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Tiramer’s Schätze

GeschichteFantasy / P16 / Gen
Drachen Ritter & Krieger
26.11.2020
07.04.2021
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26.11.2020 4.433
 
“Es ist jetzt schon 50 Jahre her und dennoch fühle ich immer noch denselben Schmerz, höre den verzweifelten Ruf unserer Ahnen im Wind. Ich erinnere mich nicht gerne daran zurück. An den Tag, als der Bergpass Hamuls von einem rot befleckten Nebel überzogen wurde. Die Sonne in einem Meer aus Blut und Leichen unterging. Damals kam es zur finalen Schlacht zwischen Askarlas und Kaltur. Damals zogen so viele tausende Menschen in den Krieg. Opferten sich für ein von Intrigen durchzogenes Land, für leere Worte und den puren Blutrausch. Für die Gier eines Einzelnen. Menschen sind für mich Geschöpfe, die ich nie verstehen werde. Ich kann mir ihr Handeln nicht erklären. Ihre Beweggründe nicht verstehen. Und doch hat sich meine Art vor vielen hundert Jahren in ihren Dienst gestellt. Es erfüllt mich mit Bitterkeit, wenn ich daran zurückdenke, wie viele von uns an jenem Tag starben. Wie viele von uns der Gier schutzlos ausgeliefert waren. Und in mir steigt der blanke Zorn auf, wenn ich erkenne, dass dies nur ein winziger Ausschnitt der Geschichte war, dass dies das Schicksal von vielen von uns sein wird. Die Menschen werden immer neue Gründe finden zu kämpfen, sich zu bekriegen, zu töten. Und wir mitten dazwischen. Ist das wirklich der richtige Weg? Kann ich mir selbst noch ins Gesicht sehen, wenn ich all dies wieder und wieder geschehen lasse? Muss ich etwas tun? Liegt unser aller Leben in meiner Verantwortung? Ich glaube nicht. Denn damals… Zwischen all dem Blut, den Leichen, den toten Körpern meinesgleichen… da stand dieser Mensch. Jung war er. Viel zu jung zum Sterben. Und doch flackerte in seinen Augen nicht ein Funken Angst, als er sich schützend vor seinen Drachen stellte. Bereit, den finalen Todesstoß seines Gegenübers an seiner statt anzunehmen. Es war ein seltsam bizarres Bild. Erschien es mir doch immer so, als würden die Menschen uns benutzen. Als wären wir nur ein Werkzeug. Ein Mittel zum Zweck. Und in diesem Moment wusste ich, dass dieser Mensch die Welt verändern könnte. Dass sein Schicksal mit unserem verbunden sein würde. Dass er vielleicht den langersehnten Frieden zurück in die Wälder bringen könnte. In unsere heilige Geburtsstätte. Warum ich mir mit dem so sicher war? Das weiß ich bis heute nicht. Aber dieser Soldat zeigte weit mehr Mut, weit mehr Loyalität und Kameradschaft, als ich es je einem Menschen zugetraut hätte.”
“Ihr sprecht in Rätseln?”
“Tue ich das? Nun gut… Dann werde ich Euch wohl die ganze Geschichte erzählen, wenn Ihr dies wünscht?”
“Ich habe Zeit.”
“Sehr gut. Sie wird wohl etwas Zeit in Anspruch nehmen… Also, wo beginne ich am besten?”


Die Sonne streckte langsam ihre goldgelben Strahlen über die weißen, schneebedeckten Berghänge Hamuls. Zwischen den Wänden aus Fels und Gestein glitt ein dunkler Schatten über die Ebene. Einzelne Tiere stoben auf. Krähen flatterten laut protestierend von den kahlen Bäumen auf. Bergziegen sprangen verschreckt zwischen dem Geröll in Sicherheit. Die gewaltigen Flügel maßen gut acht Meter. Sie trugen einen schuppenbedeckten Körper, schlugen kräftig und gleichmäßig, während der Herzschlag des monströsen Wesens sich im Echo der Berge wiederfand. Von weit her trug der Wind das Klirren von Klingen herbei, ließen das Wesen abfällig schnauben, seine Flügelschläge beschleunigen. Brüllen und Schreien, Kriegsgeschrei und Todesgeheul mischten sich in den Klang zwischen den Bergen, ließen den kräftigen Schuppenkörper erzittern. Das Herz donnerte schmerzend in seiner Brust.
