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Die Geschichte von einer Frau und ihrer Freiheit

GeschichteDrama / P12
24.11.2020
13.01.2021
2
3.016
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Zwei


Ich vermisste die Zeit, in der nicht jede noch so kleine Emotion in einem Lied oder sogar einem ganzen Album endete.
Ich vermisste Songtexte mit subtilen aber starken Botschaften, bei denen man zuhören musste, um jedes Detail zu erfassen. Ich wünschte mir ein Lied, bei dem ich wieder eine Sehnsucht verspürte, die mir vorher noch nicht mal bewusst war.
Ich vermisste Musik, die mich belebte, ohne Schein und mehr sein.
Alles wirkte so banal und schnell vergänglich.
An den Nummer -1- Hit von letzter Woche, konnte ich mich nicht mal erinnern.
Vielleicht lag es auch an mir. Ich war keine 20 mehr und der erste Lack war ab. Nichts mehr mit Naivität und Begeisterungsfähigkeit, stattdessen jede Menge Zynismus.
Mit über 30, legt sich ein erster Nebel auf deine äußere und innere Schönheit und man hofft, von ganzem Herzen, dass jemand seinen Nebelscheinwerfer anmacht und dein pures, klares Ich sieht.

Ich stand gerade vor der Tür, die mir hoffentlich eine bessere Zukunft bescheren würde mit neuen Herausforderungen.
Auf dieser Schwelle, im wahrsten Sinne des Wortes, stand ich nun und versuchte Mut zu fassen, um darüber, durch diese Tür, bewusst, in Richtung Zukunft zu gehen.
Irgendetwas machten diesen Gedanken gerade mit mir. Etwas stieg in mir auf, es keimte. Was war es? Etwa Hoffnung?
Ja, ich hoffte. Das erste Mal seit langem hoffte ich wieder. Auf Besserung. Auf Heilung? Ich wollte wieder fühlen und genießen und mich begeistern. Leidenschaft für eine Sache verspüren und mich darin verlieren. Kein Halten mehr. Ich ging hinein

Als ich das erste Mal den großen Raum betrat, brachte ich kalte Luft herein.
Die hübsche Frau, mittleren Alters, begrüßte mich freundlich mit einem leichten Akzent. Ich fragte mich, wo sie wohl herkam. Ob es dort genauso kalt werden konnte, wie hier?
Ich versuchte die Nervosität herunter zu schlucken und meine Unbeholfenheit zu überspielen. Diesmal konnte ich mich nicht hinter Kindern und Ehemann verstecken.
Wenn ich das verbockte, lag es an mir und meiner Unfähigkeit.

Ich sollte kurz Platz nehmen, was ich auch tat. Ich konnte nicht viel erkennen, außer ,dass das Büro groß war und sehr modern eingerichtet. Ich hoffte nicht zu modern für eine Mutter mit drei Kindern. Wann hatte ich das letzte Mal etwas Cooles getan? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich versuchte mich aufzubauen, aber irgendwie gelang es mir nicht. Wenn es um soziale Jobangebote ging, hatte ich voll den Durchblick und wusste, was ich zu sagen und zu verschweigen hatte. Diesmal war es anders. Ein ganz neues Gebiet für mich. Keine Vorkenntnisse, keine Erfahrung. Ich versuchte dieses Gefühl hinunter zu schlucken. Dieses Gefühl der Unwissenheit und Dummheit, dass mir mein Ehemann jeden Tag, unterschwellig oder auch mal nicht, vermittelte.
Schon allein der Mut zur Bewerbung, verlangte meinen beiden Freundinnen große Überzeugungskraft ab.
Die Bewerbung lag fertig geschrieben, ungefähr acht Wochen, auf meinem Laptop herum. Schließlich half nur noch Wein und Zwang.
Ich hätte im Leben nicht gedacht, dorthin zu kommen.

