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Wie die Ruhe vor dem Sturm

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Sebastian Stan
24.11.2020
28.06.2021
30
82.320
20
Alle Kapitel
121 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
24.11.2020 3.555
 
A/N: Für alle, die Starbucks von mir gelesen haben, wissen, dass ich nicht mehr mit der Storyline zufrieden war, und nun habe ich mich dazu entschieden, die überarbeitete Version zu posten. Vielleicht ist der ein oder andere hier, der die FF gerne lesen will.

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COVER ZUR GESCHICHTE
SONGEMPFEHLUNG

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#1 – Augen zu und durch


Ich werde nie erfahren, ob der Refrain von In My Head von Ariana Grande wirklich so gut ist, wie ich hoffe, denn als dieser beginnt, ziehe ich mir die Stöpsel aus den Ohren.
Nach einer schier endlosen Runde auf der Rollbahn kommt das Flugzeug zum Stehen. Die Leute um mich herum springen aus ihren Sitzen, als hätte jemand Bombe! gerufen. Am liebsten würde ich auch losrennen, nur um hier rauszukommen. Die Enge um mich herum, die vielen Menschen und das seit Stunden kreischende Kleinkind zwei Reihen hinter mir zerren an meinen ohnehin schon gespannten Nerven.
Meine Finger kribbeln vor Aufregung und Vorfreude, während ich mein Handy in die Hosentasche stecke. Gleichzeitig nehme ich mir vor, Laura zu fragen, warum sie auf die schwachsinnige Idee gekommen ist, mir diese Playlist aufzuschwatzen. Sam Smith? Adele? Und allen voran Ed Sheeran? Sehe ich etwa so aus wie jemand, der sein gebrochenes Herz mit kitschiger Musik zusammenflickt? Die Girlpowerlieder, die zwischendurch auftauchen, machen es leider auch nicht besser. Was ist aus den guten alten Klassikern geworden? Den Oldies, die ganze Generationen bewegt haben und noch heute Kultstatus genießen? Wie gerne würde ich jetzt lieber Phil Collins, Alphaville oder Queen hören …
In diesem Moment schiebt sich ein Teenager an mir vorbei durch den schmalen Gang. Aus seinen überdimensionalen Kopfhörern schallt für alle hörbar ein Hip-Hop-Song. Ich stöhne innerlich. Ich bin eindeutig im falschen Jahrhundert geboren worden.
Meinen vollgepackten Rucksack halte ich wie einen Schutzschild vor mich, während ich den anderen Passagieren aus dem Flugzeug folge.
Als ich an der Gepäckausgabe ankomme, hat mein Handy bereits drei neue Nachrichten angekündigt. Eine von Laura, die ich nach dem Disaster der Playlist geflissentlich ignoriere, eine von Ben und die dritte ist von Don, der mir verkündet, dass er bereits vor dem Flughafen auf mich wartet. Ich tippe schnell eine Antwort, dann stecke ich das Handy wieder weg.
Ich ziehe meine Jacke aus, denn schon in dem geschlossenen Gebäude staut sich die Wärme und ich fange an zu schwitzen. Im Flugzeug habe ich noch gefroren, aber hier reicht mein kurzärmliges Shirt und meine Jogginghose völlig aus. Nur meine Schuhe sind eine katastrophale Wahl: Sneakers, die luftundurchlässig sind. Meine Füße schmerzen ohnehin schon durch die beklemmende Enge zwischen den Sitzreihen und von der vielen Warterei. Ich habe vergessen, dass der Sommer in Amerika ein anderer ist als in Deutschland.