Die Zähne gebleckt schoss der Drache auf die Ebene hinaus, grub die langen, scharfen Zähne in den ersten Körper, der ihm vor die Nase kam. Krachend gab das Rückgrat des kleineren Drachen unter seiner Beißkraft nach. Ein letzter Atemzug, lautes Aufjaulen und Drache samt Reiter stürzten in die Tiefe hinab.
“Lolitas! Pass auf, dass Ferenir dir nicht übermütig wird. Wir halten uns an die Befehle des Generals!”
Der Kopf des großen Drachen ruckte herum. Dank der fabelhaften Idee des Generals waren sie ja erst in diesen Hinterhalt hineingelaufen. Ahnungslos. Dabei hatte Lolitas seine Bedenken offen geäußert. Aber niemand hörte auf einen neuen Rekruten, der seinen ersten großen Feldzug erlebte. Warum sollte man auch?! Die alten, weisen Kriegsveteranen waren allwissend und würden das schon hinkriegen. Eitles Pack! Der Drache brüllte wutentbrannt auf, wehrte sich den Bruchteil einer Sekunde lang gegen den leichten Zug am Zügel, die Änderung des Gewichts in seinem Rücken und die Berührung an seinem Nacken, die ihn auffordern sollten, sich doch dem Plan des Obersten zu beugen.
Du bist viel zu nachsichtig!, stellte der Drache fest, knurrte unwillig. Sie haben uns nur überraschen können, weil sie dir nicht einen Moment lang Gehör geschenkt haben!
“Und du bist viel zu nachtragend! Es bringt aber auch nichts, sich nun ihren Befehlen zu verweigern. Wir müssen irgendwie versuchen, diese Position zu halten. Und dafür müssen wir die Anderen unterstützen!”, merkte Lolitas mit Nachdruck in der Stimme an. Duldete offensichtlich keine Widerrede.
Es stimmte, dass vieles vermieden hätte werden können, hätte man ihm Gehör geschenkt. Hätte man auf seinen Instinkt vertraut. Aber er gab sich selber gegenüber auch zu, dass er wohl niemals - wäre er anstelle des Generals gewesen - seine gesamte Kampfstrategie nur aufgrund des unguten Gefühls eines Soldaten über den Haufen geworfen hätte.
Niemand hatte ahnen können, dass der Feind in den eigenen Reihen lauerte. Dass sie einen Verräter unter sich hatten, der das geheime, letzte Lager der Armee preisgegeben hatte. Der, der feindlichen Armee Kalturs die Möglichkeit gab, direkt anzugreifen, den Überraschungsmoment zu nutzen. Nun fanden sie sich alle in einer Kampfsituation wieder, die alles andere als optimal war. Abgesehen von den drei großen Ebenen hatten die Drachen wenig Möglichkeiten zum direkten Angriff. Zwischen den engen Berghängen gestaltete sich ein Luftkampf mehr als anspruchsvoll und das Risiko von den Bogenschützen aus dem Sattel geholt zu werden, war gefährlich hoch. Askarlas Kampfstärke lag in ihrem hervorragend ausgebildeten dreizehnten Bataillon, das nun nicht seine gesamte Kampfkraft zeigen konnte. Dennoch mussten sie kämpfen. Auch wenn die Aussichten auf einen Sieg verschwindend gering waren.
Auch Lolitas wusste dies. Wusste um das Risiko, um die hohe Wahrscheinlichkeit, dass er hieraus nicht lebend zurückkehren würde. Und dennoch empfand er keine Angst, als er hinabsah. Auf das Massaker aus toten, schuppigen Körper und seltsam verdrehten Leichen, die einst seine Kameraden und Feinde gewesen waren.
“Lolitas!” Der kräftig gebaute Kriegsveteran Saltyr sprach ihn von der Seite an. In seinen Augen leuchtete die bekannte Ruhe. Lolitas konnte sich nicht erinnern, jemals so etwas wie Aufregung oder Unruhe in ihnen aufleuchten zu sehen.
“Du und Fylfna übernehmt mit euren Drachen die linke Seite. General Tamir müsste inzwischen den Bergpass überwunden haben, sodass wir sie einkreisen können. Das ist unsere einzige Chance auf einen Sieg! Keine Alleingänge! Niemand spielt den Helden! Haltet euch streng an die besprochene Strategie! Auch du Ferenir!”
