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Tell Your Friends

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Alex Julie Molina Luke Patterson Ray Molia Reggie
24.11.2020
24.11.2020
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2.295
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„Woher soll man überhaupt wissen, wen man mag?“, fragte Reggie verzweifelt.

Er saß zusammengesunken in der Küche des Molina-Haushalts, den Ellenbogen auf der Tischplatte der Küchenzeile und das Kinn auf die Hand aufgestützt. Es war bereits dunkel draußen. Julie war mit Flynn unterwegs und Luke und Alex hingen in der Garage ab. Reggie hatte keine Lust, ihnen Gesellschaft zu leisten. Er wollte seine Ruhe haben. Wie immer, wenn Reggie einen Moment für sich brauchte, suchte er nach Ray. Zeit mit Julies Dad zu verbringen, half ihm immer. Ray kochte gerade und ließ sich wie immer durch nichts aus der Ruhe bringen, was Reggie tat. Reggie wusste, dass Ray ihn weder hören noch sehen konnte, doch das war ihm egal. Er erwartete nicht, dass ihm jemand helfen konnte. Das Problem konnte er nur allein lösen.

„Ich meine, alle erzählen einem immer, dass man sich nach einem netten Mädchen umsehen soll. Vor allem, wenn du Teil einer Rockband bist. Die Leute erwarten geradezu, dass du jedes Mädchen verführst, dass du kriegen kannst. Okay, so bekannt waren wir nicht, aber wir hatten Fans. Wir hatten weibliche Fans. Auch bei dem ersten Auftritt in Julies Schule haben mich Mädchen angeschaut. Ich sollte Mädchen mögen, richtig? Ich mag Mädchen.“

Reggie seufzte und ließ den Kopf auf den Tisch sinken. Er mochte Mädchen. Eine von Carries Freundinnen flirtete bei jedem Auftritt mit ihm und er hatte zurückgeflirtet, obwohl er noch immer nicht ihren Namen kannte. Die Aufmerksamkeit des Mädchens gefiel ihm, das Mädchen gefiel ihm. Als er noch am Leben war, hatte er auch eine Freundin gehabt. Zwar nicht lange, die Jungs hatten ihn damit wochenlang aufgezogen, dass das Mädchen sich von ihm getrennt hatte, aber er hatte die Zeit trotzdem genossen.

Reggie war sich immer sicher gewesen, dass er nur Mädchen mochte. Selbst als Alex sich geoutet hatte, hatte Reggie sich nicht selbst hinterfragt. Er hatte es einfach akzeptiert und damit war es für ihn erledigt. Erst seitdem sie als Geister zurückgekommen waren, erwischte er sich immer wieder dabei, wie er über Jungs nachdachte. Es war alles Lukes Schuld. Reggie stand nicht auf Luke, aber er konnte auch nicht leugnen, dass Luke attraktiv war und eine anziehende Ausstrahlung hatte. Bei jedem Auftritt sangen sie an irgendeinem Punkt in dasselbe Mikrofon und starrten sich dabei in die Augen. Dann gab es da noch die Probe als Alex mit Willie unterwegs gewesen war und Reggie mit Luke allein war. Es herrschte so eine entspannte Stimmung zwischen ihnen. Julie nannte es die Bromance, die immer zwischen den drei Jungs herrschte. Sie hatte recht, sie waren wie Brüder und sie liebten einander. Reggie konnte sich kein Leben, keinen Tod ohne sie vorstellen. Er wollte sich das gar nicht vorstellen. Zum Glück waren sie nicht auf die andere Seite gewechselt, denn Reggie hatte panische Angst davor, dort ohne Alex und Luke aufzuwachen. Er liebte die beiden und er wusste, dass sie ihn auch liebten.



Mit einem weiteren Seufzen kehrte er zu seinem eigentlichen Problem zurück. Wieder liefen die Erinnerungen in seinem Kopf auf Dauerschleife. Er konnte nicht aufhören, an Luke zu denken. An diese eine Probe, als er ihn quasi geküsst hatte. Reggie wusste, dass Luke nicht auf ihn stand und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Reggie dachte nicht so über Luke, aber trotzdem sorgte Lukes Verhalten dafür, dass Reggie sich immer wieder fragte, ob er nicht doch auch auf Jungs stand. Was wäre auch groß dabei? Die Band würde ihn akzeptieren und weiterhin lieben. Reggie wusste das. Warum hatte er also trotzdem solche Angst davor, es zuzugeben? Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann wusste er auch längst, dass er bisexuell war. Er musste es nur noch vor sich selbst zugeben und wer konnte ihm dabei besser helfen als Ray?



