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Schnee über Berlin - Adventskalenderprojekt [Babylon Berlin]

SammlungAllgemein / P12 / Gen
25.11.2020
24.12.2020
24
15.462
3
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
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25.11.2020 1.062
 
Anmerkungen zum gesamten Projekt: Die Geschichten stehen für sich und drehen sich um unterschiedliche Charaktere, es gibt keine fortlaufende Handlung und keine feste Zeitachse, Staffel 1-3 bunt gemischt (Spoileralarm!), die meisten Geschichten orientieren sich allerdings nur grob an der Originalhandlung, ich leihe mir vor allem die Charaktere aus.
Von spannend bis weihnachtlich, tragisch bis heiter wird alles dabei sein. Viel Spaß!


Anmerkung zur ersten Geschichte: Keine Ahnung, ob Trochin in der Serie jemals mit Vornamen erwähnt wird, deswegen habe ich mir einfach einen ausgedacht.
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Der bloße Anblick des Gebäudes war geeignet, jedem Besucher unmissverständlich klar zu machen, wessen Regeln hier galten. Igor Fjodorowitsch Trochin, seines Zeichens sowjetischer Botschafter in Berlin, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, vom Fenster seines Arbeitszimmers aus die Gäste der Botschaft zu beobachten, wann immer er zwischen seinen Terminen die Zeit dafür fand. Er studierte ihre Reaktionen, wenn sie vor den Toren des wuchtigen, prunkvollen Baus standen – die meisten, ganz gleich, wie entschlossen sie zuvor gewirkt hatten, schrumpften ein ganzes Stück in sich zusammen, sobald sie den Boden der diplomatischen Niederlassung unter den Füßen hatten, näherten sich mit beinahe furchtsamem Gesichtsausdruck, so als wäre die Härte von Stalins Regime selbst tausendachthundert Kilometer westlich von Moskau spürbar, magisch gespeichert in Mauern, die der Herrscher noch nie betreten hatte.
Trochin legte den Stift aus der Hand und zog die Uhr aus der Tasche seines Hemdes. Dann trat er ans Fenster, um zu warten. Ein nicht ganz unbedeutender Gesprächspartner hatte sich angekündigt und sollte jeden Augenblick in Erscheinung treten. Der Botschafter war zuversichtlich, dass er auch diese Angelegenheit zu seinen Gunsten regeln konnte.
Er stand eine ganze Weile da, so lange, dass er anfing, sich zu fragen, was wohl jemand von ihm hielt, der ihn seinerseits beobachtete. Ein Mann Ende vierzig, das kurze, graue Haar ordentlich zurückgelegt, in der Uniform des sowjetischen Diplomatenkorps – die er bei Außenaussätzen gegen einen knielangen, schwarzen Ledermantel zu tauschen pflegte – der kerzengerade und nachdenklich hinter den Vorhängen seines riesigen Büros stand, einen halb gespannten, halb lauernden Ausdruck in den braunen Augen… Er kam nicht dazu, diese kurze Selbstreflexion zu einem Abschluss zu bringen, denn gerade hielt ein Wagen direkt vor der Botschaft und fuhr sofort wieder ab, nachdem eine dunkel gekleidete Gestalt ausgestiegen war, die nun ihren Hut gerade rückte und den Blick über die verwitterte Fassade gleiten ließ.
Trochin lächelte dünn – dieser hier war interessant. Mit langen, selbstbewussten Schritten kam er auf den Eingang zumarschiert, doch auch er konnte sich der Wirkung des Ortes nicht völlig entziehen – nur, dass er keineswegs eingeschüchtert wirkte, sondern vielmehr neugierig und irgendwie herausgefordert. Er verschwand aus dem Blickfeld und für den Diplomaten blieb genug Zeit, sich zurück an den Schreibtisch zu setzen und sich scheinbar in einem wichtigen Dokument zu vertiefen. Er wollte schließlich nicht den Eindruck erwecken, als habe er nichts Besseres zu tun, als den persönlichen Referenten des Reichskanzlers zu treffen.
Es klopfte und sein Sekretär trat ein.