Der Drache schnaubte unwillig, reagierte dann aber auf den leichten Zug am Zügel und folgte Fylfna mit ihrer Blizzarddame zum abgesprochenen Treffpunkt mit den Kampftruppen des Generals.
Weit kamen sie allerdings nicht. Scheinbar hatte auch ein gegnerischer Trupp von Drachenreitern dieselbe unwegsame Route durch die Täler genommen. Trotz des hohen Risikos verletzt oder sogar getötet zu werden. Ferenir reagierte zum Glück schneller als sein Reiter, öffnete ruckartig die großen Flügel und wurde vom Aufwind in die Höhe getragen, bevor sich die langen Zähne des Blitzdrachen in seinen Hals gebohrt hätten.
“Fylfna!” Lolitas versuchte hektisch, seine Partnerin wieder ausfindig zu machen. Hatte sie einer der Drachen erwischt? Sollte er ihr zur Hilfe eilen? Nicht den Helden spielen, Lolitas!, ermahnte ihn Ferenir. Wir sollen uns an den Plan halten! Selbst, wenn dabei jemand stirbt! Oder hast du dich plötzlich spontan umentschieden?
Lolitas’ Hände krampften sich um die ledernen Zügel. Ferenir hatte ohne Zweifel recht. Die Anweisungen der Ranghöheren hatten Vorrang. Aber was, wenn Fylfna doch noch lebte? Wenn er ihr helfen könnte? Wenn sie vielleicht sogar in diesem Moment darauf hoffte, dass er sie retten würde?

“Darf ich Euch etwas fragen?”
“Selbstverständlich!”
“Warum habt Ihr nicht zu diesem Zeitpunkt schon in den Kampf eingegriffen? Warum habt ihr Fylfna sterben lassen? Sie stand ihm doch angeblich sehr nahe, wenn man den Geschichten glauben schenken darf?”
“Weil Menschen manchmal erst etwas sehr Wichtiges in ihrem Leben verlieren müssen, bevor sie in der Lage sind über sich selbst hinauszuwachsen.”
“Das heißt, damit ich meine Ziele erreichen kann, muss ich den Verlust eines geliebten Menschen miterleben? Ich muss etwas für mich sehr Wichtiges verlieren?”
“Ihr seid Eurem Ziel bereits nähergekommen, als ihr ahnt.”
“Ihr könnt in die Zukunft sehen?”
“Keineswegs. Aber Ihr habt bereits etwas sehr Wichtiges verloren.”


Ferenir spürte, dass Lolitas in diesem Moment vollkommen unfähig war, irgendeine Entscheidung zu treffen. Hin und her gerissen zwischen Kameradschaft und Pflichtgefühl, wagte er es weder seine Kameradin zurückzulassen noch dem Befehl des Obersten zu folgen und zu General Tamir aufzuschließen. Für den Drachen stand fest, dass er eine Entscheidung herbeiführen musste und für ihn wog das Leben vieler Menschen und Soldaten schwerer, als das eines Einzelnen. Würde Kaltur diese Schlacht gewinnen, hätte Askarlas nie wieder den Hauch einer Chance, den Wäldern Tiramers so nahe zu kommen. Das hier war der letzte Versuch. Mehr als zu viel war bereits schief gegangen. Einen weiteren Fehler, eine weitere Lücke im Schlachtplan durfte sich die Armee Askarlas nicht erlauben.
Kräftig zog das große Tier an den Zügeln. Entzog sich damit auch der direkten Kontrolle durch den immer noch handlungsunfähigen Reiter und richtete seine Aufmerksamkeit gen Osten. Ein letzter Blick in die Tiefe, wo die feindlichen Drachenreiter mit Fylfna verschwunden waren, dann löste sich Ferenir aus seiner Starre und flog mit kräftigen Flügelschlägen zum vereinbarten Treffpunkt.
Der Flug nahm nur wenige Minuten in der schwindelerregenden Höhe über dem Schlachtfeld in Anspruch und doch änderte sich in diesen wenigen Metern Flug die gesamte Szenerie. Statt Berge von Leichen kämpften Soldaten am Boden und in der Luft um ihr Leben. Drachen stürzten brüllend zu Boden. Begleitet von den hilflosen Rufen ihrer Reiter. Der General war in dem Getümmel nicht ausfindig zu machen und beiden wurde in diesem Moment klar, dass ihre Kampfstrategie schon lange keinen Erfolg mehr versprechen würde. Die Soldaten Kalturs waren zu zahlreich, zu gut organisiert, hatten bereits zu viele Opfer gefordert und waren viel zu weit Richtung Lager vorgedrungen. Dieser Kampf erinnerte mehr an ein Gemetzel als an das Aufeinandertreffen zweier ebenbürtiger Gegner auf dem Schlachtfeld.
