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Der Ranger, der Druide und die Wölfe

von Inkling87
GeschichteAllgemein / P12
OC (Own Character)
26.11.2020
26.11.2020
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Der Ranger, der Druide und die Wölfe


In der Nacht der Geburt des jüngsten und letzten Sohns von Nomaden-Häuptling Azaine Wolfbane und seiner dritten Frau Erethil, sahen die Schamanen fremde Zeichen in ihren Drachenknochen. Wohl und Weh sollte dem Stamm durch den Neugeborenen widerfahren. Azaine war nicht glücklich mit diesen Ohmen, jedoch war ihm mit Leortis sein siebter Sohn geboren worden. Unter seine sechs älteren Söhne würde sich bestimmt ein würdiger Nachfolger finden. Leortis sah weder seinem Vater noch seiner Mutter ähnlich und obwohl Azaine seine Frau nie der Untreue bezichtigen würde, hatte er die Idee, dass der Junge nicht von ihm sein könnte, doch im Hinterkopf.
Leortis Kindheit verlief behütet im inneren familiären Kreis des Stammes. Erethil kümmerte sich, mit besonderer Hingab, um ihren einzigen Sohn.
Sein elfisches Erbe war in ihm stärker ausgeprägt als in seinen Geschwistern und Halbgeschwistern. Er alterte langsamer und meditierte, statt zu schlafen, seine Ohren waren spitzer und die Gesichtszüge kantiger als bei jedem seiner Verwandten. Er konnte sehen, wie es nur Elfen konnten und tat sich bereits als kleiner Junge in jeder Art des Kampfes und der Jagd mit dem Bogen hervor. Er bewegte sich lautlos und hatte eine intuitive Begabung für Magie.
Leortis wurde zum Ranger ausgebildet von den erfahrenen Waldläufern seiner Sippe, die ebenfalls meist Elfen und Halb-Elfen waren.
Er wuchs zu einem hochgewachsenen, schlanken Mann mit dunkelgrauem, zottigem Haar, die schwer im Zaum zu halten waren, und bernsteinfarbenen Augen unter schmalen Augenbrauen heran. Er war beliebt bei den Mädchen, da er in allem brillierte, was er tat und sein exotisches Aussehen verlieh ihm etwas Anziehendes. Die älteren Mitglieder des Stammes misstrauten ihm und sein Vater hielt wenig von ihm. Seine Brüder waren nicht weniger begabt als er und die meisten seiner Schwestern heirateten, begaben sich auf Reisen, musizierten oder übten sich in ihren magischen Fähigkeiten.  
Das Gebiet in dem Azaines Nomadenstamm umherzog, war bereits vor Leortis Geburt von einem Kupfer-Drachen heimgesucht worden. Mit ihm kamen Drachen-Kultisten. Die Nomaden verteidigten sich gegen den Drachen und seine Anhänger. Doch der Säure-Atem des Drachen zerfetzte die angreifenden Nomaden. Ein Sieg war undenkbar und Azaine handelte einen Pakt mit den Kultisten aus. Opfer und Schätze für den Drachen und ein Ende der Kämpfe.
Die Kämpfe der einzelnen kleinen Nomadenstämme gegen den Drachen vernichtete die meisten dieser Stämme. Azaine’s Stamm nahm die Flüchtlinge auf, meist menschliche Frau mit Kindern und halbwüchsige. Der Stamm wuchs und nach dem Friedenschluss mit dem Drachen und seinen Anhängern, erklärte Azaine, dass alle Nomaden, die überleben wollte, sich entweder ihnen anschließen mussten oder aus dem Tal fliehen sollten, um dem Drachen zu entgehen. Die meisten Stämme unterwarfen sich und die früheren Häuptlinge gliederten sich in den Ältestenrat, der eine beratende Funktion für Azaine hatte, ein.
Leortis hielt seinen Vater in dieser Hinsicht für schwach. Er war der Meinung man hätte bis zuletzt gegen den Drachen kämpfen sollen und, dass man ihn besiegen hätte können, wenn man bereit gewesen wäre genug dafür einzusetzen. Er war auch strikt gegen die Auswahl von Menschen aus dem Stamm als Opfer für den Drachen. Bei einer Diskussion mit seinem Vater darüber, hatte ihm dieser sehr deutlich erklärt, dass die Opfer den Frieden erhielten, der sie wiederum zu einem reichen, gut versorgten Stamm machte. Außerdem würden sich Menschen so schnell vermehren, dass ein paar mehr oder wenig dem Stamm nicht schadeten. Elfen, mit ihrer jahrhundertelangen Lebenserwartung wurden von den Opferungen ausgenommen, Halb-Elfen nur bedingt.
Leortis hatte während seiner Pubertät, die bei Elfen um einiges länger dauerte als bei Menschen und Halb-Elfen, eine besondere Affinität für die Nicht-Elfischen Angehörigen seines Stammes entwickelt. Vor allem die jungen Frauen fielen ihm geradewegs zu, da er weniger distanziert und abweisend als die anderen elitären Elfen des Stammes, war. Er hatte etwas Wildes, abenteuerliches an sich und verbrachte die meiste Zeit mit den Kriegern und Jägern des Stammes. Wie jeder Elf war er von Natur aus hübscher und anziehender als jeder Mensch. Er war äußerst begabt im Umgang mit Tieren, konnte Fährten lesen, wie es nur die erfahrenen alten Jäger-Veteranen konnten und verfehlte mit dem Bogen nie sein Ziel. Natürlich zogen ihn seine Menschen-Freunde damit auf, dass er ein Elf war und so ihnen gegenüber immer im Vorteil war. Jedoch auch andere Elfen seines Stammes konnte ihm nur schwer das Wasser reichen. Andererseits war er in den schönen Künsten eine wahre Blamage, obwohl er auf Druck seiner Mutter hin ein wenig musizieren hatte lernen müssen. Es war unmöglich gewesen ihm auch nur die grundlegendsten Fähigkeiten wie Lesen, Schreibe und Rechnen beizubringen. Niemand konnte sich erklären, warum, schließlich gaben ihn seine elfischen Lehrer auf, da die Chance, dass er jemals Häuptling wurde, minimal war. Sein Vater erklärte sogar er würde jede seiner Schwestern ihm vorziehen als Nachfolgerin. Leortis kümmerte das nicht besonders. Er war seinem Vater entfremdet und Stammespolitik interessierte ihn kein bisschen.  
Kurze Zeit vor dem Fest zur alljährlichen Opferungszeremonie änderte sich Leortis Leben jedoch auf unerwartete Weise.
***

Die Familie Hoobs bestehend aus Harman, seiner Frau Nele und ihrer Tochter Mya waren fahrenden Händler. Sie leben und arbeiten von ihren Planwaagen aus. Sie waren weder arm noch reich, sie hatten alles was sie benötigten und führten ein gutes, zufriedenes Leben.
Unter Umständen waren es recht gefährlich auf den teils gepflasterten, Großteiles jedoch geschotterten Straßen ihrer weitreichenden Heimat, daher waren sie nie abgeneigt sich einer anderen fahrenden Karawane anzuschließen. Auf jeder Fahrt lernte Mya neue Freunde und Spielgefährten kennen, denen sie nach einigen Wochen oder Monaten Lebewohl sagen musste. Das Leben war unstet, solang die Jahreszeiten es zuließen, dass sie umherzogen.
Im strengen Winter kehrten sie in ihr Heimatgrafschaft unter die Obhut ihres Lehnsherrn zurück. Um zu überwintern und ihre Abgaben zu entrichten. Dort lebten sie am Hof des Grafen und Mya hatte den ganzen Winter Zeit, um mit den anderen Kindern des Hofes ihr neuen Geschichten zu teilen, zu lernen, zu spielen und Unfug zu treiben. Mya war ein schlaues und gelehriges Mädchen, das wenig von den erwarteten Pflichten einer höfischen Dame hielt. Jede Zeit, die sie erübrigen konnte, verbrachte sie mit den Stalljungen, Küchenjungen und angehenden Knappen.
Dies war Myas Kindheit und Pubertät, bis sie eines Tages eine junge Frau war und sich alles änderte. Es traf sie auf unerwartete, jedoch auch verzückende Weise.  
„Darf ich um ihre Hand bitte schöne Dame“, Myas Wangen glühten auf in Röte, als der hübsche Elf mit den silbrigen Haaren sie zum Tanzen aufforderte. Sie hatten sich einer Theatertruppe angeschlossen und die musizierte und tanzte jeden Abend im Schein der Lagerfeuer. Man könnte es als Liebe auf den ersten Blick bezeichnen oder vielleicht war es auch eher die magische, ätherische Schönheit des Elfen, die der jungen Dame den Kopf verdrehte. Kyri Verethir nannte sich der Mondelf Barde mit dem sich Mya auf leisen Sohlen des Nachts aus dem elterlichen Planwagen schlich. Sie schliefen gemeinsam im sommerlichen Wald unter den Sternen, er schrieb Lieder für sie und die Zeit verging wie im Fluge, bis sich die Wege der Hoobs und der „Wandernden Elstern“ trennten.
Mya war am Boden zerstört, wäre am liebsten weggelaufen und hätte sich der Truppe angeschlossen, doch Kyri sagte ihr, sie solle bei ihren Eltern bleiben. Ihre Eltern brauchten sie. Kyri würde sie in ihrem Winterlager besuchen, doch jetzt müsse er weiterziehen.
Noch bevor sie die Grafschaft ihren Lehnsherrn erreichten, stellte sich heraus, dass Mya schwanger war. Harman war fuchsteufelswild, während Nele ihm gut zuzureden. Mya fühlte sich, als wäre ihr Leben zu Ende, sie fühlte sich ausgenutzt und verlassen. Kyri hätte bleiben müssen. Sie hoffte, er hielt sein Wort, würde sie zu Hause finden und dann müsste er bei ihr bleiben.
Es dauerte einige Monate, bis Mya die Hoffnung aufgab, dass ihr Liebhaber zu ihr zurückkehren würde. Sie war dem Spott der anderen am Hoff hilflos ausgesetzt mit einem Halb-Elfen Bastard im Bauch. Nele versuchte sie zu schützen und kümmerte sich liebevoll um ihre emotionale, instabile Tochter.  
Eines Nachts, Mya fiel es schwer zu schlafen, da ihr Kind unruhig um sich trat, schreckte sie hoch, als eine Gestalt mitten in der Nacht durch ihr winziges Schlafzimmerfenster einstieg. Eine dicke Schneeschicht lag über der Welt und dämpfte alle Geräusche. Vielleicht zauberte aber auch der Elf, um seinen Einbruch vor Myas Eltern zu verbergen.
Obwohl sie ihn hassen wollte und sich eingeredet hatte, ihm nie vergeben zu können, dass er sie im Stich gelassen hatte, vergaß sie, all diese Vorsätze, als er sie im Schein des Mondlichts mit sich nahm. Sie trommelte mit beiden kleinen Fäusten gegen seine schmale Brust, hatte Tränen in den Augen und warf ihm ihre Vorwürfe an den Kopf, während er sie im Arm hielt unter einer riesigen schneebedeckten Eiche im Wald des Grafen.