„Regierungsrat Wendt ist gerade eingetroffen.“ teilte er ihm mit.
„Bringen Sie ihn rein.“ sagte er abwesend und blätterte um. Er sah erst auf, als der Mitarbeiter den Fremden hinein gewunken und die Tür hinter ihm geschlossen hatte.
„Oberst Wendt, wenn ich mich nicht irre?“ begrüßte er ihn.
Der andere kam langsam näher.
„Und mit wem habe ich das Vergnügen?“
Der Botschafter stellte sich knapp vor.
„Nehmen Sie Platz“ ergänzte er.
„Danke“ Der Andere bedachte ihn mit einem durchdringenden Blick und Trochin musste sich daran hindern, amüsiert zu lächeln – großartig, noch einer von seinem Format, ein Spieler, und wie es aussah, einer, der ihm durchaus ebenbürtig war. Er erwiderte den Blick, taxierend und eine Spur gelangweilt.
„Nun?“
„Sie wissen, worum es geht.“
Trochin legte die Fingerspitzen aneinander.
„Ihre Männer haben einen Zug voll mit illegalem Kampfgas aus der Sowjetunion ins Land schmuggeln lassen. Und jetzt haben sie die Polizei im Nacken.“ fasste er zusammen.
Wendt schob das Kinn ein wenig vor.
„Meine Männer?“
„Die schwarze Reichswehr.“
Sein Gegenüber hob leicht die Brauen, schien sich aber nicht sonderlich zu wundern, dass er im Bilde war.
„Wie Sie meinen.“ entgegnete er in nichtssagenden Tonfall.
Der Botschafter schaute auf die Uhr.
„Sie wollten mich treffen, aber ich sehe nicht, wie ich in dieser Sache behilflich sein kann.“ bemerkte er kühl. Die Umtriebe des deutschen Militärs scherten ihn herzlich wenig, aber er hatte aus einem anderen Grund ein Interesse an dem Zug – der sich wegen der verdammten Phosgen-Geschichte zum Problem entwickelte. Nur konnte er mit dieser Angelegenheit schlecht hausieren gehen – zumal er keine Hilfe nötig hatte.
„Nun, es ist ein sowjetischer Zug.“ versuchte Wendt ihn aus der Reserve zu locken.
„Ja und?“
„Ich denke, uns liegt beiden daran, dass die Polizei diesen Zug nicht zu genau in Augenschein nimmt. Also muss er verschwinden, am besten dahin zurück, wo er hergekommen ist.“ sagte er mit betonter Ruhe.
„Damit niemand dahinter kommt, wer den Transport wirklich veranlasst hat. Aber was geht mich das an?“
Wendt maß ihn mit einem sorgfältigen Blick.
„Es ist nicht nur Phosgen in dem Zug, das muss ich Ihnen ja wohl kaum erklären.“
Na bitte – Typen wie Wendt kamen nicht als bloße Bittsteller, sie wussten meist mehr, als sie zunächst zugaben und wollten verhandeln.
„Also schön. Aber der Zug wurde offiziell beschlagnahmt.“ Was nicht bedeutete, dass er nicht Mittel und Wege hatte, seine Herausgabe zu erreichen, aber vielleicht hatte der deutsche Offizier ja eine Idee, die nicht mit einem bürokratischen Dschungel verbunden war. „Was schlagen Sie also vor?“ Er lächelte, ohne dass in seinen Augen eine Veränderung vorgegangen wäre.
„Ich sehe, wir verstehen uns.“ Wendt erwiderte das Lächeln ebenso berechnend. „Kennen Sie das Moka Efti?“
„Wie bitte?“ Trochin sah ihn verständnislos an.
„Mittwochabend werden Sie und ich dort den Präsidenten der Berliner Polizei treffen und ihn davon in Kenntnis setzen, dass er eine schwere diplomatische Krise heraufbeschwört, wenn er den Zug weiter blockiert.“
„Erpressung?“
„Nennen Sie es, wie Sie wollen.“ Wendt stand auf. „Sind Sie dabei?“
Trochin erhob sich ebenfalls und umrundete seinen Schreibtisch.
„Ich nehme an, dass Sie nicht vorhaben, den Zug wieder in der Sowjetunion ankommen zu lassen."
Der Oberst antwortete nicht, sondern legte nur mit einem vielsagenden Blick den Kopf leicht schief.
„Ihre Männer sorgen dafür, dass das Gold ebenfalls hier bleibt und das es sicher in den Besitz der Botschaft gelangt. Dann sind wir im Geschäft.“
Wendt setzte lässig seinen Hut auf.
„Abgemacht.“ Er streckte Trochin die Hand hin und der Botschafters schlug ein.
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