Lolitas ahnte, dass er hier nicht lebend herauskommen würde. Niemals. Er hatte jetzt die Wahl mutig auf dem Feld zu sterben oder während der Flucht von hinten mit einem Pfeil ermordet zu werden. Sie befanden sich in einem Kessel. Vermutlich bereits umzingelt von der feindlichen Armee, die nur darauf wartete, dass sich die Soldaten in Todesangst zerstreuten, versuchten zu fliehen, um sie dann einen nach dem anderen auszuschalten.
Lolitas lief es kalt den Rücken herunter. Hatte es überhaupt jemals Erfolgsaussichten gegeben? Oder waren alle Soldaten von Anfang an eh nur Futter für die bluthungrigen Schwerter der Kalturer gewesen? Dieser Gedanke machte ihn wütend. Niemand seiner Kameraden hatte es verdient, einfach so, vollkommen wertlos, zu sterben. Für einen Krieg sein Leben zu lassen, der nur zum Schein geführt worden war. Fylfna hatte hierfür ihr Leben lassen müssen. So viele Soldaten waren ihren Wunden erlegen. So viele Familien würden bei der Rückkehr des Heeres nur die Überbleibsel ihrer Söhne und Väter beerdigen dürfen. Was war das für eine grausame Welt, in der Menschen sinnlos für etwas sterben mussten, nur um ein Exempel zu statuieren, um zu zeigen, dass sie noch nicht tot waren?!
Sein Blut kochte vor Wut und Ferenir spürte, dass es hier und heute keine Flucht geben würde. Sein Reiter würde nicht zulassen, dass diese Tode umsonst gewesen waren. Und auch ihn erfassten Trauer, Hass und Wut gleichermaßen. Vielleicht würden sie das hier nicht überleben. Mit Sicherheit würden sie das nicht. Aber sie konnten zumindest versuchen, so viele feindliche Soldaten wie nur möglich mit in den Tod zu reißen.
Die leichte Berührung an seinen Seiten reichte Ferenir als Aufforderung. Er zog seine Flügel eng an den Körper und sauste auf das Schlachtfeld zu. Seine Aufmerksamkeit lag vollkommen auf einem jüngeren Drachen, der scheinbar nie gelernt hatte, in einem Kampf auch nach oben zu sehen. Ein leichtes Opfer.
Mit der Wucht seines gesamten Körpers riss Ferenir den feindlichen Drachen in die Tiefe, schloss seine Klauen fest um den schlanken Leib. Brüllend versuchte sich das Tier zu befreien. Sich und seinen hilflosen Reiter zu retten, doch Ferenir ließ nicht von ihm ab, hielt direkt auf eine Felswand zu. Die Krallen des Kleineren bohrten sich in seine schuppige Haut, erahnten, was der größere Drachen vorhatte. Im letzten Moment öffnete Ferenir die Flügel, ließ den Kleineren los und dieser donnerte mit einem Aufheulen gegen die Felsen. Einige Geröllbrocken kamen ins Rollen und rissen den Drachen mit sich zu Boden, begruben ihn und einige feindliche Soldaten unter sich.
Viel Zeit blieb den Beiden allerdings nicht, ihren ersten Triumph gebührend zu feiern. Aus den Augenwinkeln entdeckte Lolitas einen etwa gleich großen Blitzdrachen, der sich ihnen gefährlich schnell näherte.
Der scheint es auf uns abgesehen zu haben…, stellte Ferenir fest. Lolitas nickte nur leicht, wirkte abwesend, während er den anfliegenden Drachen immer noch musterte. Irgendetwas schien ihn zu verwirren, sorgte für eine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen.
Lolitas! Ich denke nicht, dass wir jetzt anfangen sollten zu sinnieren!
Immer noch schien ihm der junge Mann nicht zuzuhören und Ferenir ruckte etwas unsanft an den Zügeln. Er wollte ungern zu einem leichten Ziel werden.
“Warte noch einen Moment!”, hörte er Lolitas leise, dessen Miene sich nun verfinstert hatte. Ferenir drehte seinen Kopf zu dem jungen Mann. Es stand außer Frage: Lolitas war sich seines Handelns absolut bewusst.