Die ersten Koffer rollen an mir vorbei. Es ist erstaunlich, dass sich so viele Menschen hier versammeln. Sind sie etwa alle im selben Flieger wie ich gewesen? Ich blicke in erschöpfte und aufgeregte Gesichter, höre das Summen des Gepäckbandes und sehe zwei kleinen Kindern zu, die im Zickzack an Leuten vorbeirennen und sich nicht von den Flüchen eines wahnsinnig wichtig aussehenden Anzugträgers stören lassen, der Anweisungen in sein Handy bellt. Nur ein paar Schritte von mir entfernt sitzt jemand auf seinem Handgepäck, den Laptop auf dem Schoß. Ich sollte vermutlich dasselbe tun – nur mit dem Unterschied, dass ich einen handgeschriebenen Brief im Gepäck habe. Allerdings verursacht der Gedanke mir Magenschmerzen, ihn hier zu lesen, denn die Traube an Menschen wird aufdringlicher und ich will nicht meine Geheimnisse an wildfremde Menschen preisgeben.
Weitere Koffer werden ausgespuckt und landen klappernd auf dem Fließband. Ich stelle mich auf Zehenspitzen, um etwas Dunkelblaues zu suchen, was meine Koffer darstellt. Rot, schwarz, schwarz, ein Gitarrenkoffer, den der Mann neben mir greift. Sehr gut. Einer weniger.
Etwas Blaues blitzt auf, dann verschwindet es um die nächste Kurve. Oh nein! Nein, nein, nein! Ist mein Gepäck etwa an mir vorbeigezogen, ohne dass ich etwas davon mitbekommen habe? Ich setze mich in Bewegung, schiebe mich an den Wartenden vorbei und murmele immer wieder eine Entschuldigung, wenn ich irgendjemandem versehentlich auf den Fuß trete. Aber mein Koffer rollt mir gerade davon!
Ich beschleunige meine Schritte, springe über eine herrenlose Tasche und weiche im letzten Moment einem älteren Pärchen aus, was sich umdreht und in meine Richtung läuft.
Gleich habe ich dich. Nur noch ein paar Meter, bis mein Koffer wieder im Gepäcknirwana verschwindet. Schnell strecke ich die Hand aus und schnappe ihn mir. Aber Moment! Wo ist mein zweiter Koffer? Hektisch suche ich das Fließband ab. Nirgends kann ich ihn erkennen, und so voll beladen ist das Fließband nicht mehr. Ich verziehe das Gesicht, will eine weitere Runde um die Gepäckausgabe gehen, als eine Durchsage mein Vorhaben vereitelt.
»Miss Sophia Hoover, bitte an der Info melden! Miss Hoover, bitte!«
Ach Mist. Das bin ich. Missmutig ziehe ich meinen Koffer hinter mir her und schnappe mir während des Gehens mein Handy, um Don eine Nachricht zu schicken, dass es wohl doch noch ein wenig länger dauern wird.
Auf Anhieb finde ich das Schild für den Informationsschalter. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Es ist bestimmt nichts.
»Soy?«
Ein breiter Oberkörper, der in einem grauen, engen Shirt steckt, baut sich geradewegs vor meiner Nase auf. Uff …
»Deine Größe gab es wohl nicht?«, witzele ich.
»Ich muss meinen Körper doch zur Schau stellen«, geht Don auf meinen Spaß ein und grinst breit, bevor er mich in eine kräftige Umarmung zieht, die mir die Luft aus den Lungen prügelt. »Also, was ist los?«, fragt er und lässt mich los.
»Ich weiß es nicht.« Just in dem Moment, als ich meinen Blick nach hinten schweifen lasse, kommt eine relevant aussehende Frau auf mich zu. »Aber ich werde es wahrscheinlich gleich.«
»Miss Hoover?«, fragt sie höflich und schaut erst mich an, dann schweift ihr Blick über Don. Ich will ihr sagen, dass nicht ich klein bin, sondern Don einfach nicht aufhörte in die Höhe zu sprießen – und wenn ich schon dabei bin, ja, er hat eine schiefe Nase und nein, die habe ich nicht. Gott sei Dank.