Eine freundliches „Hallo.“ holte mich aus meinen Erinnerungen.
Allein durch ihr Auftreten, wusste ich sofort, dass sie die Chefin war. Sie stellte sich als Hilke vor. Sie sprachen sich dort alle mit Vornamen an, was mir sehr gut gefiel. Sie hatte als Einzige ein abgegrenztes Büro mit richtigen Wänden und einer Tür. Die Anderen saßen zusammen, in einem großen Raum, mit eigenen Schreibtischen. Es war ein kleines Team, recht übersichtlich. Sie glotzten mich an und ich winkte, fast schwachsinnig, zu ihnen, um sie alle gemeinschaftlich zu begrüßen. Mein Blick schweifte über die Köpfe der Angestellten und blieb kurz an zwei grünen Augen hängen, die mich intensiv anstarrten. Ich sah schnell weg, da mich dieser Blick, für einen kleinen Teil einer Sekunde, aus dem Konzept brachte.
Hilke hielt mir die Tür auf und ich trat in ihr super cooles Büro und ich bereute augenblicklich, nie die Chance wahr genommen zu haben, zu studieren, um jetzt auch so ein extrem schickes Büro zu haben.
„Setz dich doch.“, sagte sie entspannt.
„Danke.“, sagte ich aufgeregt.
Sie leitete das Vorstellungsgespräch professionell und individuell ein. Hier würde ich wohl keine Standardfragen beantworten müssen.
„Um ehrlich zu sein, Katie, hätte ich jemanden, ohne Referenzen, nie zum Gespräch bestellt aber du hast einfach umwerfend geschrieben und genau das suchen wir.“ Sie lächelte mich an.
„Also erzähl mal, wie bist du darauf gekommen dich als Texterin zu bewerben? Du arbeitest momentan ja im Kindergarten.“, erfragte sie neugierig.
„Um ehrlich zu sein, Hilke, weiß ich das auch nicht. Ich suche etwas Neues. Eine neue Herausforderung. Ich habe es satt immer das zu machen, was andere von mir erwarten. Ich möchte jetzt einmal tun, was mir Spaß macht. Ich möchte mich wieder begeistern und ich denke, dass ich das bei euch könnte. Ich liebe es kreativ zu sein, zu schreiben. Natürlich ist mir bewusst, dass ich mir noch viel aneignen muss aber ich will es. Und ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal, etwas für mich allein wollte.“ Meine Gedanken wurden zu Worten und ich hatte wohl noch nie so ein ehrliches und gefühlsgeladenes Vorstellungsgespräch. Mein Herz schlug im Akkord.
Sie tippte mit ihrem Kugelschreiber an ihre Lippen und dachte nach, bevor sie antwortete. Das sie nicht leichtfertig ihre Antwort über den Schreibtisch pfefferte, gefiel mir.
„Okay.“, sagte sie nach gefühlten 30 Minuten, obwohl es wahrscheinlich nur Sekunden dauerte.
„Okay, also, du hast keine Referenzen aber du wirkst intelligent und ich spüre ein Feuer in dir. Das könnten wir gut gebrauchen. Ich nehme an, du musst alles lernen? Vom professionellem Scheiben bis hin zum gesamten Ablauf von Marketing?“, fragte sie. Ich nickte.
„Okay, pass auf. Ich bin auch eine Frau und habe einen Sohn. Ich weiß wie es ist, als Frau alles zu wollen und das immer mit gebundenen Händen. Ich werde dir eine Chance geben. Baust du großen Mist oder lernst nicht so schnell, wie wir es gebrauchen können, dann müssen wir uns von dir verabschieden. Aber bitte sag mir auch, wenn du merkst, es ist nicht das, was du suchst.“ Sie sah mich bedeutend an. Ich nickte als Antwort. Für Worte reichte meine Stimme zu diesem Zeitpunkt nicht aus. War das jetzt eine Zusage? Ich hatte vergessen zu atmen.
Hilke fing an über Rahmenbedingungen zu sprechen. Sie fragte so Sachen, ob ich einen Parkausweis bräuchte. Ich nickte total überrascht, ungläubig und perplex und mir fiel es schwer, alles zu verarbeiten. Sie schmunzelte anscheinend über meine Reaktion und mein Gesicht.
„Damit hattest du wohl nicht gerechnet.“, sagte sie.
„Im Leben nicht,“, sagte ich ehrlich.
„Wenn du mit allem einverstanden bist, setze ich einen Vertrag auf und wir sehen uns nächste Woche nochmal?“
Oh, das war eine Frage. Ich räusperte mich und nickte erneut wortlos.
„Wenn du magst, würde ich dir noch die Räumlichkeiten und die Mitarbeiter vorstellen.“, schlug sie mit angenehmer Stimme vor. Mein Nicken zog sich fort.
Ich ließ meine Jacke und Handtasche bei ihr im Büro und wir gingen gemeinsam.
„Das ist unser Büro. Hier arbeiten alle. Dort vorn ist Stina. Du hast sie schon kennengelernt. Dann haben wir noch Alex, auch ein Texter. Du wirst erst einmal bei ihm sitzen und er wird dich einarbeiten.“
Alex war ein schmächtiger Typ mit Justin Bieber-Tolle und ich vermutete, dass er Justin nicht mal mehr kannte, so jung war er. Ich winkte ihm freundlich zu.
„Das ist Lars, unser Informatiker.“ Lars war ein großer, dicker Kerl mit Vollbart. Er erinnerte mich etwas an einen Wickinger. Auch ihn begrüßte ich höflich, wie es sich gehörte. Ich war froh, dass ich niemandem die Hand geben musste. Meine Hände waren von Angstschweiß getränkt.
„Und das sind unsere Grafikdesigner Ben und Pascal.“ Ben stand auf, er hatte einen Schnauzer und trug einen Hut und Hosenträger. Er wirkte wie ein extrovertierter Kauz. Er nahm meine verschwitzte Hand. Ben ließ sich nichts anmerken und machte eine elegante, kleine Verbeugung vor mir. Ich machte darauf, was ich im Nachhinein sehr bereute, einen kleinen Knicks. Er schmunzelte mich an.
“Hallo, ich bin Ben.“, sagte er mit geschmeidiger Stimme und ich hörte etwas Selbstironie heraus.
„Das ist Katie, unsere neue Texterin ab nächsten Monat. Freut euch schon mal auf tatkräftige Unterstützung.“, sagte Hilke, für alle hörbar, in den Raum.
Ich winkte wieder. Das war neben dem Nicken, die einzigen Kommunikationswege, die ich noch regulieren konnte.
„Ich bin Pascal. Willkommen im Team.“, sagte eine tiefe, wohlklingende Stimme. Das waren die grünen Augen von vorhin. Sie brachten mich wieder leicht aus dem Konzept. Sie gehörten zu einem jungen Mann, vielleicht Mitte Zwanzig. Er sah gut aus und ich spürte etwas zwischen uns. Es summte und schwang hin und her.
Es war eindeutig Sympathie, obwohl ich ihn nicht kannte. Sein Blick war wieder intensiv aber nicht unangenehm oder bohrend. Es kitzelte eher und forderte mich heraus.
Ich lächelte ihn genauso freundlich an, wie die Anderen, nur etwas länger.