„Ich kann nicht bleiben. Kerle sind hinter mir und meiner Truppe her. Aber ich wollte mein Versprechen halten und euch beide noch einmal sehen.“
„Wieso?“, fragte sie ihn mit tränenverschleierten graublauen Augen.
„Wir haben uns erwischen lassen und sind auf der Flucht. Ich wollte euch in Sicherheit wissen und das seid ihr hier ohne mich.“
„Aber wieso ich?“
Kyri wirkte verwirrt: „Ich habe mich in die schönste Menschen-Dame verliebt.“ Er küsste sie und sie verharrten im Moment, bis Mya eine schmerzhafte Veränderung spürte. Obwohl unbekannt, wussten sie beide, was passieren würde und der flinke Elfen-Dieb, der sich als Barde ausgab, trug seine Geliebte den gesamten Weg zurück in das Schloss, wo einige Stunden später ihre kleine Tochter Sai zur Welt kam. Sie hatte die feuerroten Haare ihrer Mutter und würde in einem halben Jahr eindeutig die waldgrünen Augen ihres Vaters bekommen.
Kyri blieb, jedoch nicht lange, früher oder später würde ein Steckbrief mit seinem Gesicht im Dorf vor dem Schloss des Grafen auftauchen und sie würden ihn in Ketten abführen. Heimlich gab er Harman den Großteil seiner Diebesbeute für seine Familie und gab Mya sein Wort sie zu heiraten, auch wenn er ein Elf war und sie um Jahrhunderte überleben würde.
Er hielt sein Versprechen, dann als der Frühling sich ankündigte und die Familie wieder mit ihrem Wagen losziehen musste, verschwand auch Kyri wieder aus ihrem Leben. Er versprach wieder zu kommen und sein Kopfgeld loszuwerden.
Die nächsten Jahre verliefen kaum anders, als es Myas Kindheit gewesen war mit der Ausnahme, dass der Kyri sie in unregelmäßigen Abständen fand und Zeit mit seiner Familie verbrachte. Sai wuchs. Sie war ein aufgewecktes Kind, dass laut ihren Großeltern, um einiges ungezogener war, als ihre Mutter. Sie gaben natürlich ihrem Elfen-Vater die Schuld an ihrem Temperament.
Sai war inzwischen sieben Jahre alt, sie hatte sich eine Reputation unter den Kindern am Hof ihres Lehnsherrn als Unruhestifterin gemacht und war zu klug, um ihr zuträglich zu sein. Sie kannte ihren Vater nur wage, als Besucher, der großartige Geschenke vorbeibrachte. Deswegen freute sie sich immer außerordentlich, wenn er plötzlich auftauchte. Er blieb jedoch meist nur kurz und ließ Mutter traurig zurück, wenn er wieder verschwand. Er brachte ihr bei Laute zu spielen und wie man sich beim „Versteck spielen“ besonders gut versteckte.
Der erste Schnee fiel bereits früh im Herbst. Es hatte stark abgekühlt und sie mussten ihre Tagesreisen bis spät in die Abendstunden fortsetzten, um schneller voranzukommen. Auf der Reise in das Winterlager eingeschneit zu werden, hätte fatale Konsequenzen für sie. Sie reisten allein. Sai langweilte sich. Sie übte auf ihrer ein wenig zu großen Laute, während ihre Mutter und Großmutter sich um die Wäsche kümmerten. Sai hatte Hunger und gab dies lauthals weiter. Dafür erntete sie nur, dass sie sich bis zum Abendessen gedulden sollte. Sai zog eine Schnute und zupfte weiter unzufrieden auf dem Musikinstrument herum.
Plötzlich hielt Harman den Wagen ruckartig an. Sai hörte etwas. Sie wusste, dass sie besser hören und sehen konnte als ihre Familie.
In der Ferne hörte sie Wolfsgeheul. Ihr stellten sich die Haare auf. „Wölfe“, rief Harman als er vom Kutschbock in den Wagen stürzte, um seine Armbrust und Bolzen zu holen. „Versteckt euch!“
Dann ging alles furchtbar schnell. Der Wagen wurde umzingelt, umgeworfen, die Frauen schrien, wurden nach außen gezerrt von riesigen Kiefern wie Bärenfallen. Schreckenswölfe griffen sie im Fall der Dämmerung an. Harman traf einige von ihnen mit seinen Bolzen, richtete jedoch keinen wirklichen Schaden unter den Tieren des Rudels an.
Sai versteckte sich, wie es ihr Vater ihr beigebracht hatte. Sie verschmolz nahezu mit den Planen und Gebälk des Wagens. Dort verharrte sie lautlos, selbst die blutigen riesigen schnuppernden Schnauzen fanden sie nicht als die riesigen, abgemagerten Wölfe den Wagen plünderten.
Im Schock erstarrt bewegte sie sich nicht für eine gefühlte Ewigkeit, obwohl sie spürte wie stumme Tränen über ihre heißen Wangen hinabrannen.
Irgendwann wagte sie es ihr Versteck zu verlassen. Ihr zuhause lag verwüstet vor ihr. Sie roch Schnee und den Kupfer-Gestank von Blut. Ihr drehte es den Magen um. Sie kotzte Galle, da ihr Magen leer war. Sie kletterte aus dem umgekippten Planwagen und entdeckte ihren Großvater, der auf dem Bauch, zerfetzt in einer riesigen Lache seines eigenen Bluts lag. Ihre Beine gaben unter ihr nach, sie hatten den Eindruck, dass dem Umriss ihres Großvaters Teile fehlten. Auf den Knien mit den Händen zu Fäusten geballt, würgte es sie erneut, doch es war nichts mehr vorhanden, so spuckte sie nur Speichel in den flockigen Neuschnee. Sie verlor jegliches Gefühl, weder die Kälte noch der Schmerz gelangte mehr zu ihr durch. Sai fiel schluchzend zur Seite und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Irgendwann schlief sie ein und erwachte Moment später schlotternd, als sie etwas Nasses, kaltes anstupste. Sai schreckte hoch und leuchtende Augen in einem dreieckigen pelzigen Gesicht sahen sie an. Sie schrie erschrocken auf. Wölfe hatten ihre Familie getötete und nun war eines dieser Tiere zurückgekehrt, um ihr Werk zu vollenden. Doch nichts dergleichen geschah, stattdessen rannten bellenden halbwüchsige Wolfswelpen aus dem Unterholz des Waldes und umkreisten Sai. Die große Wölfin schnappte nach ihnen, dennoch kletterte einer der Welpen auf Sais Brust und leckte ihr die Tränen des Gesichtes.
Nachdem Sais Familie von verhungerten Schreckenswölfen getötet und gefressen worden, wurde sie von einem Wolfsrudel gefunden, gerettet und aufgenommen. Sie lebte bei den Tieren, schlief mit ihnen in ihrem Bau, jagte mit ihnen, wozu sie sich aufgrund von Ermangelung ordentlicher Fangzähne selbst einen Bogen und Pfeile baute, fraß mit ihnen, trank mit ihnen, spielte mit ihren Wolfs-Geschwistern. Dennoch dauerte es Jahre, bis sie nicht mehr von Alpträumen geplagt aus dem Schlaf hochschreckte.  
***