“Das war also ihr erstes Aufeinandertreffen.”
“So könnte man sagen.”
“Sie haben sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen…”
“Ihr wisst scheinbar mehr, als Ihr vorgebt?”
“Gut möglich. Auch wenn ich vieles noch nicht verstehe, was ich bereits weiß, so bin ich doch gründlich dabei vorgegangen, all das in Erfahrung zu bringen, was mir von Nutzen sein könnte.”
“Dann wisst Ihr sicherlich auch von der Herkunft der Beiden.”
“Möglicherweise?”
“Jetzt seid Ihr es, die in Rätseln spricht.”


“Ich bin nicht davon ausgegangen, dich hier lebend anzutreffen. Du musst Glück gehabt haben. Mehr Glück als deine Kameradin.”, stellte der Reiter des Blitzdrachens fest. Er trug eine Kapuze und dennoch erkannte Lolitas die Stimme genau. Sie hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er würde sie nie wieder vergessen.
“Scheinbar steckt in mir mehr Kämpfer, als man ahnen würde.”
Der fremde Reiter lachte, klopfte seinem Blitzdrachen auf die Schulter.
“Ich denke, Fariane wird Spaß daran haben, mit euch zu spielen. Die anderen Drachen waren ihr doch etwas zu leicht zu erlegen.”
“Krieg ist kein Spaß.” Lolitas spannte sich an. Rechnete jederzeit mit einem Angriff des großen Drachen. Seine Schuppen glänzten gräulich-blau im matten Licht der Sonne und er war sogar noch größer als Ferenir. Und der war definitiv kein kleiner Vertreter.
“Euer General ist gefallen.”
Stille.
“Das ist unmöglich!”, erwiderte Lolitas wutentbrannt. General Tamir galt als einer der besten Reiter dieses Jahrhunderts. Er würde nicht einfach so der Klinge eines normalen Soldaten zum Opfer fallen.
“Er hat tapfer gekämpft. Aber am Ende musste er sich dann doch seinem Schicksal beugen.”
“Woher willst du das wissen?” Lolitas Hände zitterten. Ferenir knurrte leise, drohte dem feindlichen Drachen mit seinen langen Zähnen. Noch verhielt letzterer sich ruhig, wollten sie scheinbar nur einschüchtern, aber wie lange noch?
“Sein letzter Gedanke galt nur seinem Land. Der Hoffnung auf einen Sieg. Wie soll dieser erbärmliche Haufen Soldaten ein so gut ausgebildetes Heer wie das von Kaltur schlagen können? Ich weiß es nicht… Aber vielleicht kannst du mir das ja erklären, Lolitas? Mit deinem Sinn für Gerechtigkeit. Der Mensch, dem Treue und Loyalität, Kameradschaft und Freundschaft so viel wichtiger sind, als Ruhm, Reichtum, Glorie und Macht.”
Der Kapuzenreiter griff an seine rechte Seite und zog ein Schwert hervor.
Ein Schwertkämpfer im Luftkampf?
Auch Lolitas stutzte. Drachenreiter nutzten eher selten Nahkampfwaffen. Vom Rücken eines Drachen gestaltete es sich nicht selten schwierig, einen sauberen Schlag zu führen. Noch dazu, wenn der Drache so groß war, wie der seine.
“Was ist los, Lolitas? Bekommst du doch plötzlich kalte Füße?”
Nur kurz sah der junge Reiter ein Grinsen unter der Kapuze aufblitzen. Zwei Augen, die herausfordernd funkelten.
“Möchtest du vielleicht lieber um dein Leben fliegen? Keiner würde dir einen Vorwurf machen, wenn du in solch einer verzweifelten Situation Hochverrat begehst.”
Nach kurzem Zögern griff Lolitas ebenfalls nach seinem Schwert. Der feindliche Reiter schien der festen Überzeugung zu sein, ihn in einen Nahkampf verwickeln zu können. Er sollte also besser darauf vorbereitet sein.
“Immerhin schon einmal eine klügere Waffenwahl als der dumme General. Hol sie dir, Fariane!”
Wie in Zeitlupe sah Ferenir sich die Muskeln des grau-blauen Drachen anspannen, erahnte das Ziel der langen, spitzen Zähne und ließ sich fallen. Über ihm trafen krachend die kräftigen Kiefer des Blitzdrachen aufeinander.