Reggie richtete sich auf seinem Stuhl auf. Ray stand ihm direkt gegenüber und schnippelte Gemüse, während er den neusten Song von Julie and the Phantoms summte. Für einen Moment zögerte Reggie, doch schließlich packte ihn Entschlossenheit.

„Ich glaube, ich bin bisexuell, Ray.“

Natürlich erhielt er absolut keine Reaktion auf sein Geständnis, doch das störte Reggie wenig. Er war trotzdem stolz auf sich, dass er es laut ausgesprochen hatte, sofern man es laut nennen konnte. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus und er war gerade dabei, weiter mit Ray zu reden, als er hinter sich das vertraute Woosh hörte, das ankündigte, dass ein weiterer Geist aufgetaucht war.

„Hey Reg“, sagte Alex und schlang seine Arme von hinten um Reggie, was diesen zum Lachen brachte. „Wieder Quality Time mit Ray?“

„Natürlich. Er kann doch nicht den ganzen Tag allein sein“, erwiderte Reggie und drehte sich zu Alex um, der ihm ein Lächeln schenkte.

„Ich wollte dir sagen, dass Luke eine Idee für einen neuen Song hat und wir deine Hilfe brauchen.“

„Alles klar, ich komme. Bis später, Ray.“

Reggie und Alex verließen die Küche und pooften ins Studio. Luke saß über sein Notizbuch gebeugt auf der Couch und kritzelte konzentriert darin herum. Auch Julie war mittlerweile wieder da. Sie saß neben Luke und war genauso versunken in den Song wie er. Flynn saß auf einem Sessel, den Blick auf ihr Handy fixiert.

„Hey, Leute. Ich habe Reggie mitgebracht“, machte Alex sich bemerkbar.

Julie und Luke hoben den Blick und sahen Reggie grinsend an. Flynn bekam natürlich nichts mit, doch als Julie aufstand, um Reggie zur Begrüßung zu umarmen, löste sie den Blick von ihrem Handy.

„Hi, Reggie. Wir haben überlegt, wir könnten einen Instagram-Account erstellen, auf dem wir Fotos und Videos von den Proben und Auftritten hochladen. Wir wollten den neuen Song üben, an dem Luke und ich gearbeitet haben und die Probe filmen.“

„So wie das, was dein Dad gemacht hat, richtig?“, fragte Reggie, der keine Ahnung hatte, was ein Instagram-Account war.

„Ja, genau. Ist das okay für dich?“

„Ja, klar. Lasst uns anfangen.“



Während Julie und Flynn irgendwas für dieses Video besprachen, erklärte Luke ihm den Song. Reggie war sofort begeistert und konnte es nicht abwarten, ihn zu spielen.

Wenig später hatten sich alle auf ihren Plätzen eingefunden. Flynn richtete ihr Handy genau auf die Band und nickte mit dem Kopf, woraufhin Julie begann zu singen.



https://www.youtube.com/watch?v=CuNg7BfFQMs

„I won't just survive

Oh, you will see me thrive

Can't write my story

I'm beyond the archetype

I won't just conform

No matter how you shake my core

'Cause my roots, they run deep, oh.“

Die Jungs setzten als Background-Sänger ein: „Oh, ye of so little faith.“

Mit den nächsten Zeilen wechselten sie sich ab:

„Don't doubt it, don't doubt it

Victory is in my veins

I know it, I know it

And I will not negotiate

I'll fight it, I'll fight it

I will transform.“

Dann setzte die Band endlich mit den Instrumenten ein. Alex ließ seine Magie am Schlagzeug wirken, Luke spielte wie ein Besessener auf seiner Gitarre, während Reggie alles mit seinem Bass untermalte. Reggie spürte die Musik durch ihn hindurchrauschen, doch als Julie mit ihrer unglaublichen Stimme den Refrain sang und all die Kraft freiließ, die in ihr steckte, bekam Reggie wieder Geisterhaut. Der Song war der Wahnsinn.