Etwas rüttelte an seiner Schulter, Leortis drehte sich auf die andere Seite, wo er einen Arm um einen warmen Körper legte.
„Wach auf“, forderte eine vertraute Stimme. „Das Fest fängt an!“ Leortis grummelte, was interessierte ihn seines Vaters Fest. „Komm schon! Du kannst später weiterschlafen oder was auch immer. Du bekommst Ärger, wenn du nicht dabei bist!“
Leortis schnaufte. Famir hatte recht. Er war nicht beliebt am Hof seines Vaters und seine Abwesenheit bei jeglichem politischen Event brachte ihm nur weitere Schwierigkeiten. Dennoch wäre er viel lieber, bei, wie hieß sie noch gleich?, geblieben.
Er drehte sich auf den Rücken und schlug die Augen auf. Famir warf ihm sein Bündel Kleider schwungvoll auf die entblößte Brust. Famir Greensleeve, war ein Mensch, als Jäger konnte er beinahe mit ihm mithalten. Er war einen Kopf kleiner als Leortis, breiter, muskulöser und behaarter mit dichtem schwarzem kurzgeschorenem Haar und einem Bart in derselben Länge. Sie waren gemeinsam ausgebildet worden und vertrauten einander.
Leortis bekleidet sich, gab seiner Geliebte, Ashri, erinnerte er sich, einen Kuss auf den lockigen braunen Haarschopf und wandte sich Famir zu. Er wusste, dass sie wach war und das gesamte Gespräch mitbekommen hatte. Menschen waren in dieser Hinsicht seltsam, einerseits aufgeschlossen, spontan und lustig, doch am nächsten Tag verschlossen und prüde. Aufgrund seiner zahlreichen menschlichen Bekanntschaften war ihm dieses Verhalten wohl vertraut, verstehen konnte er es dennoch nicht. Vielleicht hatte es etwas mit ihrer Kurzlebigkeit zu tun, die Frauen dazu trieb immer nach festen Bindungen zu verlangen. Gerade mal den elfischen Kinderschuhen entwachsen, war Leortis dazu auf kein Weise bereit.
Die beiden Freunde beeilten sich zum Festgelände etwas außerhalb des Nomadenlagers zu kommen. Es herrschte hektisches Treiben im Nomadenlager. Überall liefen Menschen und Halb-Elfen herum und trugen Essen, Fässer und andere Notwendigkeiten für das Fest in Richtung Nordwest, wo das Festzelt aufgebaut worden war. Sie folgten den Scharen und schlängelten sich durch die Massen. Die beiden Jäger kamen gerade rechtzeitig zu Azaines Ansprachen und dem Beginn der zufälligen Auslosung, die vom Schamanen durchgeführt wurde. Leortis kannte das System, nachdem diese zufällige Auswahl durchgeführt wurde nicht und vertraute ihrer Fairness daher genauso wenig.
Es hatte auf jeden Fall etwas mit dem Lesen von Drachenknochen zu tun, die der Schamane auf einen Leder-bedeckten Tisch warf. Er verlautbarte Namen. Leortis, dessen Namen, da er ein Elf war und Häuptlings-Sohn, nie bei dieser Auslosung fallen würde, hörte nur halb zu. Er verschränkte die Arme und dachte an vergnüglichere Dinge, als plötzlich Famir neben ihm seinen Arm packte. Er blickte zu seinem Freund, dessen dunkle Haut plötzlich unnatürlich bleich wurde hinter seinem buschigen Bart. Wachen mit langen Hellebarden kamen auf sie zu, Famir packte seinen Unterarm fester, fast panisch. Leortis verstand, was geschehen war und stellte sich vor seinen Freund: „Ich lasse nicht zu, dass ihr ihn mitnehmt!“
Die Wachen zögerten, doch dann übertönte die Azaines klare Stimme die Aufruhe in der Menge: „Die Götter haben entschieden, geh aus dem Weg Junge!“
„NEIN!“
„Die Götter haben Unrecht! Famir ist einer der besten Jäger des ganzen Stammes! Er steht jetzt nur hier, weil er ein Mensch ist!“
Leortis breitete die Arme aus: „Da könnte ihr mich genauso dem Drachen verfüttern!“
Azaine gab den Wachen ein Zeichen: „Packt sie beide!“
Leortis und Famir wehrten sich nach besten Kräften und provozierten eine Schlägerei in einem Kreisrund, aus dem die Besucher des Festes sich stolpernd zurückgezogen hatten. Ihre Gegenwehr endet mit zwei Messern an ihren jeweiligen Kehlen. Mit Hämatomen und Prellungen am ganzen Körper wurde sie in hölzerne Käfige geworfen. Sie landeten auf feuchtem Stroh, das nach Fäkalien stank. Die beiden Freunde saßen Rücken an Rücken, Famir flüsterte: „Gut gemacht, jetzt hast du uns beide umgebracht.“
Am nächsten Morgen, nachdem alle anderen sich während des Festes amüsiert hatten und zum Großteil immer noch stockbetrunken waren, zogen nüchterne, frustrierte Wachen sie aus den stinkenden Zellen. Die Freunde wurden in separate Richtungen gestoßen und gezerrt.
Leortis fand sich im Zelt seines Vaters wieder. Der zeitlose Elf strahle Würde und Kaltherzigkeit aus. Sie ähnelten sich kaum, außer hinsichtlich ihrer Körpergröße, da auch Azaine hochgewachsen und schlank war wie der jünger Elf. Azaine erwartete ihn am Fuß seines Throns, auf dem er die Bittsteller empfing. Im gesamten Zelt waren wertvolle Teppich ausgelegt und überall lagen Kissen, die einluden sich dort zu entspannen. Auf einem Tisch stand eine Kanne Tee mit einigen Gläsern und Gebäck. Es wirkte unberührt. Es roch nach Parfüm, dem Tee und den Süßigkeiten, sowie nach Staub und ein wenig nach Schweiß. Die Luft war trocken. Leortis schmeckte Blut von seiner aufgeplatzten Lippe. Er bekam Hunger.
„Was fällt dir ein mir vor dem versammelten Stamm zu widersprechen?“, schnitt Azaines frostige Stimme durch die Luft.
„Wenn es sonst niemand tut“, erwiderte Leortis rotzfrech, „Es ist unrecht, was hier geschieht. Famir ist wichtig für den Stamm.“
Azaine zuckte mit den Schultern, „Der nächste herausragende Jäger aus dem Menschenvolk wird nicht lange auf sich warten lassen. Du willst nur deinen kleinen Menschen-Freund behalten.“
Leortis schüttelte den Kopf. „Noch bis du zu jung, um es zu verstehen, aber erlebe erst einmal dein erstes Jahrhundert und alle deine teuren Menschen Freunde liegen unter der Erde, während vor dir noch die halbe Ewigkeit liegt. Im Grunde tue ich dir einen Gefallen Junge.“
„Hast du ihn ausgesucht?“ Fragte Leortis ungläubig. „Mein Wille ist nicht derselbe der Götter“, erwiderte Azaine geheimnistuerisch.
„Ich werde nicht zulassen, dass Famir geopfert wird.“
„Viel Glück dabei und jetzt bringt ihn raus“, befahl er seiner Leibgarde, die Leortis hinausführte. Zornig schüttelte er ihren Griff ab, während er rasend überlegte, wo er genug Krieger finden würde, die ihm halfen, die Gefangenen vor dem Drachen zu retten.
Es stellte sich heraus, dass sein Widerspruch unter den jüngeren menschlichen und halb-elfischen Mitgliedern des Nomadenstamms viel Zuspruch gefunden hatte. Vor allem seine Freunde und viele der Jäger und Krieger schlossen sich ihm, ohne überredet werden zu müssen an, um Famir und die anderen zu befreien. Es gab wohl bereits seit langem eine Unzufriedenheit darüber, dass keiner der herrschenden Elfen dem Drachen geopfert wurde. Sie schmiedete einen Plan, um bei Nacht in das Lager der Kultisten einzudringen und dort die Gefangenen zu befreien.
***

Der befreite Famir und Leortis ergriffen sich an den Unterarmen. Famir nickte seinem Freunden dankend zu und Leortis gab ihm eines seiner beiden Kurzschwerter, als riesige Schwingen die Wolkendecke über ihnen zerrissen. Ob gerade erst aus den Holzkäfigen frei gelassen oder deren Retter, alle Nomaden blickten, wie zu Salzsäulen erstarrt, in den Himmel über ihnen. Der Drache war gekommen!
Mit seinem Atem aus Säure ätzte er tiefe, zerstörerische Schneisen durch das Lager seiner Anbeter. Zelte und Kultstätten wurden zerstört, verbrannt zu schwarzer Asche und Kohlehäufchen. Es roch wie nach einem Gewitter. Die Luft war aufgeladen vor Spannung. Leortis hatte nicht weniger Angst als jeder der anderen seiner Gruppe, dennoch zog er seinen Bogen hervor und legte einen Pfeil auf.
Er zielte auf den Drachen und schoss. Er glaubte getroffen zu haben, trotz der panischen Masse, die ihn mit sich schob. Leortis meinte den Blick des Drachen auf sich zu spüren. Er war riesig und seine schulterplatt-großen Schuppen glänzten bläulich. Augen von der Größe seines Kopfes starrten ihn durchbohrend an, als der Drache vorüberflog. Famir zog ihn mit sich, während er erneut einen Pfeil auflegte, spannte, anlegte und schoss, als er den Drachen klar im Schussfeld hatte.
Leortis verärgerte den Drachen. Dieser zog nun direkt auf ihn zu, schwebte über ihnen und landete in ihrer direkten Nähe. Der Drache zerquetschte mit seiner schieren Masse, Nomaden sowie auch Kultisten, mit einem Fegen seiner Klaue schleuderte er Famir einige hunderte Meter außerhalb von Leortis Reichweite. Diesen pinnte er mit seiner Klaue auf den Boden, was ihm die Luft aus den Lungen drückte. Es war unmöglich sich zu bewegen. Er versuchte es, doch jede seiner sich windenden Bewegungen veranlasste den Drachen dazu mehr Gewicht auf seine Klaue und somit Leortis Brustkorb zu legen. Der Drache senkte seinen schmalen Kopf mit den beiden nach hinten gebogenen großen Hörner. Seine Schuppen schimmerten wie angelaufenes Kupfer. Der Drache schnupperte an ihm. Zögerte kurz. Dann umfassten die mächtigen Klauen Leortis Körper, drückten zu bis schwarze Punkte vor seinen Augen erschienen. Der Drache erhob sich, schlug mit seinem Schwanz um sich und warf Leortis in einen Haufen Zelte. Dann entfesselte er seinen verlangsamenden Atem, drehte sich, um möglichst alle zu erwischen und versetzte alle in seinem Radius in einen apathischen Zustand. Als jeglicher Widerstand erloschen war, erhob sich der große metallische Drache und flog in sein unterirdisches Höhlensystem zurück.
***

Leortis erwachte erneut auf Stroh, in einem Käfig, mit Schmerzen. Er fühlte seine rechte Hand und sein Arm bis zum Ellenbogen nicht, der Rest seines Körpers peinigte ihn. Der junge Elf atmete flach, vermutete mehrere seiner Rippen waren geprellt oder gebrochen. Er versuchte seine rechte Hand zusammen zu ballen, fühlte die Bewegung jedoch nicht. Alarmiert hob er den Kopf und sah an seinem Arm hinab. Er war immer noch da, jedoch sah er aus, als wäre er in dunkle Farbe getaucht worden. Seine kurzzeitig initiierte Angst seinen Arm verloren zu haben, verflüchtigte sich. Langsam kehrte auch ein Kribbeln zurück in die Extremität.
Leortis schloss die Augen, in seinem Zustand war es egal, wo er war, er konnte sowieso nichts tun. Eine unbekannte Zeit später stellte ihm jemand Essen und Trinken in seinen Käfig. Später kümmerte sich jemand um seine Wunden. Er fühlte sich bedeutend besser, dennoch war er noch nicht stark genug, um auch nur an Flucht zu denken.
In den nächsten Tagen eröffnete sich ihm, dass die Drachen-Kultisten ihn gerettet und vor dem Tod bewahrt hatte. Es war niemand sonst mit ihm eingesperrt, daher ging er davon aus, dass er der einzige Überlebende war oder das alle anderen, die überlebt hatten, im Standen gewesen waren zu fliehen. Mit magischer Hilfe heilte er schnell. Es dauerte nicht lang und er tigerte eingesperrt wie ein wildes Tier in seinem Käfig hin und her. Er überlegte fieberhaft, wie er entkommen konnte. Fand jedoch keine Lösung, bevor die Kultisten ihn aus seiner Holzkiste holten, die Hände knebelten und ihn hinaus aus dem Lager zum Eingang des Drachenbaus schoben.
Der Boden vibrierte unter seinen Füßen und der gewaltige Schädel des Drachen tauchten auf. Leortis schreckte zurück, wurde jedoch von seinen Wärtern an Ort und Stelle gehalten. In einer Woge aus herabfallender Erde, der herumwirbelte und alle zwang die Augen zu schließen, erhob sich die mächtige Echse. Leortis hatte knirschenden Sand zwischen den Zähnen und Sandkörner in den Augenwinkeln. Der Kultist nahm die Hand von seinen gefesselten Händen und ehe Leortis irgendetwas unternehmen konnte, packte ihn sanft die Klaue des Drachen und warf ihn zwischen seinen Flügel auf seine Schulterplatten. Das Seil zwischen Leortis Händen verfing sich an einer abstehenden Schuppe und er baumelte halb hinab, während der Drachen zurück in seinen Bau kroch. Leortis bekam erneut Sand in die Augen und beschloss diese ab nun geschlossen zu halten. Der mächtige Drachenkörper bewegte sich kriechen, während Leortis versuchte in misslicher Lage Halt mit den Füßen am rechten Drachen-Flügelgelenk zu finden. Der Stand war zwar unsicher, ein wenig konnte er seinen Schultern und Armen jedoch entlasten und den Schmerz lindern.  
Im Inneren des Drachenbaus herrschte ein schimmerndes Halbdunkel. Licht fiel durch einige wenige Luftlöcher in den Seiten und der Decke des Baues hinein. Den Bau hatte der Drache mit seinen mächtigen Klauen gegraben. An den Höhlenwänden befanden sich Abbilder des Drachen und in einer Nische war eine Erhebung die Leortis an eine Bühne erinnerte. So sehr auch sein Herz vor Furcht schlug, so groß war doch auch seine Faszination dafür wirklich in einem Drachenbau zu sein. Die Höhle war groß genug, dass der ausgewachsene Drache sich bequem bewegen konnte, jedoch nicht übermäßig größer. Entfernt erinnerte Leortis der Drache an eine der unzähligen giftigen Wüstenottern und Vipern, die sich in ihren engen Höhlen unter dem Sand zusammenrollten und wenn sie Beute witterten, hervorschossen.  
Der Drache rollte sich in einer erdigen Mulde, die er perfekt für sich selbst aus dem Sand geformt hatte, zusammen. Er legte die Flügel an und pickte Leortis mit mehr Vorsicht als man der gewaltigen magischen Kreatur zugetraut hätte, von dem Platz zwischen seinen Flügeln. Sanft stellte er ihn vor sich auf den glatten Boden. Mit dem Gedanken seine Würde so gut wie möglich zu bewahren und nicht so schwach auszusehen, wie er sich fühlte, gab er sich große Mühe auf beiden Beinen aufrecht zu stehen zu kommen. Man sah kaum, dass seine Knie zitterten. Mit seinen bewegungssensitiven Augen bemerkte der Drache sehr wohl das erschöpfte Zittern des Elfen.
„Weißt du, warum du noch lebst?“
Leortis zuckte mit den Achseln, er stand aufrecht und selbstbewusst, bot dem Drachen die Stirn.
„Ich habe eine Aufgabe für dich, dafür lasse ich dich am Leben“, donnerte die Bariton-Stimme des männlichen Drachen durch die Höhle, „Kehre zu deinem Volk zurück und erklär deinem Elfenfürsten, dass er damit aufhören soll meinen Diener Menschen zu bringen. Menschen schmecken widerlich. Wenn sie schon denken sie müssen mir irgendetwas opfern, dann genügen Rinder, Schafe oder Pferde, am besten sich saftige Ochsen. Kamele haben einen ekelhaften Nachgeschmack, genauso wie Ziegen.“
Leortis fiel die Kinnlade nach unten. Sein Vater war ein Narr.
„Was hast du mit den ganzen Menschen gemacht?“, fragte er nach dem ersten Schock dieser Enthüllung.
„Freigelassen. Die meisten sind geblieben und haben sich meinen Kultisten angeschlossen.“
„Was ist mit meinen Freunden passiert?“
„Du warst der einzige, der gerettet und geheilt werden konnte. Eine deiner Extremitäten hat ziemlichen Schaden genommen, aber einer der magisch begabten Heiler hat sie mit meiner Hilfe wieder funktionstüchtig gemacht. Die natürliche Farbe konnten wir nicht mehr wiederherstellen.“ Er zeigte mit einer seiner mächtigen Krallen auf Leortis rechten Arm.
Er ballte diese Hand zur Faust, der Arm fühlte sich weitgehend normal an: „Danke. Der Arm ist in Ordnung.“
Der Drache nickte: „Nun, wirst du meine Aufgabe übernehmen oder muss ich dich an die Schakale in meinem Tunneln verfüttern?“
Er schüttelte vehement den Kopf: „Nein Danke. Es wird mir ein Vergnügen sein meinem Vater deine Nachricht zu bringen.“
„Gut. Und er soll weniger knausrig mit den Edelsteinen und Metallskulpturen sein. Ich liebe glänzende Steine und Metalle. Ansonsten denke ich noch einmal über dieses Friedensabkommen nach. Und ich verlange eine Antwort, sonst finde ich dich und überleg mir, ob ich doch mal eine Ausnahme mache soll und Elf kosten.“
Leortis nickte, er hatte keine Lust doch noch ein Snack für Zwischendurch zu werden.
„Und wenn mich niemand anhören will?“
„Das ist nicht meine Angelegenheit.“ Der Drache blinzelte, „Und jetzt verschwinde!“ Er drehte den Kopf weg und rollte sich zusammen, wohl um sich auszuruhen. Leortis zögerte nicht länger. Mit etwas Geschick löste er seine Handfesseln und beeilte sich damit den Drachenbau so schnell wie möglich zu verlassen. Die grinsenden Visagen des Drachen, die an die Wände gemalt waren, verfolgten ihn, als er aus dem Bau floh.
***