Das hier war einer der wenigen Kämpfe, in denen Ferenir seinem Gegenüber nicht in Größe und Kraft überlegen war. Er konnte den fremden Drachen weder greifen, noch in irgendeiner Art und Weise nach belieben bewegen. Stattdessen war er nun der schwächere Teil, musste seinem Gegenüber in Wendigkeit und Geschwindigkeit überlegen sein, seine Angriffe vorausahnen. Einmal zwischen den kräftigen Zähnen dieses Blitzdrachen und es wäre aus. Das würde er auch mit seinem kräftigen Schuppenpanzer nicht überleben.
Der Drache öffnete seine Flügel wieder, flog in einem Bogen um das große Tier herum. Der lange Hals, dazu der lange Schwanz und die großen Flügel machten es dem Drachen möglich, eine große Reichweite für raumgreifende Angriffe abzudecken. Ein Herankommen erschien beinahe unmöglich. War das Schwert vielleicht doch die falsche Wahl gewesen?
“Ferenir!” Lolitas’ Stimme riss den Lavastromdrachen aus seinen Überlegungen. Gerade noch rechtzeitig, denn die Schuppen des Blitzdrachen begannen zu leuchten und zu funkeln. Kleine Blitze zuckten über den langen Körper. Die Luft schien sich geradezu mit der Kraft des Drachen aufzuladen und Ferenir zuckte zusammen, als ein paar der kleinen Blitze auch seine Flügel erreichten. Wie kleine Nadeln schienen sie sich in die empfindliche Haut zu bohren und der Drache jaulte auf, versuchte sich dem zu entziehen, in dem er etwas mehr Abstand zwischen sich die Quelle dieser Kraft brachte.
Auch Lolitas spürte zunehmend die kleinen Stromschläge durch die leichte Rüstung auf seiner Haut. Was genau tat dieser Drache da? Was war das für ein Angriff? So etwas hatte er noch nie bei einem Drachen vom Typ Blitz gesehen. Umso erschreckender erschien ihm das Ausmaß dieser Kraft, die der Kapuzenreiter dort als seinen Gefährten im Kampf sein Eigen nennen durfte. Ob der General so gestorben war? Was passierte, wenn der feindliche Drache diesen Angriff auf sie richtete? Das wollte Lolitas eher ungern herausfinden, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Ferenir, dessen Körper vor Schmerzen angespannt war. Der Reiter empfand tiefe Bewunderung für seinen Drachen, der in dieser Situation immer noch alles daran setzte, sie in der Luft zu halten.
“Noch nicht genug?”, raunte der Fremde. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm die Richtung, in die dieser Kampf ging, mehr als gefiel.
“Ferenir…”, wisperte Lolitas, berührte sanft die weiche Haut an seinem Hals.
Ich weiß.
Der Drache sammelte seine letzten Kräfte, seinen letzten Überlebenswillen. Das Hier würden sie niemals überleben, wenn sie nicht eingriffen! Mit einem lauten Brüllen schoss der rot geschuppte Drache vorwärts, nutzte den plötzlichen Überraschungsmoment, um nach dem Hals des Blitzdrachen zu schnappen. Aufheulend trafen die spitzen Zähne auf das weiche Fleisch, gruben sich tief hinein, hielten den großen Kopf, der sich wehrte, in die Luft schnappte.
Immer noch durchzuckten kleine Blitze die Luft. Unbarmherzig stachen sie auf den Lavastromdrachen ein, versuchten, seinen Griff zu lösen, doch Ferenir hielt den Blitzdrachen eisern gefangen. Das Adrenalin pumpte wild durch seinen Körper und ließen ihn mitsamt seiner Kampfeslust den Schmerz vergessen. Hier und heute würde er nicht sterben! Und er würde sich auch von so einem Monsterdrachen nicht bezwingen lassen, nur weil er ein paar Meter größer war.
Der Körper zwischen seinen Zähnen wand sich, bemüht, sich loszureißen, während die beiden Drachen immer weiter aufstiegen, sich über das Kampfgeschehen erhoben. Die langen Klauen des Blitzdrachen trafen Ferenir. Hinterließen tiefe Wunden an seiner Flanke. Der Drache verstärkte seinen Biss, versuchte mit roher Gewalt den Hals des Anderen unter sich zu brechen. Seine Krallen bohrten sich in die Brust vor ihm, fühlten das warme Blut an ihnen. Blut voll von Schmerz, Leid und Mordlust.