Viel zu schnell war es schon wieder vorbei. Trotz einiger Unsauberkeiten und falschem Timing an manchen Stellen lief es wirklich gut. Julie wandte sich Flynn zu und sagte: „Hoffentlich hat euch das Video gefallen. Wir sind Julie and the Phantoms.“

„Sagts euren Freunden“, ergänzte Reggie aus Reflex.

Alle mussten lachen, doch Reggie verstummte schnell wieder, als er an sein Gespräch mit Ray in der Küche denken musste. Er sollte nicht nur jemandem davon erzählen, der ihn weder hören noch sehen konnte. Er sollte es auch seinen Freunden, seiner Familie erzählen. Die Band würde immer für ihn da sein, dessen war er sich sicher, aber trotzdem konnte er die Angst nicht unterdrücken, dass sie ihn mit anderen Augen sehen würden. Alex‘ Eltern waren kurz davor gewesen, ihren Sohn in ein Umerziehungscamp zu schicken, wenn er nicht vorher gestorben wäre. Was, wenn sich in 25 Jahren nichts geändert hatte? Wenn man Leute wie Alex, Leute wie Reggie immer noch als falsch ansah? Mit einem Mal hatte Reggie das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, obwohl er überhaupt keinen Sauerstoff mehr brauchte. Luke grinste euphorisch und umarmte Julie. Alex sah ebenfalls überglücklich aus und streckte Reggie die Faust zum fist bump zu. Mit einem gezwungenen Lächeln erwiderte Reggie die Geste, bevor er seinen Bass in dessen Halterung stellte.

„I- Ich ähm- Ich glaube … Ich …“

Reggie gab es auf, einen vernünftigen Satz von sich zu geben und verschwand einfach. Wie vom Donner gerührt starrten die anderen Bandmitglieder auf die Stelle, an der Reggie eben noch gestanden hatte.

„Was ist passiert? Ist Reggie ein zweiter Kopf gewachsen?“, fragte Flynn, die die drei Geister bereits nicht mehr sehen konnte.

Keiner reagierte.

„Was war denn das?“, fragte Luke schließlich. „War er vorher schon so, Alex?“

„Nein, als ich ihn in der Küche gefunden habe, hatte er gute Laune und hat Ray beim Kochen beobachtet. Ich hätte doch gefragt, was los ist, wenn ich was gemerkt hätte.“

„Vielleicht ist es ja nicht und er ist einfach wieder bei Dad. Ich gehe in der Küche nachsehen“, sagte Julie und war bereits auf dem Weg zur Garagentür, als Luke sie zurückhielt.

„Bemüh dich nicht, ich bin schneller.“

Einen Augenblick später war er verschwunden.

„Was ist denn los? Jetzt sag doch mal was, Julie. Ich sehe nichts!“, verlangte Flynn.

„Reggie ist einfach verschwunden und wir wissen nicht, was los ist“, erklärte Julie besorgt. „Ist dir beim Filmen etwas aufgefallen?“

Flynn schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Er sah aus, als hätte er Spaß. So wie immer. Erst nach dem Lied sah er aus, als hätte er einen Geist gesehen. Wortwitz beabsichtigt.“

Der Witz lockte nur ein müdes Lächeln auf Julies Lippen.

Die Sängerin wandte sich zu Alex um, der immer noch wie versteinert hinter seinem Schlagzeug stand.

„Ist heute ein besonderer Tag für Reggie? So wie Lukes Geburtstag? Irgendwas, was ihn aus der Bahn geworfen haben könnte?“, fragte Julie, doch Alex schüttelte den Kopf.

„Nicht, dass ich wüsste. Wenn es so wichtig wäre, hätte er etwas erzählt.“

In diesem Moment erschien Luke wieder, woraufhin ihn alle hoffnungsvoll ansahen.

„Ich habe jeden Raum abgesucht. Keine Spur.“

Alex und Julie ließen die Köpfe wieder hängen.

