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Schnee über Berlin - Adventskalenderprojekt [Babylon Berlin]

SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.11.2020
24.12.2020
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02.12.2020 607
 
Er konnte förmlich spüren, wie die Zeit verrann, während er gegen die kalte, graue Wand starrte und versuchte, seinen Gedanken eine irgendwie geordnete Bahn zu verleihen.
Das Flattern winziger Flügel ließ ihn aufhorchen und ein Lächeln huschte über sein übernächtigtes Gesicht. Wenigstens die Spatzen ertrugen ihn in ihrer Nähe - ab und an landete einer von ihnen auf dem Fenstersims, sie passten mühelos durch die Gitterstäbe und taten sich an den Brotkrümeln gütlich, die er ausstreute.
Alfred Nyssen wickelte sich noch fester in die dünne Wolldecke, sein einziger Schutz vor der kriechenden Kälte, die von den Steinwänden seiner Zelle ausging.
Es war einer dieser Tage, an denen er am liebsten das Bett nicht verlassen wollte, weil schon das bloße Aufstehen ihn wahnsinnige Anstrengung kostete. Mit dem Unterschied, dass es hier niemanden gab, der ihn davon abgehalten hätte, tatsächlich liegen zu bleiben. Weil sich niemand für ihn interessierte - alle paar Tage wurde er zum Verhör abgeholt, das war alles, und selbst dort fragte man immer nur nach den Hintermännern, den wahren Drahtziehern, so als könne man ihm etwas so Außergewöhnliches wie einen Zug voll mit geschmuggeltem Phosgen nicht zutrauen.
Wobei sich eigentlich auch draußen niemand für ihn interessierte. Wenn seine Mutter ihn zwang, aufzustehen, an den Vorstandssitzungen teilzunehmen, sich um die Buchhaltung zu kümmern, dann nicht etwa, weil sie sich um ihn sorgte. Sondern weil sie sich schämte und möglichst gut vor der Welt verbergen wollte, was für eine Enttäuschung ihr einziger Sohn doch war. Er war jenseits der dreißig, und in all den Jahren hatte sie ihn nicht einmal gefragt, wie es ihm ging, hatte ihn nicht einmal um seine Meinung gebeten oder auf seine Einwände geachtet. Wie es schien, war sie schlicht unfähig, ihn zu sehen. Sie sah lediglich ihr Ideal eines Sohnes, dem er nie würde gerecht werden können.
Auf diese Art betrachtet, war es gar nicht schlecht, inhaftiert zu sein - hier war man wenigstens ehrlich zu ihm, sagte ihm ins Gesicht, dass man nichts von ihm hielt und ließ ihn ansonsten in Ruhe. Manchmal kam Wegener vorbei - ohnehin der einzige Mensch, der ihm jemals zugehört hatte, wenn auch vielleicht nur, weil er dafür bezahlt wurde. Die restliche Zeit über war er mit seinen Gedanken allein, einzig die Vögel leisteten ihm Gesellschaft - ohnehin im Moment die einzigen lebenden Wesen, die ihm nicht nach kurzer Zeit furchtbar auf den Geist gingen.
Er zog die Beine an den Körper und schloss die Augen, Was sollte er nur anfange, wenn sie ihn gehen ließen? Er wollte weg, raus, seine eigenen Entscheidungen treffen und seine Ideen verwirklichen, seine großartigen Ideen, die niemand ernst nahm, weil niemand in der Lage war, sie zu verstehen.
Aber wie? Wohin? Was sollte er anfangen mit einem Leben, das bisher in fest vorgegeben Bahnen verlaufen, oder besser, mehr schlecht als recht dahingeschlingert war, wenn es ihm erst einmal gelang, zu entkommen?
Er dachte an die Leute, für die er den verdammten Zug beschafft hatte - er stand hinter ihren Zielen, wollte sie nach Kräften unterstützen, aber auch sie nahmen ihn nicht für voll und würden ihn nie als gleichwertiges Mitglied ihres Kreises anerkennen - lediglich als Handlanger, gut genug, um sich für sie einsperren zu lassen, wenn ihre Pläne scheiterten.
Vielleicht, dachte er, sollte er das Land verlassen - wenn er schon neu anfing, dann richtig. Er könnte nach Amerika gehen, sich einen Namen machen und erst zurückkehren, wenn er zu bedeutend geworden war, um noch länger übersehen zu werden. Wenn er wollte, konnte Wegener ja mitkommen - einen guten Anwalt konnte man eigentlich immer brauchen.
Alfred Nyssen richtete sich auf und griff nach seinem Notizbuch - wie es aussah, konnte es doch noch ein ganz annehmbarer Tag werden.
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