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The Afterlife

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Alex Julie Molina Luke Patterson Reggie Willie
24.11.2020
24.11.2020
3
8.507
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24.11.2020 2.317
 
Julie und Carlos waren in der Schule und Ray unterwegs zu einem Kunden, als Alex sich ins Haus der Molinas schlich. Er hatte nicht vor, tatsächlich irgendwas Kriminelles zu machen, trotzdem hatte er das Gefühl, er würde etwas Verbotenes tun. Würde er noch leben, hätte sein Herz so schnell und laut geschlagen, dass es jeder gehört hätte. Adrenalin wäre durch seinen Körper gerauscht, doch nun herrschte in ihm nur noch Stille. Das sorgte allerdings nicht dafür, dass er sich beruhigte und besser fühlte.



Eilig und in gebückter Haltung huschte Alex die Stufen nach oben in die obere Etage und in Carlos‘ Zimmer. Kaum hatte er das Zimmer betreten, sah er auch schon das Gesuchte. Neben dem Schreibtisch lehnte es. Carlos‘ Skateboard. Alex hatte den Jungen vor einigen Tagen damit fahren gesehen und bei diesem Anblick kam ihm die Idee, dass er es auch lernen könnte. So hätte er eine weitere Gemeinsamkeit mit Willie und er musste ihm nicht immer hinterher rennen. Eigentlich wollte er es nur lernen, um Willie zu beeindrucken. Seit der Show im Orpheum hatten sie beinah jede freie Minute miteinander verbracht, wenn sie beide Zeit hatten. Für Alex war das leider noch nicht genug, denn Willie musste immer aufpassen, dass Caleb nichts bemerkte, obwohl der sich schon eine ganze Weile ruhig verhalten hatte. Sie sahen sich also trotzdem nur alle paar Tage. Umso glücklicher war Alex, dass sie sich später trafen. Willie konnte immer nicht genau sagen, wann er aus dem HGC verschwinden konnte, doch Alex würde einfach auf Willie warten, etwas üben und ihm dann seine Fahrkünste zeigen.



Ein wenig ängstlich sah Alex sich um und lauschte, doch es war nichts zu hören. Reggie und Luke spielten im Studio an ihren Gitarren herum und probierten neue Melodien aus. Wenn es um die Instrumente der beiden ging, klinkte sich Alex immer aus. Er hatte keine Ahnung davon und mit Reggies und Lukes Begeisterung konnte er sowieso nicht mithalten. Außerdem waren die beiden vermutlich froh, dass sie ein wenig Zeit für sich hatten. Nicht, dass Alex erwartete, dass sie endlich aufhören würden, vollkommen blind für die Blicke des anderen zu sein, aber er hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Irgendwann mussten sie es einfach mal begreifen. Schon vor ihrem Tod hatten die beiden sich ständig sehnsüchtige Blicke zugeworfen. Am Anfang hatte Alex es noch lustig gefunden, sie dabei zu beobachten, doch mittlerweile nervte es ihn. Er konnte es nicht ertragen, dass sie beide einfach vollkommen unwissend waren. So war er sich aber sicher, dass sie definitiv nicht nach ihm suchen würden, sobald sie einmal in ihre Welt abgetaucht waren.



Bevor ihn der Mut verlassen konnte, schnappte er sich das Skateboard und flüchtete aus dem Haus. Vor lauter Aufregung wäre er beinah durch die geschlossene Tür gegangen, bis ihm einfiel, dass das Skateboard dagegen krachen würde. Mit schnellen Schritten ging er zur Garage, aus deren Inneren noch immer Gitarrenklänge zu hören waren.



Die kommen da so schnell nicht raus, dachte Alex beruhigt.



Er stellte das Board auf den Boden und sah es an. Es genauso aus wie Willies und er hatte Willie schon oft genug skaten gesehen. So schwer konnte das also nicht sein. Bei Willie sah es immer ganz einfach aus.



Tief durchatmend, um seine Angst in den Griff zu bekommen, stellte Alex einen Fuß auf das Board und bewegte den anderen nach vorn, um sich abzustoßen. Sein Fuß berührte nicht einmal den Boden. Sofort bemerkte er, wie er das Gleichgewicht verlor. Sein Körper lehnte sich zu weit nach vorn. Alex stolperte erschrocken. Von seinen ungeschickten Schritten angeschoben, rollte das Board nach hinten weg.