"Wer genau ist dieser Drache? Diese Fariane? Oder besser was?"
"Das zu erklären würde bei Weitem den Rahmen dessen sprengen, was ich Euch erzählen möchte."
"Dieser Drache scheint sehr gefährlich zu sein, wenn er sogar dem Drachen des Generals gefährlich werden konnte."
"Mit dieser Feststellung liegt Ihr keineswegs falsch. Doch warum wollt Ihr das überhaupt wissen? Ihr wisst doch sicherlich, was mit ihr geschah?"


Ineinander verbissen und verkeilt stoben die beiden Drachen über das Schlachtfeld hinweg. Seine Körpergröße und Kraft nicht als seine Hauptwaffe nutzen zu können, verunsicherte Ferenir, zwang ihn in eine Rolle, die er normalerweise im Kampf nie annahm. Die Rolle des Schwächeren, Kleineren. Desjenigen, der Wendigkeit, Geschick und Strategie anwenden musste, um seinem stärkeren Gegner etwas entgegenbringen zu können.
Lolitas spürte, dass sein Drache sich in dieser Situation nicht wohl fühlte, dass er nicht seine volle Kraft nutzen konnte. Und das gerade gegen solch einen starken Gegner. Die langen Krallen des Blitzdrachen hatten tiefe Wunden geschlagen und obwohl Ferenir tapfer kämpfte, sich weigerte, den Hals des fremden Drachen loszulassen, so spürte der junge Mann die Kräfte seines Freundes schwinden. Lange würde er das große Tier nicht mehr auf diese Weise unter Kontrolle halten können und sobald dieses Monstrum freikam, würde es versuchen, Ferenir zwischen seine Zähne zu bekommen.
“Lass los, Ferenir!”, fasste Lolitas seinen Entschluss. So würden sie niemals gegen ihre Gegner ankommen. Nicht, wenn sein Lavastromdrache vollkommen erschöpft und schwer verletzt war.
Zweifelnd sah der Drache zu ihm, haderte mit sich selbst und mit Lolitas’ Entscheidung. Der junge Drachenreiter hielt ihr beider Leben in seinen Händen. Sein Handeln würde darüber entscheiden, ob sie hier lebend wieder herauskamen und Ferenir vertraute ihm. Vermutlich sogar mehr als sich selbst.
Er löste seinen Griff nur ein wenig und der Blitzdrache ergriff sofort seine Chance. Brüllend befreite er sich, schlug um sich und versuchte nun seinerseits Ferenir zwischen die gewaltigen Kiefer zu bekommen. Lolitas griff in die Zügel, riss seinen Drachen herum und rettete ihn in letzter Sekunde vor den langen, weißen Zähnen, die ihm sicherlich das Genick zersplittert hätten.  
“Runter, Ferenir! Wir müssen aus seiner Reichweite!”
Augenblicklich klappte der Drache die großen Flügel zusammen und ließ sich fallen. Ja, Ferenir würde Lolitas in jeder Situation sein Leben anvertrauen und er glaubte ihm, dass er wusste, wie sie diesen Kampf gewinnen konnten. Auf die übliche Weise würde er hier nicht weiterkommen.
Der Wind pfiff in seinen Ohren, während sich Ferenir dem Boden gefährlich schnell näherte. Hinter ihm folgte der Blitzdrache, sah sich seinem Sieg schon nahe. Doch so leicht wollten Lolitas und sein Drache es dem Feind nicht machen.
Eng an seinen Drachen geschmiegt, stürzten die Beiden Richtung Boden.
“Warte noch!” Lolitas’ Blick war stur geradeaus gerichtet. Den tödlichen Aufprall bereits vor Augen. Der Boden kam gefährlich nahe.
Erst im letzten Moment gab Lolitas den leichten Tipp in Ferenir’s Seite. Auf dem Fuße kam der Drache seiner Aufforderung nach, öffnete schlagartig die großen Flügel. Einige Geröllbrocken wurden von der plötzlichen Wucht über das Schlachtfeld geschleudert. Die kräftigen Beine streiften den Boden. Mit drei langen Sprüngen drückte sich der Drache wieder vom Boden ab, rauschte haarscharf an den gewaltigen Steinwänden vorbei und über die Köpfe der Soldaten hinweg.