„Jetzt macht euch nicht so verrückt“, sagte Flynn beruhigend, die vermutete, dass Luke den Bassisten nicht gefunden hatte. „Vielleicht wollte er noch irgendwo hin, sich mit jemandem treffen oder so. Es wird schon nichts Schlimmes sein.“

„Reggie ist noch nie einfach verschwunden“, widersprach Julie. „Er ist immer hier oder im Haus bei meinem Dad und Carlos. Er war noch nie allein weg. Zu wem sollte er auch gehen? Er kennt doch sonst niemanden.“

„Luke, wir teilen uns auf. Du suchst am Strand. Vielleicht ist er in der Nähe seines ehemaligen Hauses. Ich schaue beim Orpheum, ob ich ihn finden kann.“

Die Geister verschwanden, während Julie und Flynn sich auf die Couch setzten. Um sich abzulenken, suchten sie die Highlights des Videos heraus und posteten einige Ausschnitte der Probe als Reel auf Instagram.



Eine halbe Stunde später tauchten Luke und Alex wieder auf, kaum dass Julie und Flynn das kurze Video fertiggestellt und gepostet hatten. Ohne Reggie.

„Wo ist er denn nur hin?“, jammerte Julie. „Was ist, wenn ihm etwas passiert ist? Wenn Caleb ihn gefunden hat? Oh Gott. Wir müssen irgendwie in den Hollywood Ghost Club!“

„Hey, Julie! Reggie würde nie im Leben dorthin gehen. Du hast uns von Calebs Fluch befreit.“

„Aber er wollte euch unbedingt, er ist bestimmt sauer und will sich rächen, weil ihr seinem Club nicht beigetreten seid. Wenn er Reggie ganz allein irgendwo findet, würde er nicht zögern. Oh Gott!“

Verzweifelt vergrub Julie das Gesicht in ihren Händen. Flynn und Luke legten ihr beide einen Arm um die Schultern, während Alex sich hoffnungslos in den Sessel fallen ließ.

„Hey, Leute“, ertönte eine kleinlaute Stimme.

„Reggie!“, riefen alle gleichzeitig, außer Flynn, und stürzten auf ihn zu, um ihn zu umarmen.

Eng umschlungen in ihrer Bandumarmung fühlte Reggie sich endlich zu Hause. Er wusste, dass hier sein Platz war und solange er die Drei um sich hatte, brauchte er nichts anderes.

„Wo warst du denn nur?“, flüsterte Julie, vor Erleichterung den Tränen nahe.

„Du sagst uns besser, was los war. Wir haben uns Sorgen gemacht, Mann“, sagte Luke.

„Band-Meeting?“, fragte Alex, der spürte, dass Reggie etwas Ernstes auf dem Herzen lag.



Sobald Reggie stumm genickt hatte, schickte Julie Flynn nach Hause, bevor sie es sich bequem machten, wobei sich alle so nah wie möglich um Reggie drängten. Früher wäre ihm das vielleicht unangenehm, doch jetzt war er einfach froh, die wichtigsten Menschen in seinem Leben (und Tod) ganz nah bei sich zu haben.

„Ich muss euch was sagen“, flüsterte Reggie schließlich. „Ich bin bisexuell.“

Reggie spürte, wie sich Alex‘ Arme um ihn legten und ihn an den Drummer drückten.

„Es ist jetzt anders, weißt du?“, murmelte er. „Es können sogar zwei Männer heiraten. Du musst dir keine Sorgen machen. Wir lieben dich immer noch genauso wie vorher und daran wird sich nie etwas ändern.“

„Ich weiß“, flüsterte Reggie zurück. „Ich war beim Haus deiner Eltern. Sie haben Fotos von dir aufgehängt, mit einer kleinen Regenbogenfahne. Als ich gesehen habe, dass sogar deine Eltern dich irgendwann akzeptiert hatten, wusste ich, dass ich vor nichts mehr Angst haben muss.“

Fassungslos sah Alex seinen Freund an.

„Sie haben was jetzt?“

„Sie haben dich nicht gehasst. Es hat nur offenbar etwas gedauert, bis sie erkannt haben, dass du dich nicht verändert hast. Zu lange, aber immerhin weißt du jetzt, dass sie dich nicht gehasst haben.“

Eine weitere Gruppenumarmung folgte. Lange standen die Vier so da und waren einfach nur froh, einander zu haben.
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