Ich nicke ihr zu und sie bittet mich, ihr zu folgen. Don überlasse ich meinen Koffer. Meinen Rucksack mit meinen Dokumenten behalte ich bei mir. Hundert Szenarien gehen mir durch den Kopf, als ich den quadratischen Raum betrete. Sofort fühle ich mich unwohl. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus.
»Bitte«, weist mich die Frau mit den streng in einem hohen Dutt gedrehten Haaren hin, »setzen Sie sich doch.«
Vor mir steht ein Stuhl, auf den ich mich erschöpft plumpsen lasse. Meinen Rucksack stelle ich neben mich.
»Miss Hoover«, sagt mein Gegenüber in einem kläglichen Tonfall, der mein Gedankenrad nochmals heftig anschubst, »leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Koffer in einem anderen Flugzeug gelandet ist.«
Die Luft, die ich vor Spannung angehalten habe, lasse ich mit einem lauten, erleichterten Seufzen frei. Kein »Sie dürfen nicht in die USA, weil Sie ungültige Papiere bei sich haben« oder »Ihre Mutter will nicht, dass Sie hier sind«, worauf ich wenigstens noch hätte antworten können, dass ich alt genug sei, um eigene Entscheidungen zu treffen.
»Ihr Koffer wird natürlich schnellstmöglich zu Ihnen geliefert. Ich brauche lediglich eine Adresse.« Sie reicht mir Stift und Zettel, den ich entgegennehme und die Adresse meiner Wohnung aufschreibe. »Ihr Koffer dürfte in fünf bis sieben Tagen bei Ihnen sein«, gibt sie mir mit einem raschen Blick auf den Zettel zu verstehen. Wenig später verabschieden wir uns voneinander, während sie mich noch zur Tür begleitet.
Don stößt sich von der Wand ab und nimmt mich sofort in Beschlag. »Alles klar?«, will er wissen. Mit einem Seufzen berichte ich ihm, dass mein zweiter Koffer einen anderen Flieger als ich genommen hat, er aber spätestens nächste Woche wieder bei mir sein wird.
Nachdem alle Unannehmlichkeiten geklärt sind, zieht Don meinen Koffer hinter sich sehr und schiebt sich seine Sonnenbrille zurück auf die Nase, als wir aus dem Gebäude treten. Bei seinen langen Schritten habe ich merklich Schwierigkeiten nicht den Anschluss zu verlieren. Wir sagen nicht viel auf dem Weg zu seinem Auto und auch während der Fahrt tauschen wir kaum mehr als nur den allernötigsten Smalltalk aus.
Die Fahrt zu meiner Wohnung verschlafe ich vollkommen. Don stupst mich an, als wir angekommen sind. Grummelnd erwache ich und reibe mir gähnend über die Augen.
Mittlerweile hat er meinen Koffer aus dem Auto geholt, während ich mich ein weiteres Mal genüsslich strecke. Sein Handy klingelt in dem Moment, als er den Koffer in die Wohnung ziehen will.
»Ist Mel«, erläutert er, bevor er den Anruf entgegennimmt.
Ich nutze die Zeit, um mich umzusehen. Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert. Ich bin zu müde, als dass ich das rote Backsteingebäude in seiner ganzen Schönheit hätte wahrnehmen können.
Hinter mir ertönt ein Räuspern. Noch bevor Don überhaupt mit der Sprache rausrückt, ahne ich schon, was er sagen will.
»Ich muss zurück ins Fitnessstudio«, berichtet er mir und schiebt mindestens genauso schnell hinterher: »Ich kann den Termin auch absagen, wenn –«
»Ist schon in Ordnung«, wedele ich ab. »Ich kenne mich aus, habe den Schlüssel und will ohnehin nur noch schlafen. Du kannst also getrost zu deinem Termin.« Um meine Worte zu unterstreichen, wackle ich mit dem Schlüssel vor unseren Augen.