Gott sei Dank konnte ich mich noch abfangen, dachte Alex, der die Hände auf die Knie stützte, um sich von seinem Schreck zu erholen.



Trotz eines verpatzten Starts wollte er noch nicht aufgeben. Er stellte sich wieder auf das Board und versuchte erneut, sich abzustoßen. Diesmal hatte sein Fuß den Boden berührt und er stieß sich ab, doch auch dieses Mal konnte er sich nicht halten. Mit aufgerissenen Augen und wild mit den Armen fuchtelnd, versuchte er das Gleichgewicht zu behalten, doch vergebens. Das Board bekam einen Schub, rutschte unter seinem Fuß weg und raste auf die Garagentür zu, während Alex nach hinten kippte und im nächsten Moment auf dem Boden aufschlug.



Er hatte keine Zeit, sich wieder aufzurichten oder sich zu beruhigen, da wurde auch schon die Tür geöffnet und Reggie und Luke sahen auf ihn herunter. Sie entdeckten das Skateboard und wussten sofort, was passiert war. Lachend kamen sie auf ihn zu, um ihm hoch zu helfen.

„Na, wer wollte denn da seinen crush beeindrucken?“, neckte Luke. „Hat wohl nicht so gut geklappt.“

„Halt die Klappe.“



Alex stand gerade wieder auf den Füßen, als Willie vor ihm auftauchte. Auch er verstand die Situation sofort und begann breit zu grinsen.

„Kein Wort“, knurrte Alex. „Lass uns einfach verschwinden.“

Lachend griff Willie nach Alex‘ Hand und beide pooften davon.



Alex fand sich in Venice wieder. Es war mittags und der Strand war leer. In einiger Entfernung konnte Alex das Santa Monica Pier erkennen.

„Ich bin überrascht, dass es so leer ist“, sagte Alex.

„Ja, wir sind mitten im Herzen von Venice, die Touristen sammeln sich immer nur auf dem Walk of Fame am Hollywood Sign oder so. Hier kommen nur die Leute hin, die Venice wegen des Lifestyles zu schätzen wissen. Die Skater, die Surfer, die Hipster. Ich bin oft hier und genieße das Meer.“

Alex nickte verstehend. Er konnte sich noch an einen Gig auf dem Santa Monica Pier erinnern. Im Sommer fanden dort immer Konzerte statt und eines Abends war Sunset Curve dran. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, ihre Leidenschaft auszuleben und dabei den Sonnenuntergang über dem Pazifik zu beobachten.



„Also … Hast du Lust, skaten zu lernen?“, fragte Willie.

„Bemüh dich nicht. Ich bin ein hoffnungsloser Fall“, widersprach Alex kleinlaut und peinlich berührt.

„Unsinn. Du hast bestimmt nur typische Anfängerfehler gemacht. Ich erkläre es dir.“

„Von mir aus.“

Eigentlich war es Alex egal, was er machte, solange er Zeit mit Willie verbringen konnte. Er wollte sich nur nicht vor ihm blamieren.



Willies Skateboard tauchte vor ihm auf.

„Dein erster Fehler war es, dass du auf dem Platz vor der Garage geübt hast. Viel zu uneben. Hier ist der Weg eben und glatt. Ideale Bedingungen. Keine Hügel, keine Plastersteine.“

Alex nickte verstehend. Das ergab Sinn.

„Als nächstes musst du wissen, wie du deine Füße auf dem Board platzierst. Hier ist die Straße gerade, aber das ist nicht immer so.“

Mit einem Mal kam sich Alex dumm vor. Er hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass man mit einem Skateboard vielleicht auch lenken kann.



Willie stellte sich auf sein Board, die Füße parallel zu den Achsen, an denen die Räder befestigt waren. Geschickt bewegte er die Füße, sodass Alex sah, wie sich das Board zu beiden Seiten neigte.