Zurück im Lager, statteten ihn die Okkultisten mit robuster Kleidung, Proviant, sowie einem Kurzbogen und einem Köcher mit Pfeilen aus. Nun erkannte er auch entfernt bekannte Gesichter. Ausgerüstete mit allem was er benötigte, um eine mehrere Tage lange Reise durch die Wüste und Steppe bis zu seinem Stamm zu überstehen. Er verabschiedet sich und machte sich auf den Weg.
***

Sai rannte. Durch das Unterholz, während Brombeeren ihr die Beine zerkratzten, über umgestürzte Baumstämme, Findlinge und schmale Bächlein. Obwohl sie ihr Momentum weitertrieb, war sie zu langsam. Sie war immer zu langsam. Sie hasste ihren zweibeinigen Menschenkörper, sie würde auf der Jagd nie mithalten können, doch unbedingt musste sie das auch nicht. Sai sah ihr Ziel, eine Hirschkuh mit Kalb. Sie wollte das Kalb. Sie hatten die Beute eingekreist und auf Feys Signal hin waren sie aus dem Hinterhalt los geprescht. Sai zog ihren Bogen, was sehr schwierig war in der Bewegung, doch sie hatte genug Zeit gehabt ihre Technik zu perfektionieren. Sie schoss einen ihrer selbst gefertigten Pfeile, die Federn hatte sie von erbeuteten riesigen Fasanen, und die Spitzen hatte sie aus Knochen hergestellt, und traf. Unterhalb der Halsmähne, einige Zentimeter unter dem Brustkorb ihrer Schwester Reena, einer schlanken, geschickten grauweißen Wölfin. Lobo heulte. Sai zuckte zusammen. Warum rief der in die Jahre gekommen Alpha Wolf sie während einer so kurz vor dem Abschluss stehenden Jagd? Reena tötete das Kalb mit einem Biss in die Kehle. Es zuckte noch. Lobo, ein großer, wohlgenährter, graumelierter Wolfsrüde, marschierte an ihnen allen vorbei auf die Beute zu. Er hatte das Vorrecht. Sai senkte den Kopf und sah auf den Boden.
Eine nasse schwarze Schnauze stupste Sai am Oberschenkel. Fey, Lobos Gefährtin, Mutter aller Wölfe des Rudels und für Sai dem was eine Ersatzmutter am nächsten kam, forderte sie auf sich ihren Anteil an der Beute zu holen. Ihr Herz begann heftig zu schlagen. Es war eine große Ehre mit den Rudelführern zu fressen. Sai wäre beinahe gestolpert vor Aufregung, sie warf sich ihren Bogen über die Schulter und sprintete vor zu Lobo. Fey folgte. Die Wölfin war deutlich kleiner als Lobo und heller weiß und grau gezeichnet. Reena knurrte, als Sai mit den Alt-Wölfen, als erste zu fressen begann. Sai tolerierte inzwischen, nach fünf Wintern, die sie bereits im Wolfsrudel verbracht hatte, rohes Fleisch recht gut, dennoch schnitt sie faustgroße Stücke mit einem Knochenmesser heraus, packte sie in ihre selbstgemachte Felltasche, um sie später über einem Feuer zu braten. Die Wölfe mochte alle die warme Feuerstelle außerhalb ihres Baues und fürchtete sich nicht, wie es ein anderes Wolfsrudel getan hätte.
Sie würgte einige Stücke Fleisch hinab. Am meisten gewöhnungsbedürftig war das körperwarme Blut, das Sais Kinn hinabtropfte. Wenn man schnell fraß, wurde einem weniger schnell schlecht, daher schlang sie und machte dann Platz für die Welpen und den Rest des Rudels.
Sai wischte sich Blut vom Kinn. Sie war jetzt ein vollwertiges Mitglied des Rudels. Es hatte nur mehr als doppelt so lang gedauert, wie bei jedem anderen Wolf. Bald würde sie gehen müssen. Sie hatte bereits vor diesem Tag die Veränderungen bemerkt, die bald zwei jährige Jungwölfe würden in den nächsten Wochen langsam alle das Rudel verlassen müssen. Nun musste wohl auch Sai schlussendlich gehen und ihr eigenes Rudel finden. Fey würde bestimmt auch bald den nächsten Wurf zur Welt bringen, was ein weiterer Grund für die Spannung im Rudel war. Mit Melancholie im Herzen, nahm sich Sai vor die nächsten Tage und Wochen besonders wertzuschätzen, solang sie noch mit ihrer Ersatzfamilie im Bau schlafen konnte, mit ihnen Jagen, spielen und sich messen durfte.
***

Es war nicht schwer den großflächigen Spuren seines Nomadenstammes zu folgen, dennoch dauerte es einige Zeit der Wanderschaft, bis er sie am Mittag des zehnten Tages in der Ferne erblickte. Leortis machte eine kurze Mittagsrast unter einem Akazienbaum und wanderte anschließend zügiger weiter. So wie es im offenen Gelände häufig der Fall war, wanderte er auch hier scheinbar ewig auf sein Ziel zu ohne das es merklich näherkam. In den Abendstunden, als die Sonne als glühender Ball langsam im West unterging, erreicht er den Eingang zum Camp der lagernden Nomaden. Zwei Wachen stellten sich ihm in den Weg, als er hineingehen wollte.
„Ihr seid hier nicht mehr willkommen.“
„Ich muss meinen Vater sprechen, ich haben eine dringende Nachricht vom Drachen Thaug für ihn.“ Die Drachen-Kultisten hatten ihm den Namen des Kupfer-Drachen, Thauglorimorgorus, verraten und Leortis hatte ihn abgekürzt, um ihn besser aussprechen zu können.
„Du kannst uns die Nachricht geben und dann wieder ins Exil verschwinden, Verräter“, fuhr ihn der zweite Wächter, ein Halb-Elf mit kupferfarbener Haut, dunklen Augen und kurzgeschorenem braunen Haaren, an.
Wut wallte in Leortis hoch, er hatte niemanden verraten. Gern hätte er dem Halb-Elfen eine verpasst, doch wusste er auch, dass ein Kampf vor den Toren des Nomadenlagers ihn eher in einen Käfig, als zu seinem Vater bringen würde.
„Ich muss die Nachricht persönlich abliefern“, erwiderte er mit unterdrücktem Zorn in der Stimme. Leortis war sich nicht ganz sicher, ob der Drachen nicht auch Möglichkeiten hatte sich zu versichern, dass er seinen Auftrag erfüllte, wie Thaug es wollte. Angenehmer wäre es einfach dem Wächter mitzuteilen, was der Drachen von ihnen verlangte und dann weiterzuziehen Richtung Küste zur dortigen Stadt. Sein Leben als Nomade war vorbei, allein konnte er so nicht überleben, und so würde er tun was jeder ausgestoßene Nomade tat und in eine der Küstenstädte ziehen, um dort ein neues Leben anzufangen.  
Ein menschlicher Wächter legte dem Halb-Elfen die Hand auf den Schulterlederpanzer: „Bleib du hier, ich bring ihn rein zum Stammesführerzelt.“ Der Halb-Elf überlegte kurz, erwiderte jedoch nichts, und machte den Weg frei. Der dunkelhäutige Mann packte Leortis bei der Schulter. Er war kleiner, jedoch breiter und muskulöser als der bleiche Elfenjunge.
Sie durchquerten das Lager ohne Eile, plötzlich fragte der Mensch im Flüsterton: „Wo sind all die anderen, sind sie wirklich alle tot?“
„Sie haben mich nur gerettet damit ich die Nachricht überbringen kann“, flüsterte er und sah seinen dunkelhäutigen Arm im Augenwinkel, „Aber die meisten der Geopferten haben überlebt und sind jetzt Kultisten oder in Freiheit weggezogen.“
„Wirklich?“
Leortis nickte nur. Wenig später erreichten sie den aufgeschlagenen Eingang des Zelts seines Vaters. Einige seiner Brüder war ebenfalls anwesend. Da er der jüngste war und viele seiner älteren Geschwister, Jahrzehnte, wenn nicht sogar um Jahrhunderte älter waren, hatte er keine ausgeprägte Beziehung zu ihnen. Seine Schwester Alenia, die ihn mit aufgezogen hatte, und der zweitjüngste von Azaines Söhnen Ardreth, der unter Verzweiflung versucht hatte ihm Lesen und Schreibe beizubringen, und seine Mutter waren ihm noch die liebsten Mitglieder seiner Familie.
Die Wache führte Leortis in das kühle, dämmrige Innere des Zelts hinein und verkündete:

