Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Meine Scherben, ein Lichtspiel

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
24.11.2020
26.01.2021
3
4.954
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
24.11.2020 1.333
 
Eins


Irgendwann, zwischen 30 und 40, zwischen Windeln und Ehering, fragt man sich wo man selbst geblieben ist. Das eigentliche, wesentliche Ich. Nicht diese abgestumpfte und angepasste Alltagsform. Es schlummert noch tief in dir, dein wahres und verdammt charmantes Ich und müsste nur erweckt werden, wach geküsst wie Dornröschen.

Ich bin immer stets bemüht es meinen Kindern recht zu machen.
Ich bin immer stets bemüht meinen Ehemann zufrieden zu stellen und immer stets bemüht meine Arbeit zu schaffen.
Ich bin immer stets bemüht mein Bestes zu geben und nie reicht es aus.
Manchmal frage ich mich, wozu ich da bin und was von mir bleibt, wenn ich geh. Was auf meinem Grabstein stehen wird.

Ich arbeite in einem Job, der mir nicht mal ansatzweise gefällt. Er gibt mir nichts und erfüllt mich nicht. Wenn man es genauer betrachtet, dient er auch nur als Zeitvertreib, als Lückenfüller. Da mich Haushalt und drei Kinder, plus Ehemann, zeitlich nicht ausfüllen (Vorsicht, Sarkasmus.) und ich noch zu viel Freizeit hätte, arbeite ich in einem Betrieb der mich hasst und den ich hasse. Schon allein der Gedanke daran, löst bei mir Übelkeit aus.
Irgendwie ist mir mein Bedürfnis nach erfüllten Wünschen, nach verträumten Sehnsüchten und nach eigenen Gedanken verloren gegangen. Manchmal höre ich ein Lied im Radio und verliere mich gedanklich für zwei Minuten. Es ist meine geheime Flucht aus der Realität. Meine kleine Insel nur für mich. Ohne Aufgaben, Pflichten, Vorschriften, Moral und Klischees.
Ich hasse es ein Klischee zu sein.
Das war nie mein Plan. Und trotzdem bin ich nun Mutter, Ehefrau in der klassischen Rollenverteilung (Frau fast alles/ Mann den Rest).
Beim ersten Kind, waren wir noch jung und irgendwie unangepasst und alternativ. Keine anderen in unserem Umfeld und Alter, hatten ein Kind und dazu, war sie das schlauste kleine Mädchen, das ich kannte und kenne. Nichts gegen Nummer 2 und Nummer 3.
Nach ein paar Jahren, hatte ich endlich einer Hochzeit zugestimmt. Wer will schon allein sterben? Allein sein war noch nie mein Ding.
Mittlerweile wüsste ich zeitweises Alleinsein zu schätzen. Kurz danach erfüllte sich unser großer Wunsch und Nummer 2 wurde geboren. Schon der erste Blick der Welt auf ihn, verkündete, dass er mit Abstand der coolste kleine Junge im Umkreis von 100 Kilometern war. Ich ging völlig in meiner Mutterrolle auf. Meine Beiden brauchten mich so sehr und ich hatte viel zu geben. Gerade als die erste Kerze auf der Torte brannte, meldete sich Nummer 3 an. Die Kleinste in unserer Runde ist wirklich taff. Sie lässt sich nie abhängen und ist immer vorn dabei. Sie komplettiert uns. Von da an waren wir eine runde Sache.
Ich übrigens auch. Meine Hüften schmücken seit dem 8 Kilogramm mehr. Aber nicht nur allein. Mein Bauch wollte auch einen wohl verdienten Anteil.
Also was hätten wir, kurzes Fazit:
Einen Ehemann, der mich nicht wertschätzt.
Kinder, denen ich nicht ausreiche.
Einen Job, der mich nicht definiert und ein stumpfes Ich, das mich vernebelt.
Dazu ein großes, schickes Haus und eine Jeans, die mir seit 6 Jahren nicht mehr passt.


Seit einiger Zeit spürte ich, dass sich etwas ändern musste. Ich brauchte Veränderung. Ich spürte dieses Brennen unter meiner Kopfhaut. Alles staute sich in mir und drohte entweder zu explodieren oder ich zu implodieren.
Ich überlegte, wie ich meinem Mann mitteilen sollte, dass ich mich beruflich neu orientieren wollte. Ich konnte nicht mehr jeden Tag zur Arbeit gehen und mich immer ein kleines bisschen mehr verlassen.
Ich überlegte, was ich kann, was mir liegt. Wo sind meine Stärken? Mir fiel nichts ein.
Ich wusste nur, was ich nicht mehr wollte und was ich alles nicht konnte und was ich alles nicht mehr hatte. Ich wusste, dass ich mit so wenig Plan, nicht meinem Mann gegenüber treten brauchte.