»Das ist in Ordnung für dich?«
Ich nicke – kurz darauf muss ich gähnen und verfalle zusammen mit Don in einen kleinen Lachanfall.
»Okay, okay«, lenkt er ein und hebt die Arme. »Hab’ schon verstanden. Du benötigst mich nicht mehr.«
Theatralisch verdrehe ich die Augen und breite meine Arme aus, um ihn zu umarmen. Meiner Körpergröße von gerade einmal 1,63m habe ich es zu verdanken, dass ich ihm gerade einmal bis knapp unterhalb der Schultern reiche – er mich jedoch problemlos hochheben und an sich drücken kann.
»Meld’ dich, wenn du ein Problem hast, Soy.« Zum Abschied wuschelt er mir durch die Haare – eine Geste, die ich schon immer hassliebe. Trotz, dass ich zu erschöpft bin, um mich darüber aufzuregen, versuche ich seine Hand wegzufegen, um die ohnehin schon zerzausten Haare zu retten, die ich seit über siebzehn Stunden Frisur schimpfe. Don lacht über meine Geste und es begleitet ihn noch, als er ins Auto hüpft.
»Mache ich«, antworte ich ihm und winke, als er wegfährt.
Seufzend schiebe ich mich durch das Eisentor, schleppe meinen murrenden Koffer die Treppenstufen nach oben und öffne die Eingangstür.
Im Inneren werde ich mit einer angenehm kühlen Brise begrüßt, die im Vergleich zu der abgestandenen Luft draußen eine wahre Wohltat ist. Ich atme tief ein.
Schulterstraffend schlurfe ich auf dem lilafarbenen Teppich durch den schmalen Eingangsbereich, vorbei an den Briefkästen links von mir und der Wohnung des Hausmeisters. Mein Ziel ist die sechste Etage. Selbst blind würde ich den Weg zum Fahrstuhl finden, der sich zu meiner Rechten befindet und –
»Nein. Das ist nicht wahr.« Mit weit aufgerissenen Augen lese ich den Zettel, der am Fahrstuhl klebt.

AUSSER BETRIEB


Jammernd werfe ich den Kopf in den Nacken. Ach Mist, verdammter! Frustriert kicke ich gegen den Rahmen des Fahrstuhls – mit der äußerst schmerzhaften Konsequenz, dass ich auf einem Bein hüpfend vor mich hin fluche. Leider habe ich gar keine andere Wahl, als die Treppe zu nehmen. Missmutig schnappe ich mir meinen Koffer und ergebe mich meinem Schicksal.
Völlig außer Atem pumpe ich nach Luft. Nicht nur, dass ich viel zu lange die ungemütlichen Sitze im Flugzeug ausgehalten habe, da muss ich mich samt Rucksack und Koffer noch in die sechste Etage quälen. Vielleicht doch gar nicht so schlecht, dass mein zweiter Koffer nicht bei mir ist.
6B prangt in goldenen Lettern an der dunklen Tür – und ich bin noch nie so froh gewesen, eine Zahlen-Buchstabenkombination zu sehen. Ich grinse über beide Ohren – der verrückte Hutmacher ist gar nichts gegen mich.
Das vertraute Klicken, während ich den Schlüssel im Schloss drehe, ist eine kleines Erfolgserlebnis für mich. Ich stoße die Tür mit der Hand auf, sie kommt mir auf halben Weg wieder entgegen. Ist denn heute alles gegen mich?
Ich drehe mich, sodass ich parallel zur Tür stehe und halte sie mit der Hüfte auf und bugsiere meinen Koffer mit einem genervten Aufschrei in die Wohnung. Zu guter Letzt drücke ich mich selbst am Koffer vorbei und schließe mit einem nicht gerade leisen Krachen die Tür.
»Nie. Wieder.« Immer noch schweratmend lehne ich mich an die Tür und schließe für einen kurzen Moment die Augen.