„Er bringt eine Nachricht vom Drachen und muss sie persönlich an euch überbringen Fürst Azaine.“
Azaine winkte dem Wachmann, das er gehen konnte.
„Und?“ Leortis verkündete die Nachricht des Drachen und warte auf die Reaktion der Anwesenden im Zelt.
„Hast du irgendjemandem etwas davon erzählt?“
Leortis erinnerte sich an die Wache, die ihn hergeführt hatte. Er log: „Mir wurde befohlen die Nachricht nur euch zu überbringen.“ Leortis fürchtete den Wachmann in Gefahr gebracht zu haben. Die Reaktion seines Vaters beunruhigte Leortis.
„Kein Wort zu irgendjemandem, bringt ihn aus dem Lager und eskortierten ihn einen halben Tag in die Steppen hinaus. Anschließend kehrt zurück. Du bist hiermit verbannt wegen Usurpation und Verrat. Wärst du nicht mein Sohn, würde ich dich exekutieren lassen. Bringt ihn raus!“
Zwei andere Wachen, sie gehörte der Leibwache seines Vaters an und waren Elfen, nahmen sich ihm an und stießen ihn hinaus. Er verbrachte die Nacht in einer Holzzelle. Nacheinander kam seine Mutter, Alenia und sogar Ardreth, um ihn zu sehen. Auch einige seiner menschlichen Freunde kamen. Am nächsten Morgen holten ihn zwei elfische Wachmänner aus seiner Zelle und begleitete ihn eine halbe Tagesreise hinaus in die Wildnis. Keiner sprach mehr, als gesagt werden musste und als sie ihn, um die Mittagszeit zurückließen, hatte Keiner Worte des Abschieds. Leortis war niedergeschlagen. Er legte eine Pause in der Mittagshitze unter einem dürren Bäumchen ein und aß und trank von seinem Proviant. Er sah sich um, orientierte sich am Stand der Sonne, in welche Richtung er sich weiterbewegen sollte, um an die Küste zu kommen.
Als er gegessen hatte und getrunken, machte er sich in die Richtung, die ihn seiner Vermutung nach zur Küste führen würde, auf. Während seines Marsches beschwor er einen Vogel herbei, der dem Drachen mitteilen würde, dass er seinen Auftrag erfolgreich durchgeführt hatte.  
Seine Reise war lang, eintönig und als er die letzten Krümel seines Proviants vertilgt und die letzten Tropfen Wasser getrunken hatte, begann er sich Sorgen zu machen, ob er auf dem richtigen Weg war. Die Tage waren heiß und staubig, die Nächte eisig kalt. Er begann nach Tiere Ausschau zu halten, die er erbeuten konnte. Außer einigen Kriechtieren fand er wenig, doch es reichte, um ihn weitermarschieren zu lassen.
***

Leortis hörte etwas Nasses auf den Boden fallen und erwachte aus seiner Meditation. Überrascht sah er einen Schakal, der einen toten Vogel neben seinem erloschenen Lagerfeuer fallen gelassen hatte. Das Tier sah ihn mit großen Augen an, es hatte große spitz-zulaufende Ohren, schlanke lange Beine und eine schmale Schnauze, sein Fell war rötlich und sein Bauch weiß. Er kannte das Tier als Steppenwolf, da es großer war als ein Wüstenfuchs, diesem jedoch sehr ähnlichsah. Der Steppenwolf setzte sich hin und beobachtete ihn. Leortis verstand die Geste und nahm den zierlichen Vogel, begann ihn zu rupfen, anschließend entzündete er sein Feuer mit dem restlichen Feuerholz und trockenem Gestrüpp. Er spießte den Vogel mit einem Stock auf und hielt ihn über das kleine Feuer, während der zierliche Steppenwolf ihn beobachtete. Als der Vogel durchgebraten war, riss Leortis ihm einen Flügel aus und warf ihn vor die Pfoten des Wolfs. Das Tier nahm das Fleisch und begann es zu fressen, während auch Leortis seinen Anteil an der geschenkten Beute verzehrte.
Von diesem Moment an folgte der Steppenwolf ihm. Nicht immer konnte Leortis ihn sehen, doch er brachte weiterhin seine Beute, um sie mit ihm zu teilen.
Seine Meditation wurde von seltsamen Vision heimgesucht. Es begann damit, dass er einen grauen Wolf sah mit einer schwarzen Pfote, der ihn scheinbar irgendwohin führen wollte. Er stand einige Meter quer vor ihm, warte und dann, wenn Leortis loslief, rannte auch der Wolf weiter, sodass er ihn nie einholen konnte.
Am seltsamsten war jedoch, dass er nun auch Wolfsspuren, um sein Lager fand. Nicht, die seines Begleiters, da diese eindeutig kleiner waren als diejenigen, die er nun ebenfalls fand. Er bekam es mit der Angst zu tun, falls wirklich ein so großer Wolf um sein Lager schlich, wartet der vielleicht nur, bis Leortis starb oder zu geschwächt war und zu einer leicht verdienten Mahlzeit wurde. Leortis hielt für einige Tage nun auch in der Nacht Wache, doch der Wolf tauchte nicht mehr auf und er war nach drei Tage zu erschöpft, um weiter ohne Ruhephase durchzuhalten.  Deswegen beschloss er seine restliche Kraft darauf zu verwenden endlich diese Wildnis hinter sich zu lassen und die nächste Stadt zu erreichen.
***

Es dauerte noch einige Tage, in denen er auch immer wieder die unbekannten Wolfsspuren fand, bis er von einem sandigen Hügel hinab auf die große Küstenstadt Thomdral blickte. Er hatte es geschafft. Und der starb beinahe vor Hunger und Durst. Es war früher Abend und es herrschte hektisches Treiben in der Stadt. Sie war von Olive häutigen Menschen mit dunklen Haaren und Augen bevölkert. Er bemerkte die Blicke. Elfen waren hier wohl eher selten, außerdem sah er ziemlich heruntergekommen und ausgemergelt aus. Er suchte sich eine Herberge und aß dort zu Abend. In seiner Tasche hatte er noch genügend Goldmünzen, um einige Zeit über die Runden zu kommen, bis er beschlossen hatte, wie es mit ihm weitergehen würde.  
Eine Woche später, als Leortis relativ gut mit seiner neuen Umgebung vertraut war, tauchte ein Zauberer in seiner der Herberge auf und fragte nach ihm. Leortis hatte noch nie einen Zauberer gesehen und der Halbling enttäuschte ihn nicht. Er reichte Leortis gerade mal bis zur Hüfte, ohne seinen Spitzhut. Er trug einen Umhang aus dickem Stoff, der am Hals mit einer glitzernden Brosche verschlossen war. Seine Robe darunter sah wertvoll und gleichzeitig alt aus mit einer Vielzahl von Ornamenten und fremden Zeichen. Er hatte einen braunen Bart, der ihm bis zur Brust reichte und lange gleichfarbige Haare, sein Gesicht war rund, die Augen ebenso und eine kleine Knollennase mit rosigen Wangen vollendeten Leortis ersten Eindruck.
„Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr der Neuankömmling seid?“ Da er nicht genau wusste, wie man sich einem Zauberer vorstellte, tat er, wie er gelernt hatte einen hohen Elfenfürsten zu begrüßen und verneigte sich leicht, während er seinen vollständigen Namen nannte.
„Bei einem solchen Namen sollte wohl mehr erwarten. Ich bin Magier Acleronin Shortcloak vom hiesigen Zauberer Orden.“
Leortis grinste und zeigte seine Zähne, seine Eckzähne waren etwas spitzer, als dies normal wäre für einen Elfen: „Ich bin im Exil hier.“
„Nun den, vielleicht habt ihr Interesse mir behilflich zu sein.“
„Bei was?“, fragte Leortis direkt.
„Magische Rituale. Was so anfällt. Ihr als Elf habt von Natur aus mehr Gespür für Magie, als die meisten Menschen dieser Stadt und ich könnte jemanden gebrauchen der mir hin und wieder aushilft.“
Leortis dachte an seine schwindenden Goldmünzen. Sollte er dem Zauberer sagen, dass er nur einige Zauber aufgrund seiner Ausbildung zum Ranger kannte und sich ansonsten wenig mit Magie auskannte? Leortis entschied sich dagegen, was hatte er schon zu verlieren.
„Na gut. Ich werde euch helfen“, antwortete der junge Elf.
„Gut, kommt morgen Früh zu meinem Turm“, er hielt kurz inne, „Aber eines muss ich euch noch sagen, ihr seid bestimmt der ausgefallenste Elf, den ich jemals zu Gesicht bekommen habe.“
Leortis zuckte mit den Achseln: „Auch unter meines gleichen, war ich immer schon anders. Vielleicht bin ich auch deswegen jetzt hier.“  
***