„Du lenkst, indem du die Seite, in die du fahren willst, stärker belastet. Deswegen ist es wichtig, dass der hintere Fuß möglichst nah an der hinteren Achse ist. So hast du ein besseres Gefühl zum Lenken. Aber auch nicht auf dem Tail sonst verlierst du das Gleichgewicht und das Skateboard kippt nach hinten.“

Alex nickte, auch wenn er keine Ahnung hatte, was der Tail war. Er nahm einfach an, dass es das leicht gebogene Ende des Boards war. Alles andere würde keinen Sinn ergeben. Allerdings wollte er auch nicht nachfragen, um nicht vollkommen unwissend zu erscheinen.

„Okay, den vorderen Fuß kannst du am Anfang gerade aufs Board stellen. Du musst am Anfang noch keine so scharfen Kurven fahren, dass du beide Füße zum Lenken brauchst. Außerdem ist es schwieriger nach dem Pushen, den Fuß wieder zu drehen. Beim Push hast du den Fuß immer gerade nach vorn ausgerichtet, damit du nicht aus Versehen in die falsche Richtung lenkst. Außerdem ist es ziemlich unbequem. Wenn du dann etwas mehr Übung hast, drehst du den Fuß nach dem Push einfach um 90°, damit du besser lenken kannst.“

Willie sah Alex abwartend an.

„Was ist der Push?“, fragte Alex zögernd und merkte schon wieder, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss.

„Oh ja, sorry. Der Push ist das Abstoßen vom Boden, das du machst, um voranzukommen.“

Alex nickte verstehend.

„Okay, dann bist du jetzt dran.“

Willie sprang von seinem Skateboard und platzierte Alex dahinter.

„Keine Panik, du sollst noch nicht fahren. Wir wollen erstmal herausfinden, mit welchem Bein du pushst. Du weißt instinktiv, welche Seite sich richtig anfühlt. Genauso wie du weißt, auf welcher Seite deines Fahrrades du läufst, wenn du es schiebst, oder auf welcher Seite, du zuerst deinen Rucksack aufsetzt.“

Erneut nickte Alex und stellte sich rechts vom Board hin, bevor er sich zu Willie umdrehte.

„Ich will, dass du dich auf das Board stellst – Ich halte dich fest, wenn du willst – und erstmal ein Gefühl dafür bekommst. Das Deck ist immer in Bewegung und du musst damit vertraut sein, um das Gleichgewicht zu behalten. Deinen linken Fuß stellst du so aufs Board, dass deine Fußspitze zwischen den Rollen ist.“

Alex nickte ein weiteres Mal und streckte die Hand aus. Willie ergriff sie lächelnd, bevor Alex tat, was Willie gesagt hatte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er kaum ein Wort gesagt hatte, weil er so konzentriert war. Er wollte sich unbedingt alles merken, was Willie erklärt hatte und sich nicht vollkommen blamieren, wenn er versuchte, zu skaten.



„Jetzt stellst du den zweiten Fuß hinten quer über die Achse.“

Alex sah nach hinten, um die richtige Stelle zu finden.

„Beweg den hinteren Fuß ein wenig, um die Reichweite der Neigung zu spüren und keine Angst. Ich halte dich fest.“

Kaum folgte Alex der Anweisung begann er zu schwanken und seine Füße zitterten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Doch nachdem er sich mit Willies Hilfe ein paar Mal hin und her geneigt hatte, gewöhnte er sich an das Gefühl und gewann immer mehr Sicherheit.



„Ich lasse dich jetzt los und du machst das Gleiche nochmal, okay?“

„Was?! Nein! Lass mich nicht los!“, rief Alex erschrocken und mit aufgerissenen Augen.

„Keine Sorge, Hot Dog. Ich bin genau hier und fange dich auf, wenn du fällst“, erwiderte Willie lachend.

Bevor Alex weiter peinlich berührt oder ängstlich sein konnte, hatte Willie seine Hand auch schon losgelassen und Alex war damit beschäftigt, das Gleichgewicht zu behalten, doch er schaffte es.

„Sehr gut und jetzt fährst du. Erstmal ganz langsam, stoß dich ein kleines bisschen mit dem Fuß ab und roll einfach gerade aus.“

Nach einem tiefen Durchatmen tat Alex genau das.

