sie an all dem vorbei. Ließ ihnen nicht lange Zeit, diese Art von Kunst zu bewundern. Stattdessen führte er sie von der Halle links einen Gang hinunter. Viele Bilder säumten ihren Weg. Alle mit einer Inschrift aus Namen und Daten. Darunter auch einige berühmte Generäle, die im letzten Krieg ihr Leben gelassen hatten.
Der schier endlose Gang mit Gemälden von toten, berühmten Persönlichkeiten endete recht abrupt vor einer weiteren großen Holztür. Auch vor dieser standen wieder zwei Wachposten. Skeyla fühlte sich zunehmend an den Hof erinnert. Auch am Schloss standen immer und überall Wachen. Teilweise an den ungewöhnlichsten Stellen. Manchmal waren sie an Orten aufgetaucht, von denen man im Traum nicht damit gerechnet hätte, dass diese eine Wache benötigten. Doch der König war sich seiner Sache immer sehr bewusst gewesen. Hatte streng ausgewählt, wer im Schloss diente und wo. Nur jemand, der sich wirklich dort auskannte, wäre an den Soldaten vorbeigekommen, ohne bemerkt zu werden. Liliane und die junge Soldatin hatten sich nur zu gerne einen Spaß daraus gemacht, auf allen möglichen und unmöglichen Wegen aus dem Schloss zu entkommen. Und war es auch nur, um sich selbst zu beweisen, dass sie unbemerkt hinein- und hinausschleichen konnten.
Jetzt war sie jedoch nicht im Schloss und hier gab es auch keinen Weg hinaus. Keine Möglichkeit, einfach wie ein Schatten zu verschwinden und nie wieder aufzutauchen. Sie musste sich der Realität stellen. So schwer es ihr auch fiel.
Diese eröffnete sich nun vor ihr und ermöglichte den Blick auf eine weitere Eingangshalle. Kleiner als die vorherige. Aber nicht weniger Aufwand war in die kunstvollen Verzierungen gesteckt worden.
An den Wänden fanden sich Bänke wieder und Kumar deutete ihnen an, sich zu setzen. Die Gruppe verteilte sich auf die verschiedenen Sitzmöglichkeiten und Skeyla war überrascht, wie angenehm sich der Marmor anfühlte. Keineswegs so hart, wie sie erwartet hätte.
“Wir befinden uns hier im Vorraum vor der Ratshalle.” Der Oberste deutete hinter sich auf eine große Tür. Sie wirkte dunkel und schwer. Schien aus einem anderen Holz zu sein als dem der anderen Türen.
“Ihr werdet nacheinander aufgerufen und in den Saal vorgeladen. Dort werden die einzelnen Generäle der Bataillone euch erwarten und natürlich auch unser oberster Kriegsherr: General Lusar. Er wird euch den Großteil der Fragen stellen. Achtet darauf ehrlich, aber kurz zu antworten. Drückt euch klar aus. Keiner möchte eure gesamte Lebensgeschichte hören. Entspannt euch. Die Obersten dort hinter der Tür wollen euch den bestmöglichen Weg eröffnen, damit ihr euch weiterentwickeln könnt. Aber das können sie nur, wenn ihr ihnen auch die Möglichkeit lasst. Also beantwortet alle Fragen nach bestem Wissen.” Mahnend ließ er seinen Blick über die Gruppe wandern.
Skeyla fühlte sich in diesem Moment nicht wirklich wohl in ihrer Haut. Das tat sie schon die ganze Zeit nicht wirklich, wenn sie ehrlich war. Doch unter dem stechenden Blick des Obersten wurde ihr zunehmend bewusst, wie genau hier und heute jeder von ihnen unter die Lupe genommen werden würde.
Hinter dieser Tür warteten dreizehn Generäle und der führende Kriegsherr. Sie alle würden jedes Wort auf die Goldwaage legen. Jeden aus dieser Gruppe genaustens prüfen, um am Ende entscheiden zu können, wohin sie ihr weiterer Weg führen würde.
“Skeyla!” Kumar sprach die Soldatin an und diese schreckte aus ihren eigenen Gedanken auf. Sah zu dem Drachenreiter empor. “Die Generäle möchten zuerst mit dir sprechen.”
Mit einem Nicken deutete ihr Mentor auf die große Tür. Die Tür, die Skeyla jetzt so viel bedrohlicher erschien, als noch wenige Sekunden zuvor. In den Augen ihrer Leidensgenossen spiegelten sich Mitleid, aber auch der Gedanke daran, froh zu sein, dass man selbst nicht der Erste sein musste.
In seinen Unterrichtsstunden am Hof hatte Magister Lamar immer die Vorteile hervorgehoben, wenn man Erster war. In vielerlei Hinsicht konnte einem dies in die Karten spielen. Auch im Krieg war es nicht selten strategisch sinnvoll, derjenige zu sein, der den Kriegsbeginn ausrief und nicht der, der überrascht wurde. Als Erster konnte man sich in vielen Situationen nicht bis ins Detail mit seinen Ängsten auseinandersetzen. Die Nervosität und Panik vor dem Unbekannten steigerte sich durch das reine Warten nicht ins Unermessliche. Konnte nicht noch zusätzlich durch die Erfahrungen anderer befeuert werden. Doch es konnte auch ein Nachteil sein, der Erste zu sein und genauso fühlte es sich gerade an.
Langsam, fast wie betäubt stand die junge Frau auf und trat unter den wehleidigen und unruhigen Blicken ihrer Gruppe vor die große, hölzerne Tür. Eine der Wache musterte sie von oben bis unten.
“Skeyla Varinta?”, las er vor, während er auf sein Klemmbrett sah. Sie nur eines kurzen Blickes würdigte.
Zustimmendes Nicken.
“Gut. Die Generäle erwarten Sie.” Er öffnete die Tür einen Spalt. Deutete mit einer Handbewegung an, dass sie ihm folgen sollte.
So schwer es ihr auch fiel, aber die junge Soldatin sah nicht zurück. Wagte keinen Blick mehr in die Vergangenheit, sondern richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf ihre Zukunft.
Ab hier hatte sie keine Wahl mehr, aber sie konnte zumindest all das mit Fassung tragen und sich keine Blöße geben. So, wie sie es einst gelernt hatte.
Gemeinsam mit der Wache betrat sie den großen Saal. Hinter ihr schloss sich die Tür.
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