Ein großer grauer Wolf mit einer schwarzen Pfote schüttelte sich auf dem Schreibtisch, im Studierzimmer des Magiers, stehend. Acleronin Shortcloak war verblüfft, damit hatte er nicht gerechnet, als er seinen Zauber durchgeführt hatte. Er hatte zwar geahnt, dass dem Nomaden-Elfen etwas Besonderes zu eigen war, jedoch hatte er nicht damit gerechnet, dass er ein Gestaltwandler war. Oder gar ein Lykanthrop? Nein, Elfen konnten sich nicht mit Lykanthropie ansteckt. Er würde seine Bücher konsultieren müssen. Acleronin überlegte, wie er den Elfen zurückverwandeln konnte und probierte einige Zauber aus seinem Zauberbuch aus, bis der junge Elf sich übergangslos wieder in seine Elfengestalt zurückverwandelte.
Er hockte auf dem zerwühlten Schreibtisch und sah den Zauberer perplex an: „Was ist passiert?“
„Allem Anschein nach seid ihr ein Gestaltwandler, mein Junge.“
„Ein Gestaltwandler?“
„Ihr habt wohl die Fähigkeit euch in einen Wolf zu verwandeln.“
„Ich wüsste nicht, wie ich mich verwandeln sollte! Bestimmt habe ihr mich verwandelt, Zauberer!“
Acleronin lachte: „Wie gern ich mir auch diesen Zauber anrechnen würde, aber ich habe nicht mehr getan, als eure Fähigkeiten auszulösen und euch dann zurückgeholt aus eurer Verwandlung.“
Leortis rutschte vom Schreibtisch hinab: „Dann bin ich ein Werwolf?“
Acleronin schüttelte den Kopf: „Ich denken nicht. Aber ich werde meine Bücher konsultieren. Am besten ihr macht euch wieder an die Arbeit und ich werde euch Bescheid geben, wenn ich näheres weiß.“
Leortis fuhr sich durch seinen grauen Haarschopf, er glaubte nicht, dass er sich wirklich in einen Wolf verwandeln konnte. Bestimmt hatte der Magier ihn verzaubert. Dennoch war es seltsam, er erinnerte sich an seine Wolfsträume und die Spuren im Sand, als er durch die Steppe gewandert war. Er schüttelte den Kopf und verschließ das Arbeitszimmer des Magiers. Er sollte noch einige Botengänge für ihn durchführen.  
Am Abend kehrte er in die Herberge zurück, doch der Gedanke, dass er sich verwandeln konnte, ließ ihn nicht los. Auf seinem Zimmer saß er sich auf das Bett und horchte in sich hinein. Er fühlte die Magie in seinem Inneren. Er versuchte sich an das Gefühl zu erinnern, als der Zauberer ihn verwandelt hatte und es nachzuempfinden. Die Magie breitete sich in ihm aus, wie eine Spannung unter der Haut, dann veränderte sich seine Perspektive. Seine Augenhöhe war niedriger und er sah auf eine grauen und eine schwarze Pfote hinab. Er hatte sich tatsächlich verwandelt. Er roch das Holz, die Strohmatratze, die frischen Leinen darüber, und den leichten Geruch nach Schimmel aus den Wänden, ebenso wie das Abendessen, dass die Frau des Tavernen-Besitzers, gekocht hatte. Ihm lief das Wasser im Maul zusammen und es tropfte auf das frische, muffige Bettlacken. Leortis verspürte den Drang nach unten zu laufen und sich essen zu holen. Er hinderte sich selbst jedoch daran, als Wolf würden sie ihn nur mit ihren Waffen aus der Taverne jagen oder gar töten. Er musste sich zurückverwandeln. Leortis konzentrierte sich erneut auf die Magie in seinem inneren und versuchte dasselbe Gefühl, dass er benutzt hatte, um sich zu verwandeln zu wiederholen. Es dauerte nicht lange und er hatte sich in seinen Elfenkörper zurückverwandelt. Der Zauberer hatte ihm die Wahrheit gesagt.
***

Leortis schlenderte am Hafen entlang, er beobachtete das rege Treiben am Kay wo Schiffe be-und entladen wurden. Er suchte das Schiff, von dem er wusste, dass es ihn in den Norden in die Nähe eines Landes bringen würde, dass von Lykantrophen regiert wurde. Der Zauber hatte das in irgendeinem alten, zerfledertem Buch in seiner immensen Bibliothek gelesen, als er versuchte hatte, das Rätsel, um Leortis Fähigkeit zu entschlüsseln. Er hatte Leortis großzügig die Arbeit, die er geleistet hatte, entlohnt und ihm nahegelegt diesem Gerücht nachzugehen, um vielleicht herauszufinden, was ihn zu einem Gestaltwandler machte. Es war ungewöhnlich, dass er während seiner Verwandlung bei vollem Verstand war und friedlich blieb, wo ein wirklicher Werwolf zur Bestie wurde. Vielleicht wirkte sich die Lykanthropie bei ihm anders aus, da er ein Elf war. Der Magier hatte ihm erklärt, er hätte keine Aufzeichnungen über Elfen, die je mit Lykanthropie angesteckt worden waren, gefunden. Vielleicht fand er jedoch mehr heraus, wenn sich an wirkliche Werwölfe wandte.
Ganz wohl war ihm dabei jedoch nicht. Auch Elfen, nicht nur Menschen, kannten die Geschichten über unkontrollierte, wütende, Blut lüsterne Bestien, die sich in Vollmondnächten in Wölfe oder Wolf-Mensch Hybriden verwandeln, um auf die Jagd zu gehen.
Er spielte mit dem Gedanken sich ein Silberschwert oder einen silbernen Dolch zu kaufen, doch er benötigte den Großteil seines Goldes für die Überfahrt mit dem Schiff.
Seit er in die Dienste des Zauberers getreten war, machte ihm seine Unfähigkeit Schriften zu entziffern und zu schreiben, zu schaffen. Acleronin hatte ihm einige male mit einem Zauber belegt, der ihm kurzfristig die Fähigkeit gab, alle Sprachen und Schriften zu verstehen. Dies war jedoch immer nur temporär und gerade im Moment wäre es für Leortis sehr praktisch, um das Schiff zu finden, auf dem er für eine Passage gezahlt hatte.
Statt weiter umherzuirren, fragte er den nächsten Hafenarbeiter, der ihm begegnete, nach dem gesuchten Schiff. Dieser sah ihn zuerst an, als wäre er noch nie von jemand unbekanntem auf seinem Weg angesprochen worden, deutet ihm dann jedoch in die ungefähre Richtung, in der ein großes Segelschiff mit fünf Masten und wuchtigem Bauch lag. Leortis beeilte sich. Er hatte bereits seine wenige Habe zusammengepackt und seinen Bogen und den Köcher über die Schultern geworfen.
Das Schiff betrat er über eine Planke, auf der man leicht auch einen Wagen auf das Schiff laden konnte. Den ersten Seemann, dem er in die Arme lief, fragte er nach dem Kapitän, da er wusste, dass er sich bei ihm oder beim ersten Offizier zu melden hatte. Der Matrose sagte ihm, dass der erste Offizier gerade die Ladung überprüfte und unter Deck war. Leortis fand nach kurzer Suche die Treppe hinab unter Decke. Der erste Offizier des Schiffes verwies ihn zur Passagierkabine, die er sich scheinbar mit anderen Passagieren teilen sollte. Die anderen Passagiere stellte sich durchwegs als Menschen heraus. Eine Familie, wie es schien mit einer Tochter, die ihm faszinierte Blicke schenkte ab dem Augenblick, da er die Kabine betrat, ein muskelbepackter, kahlköpfiger Krieger, der Leortis misstrauisch beobachtet und ein etwas rundlicher Händler mit Hängepacken und einem Koffer, den er nicht aus der Hand nahm. Leortis warf seine Tasche, seinen Bogen und Köcher auf das unbelegte Bett und stellte sich der Höflichkeit halber kurz vor. Anschließend sah er sich auf dem Schiff um. Er war noch nie auf einem Schiff gewesen.
Die ersten Tage auf See verbrachte er damit in Eimer oder über die Reling zu kotzen. Einige der Matrosen amüsierten sich köstlich über ihn, ihm war es gleichgültig. Seine ansonsten bereits bleiche Hautfarbe hatte einen gräulichen Schimmer angenommen. Es ging so weit, dass er nicht einmal mehr Wasser bei sich behalten konnte. Ein schlaksiger Schiffsjunge mit roten Haaren und Sommersprossen gab ihm zurückhaltend den Rat, auf Deck zu bleiben und den Horizont zu beobachten. Da Leortis ohnehin an der Reling hing, blieb er eben dort und nach einiger Zeit half der Rat des Jungen wirklich. Er kehrte auch die nächsten Tage nicht in seine Kabinen zurück und so musste es unweigerlich dazukommen, dass das Mädchen sich zu ihm auf Deck gesellte. Ihre Eltern waren nirgendwo zu sehen. Leortis konnte ihr Alter nicht gut einschätzen, doch war sie bei näherer Betrachtung, doch wohl eher schon eine junge Frau als ein Mädchen. Sie hieß Joy-Ann Hillwood und war mit ihrer Familie auf den Weg zur Splint Küste. Sie erzählte ihm irgendetwas über die Geschäfte ihres Vaters, Leortis hörte ihr nur halb zu, während sie dahin plapperte.
„Ich habe noch nie einen Elfen, wie euch gesehen. Genauer gesagt ich habe eigentlich noch nie einen Elfen gesehen, aber ihr seht anders aus als die in den Büchern. Wo kommt ihr her? Kommt ihr auch aus der Sharinza Wüste? Mein Vater hat dort mit magischen Artefakten und anderem gehandelt.“
Leortis ließ sie weiterreden. Ihm war immer noch übel. Er hoffte einer ihrer Eltern würde auftauchen und ihn erlösen. Irgendwann gab er auf und ließ sich von ihr verführen. Sie erzählte ihm noch hastig, dass ihr Vater sie mit dem Sohn des Besitzers eines Handelshauses verheiraten wollte und sie davor noch etwas erleben wollte. Leortis war dies einerlei, er wollte nur ein wenig Ruhe und die bekam er dann schließlich auch.
Am nächsten Morgen hatte er seine Seekrankheit überwunden und Joy-Ann war verschwunden, bevor jemand sie bemerken konnte. Er hatte den Verdacht, dass sie nicht, dass erste Mal heimlich einen Liebhaber aufsuchte. Leortis grinste in sich hinein, vielleicht war sie doch kein einfältiges, junges Mädchen und die Schifffahrt würde für ihn ereignisreicher werden, als er es erwartet hatte. Er kletterte die Treppe hinab und machte sich auf den Weg zur Schiffsküche. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er Hunger. Joy-Ann und ihre Eltern waren bereits mitten im Frühstück, als er eintrat. Ebenso der Krieger und der dickliche Mann mit dem Koffer. Joy-Ann begrüßte ihn überschwänglich und fragte, ob er gut geschlafen hätte. Er erwiderte nur, dass er wohl seine Seekrankheit überwunden hätte und schöpfte sich Eier aus der großen Pfanne über dem magisch geschützten Feuer in einen Holzteller. Anschließend goss er sich noch Wasser aus einem Krug in einen Holzbecher und setzte sich auf die schmale Bank, dort wo Joy-Ann ihm Platz gemacht hatte. Er verbarg, wie unangenehm ihm dies war, während sie ihm unter dem Tisch die Hand auf den Oberschenkel legte.
Am Hafen an der Splint-Küste verließ die Familie das Schiff. Die Tage bis dahin vergingen, wie im Flug für ihn. Joy-Ann stellte sich als selbstbewusste Frau heraus, die gerne viel redete, und er hatte bald ein Repertoire entwickelt, das ihren Redefluss zügelte. Ihre heimliche Affäre war aufregend und er stellte bald fest, dass er seit langem nicht mehr so viel Spaß gehabt hatte. Ihre Verabschiedung war beinahe wehmütig und Joy-Ann versicherte ihm sie würde ihn nie vergessen. Er wünschte ihre alles Gute zur Verlobung, was ihm einen Schlag in die Nieren einbrachte, während sie ein letztes Mal unter den Sternen an Deck gemeinsam dalagen.
Der Rest seiner Reise in den Norden verlief ereignislos, bis sie in der Nähe eines großen Gebirges ein Sturm erwischte. Das Schiff wurde vom Tosen des Sturmes hin und her geworfen, während Leortis sich in seinem Bett unter Deck befand. Er warf sich seine Tasche, seinen Bogen und den Köcher über die Schulter und kletterte an Deck. Schwarze Wolke zogen über ihnen, heftiger Regen prasselte herab. Der Wind peitschte ihm die Haare ins Gesicht. In der Ferne sah er Klippen, die erhellt wurden von Blitzen. Einer der Masten bracht und Leortis hechtete in Sicherheit. Er stand an der Reling. Schwarze Fluten schlugen unter ihm an den Rumpf des riesigen Schiffes. Er hatte Angst und doch sagte ihm sein Instinkt, er solle fliehen bevor das Schiff an den Klippen zerschellte und ihn mit sicher hinab zog. Leortis konnte nicht schwimmen. Er war in der Steppe aufgewachsen. Doch er glaubte, dass er dies in Wolfsgestalt wohl können würde. Er verwandelte sich und sprang über die Reling hinab in die aufgebauschte See. Um sein Leben paddelnd, erkannte er, dass er in Wolfsgestalt genauso wenig schwimmen konnte. Er schluckte salziges Meerwasser. Wurde von den Wellen umhergeworfen und untergetaucht. Er paddelte mit weitausholenden Zügen und bewegte sich doch scheinbar nicht vom Fleck. Er schwamm mit all seiner Kraft und versuchte dabei seinen Kopf über Wasser zu halten, dennoch genügte es nicht und irgendwann rollte eine massive Welle über ihn hinweg und verschlang ihn in ihren dunklen Fluten.
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Sais Geschwistern spitzten die Ohren. Alarmiert, sah auch sie sich nach der Quelle des Geräusches um, dass die Wölfe gehört hatten, sie jedoch nicht. Sie sah niemanden, dennoch zog sie ihren Bogen von der Schulter und legte einen Pfeil auf. Ihre Geschwister fixierten eine Eiche, knurrten jedoch nicht, sie warteten. Sai tat es ihnen gleich. Plötzlich erschien wie von Gespensterhand ein Mann aus der Eiche. Er war hauptsächlich mit Fellen bekleidet, hatte einen Stock in der Hand, und war in etwa so groß wie Sai, vielleicht größer. Seine Haare waren zerzaust und braun mit grauen Strähnen. Er hatte einen langen Bart, der Sai entfernt an ein Vogelnest erinnerte. Sein Gesicht war freundlich, oval mit Fältchen, um die Augen, den Mund und auf der Stirn. Er hatte dunkle Augen unter buschigen Augenbrauen. Seine Nase war groß, ein wenig unförmig und benötigte zu viel Platz im Gesicht des Mannes. Die Wölfe waren unruhig.
Der Mann verneigte sich leicht: „Ich bin Beiro Meliamne und ihr befindet euch mit eurem Rudel in unmittelbarer Nähe meines Druiden-Hains.“
Sai sah ihn verblüfft an. Sie versuchte etwas zu sagen, bekam jedoch nur krächzten heraus, es war Jahre her, dass sie mit einem anderen Wesen geredet hatte.
„Es ist bestimmt kein Zufall, dass ihr hierhergezogen seid. Ihr habt Magie in ein euch und ich könnte euch beibringen damit umzugehen, sollte ihr euch entscheiden hier zu bleiben und meine Schülerin zu werden.“
Sai hustete, sie holte ihren Wasserschlauch aus ihrer selbstgemachten Tasche und trank einen Schluck. „Ich“, krächzte sie, „weiß nicht.“
„Ach“, Beiro seufzte, „die Götter treiben ihren Spaß mit uns. Sie bringen mir eine Halb-Elf und Halb-Wölfin vor den Eingang zu meinem Hain, der man sogar, das Sprechen wieder beibringen muss.“
Sai hüstelte noch einmal: „Es ist so lange her.“
Beiro ging auf das Wolfsrudel zu. Die Tiere ließen ihn gewähren. Er hielt ihr die Hand hin, „Dann wird es Zeit, dass wir anfangen, du hast sehr viel zu lernen.“
Sai konnte nicht genau sagen, warum sie tatsächlich auf den Druiden zuging und die dargebotene Hand annahm, aber vielleicht, war sie einfach nur froh, dass sich nach all den Jahren jemand ihrer annahm, der kein Wolf war. Die Wölfe hatten sie zwar gerettet, aber wirklich eine von ihnen war sie nie geworden und würden sie auch nie, weil sie eine Halb-Elfin war und kein Tier.
***