„Nein, doch nicht mit dem vorderen Fuß!“, rief Willie.

Erschrocken sprang Alex sofort vom Skateboard. Natürlich stolperte er prompt und landete ungeschickt in Willies Armen, der sofort wieder zu lachen begann.

„Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nur nicht, dass du hinfällst. Du pushst immer mit dem hinteren Fuß. Deswegen lässt du den vorderen beim Push immer senkrecht zur Achse. Erinnerst du dich? Damit du nicht lenkst.“

„Oh. Ja, sorry“, murmelte Alex kleinlaut.

„Kein Problem. Versuch es einfach nochmal.“

Alex nickte und löste sich schweren Herzens von Willie.



Er versuchte es erneut und stellte fest, dass es gar nicht so schwer war, wenn man einmal wusste, wie sich das Skateboard unter den eigenen Füßen bewegte. Mit jedem Push wurde er sicherer und schneller. Es machte wirklich Spaß. Breit grinsend fuhr Alex Schlängellinien und drehte das Board um, wenn er zu Willie zurückfahren wollte. Willie sah zufrieden aus und beobachtete ihn lächelnd. Alex rollte langsam an ihn heran und Willie nahm ihm den letzten Schwung, indem er nach seiner Hüfte griff.

„Von wegen hoffnungsloser Fall“, sagte Willie grinsend und sah zu Alex hinauf.

„Du bist einfach ein guter Lehrer“, erwiderte Alex lächelnd.

„Oder du ein Naturtalent.“

Bevor Alex wieder zu viel nachdachte, beugte er sich einfach herunter und küsste Willie. Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte Willie den Kuss und Alex seufzte zufrieden und erleichtert, was Willie zum Lachen brachte. Beide grinsend pressten sie ihre Stirn aneinander.



„Ich kann nicht glauben, dass das wirklich passiert ist“, murmelte Alex.

Verwirrt sah Willie ihn an.

„Habe ich irgendwelche Zeichen falsch gedeutet? Wolltest du das gar nicht?“, fragte Willie erschrocken und war schon dabei, sich von Alex zu lösen.

Der Drummer stolperte vom Skateboard herunter und schlang die Arme um Willie.

„Nein, nein“, beruhigte er ihn. „Das ist es nicht. Ich bin nur in einer Zeit aufgewachsen, da wäre es undenkbar gewesen, dass ich dich auf offener Straße küssen kann. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis mich meine Eltern rausgeschmissen hätten. Also genieße ich das umso mehr.“

„Na ja, uns sieht nicht wirklich jemand, aber ich weiß, was du meinst. Bei mir war es ähnlich.“

Alex war seltsam glücklich darüber, jemanden gefunden zu haben, der sein Problem verstand.

„Du hättest meine Eltern erleben sollen. Ich habe mich zuerst bei Reggie geoutet. Er hat es locker genommen, so wie immer eben. Wir haben uns über meinen Crush aus der Schule unterhalten und ich sagte, dass ich so gern wissen würde, wie es wäre ihn zu küssen oder überhaupt jemanden zu küssen. Reggie antwortete nur: ‚Du kannst mich küssen. Das macht mir nichts aus.‘ Also habe ich ihn geküsst … Meine Eltern kamen in dem Moment nach Hause. So wütend habe ich sie noch nie gesehen. Sie haben mich angesehen, als wäre ich das Abartigste, was sie je gesehen hatten und noch dazu ihr eigen Fleisch und Blut. Trotzdem bin ich noch glimpflich davongekommen. Reggies Eltern waren das Schlimmste. Sie haben seine ganze Kindheit und Jugend ruiniert.“

Deprimiert ließ Alex den Kopf hängen, als er sich daran erinnerte, dass er der Grund war, dass es Reggie nach diesem Kuss so schlecht ging.

„Hey, dass Reggies Eltern scheiße sind, ist nicht deine Schuld. Jetzt seid ihr sie los und könnt zusammen mit Julie von vorn anfangen, richtig? Die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern, aber dafür stehen euch jetzt alle Türen offen.“

Willie lächelte aufmunternd und Alex erwiderte es.

„Danke, Willie“, flüsterte Alex und hauchte Willie einen Kuss auf die Wange.
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