Ein weiteres Mal tief durchatmend, klatsche ich mir in die Hände und stelle meinen Rucksack zur Seite und schäle mich aus meinen Schuhen, stelle sie neben die Tür und hänge meine Jacke an den Kleiderständer. Na sowas. Kein Wunder, dass die Tür zurückgeschwungen ist. Der Kleiderständer steht mitten im ohnehin schon schmalen Flur. Ich schiebe ihn zurück in die Ecke und kümmere mich um die Kleidungsstücke, die mein Koffer hergibt.
Wenn ich meinen Schlafanzug nicht mit einbeziehe, habe ich fast nur langärmlige Pullover und lange Hosen eingepackt. Drei Shirts kommen mir unter die Finger, aber das wird kaum reichen.
Morgen, sage ich mir. Morgen werde ich shoppen gehen. Vielleicht. Ich bin definitiv nicht mehr in der Lage, richtige Entscheidungen zu treffen.
Da fällt mir noch etwas viel Wichtigeres ein. Ich sprinte zum Kühlschrank und reiße die Tür auf. Kann nicht mal irgendetwas in meine Hände spielen? Bitte?
In den drei Etagen finde ich bloß zwei Äpfel, eine Banane mit dunklen Flecken, Wasserflaschen und … Müsli?
Verwirrt drehe und wende ich die bereits geöffnete Packung in den Händen, um das Verfallsdatum zu erkennen. Nope, definitiv noch nicht verfallen. Ich öffne die Lasche und schaue hinein. Alles unauffällig.
Schulterzuckend lege ich die Verpackung zur Seite und inspiziere ein weiteres Mal den Kühlschrank. Missmutig muss ich feststellen, dass die beiden Flaschen, die in der Tür stehen, nur stilles Wasser sind.
»Keine Milch also«, murmele ich zu mir selbst und verziehe die Mundwinkel. Sieht ganz so aus, als müsse ich eine Inventur machen.
Grüblerisch spitze ich die Lippen und gehe systematisch erst die Hängeschränke durch, dann die unteren. Außer Kochutensilien und diversen Reinigungsmitteln finde ich nichts Essbares. Keine geheimen Süßigkeitenbunker oder Nudelpackungen, für die ich jetzt töten würde. Kein Kaffee. Das ist doch die Höhe! Will Don mich verdursten lassen?
Ich schnappe mir mein Handy, öffne die Notizapp und schreibe all die Dinge auf, die ich brauche, um wenigstens frühstücken zu können. Morgen kann ich in Ruhe alle anderen Dinge einkaufen.
Alles in einem habe ich fünf Artikel aufgeschrieben und wandere anschließend geistesgegenwärtig noch ins Bad, um mich davon zu überzeugen, dass es genug Hand- und Badetücher, aber auch Shampoo und Duschgel gibt. Alle restlichen Dinge habe ich alle entweder selbst mitgebracht oder werde sie noch zur Liste hinzufügen. Zufrieden schließe ich die Notizapp und öffne WhatsApp.

Sophia:
Kein Kaffee? Ernsthaft???
Willst du, dass ich einen Mord begehe?


Als ich die Nachricht abgeschickt habe, tut Don mir sofort Leid.

Sophia:
Bist trotzdem der beste Bruder.

So. Geschafft. Ich verstaue das Handy und mache auf dem Absatz kehrt. Halt. Warte. Ich drehe mich zurück und schaue in den Spiegel, der über dem Waschbecken hängt.
»Ach du …« Indem ich mit den Fingerspitzen durch meine Haare fahre, versuche ich mich an Schadenbegrenzung. In den Längen sind sie verknotet und wellen sich in alle erdenklichen Richtungen. Das Haargummi, was ich stets an meinem rechten Handgelenk trage, nehme ich kurzerhand und binde mir die Haare zu einem Zopf zusammen. Ganz nach dem Motto: Nicht schön, aber selten.
Gut. Auf in die Schlacht.

