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Schnee über Berlin - Adventskalenderprojekt [Babylon Berlin]

Kurzbeschreibung
SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.11.2020
24.12.2020
24
15.462
3
Alle Kapitel
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14.12.2020 950
 
CN: Tod, Trauer
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Er ging die dicht bevölkerte Straße entlang, den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Kragen seines Mantels gegen den Wind aufgestellt. Versuchte, die weihnachtliche Beleuchtung, all die Dekoration, möglichst nicht zu sehen. Bog in eine Seitengasse ab und ging einen Umweg, um nicht am Hauptmarkt mit dem Weihnachtsbaum vorbeizukommen.
Was für die meisten Menschen eine der schönsten, fröhlichsten Zeiten des Jahres war, war für Igor Trochin die Hölle. Während die Leute um ihn her die Tage zählten, hier in Berlin bis zum vierundzwanzigsten Dezember, in seiner Heimat bis zum sechsten Januar, hätte er am liebsten die Uhren auf Anfang Februar vorgestellt, damit der ganze Spuk endlich vorbei war.
Er erreichte das Haus, in dem er lebte, zog die Schlüssel aus der Tasche, stieg die Treppe nach oben und verschwand in seiner Wohnung. Er hatte bei seiner Ankunft in Berlin darauf bestanden, nicht in der Botschaft zu wohnen – es kam ihm seltsam vor, am selben Ort zu leben und zu arbeiten – nur im Dezember wünschte er sich fast, er müsste nicht jeden Tag das Haus verlassen. Und dabei ausgerechnet den größten Weihnachtsmarkt der Stadt überqueren.
Trübsinnig setzte er Teewasser auf und ließ sich in einen Sessel fallen. Zündete sich eine Zigarette an und schlug die Zeitung auf. Nach wenigen Minuten legte er sie entnervt wieder weg - er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um das Gedruckte zur Kenntnis zu nehmen.
Weihnachten.
Sieben Jahre war es her, dass er zum letzten Mal Weihnachten gefeiert hatte. Damals hatte er in Moskau gelebt, war für die Feiertage nach Leningrad gefahren, wo im Haus seiner Eltern die ganze Familie zusammenkam. Seine Schwester Irina, der ältere Bruder, Dmitri, mit seiner Frau und den Zwillingen…
Ein Jahr später war sein Bruder tot. Erschossen bei einer militärischen Übung, einen Tag vor Heiligabend.
Und seitdem gab es für Trochin kein Weihnachten mehr.
Er stützte den Kopf in die Hand und sah aus dem Fenster. Inzwischen war die Nacht völlig hereingebrochen, aber es war den ganzen Tag nicht richtig hell gewesen, der Himmel grau und wolkenverhangen. Wenn es wenigstens schneien würde.
Damals hatte es geschneit. Er hatte im Büro gesessen und zugesehen, wie die nassen Flocken gegen die Scheibe geweht wurden. Er erinnerte sich noch genau, wie sein Vorgesetzter eingetreten war und ihn angeschaut hatte mit einem Gesichtsausdruck, der nicht zu dem bärbeißigen, strengen Mann passte. Der ihm sofort gesagt hatte, dass etwas nicht stimmte.
Trochin, hören Sie, es tut mir wirklich leid. Ihr Bruder ist tot.
Er hatte ihn angestarrt, nicht zu einer Reaktion fähig. Selbst dann nicht, als der andere die Worte wiederholte, ihm zuredete, ihn nach Hause schickte. Weil er es nicht begreifen konnte. Tagelang nicht. Tagelang hatte er nichts weiter gefühlt als eine dumpfe Leere, das drückende Bewusstsein, dass etwas Furchtbares passiert war, und dennoch konnte er es nicht fassen.
Die Trauer kam später. Mit einer Heftigkeit, dass er sich gefragt hatte, ob er jemals wieder etwas anderes empfinden würde. Es war, als habe man ihn über den Rand eines Abgrundes gestoßen und er fiel, immer tiefer, ohne je aufzuschlagen. Wie konnte es sein, dass Dmitri, von allen Menschen ausgerechnet er, nicht mehr am Leben war?
Seine Versetzung nach Berlin war ihm beinahe als Erlösung erschienen. Es hatte geholfen, nicht mehr jeden Tag die Orte zu sehen, an denen sie zusammen gewesen waren, nicht ständig gemeinsame Bekannte zu treffen, die nach seinem Bruder fragten. Weit weg zu sein, auch vom Rest der Familie, obwohl er wusste, dass es seiner Mutter das Herz gebrochen hatte, dass er sich nicht meldete, manchmal für Monate. Er hatte es nicht ertragen.
Dmitri war neun Jahre älter gewesen als er. Als Kinder waren sie unzertrennlich, kaum jemals war Igor dem Älteren von der Seite gewichen, und der hatte sich perfekt in die Rolle als Beschützer und geduldiger Lehrer eingefunden. Was der kleine Bruder auch anstellte, Dmitri hatte meist nur gelächelt und ihn in den Arm genommen. Selbst als sie beide schon längst erwachsen waren, änderte sich nichts an dieser engen Beziehung. Sie waren einander die wichtigsten Vertrauten, und für Trochin war sein Bruder noch mehr – auf seine ganz besondere Art klug und mit einer unerschütterlichen Zuversicht gesegnet, hatte er immer gewusst, was zu tun war. Im Krieg und später, während der Revolution, als sie sich den Kommunisten anschlossen, mitten in dieser chaotischen Zeit, hatte er Dmitri nicht einmal beunruhigt erlebt – wann immer er selbst zweifelte, nicht wusste, was er tun sollte, hatte der Ältere einen Rat gewusst, ihn auf den richtigen Weg zurückgebracht.
Er hatte seinen Bruder verloren und gleichzeitig den Menschen, der ihm den meisten Halt gab.
Mit der Zeit lernte er, damit zu leben. Der Schmerz rückte in den Hintergrund, bis er ihn zeitweilig sogar vergaß. Irgendwann konnte Trochin wieder von seinem Bruder und ihren gemeinsamen Erlebnissen erzählen und dabei lachen. Konnte den Kontakt zur Familie wieder herstellen und sich über das Wiedersehen freuen.
Doch selbst nach all den Jahren ergaben die Worte keinen Sinn. Ihr Bruder ist tot.
Völlig gleich, wie oft er glaubte, er sei über den Verlust hinweg, es gab immer wieder Augenblicke, in denen der Schmerz schlagartig mit alter Heftigkeit zurückkehrte.
Dmitri war am Tag vor Weihnachten gestorben und somit war es in dieser Zeit des Jahres besonders schlimm. All die Vorbereitungen auf das Fest erinnerten ihn daran, wie sehr er ihn vermisste. Und wie sehr er sich wünschte, ihn wiedersehen zu können. Nur für ein paar Minuten, um sein unerschütterliches Lächeln zu sehen, weil er seinen Rat brauchte oder einfach, um ihm zu sagen, wie viel er ihm bedeutete, dass er ihm fehlte.
Er schüttelte traurig den Kopf, stand auf und zog die Vorhänge zu.
Ein paar Tage noch, dann hatte er es für dieses Jahr hinter sich gebracht.
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