Ich ging mit Hilke wieder ins Büro, um meine Sachen zu holen. „Ich freue mich auf dich und bin auch neugierig. Mach was draus, meine Liebe.“, sagte sie mit fast mütterlicher Stimme.
„Ich gebe mein bestes.“, sagte ich zu ihr und ich hielt ihrem Blick stand, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Als ich wieder vor der Tür stand, durch die ich mich erst nicht getraut hatte zu gehen, überkam mich ein absolutes Glücksgefühl, dass ich seit Monaten nicht mehr verspürte. Ich ging leichtfüßig zum Auto und träumte mich schon mal in das Büro.
Als ich den Motor anlassen wollte, klingelte mein Handy. Es war mein Ehemann, der fragte, ob ich vom Arzttermin schon auf dem Rückweg war. Ein bedrückendes Gefühl legte sich über mein, gerade wieder neu gewonnenes, Hoch.
„Ja, ich bin jetzt fertig. Alles gut. Ich komm jetzt nach Haus.“
Die kalte Luft im Auto fühlte sich jetzt eisig an. Ich würde ihm sagen müssen, dass ich einen neuen Job hatte. Und meinen gutbezahlten Job im Kindergarten kündigen. Ich wusste schon vorher, dass ihm das missfallen würde. Es würde endlose, kräftezehrende Diskussionen geben aber ich kann mein Glück nicht schon wieder aufgeben, damit er zufrieden ist. Ich werde diesen Job annehmen. Komme was wolle. Ging es mir durch den Kopf, bevor ich den Motor startete und aufgelöst nach Hause fuhr.
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