Glücklicherweise ist der Besuch im Supermarkt nur ein kurzer und ich will schon den Rückweg antreten, als ein nur allzu bekanntes grün-weißes Reklameschild meine Müdigkeit schlagartig vertreibt und mir stattdessen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Das Café ist brechend voll. Die Klänge meiner Alarmglocken nehme ich nur am Rande meines Verstandes wahr. Ich stehe zwischen Tür und Angel und frage mich, ob ich wegen des bisschen Koffeins die Strapazen auf mich nehme.
Augen zu und durch, Sophia. Hätte ich gewusst, in welche Lage mich meine Entscheidung bringen wird, hätte ich das Koffein Koffein sein lassen und mich stattdessen – ganz der Zombie, der ich geworden bin – zurück in meine Wohnung verschanzt. Der Geruch, der von mir ausgeht, kommt dem wahrscheinlich sogar schon sehr nah.
Schon vor dem Gebäude hätte mir die Traube an hübschen, aufgedrehten Mädchen auffallen müssen. Immer wieder höre ich sie untereinander tuscheln und lachen. Meine Nackenhaare stellen sich auf.
Ich werde mit dem Brummen der Klimaanlage begrüßt. Es ist Anfang August, und leider ist es viel zu heiß.
Vier Tische stehen in einer Reihe an der Fensterfront, und jeder Tisch ist besetzt: von einer vierköpfigen Mädchengruppe, die mich an die erinnert, die das Café belagert, zwei ältere Damen, ein Geschäftsmann mit aufgeklapptem Laptop auf dem Tisch vor sich und ein schwules Pärchen, was sich mehr mit dem Gegenüber beschäftigt, als mit ihren Getränken.
Ohne mich zu verhaspeln, tätige ich meine Bestellung und lehne mich mit dem rechten Arm auf der Theke ab. Neugierig lasse ich den Blick schweifen.
Das Café mit der bodennahen Fensterfront und den bequemen waldgrünen Stühlen laden zum Entspannen und Menschen beobachten ein.
Ich liebe es, mich einfach irgendwo hinzusetzen und die vorbeigehenden Menschen zu beobachten und mir eigene Gedanken darüber zu machen, was sie mir wohl erzählen würden – ob familiäres Umfeld, Beruf, Krankheiten, Freunde, Feinde, Haustiere … Die Liste ist endlos. So bin ich auch zu meiner Leidenschaft, dem Schreiben, gekommen. Das Erbauen von fremden Welten gehört schon seit Kindertagen zu meinem großen Hobby – früher nur mit dem Puppenhaus einer Cousine, was ich bekommen habe, als sie zu alt dafür war, heute mit den Unmengen an Büchern und dem Ziel, etwas Eigenes zu erschaffen, habe ich mein Hobby erfolgreich zum Beruf gemacht.
Wenn da nicht diese nagende Angst vor Menschenmassen wäre, die mich auch in diesem Moment lähmt, als ich ich ein Augenpaar bemerke, das sich in meinen Nacken frisst und mich steif wie eine Staue werden lässt.
Ein Knarren schräg hinter mir lässt mich nur noch steifer werden. Ein schneller Blick Richtung Barista und ich habe meine Befürchtung bestätigt: Mein Kaffee braucht noch eine Weile. Und wenn ich jetzt die Flucht ergreife, wird das nur noch peinlicher für mich. Außerdem gehorchen mir meine Beine nicht mehr.
»Hi, darf ich?«
Ich zucke so heftig zusammen, dass ich mit dem Ellbogen gegen die Vitrine stoße. Ich presse die Lippen fest zusammen, um den Schmerzensschrei zu unterdrücken.
»O shit«, ist der geschockte Ausruf. »Geht’s dir gut?« Erst dann schaue ich nach oben.
»A-alles gut«, stammele ich zu dem Mann, der sich unverschämt nah an mich stellt.
»Gut, gut.« Er reibt die Hände aneinander. Ist hier irgendwo eine versteckte Kamera? Er muss meine großen Augen bemerkt haben, denn er setzt schnell zu einer Antwort an.
»Entschuldige nochmal. Ich bin Anthony und das da hinten«, er zeigt mit dem Daumen über seine Schulter, »ist Sebastian.« Das breite Grinsen klebt förmlich in seinem Gesicht, was seine strahlend weißen Zähne mitsamt der Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen entblößt.
Vielleicht auch ein Zeuge Jehovas. Ich bin mir noch unschlüssig.
Mit verengtem Blick mustere ich ihn. Dunkle Haut, dunkle Augen, kurz geschorene schwarze Haare, dunkelblaues Oberteil, in dessen Ausschnitt eine Sonnenbrille steckt, knielange, schwarze Hose und dunkle Sneakers.
Mit einem leichten Kopfschütteln erwache ich aus meiner Trance. Ich komme in dieser hektischen Situation nicht darauf, woher ich ihn kennen will.
Anthony zieht beide Augenbrauen erwartungsvoll in die Höhe und legt den Kopf leicht schief.
»Das …«, ich suche nach einer cooleren Antwort, als die, die mir auf der Zunge liegt, aber mir fällt keine ein – typisch –, »das ist schön für dich.«
Anthony fasst sich theatralisch ans Herz.
»Du gibst ihm einen Korb?«, fragt er konsterniert. »Sebastian würde sich wahnsinnig freuen, dich kennenzulernen!« Er zieht die Unterlippe nach vorne und setzt die ultimative Waffe ein: Der Hundeblick.
»Anthony!«, kommt es plötzlich empört rufend aus dessen Rücken. Überrascht schaue ich an ihm vorbei.
Ich blicke geradewegs in die blauesten Augen, die ich jemals gesehen habe. Sebastian steht unsicher ein paar Meter von uns weg. Seine rechte Hand streicht über seinen linken Arm. Was mir sofort ins Auge springt, ist, wie kräftig sie sind und keinen Zweifel daran lassen, dass sie mich ohne großen Aufwand tragen könnten. Oh, wow … Mein Kopfkino geht gerade etwas mit mir durch. Mein Blick geht automatisch zurück zu seinem Gesicht. Ein entschuldigendes Lächeln sitzt schief auf seinen Lippen, ein 3-Tage-Bart umschmeichelt seine Gesichtszüge, während die Mütze, die er trägt, seine dunkelbraunen Haare fast vollkommen verdeckt. Warte … eine Mütze? Bei diesen Temperaturen? Argwöhnisch runzle ich die Stirn. Erst dann wird mir klar, dass ich Anthony eine Antwort schulde.
»Sieht ganz so aus«, antworte ich im selben Moment als mein Kaffee auf den Tresen gestellt wird. Endlich kann ich den Blick abwenden, schnappe mir das dunkle Gebräu und übergebe die Rechnung an Anthony.
Ich stürme praktisch aus der Tür und werde erst mit grimmigen Blick beäugt. Ich kann nur dumm aus der Wäsche gucken, als sich ihre Gesichtsausdrücke wie auf Knopfdruck ändern.
Erst bemerke ich den Schatten hinter mir, dann verlässt Anthony freudestrahlend das Café und begrüßt im nächsten Atemzug die nun hocherfreuten Mädchen.
Bevor ich meinen heiß ersehnten Rückweg antrete, sehe ich aus dem Augenwinkel eine weitere Person. Sebastian. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Mein Hirn brauchte eine grotesk lange Sekunde, um die Gesichter den Namen zuzuordnen.
Anthony Mackie und Sebastian Stan.
Als Sebastian mich erblickt, hält er inne, geht einen Schritt auf mich zu, nur um dann doch wie angewurzelt stehenzubleiben. Fordert er mich allen Ernstes zum Tanzen auf?
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