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Eine Geschichte vom Faŷr

KurzgeschichteAllgemein / P6
24.11.2020
24.11.2020
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(Irgendwo in Andalusien, 743 n.Chr.)

Allāhu akbar. Allāhu akbar.
Die Sonne ging gerade erst auf und auf den Straßen waren schon die ersten Menschen, die Freunde besuchen, früh auf dem Basar sein oder wie er einfach den erwachenden Tag beobachten und dem Adhan des Muezzin lauschen wollten. Khaliq war ein frommer junger Mann und beim morgendlichen Ruf des Muezzin fühlte er sich Allah am nächsten. Ašhadu an lā ilāha illā llāh.
Er hatte kein einfaches Leben. Mutter und Vater waren ihm zu früh genommen worden und so hatte er lange allein für seine zwei Schwestern sorgen müssen. Seine ältere Schwester Zain war ein hübsches und frommes Mädchen, darum hatte er trotz ihrer Armut einen Mann für sie finden können. Seine andere Schwester Asifa allerdings bereitete ihm Sorgen. Zwar war auch sie mit Schönheit gesegnet, jedoch nicht genug als dass man über ihr zügelloses Wesen hinwegsehen könnte. Ašhadu anna Muḥammadan rasūlu llāh.
Die erste Stunde des Tages, wenn Allah die Dunkelheit der Nacht vertrieb und die Luft vom Ruf zu seinem Gebet erfüllt war, war ihm die liebste. All seine Sorgen schienen fort zu sein und alles war durchtränkt von der Herrlichkeit Allahs. Ḥayya ʿalā ṣ-ṣalāt. Eilt zum Gebet.
Besonnen ging Khaliq durch die Gasse die zur Hauptstraße führte, auf der sich immer mehr Menschen sammelten um zur Moschee zu gehen und dem Morgengebet beizuwohnen. Er sah dem Treiben noch etwas zu, bevor er sich ebenfalls ins Getümmel stürzte. Ḥayya ʿalā l-falāḥ.
Alle Männer und auch einige Frauen waren auf dem Weg zur Großen Moschee, die das Zentrum der Stadt bildete. Egal wie reich oder arm sie waren, beim Gebet zählten sie alle gleich. Hier fühlte sich Khaliq als gleichwertiges Teil eines Ganzen. Es dauerte nicht lange und er war beim Eingang angekommen, wo er sich wie alle Anderen die Schuhe auszog. Wie die Meisten, hatte auch er sein dürftigstes Paar angehabt. Keiner wollte riskieren, dass gutes Schuhwerk von unehrlichen Taugenichtsen gestohlen wurde. Danach folgte Khaliq einer Gruppe von Jungen die sich, wie er selbst auch, zum Brunnen in der Mitte begaben. Dort wusch er zuerst seine Hände und Unterarme, dann sein Gesicht und schließlich seine Füße. Nachdem er sich vom weltlichen Schmutz gereinigt hatte, betrat er endlich den Gebetssaal der Männer. Er suchte sich einen Platz auf den er sich setzen konnte und ließ sich nieder um auf den Beginn zu warten. Da er noch nicht sehr alt war, saß er eher hinten. Vorne saßen die Ältesten und unterhielten sich über die neusten Geschehnisse, während hinter ihm die Jungen saßen, die den Frieden des Gebets noch nicht kannten und sich beherrschen mussten nicht zu laut zu sein und still zu sitzen.
Aṣ-Ṣalātu ḫayrun mina n-naum. Sobald der Saal voll war, begann der Imam mit dem Gebet. Er setzte sich und sofort wurde alles still, sie hielten alle zusammen inne und ließen ihren Geist ein paar reinigende Atemzüge machen, um schließlich still in Gedanken ihr Gebet zu sprechen. Khaliq dachte an seine verstorbenen Eltern und dankte ihnen für alles, was sie ihm in der kurzen Zeit mitgegeben hatten. Er betete für seine Schwester Zain, sie möge viele Kinder bekommen, und für seine Schwester Asifa, dass sie einen guten Mann finden möge. Er dachte auch an seinen guten Freund Issam, den Gerber, der vor einigen Monaten am persischen Feuer gestorben war.
Er war sich jeden Tag aufs neue bewusst wie kurz und vergänglich er war und doch hatte er wie jeder Andere einen wichtigen Platz in dieser Welt und er dankte Allah für das Leben, dass er ihm geschenkt hatte. Allāhu akbar.
Khaliq lauschte dem Gebet des Hodscha, welches er still mitsprach und als sie alle gemeinsam seinen Bewegungen folgten, spürte er Allahs warmen Blick auf seine Kinder, die ihm huldigten. Immer wenn sie sich alle als Einheit zusammen taten, war Khaliq so erfüllt von Allahs Göttlichkeit, das sein Geist zu schweben schien. Und als das Gebet langsam ausklang, herrschte in ihm ein so tiefer Frieden, dass er beschwingt jede Schwierigkeit, die der Tag ihm in den Weg stellen würde, meistern können würde.
Lā ilāha illā llāh.
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