Leortis erwachte auf der Seite liegend im Kies-Steinbett eines Küstenabschnittes am Kethra-Gebirge. Er übergab sich mit Meerwasser und schüttelte sich. Sein Fell war durchgeweicht, obwohl es sehr dicht und isolierend war. Es war kalt. Er trottete den Strand hinauf und in den Wald hinein. Die neuartigen Gerüche überwältigten ihn. Sein Geruchsinn führte ihn in so viele verschiedene Richtungen, dass er komplett orientierunglos war. Er hatte Hunger und roch die Fährte mehrerer Beutetiere. Er war durstig und witterte, dass ein Bach in der Nähe war. Außerdem duftete es nach vermoderndem Holz, Feuchtigkeit, Moos und verrottendem organischem Material. Er trottete weiter, bis er die eindeutige Fährte eines Kaninchens in der Nase hatte. Er verfolgte es und erlegte es aus dem Hinterhalt. Gierig schlang er das Kaninchen hinab und beschloss daraufhin sich einen sicheren Schlafplatz zu suchen. Er fand einen verlassenen Dachsbau, der zwar eng, jedoch ausreichend war, um ihm während einer Rast Schutz zu bieten. Er rollte sich zusammen und schlief.  
Es war wohl unumgänglich gewesen, dass, solang er in seiner Wolfsgestalt blieb, andere Wölfe auf seine Fährte kommen würden. Der Wald um das Gebirge strotzte über vor Leben. Selbst er, der noch keine Erfahrung damit hatte als Wolf zu jagen, hatte es leichtes sich mit Nahrung zu versorgen. Mit Kaninchen, Ratten, Fasane oder andere kleine Beutetiere.
Er hörte das Heulen, das den Revieranspruch des Rudels geltend machte, schon von der Ferne und haderte mit sich selbst ob er besser fliehen oder sich dem Rudel stellen sollte. Bevor er eine Entscheidung getroffen hatte, hatten ihn die Tiere bereits eingekreist. Zwei Wölfe, ein großer kräftiger Rüde mit einer auffälligen weißgrauen Zeichnung im Gesicht und eine eher unscheinbare Wölfin, die am Bauch und der Seite neben den vorherrschenden grauen Schattierungen auch hellbraunen gemustert war, stellten ihn. Er kannte sich wenig mit dem Rudelverhalten dieser Tiere aus, jedoch war es allein durch ihr Auftreten klar, dass diese beiden Wölfe im Rudel das Sagen hatten. Wie er es bei Hunden gesehen hatte, machte er sich klein, zog den Schwanz ein und ließ sich beschnüffeln. Trotzdem knurrte ihn der Alpha-Rüde an, vielleicht nahm er ihn als Bedrohung wahr, was Leortis wiederum veranlasste sich auf den Rücken zu legen. Auch dieses Verhalten hatte er unter anderem bei Straßenhunden, während seines Aufenthalts in Thomdral gesehen. Das schien den Wölfen zu genügen, um ihn als harmlos anzusehen. Sie ließen von ihm ab und machten sich daran so lautlos wie sie gekommen waren auch wieder in die Dunkelheit des Waldes zu verschwinden. Leortis ergriff die Möglichkeit und folgte ihnen, als letzter, dies schien vom Rudel geduldet zu werden.
Es verbrachte einige Wochen als Wolf im Wolfsrudel. Es gefiel ihm ein Wolf zu sein. Er wurde akzeptiert und wurde zu einem Mitglied des Rudels mit all seinen Vorzügen und Nachteilen. Sie waren ein sehr großes, sehr erfolgreiches Rudel und so blieben auch für ihn von jeder Beute etwas übrig. Erst als sie in einen Teil des Waldes zogen, der Leortis neu war, veränderte sich die Dinge erneut. Der Wald war dichter und urtümlicher und dunkler. Durch die dichte Vegetation war es schwierig vorwärts zu kommen selbst für die Tiere und es roch anders als im übrigen Wald. Die Magie in Leortis reagierte auf diesen Ort. Er sah sich um, horchte und roch, fand jedoch nichts, bis sie an einer kleinen Lichtung Halt machten. Das Rudel wartete, dann nach kurzer Zeit erschienen zwei Personen aus dem Unterholz. Ein älterer Mann und ein junges Mädchen. Der Alte war mit Fellen bekleidet, hatte einen Stock und sah eher schäbig aus. Er roch nicht nach Mensch, sondern schien so sehr im Einklang mit seiner Umgebung zu sein, dass er ihn anhand seines Geruchs nicht von ihr unterscheiden konnte. Das Mädchen hingegen war anders, sie roch nach Wolf. Sie hatte eindeutig zu wenig an für die Temperaturen in ihrer Umgebung. Sie war barfuß und sehr dünn, jedoch war sie soweit er es sagen konnte, nicht weniger athletisch als so mache Kriegerin aus seinem früheren Stamm. Ihr Alter konnte er nicht richtig einschätzen, auf jeden Fall war sie viel zu jung, um halbnackt mit einem alten Mann in einem Wald herumzulaufen. Leortis bemerkte auch die etwas zu großen, leicht zugespitzten Ohren, sie war wohl eine Halb-Elfe mit langen rötlich schimmernden Haaren und leuchtend grünen Augen. Sie war hübsch und würde bestimmt zu einer schönen jungen Frau heranwachsen, doch jetzt wirkte sie eher wie ein Kind.
Plötzlich rannte sie auf das Rudel zu und umarmte den Rudelführer voller Freude. Der leckte ihr das Gesicht ab und das übrige Rudel machte sie ebenfalls daran das Mädchen überschwänglich zu begrüßen. Es bildete sich ein großes knäul aus Wolfskörpern die voller Freude zu dem Mädchen wollten, um es überschwänglich zu begrüßen. Leortis wartet verwirrt, als der alte Mann sich ihm zu wandte: „Du bist neu hier. Hat dich Frekis Rudel als Streuner aufgelesen, mhm?“
Er blickte den fellbedeckten Mann an. Statt zu antworten, wedelte er mit dem Schwanz.
Das Begrüßungsritual schien ein Ende genommen zu haben und das Mädchen holte einige Stücke Fleisch aus ihrer Tasche und gab sie Freki, dem Alpha-Wolf.
„Wer ist der da?“, fragte sie. „Er sieht anders aus, viel zu schmal, hat zu große Ohren und das Fell ist zu dünn und seine rechte Vorderpfote ist komplett schwarz.“
Beiro nickte. „Kann er bei uns bleiben? Er könnte den Hain bewachen, wenn wir nicht da sind?“ fragte Sai mit großen bittenden Augen.
Beiro fühlte sich wage an ein Kind erinnert, dass ein Haustier wollte, obwohl er nie Kinder gehabt hatte oder wollte. Die richtige Frau dafür war nie aufgetaucht und er war eben sehr exzentrisch, was seine Lebensweise anging. Für Sai, die inzwischen seit mehr als einem Jahr seine Schülerin war, empfand er so ähnlich, wie für eine Tochter. Sie war klug und lernte schnell. Es gefiel ihm nicht mehr allein seinen Hain bewachen zu müssen und sein Wissen weitergeben zu können. Vielleicht sollte er ihr diesen Wünsch erfüllen. Dem Rudel würde der Streuner nicht fehlen und vielleicht war er der Grund, warum die Wölfe aufgetaucht waren.
„Wenn er will, kann er bleiben.“
Leortis horchte auf. Er war sich inzwischen ziemlich sicher, dass der Mensch ein Schamane oder Druide oder vielleicht sogar ein sehr exzentrischer Zauberer war und das Mädchen seine Schülerin. Vielleicht konnte ihm die beiden helfen herauszufinden, was genau er war und woher seine Fähigkeiten kamen. Er entschied sich bei Ihnen zu bleiben.
***