Mein Mann ist nicht sehr empathisch und verständnisvoll. Er macht es nicht mit Absicht, er kann es nur einfach nicht. Die viele Arbeit für seine Firma, mindestens zwölf Stunden am Tag, und auch am Wochenende nehmen ihn vollends ein. Er lebt und brennt für seine Arbeit und das ist bewundernswert. Leider vergisst er oft, wie wir normalen Menschen uns fühlen, mit Gedanken ohne Business darin.
Ich denke er liebt mich. Er sagt es in regelmäßigen Abständen zu mir und umarmt mich an jedem Samstag und Sonntag und er würde jederzeit mit mir schlafen.
Mein Mann verlässt und betrügt mich nicht. Er kümmert sich um seine Kinder, wenn er Zeit hat und kauft mir Dinge, um mich glücklich zu machen.
Er schenkt mir Reisen, kauft mir schöne Dinge, die mir gefallen könnten. Er hat mir sogar schon mal eine Gitarre geschenkt, da ich früher mal spielte. Ja, er denkt an mich, trotz seiner Arbeit, die viel seiner Zeit in Anspruch nimmt.
Gemeinsame Zeit haben wir wenig und zu zweit noch viel weniger aber dafür versucht intensiv.

Da er seinen geregelten Ablauf liebt, überlegte ich sehr gründlich, wie ich ihm mitteilen sollte, dass ich auf jeden Fall kündigen würde. Da ich nicht zeigen konnte, wo mein eigentliches Talent liegt und es im aktuellen Job verschwendet ist, dachte ich mir, dass ich ihm erklären würde, wie es mir erging. Wie es in mir aussah. Eigentlich sprechen wir nicht über tiefere, dunklere Facetten unseres Selbst aber ich musste ihm ja nur einen kleinen Einblick geben, damit er verstehen würde, warum ich mich so entschieden hatte. Das musste er einfach verstehen. Es ging nicht anders.
Ich hatte ihm meine gesamten 20iger geschenkt und die Freiheit, die er brauchte, um sich zu entwickeln und zu verwirklichen. Und auch Freiheit kostet manchmal Geld. Dieses beschaffte ich ihm. Er konnte sein Studium abbrechen und sich bilden lassen zu einem Geschäftsführer und somit das Familienunternehmen übernehmen und ausbauen. Es störte mich nicht. Ich tat es für ihn, für uns, für unsere Familie, für unsere Liebe und ich wusste, dass ich mich später verwirklichen konnte. Für mich standen die Türen eben später offen oder etwas länger. Ich war mir sicher, dass er für mich da wäre und mir beiseite stünde. In guten, wie in schlechten Zeiten und das nicht nur für zehn Jahre, sondern bis zum Ende.
Wie ihr euch schon denken könnt, traf es nicht so ein wie erhofft, sondern wie befürchtet.
Er gab mir natürlich alle Freiheiten. Er schränkte mich nicht ein.
Leider schränkte mich unser gemeinsames Leben genug ein, dass er es nicht persönlich tun brauchte. Wie sollte ich neben Familie, Haushalt und Job, auch noch ein Studium oder eine Umschulung schaffen? Träume zu verwirklichen, ist zeitlich und finanziell aufwendig und beides hatte ich nicht.
Er konnte mir aber weder Geld, noch Zeit zugestehen. Er ließ mir nur sein Einverständnis zu meiner Freiheit. Ich durfte Wünsche haben und sie verwirklichen. Er würde es mir nie verbieten aber helfen wollte er auch nicht.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich in diesem Moment fühlte. Es kam vieles hoch. Sicher, spürte ich Wut und Enttäuschung und Unverständnis aber da war noch etwas anderes. Ich fühlte mich wertlos. Es mag hart klingen. Es ist ein Wort mit viel Tragweite aber so war es nun mal.
Ich war in seinen Augen weniger wert als er und nun auch offiziell in meinen.
Wie sollte ich mich jetzt noch retten? Ich war nicht nur auf dem sinkenden Schiff, es gehörte mir auch. Kein Land und keine Rettung weit und breit. Nur viel Wasser und Tiefe, welche mich augenblicklich verschlang.
Den Luxus mich ins Bett zu legen und mich von der schwere meiner Gefühle und Gedanken zudecken zu lassen, hatte ich nicht. Ich habe drei Kinder, die nebenan spielten und nach mir riefen, ihrer Mama, die immer für sie da sein würde. Also schluckte ich meine Gefühle herunter und setzte mich aufrecht. Ich zwang mich nicht zu weinen.
Dann stand ich auf, räumte den Tisch ab, während er auf dem Stuhl saß und sich wichtige Nachrichten auf Twitter durchlas. Danach ging ich wortlos hinaus und hoffte, dass er spürte, wie erkaltet der Raum und unsere Stimmung zu einander war. Ich wusste nicht, ob sich unsere Liebe noch wohl bei uns fühlte.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast