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Schnee über Berlin - Adventskalenderprojekt [Babylon Berlin]

SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.11.2020
24.12.2020
24
15.462
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.12.2020 816
 
Anmerkung: Die Review von Livia zum 1. Kapitel hat mich zu diesem hier inspiriert - Danke! :)
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Mit lautem Klappern landete der Hörer auf der Gabel. Es war schier nicht zu glauben.
Oberst Wendt schnaubte, mit einer Mischung aus Belustigung und Verachtung, bevor er leise zu lachen anfing. Was nicht besonders oft vorkam.
Der alte Trottel hatte wirklich keine Ahnung gehabt. Wie zur Hölle war so etwas überhaupt möglich? Er selbst hatte keine Kinder, er konnte vielleicht manche Dinge nicht nachvollziehen, aber wie konnte man denn derartig offensichtliche Tatsachen übersehen?
Er lachte immer noch, als er das Gespräch mit Generalmajor Seegers im Geiste rekapitulierte.
Der hatte ihn angerufen, leicht panisch, um ihn darüber zu informieren, dass es ein Datenleck gab, wie er es ausgedrückt hatte – seine privaten, geheimen Aufzeichnungen waren kopiert und an die Presse weitergegeben worden, und er hatte keinen Schimmer, von wem.
„Sie wissen nicht, wer es gewesen sein könnte?“ hatte Wendt gefragt, spaßeshalber. Ihm war des Rätsels Lösung längst klar.
„Nein.“ hatte Seegers geantwortet. „Aber wir müssen ihn finden, unser ganzer Apparat ist in Gefahr.“ Die kopflose Furcht eines betagten Schreibtischkämpfers.
„Ihre privaten Dokumente, Generalmajor. So viele Leute kommen da wohl nicht in Frage.“
„Wollen Sie etwa sagen… Hier leben doch außer mir nur meine Frau, Marie-Louise und eine Hausangestellte. Aber sie ist absolut vertrauenswürdig.“
Wendt überging die letzte Bemerkung.
„Exakt. Ihre Tochter.“ sagte er ruhig.
„Was? Ist das Ihr Ernst, Oberst?“ Pure Entrüstung am anderen Ende der Leitung.
Wendt rollte die Augen. Bei aller Geduld, es tat ihm eindeutig nicht gut, mit diesem Mann zusammenarbeiten zu müssen.
„Ja, Ihre Tochter. Sagen Sie mir nicht, dass Sie ihren politischen Standpunkt nicht kennen. Woraus folgt…“
Er hatte sich schon immer gefragt, was in der Erziehung alles schief gelaufen sein musste, damit die Tochter eines konservativen Militärs zur Kommunistin wurde. So wie er sich gefragt hatte, wie ernst das Mädchen das alles meinte. Nun, offenbar sehr ernst.
„Sie… Die Unerfahrenheit der Jugend, sie will unabhängig sein, aber das ist doch alles völlig harmlos. Wendt, hören Sie auf, meine Familie zu beleidigen!“
„Generalmajor Seegers, sie ist Mitglied der KPD. Was haben Sie denn geglaubt, wie lange das noch gut gehen würde? Sie verachtet alles, was wir tun. Was Sie tun. In ihren Augen sind unsere Pläne kriminell.“
Schweigen. Er konnte förmlich sehen, wie das Gesicht des Generalmajors jeden Ausdruck verlor.
„Die KPD?“ Irgendetwas zwischen Unglauben und Entsetzen in der Stimme des alten Mannes.
„Ja.“
„Aber…“ Er hatte nichts weiter gesagt, sondern grußlos aufgelegt.
Er ist ihr Vater und hatte keine Ahnung. Meine Güte. Wie oft hatte er mit Marie-Louise Seegers gesprochen? Zwei-, vielleicht dreimal, und er hatte sie durchschaut. Gut, ein wenig Hintergrundrecherche war nötig gewesen, aber jeder, der auch nur ein paar Worte mit ihr wechselte, konnte erkennen, dass sie überzeugte Kommunistin war. Nur ihr Vater nicht. Man sah nicht, was man nicht sehen wollte.
Er lächelte schief – in dem Maße, wie er Seegers senior verachtete, nötigte die junge Frau ihm Bewunderung ab. Selbst jetzt noch, als sie sich zur Gefahr für die Arbeit seiner gesamten Organisation entwickelte.
Ihr kürzliches Gespräch beim Abendempfang der Nyssens hatte ihn mit einer Mischung aus Belustigung, Empörung und Verwunderung zurückgelassen, ihn aber in jedem Fall überzeugt, dass sie eine bemerkenswerte Persönlichkeit war.
Ungewöhnlich selbstbewusst, scherte sie sich nicht um gesellschaftliche Hierarchien und knallte jedem ungefragt ihre Meinung an den Kopf. Unverschämt, und so respektlos, dass es einer Beleidung gleichkam. Noch dazu war ihre Weltanschauung eine Katastrophe – die lächerliche, naive Vorstellung, dass keine Unterschiede zwischen den Nationen existierten und alle Menschen gleich sein sollten, ein Gedanke, der sich unter jungen Menschen geradezu wie eine Seuche auszubreiten schien. Kurz, eine Nervensäge.
Nur, dass sie ihm seltsamerweise nicht auf die Nerven ging. Im Gegenteil – er hatte festgestellt, dass sie einer der wenigen Menschen war, in deren Gegenwart er sich nicht langweilte. Mit denen er redete, nicht aus Höflichkeit, sondern aus wirklichem Interesse. Natürlich hatte sie jeden seiner Versuche, sie mit vernünftigen Argumenten davon zu überzeugen, dass ihre politische Linie Unsinn war, blockiert. Aber sie war klug und wortgewandt, hatte sich nicht in die Defensive drängen lassen und stattdessen schlagfertig gekontert. Sie war ihm intellektuell und charakterlich mehr als gewachsen – und damit beinahe sämtlichen politischen Akteuren, inklusive ihres Vaters, weit voraus.
Selten genug kam es vor, dass er einen Gesprächspartner auf Augenhöhe traf, den er weder einschüchtern noch manipulieren konnte – ihren vollkommen verqueren Ansichten und dem ungesunden Starrsinn zum Trotz musste er zugeben, dass er sie irgendwie mochte.
Er griff erneut nach dem Hörer. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, dem alten Seegers die Identität des Maulwurfs so schnell offenzulegen. In jedem Fall wollte er wissen, was Marie-Louise selbst dazu zu sagen hatte, was sie nun, da sie enttarnt war, vorhatte zu tun. Vielleicht konnte er sie diesmal zu einer vernünftigen Übereinkunft bewegen. Dann wäre es immer noch ein Leichtes, den Generalmajor zu überzeugen, die Sache auf sich beruhen zu lassen.
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