Die nächsten Jahre waren für Sai eine einerseits harte Zeit, da sie vieles nachzuholen hatte, was sie während ihrer Kindheit unter den Wölfen versäumt hatte. Beiro war ein guter Lehrer, nicht unbedingt geduldig und sehr sprunghaft, jedoch bemüht. Er brachte Sai ebenso grundlegende Fähigkeiten wie bestimmte Sprachen, im Besonderen die geheime Druidensprache, gleichsam wie Druidische Legenden bei. Er pilgerte mit ihr auf alten Druidenwegen an die verschiedensten Orte ihrer Heimat. Ebenso nahm er sie mit zu Konklaven Treffen mit den anderen Druiden des Reiches, auch dort lernte Sai einiges, vor allem, dass Druiden meist ausgefallen gekleidete Einsiedler mit seltsamem Humor und einer starken Affinität zu Pflanzen oder Tieren waren. Sai traf nur eine andere Druidin, die sie mehr ausfragte als jeden der anderen männlichen Druiden. Sai wiederum erregte Aufmerksamkeit in der exklusiven Gesellschaft aus Druiden, da sie einerseits eine junge Frau und andererseits, wie sich die Geschichte verbreitet hatte, tatsächlich von Wölfen aufgezogen worden war.
Jedes Mal, wenn sie wieder von irgendeinem Auftrag oder einer Pilgerreise zurückkehrten zu Beiros heiligem Hain, erwartete sie Schwarzpfote. Sai liebte es den freundlichen Wolf, um sich zu haben und sie nervte Beiro damit, dass er ihr endlich beibrachte sich in ein Tier zu verwandeln. Er lenkte jedes Mal ab und erklärte ihr, er würde es sie früh genug lehren. Sai reagierte anschließend meist wie ein trotziges Kind und versuchte mit ihm zu argumentieren, warum es sinnvoll wäre ihr diese druidische Magie beizubringen. Offensichtlich wollte sie nur als Wolf mit Schwarzpfote durch den Wald streifen, was so nur selbstsüchtig war.
Sai lernte ihre erste Gestaltwandlung erst, als ein Eis-Riese den Hain angriff und sich Beiro in einen Schreckenswolf verwandelte. Daran nahm sich Sai ein Beispiel und verwandelte sich in eine Wölfin, die Schwarzpfote sehr ähnlichsah, jedoch ohne seine namensgebende dunkle rechte Vorderpfote. Gemeinsam vertrieben sie den Eisgiganten und von da an war Sai nicht mehr zu halten. Um mit Schwarzpfote den Wald zu erkunden, verwandelte sie sich jede freie Minute, die ihr Beiro ließ in eine Wölfin.
Sie wurde langsam zu einer jungen Frau, isoliert von anderen Personen außer ihrem Lehrmeister und den Druiden ihrer Konklave, verbrachte sie das meiste ihrer Zeit mit Lernen und in Wolfsgestalt, so war es wohl unumgänglich, dass sich in ihrem Hinterkopf die Idee entwickelte, dass, wenn sie lange genug trainierte und eine Archdruidin wurde, die sich unendlich oft und für lange Zeit verwandeln konnte, sie auf unbegrenzte Zeit eine Wölfin sein konnte. Es war ein verrückter Gedanken und Sai hätte nie gewagt ihn auszusprechen, doch zugegebenermaßen war sie am glücklichsten als Wölfin.
Außerdem begann sie Visionen eines herannahenden Unheils in ihren Träumen zu verfolgen und nur Schwarzpfotes vertraute Anwesenheit, wenn er sich gemeinsam mit ihr in ihrem schmalen Bett zusammenrollte, halfen ein wenig die Träume zu vertreiben. Sie erzählte Beiro davon und er interpretierte dies damit, dass ihre magischen Fähigkeiten wuchsen.
Beiro machte sich Sorgen, einerseits, da Sai schon zu lange zu isoliert von anderen Personen lebte und eindeutig zu viel Zeit mit Schwarzpfote verbrachte, andererseits beunruhigten ihn die Vision seiner Schülerin, so entschied er sie fortzuschicken. Sie sollte nach den Jahren der Ausbildung nun endlich allein den Ursprung ihrer Träume herauszufinden und ihren eigenen Weg gehen. Er hatte ihr alles beigebracht und nun war es Zeit, dass sie in der großen Welt außerhalb seines Haines ihre Fähigkeiten auf die Probe stellte.
Sai protestierte und war wenig glücklich darüber, dass Beiro sie fortschickte, doch als er sie sprichwörtlich mit ihren Sachen und Reiseproviant aus dem Hain warf, war sie gezwungen zu gehen.
Ihr Weg führte sie zu haarsträubenden Abenteuern, ließ sie auf wunderliche Gefährten treffen und fantastische Orte sehe, doch eines Tages würde sie zurückkehren in ihre Heimat.
***

Nachdem Sai gehen hatte müssen, dauerte es eine Weile, doch dann fand Beiro wieder in seinen Alltag zurück. Schwarzpfote blieb bei ihm, doch ohne Sai verkürzte sich die Zeit, die der Wolf im Druidenhain verbracht, immer mehr. Der Wolf hatte sich inzwischen an das temperate Klima im Kethra-Gebirge gewöhnt und auch das Wolfrudel mit dem größten Territorium akzeptierte ihn in ihrem Rudel.  Als der Wolf eines sonnigen Frühlingsmorgens wieder in den Hain getrottet kam und sich in die Sonne legte, während Beiro sein Regal nach Ingredienzien für Tränke durchsuchte, fiel dem Druiden, an Hand eines seiner eigenen fast unleserlich beschrifteten Einmachgläsern, auf wie alt der Wolf inzwischen sein musste. Er wusste, dass er den Inhalt dieses spezielle Einmachglas zusammen mit Sai gesammelt hatte, als der Wolf gerade erst zu ihnen gestoßen war. Das war inzwischen mehr als sieben Jahre her. Der Wolf sah keinen Tag älter aus.
Beiro zauberte Magie auf den Wolf, der jedweden auf ihn einwirkenden Zauber zerstreuen sollte. Nichts geschah, ob er sich getäuscht hatte?
Beiro überlegte und versuchte ihn mit einer Schriftrolle von einem Fluch zu befreien mit dem er eventuell belegt war. Doch nichts geschah.
Vielleicht war ein Werwolf. Beiro versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wo er seine silberne Sichel hingelegt hatte. Er kramte in der kleinen Abstellkammer im inneren seines Wohnbaumes herum, bis er eine angelaufene silberne Gabel fand. Er versteckte sie in seiner Tunika, holte sich ein altes Stück Trockenfleisch aus seiner kleinen Küche und ging vorsichtig auf den Wolf zu. Er setzte sich neben ihn ins Gras und legte ihm das Fleischstück hin. Freudig nahm er es an und begann darauf herum zu kauen. Beiro zog die Gabel hervor und pikste den Wolf in die Seite.
Schwarzpfote sprang auf, als hätte ihm jemand einen Dolch in die Seite gerammt und knurrte Beiro drohend an. Der steckte die Gabel schnell wieder ein und zeigte dem Wolf seine Hände, wie um ihm zu zeigen, dass er keine Waffe bei sich hatte. Schwarzpfote hatte eine winzige blutige Wunde an der Seite und wand sich ab, um den Hain zu verlassen.
Beiro fühlte sich darin bestätigt, dass der Wolf ein Lykantroph war und da ihm kein besserer Zauberspruch einfiel, versuchte er ihn mit einem Erwachen-Zauber aus seiner Wolfgestalt zu holen. Nachdem er die Magie auf den Wolf gezaubert hatte, verwandelte der sich wahrhaftig in einen jungen Mann. Der verwirrt im Gras saß und Beiro anblickte. Er trug Kleidung, die nun schäbig, jedoch irgendwann einmal wohl nobel gewesen war mit Emblemen, die Beiro fremden waren. Bei näherer Betrachtung erkannte der Druide, dass er keinen Menschen, sondern ein Elf. Seine langen Haare hatten dieselbe Farbe, wie das Fell des Wolfes, und ebenso waren seine Augen dieselben geblieben. Seine Haut war sehr bleich und ebenso wie die Pfote des Wolfes schwarz gewesen war, war auch die Haut des rechten Arms des Elfen dunkler. Wie jeder Elf, dem Beiro je begegnet war, war auch dieser hier hübscher, als es ein Mensch je sein konnte. Er war sehr groß, überragte Beiro leicht um zwei Haupteslängen, und schlank. Im Gegensatz zu anderen Elfen, die Beiro während seiner Reisen getroffen hatte, haftete diesem junge Mann etwas wildes, ungezähmtes an und wenig Erhabenheit. Er musste ein noch sehr junger Elf sein, oder es hatte etwas damit zu tun, dass er sich in einen Wolf verwandeln konnte. Es war viele Jahre her, da hatte ihm ein Druide aus einer sehr entlegenen Region des Landes von Legenden über Elfen erzählt, die wie Wölfe in Rudeln im Wald lebten und sich willentlich in diese Tiere verwandeln konnten. Der andere Druide selbst hatte nie einen solche Elfen gesehen und wusste dies nur über die mündlichen Überlieferungen seines Lehrmeisters und dessen vor ihm. Ly-tel-quessir hatte der Druide diese Elfen genannt.  
„Wer bist du?“
„Mein Name ist Leortis Wolfbane. Danke, dass ihr mich aus meiner Wolfsgestalt befreit habt. Nach all der Zeit als Wolf, hatte ich vergessen, wer ich eigentlich bin.“
Leortis erzählte dem Druiden seine Geschichte in kurzen Zügen, während Beiro ihm geduldig zuhörte.    
Ende?!
 
 
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