Der plötzliche Richtungswechsel hatte ihnen einen minimalen Vorsprung verschafft. Der gegnerische Blitzdrache war gezwungen worden, seine Flügel schon deutlich früher zu öffnen, konnte aufgrund seiner Größe nicht die enge Wendung zwischen den Steinen vollführen. Einen Augenblick nur, der Lolitas den Moment zum Nachdenken ließ, den er brauchte.
Er lenkte Ferenir gezielt vom Schlachtfeld und in die engen Felsformationen hinein. Ein Drahtseilakt. Sollte der Drache bei seiner derzeitigen Geschwindigkeit die Felswände streifen, würde er seine Flugbahn nicht mehr halten können und beide in den sicheren Tod stürzen. Unter ihnen wartete bereits der dunkle Abgrund aus scharfkantigen Steinen und Geröll darauf, sie aufzuspießen. Bloß nicht nach unten sehen!

“Lolitas muss ein hervorragender Flieger gewesen sein, wenn er es sich zutraut, zwischen den Bergkämmen von Hamul einen Flugkampf anzuzetteln.”
“Das war er. Ohne jeglichen Zweifel. Ich habe noch nie jemanden so gut fliegen sehen wie ihn.”
“Ihr scheint ihn ja geradezu zu bewundern.”
“Es ist nichts falsch daran, jemanden für etwas zu loben, in dem er herausragende Leistungen zeigt. Jeder andere Soldat hätte an seiner Stelle sicherlich den Kampf auf offenem Feld bevorzugt, doch er entschied sich dazu, seine letzte Trumphkarte auszuspielen.”
“Das klingt fast so, als würdet ihr ihn wirklich gut kennen.”


Die Felswände zogen sich enger und enger um Ferenir zusammen. Geradeso konnte er es vermeiden, mit seinen großen Flügeln diese Mauern aus Stein zu streifen. Und doch ermutigte ihn Lolitas dazu, immer tiefer und weiter in das enge Labyrinth aus Berg und Tal zu fliegen. In diesem Moment dachte wohl keiner an das, was passieren könnte, sollten sie eine Kurve schneiden, etwas zu nah an einer der Felswände fliegen. Ihnen war beiden klar, dass das nicht geschehen durfte!
Der Kapuzenreiter hinter ihnen war gezwungen worden, höher aufzusteigen, konnte ihnen in dem engen Geflecht aus Geröll nicht folgen. Zwischen den Felsen und meterhohen Wänden aus Gestein war es unmöglich, ein Ziel zu erfassen. Dazu die dichte Schwärze, die zunahm, umso weiter man sich in die Tiefen der tödlichen Täler vorwagte.
Geradezu unsichtbar schoss der Lavastromdrache durch die engen Gassen, machte es dem größeren Drachen unmöglich, ihn ausfindig zu machen.
Und dann kam er. Der entscheidende Moment. So kurz, so plötzlich, so unvorhersehbar, dass selbst ein erfahrener Soldat ihn nicht hätte vorausahnen können. Doch Lolitas spürte ihn. Und mit ihm Ferenir, der aus der dichten Schwärze des Tals hervorgeschossen kam und den kräftigen Blitzdrachen an seinem linken Flügel zu fassen bekam.
“Fariane!” Brüllend stürzte der Drache in die Tiefe, konnte sich nicht länger in der Luft halten.
Ferenir grub seine Klauen in die weichen Flügel, brach knackend einige Knochen, als er seine Zähne tiefer in den Flügelansatz des Blitzdrachen grub. Verzweifelt versuchte dieser, den lästigen Angreifer loszuwerden, verbiss sich in Ferenir’s Schulter, als er diese zu fassen bekam.
Der Drache unterdrückte ein Aufjaulen. Unter keinen Umständen durfte er jetzt loslassen!
Nicht einen Hauch von Angst in den Augen glich er Lolitas, der den Kapuzenreiter furchtlos entgegensah.
“Wenn es sein muss, dann sterben wir zusammen!”
Klirrend und quietschend glitten die langen Krallen des Blitzdrachen über die glatten Felswände. Ein letzter, verzweifelter Versuch, sich und seinen Reiter zu retten.
Donnernd hallte das Echo von den Bergen wieder, als die beiden Drachen am Boden aufkamen, die hellen Schmerzensschreie immer dunkler wurden und schließlich verstummten. Von der Schwärze verschluckt wurden.
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